Reinkarnation?


Dieser Beitrag erschien zuerst bei unseren Freunden von No heaven – only sky.

Gesenkten Hauptes traten der Dichter Kisilewski und sein Hausarzt Doktor Stamm vom offenen Grabe zurück. “Er war ein guter Patient. Zu dumm, dass es so schnell mit ihm zu Ende gehen musste”, sagte Dr. Stamm. Feuchter Kies knirschte unter seinen Sohlen.
“Wieder ein wacher Leser weniger, wirklich schade”, sprach der Dichter und verkroch sich vor dem Nieselregen tiefer zwischen Mantelkragen und Ballonmütze. “Sag mir, Doktor, du Sachverständiger des Lebens”, hauchte er in den nassen Dunst, “gibt es Hoffnung? Haben wir ein Leben nach dem Tode zu erwarten?”

Doktor Stamm schien in tiefes Nachdenken zu versinken als sie sich vom Grabe entfernten. Er schritt einher als fechte ihn der dünne Regen nicht an. Als sie den Hauptweg erreichten, war sein Grübeln offenbar zu einem Schluss gekommen: “Schau, lieber Dichter, du Kenner dessen, was du die menschliche Seele nennst: Soeben mussten wir es doch erleben: Die Existenz des Individuums ist von begrenzter Dauer. Das Leben als Ganzes hingegen hat relativ langen Bestand, so langen, dass mancher gar von Ewigkeit daherredet. Bestand – nein, das trifft es nicht ganz. Bewegung – ja, Bewegung ist das bessere Wort. Denn das macht doch das eigentliche Leben aus: Alles in stetiger, chaotisch determinierter Bewegung: Fleuchen und Kreuchen, Altern und Gebären. Und du bist ein Teil davon, ein lebendiges Einzelwesen. Ist das nicht wunderbar genug?”

“Dem kann ich kaum widersprechen”, murrte Kisilewski enttäuscht, “aber das ist ein simpler Allgemeinplatz. Das ist keine Antwort auf meine Frage!” “Keiner kann dir diese Frage wirklich beantworten, wer das behauptet ist ein Scharlatan – außer du selbst. Nur von dir hängt es ab, ob du noch ein Leben zu erwarten hast.” “Schäm dich was, das Fell schon vor der Zeremonie zu versaufen!” zischte Kisilewski böse.

“Nicht doch, lieber Freund! Ich bin nüchtern wie am ersten Tag. Pass auf, ich erklär’s dir: Wenn du fest dran glaubst, dann erwartest du selbstverständlich noch ein Leben. Für einen, der fest an irgendetwas glaubt, gibt es das natürlich alles, woran er glaubt, einerlei, ob Andere seinen Glauben teilen oder nicht. Und falls du nicht dran glaubst – ja dann braucht es logischerweise sowieso keins weiter zu geben. Ob du selbst deine Frage mit ja oder nein beantwortest, ist doch ohnehin nur wichtig für das Leben, das du jetzt gerade absolvierst. In einem eventuellen nächsten – sei es als Frosch oder Storch, als Meier oder, Gott verhüte, wieder als Kisilewski – wirst du dich an dieses Leben, das du hier und heute führst, sowieso nicht mehr erinnern können. Oder erinnerst du dich vielleicht jetzt an ein früheres Leben?”
“Quatsch. Oder? Vielleicht doch – weiß ich, wovon ich manchmal träume?”
“Eben, du sagst es selbst: Du weißt es nicht. Und was wir nicht wissen können wegen unserer naturgegebenen Begrenztheit als Individuum, das sollte uns schlicht kalt lassen – einfach aus praktischen Gründen. Aber wie du möchtest, keiner kann dich daran hindern: Du, der vorzügliche Dichter Kisilewski, magst selbst entscheiden, ob du noch ein Leben haben möchtest oder lieber nicht. Solche Freiheit bietet dir dein, mit Verlaub ebenfalls begrenzter, Geist, den das Leben als Ganzes in dir kleinem Wicht hervorgebracht hat. Ist das nicht auch wunderbar?”

Unterdessen hatten sie das Friedhofstor passiert. Der Doktor öffnete seinen Wagen und hielt dem Freunde generös die Beifahrertür auf. Doch Kisilewski stieg nicht gleich ein, sondern wandte sich noch einmal zur Pforte um. “Seltsam, Friedhöfe haben immer nur einen Eingang. Ich hab noch nie gesehen, dass auf einem von ihnen irgendwo ein Hinweisschild angebracht wäre mit der Aufschrift Ausgang.” “Jaaa, das Auferstehungswunder kommt gemeinhin so selten vor, dass sich ein solcher Hinweis einfach nicht lohnt.” Dr. Stamm plumpste hinters Lenkrad und zupfte seinen Freund am Ärmel, er möge sich doch endlich bequemen einzusteigen. Der Regen hatte zugenommen.

“Übrigens”, fuhr er fort und startete den Wagen, “was dich betrifft, mein Lieber, so bin ich fest davon überzeugt, dass du schon einmal gelebt haben musst.”
“Wieso?”
“Unlängst las ich das Werk eines ziemlich bekannten russischen Schriftstellers aus dem neunzehnten Jahrhundert. Thema und Handlung wiesen eine geradezu frappierende Ähnlichkeit mit deinem letzten Krimi auf.”
Kisilewski zog die Beifahrertür zu und starrte zur Frontscheibe hinaus auf die glänzenden Pflastersteine. Sie fuhren nach Hause – ohne weitere Fragen.

