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Abendland – jüdisch-christlich?

Sie erleben eine Renaissance: die „christlichen Werte“, das „christliche Abendland“ und, in der Steigerung, sogar unsere „jüdisch-christliche Kultur“. Das klingt prima und man kann das vor allem als Abgrenzung gegenüber dem „islamischen Kulturkreis“ verwenden – der weder über diese Werte noch über diese Kultur verfügt. Nur, was genau ist das jeweils? Beim Islam ist das relativ einfach: ein islamischer Gottesstaat richtet sich nach dem Koran und da der Koran von Atomphysik, Buddhisten, Sufisten, Evolution, Fußball und schwulen Außenministern nichts weiß, werden die entsprechenden Regeln nach Gusto interpoliert, bis es passt. Das nennt man dann ein „Rechtsgutachten“. Das ist so ähnlich wie die Moslems, die ihren Raki mit vorgehaltener Hand oder unter dem Tisch trinken, weil dann Allah nicht zuguckt: erlaubt ist, was praktisch ist und gerade ins Konzept passt. Bei der Definition von Ge- und Verboten ist man flexibel.

Soweit, so stereotyp. Nun die andere Seite: das christliche Abendland.

Da wird’s etwas schwieriger. Schon das Abendland ist ja nicht mehr als „Westen“  – also westlich des eisernen Vorhanges – zu definieren, da es die rostigen Gardinen ja nicht mehr gibt und etwa Tunesien – wer hätte es gewusst- westlich von Berlin liegt. Gänzlich ins Schleudern kommt man aber, wenn man nun das Adjektiv „christlich“ definieren will.

Christen sind Anhänger dieses jüdischen Wanderpredigers namens Jesus, der vor 2000 Jahren in der Gegend von Jerusalem gesichtet wurde. Nun hat dieser Jesus aber nichts Schriftliches hinterlassen, so dass sich seine Anhänger auf die Aussagen von Leuten verlassen, die ihn auch nur vom Hörensagen kennen. Von entsprechender Qualität sind die Aussagen dieser frühen Anhänger: widersprüchlich, fantastisch und öfter hat man den Eindruck, dass da der eine oder andere Chronist eine ungesunde Menge Drogen konsumiert hat, bzw. über die Auswirkungen eines solchen Konsums berichtet.

Nachdem dieser Jesus im Wesentlichen den bevorstehenden Weltuntergang gepredigt hat – und folgerichtig klarstellte, dass es an der Zeit wäre, seine Konten zu leeren und die Kohle unters Volk zu bringen – hielt sich die Anhängerschaft in Grenzen. Der Weltuntergang war nichts Neues, der war schon öfter ausgeblieben aber anscheinend war Jesus eine Art „Top Act“ in der damaligen Zeit, die relativ arm an harmlosen Attraktionen war. Als er dann aber den lokalen Kaufleuten – die ihm das mit dem Weltuntergang nicht abkauften – das Geschäft verderben wollte, bekam er richtigen Ärger, eventuell stießen sich auch ein paar verlassene Ehemänner daran, dass Jesus und seine Kumpels einen ganzen Tross an Frauen mitschleppten – aber keiner heiraten wollte. Wie auch immer, die Sache endete für Jesus nicht gut, und man streitet sich darüber, ob er das Kreuz überlebt hat, oder nicht. Ersteres ist wahrscheinlicher und so besuchte er seine Kumpels, löste die Versammlung auf und suchte sich einen anderen Wirkungskreis.

Was hat aber nun dieser erfolglose jüdische Wanderprediger mit der Kultur in Deutschland zu tun? Nicht wirklich viel. Ein paar Schreiberlinge bekamen Wind von der Sache, strickten um die Story vom Gekreuzigten und Auferstandenen eine Geburtslegende und ein paar Wunder, um die Sache glaubhafter zu machen, und hatten nun eine neue, spannende Religion, die Potenzial hatte. Die römischen Götter waren unbeliebt, Jude konnte man so ohne weiteres nicht werden und die ganzen restlichen Götter stellten teils erhebliche Ansprüche. Der Christengott hatte ein Paradies zu bieten und wenn man Märtyrer wurde, landete man sofort dort und wenn einem das nicht reichte, die Auferstehung war ja bereits in Sicht –  bis der Jüngste Tag anbrach, konnte es sich ja nur noch um ein paar Jahre handeln.

