Die neue Seidenstrasse: Chinas Weg zur Weltmacht

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Rezensin von Dr. Gerfried Pongratz:

China will zeigen, dass das westliche System marode ist und das chinesische Modell mit seinem von oben nach unten gelenkten Staatskapitalismus bestens funktioniert“.

Patrick Rohr: „Die neue Seidenstrasse: Chinas Weg zur Weltmacht“ Eine fotojournalistische Reise, © Orell Füssli Verlag, Zürich, 2021, ISBN 978-3-280-05731-5, 256 Seiten.

In das Land China kann man sich leicht verlieben. Doch besser, man tut es nicht, denn man könnte enttäuscht werden“. Der im Auftrag von Entwicklungs- und Menschenrechtsorganisationen in Krisen- und Entwicklungsgebiete reisende Schweizer Fotojournalist Patrick Rohr beschreibt einige an der neuen Seidenstraße liegende Länder und geht dabei der Frage nach, was es bedeutet, von China ausgehend verkehrstechnisch und infrastrukturmäßig verbunden, bzw. erschlossen zu werden. Er reflektiert die dabei entstehenden Abhängigkeiten und Risiken und analysiert, inwieweit dieses Jahrhundertprojekt den angeschlossenen Ländern zu Prosperität und Frieden verhilft, so wie es Chinas Präsident Xi Jinping beim Start 2013 verkündet hatte, oder ob es vor allem nur China nützt und „die Welt sehenden Auges ins Verderben stürzt“.

In Anlehnung an die historische Seidenstraße, dem über 2000 Jahre alten Netz von Handelsrouten zwischen Europa und Asien, werden von China in den beteiligten Ländern Straßen, Eisenbahnlinien, Häfen, Flughäfen und Logistikzentren gebaut, bzw. vergrößert und renoviert. Einen großen Teil der Projekte finanziert China direkt, andere Teile unterstützt es mit großzügigen Krediten, was die Empfängerländer in finanzielle Abhängigkeit bringt und China ermöglicht, Druck auszuüben, um seine wirtschaftlichen und politischen Interessen durchzusetzen.

Die neue Seidenstraße besteht aus drei Hauptkorridoren, Patrick Rohr folgt dem mittleren, dem Eurokorridor, in dem er sechs Länder – China, Kirgisistan, Türkei, Rumänien, Ukraine, Polen – bereist und mit Länderporträts beschreibt. Das Buch erhebt nicht den Anspruch, das jeweilige Land in umfassender Vielfalt zu zeigen; der Autor ist stattdessen bemüht – neben wichtigen Daten zu Geschichte, Wirtschaft, Kultur etc. -, vor allem dessen aktuelle Herausforderungen darzustellen und gleichzeitig die mit dem Projekt Seidenstraße verbundenen politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Fragen zu beleuchten: „Stehen sich da nicht Religionen, Ideologien und Systeme gegenüber, die sich kaum je verbinden lassen?“

Beginnend bei China entwickelt Patrick Rohr einen großen Erzählstrom, der, ergänzt mit aussagestarken Fotos, von zahlreichen anregenden, spannenden und berührenden Begegnungen erzählt und dabei Einblicke in das Leben der Menschen, in ihre Hoffnungen und Wünsche, ihre Sorgen und Nöte, aber auch in ihre kleinen und großen Freuden und Leiden gewährt. Ein großes Talent des Autors besteht darin, dass es ihm anscheinend mühelos, oftmals spontan, gelingt, Begegnungen herzustellen und dabei Freundschaften mit Menschen verschiedenster Alters-, Einkommens- und Bildungsstufen zu schließen. Zusätzlich waren ihm auch Journalistinnen und Journalisten der betreffenden Länder behilflich, kompetente Gesprächspartner zu finden.

Die Beschreibung Chinas mit den Lebensumständen der ca. 1,4 Milliarden Menschen verdeutlicht die Zwiespältigkeiten, in denen sich das Land befindet; es hat viele Gesichter, Kommunismus und Kapitalismus bilden keine unüberwindbaren Gegensätze. Neben gewaltigen technologischen, wirtschaftlichen, auch sozialen Fortschritten – mit Produktionsmethoden, in denen Zwölf-Stunden-Schichten normal sind -, herrschen rigorose Zensur und repressive Überwachung, die allerdings nach Ansicht des Autors von einem Großteil der Bevölkerung gutgeheißen werden. Die meisten Menschen leben gut mit Widersprüchen, bzw. haben sich damit abgefunden – das alte Prinzip „Brot und Spiele“ wird von der Regierung meisterhaft gehandhabt. Bei seinen Erkundungen und Gesprächen trifft der Autor auf moderne, neugierige und offene Menschen, wobei ihn besonders die von allen Seiten entgegengebrachte, überwältigende Gastfreundschaft beeindruckt. Das Projekt „Neue Seidenstraße“ wird bei nahezu allen Begegnungen von nahezu allen Gesprächspartnern mit Stolz und Begeisterung begrüßt – ihn befällt dabei großes Unbehagen und er fragt sich, „ob die Welt, ob die Menschen entlang der neuen Seidenstraße wissen, was auf sie zukommt, wenn China erst einmal richtig losgelegt hat“.