 

 

Die Meinung des Gastautors muss nicht der Redaktionsmeinung entsprechen.

 

Weitere Arbeiten desselben Autors siehe hier.

 




Quantum Dawn


ThoreThore D. Hansen (Mitglied der Initiative Humanismus) über seinen Wirtschaftsthriller „Quantum Dawn“.

Das Finanzsystem wird in einer der größten Blasen aller Zeiten in die Luft fliegen oder dahinsiechen. Beides keine guten Optionen, aber das unweigerliche Resultat eines entfesselten Raubtierkapitalismus und einer Politik, die nicht mehr dem Gemeinwohl dient! Griechenland und Spanien könnten der Anfang vom Ende eines Kapitalismus bedeuten, der seine unmenschliche Fratze nicht mehr verbergen kann.

Mitte 2013 entschied sich der Autor Thore D. Hansen die Hintergründe der Finanzkrise und des Geldsystems in einem Thriller zu verarbeiten. Nichts ahnend entwickelte sich durch die Recherchen ein Plot, der zwischen Januar und Februar 2014 durch eine unheimliche Serie von Selbstmorden unter Bankmanagern eine zusätzliche Steilvorlage bekam und nicht zuletzt durch die Entscheidung der Europäischen Zentralbank die Geldschleusen ins unermessliche zu öffnen, sowie die Offenlegung zahlreicher Interessenkonflikte, die in dem Thriller zur Sprache kommen.

In seinem Roman „Quantum Dawn“ spielt der Autor mit recherchierten Fakten und schickt seine Hauptfigur, die Scotland-Yard-Polizistin Rebecca Winter in einen Alptraum der international entfesselten Finanzgiganten. Zunächst sorgt ein Mord in der Finanzwelt für Unruhe in den geheimen Zirkeln des Geldsystems. Schnell entdeckt Rebecca Winter, dass ein geheimer Algorithmus die Ursache für eine einsetzende Mordserie ist: Den Börsen, durch ihre technische und globale Vernetzung angreifbar und manipulierbar wie nie zuvor, droht ein gigantischer Crash. Winter stößt auf einen Plan, der die uns bekannte Zivilisation bis ins tiefste Mark treffen wird. Hansen spielt in seinem Thriller mit realen Begebenheiten. Dass die großen Player wie die Deutsche Bank, Goldman Sachs & Co. die von ihnen entfesselten Kräfte der Finanzwelten schon lange nicht mehr kontrollieren können, ist mittlerweile jedem klar. Doch Thore D. Hansens Thriller entwirft ein kompaktes Schreckensszenario, das von Seite zu Seite beklemmender wird – weil das, was er erzählt, möglicherweise längst Wirklichkeit ist.

Der ungeklärte Tod des Investmentbankers führt die Scotland-Yard-Polizistin Rebecca Winter schließlich zu dem BND-Agenten und Kryptologen Erik Feg. Er entschlüsselt einen Code, der die automatischen Handelssysteme an den Börsen weltweit manipulieren könnte. Winter und Feg geraten mitten in den Kampf einer unbekannten Gruppe von Herren, die sich in Brüssel und an den Schaltstellen europäischer Politik eingenistet haben, um einen geheimen Plan umzusetzen. Was zunächst nach kriminellen Machenschaften einiger skrupelloser Banker aussieht, entpuppt sich schnell als Abgrund eines globalen Kampfes um die Vorherrschaft des Geldes. Doch aus den Eliten des Geldes scheint sich eine Opposition zu bilden, mit der keiner gerechnet hat. Fast 500 Seiten pure Spannung zu einem der brisantesten Themen unserer Epoche.

Interview mit Thore D. Hansen zu seinem Thriller „Quantum Dawn“

Herr Hansen, wie kam Ihnen die Idee, das brisante Thema Finanzcrash in einen Thriller zu verpacken?

Neben meiner Arbeit als Wirtschaftsjournalist habe ich während und nach dem Ausbruch der Finanzkrise zwei europäische Banken beraten. Die Weigerung des Managements, Verantwortung zu übernehmen, die Arroganz und die Gier, das fast sektenhafte Verhalten dort hatte auch Kontakt zu einem Hedgefonds-Manager, der durch die Krise mehr als 500 Millionen Dollar verloren hat und sich seither nach Vergeltung sehnt. Es gibt also auch wohlhabende Opfer der Manipulationen am Markt, und die Betroffenen geben gerne preis, was sie wissen. Täter und Opfer in dieser Liga der Finanzoligarchie vereint aber eines: die Ignoranz gegenüber dem Schicksal von Zehntausenden Kunden, denen diese Banken massiv geschadet haben und weiter schaden. Als dann im Januar 2014 mehr als 20 Bankmanager weltweit in kürzester Zeit Selbstmord begingen, hatte ich quasi die Steilvorlage, denn einige dieser Selbstmorde sind bis heute nicht aufgeklärt und geben Anlass zu wildesten Spekulationen.

Im Augenblick braut sich am Markt die größte Blase aller Zeiten zusammen. Welche konkreten Bedrohungen, die in Ihrem Roman eine Rolle spielen, sehen Sie derzeit für die Weltwirtschaft?

