Der Querdenker Dostojewski und die Vergiftung edler Taten durch eine gefallene Welt

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WARNHINWEIS: Dieser Artikel könnte die Leser verstören. Denn es handelt sich im Folgenden um einen Beitrag, in dem Corona, Migration, Klimawandel, Gender und andere in diesen Monaten unser Leben beherrschende Themen nicht mit einem einzigen Wort vorkommen, nicht einmal indirekt Bezug darauf genommen wird. Wer also sein Eskalationslevel permanent auf hohem Niveau halten möchte oder gar Empörungsentzug fürchtet, beschäftige sich mit anderen Artikeln auf diesem Blog oder berausche sich an tagesaktuellen Kommentaren auf Twitter & Co.

Für alle, die sich hin und wieder mit Themen beschäftigen möchten, die ohne Bezug zu Fukushima, Budapest, Berlin, Paris oder Glasgow stehen, spürt Gastautor Rainer Buck* hier kurz Gemeinsamem und Trennenden zweier großer Gestalten der Weltliteratur (Dostojewski und Karl May) nach und weist – was ich ihm gern nachtue – auf die zweite Auflage seiner Dostojewski-Biografie „Sträfling, Spieler, Seelenforscher“, hin. Langer Rede kurzer Sinn, ab jetzt spricht Rainer Buck:

Dramenschreiber Dostojewski und die Dramen seines Lebens

Das Medienecho war vermutlich groß genug, damit auch der durchschnittlich Literaturinteressierte hierzulande mitbekommen konnte, dass sich am 11. November 2021 (nach dem gregorianischen Kalender) der Geburtstag von Fjodor Michailowitsch Dostojewski zum 200. Mal jährte.

Dostojewski gehört nicht zu den Dichtergrößen, die man nur noch an Jubiläen beweihräuchert. Er wird weiterhin gelesen und man muss sich nicht verrenken, wenn man ihn als heute noch relevant einstuft.

Als ich vor einigen Jahren eine Biografie über ihn schrieb, war das der selten im Leben eines Nicht-Prominenten vorkommenden Anfrage eines Verlags geschuldet, ob ich eine Idee hätte, über welchen Literaten christlicher Prägung man ein gehaltvolles und spannendes Buch schreiben könnte. Ich hatte zuvor Leben und Werk Karl Mays in einem Bändchen gewürdigt. Dostojewski schien nun ein anderes Kaliber, seine Romane „Die Brüder Karamasow“ und „Der Idiot“ hatten mich in besonderer Weise angesprochen.

Weltliteratur, die unter erschwerten Bedingungen entstand

Ich war jedoch erstaunt, dass das Leben Dostojewskis mindestens genauso reich an Dramatik war wie die besten seiner Bücher. Wann kann man schon eine Lebensbeschreibung mit einer Szene beginnen, in der die Hauptperson als Verurteilter vor einem Erschießungskommando steht? Straflager, desaströse Verluste in Spielsalons, immerwährende Flucht vor Gläubigern, tragische Verhältnisse zu Frauen, betrügerische Verleger…

Als ich erfuhr, unter welchen Bedingungen die meisten von Dostojewskis großen Romanen entstanden, wurde mir klar, dass Karl May und er gar nicht so weit voneinander entfernt sind, wie mir bis dato schien: Männer, die während der gewöhnlich produktivsten Lebensjahre den Strafvollzug ihrer Vaterländer auskosteten, um danach wieder in der Bürgerlichkeit Tritt zu fassen, ohne dass ihnen je ein beschauliches Bürgerdasein vergönnt gewesen wäre. Ihre Leidenschaft – das Schreiben – rettete sie vor der Verzweiflung und dem Verhungern, indem sie schlecht zahlenden Verlegern ständig unter Zeitdruck gewaltige Manuskriptberge ablieferten.

Sie faszinierten ein Lesepublikum, das erkannte: In diese Manuskripte ist das ganze Herzblut ihrer Verfasser geflossen. Zudem spielte das Fragen nach der Existenz und dem Lebenssinn stets eine wesentliche Rolle in ihren Werken. Literarische Mittel und Methoden unterscheiden sich bei May und Dostojewski freilich deutlich. Spannender ist Dostojewski, der sich nicht als Lehrer und Missionar verstand und nur ganz selten – etwa durch seinen Helden Aljoscha Karamasow – einen Predigtton anschlug.

Ein Querdenker reinsten Wassers

Wer in Dostojewskis Büchern nach Gott sucht, muss regelrechte Torturen auf sich nehmen und dabei den finsteren Abgründen der gepeinigten Menschenseele begegnen. Selbst edle Taten können in einer gefallenen Welt vergiftet sein. Ideologische Heilsbringer entlarvt Dostojewski, ohne ihnen jegliche menschliche Empathie zu verweigern.

Dostojewski war ein Querdenker, als der Begriff noch nicht gebräuchlich war und schon gar nicht politisch gekapert war. Als Verfasser großer belletristischer Werke kann man ihn für einen Riesen und Propheten halten. Umso erstaunlicher, wenn man als Leser seiner Biografie einem in mancher Situation und Phase regelrecht lebensuntüchtigen Menschen begegnet oder in seiner Korrespondenz erstaunlich kleinkrämerische Gedanken entdeckt.

Dostojewski am Ende ein Bekehrter?

Meine im Brendow Verlag gerade neu aufgelegte Dostojewski-Biografie trägt den Untertitel „Sträfling, Spieler, Seelenforscher“, der nur andeuten kann, welche dramatische Wendungen ein Leben bisweilen nahm. Man hätte ein Traktat über den „Bekehrten“ schreiben können, der im Straflager nur ein „Neues Testament“ als Lektüre und Trost zur Verfügung hatte und der danach ein „glühendes Jesus-Bekenntnis“ ablegt.

Auch was sich am Totenlager des 60-jährigen Familienvaters abspielte, böte Stoff für eine Hagiografie. Aber der Bewunderer Dostojewskis muss es aushalten, dass man über Dostojewskis Leben auch die Aussage stellen kann, dass „Gott in den Schwachen mächtig ist“.

*Der Verfasser lebt in der Schillerstadt Marbach und hat Romane, Biografien sowie ein Hörspiel veröffentlicht. Seine hier vorgestellte Dostojewski-Biografie kann direkt beim Brendow-Verlag und zahlreichen Handelsplattformen bestellt und im gut sortierten Buchhandel erworben werden.

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