Doch irgendwas ging schief – die Welt weigerte sich, unterzugehen. Die Christen mussten einsehen, dass sie mit dem „In-den-Tag-Hineinleben“ auf Dauer nicht hinkamen. Strukturen mussten her und wie das mit Strukturen ist – sie verselbständigten sich. Die heidnischen, römischen Intellektuellen hatten sich langsam angeekelt aus der Politik zurückgezogen, es entstand ein philosophisches Vakuum, in das die Christen hineinstoßen konnten. Innerhalb weniger Jahrzehnte übernahmen sie den römischen Staat und fuhren ihn an die Wand.  Der Rest ist – blutige – Kirchengeschichte. Die nächsten 1600 Jahre war die christliche Kirche damit beschäftigt, weltweit alles abzumurksen, was nicht bei drei das Vaterunser betete. Dabei beschäftigte sie sich eher wenig mit dem technischen Fortschritt sondern eher mit kriegerischen Unternehmungen. Wissen der Griechen und Römer wurde je nach Gusto wahlweise verbrannt oder abgeschrieben. Die Rechtsordnung wurde von den Römern übernommen und bisweilen mit lokalen Stammestraditionen vermengt – natürlich immer mit einem Religionsvorbehalt versehen, damit den Christen nicht das gleiche passierte, wie seinerzeit den Römern. Wer aufmuckte, wurde umgebracht, Päpste hielten sich Lustknaben und Frauenklöster waren gern besuchte Bordelle.

Irgendwann kam dann Jan Hus daher, der der Meinung war, dass das der Christus doch mal anders gemeint hatte.  Die auf seine Ermordung folgenden Hussitenkriege legten ganze Landstriche in Schutt und Asche. Luther hielt sich seinerzeit aus den von ihm mit angezettelten Bauernkriegen intelligenterweise heraus und den 30jährigen Krieg bekam er gar nicht mehr mit. Auch die Hexenverbrennungen und Judenpogrome zählten zur christlichen Kultur, ebenso wie ernsthafte Diskussionen noch im 19. Jahrhundert, ob denn nun Frauen eine unsterbliche Seele hätten, oder nicht.

Eines ist klar: Massenmorde, religiöse Verbohrtheit und Bigotterie sind jetzt nicht das, was man gemeinhin unter der „christlichen Kultur“ versteht. Was versteht man darunter? „Nächstenliebe“? Das gab es tatsächlich im Mittelalter. Reiche Stifter bauten Altenheime und Kirchen – gar nicht aus monetären Gesichtspunkten, sondern für ihr eigenes Seelenheil. Almosen für Arme waren Christenpflicht – man gab, weil man damit seine Chancen auf das Paradies erhöhte.

Gibt es diese Kultur heute noch? Nein. Es gibt Spenden – aber wohl keiner spendet, um damit Gott zu bestechen.

„Toleranz gegenüber Andersdenkenden?“ Ein wunderbarer Wert – nur absolut nicht christlich. Schon Christus schlug laut Bibel vor, Ungläubige zu erschlagen, was dann in der Folgezeit auch reichlich praktiziert wurde.

„Gnade, Vergebung“? Ein sehr christlicher Wert – nur leider war dafür Gott zuständig. Nicht die Menschen. Der 30jährige Krieg – ein „Religionskrieg“ ist bis heute der blutigste Krieg, von dem wir wissen. Er löschte ein Drittel der europäischen Bevölkerung aus.

Was bleibt vom Christentum? Die Heiligenverehrung? Mit Verlaub, was hat das mit Jesus zu tun? Kirchen und Kunstwerke? Wunderschön – auch die Akropolis ist schön und Stonehenge hat auch was. Hätte es das Christentum dafür gebraucht? Wäre die Kunst nicht längst viel weiter ohne?

Vollends absurd wird es, wenn vom „jüdisch-christlichen Abendland“ gesprochen wird. 2000 Jahre lang haben Christen nichts unversucht gelassen, um den Einflus der Juden auf die Kultur auf Null zu drücken. Sie bekamen nur dann Einfluss, wenn man sie mal wieder ausplünderte und Hitler hat den letzten Rest dann noch in Rauch und Flammen aufgehen lassen. Und jetzt soll das Abendland auf einmal jüdisch geprägt sein? Juden haben zu unserer Kultur ungeheueres beigetragen – aber nicht in ihrer Eigenschaft als Juden, sondern als Kunstmäzene, Künstler und Wissenschaftler. Genauso wie Christen unsere heutige Kultur geprägt haben – aber auch diese nicht in ihrer Eigenschaft als Christen. Im Gegensatz dazu ist unsere Kultur von Agnostikern, Atheisten und Humanisten maßgeblich beeinflusst worden – und zwar genau in ihrer diesbezüglichen Eigenschaft. 

Nein. Die Kultur des Abendlandes ist so wenig christlich wie jüdisch. Unsere heutige Kultur ist säkular-humanistisch. Der Mensch ist individueller Mensch, weil er als Mensch geboren wurde – und nicht, weil ihn irgendein Gott erst rechtfertigen muss.

 

Die Meinung des Gastautors muss nicht der Redaktionsmeinung entsprechen.