Hansen_Quantum_Dawn_72Es gelingt der Politik nicht, die entfesselte Gier zu bändigen. Wenn dem nicht Einhalt geboten wird, dann breitet sich in unseren Gesellschaften eine derartige soziale Unruhe aus, dass die Regierungen größte Mühe haben werden, ihre Länder noch zu regieren. Etliche prominente Sachbuchautoren prognostizieren ja bereits das Ende des Kapitalismus. Ich treibe das in »Quantum Dawn« auf die logische und unvermeidliche Spitze: Indem ich die technischen Gefahren, in der die Weltbörsen durch ihre Vernetzung schweben, mit den Möglichkeiten einer Panikreaktion durch die Manipulation der Medien und den realen Zahlen der Weltwirtschaft sowie den Hintergründen der Finanzkrise verknüpfe, entsteht ein Kaskadeneffekt, der jederzeit eintreten kann. Das ergeben nicht nur meine Recherchen, das haben mir auch Insider bestätigt. Die Verflechtung der internationalen Konzerne und Banken zu Finanzriesen wie Black Rock, KKR und anderen Playern, die uns mit Insiderwissen und Kumpanei an den Rand des Kollaps bringen, ist ein idealer Stoff für einen Thriller. Die Politik steht weiter hilflos da und bezeichnet alles als alternativlos. Das Ganze ist größtenteils in seinen Einzelheiten bekannt, aber wir leben in einer Traumblase, die jederzeit platzen kann.

Wo steht der Kapitalismus heute?

Für mich gleicht der Kapitalismus, der sich nach dem Ende der Sowjetunion entwickelt hat, heute einer feudalen Struktur. Nicht mehr der Staat ist für die Demokratie und Freiheit die größte Bedrohung, sondern Aktiengesellschaften, Technologie, das Internet und geheime Algorithmen. Aber auch die Menschen – die Konsumenten und ihre überwiegend stille Selbstzensur – sind das Problem. An diesem Verhalten droht auch eine meiner Hauptfiguren zu scheitern, während eine andere Figur diese Zeit durch ihren hedonistischen Lebensstil und Zynismus zu verarbeiten sucht. Das System produziert entweder Mitläufer oder gebrochene Biografien. Es braucht heute keine offene Diktatur mehr. Die Angst vor sozialem Abstieg ist so groß, dass jeder weitermacht, alle Selbstoptimierer,  bis zum bitteren Ende. Es war mir wichtig zu zeigen, wie sich die entkoppelten Mächte des Geldes auf uns auswirken und was es bedeutet, wenn wir uns diesen Tatsachen nicht zuwenden und auf ein »Es geht schon irgendwie weiter so!« setzen. Mich erinnert das an den Niedergang des Römischen Reiches. Wie schnell und atemlos unser System zusammenstürzen kann, wollte ich in einen Thriller packen, einen Thriller, den die Realität schreibt.

Halten Sie das Szenario Ihres Thrillers für realistisch?

Ich habe nicht umsonst in dem Buch alle relevanten Player beim Namen genannt, und zu 80 Prozent besteht dieser Thriller aus bereits veröffentlichten Fakten. Die Mischung aus Staatsschulden, fragiler Weltwirtschaft, überbewerteten Aktien und geschürten Krisen, die Angreifbarkeit von vernetzten Börsen durch Hacker und nicht zuletzt die Unfähigkeit der Verantwortlichen, sich das Primat der Politik zurückzuerobern, das alles ist ja keine Fiktion. Die Implosion ist jederzeit möglich, und mit der Meinung stehe ich weiß Gott nicht alleine da. Meine Aufgabe als Autor sah ich darin, daraus einen spannenden Lesestoff mit ebenso spannenden Figuren zu entwickeln.

Was ist die Ursache für diese düstere Prognose?

Sie ist nicht nur düster. Je mehr Menschen sich dessen bewusst werden, desto besser sind wir auf eine postkapitalistische Gesellschaft vorbereitet. Für die Figur Rebecca Winter, eine unverbesserliche Idealistin, wird die Begegnung mit dem BND-Agenten Erik Feg zu einer Reise in den Abgrund der globalen Machtverhältnisse, und sie wird gezwungen, ihr Rechtsverständnis infrage zu stellen, ja sogar Morde hinzunehmen, da sie erkennen muss, dass der Staat, dem sie dient, nicht die Interessen verfolgt, die sie selbst antreiben. Eine der Ursachen für den Niedergang des Kapitalismus liegt, so merkwürdig es sich zunächst anhört, eben gerade im Zusammenbruch des Kommunismus. Ab diesem Zeitpunkt hat man alles den freien Märkten überlassen, da man den Kapitalismus für das überlegene System hielt. Nun bekommen alle dafür die Quittung. Entweder es kommt 2015 oder 2016 zu einem schnellen großen Knall oder aber zu einem Dahinsiechen, indem immer mehr Menschen quasi schleichend enteignet werden und sich der Mittelstand zu einer neuen Art von Proletariat mit allerdings hohem Bildungsniveau entwickelt. Dieser Entwicklung stellt sich in »Quantum Dawn« ein geheimer Zirkel entgegen. Rund um die Welt wurden nach 1986 die Kontrollen gelockert, die Banker reich, und die Unternehmen schoben mithilfe der Banken 580 Billionen Dollar am Fiskus vorbei. Es wäre sinnvoller, die Armeen der Welt vor den Bahamas, den Cayman-Inseln und anderen Steueroasen aufmarschieren zu lassen und das Raubgut von Banken und Unternehmen zu konfiszieren, dann wären alle Staatsschulden getilgt, aber genau das will niemand. Solange die Wirtschaft auf Wachstum durch Verschuldung setzt und Institutionen wie die Weltbank und der IWF existieren, wird sich nichts ändern, und es kommt zum nächsten Crash, von dem wiederum wenige Auserwählte dank Insiderwissen profitieren. Sie glauben doch nicht im Ernst, dass Goldman Sachs und andere Player von der Lehman-Pleite überrascht waren.

