Schnelles Denken, langsames Denken reloaded

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rays-516326_640Dieser Artikel bezieht sich auf das Buch von Daniel Kahneman: Schnelles Denken – langsames Denken, das bereits von unserem Autor Siegfried Vollmann rezensiert wurde (in dem wissenbloggt-Artikel Schnelles Denken, langsames Denken, Bild: geralt, pixabay).

Vollmanns Rezension geht umfassend auf das Buch ein und schildert ausführlich, womit sich Kahnemann beschäftigt. In der abschließenden Beurteilung äußert Vollmann ein paar Anmerkungen, die der gesunde Menschenverstand dem Buch entgegenhalten muss:

Zu bedenken ist meines Erachtens auch, dass die Experimente alle unter Laborbedingungen stattfanden. Wenn Jemand 100 Euro einsetzen muss  um mit  50% Wahrscheinlichkeit 220 Euro zu gewinnen, er hat das Geld und tut es nicht, so ist das nach Kahnemann irrationales Verhalten. Jeder Normalsterbliche wird das aber eher nicht tun. Denn im normalen Leben gibt es Transaktionskosten (z.B. Zeitbedarf, Kapitalbindung) und Risiken, die im Labor ausgeblendet werden (z.B. dass man seinen Einsatz zahlt, aber die Wette irgendwo unfair ist, man den Gegenwert nicht erhält und nur das Geld weg ist). Jedem Normalmenschen sind diese Risiken wegen schlechter Erfahrungen ständig bewusst. Und wenn er gefragt wird, antwortet er so, wie er im normalen Leben reagieren würde. Und im normalen Leben werden einem nie Wetten mit einem Gewinn angeboten, sondern immer nur solche mit einem (Erwartungswert-)Verlust oder sonstigen Nachteilen. (Z.B. Lotto, Preisausschreiben).

Damit fasst Vollmann einen fundamentalen Kritikpunkt in die richtigen Worte. Nachdem der Inhalt des Buchs bei ihm wohlwollend bis respektvoll abgehandelt wird, erlaube ich mir hier, noch einige Kritikpunkte herauszuarbeiten. Dazu wickle ich es von hinten ab. Das Buch wurde ja gemäß der vorletzten Seite 517 eher für "Kritiker und Klatschmäuler" geschrieben statt für Entscheidungsträger. Inwieweit damit Kahnemans Humans (Normalsterbliche) oder die Econs (Homo oeconomicus) gemeint sind, bleibt offen. Nun denn:

Auf Seite 509 im Schlusswort liest man eine augenöffnende Passage; der Autor zucke oft zusammen, wenn seine wissenschaftlichen Beiträge mit den Worten gelobt würden, er hätte dort den Nachweis für das irrationale Entscheidungsverhalten der Menschen erbracht. Vielmehr hätten seine Forschungen (und die seines verstorbenen Partners Amos Tversky) in Wirklichkeit nur gezeigt, dass das Modell des rationalen Agenten, des Econs, nicht gut die Humans (den echten Menschen) beschreibt.

So stimmt es aber nicht. Vielmehr liest man 500 Seiten lang über Fehler, Illusionen, Verzerrungen, Selbstüberschätzungen der Menschen. Man darf also den Verdacht äußern, dass Kahneman einige Kritik entgegenzunehmen hatte, die er mit diesem Nachwort relativieren will.

Man muss das vor dem Hintergrund sehen, dass der Autor gegen die Chicagoer Schule der Turbokapitalisten anschreibt. Damit sind die Leute bezeichnet, die an die Econs glauben und die Politik danach ausrichten möchten. Das heißt, jeder hat selber genug Verstand, um keine Fehler zu machen, also ist jeder für sich selbst verantwortlich. Der Staat ist nicht dazu da, um Versager zu alimentieren oder die Schwachen gegen die Starken zu schützen (etwa sowas Popliges zu regeln wie das Kleingedruckte in den Verträgen und die Komplexität der Vertragssprache, mit dem die Smarten die weniger Smarten übers Ohr hauen).

