Abtreibung ist ein Recht

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421px-Reichszentrale-Erlass-1936Das Feuerbringer-Magazin wirbt für Aufklärung 2.0 und NUCLEAR POWER YES PLEASE. Jetzt hat es sich noch die Verteidigung des Abtreibungsrechts ins Programm genommen, das am 22.1. von der Schweizer WELTWOCHE angegriffen wurde, in Abtreibungen sind mit einem ­liberalen Menschenbild nicht zu vereinen: Achtung, es folgt ein radikaler Gedankengang, der heftigen emotionalen Widerwillen bis hin zum Wutanfall hervorrufen kann. Wer sich dem nicht aussetzen will, wird gebeten, die folgenden drei Abschnitte zu überspringen. (Bild: Geheimerlass Heinrich Himmlers zur Errichtung der "Reichszentrale zur Bekämpfung der Homosexualität und der Abtreibung", Fg68at, Wikimedia Commons).

Der "radikale Gedankengang" der Weltwoche liegt darin, dass Liberale sich für das Leben einsetzen (was in dieser Form Quatsch ist, weil, was ist mit dem Leben von Schimmelpilzen?), und darum wären Abtreibungen mit dem Liberalismus nicht zu vereinbaren. Wieder wird an dem Mythos gestrickt, der Embryo sei schon ein Mensch. Und als weiteres Argument kommt die Blödsinnsphrase, was wäre, wenn man Erwachsene fragt, ob sie lieber abgetrieben worden wären?

Nach diesen Gedankengängen geht es ohne Zusammenhang weiter mit "Abstimmungskampf", "Abschottungsinitiative" und Immigrationskritik, die in der Schweiz so ähnlich läuft wie in Deutschland. Zu der Abtreibungsargumentation bezieht Andreas Müller für Feuerbringer ausführlich und intelligent Stellung, danach noch sein Nachtrag vom 24.1.:

 

Abtreibung ist ein Recht

Roger Köppel möchte Liberale im aktuellen Weltwoche-Editorial überzeugen, dass Abtreibung ihren Prinzipien widerspreche. Ich wurde als liberaler Denker von Stefan Millius darum gebeten, auf Herrn Köppels Argumente einzugehen und meine Position zur Abtreibung darzulegen. Das werde ich nunmehr tun. Eine Replik.

1. Verwechslung des Potenziellen mit dem Tatsächlichen

Roger Köppel schreibt:

„[Abtreibungen] laufen auf das antilibe­rale Bestreben hinaus, das Recht eines entstehenden Menschen auf ein selbstbestimmtes Leben zu annullieren.“

Herr Köppel setzt voraus, dass „entstehende“ Menschen ein Recht auf ein selbstbestimmtes Leben haben. Diese Prämisse wird im Text nicht begründet. Der involvierte Denkfehler ist die Verwechslung des Potenziellen mit dem Tatsächlichen. Ein entstehender Mensch ist noch kein Mensch und hat also noch keine Rechte. Menschen haben erst von Geburt an Rechte.

Man könnte ebenso argumentieren, dass bereits geborene Menschen „entstehende“ Leichen wären. Und wie Leichen sollte man sie demnach ordnungsgemäß beerdigen oder verbrennen. Oder man könnte sagen, dass man zu Weihnachten seinen Gästen eine „entstehende“ Weihnachtsgans serviert statt einer tatsächlichen Weihnachtsgans. Eine entstehende Weihnachtsgans ist eine Gans, die noch nicht geschlachtet und zubereitet wurde. Oder man könnte sich als „Professor der Physik an der Universität zu Heidelberg“ bezeichnen und den Lehrstuhl einfordern, der einem als ein solcher Professor zusteht, obwohl man eigentlich nur ein „entstehender“ Professor der Physik an der Universität zu Heidelberg ist – wenn man Glück hat.

„Die Abtreibung ist ein mit der liberalen Philosophie nicht vereinbarer Übergriff der Mutter auf das Leben ihres noch nicht geborenen Kindes.“

Die Abtreibung ist nur in dem Sinne ein Übergriff auf das Leben des noch nicht geborenen Kindes, wie die wiederholte Entscheidung eines Paares, Verhütungsmittel zu gebrauchen, einem Übergriff auf das Leben ihrer unzähligen noch nicht geborenen Kinder gleichkommt. Im Grunde macht sich demnach jeder, der nicht jede Gelegenheit nutzt, ein Kind in die Welt zu setzen, schuldig, sich am Leben seiner noch nicht geborenen Kinder vergangen zu haben.

„Aber ist ein im Entstehen begriffenes ­Individuum so umfassend «Eigentum» der Mutter, dass die Mutter damit machen kann, was sie will?“

Ein Embryo ist eher ein Teil der Mutter, denn das Eigentum der Mutter. Es handelt sich bei einem Embryo um lebende menschliche Zellen der Mutter – und das gilt ebenso für die Zellen in ihrem Blinddarm. Diese Zellen enthalten auch DNA vom Vater, aber sie sind biologisch und existenziell in den Körper der Mutter eingebunden und von ihren Körperfunktionen abhängig. Ein Embryo ist nichts anderes als ein Zellhaufen. Wenn ein Zellhaufen Rechte haben soll, so wäre in diesem Kontext die Begründung von Rechten relevant, wie Herr Köppel sie sich vorstellt. Wann hat etwas oder jemand Rechte und wann nicht?