Sie haben mit Ihrem vorigen Thriller Silent Control teilweise den NSA-Skandal vorhergesehen. Haben Sie keine Angst, dass auch das aktuelle Szenario eintreten könnte?

Das ist mein Beruf: sich ein Jahr einzugraben und alles minutiös zu recherchieren und in ein denkbares Szenario zu verpacken, Figuren zu entwickeln, die unseren Zeitgeist widerspiegeln, und für Spannung zu sorgen. Was mich wirklich beunruhigt, ist, dass wir jetzt in einer Situation sind, wo alles in die Hände einer winzigen Minderheit geraten ist. Sie bilden eine abgehobene Super-Elite, die tun und lassen kann, was sie will.

Mehr zum Buch unter http://www.europa-verlag.com/Buecher/34/Quantum-Dawn.html

Der Krimitipp von 3Sat http://www.3sat.de/mediathek/?mode=play&obj=49

Und: http://www.amazon.de/Quantum-Dawn-Thore-D-Hansen/dp/3944305795/ref=sr_1_1?ie=UTF8&qid=1423935064&sr=8-1&keywords=Quantum+Dawn

 




Warum ich kein Christ sein will VII


Redaktion: Zur besseren Orientierung im Gesamtwerk verweise ich wieder auf das   Inhaltsverzeichnis. Ansonsten lasse ich sofort dem Autor das Wort:

Lehnert: Im vorliegenden Kapitel VII soll gewissermaßen nach vorn geschaut und skizziert werden, was für mich an die Stelle der von mir als überholt und untauglich angesehenen christlichen Lehre treten soll. Überholt ist für mich die aus vor- und frühgeschichtlichen Zeiten stam­mende Vorstellung eines bestrafenden und belohnenden Gottes und der sich um dieses Gottesbild rankende Opfermythos. Untauglich ist diese Lehre für eine durch Naturwissenschaft und Technik geprägte Welt, die sich unter anderem von einer Vielzahl völlig neuartiger ethisch-moralischer Fragen herausgefordert sieht. Gentechnologie, Reproduktionsmedizin und Hirnforschung seien hier stellvertretend für moderne naturwissenschaftliche Forschungsgebiete genannt, die ethisch-moralisches Neuland betreten. Diese For­schungen werfen Fragen auf, die mit den herkömmlichen, dem christlichen Menschenbild verhafteten Normen meines Erachtens nicht problemangemessen beantwortet werden können. Problemangemessen soll hier heißen: den Bedürfnissen des Menschen gerecht werdend […].

Was ist der Sinn des Lebens?

Ich meine, dass wir uns eingestehen müssen, dass das Universum nicht teilnimmt an unserem Denken in den Kategorien von Sinn, Bedeutung, Absicht oder Ziel. Es sind Denkmuster, die wir entwickelt haben, um die uns um­gebende Welt und die in ihr ablaufenden Prozesse ordnen, uns verständ­lich machen und deuten zu können. Besonders Vorgängen und Ereignissen, die wir nicht verstehen, versuchen wir eine Bedeutung, einen Sinn zu geben. Das Netz dieser deutenden Begriffe, mit denen wir unsere Welt strukturieren und vor allem interpretieren, existiert in unserem Kopf und nur dort. Diesen Begriffen entsprechen keine in der uns umgebenden Natur objektiv feststellbaren Eigenschaften oder Erscheinungen.

Wenn also die gott- und jenseitsorientierten Deutungsmuster der Religionen uns nicht mehr überzeugen können und wir andererseits vergeblich im Kosmos oder in der uns umgebenden Natur nach einem objektiven Sinn des Seins und unserer irdischen Existenz Ausschau halten, wer oder was hindert uns daran, unserem Leben selbst Sinn und Bedeutung zu geben? Denn wenn ein objektiver Sinn nicht gegeben oder nicht erkennbar ist, so kann ich doch für mich selbst auf vielerlei und individuelle Weise mein Leben einrichten und gestalten, so dass es mich erfüllt, mich zufrieden und vielleicht sogar glücklich macht und mir daher lebenswert erscheint. Dies eventuell in einer so unbekümmerten Art und Weise, dass die Frage nach dem Sinn des Lebens sich gar nicht mehr stellt. So gesehen definierte sich der Sinn des Lebens von allein als das Leben selbst! […]

