„Islam in der Krise“ von Michael Blume

978-3-8436-0956-2blumeEine neue Rezension von Dr. Gerfried Pongratz (9/2017) befasst sich mit dem aktuellen Thema Islam. Der Verlag schreibt:

Der Islam scheint selbstbewusst zu expandieren. Doch das Gegenteil ist der Fall. Der Religionswissenschaftler Michael Blume erklärt das Szenario als Symptom einer weltweiten tiefen Krise des Islams. Er zeigt: Es ist nicht einmal mehr klar, wie viele Muslime es tatsächlich noch gibt. Der Rezensent Pongratz findet freundliche Worte für das Buch:

Islam in der Krise – Eine Weltreligion zwischen Radikalisierung und stillem Rückzug

Bücher über den Islam haben Konjunktur, Amazon z.B. weist 34 Neuerscheinungen für die ersten zehn Monate des Jahres 2017 aus. Über die Qualität mancher dieser Werke kann man geteilter Meinung sein, die Qualität des vorliegenden Buches wird aber aller Voraussicht nach weitgehend unbestritten bleiben; es besticht durch ein breites, tiefgründiges, differenziertes Bild auf den Islam – beginnend bei geschichtlichen Ereignissen bis hin zu seinen heutigen Erscheinungsformen in den Mutterländern, wie auch im Westen. Der mit einer Muslimin verheiratete (evangelisch-christliche) Religions- und Politikwissenschaftler Michael Blume kritisiert sehr offen – ohne diffamierende Untertöne – die Fehlentwicklungen im Islam und analysiert, bzw. beschreibt die sich daraus ergebenden Notwendigkeiten: „Nein, der Islam ist noch nicht tot, doch er gleicht einem Schwerkranken, der vor Verzweiflung und Schmerz um sich schlägt. Und erst, wenn wir – Nichtmuslime und Muslime gleichermaßen – dies realistisch wahrnehmen und verstehen, besteht die Chance auf eine bessere, gemeinsame Zukunft“ (Buchumschlag).

Der Islam befindet sich aus vielerlei Ursachen in einer weltweit tiefen Krise. Beginnend beim Verbot des Buchdrucks 1485 im Osmanischen Reich durch Sultan Bayezid II, dessen Nachwirkungen bis heute zu spüren sind, reicht die Palette zahlreicher Fehlentwicklungen bis zum starren Festhalten an wortwörtlichen Auslegungen der „heiligen“ Schriften und zum – auch politisch begründeten – religiösen Fundamentalismus der meisten Ölstaaten und zahlreicher Islam-Gelehrter. Sie verbieten Religionsfreiheit und unterdrücken Gedankenfreiheit, was bei manchen Muslimen zu Radikalisierung und Gewalt führt und andere, vor allem höher gebildete, veranlasst, sich innerlich (Glaubensabtrünnige sind Ausgrenzungen und großen Gefahren ausgesetzt) vom Islam zu verabschieden.

Aktuelle Forschungen belegen, dass es unter Muslimen (Männer und Frauen) massive Säkularisierungsprozesse gibt, befeuert durch die Gewalt, die im Namen des Islam ausgeübt wird. Nur noch ein kleiner Teil – etwa 30% – der Muslime in Deutschland betet regelmäßig und nur etwa 20% gehören einem religiösen Verband an. Die Anzahl von Muslimen in den staatlichen Darstellungen in Deutschland ist statistisch verzerrt, da alle Menschen, die von muslimischen Eltern abstammen und auch alle, die sich noch irgendwie als Muslime bezeichnen, als solche erfasst werden (als z.B. Christ zählt man dagegen nur, wenn man getauft ist und einer Kirche angehört). Laut Blume beschweren sich immer mehr ehemalige Muslime, dass sie als Muslime geführt und religiösen Verbänden zugerechnet werden, obwohl sie mit jenen nichts zu tun haben wollen und er schlägt vor, dass Muslime einen monatlichen Betrag für ihre Religionszugehörigkeit entrichten und nur dann als Muslime gezählt werden sollten.

