Das große Versagen – Kirche in Zeiten der Pandemie

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Korrektur und Selbstreinigung fordert Patrick Zäuner* in diesem Artikel** von seiner Kirche, die sich in der Corona-Ära zu wenig um die durch die Pandemie materiell arm gewordenen kümmert noch in ausreichendem Maß Trost und Zuspruch spendet; die in Teilen Sakramente vom Impfstatus abhängig machen will und offensichtliche politische Fehlentwicklungen nicht als solche zu benennen und beschreiben wagt. Eine Kirche, die sich teilweise sogar von den Ungeimpften abwendet, als seien sie Ungläubige und schlimmer als die Aussätzigen, die sich Jesus Christus nicht zu berühren scheute.

Die Verfassung der Kirche erodiert

Die katholische Kirche existiert als Organisation seit etwa 2000 Jahren und dürfte somit die älteste, vermutlich überhaupt die am längsten kontinuierlich existierende Institution der Menschheitsgeschichte sein. Sieht man von der internen Glaubenswahrheit ab, wonach die Kirche göttlichen Ursprungs, also durch den Geist Gottes getragen sei, bleibt zur Erklärung dieses Phänomens vor allem der Hinweis auf Mechanismen der Korrektur und Selbstreinigung bestehen.

Immer wieder hat sich das äußere Machtgefüge (die Ämterhierarchie) korrumpieren lassen. Menschen sind anfällig für Verlockungen und natürlich ist auch der Klerus davon nicht ausgenommen – im Gegenteil. Kompensierend besaß die Botschaft der Heiligen Schrift als innere Verfassung der Kirche stets für alle Generationen die Kraft, verkrustete Strukturen aufzubrechen und Fehlentwicklungen auslaufen zu lassen. Letztlich ist menschliches Machtstreben schon aufgrund der Sterblichkeit von begrenzter Dauer und ein etwaiges Erbe fiel in der Regel eh wieder in den Schoß der Kirche zurück.

Korrektur und Einheit

Es entstanden regelmäßig geistige Erneuerungsbewegungen. Noch vor der Reformation begann die später so genannte Gegenreformation. Auch ein aus dem Volksglauben über Generationen in die Kirche hineingewachsener Hexenkult ließ sich nicht dauerhaft mit der Botschaft Christi von der Erlösung des Menschen vereinigen, sodass Ordensleute wie Friedrich Spee dem Unwesen von innen heraus ein Ende bereiten konnten. Immer wieder waren es Bewegungen der Volksfrömmigkeit oder Orden, die positiv auf Verhärtungen der Machtstrukturen einwirkten.

Andererseits korrigierte das Kirchenrecht, die philosophisch gewachsene und über die Jahrhunderte gestählte Dogmatik gemeinsam mit einer ehrfurchtgebietenden und mächtigen Kirche Einhalt, wo im Überschwang, aus mystischer Verzückung oder durch überhobene moralische Ansprüche eine rationale Suche nach Wahrheit im emotionalen Taumel unterzugehen drohte.

Amt und Person, Sakrament und Gebet, Lehre und Mystik, Wahrheit und Liebe. Die Kirche war immer geprägt von sich korrigierenden Perspektiven, die gleich den beiden Seiten einer Medaille jeweils voneinander getrennt sind und doch zur Einheit finden. Hier zeigt sich eine Methodik, die Bestand hatte und über Belange des Einzelnen oder die Fixierung auf die aktuelle Generation sowie den eigenen Kulturraum hinausragte. So entstanden zeitlose Kunstwerke: Bilder und Skulpturen, musikalische Meisterwerke und Kathedralen, die für die Ewigkeit gebaut waren.

Form und Inhalt der aktuellen Kirche in Deutschland

Wenn das nun alles so lange gehalten hat, wenn die Kirche unzählige Modeerscheinungen, Kriege, weltanschauliche und wissenschaftliche Anfeindungen bis heute überdauert hat, wäre es dann nicht passend, von ihr im Präsens zu schreiben?

Warum die Vergangenheitsform, wenn sie doch die göttliche Zusage auf Ewigkeit in sich trägt. Ist die Kirche nicht nach wie vor in politischen Gremien aktiv, hört man nicht allerorts das regelmäßige Geläut von Kirchenglocken? Sind kirchliche Stimmen nicht auch immer wieder in den Medien zu vernehmen und gibt es nicht Millionen von Mitgliedern in Deutschland, die ihr einen nicht unbedeutenden Teil ihres Gehalts zukommen lassen?

Doch die rege Geschäftigkeit an der Oberfläche täuscht. Was medial zu vernehmen ist, hat mit dem eingangs skizzierten Bild von Kirche kaum mehr etwas zu tun, sondern gleicht eher einem Parasiten, der den Rebstock, um ein biblisches Bild zu bemühen, schon seit Längerem befallen hat. Der Rebstock selbst ist zum großen Teil abgestorben und wenn in nicht allzu ferner Zukunft der letzte Saft herausgepresst ist, sprich – wenn das Geld zu Ende geht, dann wird auch der Parasit absterben.

