Die Corona-Schutzimpfung. Wie trenne ich die Spreu vom Weizen?

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Gibt es eine Schutzimpfung gegen falsche Corona- Propheten?

Fühlen Sie sich nicht auch durch die zahlreichen Corona-Sendungen und einschlägigen Youtube-Videos gelangweilt? Haben Sie nicht auch den Eindruck, dass dort selten wirkliche Fachleute auftreten sondern meistens Personen, die Sie eher in die Kategorie “notorische Selbstdarsteller“ und “PR-Clowns“ einordnen würden? Sie haben irgendwie das Gefühl, dass Ihnen hier über weite Strecken eine reine Wissenschaftsshow ohne wirklich wissenschaftliche Information geboten wird? Sie vergleichen diese Sendungen insgeheim mit dem klassischen Trash-TV, sozusagen ein Corona-Dschungelcamp für begrenzt talentierte (Hobby-)Wissenschaftler? Sie halten die Konsumation dieser Sendungen für eine Verschwendung wertvoller Lebenszeit? Sie stellen sich mittlerweile zwei entscheidende Fragen:

a) Was soll das alles?

b) Wissen diese “Experten“ mehrheitlich überhaupt wovon sie reden?

Aufgrund der Tatsache, dass vom Verfasser noch keine der zahlreich kursierenden Verschwörungstheorien als ausreichend begründet angesehen wird, kann ich Ihnen leider die erste Frage nicht beantworten. Hinsichtlich der zweiten Frage lautet die klare Antwort: Nein! Kritische Leser werden nun einwenden: Wie kann es ein Althistoriker wagen die Kompetenz von Coronaexperten zu beurteilen? Hier muss entgegengehalten werden, dass in den Forschungsbereich eines Althistorikers auch die “Attische Seuche“ (430-426/25 v Chr) fällt, welche der Historiker Thukydides beschreibt. Aufgrund dieser epidemiologischen Expertise erscheine ich somit angesichts des Corona-Mitbewerbs geradezu als überqualifiziert.

Spaß beiseite. Die Show, die hier geboten wird, ist teilweise schon so absurd und die fachliche Inkompetenz vieler sogenannter Experten ist so offensichtlich, dass sogar ein Laie die Kompetenz und das Recht hat dieses faule Ei zurückzuweisen, auch zwar auch dann, wenn er kein besseres legen kann.

Von welchen “Experten“ reden wir hier? Nein, es geht hier weder um die Anhänger eines eingereichsbürgerten Ex-Fernsehkochs noch um jene Menschen, welche Sie sofort mit einem Scanner nach dem Vorhandensein eventueller Micro-Chips untersuchen. Hiermit soll nicht die Problematik dieser Wahnideen geleugnet werden. Die Widerlegung derartiger Spinnereien ist ein wesentlicher Teil der Aufklärung und es ist auch durchaus legitim über diese Leute Witze zu machen. Allerdings bewegt man sich hier im Bereich des Mainstreams, für diese Kritik bedarf es keineswegs einer überdurchschnittlichen Zivilcourage und man erntet dafür leicht billigen Applaus. Wesentlich mehr Mut erfordert es jene “Experten“ zu kritisieren, welche die Talk-Shows des Mainstreams und die Youtube-Kanäle aufgeklärter Menschen heimsuchen. Ziel des Artikels ist somit der Übergang vom “billigen“ zum “biliken“ Applaus.

Anlass für diesen Artikel waren die Reaktionen auf das von mir geführte Interview (https://www.wissenbloggt.de/2021/02/19/ist-die-corona-schutzimpfung-wirklich-voellig-ungefaehrlich/). Unter Bezugnahme auf die dortigen Aussagen wurde an mich die Frage gerichtet, wie man als Laie die Seriosität eines Coronaexperten feststellen kann und wie man solche Kapazitäten aus der Fülle von Pseudo- und Möchtegernexperten herausfiltern kann. Es gibt hier leider exakte keine Formel dafür, ich möchte im Folgenden aber meine subjektiven Erfahrungen und Vorgehensweisen präsentieren und zur Diskussion stellen. Auch bei dieser Methodik wird es naturgemäß “Ausreißer“ in beide Richtungen geben.