Der Autor fordert für den Islam eine Phase der Selbstkritik: Einen kritischen Blick auf die eigene Geschichte, einen kritischen Blick auf die vorherrschende Bildungskrise und vor allem auch auf den grassierenden Verschwörungsglauben. Letzterer gehört zu den größten Problemen des Islam; ein beachtlicher Teil der gläubigen Muslime glaubt nicht mehr (nur) an eine gute Gottheit, sondern an Verschwörungsmythen verschiedenster Art. Nicht nur religiöse Fundamentalisten sprechen von Illuminaten etc., glauben an die „Weltverschwörung der Juden“ sowie die „Verschwörung des Westens gegen den Islam“ und sind damit nicht mehr in der Lage, sich auf einen Dialog, auf Demokratie, oder auf Wissenschaften einzulassen.

Die Bildungsmisere in muslimischen Ländern ist eklatant; das Verbot des Drucks von arabischen Buchstaben im 15. Jahrhundert war eine Katastrophe und bildet den entscheidenden Faktor für den Bildungsrückstand in der muslimischen Bevölkerung. Im Westen führte der Buchdruck – auch über die Bibelübersetzung durch Luther – zu einer Bildungsexplosion mit einer Vereinheitlichung der Sprachen, in der islamischen Welt passierte durch das Verbot das Gegenteil; das Arabische driftete weit auseinander und in den muslimischen Gesellschaften wurde – und wird auch heute noch – sehr viel weniger gelesen, als in nichtmuslimischen. Als Ausfluss dieser Misere kann es z.B. auch dazu kommen, dass, wie gerade in der Türkei geschehen, die Evolutionstheorie aus den Lehrplänen der weiterführenden Schulen gestrichen wird.

Das Buch gliedert sich in 6 große Abschnitte – daraus einige Kernaussagen:

