Moralisch korrektes Töten?

SteinhofftötenDie Medien berichten ausführlich über den Krieg in Syrien, so z.B. die Süddeutsche Zeitung, ein Militärschlag der USA sei möglich (29.8.), und auch über Drohneneinsätze und ihre Folgen (13.8.). Das Töten hat Konjunktur. Grund genug, einen Kommentar von Siegfried Vollmann anzubieten, der sich anhand von einem einschlägigen Buch mit dem Ethos des "gerechten Tötens" befasst. 

Uwe Steinhoff: „Moralisch korrektes Töten“

Es ist wichtig, dass man sich mit der Frage des gerechten Krieges, des gerechten Aufstandes, der gerechten Notwehr, der gerechtfertigten Schadensabwehr, der Todesstrafe befasst. Dies tut das 2006 erschienene buch von Uwe Steinhoff.

Uwe Steinhoff versucht, einheitliche Maßstäbe für unterschiedliche Sachverhalte zu finden, eine Theorie des gerechtfertigten Tötens. Dabei wird  das, was als moralisch im  Konflikt zwischen Einzelpersonen empfunden wird in gewisser Weise analog auf das Verhalten von Staaten, Gesellschaften, Gruppen übertragen und insbesondere die Andersartigkeit des staatlichen Verhaltens bestritten. (Legitime Autorität legitimiert nicht). Als Begründung wird angegeben, dass der Einzelne  angeborene Rechte hat, und er kann an den Staat nur Rechte übertragen, die er selbst hat.

Die Rechte des Staates sind demnach nicht originär, sondern nur durch Abtretung der Bürger entstanden. Dies erinnert an den Sozialkontrakt nach Rousseau, wobei Rousseau den „allgemeinen Willen“ durchaus als etwas eigenständiges betrachtet hat. Das kann  jedoch kein  Dogma sein. Denn den  virtuellen Naturzustand gibt es nicht. Das  Individuum wird von einer anderen Person , der Mutter geboren und meist aufgezogen. Die Gemeinschaft  mit ihren Regeln und Normen ist da, vor  das Kind ein moralisches Bewusstsein hat. Auch der Staat oder eine andere Gemeinschaftsform – z.B. die Sippe, die Willkür-Herrschaft von Warlords mit ihren Regeln – sind da, vor jemand Rechte abtreten kann. Es ist also die Gemeinschaft, auch der Staat  da, vor dem Individuum und er hat Rechte gegenüber dem Individuum.  Am Anfang eines Staates oder der Zugehörigkeit einer Gruppe zum Staat steht meist ein kriegerisches Ereignis, eine Eroberung, eine Revolution. Und eine mehr oder weniger große Gemeinschaft ist die Voraussetzung dafür, dass überhaupt ein Mensch entstehen und gedeihen kann.

Insgesamt fällt auf, dass all diejenigen Kriterien für einen gerechtfertigten Krieg, die letzten Endes nur Restriktionen sind, ausführlich behandelt werden, das eigentliche Kriegskriterium, der "gute Grund" dagegen kaum oder nur nebenbei als Zitate erwähnt werden. Dabei hat sich gerade der gute Grund im Lauf der Zeit sehr geändert und ist auch heute bei verschiedenen Denkrichtungen verschieden.

  • Im Mittelalter galt eine Abweichung von der göttlichen Ordnung (dazu gehörten alle Arten von Andersgläubigkeit, Ungläubigkeit, Ketzerei, Widersetzung gegen die kirchlich Macht)  als Grund.
  • Bei Machiavelli  (der im Endeffekt das tatsächliche Verhalten des Papstes Cesare Borgia in Regeln fasst)

gilt die Staatsraison, also die Möglichkeit der Eroberung oder rechtzeitigen Verteidigung als Grund

  • Für Religionen(insbesondere den Islam) gilt die Eroberung für den Glauben als Grund
  • Für den Kommunismus / Sozialismus galt die Befreiung von Ausbeutung durch die Kapitalisten als Grund
  • Für die westlichen Länder galt die Abwehr des Kommunismus und ggf. die Befreiung davon als Grund
  • Für den Pazifismus gibt es überhaupt keinen guten Grund
  • Für die UN ist ein Krieg grundsätzlich völkerrechtswidrig,

es gibt jedoch Ausnahmen, insbesondere Selbstverteidigung, Humanitäre Intervention (Gründe nur als Ausnahmen)

