Kann ich meinem Hirn trauen? (7. Teil – Dunning-Kruger-Effekt)

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dog-165210_640Dr. Peter Hank setzt seine Aufklärungsreihe bei wissenbloggt fort mit einem Exkurs in die Welt des Autofahrens. Damit sich niemand angesprochen fühlen muss, zeigt das Bild von PublicDomainPictures, pixabay, einen gänzlich unbekannten Autofahrer: 

Letztes Mal ging es in der Reihe „Kann ich meinem Hirn trauen?“ um das Phänomen der Kognitiven Dissonanz – also darum, dass es unserem Hirn schwer fällt, mit zwei sich widersprechenden Kognitionen –  Wahrnehmungen, Gedanken, Meinungen, Einstellungen, Wünsche oder Absichten – abzufinden. Unser Gehirn reagiert dann typischerweise damit, dass eine der beiden Kognitionen abgeändert wird:

Was nicht passt, wird passend gemacht.

Noch stärker ist dieser Effekt, wenn eine der beiden Einstellungen für uns wichtiger als die andere ist und natürlich ist unser eigenes Selbstwertgefühl eine der wichtigsten Größen überhaupt für uns. Kurzum, diesmal soll es um den Dunning-Kruger-Effekt gehen und um die Frage

 

Warum erzählt uns unser Hirn, wir wären überdurchschnittlich gute Autofahrer?

 

Jetzt mal Hand auf‘s Herz – wer von Ihnen hält sich für einen überdurchschnittlich guten und sicheren Autofahrer?
Hier kann ich nach dieser Vorrede unter den Lesern keine unvoreingenommene Statistik mehr machen, aber wir können uns einige Ergebnisse ansehen, z. B. eine Studie von Ola Svenson aus dem Jahr 1980:

Svenson - gute Autofahrer

Svenson - sichere AutofahrerSvenson - Statistik

Ola Svenson, Are we all less risky and more skillful than our fellow drivers?, Acta Psychologica 47 (1981) 143-148

Wenn sich die befragten Autofahrer richtig einschätzen würden, dann würde man erwarten, dass alle Balken etwa gleich hoch wären, also genau so viele Autofahrer in jedem der 10 Prozentbereiche wären. Irgendwie scheint man bei der Befragung nur die besten Fahrer erwischt zu haben. Bedenklich wird es dann noch, wenn man weiß, dass sich an der Statistik nichts ändert auch wenn man Autofahrer befragt, die schon wegen Verkehrsverstößen aufgefallen sind oder die Unfälle verursacht haben. Dessen ungeachtet halten sich diese Unfallfahrer auch weiterhin für überdurchschnittlich.

Aber vielleicht sind Autofahrer auch nicht die besten Beispiele. Vielleicht ergibt sich etwas anderes, wenn man die Befragung bei einer Personengruppe durchführt, die von Berufs wegen schon darauf trainiert ist, Sachverhalte richtig zu bewerten. In der Doktorarbeit von Mark Schweizer, Kognitive Täuschungen vor Gericht, Zürich 2005 wurden Richter in der Schweiz und in der USA befragt und es ergab sich folgendes Ergebnis:

Schweizer - Richter

Es sieht so aus, als ob die schweizer Richter bescheidener sind als die US-amerikanischen (oberer Durchschnitt statt Spitze) aber auch in der Schweiz sind 90% der Richter bei den besten 50% dabei und nur 10% unter dem Mittel. Leider habe ich keine Statistik gefunden, wie viele Psychologen sich für außergewöhnlich gute Psychologen halten – wäre interessant, ob die Kenntnis psychologischer Effekte hilft, sich realistischer einzuschätzen.

Dass sich oft gerade die aller unfähigsten für besonders schlau halten, das war auch der Ausgangspunkt für Kruger und Dunning. In ihrer Arbeit Unskilled and Unaware of It: How Difficulties in Recognizing One's Own Incompetence Lead to Inflated Self-Assessments von 2009 in Psychology, 1, 30-46 schreiben sie:

Kruger - Zitat Wheeler

Bei mir hat es etwas gedauert, bis mir wieder die Experimente eingefallen sind, mit denen wir als Kinder versucht haben, mit Zitronensaft als unsichtbarer Tinte zu schreiben.

(Nebenbei bemerkt: Solche kleinen Geschichten sind für mich ein Grund, mir die Mühe zu machen, mir die Originalarbeiten zu beschaffen. Es ist oft interessant zu lesen, was der Auslöser einer bestimmten Forschungsarbeit war.)

Jedenfalls haben Kruger und Dunning dabei die Hypothese aufgestellt:

„Wenn jemand inkompetent ist, dann kann er nicht wissen, dass er inkompetent ist. […]
Die Fähigkeiten, die man braucht, um eine richtige Lösung zu finden, [sind] genau jene Fähigkeiten, um zu entscheiden, wann eine Lösung richtig ist.“

In ihren Experimenten haben sie dann mit den Versuchspersonen Tests zu verschiedenen Fähigkeiten (Grammatik, Logisches Denken, Erkennen von Humor) durchführt und das Testergebnis mit der Selbsteinschätzung verglichen. Selbst die Testpersonen im schlechtesten Viertel hielten sich für besser als das Mittel.

 

Kruger - Grammatik

Und das war nicht das schlimmste der Ergebnisse; es kam auch vor, dass sich das schlechteste Viertel sogar für besser einschätzte als die beiden mittleren Gruppen!
Interessant auch was dabei passierte, als man mit den Versuchspersonen ein Training durchführte. Obwohl die Testpersonen besser abschnitten, war ihre eigene Wahrnehmung schlechter – wohl weil sie dabei gelernt hatten, was sie alles nicht wussten.

Was könnte jetzt für jeden von uns daraus die Schlussfolgerung sein?

Fahr vorsichtig,
so gut, wie Dein Hirn Dir sagt,
fährst Du nicht!

Bildnachweis:

  • Bilder von Svenson: nach Ola Svenson, Are we all less risky and more skillful than our fellow drivers?, Acta Psychologica 47 (1981) 143-148
  • Bilder von Kruger: nach Kruger, Dunning, Unskilled and Unaware of It: How Difficulties in Recognizing One's Own Incompetence Lead to Inflated Self-Assessments von 2009 in Psychology, 1, 30-46
  • Bilder von Schweizer: nach Mark Schweizer, Kognitive Täuschungen vor Gericht, Zürich 2005

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