  1. „Das Phänomen des stillen Rückzugs“ mit gleichzeitiger Lähmung der islamischen Institutionen durch das Fehlen von Religionsfreiheit führt dazu, dass viele – nicht nur religiöse – Institutionen und Bewegungen der islamischen Welt größtenteils erstarrten und die Chancen freiheitlicher Demokratien zur Entfaltung eigener Dynamiken nicht nutzen können.
  2. „Das falsche Verbot von 1485“ – aufgehoben erst 1727 – führte zur Versteinerung des Islam; der tunesische Ulama-Gelehrte Abdelfattah Mourou drückte es 2016 in einer Moschee in New Jersey wie folgt aus: “30% der Muslime können weder lesen noch schreiben! Wir können nicht auf eine einzige Universität stolz sein, die Köpfe hervorbringen würde, die die Welt voranbringen. Wir sind eine Gesellschaft, die nicht liest und schreibt!“ (S. 46). Auch aus diesem Grund driften viele Moscheegemeinden in der westlichen Welt in sprachliche und geistige Abschottung; sie tragen dann nicht zu einer Parallel-, sondern leider häufig sogar zu einer Gegengesellschaft bei (S. 66).
  3. „Der Fluch des Öls“ begründet, dass in der islamischen Welt so selten Demokratien gelingen. „Rentierstaaten“ beziehen den größten Teil ihres Einkommens aus weitgehend arbeitsfreiem Einkommen wie Zölle, Tribute und Rohstoffverkäufen. Diese Staaten, wie z.B. Saudi-Arabien, sind nicht daran interessiert, das Bildungs- und Wirtschaftssystem zu modernisieren und sich gebildete, ökonomisch unabhängige Bürgerinnen und Bürger heranzuziehen. „Solange die restliche (nicht nur westliche) Welt Tag für Tag Millionen Fässer Öl importiert und damit Renteneinnahmen in Milliardenhöhe generiert, wird es in den ölproduzierenden Regionen keinen echten Frieden und schon gar keine Demokratien geben“ (S. 83). Die iranische Friedensnobelpreisträgerin Shirin Ebadi drückte es wie folgt aus: „Ich wünschte, es gäbe im Nahen Osten kein Öl und dafür mehr Wasser. Die Menschen wären dann viel glücklicher“ (S. 90).
  4. „Verschwörungsglauben – Die dunkle Seite der Religiosität“:
    Der syrisch-deutsche Politikwissenschaftler Bassam Tibi bezeichnet den weitverbreiteten Glauben an eine – vor allem westliche – Superverschwörung gegen den Islam als „Trauma der arabischen Politik“ und als eine der wichtigsten Ursachen der Krise des Islam. Das Problem liege vor allem im derzeitigen Selbstbild von Arabern und Muslimen als subjektiv machtlos (S. 95). In den Schulbüchern findet sich nichts von innerislamischen Versäumnissen und Reformbedarf, den Kindern wird ein Geschichtsbild voll Trauer um vergangene Größe und Hass auf heutige, westliche und vor allem jüdische „Verschwörer“ vermittelt – ohne lernen zu können, was sie selbst zur Mehrung des Wissens und zur Verbesserung ihrer Gesellschaften beitragen könnten (S. 105).
  5. „Geburtendschihad oder Geburtenknick – Religiöse Demografie und die Traditionalismusfalle“:
    Allgemein gesehen, bekommen religiöse Menschen (Muslime, Christen, Juden etc.) mehr Kinder als weniger fromme, oder nicht mehr religiöse. Die „Prognose“ von Sarrazin (ähnlich bei Houellebecq) „Deutschland schafft sich ab“ ist jedoch falsch, in den islamischen Nationen gehen die Geburtenraten entsprechend zunehmender Alphabetisierung und Bildung stark zurück (S. 131). Es bestätigt sich demografisch, dass ohne Freiheit zur Herausbildung lebensförderlich angepasster Religionsgemeinschaften und familiärer Vielfalt ein Geburtenknick tief unter die Bestandserhaltungsgrenze droht. Und genau dieser vollzieht sich gerade in der islamischen Welt (S. 139). Wenn eine Überwindung der Krise des Islam gelingen soll, dann sicher nur mithilfe bildungs- und aufstiegsorientierter Frauen und einer besseren Vereinbarkeit von Bildung und Glauben, von Beruf und Familie (S. 146).
  6. „Was Muslime und Nichtmuslime tun können, um die Krise des Islam zu überwinden“ (Zitate S. 147 – 1154):
    Freiheit, die nicht entschieden ausgefüllt wird, stirbt. Dies gilt in besonderer Weise – und nicht nur im Islam – für Religionsfreiheit. Die schnellste und wirkungsvollste Tat zur Schwächung von Diktaturen und Terrorgruppen besteht in der Reduzierung des Öl- und Gasverbrauches. Die Förderung von Bildung ist jedem von uns möglich, eine ausreichende Berücksichtigung der islamischen Geschichte auch in den europäischen Bildungs- und Lehrplänen ist wichtig. Das gemeinsame Merkmal aller Extremisten ist ein Verschwörungsglaube, der Dialog, Bildung, Demokratie und Frieden untergräbt. Dagegen gilt es, eine viel stärkere, wissenschaftlich orientierte Erkennungs-, Beratungs- und Präventionsarbeit sowie eine frühzeitige, effektive Strafverfolgung zu forcieren. Ein Appell des Autors an die muslimische Leserschaft des Buches: „Setzen Sie ein Zeichen! Machen Sie von der Ihnen geschenkten Freiheit mutig Gebrauch, indem Sie sich entschieden für eine friedvolle Bildungsreform des Islam engagieren und im eigenen Umfeld damit beginnen.“

Empfehlenswerte Lektüre für Leserinnen und Leser, die die Krise des Islam und die Konflikte zwischen den Kulturen besser verstehen und an einer friedvollen Lösung mitarbeiten möchten. Manche hinterfragbare Aussagen des Autors spiegeln seine persönliche Affinität zu Religiosität, bzw. zu Religionen als Sinnvermittler und Problemlöser wider, insgesamt aber bestechen die Ausführungen durch Sachlichkeit, Klarheit und umfassendes Wissen – ergänzt durch ein ausführliches Glossar und umfangreiche Literaturhinweise.

 

Gerfried Pongratz

Michael Blume: Islam in der Krise – Eine Weltreligion zwischen Radikalisierung und stillem Rückzug Patmos Verlag, 2017, ISBN 978-3-8436-0956-2, 192 Seiten.

Weitere Rezensionen von Gerfried Pongratz




„Hitlers Mann im Vatikan – Bischof Alois Hudal“

Hitlers MannRezension von Gerfried Pongratz:

„Er träumte vom Großdeutschen Reich und widmete nach 1945 seine ganze ‚karitative Arbeit’ den früheren Anhängern des NS und Faschismus, besonders den ‚sogenannten Kriegsverbrechern’“. Der Historiker und Verlagslektor Johannes Sachslehner widmet sein neuestes Werk dem Leben und Wirken des „braunen Bischofs“ Alois Hudal und beleuchtet damit ein dunkles Kapitel in der Geschichte der katholischen Kirche, aber auch des generellen Umgangs mit der NS-Zeit in der Nachkriegsgeschichte.