Die Beschreibungen der weiteren vom Autor besuchten Länder können hier nur sehr eingeschränkt wiedergegeben werden; in allen Destinationen erlebte er Gespräche und Situationen, die ihm das jeweilige Land nicht nur wissensmäßig, sondern auch emotional näher brachten:

In Kirgisistan, ein wunderschönes Land, das sich politisch allerdings in Aufruhr befindet, blüht der Handel; als junge zentralasiatische Demokratie baut das Land gerade erfolgreich eine eigene Textilindustrie auf – möglich gemacht wird dies durch die neue Seidenstraße, über die nicht nur Güter, sondern auch viele Ideen kommen.

Mit der Türkei beschreibt Patrick Rohr ein Land im Wandel hin zu „alle Macht den Starken“; er erklärt die geografischen, kulturellen, geschichtlichen sowie aktuell politischen Gegebenheiten und Probleme, die nicht zuletzt aus der Islamisierung und der Kurdenfrage resultieren. Das Land „rollt für die Seidenstraße den Teppich aus“; die Liste chinesischer Vorhaben wird immer länger, so z.B. investiert China 1,7 Milliarden US-Dollar in den Bau eines neuen Kohlekraftwerkes, auch soll ein drittes türkisches Atomkraftwerk von China gebaut werden.

Rumänien bezeichnet der Autor als „Land der großen Träume“, es hat sich noch nicht von der kommunistischen Diktatur erholt und leidet schwer unter seiner Geschichte. Die Armut ist groß, neben der EU soll China die Rettung bringen. Gespräche mit klugen, aufgeschlossenen Menschen erweitern auch hier das Verständnis der gravierenden Probleme des Landes, zu denen u.a. das niedrige Bildungsniveau gehört, über 40% der jungen Menschen sind funktionale Analphabeten. Chinas geplante große Investitionen – z.B. in den Hafen von Konstanza am Schwarzen Meer – gehören zur Rubrik der großen Träume.

Die Ukraine und Polen beschließen die Länderporträts, die Anbindung an die neue Seidenstraße wird in beiden Staaten überwiegend positiv bewertet. In der Ukraine haben die Menschen unter der Sowjetherrschaft schwer gelitten; nach dem blutig beendeten Aufstand herrschte Chaos im Land. Obwohl Krieg, Korruption und der große Einfluss der Kirche die Entwicklung behindern, blickt man erwartungs- und hoffnungsvoll in die Zukunft; so entstehen z.B. im ganzen Land IT-Cluster auf höchstem Niveau. In Polen tobt ein heftiger Kampf zwischen religiös bestimmtem Konservativismus und westlichem Liberalismus. Mit der katholischen Kirche im Rücken verhindert die Regierungspartei sozialen Fortschritt, eine stärker werdende Zivilgesellschaft wehrt sich immer heftiger dagegen.

„Die neue Seidenstrasse: Chinas Weg zur Weltmacht“ vermittelt umfassendes Grundwissen zum chinesischen „Jahrhundert-„, manche Fachleute meinen sogar „Jahrtausendprojekt“. Neben Geschichte, Geografie, Politik etc. beschreibt der Autor Alltagssituationen wie auch kritische Entwicklungen in den von ihm bereisten Ländern. Im Kapitel „Schlusspunkt“ des Buches analysieren Experten die Wirtschaftsoffensive Chinas: Im Seidenstraßenprojekt gehe es nicht zuletzt auch um einen Wettbewerb zwischen dem westlichen und chinesischen System: „China will zeigen, dass das westliche System marode ist und das chinesische Modell mit seinem von oben nach unten gelenkten Staatskapitalismus bestens funktioniert“. Das Buch bietet als fotojournalistische Reise nicht nur explizites Wissen mit interessanten Einblicken und Erkenntnissen, sondern gleichzeitig auch kurzweilige Lektüre.

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