Andreas Altmann: „Gebrauchsanweisung für die Heimat“

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Rezension von Dr. Gerfried Pongratz: Andreas Altmann: „Gebrauchsanweisung für die Heimat“ © 2021 Piper Verlag, München, ISBN 978-3-492-27743-3, 220 Seiten.

Mein Hauptwohnsitz ist die deutsche Sprache, nebenbei wohne ich in Paris. Benötige ich mehrere, ja, viele „Dinge“, die man Heimat nennen könnte? Die Antwort ist so einfach: bestimmt!“ Andreas Altmann zählt zu den bekanntesten deutschen Reisebuchautoren, seine bildmächtige, überaus ausdrucksstarke Sprache, seine scharfe Beobachtungsgabe, seine radikal ehrlichen, dabei aber auch zärtlich poesievollen Schilderungen in nunmehr 24 Büchern haben ihm nicht nur zahlreiche Preise und Auszeichnungen, sondern auch eine Leserschaft, ja Fangemeinde, beschert, die jeder seiner Buch-Neuerscheinungen mit gespannter Vorfreude entgegensieht. Sein neuestes Werk kreist um den Begriff „Heimat – was das magische Wort auch bedeuten mag – muss sein. Der Mensch braucht Lichtquellen, einen Kreis, dessen Teil er ist, Sprache, die ihn behütet, andere Sterbliche, deren Nähe ihn stärkt, eine Gesellschaft, deren Vereinbarungen er grundsätzlich bejaht, eine Wohnung, in die er sich vor dem Rest der Menschheit zurückziehen darf“.

Andreas Altmann, ein ewig neugieriger Weltbürger, ein ständig Suchender sowie Wissen- und Lernenwollender, erzählt Geschichten über „Das Glück des Augenblicks“ (in der Sahara, in Galway, München, New York, New Delhi, Wien, Hanoi, Brazzaville, Mexico City, Paris), die er mit Berichten und Reflexionen über Deutschland, Musik, Sprache, Freunde, Heimat, Liebe, Tiere, Zen, Körper und Menschen ergänzt. Er lässt besondere Situationen, alltägliche und kuriose, zuweilen auch dramatische, miterleben, mitempfinden, er vermittelt Impressionen, die den Leser, die Leserin in die Mitte des Geschehens führen. Seine Beschreibungen enthalten Anekdotisches, gehen darüber aber weit hinaus; sie veranschaulichen nicht nur Erlebtes und berichten von besonderen Begegnungen, sondern beleuchten mit scharfer Beobachtung auch das jeweils Dahinterliegende, das sich oftmals nicht direkt Erschließende.

„Dass dieses Buch ein Heimatloser schreibt, ist eine gute Idee“. Heimat ist bei Altmann sehr viel mehr als ein geografischer Ort. In seinen Gedanken zu Deutschland wird dies deutlich: „Die Liebe zum eigenen Land ist immer gefährdet. Wie jede Liebe. Einige sind grundsätzlich bereit, sie zu schänden“.

Musik und Sprache als Heimaten: „Literatur schmiedet den Verstand, die kognitiven Fähigkeiten, die Intuition. Musik erledigt etwas anderes: den Rest, den ungeheuren. Wie ein Blitz fällt sie über uns her und braucht dazu kein einziges Wort“. Musik ist für Altmann ein innerer Zustand, an dem er Leser und Leserinnen teilhaben lässt, Sprache ist ihm „Das Leben einatmen und als Sprache ausatmen – es aufschreiben“. Für den Sprachkünstler Altmann ist Sprache “gefährliche Heimat, allerschönste Heimat“. Zwischen den Polen von Größenwahn und Ladehemmung verläuft die Linie eines Schreiberlebens“.

Freunde sind Heimat,Liebe ist Heimat, Tiere können Heimat sein, auch Zen (Altmann verbrachte 8 Monate in einem Zen Kloster in Japan) und ganz sicher der eigene Körper – „Kennt jemand eine intimere, eine lebenslänglichere Heimat als seinen Körper?

„Der Mensch braucht Menschen als Heimat“! Neben allem anderen sind es vor allem Menschen, die Heimat bedeuten: „Der unergründliche Mensch. Nach jeder Entdeckung eines seiner Geheimnisse geht eine Tür auf, die in die nächste Tiefe führt. Kein Ankommen scheint in Sicht zu sein“.

„Heimat soll wärmen!“ Wie ein Seismograf filtert Andreas Altmann seine Erlebnisse, Eindrücke, Empfindungen, Gedanken; es bedeutet Freude, mit ihm auf die Suche nach dem zu gehen, was Heimat sein, was Heimat schenken kann. Humorvoll verpackt, unverwechselbar im Stil, wunderbar authentisch, dabei sich selbst nicht schonend, präsentiert er die Welt und ihre Bewohner in all ihren Stärken und Schwächen: „Als Kind habe ich oft in den Nachthimmel gestarrt, fasziniert von den blitzenden Sternen. Später gab ich ihnen die Namen von Menschen, die mir zu verschiedenen Zeiten und an verschiedenen Orten Heimat waren. Oder noch immer sind. Heimat als Synonym für Swing und gedankenlose Freude“.

Gerfried Pongratz 3/2021

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