 

Alois Hudal wurde als Kind slowenischer Eltern 1885 in Graz geboren. Er studierte Theologie und ging nach seiner Promotion und Priesterweihe an das deutsche Priesterkolleg Santa Maria dell’Anima in Rom, wo er eine zweite Promotion und eine Habilitation auf dem Gebiet des Alten Testaments erlangte. 1919 wurde er Professor für Altes Testament in Graz und ab 1923 Rektor des Priesterkollegs, das er zu einem geistigen Zentrum für deutsche Kleriker in Rom auszubauen suchte. Dabei lernte er Eugenio Pacelli kennen, den päpstlichen Nuntius für Deutschland und späteren Papst Pius XII, der ihn 1933 zum Bischof weihte. Neben zahlreichen anderen Ehrungen wurde Hudal vom Papst mit dem Ehrentitel „Päpstlicher Thronassistent“ ausgezeichnet; er starb 1963 in Rom, wo er begraben liegt.

 

Hudal war der „wahrscheinlich umstrittenste Würdenträger der modernen Kirchengeschichte“, von seinen Zeitgenossen wurde er als hochintelligenter, von ungeheurem Ehrgeiz getriebener, rastloser katholischer Aktivist, „Netzwerker“ und „karrieregeiler Außenseiter“ beschrieben. Er glaubte daran, „dass ein Volk (Anm.: das deutsche) in Europa dazu berufen ist, das geschichtliche, wirtschaftliche, politische und kulturelle Glück des Kontinents neu zu gestalten“. Seine manchmal auch offen zur Schau getragene Sehnsucht war, der Bewegung des „Führers“ anzugehören.

 

Der Autor beschreibt Hudals Werdegang, seine rhetorischen Talente, seine Ambitionen als junger Priesterpolitiker und – überaus prägend – seine Erfahrungen als Feldkurat im ersten Weltkrieg. Hudal entwickelte dabei eine „Theologie des Todes“; die Soldaten „stünden jetzt in der besonderen Nachfolge Christi, deswegen müssten sie bereit sein, ihr Leben für das Volk und Vaterland jederzeit hinzugeben“. „Wer den Tod am Schlachtfeld erleide, sterbe auch als Märtyrer des Glaubens – nach der Auferstehung sei der direkte Weg in den Himmel vorgegeben“.

 

Nach Kriegsende ereiferte sich Hudal über den „Schandfrieden“ und die „Bestialität“ der Sieger; sein besonderer Zorn galt der österreichischen Nachkriegsordnung, wobei er besonders über die „beiden böhmischen Juden bolschewistischer Prägung Dr. Bauer und Kautsky“ herzog. Aus dem Priester wurde ein antisemitischer Agitator, der die „Dolchstoß-Legende“ verbreitete und gegen „die vaterlandslosen Gesellen“ der Sozialdemokratie predigte; die junge Republik Österreich war für ihn ein von Juden und Bolschewiken gelenkter Staat, den er nicht als Heimat anerkennen wollte.

 

Als Rektor der „Anima“ in Rom kann Hudal am österreichischen Konkordatstext mitarbeiten, der ab 1934 mit Regelungen zur Schule und zum Eherecht der Kirche maßgeblichen Einfluss auf die Gesellschaft sichert. Nach der NS Machtergreifung in Deutschland und 1938 in Österreich ist es Hudals Bestreben, die Kirche als Partner für die Nazis hoffähig zu machen; sein Buch „Die Grundlagen des Nationalsozialismus“ enthält ein politisches Bekenntnis zu „Großdeutschland“ und soll dazu dienen, den Katholizismus mit dem Nationalsozialismus zu versöhnen. Als Vision schwebt ihm ein „christlicher Nationalsozialismus“ vor; ein Buchexemplar geht an Hitler mit der Widmung: „Dem Führer der großdeutschen Erhebung, dem Siegfried deutscher Hoffnung und Größe Adolf Hitler“. Hudal hofft, Hitler zu einer Änderung der repressiven NS-Kirchenpolitik zu bewegen; die Ablehnung des Buches durch die Machthaber, vor allem durch Goebbels, aber auch durch den Vatikan, trifft Hudal als „Enttäuschung seines Lebens“, was ihn aber nicht daran hindert, weiterhin für „Großdeutschland“ zu agieren und im Krieg für dessen Sieg zu beten.

