Stricken an der Jesuslegende

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dwarf-514982_640Der Jesus-Mythos ist wieder mal unter Bearbeitung. Ein heute (12.11.) vorgestelltes Buch bringt die unerhörte Neuigkeit, dass alles ganz anders war. The Lost Gospel – the Book of Q & Christian Origins heißt das Werk (bei diesem Link kann man reinlesen). Aus dem Inhalt: Gruppen in Syrien und Kleinasien entwickelten die Jesuslegende, erst war Jesus' Tod ein Märtyrer-Akt, dann wurde er für eine  mirakulöse Kreuzigung und Wiederauferstehung vereinnahmt. So strickt man Legenden (Bild: evereinik, pixabay).

Das Wort Gospel steht für Heilsbotschaft, das Book of Q lässt sich als Buch der Offenbarung übersetzen (den Titel gab es schon, wie der Link zeigt). Auch ist die Story nicht ganz neu, denn die wissenschatliche Jesusforschung beschäftigt sich schon länger damit. In FOCUS online vom am 11.11. kann man's trotzdem recht reißerisch nachlesen, "5. Evangelium" gefunden? Forscher sicher: Jesus war verheiratet und hatte zwei Söhne (interessante Kommentare dabei).

Wenn man bedenkt, dass die Existenz des Jesus gar nicht so gewiss ist, wie ein wissenbloggt-Artikel von Kurt Stützer untermauert (Jesus lebt nicht) muss man die tatsächliche Informationslage kritisch anschauen. Aber weiter mit dem Focus-Artikel über das neue Enthüllungsbuch (der Originalbericht stammt von der „Daily Mail“). Darin wird behauptet, dass Jesus nicht nur mit Maria Magdalena verheiratet war, er soll sogar zwei Söhne mit ihr gehabt haben.

Das leiten die Forscher von einem 1500 Jahre alten Manuskript ab, das offenbar von einer Gruppe verfolgter Christen stammt, die um 325 nach Christi Geburt verschwanden. Jetzt ist der Text im Besitz des British Museum (seit 1847) und vor 20 Jahren wurde er an die Britsh Library übergeben. Das Dokument wurde seitdem immer wieder untersucht, doch galt es als irrelevant

Nun aber haben der Filmemacher Simcha Jacobovici und der Religionsprofessor Barrie Wilson Neues aus dem Dokument herausgelesen, nämlich, dass sie darin ein fünftes Evangelium gefunden hätten, das nicht in der Bibel steht. Entsprechend sensationell wird der "Fund" aufgebauscht.

Um diese Neuinterpretation zu untermauern, lesen Filmemacher & Wissenschaftler das Manuskript als Code, der verklausuliert eine neue Variante vom Leben Jesu erzählen würde. Es ist die häusliche Variante mit Heirat und Familie. Sogar die Namen werden herausgelesen, Frau Maria Magdalena und Söhne Manasseh und Ephraim.

Um die Sache spannend zu machen, wird an der Legende gestrickt, die Kirche habe das "Buch" mit Absicht  zurückgehalten. Nun ja, in dieser Tätigkeit war die Kirche schon immer groß, angefangen mit dem frühen Bischof Irenäus von Lyon, der das apokryphe Material, die "unechten und verworfenen" Schriften vernichtete.

Die Vernichtung (oder Verbaggerung in den Katakomben des Vatikans) ging weiter bis zu den Schriftrollen vom Toten Meer, wo die Religiösen zuerst die Hand dran hatten. Das gab schon immer Anlass zu Verschwörungstheorien, nach denen die ganze Jesus- und Götterstory ein Humbug war, und die Evidenz der Lüge wurde kirchlicherseits vernichtet.

Auch die Ausstattung des Jesus mit Weib und Kind hat lange Tradition. Laut Focus gehen "Experten" davon aus, dass das durchaus wahrscheinlich sei. Andere Experten wiederum bezweifeln sogar die Existenz von Jesus als reale Person – die Jesusforschung hat nur wenig belastbares Material hergegeben. Das allermeiste ist eben Fiktion.

Immerhin rührt das neue "Enthüllungsbuch" das Thema nochmal auf. Das ist nicht das Schlechteste. Wer es aber kompetent und humorvoll zugleich mag, der kann sich an die wissenbloggt-Variante halten, in der die Gottserfindung realistisch nachvollzogen wird. Wie das wohl zuging heißt das fiktive und doch realistische Stück.

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2 Gedanken zu „Stricken an der Jesuslegende

  1. Das erwähnte Buch ist lt. Amazon seit 1994 gelistet. Wieso wird es jetzt neu vorgestellt?

    Das klingt mal wieder sehr merkwürdig. Focus hat auch keine Ergänzung des Artikels mit neuen Erkenntnissen der heutigen Buchvorstellung vorgenommen.

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