Kann ich meinem Hirn trauen? (6. Teil – Kognitive Dissonanz)

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human-20424_640Peter Hank ist bei wissenbloggt mit seiner Trilogie zum Titel "Kann ich meinem Hirn trauen?" präsent, inzwischen ist der sechste Teil der Trilogie verfügbar. Besonders interessant ist die Parallele zu Ökonomischer Aberglaube im Visier. Es geht ums Rechtbehalten wider Sinn und Verstand – ein hochaktuelles Thema in allen Bereichen von der Wissenschaft bis zur Religion.
 

Kann ich meinem Hirn trauen? (6. Teil – Kognitive Dissonanz)

Die vorhergehenden Beiträge unter „Kann ich meinem Hirn trauen?“ drehten sich bisher mehr um die Frage, warum unser Hirn zu falschen Wahrnehmungen oder falschen Schlussfolgerungen kommt.

Dass dies aber nicht die einzige Art ist, auf die uns unser Hirn täuscht, wird jeder – zumindest bei anderen – schon mal in einer Diskussion festgestellt haben. Es reicht nämlich in den meisten Fällen nicht aus, stichhaltigere Argumente oder gar unumstößliche Beweise für eine Behauptung zu haben, um das Gegenüber zu überzeugen. Häufig führt das eher zu einer Reaktion, wie sie so schön von Carol Tavris und Elliot Aronson als Buchtitel formuliert wurde:

„Ich habe recht, auch wenn ich mich irre!“

Und vielleicht hat auch schon mal jemand bei sich selber festgestellt, dass sie oder er Dinge tut, obwohl es keine guten Gründe dafür oder gar gute Gründe dagegen gibt. Die Frage für diesen Beitrag soll also lauten:

Warum lässt sich unser Hirn auch von guten Argumenten nicht überzeugen?

Ein Psychologe, der sich mit dieser Frage beschäftigt hat, ist Leon Festinger.

FestingerWie stark sich Menschen an ihnen wichtige Vorstellung klammern, hat Leon Festinger aus erster Hand beobachten können, als er (mit zwei Mitarbeitern) under Cover Mitglied einer Sekte um Marian Keech (eigentlich Dorothy Martin) wurde. Marian Keech hat den kommenden Weltuntergang vorhergesagt und ihren Jüngern verheißen, sie würden durch fliegende Untertassen gerettet werden. Als dann der Tag des Weltuntergangs kam und für alle offensichtlich die Welt nicht unterging

– da –

verloren die Anhänger nicht etwa den Glauben an ihre Anführerin. Als die Flut ausblieb, behaupteten die Anhänger, die Gebete der Gruppe hätten Gott umgestimmt und so den Weltuntergang aufgehalten. Mit erneutem Eifer machte man sich ans Missionieren.

Leon Festinger hat es in seiner Theorie der Kognitiven Dissonanz so formuliert:

Kognitive Dissonanz bezeichnet einen als unangenehm empfundenen Gefühlszustand,
der dadurch entsteht, dass ein Mensch mehrere Kognitionen hat
– Wahrnehmungen, Gedanken, Meinungen, Einstellungen, Wünsche oder Absichten –,
die nicht miteinander vereinbar sind.

Leon Festinger: A Theory of Cognitive Dissonance. Stanford, CA: Stanford University Press 1957

Auf Basis der Kognitiven Dissonanz-Theorie kann man das Verhalten der Sektenmitglieder leicht erklären. Da sie so viel in ihren Glauben investiert hatten (zum Beispiel vorm Weltuntergang ihre Häuser verkauften), hätte der Gedanke, man wäre auf einen Schwindel hereingefallen, diese großen Opfer sinnlos werden lassen. Dagegen war die Erklärung, man selbst hätte den Weltuntergang aufgehalten mit den vorigen Investitionen gut und ohne negative Gefühle vereinbar.

Festingers Ideen wurden durch ihn und viele weitere Psychologen auch experimentell geprüft. Im ersten dieser Experimente waren Studenten angehalten, eine sinnlose Aufgabe durchzuführen (Schrauben aus Brettern schrauben, die Bretter drehen und dann die Schrauben wieder anziehen). Außerdem sollten diese Studenten dann weitere Studenten davon überzeugen, auch an diesem Experiment teilzunehmen. Dabei waren die Studenten in zwei Gruppen geteilt, die eine wurde für ihre Teilnahme mit 1$, die andere mit 20$ bezahlt.

Wer, glauben sie, hat in der nachfolgenden Befragung diese sinnlose Aufgabe als interessanter bewertet? Die, die 1$ bekommen hatten, oder die mit 20$?

Tatsächlich hat dieses Experiment Festingers Theorie bestätigt. Wer 20$ bekommen hatte, war damit ausreichend für die sinnlose Tätigkeit bezahlt worden, so dass kein unangenehmes Gefühl aufkam. Wer aber für nur einen Dollar diese sinnlose Arbeit leistete, erklärte, diese Arbeit wäre interessant und lehrreich gewesen; wie sonst käme man auch dazu, jemand anderen zu dieser Arbeit zu überreden?

Auch im Alltag kann man viele Beispiele für diese Reduktion der Kognitiven Dissonanz finden, vielleicht sogar bei sich selber, sicher aber bei anderen.

Zum Beispiel gibt es viele gute Gründe, sich das Rauchen abzugewöhnen, nicht zuletzt die deutlich erhöhte Lebenserwartung, von vielen unangenehmen Begleiterscheinungen des Rauchens ganz abgesehen.

Rauchen - Überlebensrate

(nach „Mortality in relation to smoking: 50 years’ oberservations on male British doctors“
             R.Doll, R.Peto, K. Wheatley, I. Sutherland)

Natürlich wird dann gerne der Großvater (oder Helmut Schmidt) angeführt, der doch auch 90 geworden ist. (Zu diesem Thema und dass eine Anekdotensammlung keine Statistik ersetzt, habe ich unter dem Stichwort „interne Strichliste“ schon im ersten Teil dieser Reihe geschrieben.)

Ignoriert werden hingegen die viel aussagekräftigeren Statistiken mit Zehntausenden von Teilnehmern – die zeigen nämlich, dass nur etwa 3 von 100 Zigarettenraucher 90 werden, hingegen über 20 von 100 Nichtrauchern.

Aber wer ändert schon seine Meinung wegen einer guten Statistik,
wenn er einen schönen Einzelfall hat?

Zum Schluss – und um als Naturwissenschaftler auch meine klassische Bildung unter Beweis zu stellen – möchte ich anmerken, dass die grundsätzlichen Mechanismen der Kognitiven Dissonanz natürlich auch schon im Altertum bekannt waren.

Das älteste mir bekannte Beispiel dazu stammt vom Dichter Äsop (etwa 600 v. Chr.) – die Fabel „Der Fuchs und die Trauben“.

Der Fuchs und die Trauben

Bildnachweis:

Human:                                   PublicDomainPictures, pixabay
Festinger:                               http://en.wikipedia.org/wiki/Leon_Festinger
Rauchen – Überlebensrate:    http://www.rauchfrei.de/raucherstatistik.htm
Der Fuchs und die Trauben:    http://www.gutenberg.org/files/24108/24108-h/images/11,1.jpg

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