Inzest kein Tabu mehr

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feet-684683_640Da hat der Deutschlandfunk was missverstanden: Die Gene von Mutter und Vater haben weniger Einfluss auf die Kinder als gedacht, unterschreibt man dort ein Füßchen-Bild wie dies (und die beiden unten) von Prinz-Peter, pixabay.

Huch? Mama und Papa spenden doch die ganzen Gene fürs Kind. Sie haben also Einfluss auf sämtliche genetisch bedingten Eigenschaften. Es geht aber nicht um die Abwägung, was ist Gen, was Erziehung, sondern um eine Studie über das heiße Thema Inzucht.

Inzest – Weniger risikoreich als gedacht, heißt der Deutschlandfunk-Artikel vom 4.7., und er bringt frohe Kunde für alle, die in der Richtung fühlen. Es sind mehr Menschen betroffen, als man gewöhnlich meint. Der Deutschlandfunk spricht etwas unklar von einer Milliarde Menschen, die in Ländern leben, wo Ehen zwischen nahen Verwandten üblich sind. Bei wiki findet man dazu den Verwandtschaftskoeffizienten als Maß für die Nähe der biologischen bzw. genetischen Verwandtschaft (mit dem verwandten Inzuchtkoeffizienten, der etwa halb so hoch ist, mithin quasi 50% Verwandtschaft zwischen den Koeffizienten).

100% genetische Gleichheit gibt's nur bei eineiigen Zwillingen (bzw. Mehrlingen) oder Klonen. Zwischen Eltern und Kindern oder unter Geschwistern bestehen 50% Gengleichheit. 25% gibt's bei Verwandten 2. Grades: Großeltern-Enkel, Onkel/Tante-Neffe/Nichte. Cousins 1. Grades sind mit 12,5% dabei, beim 2. Grad sind's noch 6,25%. Das ist kaum mehr als bei zwei zufällig ausgewählten Individuen, die sich mit 6% ähneln.

Das bezieht sich natürlich nicht auf die 99,9% Gene, die alle Menschen gemeinsam haben, sondern nur auf den Bereich, der sich unterscheidet. Das sind immerhin noch Millionen von Abweichungen. Wo es weniger sind, wie in den besagten Ländern, macht das auch nix aus. Der Deutschlandfunk gibt die Erkenntnisse Jim Wilsons von der Universität Edinburgh wieder, wonach der generelle Einfluss des Verwandtschaftsgrads von Vater und Mutter überraschend gering ist. Dies Ergebnis filterte Wilson aus Daten von mehr als 350.000 Menschen, und er publizierte es als Nature-Studie.

few-feet-684685_640Die modernen Mittel der Genomforschung erlauben es heute, den Einfluss der elterlichen Verwandtschaft genau abzuschätzen. Untersucht wurden gleiche DNS-Abschnitte von Vater und Mutter, mit besonderem Interesse für möglicherweise entstehende Krankheiten wie Herz-Kreislaufleiden, Zuckerkrankheit und Altersleiden.

Um den Verwandtschaftsgrad der Eltern zu bestimmen, wurde die DNS der 350.000 Teilnehmer von sehr vielen Gesundheitsstudien auf eine neue Art analysiert. In jeder Zelle ist ja eine Kopie der väterlichen und der mütterlichen DNS präsent. Die ca. 4 Millionen unterschiedlichen Stellen auf den Chromosomen wurden auf verschiedene Varianten hin untersucht ("Man geht die Chromosomen entlang und zählt: gleich, gleich, gleich, und dann kommt ein Stück, das von Papa und Mama in unterschiedlichen Versionen kam").

Das Grad der Gleichheit (Homozygotie) wurde mit den körperlichen Ausprägungen in Beziehung gesetzt. Negativen Einfluss von enger Verwandtschaft der Eltern stellte man bei Größe, Lungenvolumen, kognitiven Fähigkeiten wie geistiger Leistungsfähigkeit und beim Bildungsstand fest, aber die Unterschiede hielten sich in engen Grenzen. Ein Zusammenhang mit komplexen Krankheiten war gar nicht zu erkennen, bei den Stoffwechsel- und Herz-Kreislaufkrankheiten gab es gar keinen Effekt.

feet-684682_640Daraus zieht Wilson Folgerungen für den Einfluss der Evolution auf das menschliche Erbgut: Ein großer Körper und ein scharfer Verstand hätten demnach Vorteile im Kampf ums Überleben gehabt, die Volkskrankheiten dagegen nicht. Maßgeblich sei die Zahl der Nachkommen, und die seien längst flügge, ehe Herzinfarkt oder Zuckerkrankheit ihren Tribut fordern.

Der Einfluss der Verwandtenehe auf Größe und verschiedene Aspekte der geistigen Leistungsfähigkeit sei statistisch klar nachzuweisen. Inwieweit er auch relevant sei, wäre ein anderes Thema. Die Daten der Bevölkerung umgerechnet auf hypothetische Durchschnittskinder von Cousin und Cousine (also quasi normiert) zeigten wenig Relevanz. Die Effekte waren klein, bei der Größe geht es um 1,2 cm und bei der Schulbildung um 10 Monate. Das würde in einer deutschen Stadtbevölkerung gar nicht auffallen. Anders könnte es in Gegenden mit vielen Verwandtenehen aussehen.

feet-261750_640Gerade die Schulbildung hat viele Einflussfaktoren, außer  genetischen auch soziale (das bleibt aber der einzige Hinweis auf das Problem genbedingt-erziehungsbedingt, Bild: Bellezza87, pixabay).

Echte Probleme sieht die Studie nur bei den echten und eher seltenen Erbkrankheiten. Die scheinen sich dann stärker durchzusetzen. Was die allgemeine Gesundheit betreffe, gibt die Studie Entwarnung. Das Risiko für die Kinder in Verwandtenehen scheint nicht so groß zu sein, wie oft vermutet wird. Abschließendes Zitat: "Die Belege für ein so erzeugtes Übel sind widersprüchlich, aber sie deuten im Ganzen darauf hin, dass es sehr klein ist."

Schade dass dieser Punkt nicht weiter untersucht wurde. Was soll man von den Amish halten, die als abgeschlossene Gruppe Inzucht treiben und dafür schwere Schäden in Kauf nehmen? Bei ihnen gibt es gehäufte genetische Probleme inklusive Zwergenwuchs und organischen Krankheiten. Ähnliche Probleme werden sogar von der deutschen Jesiden-Bevölkerung gemeldet, einer ähnlich kleinen Gruppe, die in Clans mit entsprechender Inzucht lebt, im Vielweibersystem und mit Zwangsheirat strikt untereinander.

Vom Hochadel wurde ja auch nicht nur Unzüchtiges, sondern auch Inzüchtiges berichtet. Das wird in einer persönlichen Wissenschaftsseite allgemein relativiert, wenn auch auf Spezialfälle mit hohem Inzuchtkoeffizienten verwiesen wird (drstamp.de).

Als Fazit darf man die Sache wohl entspannt sehen, solange es nicht der Regelfall wird. Wo aber ganze Gruppen sich abschotten, ist nicht bloß Vorsicht geboten, da gibt es massive Probleme.

Link Kratzen an Tabus – Streit um Inzest  und Ehe für alle oder eher nicht?

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