Zuerst kommt das Ziel

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spades-297839_640Bei der GBS Schweiz geht man innovative Wege. Mit Poker die Welt verbessern, heißt es da z.B.: Raising for Effective Giving (REG) ist ein neues Projekt, das von der GBS Schweiz zusammen mit den sehr erfolgreichen Pokerspielern Philipp Gruissem, Liv Boeree und Igor Kurganov lanciert wurde. Im Englischen bezeichnet „raising“ sowohl das Erhöhen des Einsatzes (Poker), wie auch das Zusammentragen von Geld (z.B. für Wohltätigkeit). In der Pokersprache bezieht sich „reg“ (oder „regular“) auf jemanden, der regelmässig ein bestimmtes Pokerspiel spielt und vor dem man sich am Tisch deshalb eher in Acht nehmen sollte. Der das erklärt, ist Lukas Gloor, von dem auch der folgende Artikel stammt (Bild: ClkerFreeVectorImages, pixabay):

Zuerst kommt das Ziel

am 8. Oktober 2013

In Diskussionen zu ethischen Fragen wird zu wenig über Ziele gesprochen. Stattdessen läuft die Diskussion oft darauf hinaus, dass eine Partei empirisch etwas behauptet, was die andere Partei bestreitet. Dann geht es eine Weile vehement hin und her – und kaum jemand ändert die Meinung.

Dieser Artikel ist ein Plädoyer dafür, mehr über Ziele selbst zu diskutieren, bevor wir uns über deren Machbarkeit zu streiten beginnen.

Um die Problematik zu verdeutlichen, folgen nun als Beispiel vier Gegenargumente zu einer ethischen Fragestellung. Nur zwei der Gegenargumente kritisieren direkt das Ziel oder die vorgeschlagene Intervention an sich. Die anderen zwei Argumente kritisieren nur indirekte Nebeneffekte, die möglicherweise entstehen können. Welche Argumente sind bloss empirisch?

Fragestellung: Sollte es erlaubt sein oder gar gefördert werden, mittels Embryonenselektion die Chancen zu erhöhen, dass Babys in ihrem Leben tendenziell eher glücklich und weniger anfällig für Depressionen sein werden?

Gegenargument_1: Nein, im Leben geht es auch darum, aus eigener Kraft Hindernisse zu überwinden und so einen starken Charakter zu entwickeln. Wenn die Mühen im Leben künstlich abgebaut werden, dann verliert das Leben potenziell an Wert.

Gegenargument_2: Nein, wenn man so etwas erst einmal erlaubt, wird man es nicht verhindern können, dass mittelfristig auch die Augenfarbe oder das Körpergewicht von den Eltern oder gar dem Staat bestimmt wird!

Gegenargument_3: Nein, nur die Reichen könnten sich so etwas leisten, was die Ungerechtigkeit in der Welt noch mehr verstärken würde.

Gegenargument_4: Nein, Embryonen sind menschliche Wesen und man darf sie nicht einem Selektionskatalog nach “aussortieren” und dann zerstören.

Zur Terminologie: Wenn wir über Ziele an sich diskutieren, dann befinden wir uns auf der normativen Ebene. Wenn wir über die Erreichbarkeit von Zielen und über mögliche Nebeneffekte diskutieren, dann sind wir auf der empirischen Ebene. Für die Qualität von ethischen Diskussionen (und v.a. auch politischen Diskussionen, welche auch zur Ethik gehören) ist es wichtig, sich dieser zentralen Unterscheidung bewusst zu sein.

Die Argumente eins und vier im Beispiel oben betreffen die normative Ebene. Diese Argumente kritisieren die Intervention und das Ziel selbst.
Die Argumente zwei und drei beziehen sich auf die empirische Ebene. Die Punkte, die kritisiert werden, sind keine inhärenten Bestandteile des vorgeschlagenen Ziels (hier: glücklichere Menschen) oder der Intervention (hier: Biotechnologie). Man kann sich nämlich Wege vorstellen, das besagte Ziel zu erreichen, welche ohne die befürchteten Nebeneffekte auskommen! Zum Gegenargument_3 könnte man beispielsweise erwidern, dass man in diesem Fall warten müsste, bis die Technologie auch sehr billig erhältlich ist.