Der Sinn des Lebens besteht somit für mich – so schlicht es sich auch an­hören mag – in dem Bestreben, ein Leben zu führen, das ich als möglichst glücklich und erfüllt empfinde, und dabei stets bemüht zu sein, im Rahmen meiner Möglichkeiten auch anderen Menschen zu Glück und Freude zu verhelfen. Und dort, wo es nötig und mir möglich ist, möchte ich dazu beitragen, Leid und Schmerz anderer Menschen, wie überhaupt jedes empfindenden Wesens, zu mindern. Ein Beitrag in diesem Sinne mag zum Beispiel die Mitwirkung an einem gemeinnützigen Vorhaben sein, als Aktivität zusammen mit gleichgesinnten Menschen oder als Engagement als Einzelner, der nicht nur für sich leben, sondern sich auch um andere kümmern will. Sei es durch Hilfe für Kranke, für allein gelassene Opfer von Verbrechen oder für Menschen, die das »Schicksal« sehr benachteiligt hat, sei es als Einsatz für Menschen, die mit ihrem Leben nicht so gut zurecht kommen wie man selbst, oder vielleicht in Form der Unterstützung von Kindern, deren Lebensumstände wenig Freude und Glück aufkommen lassen.

Das Gefühl für andere wichtig zu sein und gebraucht zu werden, erfüllt viele Menschen mit Genugtuung. Wenn es nicht die eigene Familie ist, dann können es Menschen sein, die meiner Unterstützung bedürfen. Vielleicht ist es auch ein ganz persönlicher Beitrag gegenüber der Gesellschaft in Form eines irgendwie gearteten Werks, das anderen Menschen zu mehr Lebensfreude verhilft. Zwischen den beiden Polen »Glück mehren« und »Leid mindern« gibt es eine große Fülle von Möglichkeiten, sich »sinnvoll« zu betätigen, das heißt, dem eigenen Leben Bedeutung zu geben und dabei selbst Be­friedigung zu empfinden.

Abschließend noch dies: Ich habe in diesem Buch mit grundsätzlicher Kritik an Kirche und Christentum nicht gespart und habe meine Ablehnung dieser Religion sehr deutlich zum Ausdruck gebracht. Was ich aber mit Res­pekt anerkenne, ist die praktische Hilfe, der tatsächlich »Leid mindernde und Glück mehrende« Dienst von ungezählten Pfarrerinnen, Pfarrern, Nonnen, Diakonissinnen und anderer Menschen, die aufgrund ihrer christlichen Einstellung Nächstenliebe praktizieren. Auch andere Religionsgemeinschaften könnten hier genannt werden. Die Motive unseres Handelns mögen mitunter ganz unterschiedliche sein, es zählt allein, was der Schriftsteller Erich Käst­ner (1899-1974) einst so formulierte: Es gibt nichts Gutes, außer man tut es. Die Geschichte vom barmherzigen Samariter – sie steht im Lukas-Evan­gelium in Kapitel 10, Vers 25-37 – ist hier ein schönes Beispiel für Nächs­tenliebe: Dem Andern selbstlos helfen, weil er leidet, gleichgültig von welcher Stammeszugehörigkeit oder religiösen Auffassung er ist. In einer solchen Praxis sehe ich eine bemerkenswerte Gemeinsamkeit auch mit einem mir ansonsten fern stehenden christlichen Glauben.

Bekenntnis zu einem humanistischen Lebenskonzept

Konkret sehe ich ein solches Lebenskonzept im Humanismus formuliert, der in seiner neuzeitlichen Form ein wissenschaftlich fundiertes Menschenbild mit einer diesseitig begründeten Ethik verbindet und dessen Leitprinzip die Selbstbestimmung ist. Der Humanismus der Aufklärung war philosophisch-geisteswissenschaftlich ausgerichtet und entwickelte sich in der Auseinandersetzung mit der christlichen Lehre. Der sich formierende neue Humanismus begründet seine Auffassungen über das menschliche »Sein und Sollen« weniger aus der Gegnerschaft zu Kirche, Christentum und Religion allgemein, sondern leitet zum einen seine Vorstellungen aus den Erkenntnissen der heutigen Naturwissenschaften, speziell der Kosmologie, Evolutionsbiologie, Genetik und Hirnforschung ab. Zum anderen liegen seinem Moral- bzw. Ethikkonzept nicht mehr die angeblich metaphysisch vorgegebenen Kategorien »gut«, »böse« oder »schuldig« zu Grunde, sondern solche, die un­mittelbar an den realen, tatsächlichen Interessen und Bedürfnissen der Men­schen orientiert sind. […]

Da ethisch-moralische Forderungen nur gesetzt und letztlich nicht begründet, allenfalls einsichtig und zustimmungsfähig gemacht werden können, ist es aus Gründen der anzustrebenden Widerspruchsfreiheit und Übersichtlichkeit sinnvoll, möglichst grundlegende und möglichst wenige solcher Forderungen aufzustellen. Diesen Versuch hat zum Beispiel M. Schmidt-Salomon unternommen und folgende – wie er sie nannte – Humanistische Basis-Set­zung formuliert:

»Alle Menschen sind gleichberechtigt und frei in ihrem Streben, ihre individuellen Vorstellungen vom guten Leben im Diesseits zu verwirklichen, sofern dadurch nicht die gleichberechtigten Interessen anderer in Mitleidenschaft gezogen werden, und es ist die unaufkündbare Aufgabe eines jeden Menschen mit allen zur Verfügung stehenden Kräften dazu beizutragen, dass möglichst wenigen (im Idealfall: niemandem) die Inanspruchnahme dieses fun­damentalen Rechts versagt bleibt.« 7

