Xenophobie rational betrachtet

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Eine Meinungsäußerung von Leo Brux.

Betrachtet man mit ethnologischem Blick die kleinen Gesellschaften, die kleinen Gemeinschaften, die Dörfer, die kleinen Städte in der Antike, im Mittelalter, in der früheren Neuzeit, begegnet man in aller Regel einer vehementen Xenophobie. Und nicht nur bei einer Minderheit. Xenophobie war der Normalfall.

Ich habe schon öfters deutlich gemacht, dass ich Xenophobie für etwas ganz natürlich Menschliches erachte, für etwas, das sich durch die gesamte Geschichte der Menschheit zieht und dabei meistens mehrheitlich auftritt; für etwas, das man auch ganz leicht verstehen kann, weil es in jedem von uns als Möglichkeit recht nahe liegt.

Darum nehme ich Xenophobie auf eine respektvolle Weise ernst – und ich argumentiere dagegen an im Bewusstsein, dass Xenophobie eine natürliche menschliche Reaktion bei der Begegnung mit Fremdem ist, wenn dieses Fremde “undurchsichtig” und “gefährlich” zu sein und in unsere Gemeinschaft “einzudringen” scheint.

Gemeinschaften wollen nicht “überfremdet” werden.

Wie ist das aber, wenn eine Gesellschaft pluralistisch und multikulturell gemustert ist, also ohnehin bereits aus lauter “Fremden” besteht?

Kann eine pluralistische, vielfältig gemischte Gesellschaft sich noch als homogen betrachten und vom Reinheitsstandpunkt aus “Fremdes” zurückweisen bzw. ausstoßen? Müsste dann nicht jede Teilgruppe die anderen oder einige der anderen Teilgruppen attackieren und vor die Wahl stellen, sich den Standards und Erwartungen bestimmter Teilgruppen zu unterwerfen?

Dass Xenophobie etwas Menschliches ist, widerspricht nicht dem parallelen Standpunkt, dass sie auch etwas Menschenfeindliches ist.

Denn die Fremden, alle Fremden, sind nun mal auch Menschen wie du und ich, wir alle sind Teil der Menschheit – also könnten wir lernen, mit dem Fremden nicht-xenophob umzugehen. Zumal in den Zeiten der Globalisierung.

Begegne ich Fremden, bin ich mir spontan klar darüber, dass ich selber ein Fremder bin. Ich nehme an, lieber Xenophobe, dass Ihnen dieses Gefühl “fremd” ist. Ergo sind wir beide also fundamental Fremde füreinander, oder? Soll ICH jetzt SIE oder wollen SIE MICH ausstoßen?

Andererseits sehe ich, dass man auf der Grundlage von Xenophobie auch rational argumentieren kann. Auch wenn es nur selten geschieht. Das Xenophobe gehört zu uns, wir können es alle in uns beobachten (wenn wir gegenüber uns selber ehrlich sind.)

Xenophobe bemühen sich selten darum, ihr spontanes Angst- und Abwehrgefühl rational zu fassen, auch wenn sie natürlich jedes Negativbeispiel, das sich anbietet, zum Beweis für die Richtigkeit ihrer Sichtweise aufgreifen. (Argumentation funktioniert anders. Argumentation geht auf die Sichtweise des Gegners ein. Dazu sind Xenophobe meistens unfähig. Ihr Ressentiment macht sie blind. Es ginge aber durchaus auch rational.

Die vielen Gemeinschaften hier in Deutschland müssen – um unseres Überlebens und guten Lebens willen – anständig miteinander auskommen. Sie müssen also füreinander offen sein, sich zueinander kooperativ verhalten. Dazu braucht es eine inklusive Haltung. Das gilt für Europa und weltweit.

Gemeinschaften entstehen und bestehen aber auch dadurch, dass sie sich abgrenzen. Nicht jeder und alles wird zugelassen. Sonst ist es keine Gemeinschaft mehr.

Wie lässt sich das Gleichgewicht zwischen der zwingend notwendigen Offenheit und der konstitutiven Abgrenzung bestimmen? Und praktisch entwickeln?

Original: http://blog.initiativgruppe.de/2014/09/02/integrationsgedanken-26-xenophobie-rational/

 

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