Hinter allem eine Absicht

Das Denken in Ursache-Wirkung-Mustern ist in uns Menschen tief und in jedem von uns bereits seit frühen Kindertagen verankert. Allerdings können solche Denkmuster zu Fehlschlüssen führen, wie sich in manchen Welterklärungsversuchen sehr religiöser Menschen bereits seit Jahrtausenden dann zeigt, wenn hinter dem Ursache-Wirkung-Prinzip eine Absicht vermutet oder eine Absicht unterstellt wird.

Auf der profanen Ebene entstehen Fehlschlüsse beispielsweise dann, wenn Wolken und Regen derart in einen Zusammenhang gestellt werden, dass es die Wolken gibt, damit es regnen kann. Oder dass es die Sonne gibt, damit es auf der Erde warm ist. Das Gegenteil zu denken, dass es also regnet weil es Wolken gibt, oder dass es auf der Erde warm ist weil es die Sonne gibt, kommt manchen Menschen als plausible Erklärung (als Kausalzusammenhang) nicht nur in diesen Beispielen nicht in den Sinn, da sie jeweils eine Absicht — ein „damit“ statt eines „weil“ — als Erklärung und zum Verstehen des Sachverhalts erwarten (oder benötigen).

Auf der religiösen Ebene kommt es bisweilen zu sehr bedenklichen Blüten:
Vor ca. elf Jahren haben zwei sehr religiöse Menschen unterschiedlicher (abrahamitischer) Religionszugehörigkeit mir gegenüber behauptet, Erdbeben seien — Zitat — «eine Strafe Gottes». Worauf sie ihre These stützten, konnte ich nicht in Erfahrung bringen.

In dem Buch Die Wahrheit über Eva: Die Erfindung der Ungleichheit von Frauen und Männern zeigen die Autoren Carel van Schaik und Kai Michel anhand mehrerer Beispiele auf, wie das Ursache-Wirkung-Prinzip verzerrt wird, um Machtansprüchen und Machtmechanismen eine Grundlage zu geben.

Aus dem Kapitel I. Als Eva eine Göttin war, Unterkapitel Unsere Schwäche für Ursprünge ein kurzes Zitat aus diesem Buch (Seite 58):

Das eigentliche Verhängnis für die Frauen nahm seinen Lauf, als Adam und Eva missbraucht wurden, um die Existenz des Bösen in dieser Welt zu erklären, und dadurch Eva zunehmend ins Visier geriet, der die Schuld an allem Unheil in die Schuhe geschoben wurde. Das prägte die christliche Kultur bis ins Mark. Noch heute ist es die offizielle Lehrmeinung der katholischen Kirche, dass das Böse, die Sünde, durch Adam und Eva in die Welt trat und durch den nicht einmal biblischen Fall der Engel.

Deshalb besitzt die Enthüllung, dass die Adam-und-Eva-Geschichte heidnische Vorgänger besaß, dass sie eine recht genau historisch zu verortende Erfindung war, eine so große Brisanz. Es ist das Ziel jeder Herrschaft, sich und die Stützen ihrer Macht zu festigen, sie zu «naturalisieren» […], sie ihrer geschichtlichen Gewordenheit zu entkleiden und «natürlich» erscheinen zu lassen. Also zu verschleiern, dass sie ein künstliches Produkt von Menschenhand ist.

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Die Wahrheit über Eva: Die Erfindung der Ungleichheit von Frauen und Männern
von Carel van Schaik und Kai Michel
Rowohlt Buchverlag
ISBN 978-3-498-00112-4