„Wen einmal so berührt die heiligen Lieder…“

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(Rainer Buck) Ja, es gibt sie noch. Zeitgenössische Musik aus Deutschland, die tief berührt. Die Band „Schwarzbrenner“ setzt dabei auf Dichtkunst aus den Blütejahren großer deutscher Dichter, die sie mit eingängigen rockigen Riffs und starken Melodien unterlegt.

Ihr Bluesrock hat für sich auch schon beinahe einen klassischen Touch, er knüpft an die späten 1960er Jahre an, als junge weiße Musiker den Blues für sich entdeckten und beim Rockpublikum populär machten. Alexis Korner, John Mayell, Eric Clapton, um einige Namen zu nennen.

Georg Heym als „Leitstern“

Bluesrock trifft Poesie, das war schon 1995 das Motto, als Wolfgang Becker zusammen mit Christoph Keisers die Band „Schwarzbrenner“ gründete. Die Inspiration für den Bandnamen lieferte eine am Niederrhein verbreitete Tradition, inhaltlich lieferte das Werk des jung verstorbenen expressionistischen Dichters Georg Heym (1887-1912) die Vorlagen für die Eigenkompositionen der Band. Heym blieb lange Jahre der Hausdichter der Gruppe. Die bilderstarke Sprache des jugendfrischen Poeten war für Becker gar nicht so weit weg von den Lyrics, die von Bluessängern von Robert Johnson bis Bob Dylan in ihren Liedern zum Leben erweckt wurden. Musikalisch wandeln „Schwarzbrenner“ eindeutig auf angloamerikanischen Pfaden, wobei sie keine Blues-Puristen sind, sondern eher rockige Töne anschlagen.

„Goldene Ströme“: Gespeist aus Brentano, von Arnim und Eichendorff

In den letzten 5 Jahren hat Werner Becker das lyrische und damit auch das musikalische Spektrum ausgeweitet, zunächst wurde er bei den Barockdichtern Andreas Gryphius und Paul Fleming fündig, deren Poesie aus schweren Zeiten im Mittelpunkt der Alben „Reiseleben“ (2018) und „Bestürmte Schiffe“ (2019) standen. „Der Ruf der Dichter“ (2020) stellte dann Werke von Heym neben die der Barockdichter. Mit dem letztjährigen Werk „Zauberworte“ entdeckten „Schwarzbrenner dann die Romantik mit Werken von Clemens von Brentano und Achim von Arnim. Das aktuelle Album „Goldene Ströme“ ist nun wieder den Werken eines einzelnen Mannes gewidmet, dem wohl bedeutendsten Dichter der deutschen Romantik, Joseph von Eichendorff (1788-1857).

Dieses neue Album – die 13. Veröffentlichung der Bandhistorie – könnte nun eine Gelegenheit sein, diese interessante deutsche Band kennenzulernen. Musikalisch ist es das vermutlich abwechslungsreichste Werk der Gruppe, denn die romantischen Texte rufen natürlich nach Melodien, die sich vom Bluesschema etwas lösen; da klingen auch folkloristische Töne an; eines der vielen virtuosen Gitarrensoli erinnert an einen Gesellschaftstanz aus der Zeit Eichendorffs. Zudem bilden drei Songs eine 18minütigen Suite, in der sich rockige und lyrische Klänge abwechseln und in das Auf und Ab des Dichterlebens entführen.

In diesen Zeiten wird Eskapismus zur echten Alternative

Kein Freund der Eichendorffschen Dichtkunst muss befürchten, dass dessen Verse doch die rockige Vertonung ihres Zaubers beraubt werden. Und kein Freund melodischer Rockmusik wird den Eindruck haben, dass hier etwas steif in Richtung Hochkultur getrimmt wird, was von Leidenschaft und Zugänglichkeit lebt. Vielmehr erlebt man in der Symbiose neu, dass hinter den alten Versen ein seinerzeit junger Mensch aus Fleisch und Blut steht, der in seiner Sensibilität die Höhen und Tiefen des Lebens ausmisst und in Poesie fasst. 

Der Lebenswelt Eichendorffs spürt man mit wachsender Lust nach, wenn man sich erst einmal an den Code der Romantik gewohnt und etwas frei gemacht hat von den hohlen Phrasen der Gegenwart, die über die Medien hartnäckig unseren Alltag begleiten. Eskapismus? Nicht nur, denn „wen einmal so berührt die heiligen Lieder“ findet vielleicht dabei auch sich selbst „Sein Leben taucht in die Musik der Sterne.“ 

Schwarzbrenner: Poesie und Bildung aus einem Guß

Das immer wieder Erstaunliche bei bisher jeder neuen „Schwarzbrenner“-Scheibe, die ich hörte, ist die unprätentiöse musikalische Verpackung, die Punktgenauigkeit der Songs, die Soli, die wie aus dem Ärmel geschüttelt wirken. Diese Lockerheit haben wenige deutsche Bands und noch weniger solche, die zugleich einen inhaltlichen Anspruch verfolgen.

Die Musik von „Schwarzbrenner“ ist auf den gängigen „Streaming“ und Download-Plattformen zu finden, aber eigentlich ruft sie natürlich nach dem klassischen Tonträger. „Goldene Ströme“ ist wie die anderen genannten Alben in einem attraktiven Digipack mit Booklet erhältlich, in dem alle Texte abgedruckt sind. Bestellung über die Website der Band www.schwarzbrenner.de

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