Nelly


“Neger-Nelly, Neger-Nelly!” krächzte es über den Schulhof, und das solcherart beschimpfte Mädchen warf sich schluchzend in die Arme seiner besten Freundin. Mit ihrem krausen Haar, den tiefdunklen Augen und ihrer braunen, samtenen Haut war sie wunderschön. Aber das wusste die Elfjährige noch nicht.

Zwei schlaksige Rüpel, die offenbar meinten, sich bei dem Geschrei besonders hervortun zu müssen, schnappte der Aufsicht habende Lehrer am Schlafittchen und brachte sie vor die Rektorin.
Die setzte mühsam den strengsten Blick auf, der ihr zur Verfügung stand, und ließ eine Standpauke ab, in der von Rassismus, Respekt und freundlichem Miteinander die Rede war und die mit der Frage schloss:
“Woher habt ihr solche Ausdrücke? Was lest ihr bloß für Bücher?”
“Bücher, hä?” hallte es verständnislos aus beider Mund.
“Ich will dieses Wort nicht noch einmal hören, sonst knallt’s!”
Obwohl keineswegs klar war, was da wie laut knallen sollte, maulten die Beiden in das Stundenklingeln hinein ein halbherziges “okay”, worauf sie sich trollen durften.
Um Nelly hatte sich unterdessen niemand gekümmert, jetzt war es ohnehin zu spät, denn der Unterricht musste fortgesetzt werden.
In den Augen der Schulleitung war die Einrichtung nun frei von Rassismus, denn die beiden Rabauken hielten ihr Wort: Sie stellten das Brüllen ein, näherten sich Nelly nur noch unverhofft von hinten und fauchten ihr ins Ohr:
“Schwarzes Opfer, schwarzes Opfer!”
Sollte sich Nelly beschweren? Nichts wäre zu beweisen gewesen, Aussage hätte gegen Aussage gestanden.
Nelly war eine sehr gute Sportlerin, besonders die Leichtathletik hatte es ihr angetan. Im Sprint sauste sie allen davon.
Beim Schulsportfest tauchte ein Talentsucher vom Sportgymnasium auf.
“Wer ist denn die kleine farbige Gazelle da?” fragte er.
“Das ist unsere Nelly”, antwortete stolz die Rektorin.
“Ja, ja, die Naturvölker.”
“Sie ist hier geboren”, korrigierte ihn die Rektorin, “ihre Eltern sind Deutsche.”
“Macht ja nichts. Ist gekauft!” trompetete der Kopfjäger.
“Gekauft?” Die Rektorin riss die Augen auf.
“Ja, klar – sagt man so in unserer Branche. Denken Sie nur an all die Fußballer. Na, nichts für ungut. Das Mädel hat Zukunft!”
An der Sportschule begrüßte man sie nicht unfreundlich: “Aah, unsere kleine AfroAmerikanerin!”
“Isch nischt Afro, isch nischt Amerika, isch deutsch, ihr Kanaken!” zischte Nelly zurück. Irgendwann musste sie anfangen, sich zu wehren.
“Ist ja gut. Dann eben AfroDeutsche.”
Beinahe hätte Nelly darum gebeten, wieder als Negerin bezeichnet zu werden. Eine Leistungssportlerin muss wohl hart sein, auch im Nehmen.

Wollte man alle Wörter ausmerzen, mit denen Menschen beleidigt werden können, hätten wir bald keine Sprache mehr. Obwohl – eine gewisse Sprachlosigkeit stünde uns zuweilen vielleicht ganz gut zu Gesicht, oder?

Titelfoto unter CC-Lizenz, das abgebildete Mädchen hat mit der fiktiven Person Nelly nichts zu tun. 

Quelle: http://dubiator.wordpress.com/2013/01/24/nelly/#more-1110

 

Die Meinung des Gastautors muss nicht der Redaktionsmeinung entsprechen.

 

Weitere Arbeiten desselben Autors siehe hier.

 




Ist politische Korrektheit der richtige Weg?


