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Sie handeln im Sinne der Schrift!

Nein, überrascht bin ich nicht. Dass der Vatikan eine deutliche Absage an die Segnung homosexueller Paare erteilt hat, verwundert keinesfalls. Wenngleich noch immer viele Katholiken davon überzeugt sind, dass Papst Franziskus einen liberaleren, menschlicheren und empathischeren Kurs als seine Vorgänger fährt, beweist die aktuelle Entscheidung das Gegenteil: Man hat selten einen wankelmütigeren Pontifex erlebt, der sich um alle heiklen Fragen windet wie ein Aal. Einerseits rät er Eltern von Kindern, die homosexuelle Neigungen zeigen, einen Besuch beim psychiatrischen Facharzt an. Gleichzeitig betont er die Würde von LGBT-Menschen, die auch die Kirche in ihren Reihen willkommen heißen müsse. Konkrete Aussagen aber gibt es nicht – außer der scheinbar eigenwilligen Konnotation biblischer Textstellen, aus denen der Vatikan seine Feststellung ableitet, dass zumindest gelebte Homosexualität Sünde sei. Die Aussage der römischen Glaubenskongregation scheint in dieser Hinsicht unmissverständlich. Daher wird eine solche Überzeugung auch in Teilen der katholischen wie in evangelikalen Kirchen weiterhin unumstößlich praktiziert und muss zur unmittelbaren Konsequenz führen, dass ein Bund zweier Gleichgeschlechtlicher nicht unter dem Segen Gottes stehen kann.

Wenngleich man im Vatikan auch Schwule und Lesben als Geschöpfe des Herrn ansieht, gilt zumindest ihr sexuelles Verhalten als nicht vereinbar mit den Lehren der Heiligen Schrift. Ein Großteil der protestantischen Kirchen hat hierzu mittlerweile eine andere Position eingenommen, obwohl auch dort teils erbittert gerungen wird. Denn da reiben sich die Verse 8 und 11 aus 1. Johannes 4 („Wer nicht liebt, der kennt Gott nicht; denn Gott ist Liebe.“ […]  „Ihr Lieben, hat Gott uns so geliebt, so sollen wir uns auch untereinander lieben.“) sowie 3. Mose 18,22 („Du sollst nicht bei einem Manne liegen wie bei einer Frau; es ist ein Gräuel.“) – und scheinbar lässt sich der Widerspruch auf den ersten Blick auch nicht auflösen. Schließlich erweckt gerade der Johannesbrief den Eindruck, als sei jede Form der Liebe von Gott zu den Menschen, seine Agape, gutzuheißen. Nein, sogar mehr: Wer liebt, der ist in Gott. Kein Ton von Ausgrenzung schwul-lesbischer Zärtlichkeit und Nähe. Dagegen macht Levitikus deutlich, dass praktizierte Sexualität zwischen zwei Personen desselben Genus nicht vorgesehen waren.

Die kritische Exegese weist darauf hin, dass zu Zeiten der Bibelentstehung ein Miteinander von Menschen gleichen Sexus undenkbar gewesen ist – eine Ablehnung also rein aus der Unbekanntheit heraus entstanden ist. Sicherlich hatte auch die Vorstellung einer bestimmten Form des gleichgeschlechtlichen Liebesakts Widerstand provoziert. Ich selbst sehe in der Übersetzung aus dem Hebräischen gewisse Defizite und vermute, dass nicht vom Beischlaf zwischen zwei Männern gesprochen wurde, sondern vom Akt eines Mannes mit einem „Jüngling“. Diese Interpretation würde allein vom Kontext Sinn machen – und die sich stabil haltende Sichtweise in Frage stellen, ob die Bibel denn tatsächlich eine wertende Aussage über die Homosexualität trifft. Denn man mag sich durchaus vorstellen, dass die Schrift nach einem ganz bestimmten Willen, mit einer religiösen und ideologischen Intention ausgelegt werden soll – zumindest dann, wenn es um Machtansprüche im Kirchenapparat geht.

Der bewahrende Klerus hat auch unter Franziskus die Oberhand, daran gibt es keinen Zweifel. Deshalb sind die hilflosen Versuche von Jorge Mario Bergoglio auch erklärbar: Seine Flucht nach vorne wird von radikalen Kräften gebremst, das zeigen die Schwankungen in der Durchsetzungskraft und den Deutungen des Papstes, auf die sich kaum noch jemand verlassen kann. Wie viele Nachfolger Petri in der Vergangenheit, so schafft es auch Franziskus nicht, sich innerhalb der festgefahrenen Strukturen zu emanzipieren. Ob er tatsächlich homosexuelle Liebe ablehnt, wird man aus seinen Einlassungen wohl auch künftig nicht erfahren. Im Moment scheinen die Zeichen neuerlich auf Restriktion zu stehen. Für schwule und lesbische Katholiken kein guter Zeitpunkt, um auf geistlichen Beistand für die Partnerschaft zu hoffen. Gerade deshalb macht die Aktion „Liebe gewinnt“ Hoffnung und verbreitet Zuversicht, dass nicht wenige Priester an der Basis, aber auch viele Gemeinden in ihrer Gesamtheit hinter der Segnung aller Menschen stehen, besonders dann, wenn sie in wertschätzender Zuneigung zueinander leben und nicht selten über Jahre und Jahrzehnte in verantwortungsvoller Gemeinschaft leben.

Ich begrüße deshalb das Engagement und die Vehemenz, mit der sich beispielsweise der Litzelstetter Pfarrer Armin Nagel für das Segnen aller Liebenden einsetzt und die vatikanischen Einlassungen empört zurückweist. Nein, Kirche muss sich nicht dem Mainstream anschließen, sie darf aber auch nicht den Fehler machen, ein Regelwerk wie die Bibel ausschließlich im Werteumfeld von vor 2000 Jahren zu betrachten. Ohnehin: In Genesis ist deutlich festgehalten, dass es nicht dem Geistlichen zusteht, über die Legitimation des Segens für den Einzelnen zu urteilen. Denn als Diener des Herrn handelt er allein stellvertretend für Gott. Und dessen Haltung wird klar, wenn wir in 1. Mose 12,2 lesen: „Ich will dich segnen und du sollst ein Segen sein“. Das Zitat enthält keinerlei Beschränkung, weshalb es ausschließlich der dogmatischen Lehre der Kirche zu verdanken ist, dass auch das Freiburger Erzbistum offiziell an der Versagung des Segens gegenüber homosexuellen Paaren festhält. Eine biblische Begründung für diese Positionierung gibt es nicht, weshalb alle Beteiligten von „Liebe gewinnt“ im Sinne der Schrift handeln.

Dennis Riehle

Martin-Schleyer-Str. 27

78465 Konstanz