Problemfall Religion

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czermakreligion-211x300Die Religion ist ein doppelter Problemfall, und zwar weil gleich zwei Rezensenten von wissenbloggt sie kommentieren. Die erste Rezension kam von Daniel Krause Problemfall Religion, und die zweite Buchbesprechung liefert jetzt Georg KorfmacherEs wird nicht das letzte Buch zum Thema sein. Der Inhalt ist zwar interessant, stützt aber nur eingeschränkt die im Titel ausgedrückte Behauptung. Wohlan, wer will, hat hier eine schöne Möglichkeit zum Vergleichen: 

 Gerhard Czermak

Problemfall Religion, Ein Kompendium der Religions- und Kirchenkritik

Das Buch mit diesem Titel von Gerhard Czermak ist ein interessantes, aber mit Abstrichen zu genießendes Werk. Schon sein Titel ist ein Stolperstein. Während es effektiv möglichst viele Menschen lesen sollten, verschreckt die Betonung auf Problemfall einen großen Teil der Zielgruppe. Bei der Vielzahl von Büchern zum Thema weckt diese Betonung keine besondere Neugier, sondern schiebt das Buch eher in die Schmuddelecke von Hetzliteratur: ganz und gar zu Unrecht! Es bearbeitet des Thema von Religion und Gesellschaft sachlich und originell und ohne Polemik.

In einem einführenden Kapitel A stellt der Autor umsichtig die Gesamtproblematik von Religion und Gesellschaft dar, mit vielen und manchmal überraschenden Querverweisen und geschichtlichen Bezügen. Diese Einführung macht neugierig auf den Rest und liefert auch durch einen vernünftigen Quellennachweis die Möglichkeit, Einzelthemen selbst zu recherchieren und zu vertiefen.

In den nachfolgenden Kapiteln geht der Autor tiefer in seinen persönlichen, kritischen Betrachtungen insbesondere auf die christliche Religion ein. Seine Grundskepsis macht sich am Kern des christlichen Glaubens fest, nämlich am Menschen- bzw. Blutopfer. Hier zeigt sich der ganze Widerspruch dieses Glaubens. Gott, der die Menschen nach seinem Wohlgefallen erschaffen hat, lässt zu, dass eben diese wohlgeschaffenen Menschen seinen Sohn schmachvoll umbringen, und belohnt sie dann noch für ihre Untat mit der Erlösung. Auch den Leser lässt diese Grundhaltung nicht mehr los. Sie wird aber im Buch dann nicht vertieft und dient nicht zur Stützung der Behauptung „Problemfall“. Zu kurz kommt auch die Behandlung der Theodizee, die weltweit diskutiert wird und ungelöst ist. Sie ist ein besonderes Merkmal des Christentums bei dessen Anspruch auf absolute Wahrheit. Danach „will Gott die Übel beseitigen und kann es nicht: Dann ist Gott schwach, was auf ihn nicht zutrifft. Oder er kann es und will es nicht: Dann ist Gott missgünstig, was ihm fremd ist. Oder er will es nicht und kann es nicht: Dann ist er schwach und missgünstig zugleich, also nicht Gott. Oder er will es und kann es, was allein für Gott ziemt: Woher kommen dann die Übel und warum nimmt er sie nicht hinweg?“ (Lactantius, ca. 250 bis 317) Hier laufen die Vorstellungen, Ansprüche und Versprechungen der christlichen Religion voll ins Leere und in einem unlösbaren Widerspruch ad absurdum.

Auch die Darstellungen des Autors zum freien Willen bleiben in Ansätzen stecken. Unverständlich scheint das Beispiel von den materiellen Körpern (oberhalb der Quantenebene) – also z.B. für eine Feder oder 10 g Blei –  , für die notwendigerweise gelte, dass identische Ursachen – z.B. freier Fall aus 1 m Höhe – auch identische Folgen nach sich zögen. Das hat mit dem Thema des Buchs nichts zu tun und ist auch – derart simplifiziert – physikalisch nicht haltbar.

Daher bedarf es schon Detailwissens, um manchen Darlegungen des Autors mit der notwendigen kritischen Distanz zu folgen. Da nun aber jeder kritisch-interessierte Leser eine andere Perspektive hat und verschiedene Probleme für ihn mehr oder weniger wichtig sind, wird die Lektüre ab Kapitel B sehr individuell.

Die geschichtlichen Bezüge sind interessant für das Allgemeinverständnis und füllen so manche Wissenslücke. So sind die kurzen und prägnanten Darlegungen zur sog. Konstantinschen Wende hilfreich für das Verständnis der Wende der Catholica von der solidarischen zur machtbesessenen Kirche. Sprach man davor nicht von Macht und Gewalt, sprach man danach nur noch davon, einschließlich Mord und Totschlag, Krieg und Folter.

Nach einem Schnelldurchgang durch die Geschichte des Christentums kommt der Autor mit spitzer Feder auf einige Sonderheiten des Christentums. Der zutiefst im christlichen Glauben verwurzelte Antisemitismus ist zwar hinlänglich bekannt, wird aber ebenso beharrlich verschwiegen oder durch verzerrte Darstellungen überspielt. In diese Falle ist der Autor selbst mit der Darstellung des Falles Dreyfus in Frankreich getappt. Wenn man nämlich den Fall aus seinem geschichtlichen Zusammenhang nimmt, muss man zum Eindruck von allen Franzosen als Judenhasser kommen. Das ist aber mitnichten der Fall. 

Mit zunehmender Seitenzahl liefert der Autor zwar eine Fülle von Fakten und Theorien, lässt aber den Leser mit seiner Entscheidung allein, ob und warum Religion ein Problemfall ist. Den ganzen Bereich Bildung und deren immer wieder versuchte Vereinnahmung durch die monotheistischen Religionsgemeinschaften hätte mehr Raum verdient und die gesellschaftliche Problematik von Religion besonders deutlich machen können. So auch die Themen Militärseelsorge mit der Problematik des Tötungsverbotes und die Kirchensteuer mit der Folge der höchsten Kirchenstrafe der Catholica bei einer Austrittserklärung gegenüber einer staatlichen Behörde.

Ziemlich überraschend gleitet der Autor gegen Ende des Buches in allgemeine und stark verkürzte Betrachtungen zum Humanismus über, zwischen denen nur selten christliche oder muslimische Inkompatibilitäten hervorblitzen. Dabei wären doch gerade humanistische Gedanken ein Gegengewicht zu den religionslastigen Kuriositäten unserer Gesellschaft. Es fällt schwer, im Inhalt des Buches einen Zusammenhang mit seinem Titel zu sehen. Der Autor eröffnet zwar viele Ausblicke und regt zu Vertiefungen an, das Buch ist aber keine geschlossene Abhandlung und irgendwie auch kein Kompendium. Es ist eher eine sehr persönliche, von einer langen Lebenserfahrung geprägte, reiche Materialsammlung, die einen anspruchsvolleren und einladenderen Titel verdient hätte.

Gerhard Czermak, PROBLEMFALL RELIGION, Tectum Verlag, 480 Seiten, Hardcover, 24,95 €, ISBN 978-3-8288-3285-5

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