Es lässt sich spekulieren, dass die Häufigkeit von empirischen Einwänden zu ethischen Positionen dadurch verstärkt wird, dass gewisse Leute gerne Intelligenz signalisieren, indem sie darauf hinweisen, dass gut gemeinte Interventionen aus komplexen Gründen negative Konsequenzen haben könnten. Wenn jemand beispielsweise dafür argumentiert, dass wir mehr Geld an effektive Hilfsorganisationen spenden sollten, dann kommt oft der Vorwurf, dass Hilfsorganisationen kontraproduktiv sein können. Gewisse Hilfsorganisationen sind das sicher, aber trifft es wirklich auf alle zu? Und selbst wenn das der Fall wäre, würde daraus nicht folgen, dass wir Geld dafür investieren sollten, etwas daran zu ändern?

Natürlich gibt es auch den umgekehrten Fall: Manchmal sind Menschen so sehr von einer schön klingenden Idee begeistert, dass sie empirische Gegenargumente völlig unterschätzen. E.O. Wilson, der Begründer der Soziobiologie und einer der renommiertesten Experten über Ameisen, hat zum Kommunismus gesagt: „Great idea, wrong species.“
Empirische Argumente haben durchaus ihren Platz in der angewandten Ethik. Oft weisen sie auf wichtige Probleme hin, und manchmal sind sie sogar stark genug, um die Idee, die diskutiert wird, im Alleingang vom Tisch zu nehmen. Man sollte sich aber stets bewusst sein, dass es sich bei empirischen Einwänden um Probleme handelt, die prinzipiell lösbar sind.

Schon am Anfang sehr viel Gewicht auf empirische Einwände zu setzen oder allgemein in ethischen Diskussion die normative Ebene nicht strikt von der empirischen Ebene zu trennen, birgt drei primäre Gefahren:

1) Menschen neigen dazu, zu selbstsicher zu sein. Die wenigsten TeilnehmerInnen in ethischen/politischen Diskussionen haben genug Expertise, um die Signifikanz von empirischen Einwänden definitiv abzuschätzen.

Wenn die normativen Argumente für eine bestimmte Handlung sprechen, dann sollte man es, selbst wenn man bezüglich der praktischen Umsetzbarkeit sehr skeptisch ist, willkommen heissen, dass ein Team von ExpertInnen die empirischen Begebenheiten genauer untersucht. Zumindest dann, wenn der mögliche Ertrag der Handlung, d.h. die mögliche Realisation des Ziels, den Aufwand wert ist. Am Beispiel oben: Wenn wir die durchschnittliche Lebensqualität womöglich massiv erhöhen könnten, wäre es eventuell angebracht, viele Ressourcen in die Erforschung der indirekten sozialen Konsequenzen einer solchen Intervention zu stecken.

Das beste Argument gegen empirische Einwände ist oftmals, dass man die Einwände besser studieren sollte. Entweder könnte man eine Änderung mit ungewissen Konsequenzen vorerst nur graduell einführen, um sich einen besseren Überblick über die Folgen zu verschaffen. Oder man könnte aktiv nach Lösungen suchen, um die vorgebrachten Einwände präventiv zu umgehen.

2) Was heute empirisch unmöglich ist, muss nicht für immer unmöglich bleiben. 

Wir befinden uns im Zeitalter des exponentiellen Technologie-Wachstums. Was heute noch nach Science-Fiction klingt, könnte in einem Jahrzehnt schon Realität sein. Wer aus empirischen Gründen eine Intervention oder ein bestimmtes Ziel ablehnt, und sich dabei aber nicht explizit bewusst ist, dass das Ziel eigentlich normativ erstrebenswert ist, der könnte es verpassen, die nötigen Schritte in die Wege zu leiten, so dass das Ziel in der Zukunft einmal erreicht werden wird, sobald die Empirie dies zulässt.