 

Nach Kriegsende gelten Hudals Aktivitäten – er sieht sie als „Ausfluss der Gnade Gottes“ – vordringlich der Fluchthilfe von Nazi-Kriegsverbrechern, die er als „vielfach persönlich ganz schuldlos“ sieht. Von Pius XII geduldet, oder nicht zur Kenntnis genommen, organisiert er mit Mithelfern sogenannte „Rattenlinien“, auf denen mit von der UNO anerkannten Reise-Ersatzdokumenten des IRK und mit Hilfsgeldern – u.a. aus den USA, z.B. von der Catholic Welfare Conference – ehemalige „NS-Größen“ hauptsächlich nach Süd- und Nordamerika ausreisen können. Bis 1948 werden ca. 70.000 solche „Rote-Kreuz-Pässe“ ausgestellt, besonders prominente Namen unter den Flüchtigen sind Franz Stangl, Adolf Eichmann, Klaus Barbie, Walther Rauff, Reinhard Kopps, Erich Priebke, Eduard Roschmann. Die Schilderung der Fluchten mit den dazu notwendigen Aktivitäten, Tricks und Täuschungsmanövern ähneln Kriminalromanen. Hudal gelang es auch, das Vertrauen deutscher Regierungsstellen zu gewinnen; ab 1949 sah man ihn als einen verlässlichen Ansprechpartner und ließ ihm Honorare zukommen, z.B. für die Anwälte Walter Kapplers, des ehemaligen Kommandeurs der deutschen Sicherheitspolizei in Rom, der in Italien als Kriegsverbrecher im Gefängnis saß. Über seine Tätigkeiten schrieb Hudal (Zitat Wikipedia): „Alle diese Erfahrungen haben mich veranlaßt, nach 1945 meine ganze karitative Arbeit in erster Linie den früheren Angehörigen des Nationalsozialismus und Faschismus, besonders den sogenannten Kriegsverbrechern zu weihen, die von Kommunisten und ‚christlichen‘ Demokraten verfolgt wurden. … Hier zu helfen, manchen zu retten, ohne opportunistische und berechnende Rücksichten, selbstlos und tapfer, war in diesen Zeiten die selbstverständliche Forderung eines wahren Christentums, das keinen Talmudhaß, sondern nur Liebe, Güte und Verzeihung kennt …“

 

Auf Druck des Vatikans trat Hudal 1952 als Rektor des Priesterkollegs zurück (in einem Brief an Papst Pius XII. dokumentierte er Verbitterung), blieb danach aber nicht untätig, sondern verfasste „Erinnerungen“, intervenierte bei italienischen Behörden für eine Begnadigung des Kriegsverbrechers Walter Reder, konferierte mit Rolf Hochhuth zu dessen Theaterstück „Der Stellvertreter“ und meldete sich zum Zeitgeschehen zu Wort. In seiner Heimat Graz wurde er zu seinem 50-jährigen Priester- und 25jährigen Bischofsjubiläum mit einem großen Hochamt im Dom und einem Festakt unter Anwesenheit höchster kirchlicher und politischer Würdenträger geehrt; aus den Einkünften seiner Memoiren wurden bis 1978 Hudal-Stipendien an bedürftige Grazer Studenten vergeben.

 

„Hitlers Mann im Vatikan“ ist ein Buch, das Beklemmung und im Hinblick darauf, wie nach 1945 kirchliche Stellen und weltliche Behörden agierten, bzw. wegschauten, ungläubiges Staunen hervorruft. Der Autor versteht es, nicht nur die problematische Persönlichkeit Alois Hudal in vielen Facetten darzustellen, sondern auch die Zeitumstände plastisch zu schildern, wobei auch die Rolle der katholischen Kirche, insbesondere von Papst Pius XII, kritisch beleuchtet wird. Letzterer wusste von Judenverfolgungen, Deportationen und Massenmorden, erhob dagegen jedoch kaum, oder nur sehr vorsichtig die Stimme und zog es – z.B. bei der Massendeportation von Juden aus Rom nach Auschwitz – meist vor, zu schweigen. Mit zahlreichen Fotos, Faksimilien, Fußnoten und einem ausführlichen Quellennachweise ausgestattete, unter die Haut gehende Lektüre für Geschichteinteressierte!

