Freies Denken ist ohne eine freie Sexualität nichts wert 

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WEIMAR. (fgw) Freigeist (frz. Libertin) – das Wort sagt sich leicht dahin. Doch wer aber ist ein Freigeist bzw. was ist ein Freigeist? Besser gefragt: Was sollte einen Freigeist charakterisieren, was ihn auszeichnen?

Mein ganz persönliches Credo als Freigeist lautet so:

„Über alles nachdenken können und wollen,

über alles auch reden (schreiben) wollen und können;

keineswegs aber das alles auch tun wollen, tun wollen müssen!“

Ein Freigeist ist also zuerst vom Kopf, vom Verstand her ein Freidenker. Also jemand, der nicht in – zumeist widersinnigen – religiösen Dogmen gefangen ist. Doch der Mensch ist nicht nur „Kopf“, ist nicht nur (wenn möglich) ein Verstandesmensch.

Er ist und bleibt ursprünglich, also ein Natur-Wesen. Ist also auch Körper, und die Natur hat ihm aufgegeben, sich zu vermehren, seine Spezies zu erhalten. Womit wir bei der Sexualität wären. Und bei der Sinnlichkeit. Ein Freigeist ist also auch ein Freisinniger. „Freisinnig“ meinte im deutschen Sprachgebrauch des 19. Jahrhunderts, zuvörderst eine politische Einstellung, die der Aufklärung, der republikanischen Demokratie verpflichtet sein sollte.

Aber man kann diesen Begriff auch eindeutiger formulieren als „freie Sinnlichkeit“ – im weitesten Sinne als freie Sexualität, als frei gelebte Sexualität. Wobei „freie Sexualität“ nichts wertneutrales ist. So wie jeder einzelne Mensch höchst individuell ist, so ist auch seine Sexualität stets höchst individuell, und unwahrscheinlich facettenreich. Zu bedenken ist beim heute inflationären Gebrauch der Begriffe „frei“ und „Freiheit“ immer auch, daß die eigene Freiheit stets da endet, ja, da enden muß, wo sie die Freiheit eines jeden Anderen tangiert oder gar verletzt.

Ja, die sexuellen Veranlagungen des Menschen, seine Neigungen, seine Bedürfnisse, seine geheimen Wünsche und nicht zuletzt seine diesbezüglichen Phantasien sind derart vielfältig und daher kaum zu kategorisieren. Zumal nicht zuletzt die jeweiligen Produktions- und Eigentumsverhältnisse und die darauf basierenden gesellschaftlichen Verhältnisse die ganz individuellen zwischenmenschlichen Beziehungen begründen.

Zu berücksichtigen sind ferner die in allen Epochen deutlich verschiedenen geprägten Kulturkreise rund um den Erdball. Was einst bzw. heute und dort völlig „normal“ war bzw. ist, das kann anderswo zu dieser oder jener Zeit als widernatürlich, gar als „pervers“ gelten. Und geächtet sein, gar mit drakonischen Strafen sanktioniert werden.

Aber es gab auch – überwiegend sogar – Zeiten, in denen vielgestaltige heidnische bzw. polytheistische Weltanschauungen, Religionen, dominierten – Sexuelles war mitunter sogar in kultische Rituale integriert. Die also sinnenfreudiger (sagen wir es auch so: die durchaus humanistischer waren) waren als z.B. das monotheistische Christentum. Welches im Kern jedwede Sexualität, die nicht der „leider“ notwendigen Erhaltung der eigenen Art dient, als Sünde verdammt. Und gerade dieses Einreden von Schuld, das Schüren von Ängsten vor Höllenstrafen sollte sich als bestes Mittel für die Herrschaft von Priesterkasten über Mensch, Gesellschaft und Staat erweisen.

Was kann man nun alles zum Ausleben einer freien Sexualität rechnen? Nicht nur monogame, sondern auch polygame oder polyamore Beziehungen. Nicht nur heterosexuelles, sondern ebenso homo- und bisexuelles Verlangen und Ausleben.