Diesen Satz setzt er als »wahr« und universell gültig, er kann nicht bewiesen und soll auch nicht weiter zurückgeführt werden, er fungiert gewissermaßen als »moralisches Axiom« (Letztbegründung). Kommentierend fügt Schmidt-Salomon hinzu:

»Aus dem Recht, dem Anspruch auf die Möglichkeit der Verwirklichung individueller Lebenskonzepte, einem Recht, das für alle gilt, erwächst auch eine Pflicht, die für alle gelten muß: Der radikale Humanismus der Neomoderne verpflichtet den Menschen dazu, nicht nur Rücksicht auf die gleichberechtigten Ansprüche anderer zu nehmen, sondern auch nach Kräften verändernd tätig zu werden, wenn erkennbar ist, daß die Rechtsansprüche anderer ungerechtfertigt durch direkte, strukturelle oder kulturelle Gewalt bedroht werden.«

Zu betonen ist mit Schmidt-Salomon zweierlei: 1. Eine solche Form humanistischer Ethik macht ihre Letztbegründung, auf der sie aufbaut, bewusst sichtbar, damit »einsehbar«, aber im Zweifel auch diskutier- und kritisierbar. 2. Ethik ist nichts Heiliges und Unantastbares mehr – im Gegensatz zur her­kömmlichen Moral, die vermeintlich im als absolut gesetzten Göttlichen grün­det und damit als heilig und unantastbar gilt – sondern wird zu einem Instru­mentarium des ehrlichen und fairen Miteinanderumgehens, das unter verän­derten Umständen erforderlichenfalls auch revidiert werden kann.

Der Mensch muss sich also seine ethischen Normen und Regeln selbst geben. Die »Amerikanische Unabhängigkeitserklärung« und die »Allgemeine Erklärung der Menschenrechte« haben gezeigt, dass das funktioniert und dass man dabei auf große allgemeine Zustimmung treffen kann. Die Missbilligung von kirchlicher Seite an der angeblichen Selbstherrlichkeit des Menschen lautet, dass »eine solche Ethik sich nur noch an den tatsächlichen oder mutmaßlichen Interessen orientiere, die ein Mensch habe«.8 Von einem Humanisten würde das eher nicht als Kritik aufgefasst, sondern als Bestätigung des Grundsatzes, dass der Mensch – immer mit Blick auf die Verantwortung auch für den anderen – das Maß der Dinge sei und nicht eine behauptete, nicht erkennbare Instanz über uns.

Der hier skizzierte Humanismus versteht sich somit als eine weltliche Alternative zur Religion, als eine Weltanschauung, die ohne Priester und Pro­pheten auskommt, kein angeblich von Gott diktiertes heiliges Buch kennt, ihr Wissen über die Welt und den Menschen aus den Naturwissenschaften gewinnt, sich von überkommenen, metaphysischen Moralvorstellungen löst, stattdessen ethische Normen an den fundamentalen Bedürfnissen und Interessen der Menschen orientiert. Wie schon öfter festgestellt, bezeichnet sich etwa ein Drittel(!) der Bundesbürger als konfessionslos. Sehr viele von ihnen praktizieren eine humanistische Lebensweise, in vielen Fällen jedoch lediglich aus Unkenntnis ohne ausdrücklichen Bezug auf humanistische Prinzipien der eben geschilderten Art. Gefragt danach würden sie sich vielleicht als Atheisten bezeichnen oder als Agnostiker, also als jemand, der die Frage nach Gott als nicht entscheidbar ansieht. Sie alle gehören zu jener großen Zahl von Menschen, die im öffentlichen Bewusstsein aufgrund der unge­rechtfertigt dominierenden medialen Präsenz der Kirchen die Rolle einer an­geblich zu vernachlässigenden Randgruppe spielen müssen, dennoch inzwi­schen in Wissenschaft, Literatur und nicht zuletzt im Kulturteil anspruchs­vollerer Zeitungen höchst aktiv sind.

Redaktion: Im Schlussteil des 2. Unterkapitels bezieht sich Lehnert neben Michael Schmidt-Salomon auf den Philosophen Joachim Kahl und zitiert:

»In einem Weltall ohne Ziel und Sinn ist es unsere ureigene Aufgabe, unserem flüchtigen Dasein selbst Ziel und Sinn zu verleihen. Das ist durchaus möglich, wenn wir keine übersteigerten spirituellen Erwartungen hegen, wie sie jahrtausendelang von den Religionen genährt worden sind. Wer dagegen weiterhin in den kosmischen Weiten die Handschrift eines weisen Gottes sucht und nach den gütigen Augen eines himmlischen Vaters Ausschau hält, der wird immer wieder aufs Neue vom Gefühl der Heimatlosigkeit und Gottverlassenheit beschlichen werden.« (S. 49) … »Ohne die Hypothese ›Gott‹ lässt sich die Welt in ihrem Dasein und Sosein viel schlüssiger, redlicher, klarer, einfacher erklären und deuten als mit ihr.« (S. 82)

Mit fast heiterer Gelassenheit formuliert er einige Seiten weiter:

»Menschliches Leben heißt: sich erträglich einrichten für ein kurzes Gastspiel auf einem Staubkorn im Weltall, tätig sein mit Sinn und Verstand, mit Anstand und Würde, mit Witz und Humor, schließlich Abschied nehmen von allem für immer – in der Gewissheit, dass niemand da oben zugeschaut hat und bald vergessen sein wird, was gewesen ist.«