Für die Anhänger dieser Schule gilt die unbegrenzte kapitalistische Freiheit als kostenlos, und es gibt keinen Grund, jemanden vor seinen eigenen Entscheidungen zu schützen. Kahneman und der Rest der Welt sehen das anders. Die Kosten der (Turbo-) Freiheit werden demnach von Personen getragen, die schlechte Entscheidungen treffen (und noch mehr, wo schlechte Entscheidungen für sie getroffen werden), und von einer Gesellschaft, die sich gezwungen fühlt, ihnen zu helfen.

Merkwürdigerweise fehlt bei der Argumentation im Schlusswort das Element Glück, das der Autor für die herausragendsten Leistungen (und Versager) viel mehr verantwortlich macht als alles Können der Agierenden. Dabei ist dieses Zufallselement eins der stärksten Argumente gegen die Chicagoer Schule, nach deren Vorstellung jeder das bekommt, was ihm zusteht.

Gegen dieses Bild hat der Autor die vielen Argumente angefahren, die er mit seinen Untersuchungen herausdestilliert. Da kommt ein Beweis nach dem anderen für die Unvollkommenheit und Fehlerhaftigkeit, die ganz klar darauf abzielen, wie unverdient die Erfolge der Privilegierten sind, und auf was für einer fragwürdigen Basis ihr unverdienter Reichtum entsteht. Was als Kompetenzillusion den Stolz der Wirtschaftsführer ausmacht, wird von Kahneman als bloßes Glück entlarvt. Die Statistik besagt eindeutig, dass nur eine schwache Korrelation zwischen der Leistung der Bosse und dem Geschäftserfolg ihrer Firmen besteht. Wenn sie für ihre Leistung ausgezeichnet werden, entwickeln sich ihre Firmen anschließend sogar unterdurchschnittlich (S. 255 und 319).

Kahnemans Fazit ist niederschmetternd, unsere Führung ist fern von den guten Eigenschaften des Homo oeconomicus, sie ist untauglich und von diversen Wahrnehmungsschwächen gebeutelt. Eigentlich hätte das eine Revolution gegen die Chicago Boys auslösen müssen – nur war der Erfolg eher gebremst und außerhalb der Wissenschaftlerkreise kaum wahrnehmbar. Das ist nicht bloß der Ignoranz der Mächtigen geschuldet, sondern auch der Angreifbarkeit der Argumentation beim Gegeneinanderabmessen der Gefühle. (Andererseits hat Thomas Piketty nun den Öffentlichkeitserfolg, der Kahneman versagt blieb, und Pikettys Argumentation ist auch höchst angreifbar – das ist wohl die Frage der richtigen Argumente zur richtigen Zeit: die Glücksfrage.)

Um die Kritik zuendezuführen: Kahnemanns Buch ist auch nicht so geschrieben, dass es leicht und eingängig Argumente liefert. Es kommt sperrig daher, ist viel zu lang ausgewalzt und findet oft kein Ende. Dazu rumpelt es immer wieder, mit schrecklichen und schwer verständlichen Formulierungen wie Bei Wahlen auf Erfahrungsgrundlage durchläuft der Proband viele Versuche, in denen er die Folgen des Drückens der einen oder der anderen Taste beobachten kann (S. 408).

Davon ist der Text voll, das ist so selten wie 10 Zehen haben. Solche handgreiflichen und inspirierten Formulierungen sind leider so selten drin wie 11 Zehen haben. Bezeichnend auch, dass die beste Formulierung für die beiden "Systeme" 1 und 2 am Ende gegeben wird (S. 513), es sind Kürzel für "ereignet sich automatisch" und "es muss nachgedacht werden" ohne einen direkten Anspruch auf Repräsentanz als Hirninstanz.

Ab Seite 465 erfolgt dann der Übergang zum "erinnernden Selbst" und dem "erlebenden Selbst" – Instanzen, die an lang vergangene Zeiten erinnern und heutzutage wohl besser definiert werden müssten. Das gilt auch für die folgenden Ansätze über Wohlbefrinden und Lebensqualität. Wer S. 483 liest, fühlt sich an die Standardfragen von Facebook erinnert, so dass man demnach das Wohlbefinden bei FB abrufen könnte. Was Kahnemann auf S. 470 als Tyrannei des erinnernden Selbst beschreibt, ist einfach nur die Erkenntnis, dass das Gedächtnis Informationen komprimiert, und zwar wird bei Gefühlen das Maximum und der Ausklang gespeichert, nicht aber die Dauer.