Wir erleben in Deutschland eine Funktionärskirche, die bis in die Bischofsämter von Atheisten und Agnostikern besetzt ist. Ihre Aktivitäten beziehen sich auf politische und wirtschaftliche Projekte, Religion ist bestenfalls noch als Folklore vorhanden und um die Fassade zu wahren. Wo sie zum Thema wird, gleitet sie entweder in reinen Ästhetizismus ab, wird als moralischer Anspruch gegen andere missbraucht oder offen bekämpft.

Wer nach der Wahrheit sucht

Wer am Glauben interessiert ist, wer sich auf der Suche nach Wahrheit, auf die Begegnung mit dem inkarnierten dreifaltigen Gott vorbereitet, der wird entweder müde belächelt, solange er sich still verhält und Steuern zahlt, sogar geduldet Doch spätestens, wenn er nach Katechese fragt, wenn er gar über Sakramente spricht und öffentlich klassische Fragen stellt, beispielsweise nach der Realpräsenz, wird er als Ärgernis wahrgenommen, belehrt und abserviert. Ein Hauch von Eschatologie erfährt er erst, wenn er andeutet, die Abgabe nicht mehr zu zahlen, also aus dem Verein der Kirchensteuerzahler auszutreten: Dann droht man ihm buchstäblich mit der ansonsten als nicht existent bezeichneten Hölle.

Es ist schmerzhaft zu sehen, wie die eingangs skizzierten Selbstheilungskräfte der Kirche versagen. Auch wenn es vereinzelte engagierte Initiativen geben mag, eine spirituelle Erneuerung ist nicht in Sicht. Der verkrustete Apparat leistet sich zwar unzählige Vereine und Gremien, doch sie vertreten entweder ihre politischen Partikularinteressen oder betreiben „Selfmarketing“ als Hauptaufgabe. Eine religiöse Funktion oder gar eine theologische Legitimation besitzen diese Institutionen in der Regel nicht.

*Vom Autor des Artikels stammt auch dieses jüngst erschienene kleine Werk, das sich mit dem Ausspielen des Menschen gegen die Natur durch die Politik beschäftigt und hier als Paperback und hier als E-Book bezogen werden kann.

Sieht man auf die großen Vorstandsversammlungen, für Laien das ZdK und für den Klerus die DBK, dann kann einem unwillkürlich der Vergleich mit dem Teufel kommen, der, wie es traditionell heißt, die Kirche in all ihrem Guten nachäfft und ins Lächerliche zieht.

Denn nach außen mag man durchaus denken, dass auch hier eine für das Gedeihen der Kirche so wichtige Korrelation aus sich ergänzenden Strukturen vorliegt – doch schon bei oberflächlicher Betrachtung stellt sich heraus, dass beide Veranstaltungen nur scheinbare Gegensätze darstellen, ja, dass sie letztlich überhaupt keine religiösen Institutionen sind. Beide befinden sich auf derselben Seite der Medaille und führen einen Feldzug gegen alles, was in der Kirche noch bis vor wenigen Jahrzehnten als heilig galt.

Für wen ist die Kirche heute noch da?

Wo ist die Kirche, die sich um die Armen kümmert, um diejenigen, die ihren Job derzeit in der Pflege verlieren, weil sie sensibel genug sind, ihren Körper als Tempel Gottes anzusehen und ihn nicht auf dem Markt der Gesundheitsreligion darbieten?

Wo ist die Kirche, die jenen, die in Not sind Zuspruch und Sakramente spendet, auch wenn sie keinen Mundschutz tragen und kein amtliches Zertifikat vorlegen können, nach dem der Umgang mit ihnen genehmigt ist?

Wo ist die Kirche, die gegen Unrecht aufsteht, die nicht zusieht, wenn der Herr der Welt ihre Schafe reißt?

Wo ist die Kirche, die vom Heil für die Menschen zu berichten weiß, welches sich aus der Botschaft Christi ergibt, seiner Auferstehung und Hingabe?

Wo ist die Kirche, die im Nächsten das Abbild Gottes erkennt und sich bewusst ist, dass all jenes, was sie auch nur den geringsten unter den Menschen antut, den Kranken, den Kindern, den Schwachen und besonders Liebesbedürftigen, dass sie das alles Christus selbst antut, der Inkarnation des allmächtigen Gottes, den zu verkündigen ihre Kernaufgabe ist?

Ausblick

Die Antwort ist so banal wie einfach. Sie ist nicht da. Wir mögen noch einen Nachhall spüren, gerade in der Begegnung mit den wenigen Menschen guten Willens, im Gebet und in der Arbeit, bei den seltenen Gelegenheiten, wenn man unbeschwert zum Sakrament zugelassen ist, aber in der offiziellen kirchlichen Institution ein Heil zu erkennen, das ist so gut wie ausgeschlossen.

Man muss es sich wohl eingestehen. Für unsere Generation ist vonseiten der Kirche nichts mehr zu erwarten. Wir müssen uns selbst organisieren, wie die ersten Christen. Und wir werden zunehmend in Katakomben ausweichen müssen. Es wird eine Herausforderung sein, in diesen Zeiten die Kontinuität, die Treue im Glauben und das Licht der Jahrtausende zu bewahren, damit es unter künftigen Generationen erneut aufgehen kann.

**Dieser Artikel erschien zuerst unter der Überschrift „Kirche in Zeiten der Not“

auf dem Blog „MEDIAS IN RES“

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