Richard David Precht – Wer bin ich?

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Nun, Richard David Precht ist ein deutscher Philosoph und Publizist, der vor allem durch populärwissenschaftliche Bücher und Fernsehsendungen zu philosophischen Themen bekannt wurde – so schreibt wiki. Über sein Buch vom Nov. 2013 mit dem vollen Titel Wer bin ich und wenn ja, wie viele? Eine philosophische Reise schreibt der Goldmann-Verlag:

Bücher über Philosophie gibt es viele. Aber Richard David Prechts Buch ist anders als alle anderen. Denn es gibt bisher keines, das den Leser so umfassend und kompetent – und unter Berücksichtigung naturwissenschaftlicher Erkenntnisse – an die großen philosophischen Fragen des Lebens heran geführt hätte: Was ist Wahrheit? Woher weiß ich, wer ich bin? Was darf die Hirnforschung? Prechts Buch schlägt einen weiten Bogen über die verschiedenen Disziplinen und ist eine beispiellose Orientierungshilfe in der schier unüberschaubaren Fülle unseres Wissens vom Menschen: Eine Einladung, lustvoll und spielerisch nachzudenken – über das Abenteuer Leben und seine Möglichkeiten!

Vorab sei gesagt, dass der Rezensent dieses Urteil bis zum letzten Ausrufezeichen unterstützt. Precht ist ein Wissenschaftler, der viel weiß, der klug denkt, und der sein Wissen gut ausdrücken kann. Aus dem multidimensionalen Riesenknäuel der philosophischen Gedankengänge hat er einen roten Faden destilliert, der die Themen geradlinig und bestens nachvollziehbar durchläuft.

Das Buch wendet sich an denkende Menschen, denen die Fakten dargelegt und die Alternativen erläutert werden, ohne sie mit festen Ergebnissen zu bevormunden. Kurz gesagt, der Autor hat ein richtiges Kunststück abgeliefert.

Das Werk kommt in der heute gängigen Form wie ein Ziegelstein daher, lang und breit und dick, und das bei nicht ganz 400 Seiten. Der Titel ist ein bisschen flapsig und viel lockerer als das Format. Der Spruch Wer bin ich und wenn ja, wie viele? wird auf den ersten Seiten als Produkt einer Bewusstseinserweiterung per Promille erklärt. Der Inhalt ist generell nicht so plump wie das Äußere, sondern er wird leichtgängig vermittelt. Die philosophische Reise geht über drei Haupstationen

  • Was kann ich wissen? (Erkenntnistheorie)
  • Was soll ich tun? (Ethik und Moral)
  • Was darf ich hoffen? (Zentrale Fragen von Glück bis Sinn)

Es rumpelt fast nie auf dem Pfad, den das Buch beschreitet. Kenntnisreiche Details zu den Forschenden und einige Eigenauskünfte wecken das Interesse auf den Inhalt, und schon hat man sich in die Themen eingelesen. Die Neugierde auf das Kommende wird immer wachgehalten, und man rennt sich nirgends so fest, dass Langeweile aufkommt. Dabei sind die Themen keineswegs einfach.

Es beginnt mit den Fragen Woher kommen wir? Wie funktioniert mein Gehirn? Woher weiß ich, wer ich bin? Wer ist ich? Es wird geklärt, was Gefühle und Unterbewusstsein sind, Gedächtnis und Sprache. Das alles so prägnant und doch  eingehend, dass man sich hinterher wie ein Experte fühlt.

Wer so ungeduldig ist wie der Rezensent, wird schon mal die eine oder andere schlaue Bemerkung an den Rand schreiben, nur um auf der nächsten Seite zu lesen, wie der Autor das Argument aufnimmt und kompetent diskutiert – manchmal schon im nächsten Absatz. Das spricht für die Fülle der Information, die das Buch bei aller Leichtigkeit enthält.

Der mittlere Teil über Ethik und Moral befasst sich mit den Menschen, die man braucht, und den Fragen Warum helfen wir anderen? Warum soll ich gut sein? Kann ich wollen, was ich will? Gibt es Moral im Gehirn? Lohnt es sich, gut zu sein? Ist Moral angeboren? Dann geht es um Mord, Abtreibung, Sterbehilfe, Vegetarismus. Und um den Schutz von Menschenaffen und Natur, um Klonen und Reproduktionsmedizin, um die Frage Was darf die Hirnforschung?

Wenn man die Themen so hinschreibt, sieht man, was da alles bedacht und diskutiert wird, mit einer Auswahl der maßgebenden Denker zu dem Thema und völlig ohne irgendwelche verquaste Elfenbeintürmlerei. Nix da, alles ist in klaren Worten geschildert, und die Darstellungsweise ist immer gut fassbar.

