Der Atem der Welt

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Rezension von Dr. Gerfried Pongratz: Stefan Bollmann: „Der Atem der Welt – Johann Wolfgang Goethe und die Erfahrung der Natur“ © 2021 Klett-Cotta Verlag, Stuttgart, ISBN 978-3-608- 96416-5, 650 Seiten.

Neben mehreren umfangreichen Goethe-Biografien am Bücherbord (z.B. Rüdiger Safranski, 748 Seiten) eine weitere mit 650 Seiten? Lohnt sich der Zeitaufwand? Die Antwort des Rezensenten: Ja, er lohnt sich! Der Germanist, Historiker und Philosoph Stefan Bollmann versteht es, auf einer spannenden Entdeckungsreise durch Goethes Schaffen als Naturschriftsteller und Naturforscher ein neues Goethebild zu vermitteln. „Einfühlsam und mit großer Erzählkunst“ legt er nach seinem Buch „Warum ein Leben ohne Goethe sinnlos ist“, eine weitere Goethe Biografie vor, die das Potential besitzt, Bestsellerstatus zu erreichen.

Goethe als „Dichterfürst“ ist allgemein bekannt und geschätzt. Als Naturforscher und Naturschriftsteller wird er von vielen Menschen, auch Goethe-Verehrern, meist weniger gesehen, obwohl er diese Seite seines Schaffens als mindestens ebenbürtig, in manchen Bereichen sogar als bedeutender als sein literarisches Oeuvre betrachtete. „Diese Biographie ist auch ein Versuch, das Unterlassene nachzuholen. Goethe nur als Dichter zu verstehen, heißt zwar nicht, ihn grundsätzlich misszuverstehen, aber die Hälfte auszublenden“.

Aus dem bereits in jungen Jahren sich der Natur zuwendenden und sich selbst als Teil der Natur erfahrenden Dichter Johann Wolfgang Goethe wurde nach und nach ein kundiger Naturforscher mit dem Ziel, aus der ungeheuren Mannigfaltigkeit der Natur ihre Einheit und die Gesetze ihrer Entwicklung zu erkennen. Goethe entdeckt die Natur als Ordnung, die größer ist als er selbst und stellt durch genaue Beobachtung und Beschreibung fest, dass das Wesen der Natur in Veränderung besteht: „Betrachten wir aber alle Gestalten, besonders die organischen, so finden wir, dass nirgend ein Bestehendes, nirgend ein Ruhendes, ein Abgeschlossenes vorkommt“.

Stefan Bollmann widmet sich mit Akribie und großer Ausführlichkeit Goethes Kompetenz als Naturforscher, der seine Untersuchungen „an konkrete Erfahrungen bindet, und zwar nicht nur unter Laborbedingungen, sondern an der frischen Luft“. Das Buch gliedert sich in zahlreiche Kapitel, ein umfangreicher Anhang ergänzt die Ausführungen. Im ersten Teil „Erfahrungen“ beleuchtet der Autor die Entwicklung Goethes als „Stadtkind“, das von der Naturkatastrophe des großen Erdbebens in Lissabon erschüttert wird, er beschreibt in „Lehrjahre“ und „Wanderjahre“ die intensiven Naturerlebnisse des jungen Literaten und führt in „Steinzeit“ zu Goethes Entdeckungen, wenn dieser „unter Tage geht, auf Gipfel steigt und dabei entdeckt, dass die Natur eine Geschichte hat“.

„Forschungen“ nennt sich der zweite Teil des Buches, in dem es um „Entdeckungen“, „Metamorphosen“, „Abenteuer der Ideen“ und „Der Atem der Welt“ geht. Dabei erschließt es nicht nur Goethes Naturverständnis, sondern begleitet ihn auch auf seinen ausgedehnten Reisen in Italien, der Schweiz, in Thüringen und im Harz. Aus den Impulsen, die er dabei empfing und nicht zuletzt aus seiner intensiven Freundschaft mit Alexander von Humboldt und anderen bedeutenden Forschern seiner Zeit resultieren für ihn Anregungen, die u.a zu botanischen, geologischen, anatomischen und optischen Untersuchungen führen, die ihrer Zeit weit voraus waren und zum Teil fundamental neue Erkenntnissen zeitigten, zum Teil aber auch in Irrtümer mündeten.