Auch  heute haben zwar die meisten Staaten die UN-Konventionen  unterschrieben, viele haben aber nie die Absicht sich daran zu halten, sondern fördern Religionskriege, dehnen ihre Interessensphären aus, beherrschen Kolonien durch Marionettenregierungen,  morden wo es ihnen nützlich erscheint, führen Kriege auch ohne UN-Zustimmung.. In der Tat ist die UN ja ein Gebilde mit sehr fragwürdiger Autorität, da die Vertreter der meisten Staaten Vertreter von Diktaturen sind, im großen Umfang stimmen gekauft werden, und Zustimmungen immer an Zugeständnisse woanders  gebunden sind.

Am Ende des Buches  hat man die Übersicht restlos verloren und weiß nicht mehr, welche Art von Krieg oder  Angriff auf Personen nun moralisch erlaubt sind oder nicht. Das ist auch nicht verwunderlich, denn ohne eine gut begründbare Erklärung, was ein gerechtfertigter Grund ist, greift alles andere daneben. Nun besteht offensichtlich das Problem auch darin, dass es keine allgemein (d.h. von  den meisten  Staaten oder den meisten Menschen) akzeptierte gute Gründe gibt. Man könnte also bestenfalls einen Art  Minimalkonsens über einen guten Grund definieren, oder einen guten Grund aus Sicht eines bestimmten Weltbildes, z.B. eines liberalen Konsenses. Leider fehlt eine einfache und prägnante Formulierung eines solchen guten Grundes, außer im Fall der Notwehr gegen eine Invasion  Für Entscheidungen, die meist unter Stressbedingungen schnell getroffen werden müssen, braucht man jedoch einfache Regeln, die schon vorher mental in breiten Kreisen akzeptiert sind.

Von daher wäre es besser, statt mit abstrusen Notwehr-Fällen, die an mittelalterliche Kasuistik erinnern, die derzeit relevanten Formen für sich zu betrachten, nämlich

  • Verteidigungskrieg (erlaubt)
  • Angriffskrieg (nicht erlaubt)
  • Humanitäre Intervention (Punktueller Angriff, Rettung eigener Staatsbürger, erlaubt )
  • Atomkrieg (mit unkalkulierbarer Eskalation und weltweiten Schäden, nicht erlaubt)
  • Partisanenkrieg, Guerilla-Krieg, Aufstand, Revolution (ist erlaubt gegen ungerechte und unrechtmäßige Herrschaft)
  • Widerstand gegen Diktatur, Tyrannenmord (erlaubt)
  • Besatzung (dürfte es gar nicht geben, außer mit Zustimmung der legitimen Regierung)
  • Rüstung (defensive ist für potentielle Abwehr notwendig)
  • friedliche Gewalt, (Nötigung, Sit-ins, Blockaden, Sachbeschädigung ist umstritten)
  • Immigration und ihre Abwehr (Länder werden heute nicht durch Truppen, sondern durch Flüchtlinge erobert)
  • Propagandakrieg (Krieg der Worte kann Vorstufe zu heißem Krieg sein)
  • Wirtschaftsblockade (kann Tote durch Hunger und Krankheit verursachen)

Auch kann man die Gründe und die mögliche Verhältnismäßigkeit nicht nur an sich sehen, sondern muss auch die Rückwirkungen und Alternativen betrachten. Wenn eine Seite sich an bestimmte Regeln gebunden fühlt, die andere nicht, so wird die andere Seite ihr Verhalten so gestalten, dass die eine Seite durch ihre eigenen Regeln am Kriegführen gehindert ist, die andere nicht. So umgeben sich islamistische Krieger mit einem menschlichen Schutzschild aus Frauen und Kindern um schießen zu können ohne beschossen werden zu können.

Was die Alternativen betrifft, so muss man das Argument von Bert Brecht bedenken: Wer nicht bereit ist für seine Sache zu kämpfen, wird besiegt und muss dann auf der Seite des Siegers gegen seine Sache kämpfen.