Bei gewissen Fragen steht enorm viel auf dem Spiel, und da wäre es äusserst schade, wenn wir es wegen einem zu starken Fokus auf empirische Argumente versäumen, alles mögliche zu unternehmen, um ein schwierig umsetzbares Ziel dennoch zu erreichen.

3) Empirische Scheinargumente können verschleiern, dass wir eine bestimmte Handlung eigentlich nur aus einem Bauchgefühl heraus ablehnen, ohne dafür gut durchdachte Gründe zu haben.

Aus evolutionären und auch kulturellen Gründen haben Menschen zu bestimmten Themen starke moralische Intuitionen. Nicht alles, was zu den Zeiten unserer Vorfahren positiv für das Verbreiten der menschlichen Gene war, ist heutzutage ethisch sinnvoll. Es macht deshalb Sinn, moralische Bauchreaktionen kritisch zu hinterfragen.

In einem Experiment1 mussten Versuchspersonen einen Text lesen, in dem ein Fall von Inzest beschrieben wurde. Im Text wurde unmissverständlich festgehalten, dass niemand (ausser den Beteiligten) jemals davon erfährt, dass die zwei Beteiligten es nur einmal taten, dass doppelt verhütet wurde, und dass niemand dabei negative Gefühle hatte – weder im Moment selbst noch irgendwann in der Zukunft.

Die Versuchspersonen wurden gefragt, ob sie die Handlung für moralisch akzeptabel befanden.

Viele gaben als Antwort ein klares Nein. Als sie jedoch nach Gründen für ihre Antwort gefragt wurden, gaben einige zuerst empirische Einwände an, die im Text explizit ausgeschlossen wurden! Und als die Versuchspersonen darauf hingewiesen wurde, sagten sie schlussendlich Dinge wie „Ich kann es nicht erklären, aber ich weiss einfach, dass es falsch ist.“.
Der Psychologe Jonathan Haidt taufte dieses Phänomen moralische Sprachlosigkeit („moral dumbfounding“). Die Menschen haben starke Bauchreaktionen, aufgrund deren sie sich entscheiden, dass eine Handlung falsch ist. Nach dieser Entscheidung suchen sie (manchmal etwas verzweifelt) nach Gründen, um die Entscheidung zu rechtfertigen2.

Im Falle von Inzest sind die Konsequenzen dieses Phänomens wohl nicht besonders schlimm. Aber beispielsweise wenn es um die Frage geht, ob homosexuelle Paare Gleichberechtigung verdienen, könnte es einen starken Einfluss  auf die Meinung bestimmter Leute haben.

Wenn man zuerst nach normativen Einwänden sucht, vermeidet man, aus intuitiven Gründen Positionen zu verteidigen, die man rational nicht begründen kann. Gewisse Fragen sind zu wichtig dafür, als dass wir sie ohne genaueres Nachdenken kategorisch ablehnen.

Konklusion

Um ethische/politische Fragestellungen möglichst systematisch und überlegt anzugehen, lohnt es sich, die folgende Reihenfolge einzuhalten:

  1. Ist das vorgeschlagene Ziel prinzipiell erstrebenswert? (Hier helfen Gedankenexperimente.)
  2. Falls es prinzipiell erstrebenswert ist, lässt es sich auch ohne schlechte Nebeneffekte erreichen? Was müsste dafür getan werden? Wo müsste noch geforscht werden?

Wer keine normativen Gegenargumente zu einer Intervention findet, der sollte sich dies eingestehen und aktiv nach Möglichkeiten suchen, empirische Schwierigkeiten zu umgehen. Es ist nicht immer einfach oder offensichtlich, Wege zu finden, die zu einer besseren Welt führen.

Referenzen:

  1. Haidt, J., Koller, H. & Dias, M.G. 1993. Affect, culture, and morality, or Is it wrong to eat your dog? Journal of Personality and Social Psychology, 65, 613-628.
  2. Haidt, Jonathan. 2001. The emotional dog and ist rational tail: A social intuitionist approach to moral judgment. Psychological Review, 108. 813-834.
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