Aus Sicht der objektivistischen Philosophie von Ayn Rand hat ein Mensch von Geburt an Rechte, sobald er ein unabhängiges biologisches Lebewesen ist. Ab diesem Zeitpunkt müssen sich die Eltern um das Kind kümmern, bis es für sich selbst sorgen kann. Der Grund lautet, dass sie sich für das Kind entschieden haben.

Rechte erlauben dem Menschen, frei zu denken und zu handeln, was aufgrund der Identität des Menschen als das rationale Tier eine Überlebensnotwenigkeit ist. Die Quelle der individuellen Rechte ist also das metaphysische Identitätsaxiom. Der Mensch muss rational denken und handeln, um zu überleben. Da die Ethik eines Menschen, der als Mensch leben möchte, von den Bedingungen seiner Existenz abgeleitet ist, muss die Politik, die sein Zusammenleben mit anderen Menschen regelt, ihm das Recht einräumen, seiner Natur gemäß zu handeln. Oder er kann nicht als Mensch leben. Wer als Mensch leben möchte, sollte aus rationalem Eigeninteresse auf seine individuellen Rechte insistieren. Wer nicht als Mensch leben möchte, braucht nichts weiter zu tun.

Der Mensch hat Rechte aufgrund seiner Natur als rationales Tier. Ein Zellhaufen ist kein rationales Tier und hat somit keine Rechte. Spricht man einem Zellhaufen Rechte zu, dann muss man anderen Zellhaufen ebenso Rechte zusprechen, da sie die grundlegend selbe Identität als Zellhaufen besitzen. Wenn alle Zellhaufen Rechte haben, kann sich der Mensch nicht mehr ernähren, da er Zellen von Pflanzen oder Tieren für sein Überleben konsumieren muss.

 2. Verwechslung des Hypothetischen mit dem Tatsächlichen

Roger Köppel schreibt ferner:

„Niemand will abgetrieben werden. Und kaum jemand würde es rückblickend begrüssen, nicht geboren worden zu sein.“

Nun, ich könnte mich kaum darüber beschweren, nicht geboren worden zu sein, wenn ich nicht geboren worden wäre.

Da bin ich mir außerdem nicht sicher, ob das mit dem Geboren-werden so eine gute Idee war, denn es macht wenig Spaß, als liberaler Intellektueller ständig Selbstgespräche zu führen. Wenn ich mir eine Meinung über ein Thema bilden möchte und zudem Geld mit meiner Publikation dieser Meinung zu verdienen gedenke, so begebe ich mich zunächst in eine Bibliothek und informiere mich über die wichtigsten Positionen und deren Begründung zum gegebenen Thema – und bei jener Tätigkeit wäre Herr Köppel definitiv auf die Gegenargumente gestoßen, die ich hier genannt habe. An meinen bisherigen Diskussionen mit Journalisten (oder mit irgendwem) beurteilt, hält sich die Begeisterung für eine solche Herangehensweise in engen Grenzen. Vielmehr ruft man lieber Kollegen, Freunde und „Experten“ (von denen alle eine Agenda haben) an und lässt sich verbal von ihnen fünf Minuten lang erklären, was man zu denken hat. Für irgendetwas muss das ganze Networking ja gut sein. Außerdem gibt es Deadlines. In der Weltwoche wird man Zeuge des Ergebnisses einer solchen Methode.

Nun denn. Die Idee, ich wäre nicht geboren worden, ist rein hypothetisch und hat als solche ebensowenig mit der Realität zu tun wie eine potenzielle Möglichkeit. Ich könnte ebenso fragen: Hätte man Hitler und Stalin abtreiben lassen sollen? Oder was wäre, wenn ich nicht als ein Mensch, sondern als Thunfisch geboren worden wäre? Was, wenn die Barbaren Rom nicht zerstört hätten? Was, wenn ich den Artikel von Herrn Köppel nicht gelesen und stattdessen David Kelleys „Die Kunst des Denkens“ gelesen hätte? Was, wenn Herr Köppel seinen Artikel nicht geschrieben und stattdessen David Kelleys „Die Kunst des Denkens“ (The Art of Reasoning) gelesen hätte? Man wird ja wohl noch träumen dürfen.

3. Abtreibung ist ein moralisches Recht

Abtreibung ist ein moralisches Recht und eine Entscheidung dafür oder dagegen sollte alleine der Mutter überlassen werden. Denn es ist ihr Recht auf Leben, um das es hier geht – nicht um das Lebensrecht eines Zellhaufens. Die Elternschaft ist eine enorme Verantwortung, die man sich genau überlegen und für die man sich bewusst entscheiden muss – oder man entscheidet sich bewusst dagegen. Für junge Menschen, die ehrgeizig um ihre berufliche Karriere kämpfen, die aber noch arm sind und die zu intelligent und gewissenhaft sind, ihr Kind vor eine fremde Türschwelle zu legen oder es zur Adoption freizugeben – und die ein moralisches Problem damit haben, andere Menschen für ihr Kind zahlen zu lassen – für diese jungen Menschen ist ein Verbot der Abtreibung ein Todesurteil.

