Jeremy Bentham: Utilitarismus

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Die wenigsten kennen Jeremy Bentham und seine Thesen. Doch erst mal kurz seine Vita:

Geboren in einem wohlhabenden Elternhaus am 17. Februar 1748 in Spitalfields, London, verstorben am 06.Juni 1832 ebenda. Er war Jurist, Philosoph und Sozialreformer.

Bentham war der Begründer des „Utilitarismus“ also der Philosophie der Nützlichkeit und war auch der Kopf des politischen Arms, der English radicals.

Seine Radikalität ging vielen seiner berühmten Zeitgenossen viel zu weit. Sogar Goethe echauffierte sich derart über ihn mit dem Zitat: Ein höchst radikaler Narr. In seinem Alter derart radikal zu sein, ist der Gipfel der Tollheit. Man darf nicht vergessen, es war die Zeit des Biedermeier und der Friede, Freude, Eierkuchen-Heimeligkeit. Da waren die Burschen noch Burschen und die Männer noch Männer. Die Frauen hatten gefälligst gehorsam, sittsam und zart zu sein und wehe wenn eine der Ladies aufmuckte! Und die Kirche hatte ihren wohlzementierten,  angestammten Platz in der Gesellschaft.

Selbst Karl Marx, dieser Tunichtgut an seiner Familie, man muss das  einmal erwähnen, dass dieser Marx (nicht zu verwechseln mit dem Bischof Marx in Bayern), ein sehr schlechter und miserabler Ehemann und Vater war. Die Berufstätigkeit von Frauen war damals nicht so gern gesehen. Nur in den  untersten Gesellschaftsschichten waren die Frauen gezwungen, für den Lebensunterhalt ihrer Familien zu arbeiten und das meistens mit 8 bis 12 Kindern im Durchschnitt, von denen eh die meisten starben aufgrund der miserablen Lebensverhältnisse.

Gerade dieser Karl Marx schlenderte tagein und tagaus und jahrein und jahraus in den verschiedensten Caféhäusern und Kneipen der Stadt umher und kümmerte sich einen Dreck um seine Familie. Seine Frau musste arbeiten, aber das Geld reichte hinten und vorne nicht. Herrn Marx war das egal, Hauptsache er konnte sein „Kapital“ fertig schreiben. In der Zwischenzeit verhungerten mindestens 2 oder sogar noch mehr Kinder aus seiner Familie. Gerade dieser Ausbund an „treusorgender Vaterfürsorge“, sagte über Bentham: Wenn ich die Courage meines Freundes Heine hätte, würde ich Herrn Jeremias ein Genie der bürgerlichen Dummheit nennen. Fragt sich, wer ist hier der Dümmere?

In Deutschland wurde Bentham besonders heftig angefeindet, wegen seiner kompromisslosen Radikalität, die den meisten miefigen Spießbürgern entschieden zu weit ging. Im postrevolutionären Frankreich 1792, wurde ihm mit anderen Berühmtheiten aus seiner Zeit wie: George Washington, Friedrich Schiller, Johann Friedrich Pestalozzi usw. die Ehrenstaatsbürgerschaft angetragen. In seiner Heimat Merry old England wurde er erst Anfang des 19. Jahrhunderts bekannter.

Man fragt sich: Was verursachte bei seinen Zeitgenossen derart heftige Reaktionen? Was sogar einen Herrn von Goethe so ausflippen ließ, schließlich waren die beiden Herren im selben Alter.

Er hatte, für die damalige Zeit, aber auch für unsere Zeit sehr fortschrittliche, absolut moderne Thesen:

  1. Allgemeine Wahlen
  2. Frauenstimmrecht
  3. Errichtung des modernen Wohlfahrtsstaates
  4. Tierrechte
  5. Abschaffung der Todesstrafe
  6. Legalisierung der Homosexualität
  7. Pressefreiheit

Er war nicht nur ein Vordenker des Feminismus. Er trat auch für direkte Demokratie, Liberalismus und Laizismus ein. Er war ein radikaler und kompromissloser Atheist. Und das in einer Zeit, wo auch die hochgebildeten Honoratioren dem Klerus kräftig den Hintern puderten. Tja, der Mann hatte Mut und Rückgrat.

In den feinen Salons der Zeit wurde zwar hochgestochen auf Französisch über die verschiedensten philosophischen Aspekte parliert, aber Konsequenzen zog man daraus nicht. Es lebte sich doch so bequem und es verursachte den feinen Herrschaften immer wieder einen Schauder, der über den voll gepuderten Rücken lief, wenn sie radikale Ansichten diskutierten.