Es möge sich niemand persönlich angegriffen fühlen, aber gleich vorweg kann ich festhalten: Es gibt sehr wenige Wissenschaftler, die hier wirklich mitreden können und in der Lage sind nicht nur allgemeine Zusammenfassungen zu präsentieren, sondern fundierte Stellungnahmen und Empfehlungen abzugeben.

Meine Anforderungen an einen Experten umfassen folgende Punkte:

  1. Spezifische wissenschaftliche Ausbildung mit virologischem Schwerpunkt
  2. Nachweisliche Forschungs- und Publikationstätigkeit im Bereich der Virologie
  3. Weitgehender Ausschluss außerwissenschaftlicher Interessen

Manche Leser werden jetzt einwenden, dass dies sehr hohe Anforderungen seien. Das ist richtig, allerdings geht es hier um die Gesundheit bzw. um  Menschenleben, daher ist es auch aus Patientensicht unser Recht, von den Fachleuten eine entsprechende Expertise einzufordern. Hier sollten nur echte Profis mitmischen, das Thema darf eben aus diesem Grund keine Manege für irgendwelche “PR-Clowns“ werden.

Ad 1) Da dieses Thema hochkomplex ist und viele spezifische Fragestellungen (Virologie, Biochemie, Immunologie, Infektiologie, Epidemiologie) umfasst, erscheint ein hochgradig spezialisiertes Vorwissen als unumgänglich. Es ist daher schwer nachvollziehbar, wieso Naturwissenschaftler aus völlig anderen Bereichen (Physiker, Allgemeinmediziner und Chemiker ohne entsprechende Zusatzqualifikation) hier als Experten auftreten können. Offenbar scheint ein  naturwissenschaftlicher oder medizinischer Studienabschluss auszureichen um sich als Coronaexperte zu qualifizieren. In der Geisteswissenschaft ist das anders. Wenn ein Fachkollege, der sich bisher fast ausschließlich mit der Entzifferung frühgriechischer Inschriften beschäftigt hat, nun plötzlich in den Medien als Experte für den Zweiten Weltkrieg auftritt, dann wird man sich höflich aber bestimmt nach dem persönlichen Wohlbefinden des lieben Kollegen erkundigen. Bezeichnenderweise haben etliche befreundete Mediziner mir auch offen erklärt, dass sie zu keiner öffentlichen Stellungnahme bereit sind, da weder ihre Ausbildung noch ihre Erfahrung sie dafür ausreichend qualifiziert.

Ad 2) Warum wird von meiner Seite aus so großer Wert auf die spezifische Forschungstätigkeit gelegt? Reicht ein spezifisches Studium nicht aus? Der Grund hierfür liegt in der Dynamik der Forschung. Das diesbezügliche Wissen ändert sich circa alle zehn Jahre grundlegend. Allein die Erkenntnisse in der der DNA-Forschung zwangen die jüngeren Forscher große Teile ihres mühsam erworbenen Studienwissens zu revidieren. Wissenschaftler, welche einschlägige Publikationen veröffentlichen, sind gezwungen hinsichtlich des Forschungsstandes “up to date“ zu sein, da sonst die Wahrscheinlichkeit groß ist, dass dies von den Peer-Reviewern beanstandet wird. Aktive Forscher zu finden erhöht daher die Wahrscheinlichkeit der Trefferquote bezüglich der Kompetenz.

Ad 3) In den Medien dominieren die Institutsleiter als Experten. Nichts gegen Institutsleiter, aber in der Regel handelt sich hier gerade um jene Wissenschaftler, welche derartig mit anderen Aufgaben eingedeckt sind, dass sie wenig Zeit die Forschung haben. Hinzu kommt, dass gerade in Österreich solche Posten auch durchaus politisch bedeutsam sein können. In den Aufgabenbereich dieser Manager fällt üblicherweise auch die Projektfinanzierung, also die Lukrierung von Geldern. Woher kommen diese Gelder im konkreten Fall? Öffentliche Gelder sind in der Regel schwerer zu bekommen, bei wenig Budget gibt es auch eine geringere Förderquote, daher ist der Griff nach dem Geld der Pharmaindustrie in vielen medizinischen Bereichen ein notwendiger Schritt. Diese Überlegungen lassen die Fragen aufkommen: Wissen diese Institutsmanager das, was wir wissen möchten? Und wenn sie es wissen, können sie uns dann wirklich das sagen, was sie wissen? Gerade die Rolle der Pharmaindustrie stellt bei diesem Thema einen Faktor da, der vermutlich von etlichen Journalisten erheblich unterschätzt wird. All jenen, die jetzt – geprägt von den Medien der “Aufklärung“ – von “Verschwörungstheorie“ sprechen, sei ein kleiner Hinweis gegeben: Experten, die einiges zu diesem Thema zu sagen hätten, haben die Interviewanfrage negativ beantwortet mit dem Hinweis, dass ihr Job von der Pharmaindustrie finanziert wird.