Da weltweit die Vorstellungen, was ein guter Grund für einen Krieg ist, weit auseinandergehen, (von Gotteskriegern bis zu Pazifisten) kann man keinen Minimalkonsens feststelllen. Man kann jedoch versuchen, rational begründbare Kriterien aufzustellen, die natürlich auf bestimmten Wertvorstellungen basieren. Solche sind im Buch auch erwähnt: Z.B. dass Tod u.U. besser sein kann als Sklaverei,  dass nicht nur das nackte Leben oder die Anzahl der Getöteten zählt, sondern auch kulturelle Identität, die Perspektiven für die künftige Entwicklung. Es wäre auch schon hilfreich, wenn man unter den westlichen Ländern einen solchen Minimalkonsens hätte. Praktisch wird ja zumindest ein Mehrheitskonsens hergestellt, wenn in Wahlen über (Nach-)Rüstung entschieden wird.(Dann ohne theoretische Begründung)

Wenn man eine etwaige Theorie des gerechten Krieges oder des gerechten Aufstandes an konkreten Beispielen überprüft, so ist das in  Ordnung. Es zeigt aber auch, dass wir auch ohne eine solche Theorie bereits eine Vorstellung haben, was gerechtfertigt ist und was nicht. Und dass diese Vorstellung für verschieden Menschen verschieden ist.

Von daher ist die Eichung der Theorie an diesen Vorstellungen problematisch.

Wenn anfangs gesagt wird, dass der „Common Sense“, das allgemeine moralische Gefühl, nicht weiterhilft, so wird doch gerade dieses am Ende wieder zur Richtschnur, wenn  eine Theorie an extremen Beispielen aufgrund eben dieses Gefühls falsifiziert wird.

Wenn ich einige Beispiele aufführen sollte, wie ich es sehe:

  • Die französische Revolution war gerechtfertigt, trotz aller Exzesse hat sie die Abschaffung der Sklaverei bewirkt
  • Der Krieg gegen Hitler war gerechtfertigt
  • Der versuchte Tyrannenmord an Hitler war gerechtfertigt
  • Die atomare Rüstung gegen die Sowjetunion war gerechtfertigt
  • Die Kolonialkriege waren nicht gerechtfertigt
  • Die Aufstände dagegen schon
  • Die Morde und Diktaturen zur Abwehr des Kommunismus in Lateinamerika waren nicht gerechtfertigt
  • Die RAF war nicht gerechtfertigt

Das ist die Sicht von hinterher aus jahrzehntelangem oder jahrhundertelangem Abstand.

Den Entscheidungsträgern muss man zugestehen, dass sie künftige Entwicklungen nicht wissen können.

Ganz offensichtlich gelten für einen Verteidigungskrieg andere Regeln als für einen Angriffskrieg.

Aus moralischer Sicht  braucht jemand, der einen  Krieg nicht führen will, auch keine Rüstung.

Tatsächlich aber haben wir das atomare Gleichgewicht des Schreckens gehabt, das den Krieg verhindert hat.

Weniger akademisch  als die Frage nach dem gerechten Krieg ist die Militärdoktrin aller Staaten, die ein Militär haben.

Denn diese legt ja fest, unter welchen Bedingungen man Krieg führen wird, auch wenn der formelle Beschluss vielleicht anderen Gremien vorbehalten bleibt und aus einer konkreten Situation die Entscheidung vielleicht etwas abseits der Doktrin fällt. Auch wird eine Militärdoktrin oft nicht voll veröffentlicht, oder bewusst schwammig gehalten, da sie sonst einen potentiellen Gegner dazu verleiten würde, bis hart an die Grenzen zu gehen, wo ein Krieg für die andere Seite gerade noch nicht legitimiert ist.

Krieg bedeutet auch nicht immer nur explizites Töten. An einem Embargo oder einer Blockade können 100000 Menschen sterben. Europa kann nicht alle Menschen aufnehmen, die unter schlechten Verhältnissen leiden oder gar vom Hungertod gefährdet sind. (Es wären Milliarden) Je mehr man aufnimmt, um so mehr kommen nach. Aber ist es legitime Gewalt, wenn man Menschen am Eindringen nach Europa hindert? Ihren Tod bei der Überfahrt in Kauf nimmt?

Auf all diese Fragen gibt das Buch keine Antworten, sondern beschäftigt sich statt dessen mit mittelalterlicher Kasuistik.

Kommentar wissenbloggt: die Einschätzungen des Rezensenten müssen sich nicht mit denen von wissenbloggt decken.