Grenzen wir aber nun die Sexualität, genauer die „freie Sexualität“ hier auf den Bereich des sogenannten BDSM ab. Was diese vier Buchstaben bedeuten, das möge jeder selbst in einem Lexikon nachschlagen. Aber da ist es wieder – das Kategorisierungsproblem. Auch dieser Bereich der Sexualität ist derart vielfältig, ist so vielgestaltig. Da gibt es Dominant-devotes (bzw. Submissives), da gibt es Sado-masochistisches, gar auch beides zusammen, da gibt es Bizarres…

Und zumindest seit Menschen der klassenlosen Urgemeinschaft entwachsen sind, leben sie solche Neigungen und Bedürfnisse aus. Denn jetzt war man ja so produktiv, daß es im Leben um mehr als nur den Erhalt der primitiven Existenz ging. Allerdings, dieses Ausleben von Lust konnten – und wollten und durften – sich auch nur die Angehörigen der jeweils herrschenden Klassen erlauben. Den Untertanen war dies, blieb dies, strikt verboten. Das änderte sich erst in Europa und Nordamerika ab Mitte des 20. Jahrhundert. Und erst mit dem letzten Drittel dieses Jahrhunderts verließ das stets latent vorhandene BDSM-Leben seine Verstecke. Man begann es jetzt, nicht zuletzt dank des Internets, öffentlich auszuleben. Und auch nicht mehr nur unter den „oberen Zehntausend“ und in Künstlerkreisen…

All dieses wurde, dezent nur, auch in meinem Universitätsstudium der Kulturwissenschaften angesprochen. Kulturgeschichte der Sexualität nannte sich das neutral und konkret. Gerne hätte ich zu diesem Thema auch meine Diplomarbeit geschrieben. Aber für ein ausführliches Quellenstudium war nicht genügend Zeit.

Aber danach – mittlerweile seit rund 25 Jahren – hatte ich viele Gespräche bzw. Befragungen mit Frauen, die sich als „devot“ bzw. „submissiv“ bezeichnen. Und ich las auch vieles an sexualwissenschaftlicher Fachliteratur – in Verbindung mit den oben erwähnten Erlebnisberichten bzw. geäußerten Phantasien. Was die Berichte angeht, so hatten meine Gesprächspartnerinnen diese sowohl positiv erlitten als auch negativ „erlitten“.

Mich persönlich interessierte vor allem die Frage, warum sich Frauen freiwillig einem Mann sexuell unterwerfen wollen? Warum gerade selbstbewußte, selbständige und beruflich erfolgreiche Frauen – und nicht zuletzt in gehobenen Positionen tätige – das wollen? Aber wenn man für ein weiteres Nachdenken anstelle von „Unterwerfung“ das Wortpaar „vertrauensvolle Hingabe“ setzt, dann kann man feststellen, daß hier Unterwerfung nichts anderes als eine ganz besondere Form von Hingabe, von Liebe darstellt. Wobei freie Sexualität nicht unbedingt mit Liebe im klassischen Sinne einhergehen muß. Sie kann auch auf „nur“ freundschaftlicher Basis gelebt werden.

Wer waren nun diese Frauen, die sich offen zu ihren Neigungen, zu ihren Phantasien und zu dem Ausleben derselben bekannten? Sie waren Leitende Oberärztin und Ärztinnen, Rechtsanwältin und Inhaberin einer großen Kanzlei, Geschäftsführende Gesellschafterinnen mittelständischer Unternehmen, Diplom-Ingenieurinnen, Leiterin einer großen christlichen Buchhandlung oder Gymnasiallehrerin – und zwischen 30 und 40 Jahre alt.

Unabhängig voneinander sagten sie mir über ihre Motive, sexuell submissiv bzw. devot sein zu wollen:

– ich muß den ganzen Tag stark sein,

– darf keine Fehler machen,

– darf keine Schwäche zeigen,

– ich muß stets Entscheidungen treffen, Anweisungen geben,

– ich muß stets korrekt sein (auch in der Sprache),

– (ich muß auf strikte Hygiene achten)

– ich muß bewerten, bestrafen, belobigen…

…also möchte ich – auch als Ausgleich dazu – im Privaten, im Sexuellen einfach nur das Gegenteil sein dürfen. Ich möchte nur Weib, nur „Fotze“ sein, möchte benutzt werden und sehen, spüren, DASS und WIE SEHR es ihn nach mir verlangt, und daß ich seine Lust befriedigen kann und damit auch die eigene. Ich möchte es hier „schmutzig“, obszön usw. usw.