Meine Recherchen bezogen sich auf die Frage der Coronaimpfung. Für andere Fragen im Bereich Corona müssten die Fragen entsprechend modifiziert werden. Zur Feststellung der wissenschaftlichen Kompetenz eines “Experten“ bzw. ganzer Expertenorganisationen lohnt es sich daher die bisherigen Artikel und Videos nach einschlägigen Äußerungen durchzusehen. Wirkliche Experten kennen die Evidenz, die Forschungsprobleme und haben gegebenenfalls methodisch relevante Lösungen anzubieten. Ich habe hier zur Überprüfung folgende Problembereiche als kurze aber prägnante Checklist herangezogen:

  1. Forschungsstand zu RNA Impfstoffen.
  2. Problematik möglicher genetischer Veränderungen bei Vektor-Impfstoffen

ad a) Auch von Vertretern der Pharmaindustrie bekommt man (natürlich inoffiziell) hinsichtlich der RNA Impfstoffe folgende Auskunft: „In dieser Technologie liegt ein Riesenpotential für die Lösung vieler gesundheitlicher Herausforderungen, allerdings stehen wir hinsichtlich der Erforschung dieser Technologie noch ziemlich am Anfang“. Genau aus diesem Grund wird auch innerhalb der Forschung der Einsatz dieser Impfstoffe sehr kontrovers diskutiert. All jene “Experten“, welche diese Problematik ignorieren oder gar “Fake News“ verbreiten wie “diese Technologie ist bereits gut erforscht und nachgewiesenermaßen völlig harmlos“ scheiden daher als Experten aus. Entweder liegt hier ein Kompetenzproblem vor, oder es gibt außerwissenschaftliche Gründe für ihr Verhalten.

Ein praktischer Tipp für Journalisten. Stellen Sie dem Impfexperten gleich zu Beginn des Gesprächs die Frage, welche Studien es zur RNA Forschung gibt und wie er auf Basis dieser Evidenz zu seiner Schlussfolgerung für oder gegen die Unbedenklichkeit der Impfung kommt. Wenn hier keine klaren Antworten kommen, können Sie – soferne Sie nicht an die hellseherischen Fähigkeiten Ihres Gegenübers glauben – das Gespräch höflich aber rasch beenden. Vorsicht: Manchmal werden hier Zusammenfassungen zitiert, hierbei handelt es sich aber meistens um Werbetexte der Pharmaindustrie! Um es klar zu sagen: Es geht hier (ebenso wie bei Punkt b) nicht darum wie der argumentative Weg des Experten zu seiner jeweiligen Position aussieht. Hier bewegt man sich in einem Spezialbereich, wo wir Laien einfach nicht mehr mitreden können. Die entscheidende Frage ist nur, ob der Experte überhaupt das fachliche Basiswissen hat um zu diesem Thema qualifizierte Aussagen zu tätigen oder ob er das Opfer irgendeiner “Informationskampagne“ ist und nur irgendetwas erzählt, was er irgendwo gehört hat.