[Redaktion: Dieser Artikel erschien zuerst im Feuerbringer-Magazin].
Wenn ich das Konzept der “politischen Korrektheit” kritisiere und auf seine marxistischen Ursprünge zurückführe, werde ich oftmals schief angeschaut. Offenbar denken viele Menschen an etwas anderes als ich, wenn sie “politisch korrekt” hören; ebenso denken sie an “politisch inkorrekt” als das Gegenteil, was sie wiederum mit dem berüchtigten Anti-Islam-Blog mit demselben Namen assoziieren. Darum geht es aber nicht. Politische Korrektheit ist eine Form der präskriptiven Sprachverwendung, eine Art und Weise, wie man sprechen, was man sagen oder nicht sagen darf.
Das Problem mit der politischen Korrektheit, insofern man ihren Vertretern ihre guten Absichten glaubt, besteht darin, dass man versucht, über den Sprachgebrauch die Meinungen der Menschen zu beeinflussen.
Beispielsweise darf man schon lange nicht mehr “Nigger” oder “Neger” sagen, ohne sich unmöglich zu machen. Einerseits ist das verständlich, denn insbesondere “Nigger” wurde als herabwertender Begriff für Schwarze gebraucht. Allerdings hat man feststellen müssen, dass viele Leute noch immer Rassisten waren, auch wenn sie das Objekt ihrer Ablehnung nun anders nannten. Dann ist man dazu übergegangen, dass man auch “Schwarzer” nicht mehr sagen durfte und stattdessen “Afro-Amerikaner”, was allerdings keinen Sinn ergibt für alle Schwarzen, die nicht in den USA leben. Wie nennt man zum Beispiel einen schwarzen Afrikaner? “Afro-Afrikaner”?
Nun ist es eben nicht zielführend, den Menschen zu verbieten, ihren Menschenhass zu äußern. Wenn jemand Schwarze für minderwertig hält, so hält er sie auch dann für minderwertig, wenn er sie “Afro-Amerikaner” nennt. Das Problem ist nicht die Sprache, mit der Menschen ihren irrationalen Hass äußern, das Problem ist vielmehr ihr irrationaler Hass, oder überhaupt ihre Irrationalität.
Früher wurden Brillenträger (wie ich) zum Beispiel “Brillenschlange” genannt und als abnorm und somit schlechter als andere angesehen. Linkshänder wurden im Nachkriegsdeutschland ebenso gemobbt, worunter meine Mutter beispielsweise zu leiden hatte. Diese Haltungen zeugen von einem primitiven, tribalistischen Denken. Sie gehen von Menschen aus, die keine Identität und kein Selbstbewusstsein haben, sondern die sich durch ihr Kollektiv definieren. So funktionieren Menschen, die nicht konzeptuell denken, sondern die sich auf ihre spontanen Sinneseindrücke verlassen und auf die unhinterfragbaren Regeln der Gruppe, in die sie hineingeboren wurden. Ayn Rand nannte sie den “Missing Link” zwischen Mensch und Tier.
Ich bin also kein Anhänger der Idee, man dürfe Menschen aufgrund von Eigenschaften beurteilen, für die sie (im Gegensatz zu ihren freien Entscheidungen) nicht verantwortlich sind. Aber Sprachregelungen sind nicht der richtige Weg, etwas an den Meinungen der Menschen zu verändern.
Die marxistischen Urheber der politischen Korrektheit wussten das genau. Ihnen ging es nicht darum, das Ansehen von Minderheiten zu stärken. Ihnen ging es darum, den Sonderstatus von Minderheiten durch gesonderte Sprachregelungen extra zu betonen, damit sich die Minderheiten als Opfer der freien Gesellschaft fühlten. Die freie Gesellschaft wird bekanntlich von Marxisten zu Gunsten der Herrschaft von ihnen selbst abgelehnt, wobei sie die Rolle der Sozialingenieure spielen würden, welche die Menschen nach ihrem Bild formen möchten.
Ich sage nicht, dass dies die Meinung vieler Vertreter der politischen Korrektheit heute und hier ist. Aber dies war der ursprüngliche Zweck der Idee. Und dieser Zweck ist im Konzept der politischen Korrektheit inhärent angelegt.
Wir sollten also gegen Menschenhass und gegen Irrationalität argumentativ ankämpfen. Aber Dummheit kann man nicht verbieten und indem man den Dummen untersagt, ihre Gedanken klar zu äußern, werden sie bestenfalls verwirrt, aber nicht rationaler oder weniger von Menschenhass erfüllt als zuvor.