Solche Erkenntnisse aus der Mikrowelt vermisst man in dem Buch, es ist alles auf Basis Makrowelt geschrieben (zumal das ominöse erinnernde Selbst & erlebende Selbst). Dabei wird die ganze Zeit mit quantifizierten Gefühlen gerechnet. Das wäre sicher überschaubarer ausgefallen, wenn die mikroskopische Grundlage Gefühle -> Wertungen -> Entscheidungen thematisiert worden wäre. Dann wären manche Entscheidungen wohl nachvollziehbarer für Kahnemann geworden, und er hätte nicht diese Kritik am Hirn nötig (kein Warnsignal, wenn System 1 nicht zurechkommt / keine Dauer beim Gefühl mit gespeichert). Immerhin schwingt er sich im Schlusswort zu einem Lob von System 1 auf, das eben doch überwiegend prima funktioniert, auch wenn es so viel Statistisches versaubeutelt.

Die Rechnerei mit den Wetten hat Siegfried Vollmann eigenlich schon genügend angezweifelt; dazu gibt es aber einen Punkt, der Kahnemann offenbar ganz entgangen ist. Er hat als eine der Bestimmungsgrößen eine Verlustaversion festgestellt, die sich darin äußert, dass Verluste doppelt so schwer wiegen wie Gewinne. Zugleich berichtet er über viele Wett-Angebote, die auf Fragen hinauslaufen wie 100 Dollar sicher oder lieber 10% Wahrscheinlchkeit von 1000 Dollar? Oder 900 sicher gegen 90% von 1000? Die Bewertung ("Nutzwert") steigt nicht linear mit dem Erwartungswert, sondern bei geringen Beträgen ist man risikofreudiger, bei hohen risikoscheuer.

Der Punkt ist, man kann das umformulieren in 900 Dollar Besitzstand und das Angebot, mit 90% Wahrscheinlichkeit 100 Dollar gewinnen oder mit 90% alles zu verlieren. Klarerweise muss jegliches Verlustrisiko sehr gut bezahlt werden, was bedeutet, dass die 100% bei der Nutzwertkurve einen singulären Punkt darstellen müssen, und der fehlt bei Kahneman (Vollmann begründet denselben Punkt anders).

Wenn man jetzt noch abrechnet, dass Kahnemans Lebens-Ratschläge zuweilen recht blauäugig ausfallen, hat man den Parcours abgesteckt. Innerhalb des Rahmens ist das Buch lesenswert und interessant. Was man über die menschliche Kognition lernt, ist mit einer gewissen Vorsicht zu genießen, aber man lernt eben doch einiges über die intrinsischen menschlichen Irrtümer. Genregemäß wird viel mit Zahlen operiert, so dass sich manche fragen mögen, geht denn alles auf Zahlen zurück, und wo ist die Relevanz für die Opfer des Chicagoboy-getriebenen Systems, die arbeitslosen Jugendlichen oder die Djihadisten, wo bleiben die beim schnellen/langsamen Denken? Aus intellektueller Sicht ist das Buch jedenfalls unbedingt interessant. Man würde sich wünschen, jemand könnte den Text überarbeiten und streamlinen, damit er weniger rumpelig daherkäme und mehr Leser fände.

Link dazu: Schnelles Denken, langsames Denken

Und die Artikel von Peter Hank Kann ich meinem Hirn trauen?

In dem Zusammenhang ist auch ein Artikel der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 30.11. interessant, Die Bank verdirbt den Banker (nicht online), wo über Test von Bankern berichtet wird: Sie sollen zehnmal die Münze werfen und bekommen 20 Dollar pro Wurf, wenn "Zahl" kommt. Das Ganze unkontrolliert. Anhand der Statistik kann man sagen, dass im Schnitt 100 Dollar fällig werden, doch die Banker lagen signifikant darüber. Ähnliches ließ sich durch das erreichen, was Kahneman Priming nennt; passend eingestimmt wählten andere Probanden ähnlich.

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