Für das Kind müssten sie ihre Zukunft aufgeben und wären zu einem Leben von hoffnungsloser Schufterei reduziert, um für ihr Kind sorgen zu können. Um Ayn Rand zu zitieren:

„Ich kann mir nicht recht den Geisteszustand einer Person vorstellen, die wünschen könnte, einem seiner Mitmenschen einem solchen Horror auszusetzen. Ich kann mir den dafür nötigen Grad des Hasses nicht vorstellen, der Frauen in Kreuzzügen gegen Abtreibung herumlaufen lässt. Es ist jedenfalls Hass, den sie ausstrahlen, nicht Liebe für die Embryos, was ein Haufen Blödsinn ist, den niemand erfahren kann, sondern Hass, ein virulenter Hass auf ein namensloses Objekt. An der Intensität des Hasses jener Frauen gemessen würde ich sagen, dass es um ihr Selbstvertrauen geht und dass ihre Furcht metaphysisch ist. Ihr Hass richtet sich gegen menschliche Wesen als solche, gegen den Verstand, gegen die Vernunft, gegen Ehrgeiz, gegen Erfolg, gegen Liebe, gegen irgendeinen Wert, der dem menschlichen Leben Glück beschert. Passend zur Unehrlichkeit, die das intellektuelle Gebiet dieser Tage dominiert, nennen sie sich „Pro-Life“.

Welches Recht kann irgendwer für sich beanspruchen, das Leben von anderen abzuschaffen und ihnen ihre persönlichen Entscheidungen vorzuschreiben?“ (Ayn Rand: The Age of Mediocrity. The Objectivist Forum. 3. Juni 1981).

Ergänzung: Die Argumentation bezieht sich auf die ersten Schwangerschaftsmonate. Mit “Zellhaufen” ist “Zellhaufen” gemeint – ein Embryo. Ein Fötus ist kein Zellhaufen mehr. Er hat zwar ebenso keine Rechte, aber man kann über einen gewissen gesetzlichen Schutz für Föten in den letzten Schwangerschaftsmonaten durchaus vernünftig reden. Die Abtreibungsdebatte dreht sich in der Regel um die Frage, ob Embryonen abgetrieben werden dürfen, nicht Föten kurz vor der Geburt. Das sollte wohl nur aus medizinischen Gründen erlaubt sein, wenn der Fötus geschädigt ist oder das Leben der Mutter bedroht ist.

Eine detaillierte Argumentation für ein Recht auf Abtreibung bieten die objektivistischen Philosophen Ari Armstrong und Diana Hsieh hier an: http://www.theobjectivestandard.com/issues/2011-winter/abortion-rights.asp

 

Argumentum ad baculum

Bezieht sich auf meinen Artikel: Abtreibung ist ein Recht

Pro Lifer befinden sich in derselben Kategorie wie Ökologen. Während Ökologen die nicht-menschliche Natur höher werten als den Menschen, so werten Pro-Lifer das Leben von potenziellen Menschen höher als das Leben von tatsächlichen Menschen. Da bleibe ich lieber Humanist. Und werte das Leben von tatsächlichen Menschen höher als alles andere.

Wie Ayn Rand schon sagte: “Ich kann mir den dafür nötigen Grad des Hasses nicht vorstellen, der Frauen in Kreuzzügen gegen Abtreibung herumlaufen lässt. Es ist jedenfalls Hass, den sie ausstrahlen, nicht Liebe für die Embryos, was ein Haufen Blödsinn ist, den niemand erfahren kann, sondern Hass, ein virulenter Hass auf ein namensloses Objekt. An der Intensität des Hasses jener Frauen gemessen würde ich sagen, dass es um ihr Selbstvertrauen geht und dass ihre Furcht metaphysisch ist. Ihr Hass richtet sich gegen menschliche Wesen als solche, gegen den Verstand, gegen die Vernunft, gegen Ehrgeiz, gegen Erfolg, gegen Liebe, gegen irgendeinen Wert, der dem menschlichen Leben Glück beschert. Passend zur Unehrlichkeit, die das intellektuelle Gebiet dieser Tage dominiert, nennen sie sich „Pro-Life“”

Link zu den Originalartikel bei Feuerbringer:

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2 Gedanken zu „Abtreibung ist ein Recht

  1. Ein Embryo ist nichts anderes als ein Zellhaufen.

    Das kann man so nicht sagen. Ein Zellhaufen (wissenschaftlich: Morula) ist der Embryo nur kurze Zeit in einem sehr frühen Stadium der Embryogenese, nämlich ab der 4 Teilung der Zygote bis zur Ausbildung der Blastozyste.

  2. Nachtrag: Jetzt erst sehe ich, daß die unhaltbare Terminologie in einer Ergänzung zum Text bereits thematisiert wurde.

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