Vom Klassenkampf zur Selbstausbeutung

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graffiti-156018_640Byung-Chul Han kommt aus Seoul und lehrt Philosophie und Kulturwissenschaft an der Universität der Künste Berlin. In der deutschen Presseszene wurde er schon mit dem FAZ-Artikel Im Visier der smarten Macht  vom 8.6. auffällig. Mangels Onlineheit sah sich wissenbloggt zu einem Referat darüber veranlasst, Big Datas Angriff auf die Selbstbestimmung.

Am 2.9. war die Süddeutsche Zeitung freundlicher zu den schmarotzenden Lesern und hat einen neuen Artikel von Byung-Chul Han online gestellt. In der Printversion heißt er Kommunismus als Ware, online ist ein Zweiteiler daraus geworden, Neoliberales Herrschaftssystem – Warum heute keine Revolution möglich ist (Bild: OpenClips, pixabay).

Man lernt daraus, warum kein Klassenkampf mehr stattfindet. Das neoliberale Herrschaftssystem sei ganz anders strukturiert als die alten systemerhaltenden Mächte –  nicht mehr repressiv, sondern seduktiv, also verführend. Dadurch sei die Unterdrückung nicht mehr so sichtbar wie in disziplinarischen Regime. Laut Han formt der Neoliberalismus aus dem unterdrückten Arbeiter einen freien Unternehmer, einen Unternehmer seiner selbst. Jeder sei heute ein selbstausbeutender Arbeiter seines eigenen Unternehmers, jeder sei Herr und Knecht in einer Person. Dadurch verwandele sich der Klassenkampf in einen inneren Kampf mit sich selbst. Und, besonders wichtig: Wer heute scheitert, beschuldigt sich selbst und schämt sich. Man problematisiere sich also selbst statt der Gesellschaft.

Der zweite Teil heißt Neoliberales Herrschaftssystem – Kommunismus als Ware, das ist das Ende der Revolution, und er vertieft die Erkenntnis: Die Unterdrückung der Freiheit provoziert schnell Widerstand. Die Ausbeutung der Freiheit dagegen nicht.

Laut Han herrscht in der Konsequenz ein großer Konformismus und Konsens mit Depression und Burn-out für alle. Sein Geburtsland Südkorea hat heute weltweit die höchste Suizidrate. Man wende Gewalt gegen sich selbst an, statt die Gesellschaft verändern zu wollen. Die Aggression nach außen, die eine Revolution zur Folge gehabt hätte, weiche der Selbstaggression.

Jeder konkurriere heute mit jedem, ob privat oder innerhalb eines Unternehmens. Mehr noch, das Internet bestärke den Trend mit den neuen sharing-Modellen (siehe auch Liberalisierung ist (k)ein Segen und Gegenteil von Patenten: Sharing Economy). Die Ideologie der Community oder der kollaborativen Commons führe zur Totalkapitalisierung der Gemeinschaft. Es sei keine zweckfreie Freundlichkeit mehr möglich. In einer Gesellschaft wechselseitiger Bewertung werde auch die Freundlichkeit kommerzialisiert. Der Kapitalismus vollende sich in dem Moment, in dem er den Kommunismus als Ware verkauft, so lautet das Fazit von Han. Der Kommunismus als Ware, das sei das Ende der Revolution.

Bleibt nur die Frage, ob dazu das Internet gebraucht wird? Das ist gewiss hilfreich, aber im Grunde ist diese Entwicklung eh das Ziel der Deregulierung, siehe auch Reload 1970 Was die Deregulierung uns gebracht hat.
 

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