Das Recht auf Selbstbestimmung ist ein Menschenrecht

Redaktion: Im folgenden erläutert Lehnert die Problematik um die Sterbehilfe:

Dennoch gibt es für mich eine Determinante in diesem Spannungsfeld von Gesetz und Normen, ärztlichem Auftrag und Ethos, Weltanschauung und Religion, die für mich unverrückbar feststeht und die ich absolut respektiert wissen möchte: mein Recht auf Selbstbestimmung in allen Phasen meines Lebens. Dieser Wille hat auch dann zu gelten, wenn ich ihn selbst nicht mehr äußern kann, aber vorher zweifelsfrei schriftlich dokumentiert oder notfalls einem Bevollmächtigten er­klärt habe. Selbstbestimmung ist daher auch das Hauptargument der Befürworter einer gesetzlich geregelten Freigabe der Sterbehilfe. Die »Deutsche Gesellschaft für Humanes Sterben« zum Beispiel formuliert in einem Positionspapier:

»Es gibt Menschen, die ihr Würdeempfinden auch am Lebensende nicht anderen ausliefern möchten. Diese Menschen möchten das Recht er- und behalten, ohne In­tervention und ohne moralisierende Bevormundung trotz denkbarer Risiken einen Sterbeprozess abzukürzen. Eine Tabuisierung von Sterbewünschen und des Sterbe­willens Betroffener widerspricht dem Selbstbestimmungsrecht, das im Persönlichkeits­recht als Grund- und Menschenrecht verankert bleibt. … Der Absolutheitsanspruch weltanschaulicher und religiöser Institutionen auf Unverfügbarkeit des menschlichen Lebens widerspricht dem Ethos und Menschenrecht auf Gewissensfreiheit und be­deutet einen Rückfall in die Zeit vor der Aufklärung. Das Recht auf Leben beinhaltet keine Pflicht zu leben.«

[…] Der Christ wie der Nichtchrist, der Gottgläubige wie der Atheist haben das Recht, ihr Leben so zu beenden, wie es ihrem persönlichen Gewissen und ihrer persönlichen Vorstellung von einem menschenwürdigen Leben entspricht. Wenn keine Aussicht mehr auf ein lebenswertes Leben besteht oder wenn die Schmerzen un­erträglich werden, dann hat nach meiner Auffassung ein Mensch das Recht, sein Ende zu wollen, das Recht auf »Selbsterlösung«. Und wenn er in seiner Hilflosigkeit dann des Beistands eines human denkenden Arztes oder Mitleid empfindenden Mitmenschens bedarf, dann ist es ein Skandal, wenn einem uneigennützig handelnden Menschen Strafverfolgung droht.

Redaktion: Lehnert zieht als weiteres Beispiel für das Selbstbestimmungsrecht des Menschen die von Kirche verteufelte Präimplantationsdiagnostik bei, das ich hier übergehen kann, da es sich weitestgehend mit dem deckt, was bereits in einem WB-Artikel „Intelligent Design aus Menschenhand“ abgehandelt wurde.

Paradies und Unsterblichkeit durch geplante Evolution?

Redaktion: In diesem letzten Unterkapitel geht Lehnert auf den nicht unumstrittenen „Transhumanismus“ ein. Der Transhumanismus beschreibt die Möglichkeiten von direkten Eingriffen des Menschen in den evolutionären Prozess mit dem Ziel der Verbesserung der Lebensqualität und der Lebensverlängerung.

Lehnert: Schon in Kapitel I kam zur Sprache, dass der Mensch inzwischen in die bisher blindlings ablaufende Evolution bewusst und zielgerichtet eingreift. Möglich wurde dieses Eingreifen durch die mittlerweile vorhandenen Kennt­nisse in der molekularen und angewandten Genetik. Derartige Aktivitäten haben bisher eher das Deaktivieren eines als schadhaft erkannten Gens zum Ziel, noch nicht dessen Reparatur oder gar die bewusste Weiterentwicklung der Genstrukturen. Ein vergleichsweise einfacher und inzwischen möglicher Eingriff ist das Abschalten eines Gens, um bestimmte Krankheiten, vor allem Krebs­formen zu unterdrücken; eine Vorgehensweise, für die es im Jahre 2007 im­merhin den Medizin-Nobelpreis gab. Umstritten und aus theologischer Sicht außerordentlich brisant dagegen ist die gezielte Weiterentwicklung des Menschen in Richtung gewünschter Eigenschaften durch planmäßiges Verändern der Erbanlagen und der sie steuernden Faktoren.