Ad b) Auch die Frage, ob die Corona-Schutzimpfung unser Erbgut verändert, wurde von den “Experten“ beider Seiten intensiv thematisiert. Es gehört nun zum biologischen Grundwissen, dass eine Coronaschutzimpfung auf DNA-Basis (im Unterschied zur RNA Impfung) sehr wohl das Potential besitzt das Erbgut des Virus in das Erbgut des Menschen zu integrieren (https://www.spektrum.de/news/vektor-impfstoff-wird-adenovirus-dna-ins-genom-eingebaut/1835725#Echobox=1613545962?utm_source=pocket-newtab-global-de-DE). Während auf der Seite der “Verschwörungstheoretiker“ oftmals  pauschal die Impfung (wahlweise mit oder ohne das Zutun von Bill Gates) als Gefahr für das Erbgut dargestellt wird, besteht auf der anderen Seite des coronafundamentalistischen Spektrums die Tendenz jeden, der auf diese Gefahr aufmerksam macht, undifferenziert als Spinner und Verschwörungstheoretiker zu deklarieren. So unterschiedlich die Positionen auch sein mögen, beide vereint die besondere fachliche Kompetenz. Hier bleibt die Hoffnung, dass vielleicht diese Übereinstimmung zur Eintracht unter dem gemeinsamen großen Aluhut führt. Es gilt das gleiche wie bei den RNA Impfstoffen. Wer solche Positionen vertritt, „is definitly not part of the game“. Die Einschätzungen dieser Personen hinsichtlich des Risikopotentials der Corona-Schutzimpfung entsprechen der prognostischen Validität der etruskischen Eingeweideschau.

Manche werden sich an dem Ausdruck “Coronafundamentalismus“ stoßen. Mittlerweile hat das Coronathema den praktischen Status einer Religion erreicht, welche die Gesellschaft spaltet. Es gibt wenig fundiertes Wissen und viel Emotion. Es ist typisch für religiöse Fundamentalisten, dass die eigene Unsicherheit durch Fanatismus und Missionseifer verdrängt und ein dualistisches Weltbild gepredigt wird, das nur Engel und Teufel kennt.

Nehmen wir zur Veranschaulichung ein prominentes Beispiel. Mai Thi Nguyen-Kim (Mai Lab) hat ein Video (https://www.youtube.com/watch?v=a_NpJU12_LA) mit Fragen zur Corona-Schutzimpfung veröffentlicht. Mai Lab ist Polymerchemikerin ohne jegliche Erfahrung in der Virologie und Epidemiologie. Im Unterschied zur Chemie ist die Biologie nun kein lineares System sondern wesentlich chaotischer und komplexer. Ohne entsprechende fachliche Beratung ist es so gut wie ausgeschlossen, dass sie – ohne dieses spezifische Hintergrundwissen – die Komplexität des Themas ausreichend reflektiert. Man kann von einem solchen kurzen Video daher von Haus aus keine tiefschürfenden Erkenntnisse erwarten. Problematisch erscheint an dem Video vielmehr, dass sich die medienaffine Protagonistin dieses Sachverhaltes nicht bewusst zu sein scheint. Es wirkt nun aber ausgesprochen tragisch, dass dieses Video einerseits geradezu als “Evangelium“ gefeiert wird und andererseits zu einem regelrechten “Religionskrieg“ im Internet geführt hat. Die Diskussion (oder sagen wir besser der Kreuzzug) wurde (mangels Sachkenntnis)  von den fanatisierten Glaubenseiferern großteils weitgehend evidenzbefreit geführt, sozusagen ein blutiges (aber im Grunde überflüssiges) Duell der Unwissenden.

Dieser kleine und natürlich sehr subjektive Überblick soll eine Hilfestellung für Medienkonsumenten, Patienten und Journalisten darstellen. Besonders erfreulich wäre es, wenn auch so mancher der erwähnten “Experten“ diese Ausführungen zum Anlass nehmen würde, seinen Expertenstatus kritisch zu reflektieren, diesbezüglich neue Erkenntnisse zu gewinnen und sein Verhalten an diese Erkenntnisse zu adaptieren. Jeder sollte sich die Frage stellen, ob sein Wissen fundiert genug ist um damit hoch emotionalisierte Diskussionen zu führen und damit die Spaltung der Gesellschaft weiter voranzutreiben.

Dieser Artikel wird nun kaum eine große Verbreitung finden. Wesentlich effektiver für die Förderung des diesbezüglichen Problembewusstseins wäre die publikumswirksame Verleihung eines Schmäh-Preises. Hier würde sich die Nominierung zur “Goldenen Clown-Nase“ anbieten. Einige Kandidaten befinden sich schon auf der Nominierungsliste. 

Dr. Ronald Bilik, 28.02.21

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