Etwas sehr ähnliches bekam ich etwa fünf bis zehn Jahre später auch von Gymnasiastinnen und Studentinnen zu hören, die mit ihren 18 bis 24 Jahren deutlich jünger waren als vorgenannte Frauen. Auch wenn bei diesen dennoch die Neugier überwog, sie einfach nur Erfahrungen sammeln wollten. Und auch schon erste, wenngeich differenzierte Erfahrungen gemacht hatten.

Äußerungen aus den Weiten des WWW blieben und bleiben aber für mich generell außen vor, denn da ist ja viel zu oft keiner das, was sie und er zu sein vorgeben.

Was diese hochgebildeten, selbstbewußten und selbständigen Frauen und ihr Frau-sein und ihre Sexualität charakterisiert hat nichts mit den vorgeblichen Frauenrechten etc. zu tun, die von verklemmten EMMAnzen oder gendernden Menschen wie eine Monstranz vor sich her getragen werden. Und die Männer bzw. das „Patriarchat“ für alle Übel dieser Welt verantworlich machen. Die im Prinzip nur die christliche Sinnenfeindlichkeit fortsetzen. Das gilt leider auch für viele Menschen, die sich als Freidenker oder Humanisten bezeichnen.

Zurück zum Thema: Mich persönlich fasziniert vor allem das (Rollen-)Spiel aus Macht und Hingabe, denn nichts anderes stellt eine dominant-devote Liebesziehung im Kern dar. Denn nur in einem solchen Rollenspiel können Phantasien zum Leben erweckt werden. Und Immer wieder – nicht nur im sexuellen Bereich – bewegt mich gerde als Freigeist konkret die Frage von Macht und Verhinderung von Machtmißbrauch.

Denn wie oben geschrieben, „freie Sexualität“ ist nicht wertneutral, sie ist nicht an Liebe gebunden. Sie wird zu oft mit kommerziellen Interessen verbunden; da kann naive Hingabe zu Hörigkeit, kann zum Absturz führen. Zu viele Menschen, Männer zumeist, nutzen unter Vortäuschungen gerade die Neugier junger Frauen, von Mädchen, aus, um sie gezielt und hinterhältig in die Prostitution zu zwingen. Das soll mit Absicht betont werden. Eben deshalb muß Vertrauen an erster Stelle beim Eingehen einer solchen BDSM-Beziehung stehen, gepaart mit gegenseitiger Achtung!

Übrigens, selbst das Thema Inzest sollte in solchen Überlegungen über freie Sexualität nicht ausgeklammert worden. Denn in der Geschichte der Menschheit war das durchaus nicht immer ein Tabu. Man denke da nur an die Pharaonen und die Inca. Ja, selbst in einer sehr bedeutenden europäischen Dynastie ist es bis ins 20. Jahrhundert hinein üblich gewesen, immer wieder Cousinen zu ehelichen. Und im katholischen Hochadel Europas galten Mädchen noch bis Mitte des 19. Jahrhundert ab dem 13. Lebensjahr als „ehemündig“ Das alles hatte allerdings mit freier Sexualität und erst recht mit Liebe nichts zu tun. Sondern diente ausschließlich dem Macht- und Vermögenserhalt.

Und, wer glaubt, das hier zum Thema Niedergeschriebene sei nur kranker Männerphantasie entsprungen, der bzw. die nehme doch bitte mal entsprechende Literatur aus Frauenhand zur Kenntnis – beispielsweise „Anankes“ Trilogie um „Clair de Lune“. Was darin z.B. an extremsten, bizarrsten Praktiken einer dominant-sadistischen Frau detailliert beschrieben gibt, das kann sogar einen gestandenen Mann zum Schaudern bringen.

Abschließend noch einmal zurück zum Credo eines Freigeistes. Man kann dieses auch etwas anders formulieren:

Alles was mündige Menschen im Vollbesitz ihrer geistigen Käfte, verantwortungsbewußt und freiwillig miteinander für gemeinsamen Lustgewinn tun, all das ist normal. Es ist daher egal, wen man liebt, wann und wo und auch wie man liebt. Wichtig ist nur, DASS man liebt UND auch selbst geliebt wird!

Siegfried R. Krebs


07.01.2021
Von: Siegfried R. Krebs

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