Bentham kritisierte auch scharf die französische Menschenrechtserklärung und war sehr enttäuscht, dass einige seiner Thesen nicht einbezogen wurden. Wenn man sich einmal anschaut, was im revolutionären Frankreich ablief, dann kann man ihm im Nachhinein nur Recht geben.

Die später berühmtesten Köpfe der großen Revolution in Frankreich waren Georges Danton, Antoine St. Just, Jean-Paul Marat. Diese Männer haben sich damals in England aufgehalten und waren fleißige Zuhörer und auch Anhänger von Bentham. Besonders Georges Danton war angetan von seinen Thesen. Aber wie die Geschichte zeigt, wurden er und seine Anhänger von Robespierre gestürzt. Selbst den radikalen Jakobinern in Paris gingen sie zu weit. Außerdem konnten sie von einem derart verklemmten Frauenhasser wie Robespierre nicht erwarten, dass dieser Gnom für den Feminismus eintrat.

Er trat auch für Wucherzinsen ein und lieferte Argumente für den legitimen Einsatz der Folter. Für diese beiden letztgenannten Punkte, wurde er scharf angegriffen.

Die Ehtik von Bentham kann man folgendermaßen definieren:

Das größte Glück der größten Zahl – greatest happiness principle.

Eine Handlung bewertet sich demnach allein nach ihren sozialen Folgen.

Eine Handlung ist moralisch richtig, wenn sie der Allgemeinheit (bzw. der größten Zahl) nützt.

Eine Handlung erweist sich als moralisch falsch, wenn sie der Allgemeinheit schadet.

In diesem Sinn ist die utilitaristische Ethik eine Konsequenzethik, d. h. innere Beweggründe spielen für die Bewertung einer Handlung keine Rolle.

Als logische Konsequenz dieser Ethik, forderte er Rechtsgleichheit und zwar für alle Gesellschaftsschichten.

Ich persönlich finde dieses Prinzip richtig und kann daran absolut nichts Verwerfliches sehen.

In der damaligen Zeit war dies natürlich ungeheuerlich. Sägte es doch an den Stützen der Gesellschaft und stellte somit die „sogenannte Gott gewollte Ordnung“ in Frage.

Bentham war auch radikaler Atheist und stellte alles in Frage was mit dem Glauben zu tun hat. Man könnte ihn wie Kant als Anthropozentriker bezeichnen.

Hier übrigens eine interessante Aussage über die Tierrechte, die er so vehement auch verteidigte: Der Tag wird vielleicht kommen, an dem der Rest der belebten Schöpfung jene Rechte erwerben wird, die ihm von der Hand der Tyrannei vorenthalten werden konnten. (Anmerkung von der Autorin: Da soll mir bloß keiner kommen und sagen, die Christen hätten auch den Tierschutz propagiert und wir hätten doch unseren Franzl von Assisi. Natürlich habt ihr den, aber dieser Mann war eine rühmliche Ausnahme. Ansonsten steht doch in der Bibel: Macht die Erde euch untertan. Wie sie das wörtlich auslegten, sieht man an den katastrophalen Ergebnissen)

Weiter in seiner Aussage: Die Franzosen haben bereits entdeckt, dass die Schwärze der Haut, kein Grund ist, ein menschliches Wesen hilflos der miesen Laune eines Peinigers auszuliefern. Vielleicht wird eines Tages erkannt werden, dass die Anzahl der Beine, die Behaarung der Haut und die Endung des Kreuzbeines ebenso wenig Gründe dafür sind, ein empfindendes Wesen diesem Schicksal zu überlassen. Was sonst sollte die Fähigkeit des Verstandes oder die Fähigkeit der Rede? Ein voll ausgewachsenes Pferd aber oder ein Hund ist unvergleichlich verständiger und mitteilsamer als ein einen Tag oder eine Woche alter Säugling. Doch selbst wenn es anders wäre, was würde das ausmachen? Die Frage ist nicht: Können sie verständig sprechen oder: Können sie verständig denken? Sondern: Können sie leiden?

Diese letzte Frage kann man sicher mit einem großen JA beantworten. Insofern waren seine Thesen in seiner Zeit ein geistiger IMPACT und zwar im positiven Sinne. Auch wenn seine Zeitgenossen sich kräftig das Maul zerrissen haben, ändert es doch nichts an seiner Aktualität.

Bentham war und ist cool, um es mal in unserem Zeitjargon auszudrücken.

 

Die Meinung des Gastautors muss nicht der Redaktionsmeinung entsprechen.

 

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