Der »neue Mensch« sollte – so die Vorstellung der Transhumanisten – frei sein von Krankheiten, die in den Erbanlagen und Schwächen des Körpers begründet liegen, er sollte über deutlich erweiterte physische und psychische Kapazitäten verfügen, ein sozialverträglicheres Verhalten zeigen und schließlich dem Prozess des biologischen Alterns nicht mehr so erbarmungslos wie heute ausgeliefert sein. Es ist das – ganz langfristige – Ziel des Trans­humanismus, nicht nur die Lebensumstände des Menschen mittels moderner Technologien zu optimieren, sondern den Menschen selbst soweit neu zu formen, dass er letztendlich zu einem völlig neuartigen Wesen mutiert, das in seinen vorteilhaften Eigenschaften und Fähigkeiten in kaum noch vergleichbarer Weise über den heutigen Menschen hinausgewachsen ist. […]

Als eine unüberwindbare Schranke, die von der Menschheit schon immer als Bedrohung und Fluch empfunden wurde, gelten Altern und Tod. Da bekommt die urmenschliche Hoffnung eine reale Basis, wenn nicht wenige Bioforscher inzwischen Lebenszeitverlängerung, also das deutliche Aufschieben von Altern und Tod, ja sogar biologische Unsterblichkeit prinzipiell für möglich halten. Die Erforschung der Prozesse des Alterns und die damit verbundene Hoffnung, Möglichkeiten der Lebenszeitverlängerung, ja irgendwann vielleicht so etwas wie prinzipielle Unsterblichkeit zu entde­cken, lässt aber so manchen Betrachter erschrecken und diese Entwicklungen einerseits ersehnen, andererseits als geradezu gotteslästerlich erscheinen.

Aber ist es nicht so, dass unsere Ziel- und Wertvorstellungen einem stetigen Wandel ausgesetzt waren? Wissen wir heute, welche Vorstellungen vom »guten und richtigen Leben« spätere Generationen haben und welche Maßstäbe sie dereinst anlegen werden? Welche Gefühle und Wünsche sie mit den neuen physischen und psychischen Fähigkeiten entwickelt haben werden? Sie werden vermutlich auf uns zurückblicken, wie wir auf unsere Vergangenheit schauen, und ebenso feststellen, dass die Bedürfnisse, Interessen und Hoffnungen der Menschen wandelbar sind, weil sie ganz entscheidend auch durch die jeweils ge­gebenen wissenschaftlichen und technischen Möglichkeiten bestimmt werden.

Kann es unter den eben geschilderten Zielvorstellungen so verwerflich sein, in die natürliche Evolution einzugreifen, um sie zu beschleunigen und in eine gewünschte Richtung zu lenken? Was kann falsch daran sein, der bisher blindlings und ungerichtet ablaufenden Evolution ihre »darwinistische Erbarmungslosigkeit« zu nehmen und ihren weiteren Verlauf an ethisch wün­schenswerten Zielsetzungen zu orientieren? Muss es nicht vielmehr als »ethi­scher Imperativ« gelten, sich um die Verbesserung der Lebensqualität des Menschen zu bemühen, ihn gesünder, langlebiger, intelligenter und verträglicher zu machen? Einem Christen ist dieses Denken und Handeln eigentlich verwehrt, bedeutet es doch, sich in frevelhafter Weise in Gottes Planung ein­zumischen. Für den Christen wurde der Mensch von Gott als sein Ebenbild erschaffen. Veränderte der Mensch diese Ebenbildlichkeit, maßte er sich in der Vorstellung eines Christen an, Gottes Werk, ja selbst Gott als Original als nicht zufriedenstellend anzusehen und eigenmächtig zu verbessern. Die Entwicklung wird jedoch mit großer Sicherheit über solche Bedenken hinweggehen. Ausschlaggebend für die Akzeptanz wird letztendlich der erkannte Nutzen für Gesundheit und Lebensqualität sein. […]

Ein Paradies auf Erden und die Aussicht auf eine selbstbestimmte Lebenszeit – so utopisch, so befremdlich, gar frevelhaft manchem von uns diese Visionen heute auch erscheinen mögen – sie werden für die kommenden Generationen am Horizont der Möglichkeiten auftauchen. Und die Erfahrung zeigt, das alles, was machbar ist und menschlichen Bedürfnissen entgegenkommt, schließlich auch realisiert wird. Diese Aussichten lassen eine Ahnung aufkommen, wie dramatisch sich in fernerer Zukunft Mensch und Leben verändern könnten. Wir heute Lebenden sollten uns nicht anmaßen zu entscheiden, was spätere Generationen für erstrebenswert halten dürfen. Menschen einer solchen Zukunft, die sich zwar erst schemenhaft, aber doch schon in Umrissen abzeichnet, bedürften dann keiner trügerischen Vertrös­tung mehr auf ein paradiesisches Himmelreich, das jenseits unserer irdischen Welt auf sie warten und ihnen unendliches Glück und ewiges Leben besche­ren würde.

Redaktion: Lehnert endet sein Werk mit einem sehr persönlichen „Credo“, in dem er dazu aufruft, sich auf den Weg zu machen und nicht angesichts der Länge des Weges und seiner Unwägbarkeiten zu verzweifeln. Jeder einzelne kleine Schritt in Richtung auf ein Mehr an Aufklärung und Humanismus macht bereits in sich Sinn. Doch das gebe ich lieber in die Hände des Lesers, als dass ich es hier verkürzt darstelle.

Bibliographisches:

„Warum ich kein Christ sein will“

4., überarbeitete und erweiterte Auflage, Januar 2011

TEIA AG – Internet Akademie und Lehrbuch Verlag

Salzufer 13/14, 10587 Berlin

ISBN 978-3-939520-70-2

Bezug zum Beispiel über http://www.amazon.de/Warum-kein-Christ-sein-naturalistisch-humanistischen/dp/3939520705/ref=zg_bs_340579031_21

 

Die Meinung des Gastautors muss nicht der Redaktionsmeinung entsprechen.

 

Weitere Arbeiten desselben Autors siehe hier.