Johannes Sachslehner: „Hitlers Mann im Vatikan – Bischof Alois Hudal“

© Molden Verlag, Wien – Graz, 2019, ISBN 978-3-222-15040-1, 287 Seiten

 

Gerfried Pongratz

Phytopathologe mit Wohnsitz in Osterwitz/Steiermark




Das wollte ich Ihnen noch sagen – Ein Jahrhundert im Gespräch

GroenewoudRezension von Gerfried Pongratz:

Zeitzeugen verkörpern die Narben der Geschichte, wir bekommen durch sie eine Aura der Authentizität“ (Mary Fulbrook, Historikerin). Der Journalist André Groenewoud stellt sich der Aufgabe, mittels Interviews besonderer Zeitzeugen, deren Schicksale mit dem Weltgeschehen verknüpft sind, Geschichte authentisch zu vermitteln. „André Groenewouds einfühlsame Gespräche ergeben in Summe ein sehr dichtes, zwar subjektives, aber zutiefst menschliches Bild des Erlebens im 20. Jahrhundert“, urteilt der Historiker Guido Knopp im Vorwort des Buches.

André Groenewoud hat im Laufe seiner Karriere zahlreiche Interviews mit Ministerpräsidenten, Bundeskanzlern, Bundespräsidenten, Premierministern, Staatschefs, Königen und Kaisern geführt. Sein neues Buch widmet sich, gegliedert nach Jahrzehnten, Zeitzeugen des 20. Jahrhunderts, wobei, abgesehen von Helmut Schmidt, Hans–Dietrich Genscher, Farah Diba-Pahlavi, Lech Walesa und Imelda Marcos, überwiegend Persönlichkeiten mit Biografien abseits der Politik, oder nur indirekt mit Politik verbunden, zu Wort kommen. So z.B. Franz Künstler, der letzte überlebende Veteran des ersten Weltkrieges, Millvina Dean, die letzte Titanic-Überlebende, Brunhilde Pomsel, Goebbels-Sekretärin, Siegfried Lessey, ein Stalingrad-Überlebender, Tavi Nussbaum, der durch sein Foto mit erhobenen Händen vor SS Männern berühmt gewordene Warschauer Getto-Junge, gegenübergestellt Adolf Czech, dem durch ein Foto mit Hitler, der ihm die Wange tätschelt, bekannt gewordenen Hitlerjungen. Ted van Kirk, der Navigator des Flugzeuges, das die Atombombe auf Hiroshima geworfen hat, berichtet ebenso über sein Leben und Erinnern, wie Francoise Gilot, die Lebensgefährtin Picassos von ihrer Zeit mit dem Ausnahmekünstler. Der Auschwitz-Befreier Anatoly Shapiro und Jürgen Vietor, der Co-Pilot der Landshut, wie auch Bruce Reynolds, der Boss der Posträuberbande in England sowie die Verpackungskünstler Christo & Jeanne-Claude erlauben Einblicke in ihr Denken. Insgesamt kommen 19 Persönlichkeiten zu Wort, jede repräsentiert ein besonderes Schicksal, oder Ereignis, oder eine besondere Epoche des vergangenen Jahrhunderts. Gescheitere Interviewbemühungen mit Brigitte Bardot, Ingvar Kamprad (IKEA) und Doris Day ergänzen – „shit happens“ – die Ausführungen.