Dahinter steckt eine riesengroße Entstrubbelungsleistung des Autors, der jenem Servicegedanken zu seinem Recht verhilft, der bei der Philosophie so oft vernachlässigt wurde (siehe auch die wissenbloggt-Philosophieschelte Versagen der Philosophie).

Dabei fällt kaum ein böses Wort über die Kollegen, sondern es gibt viel Lob für deren kluge Erkenntnisse. Das lässt den Exkurs in einem positiven Licht erscheinen, der das ganze Gefilde überstrahlt. Precht wertet sein Genre auf – endlich, muss man sagen. So wie er es vermittelt, ist es voll strahlender Ideen und nicht geprägt von Reviermarkierung oder Denkmalspflege, von krausen Vorstellungen und Komplikation um der Komplikation willen. 

Der dritte Teil geht dann in die Endrunde, mit Gibt es Gott? Hat die Natur einen Sinn? Was ist Liebe? (mit Oxytocin!) Was ist Freiheit? (mit To be is to do – Sokrates / To do is to be – Sartre / Do be do be do – Sinatra – und Sinatra gewinnt!) Dann kommt Brauchen wir Eigentum? Was ist gerecht? Was ist ein glückliches Leben? Ist Glück lernbar? Und Hat das Leben einen Sinn?

Es ist der Sinn, den man ihm selber gibt, versteht sich. Precht versteht es bestens, einen auf die richtigen Schlussfolgerungen hinzuweisen, auch wenn man am Ende etwas schlichter sagen könnte, der Sinn ist, glücklich zu sein und Nachkommen & Mitmenschen auch dazuzuhelfen.

Selbst in einem sehr guten Buch gibt es weniger gute Punkte. Ein paar seien genannt, um einer kritiklosen Lobhudelei vorzubeugen: Im Kapitel Wer ist ich? wird von 'I' und 'Me' gesprochen (das 'I' handelt, das 'Me' beurteilt). Das liest sich wie ein Übersetzungsfehler in einem nicht übersetzten Buch, bis man darauf kommt, es soll 'Ich' und 'Mich' heißen. Überhaupt gibt's beim Ich das beliebte Anschauungsproblem aus der Makrosicht, dass "Ich" und "mein Cortex" usw nicht als Einheit gesehen werden. Aus der Mikro-Sicht muss das aber so sein, da gibt's kein "Ich" unabhängig von Gehirnteilen.

Das führt dann zu Problemen in der Abteilung Was ist Freiheit? Mit Do be do be do ist nicht alles erklärt (die stete Mischung Do und Be). Es geht auch um die Freiheit des Willens, und das ist so eine Sache (Precht). Für die meisten Forscher sei der Mensch unfrei: Nicht ich verfüge über meine Bedürfnisse, sondern sie verfügen über mich. Hier wird also ein Keil zwischen Ich und meine Bedürfnisse getrieben, obwohl beides zum Ich gehört.

Das führt dann zu dem Paradox, wenn meine Sehnsucht ist, frei zu sein, bin ich unfrei, weil meine Sehnsucht über mich bestimmt (Überspitzung wb). In der Folge ist auch die Definition des Freien Willens problematisch, er könne nicht frei sein, weil die Hirnströme einer Entscheidung schon gemessen werden können, ehe sie im Bewusstsein ankommt.

Das ist auch ein beliebter Fehler, der an der Makro-Sicht hängt. Aus der Mikro-Sicht wird klar, dass es sorum sein muss, erst kommt die Willensentscheidung, dann gelangt sie in den Focus des Bewusstseins (falls sie wichtig genug ist, die meisten Entscheidungen sind's nicht, die gehen dran vorbei). Da vermisst man die explizite Angabe der Logik

Emotion – Wertung – Entscheidung – Wille

Also keine Wertung ohne Emotionen, keine Entscheidung ohne Wertung (nur mit Logik geht's nicht), und bewusstgewordene Entscheidungen werden als Wille interpretiert.

Als letztes sei angemerkt, dass die Argumentation im Abschnitt Sterbehilfe ein bissel ins Schwurbeln gerät, wo man leichter der klaren Abtreibungs-Logik Mein Bauch gehört mir folgen könnte. Also die Mutter bestimmt, und höchstens noch diejenigen, auf die sie hören mag. Mein Leben gehört mir, und über meinen Tod verfüge ich, und höchstens noch diejenigen, auf die ich hören mag. Das wird zu sehr durch die Wenns und Abers bei den möglichen Einflüssen am Lebensende verdeckt.

Dieser Punkt ist kein Highlight, aber dafür merkt man erst, was hinter den anderen Punkten für eine Leistung steckt. Dem Leser bleibt das allermeiste Geschwurbel erspart. Deshalb enden wir hier hier mit dem Vorschlag, das Werk mit dem Prädikat besonders wertvoll auszuzeichnen.

 

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