Eine Beschreibung der im Buch behandelten nahezu unüberschaubaren Vielzahl Goethescher wissenschaftlicher Ideen, Vorhaben und bahnbrechender Projekte, wie auch seiner dabei erlangten Erkenntnisse würde den Rahmen dieser Besprechung bei weitem sprengen, als besonders herausragend daher nur drei Beispiele:

1. Der zu Goethes Zeiten sehr bedeutende Mediziner und Anatom Peter Camper hatte bei Affen einen Zwischenkieferknochen, das Os prämaxillare, gefunden, der bei Menschen nicht vorhanden sei. Daraus schloss er, dass der Mensch sich grundsätzlich von Affen unterscheide und mit diesen nicht verwandt sein könne. Goethe untersuchte Tier- und Menschenschädel im Jenaer Anatomischen Institut und entdeckte im März 1784, dass sowohl Menschen wie auch Affen diesen Zwischenkieferknochen besitzen. Diese Entdeckung beeinflusste das damalige Weltbild; was Theologen indiskutabel erschien, konnte Goethe beweisen: Mensch und Tier sind miteinander verwandt.

2. Ausgehend von seinen Beobachtungen des ständigen Wandels und der Veränderungen in der Natur befasste sich Goethe ab 1787 mit der Metamorphose von Pflanzen, wobei er eine „Urpflanze, als wunderlichstes Geschöpf der Welt“, bzw. eine „allgemeine Formel“, die auf die Entwicklung aller Pflanzen anwendbar sei, zu suchen begann. Diese Suche richtete sich nach und nach nicht mehr auf eine konkrete Pflanze, sondern auf ein „Prinzip zum Design aller Pflanzen“, bzw. zur Rückführbarkeit aller organischen Formen auf eine gemeinsame Urform. Seine Untersuchungen führten ihn zu allgemeinen Erkenntnissen über Metamorphosen in der Natur, womit er vielen Wissenschaftlern bis heute als Vordenker der Evolutionstheorie gilt.

(Werner Heisenberg 1967: „Die berühmte Doppelkette der Nukleinsäure erfüllt im Rahmen der Biologie die gleiche Funktion wie Goethes Urpflanze in der Botanik. In beiden Fällen handelt es sich um das Verständnis der gestaltenden, der formgebenden Kräfte in der belebten Natur, um ihre Zurückführung auf etwas Einfaches, allen lebendigen Gestalten Gemeinsames“ [S. 369]).

3. Einen weiteren, für Goethe selbst ungemein wichtigen Gegenstand seiner Forschungen bildeten Farben, denen er sich bereits ab 1768 als „Thema, das ihn als Forscher und Schriftsteller in den verbleibenden Lebensjahrzehnten unermüdlich beschäftigt“ zugewandt hatte. Er entwickelte dabei die für seine Naturforschung zentralen Kategorien der „Polarität und „Steigerung“, wobei er im Bereich der Farben lediglich von Rot, Blau und Gelb als reinen Farben ausging. Da die Augen nach dem Prinzip des Sukzessiv-Kontrastes beim Betrachten einer Farbe selbst die Komplementärfarbe bilden, stellte er alle Farben, in Paaren diametral gegenüberstehend, in einem Kreis dar. Licht und Dunkelheit sah er als gleichberechtigte Phänomene, die für die Entstehung von Farben nötig und verantwortlich seien. Goethe glaubte, damit die optischen Forschungsergebnisse Newtons widerlegt zu haben, was schon von manchen seiner Zeitgenossen bezweifelt wurde und sich letztendlich auch als Irrtum herausstellte. Geistesgeschichtlich und wissenschaftshistorisch bedeutsam ist Goethes Farbenlehre jedoch bis heute geblieben, da sie seinen ganzheitlichen Ansatz der Naturbetrachtung und seine Beobachtungsgabe dokumentiert und seine Bevorzugung der Anschauung gegenüber der Abstraktion belegt. Für ihn selbst bildete sein monumentales Werk „Die Farbenlehre“ – neben Faust – das Opus magnum seiner Lebenszeit.

Über Goethes Leben und Werk sind ganze Bibliotheken geschrieben worden. Die ihm gewidmeten Lexika und Kompendien, Jahrbücher und Leitfäden sind kaum noch zu zählen“ (Wikipedia). Stefan Bollmann gelingt es dennoch – anschaulich analysierend – neue Aspekte von Goethes Leben als Gelehrter und Naturforscher aufzuzeigen und ihre Bedeutung zu vermitteln: „Man wird sich an den Gedanken gewöhnen müssen, dass Deutschlands größter Dichter Naturwissenschaftler war“. „Der Atem der Welt“ belegt dazu auch eine große Geschichte der Naturwahrnehmung und Naturerfahrung, eingefügte Bilder und Verse erweitern das Verständnis und erhöhen das Lesevergnügen. Das Buch bietet Lektüre, die sowohl vom Umfang, wie auch vom Inhalt sehr fordernd, aber auch sehr lohnend ist.

„Wir lernen mit Augen des Geistes sehen, ohne die wir, wie überall, besonders auch in der Naturforschung, blind umhertasten“ (Zitat Goethe in „Vergleichende Anatomie“).

Gerfried Pongratz 7/2021

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