Leser erwarten von Interviews, auf möglichst unterhaltsame Art nicht nur Wissen und Meinungen, sondern auch die Denkweisen der befragten Personen authentisch vermittelt zu erhalten. André Groenewoud versteht es hervorragend, klug und einfühlsam zu fragen und damit auch ehrliche, meist bewegende Antworten und Einblicke zu bekommen. Das Buch beschränkt sich nicht nur auf Fragen und Antworten, direkt und indirekt gestellt bzw. widergegeben; mittels Hintergrundinformationen zeichnet der Autor gleichzeitig aussagekräftige Porträts der befragten Personen unter Einbindung ihres Status, ihrer Lebensläufe und – reportageartig – der jeweiligen Zeitumstände und Nebenschauplätze der Handlungen. Ergänzend dazu schildert er die manchmal schwierigen, lange währenden Bemühungen, zu den gewünschten Personen zu gelangen und beschreibt die dazu notwendigen Wege und Vorbereitungen. Humorvolle Anekdoten, z.B. zum „Jahrhundert-Philantropen“ David Rockefeller, zu Helmut Schmidt, Hans-Dietrich Genscher, Farah Diba-Pahlavi, Jeanne Claude etc., die auch die kleinen Schwächen großer Männer und bedeutender Frauen sichtbar werden lassen, vertiefen die Einsichten und erhöhen das Lesevergnügen.

 

„Das wollte ich Ihnen noch sagen“ vermittelt Einblicke in das Leben und Schicksal besonderer Persönlichkeiten, verbunden mit dem Gefühl, indirekt mitzuerleben, was ihnen widerfahren ist, wie sie bestimmte Ereignisse sehen, verarbeitet haben und was sie im Rückblick darüber denken. Das Buch bietet spannend erzähltes historisches Wissen und hohen Lesegenuss für an Geschichte, aber auch an Menschlichem und Allzumenschlichem interessierte Leserinnen und Leser.

André Groenewoud: „Das wollte ich Ihnen noch sagen – Ein Jahrhundert im Gespräch

© Topicus Verlag, 2019, ISBN 978-2-91980-881-6, 254 Seiten

 

 




Sterbebegleitung der Eltern: Keine 100 Tage bis zum Tod

Hundert TageWEIMAR. (fgw) Was macht man, wenn man vom Arzt hören muß, daß ein Angehöriger nur noch wenige Monate oder gar nur Wochen zu leben hat? Wenn da nur noch die Frage steht: Sterben zu Hause oder Sterben in einem Hospiz? Und: Wer kümmert sich, wer kann sich in der Sterbephase um diesen Angehörigen kümmern?

 

Michael Schacht beschreibt in seinem (Tage-)Buch, wie er das Sterben seines Vaters begleitet hat. Schacht ist ein sogenannter Boulevard-Journalist und schreibt normalerweise locker über das oberflächliche Leben von „Stars" und „Möchtegern-Stars". In seinem Buch zeigt er aber, was in ihm steckt: Er kann überaus feinfühlig und voller Empathie beschreiben, wie es ihm, seiner Mutter und vor allem seinem Vater in dessen letzten Lebenswochen geht. Man kann lesen, wie sich Sohn und Vater wieder annähern, welche Gespräche sie führen. Und was dem Vater als Kettenraucher (mit Krebs im Endstadium) auch im Hospiz noch wichtig ist. Die Ärzte hatten dem fast 80jährigen bescheinigt, daß er vielleicht noch 100 Tage zu leben habe. Die ersten Wochen wird Schachts Vater zu Hause gepflegt, doch dann bleibt für alle nur noch das Hospiz als beste Lösung. Nein, 100 Tage Leben werden es nicht mehr.

Dieses Buch ist aber nicht bloß eine journalistisch-literarische Auseinandersetzung mit dem Sterben und dem Tod. Weit mehr setzt der Autor sich mit dem Leben seiner Familie, den Eltern-Kind-Beziehungen auseinander.

Bei Schacht stehen nicht sogenannte letzte Fragen im Mittelpunkt, wie von klerikaler Seite immer wieder behauptet und ausgedrängt. Seinem Vater, wie auch ihm, ist dies wichtig:

„Besiegen konnte der Krebs bislang noch nicht seine Würde und seinen Stolz." (S. 9)

Diese Aussage gilt hier tatsächlich bis zum letzten Atemzug des Vaters. Menschenwürde und Selbstbestimmung gelten in dieser Familie viel. Daher wird der Vater erst auf eigenen Wunsch hin ins Hospiz verlegt und nicht etwa dahin abgeschoben. Gemeinsam stellt man zuvor sogar Überlegungen zum ärztlich assistierten Suizid an. Doch eine Reise in die Schweiz kommt für alle nicht in Frage.

Kurz wird vom Sohn noch etwas über Kirche ausgesagt. Die Familie war/ist kirchlich nicht gebunden. Als aber der junge Michael seinerzeit in Hamburg in einen Kindergarten gehen sollte, war das schier unmöglich. Erst als die Mutter in die Kirche eintrat und ihren Sohn taufen ließ, gab es für ihn in der Hansestadt einen freien Krippenplatz. Soviel nebenbei noch zur behaupteten Wiederkehr der Religion in Deutschland. Und sei es nur auf dem Sterbebett.

Was dieses Buch besonders wertvoll macht: Michael Schacht überläßt es jedem seiner Leser, eigene Schlußfolgerungen für sich selbst zu ziehen, falls auch diese einmal in eine solche Situation kommen sollten.

Noch einmal schwimmenGanz anders geht Monika Keck, eine Sozial-Pädagogin, an dieses Thema heran. Ihre Mutter wird ebenfalls an Krebs sterben, auch sie ist als Begleiterin in deren letzten Lebenswochen anwesend. Anders aber als Schacht schreibt sie aus katholischer Sicht. Das zeigt sich nicht zuletzt darin, daß sie zwar auf die Wichtigkeit einer Patientenverfügung hinweist, dann aber konsequent die DGHS verschweigt. Als Hilfseinrichtungen bzw. Beratungsstellen kommen bei Frau Keck daher auch nur kirchliche vor.

Und im Gegensatz zu Schacht macht sie aus ihrer persönlichen Sterbegleitung gewissermaßen noch ein Geschäft. Hat sie ihr Buch doch als quasi verbindlichen Ratgeber angelegt. Aber jedes Sterben, jede Sterbebegleitung ist doch immer sehr individuell.

 

Siegfried R. Krebs

Michael Schacht: 100 Tage. Das Sterben meines Vaters. 224 S. geb.m.Schutzumschl. Gütersloher Verlagshaus. Gütersloh 2018. 20,00 Euro. ISBN 978-3-578-08704-7

Monika Keck: Noch einmal schwimmen. Sterbegleitung meiner krebskranken Mutter. 148 S. Taschenbuch. Ernst-Reinhardt-Verlag. München 2017. 16,90 Euro. ISBN 978-3-497-02671-5


 
27.10.2019

Von: Siegfried R. Krebs




„Achterbahn – Vom Schreiben leben“

AchterbahnRezension von Gerfried Pongratz:

Es gibt Bücher, die man nicht aus der Hand legen mag, bis die letzte Seite erreicht ist und es gibt Autorinnen und Autoren, auf die nach Martin Buber die Charakterisierung „leidenschaftlicher Geist“ zutrifft.Achterbahn“ ist ein solches Buch und Lida Winiewicz eine solche Autorin. Auf 184 Seiten führt sie spannend, häufig selbstkritisch, oftmals berührend und dabei völlig unprätentiös, durch den Parcours von 70 Jahren überaus vielseitigen schriftstellerischen Schaffens. Einblicke in ihren Arbeitsalltag und Innensichten zum literarischen Kulturbetrieb und der literarischen Unterhaltungsindustrie erweitern das Verständnis für „Freud und Leid“ von Literaten.

 

1928 in einer großbürgerlichen Wiener Familie geboren, erlebte und durchlitt Lida Winiewicz als „jüdisch versipptes“ Mädchen die Diskriminierungen und Schrecken der NS Zeit (Vater und Stiefmutter werden in Auschwitz ermordet) und nach 1945 die schweren Jahre der Existenzsicherung und des Wiederaufbaues. Sie studierte Gesang und Sprachen und arbeitete lange Jahre sehr erfolgreich als Übersetzerin großer literarischer Werke bedeutender Autorinnen und Autoren wie Colette, Graham Greene, Moravia, Cronin, Giradoux u.v.a. aus dem Französischen, Englischen, Italienischen und Spanischen. Ein gewonnenes Preisausschreiben des Theaters der Courage für das Drama „Das Leben meines Bruders“ öffnet ihr den Weg zu eigenen literarischen Arbeiten; 8 Bücher, 10 Theaterstücke, 22 Drehbücher für Fernsehspiele und 15 Drehbücher für Fernsehserien, eine Vielzahl von Übersetzungen und Bearbeitungen fürs Fernsehen und Theater, 13 Übersetzungen und Bearbeitungen von Musicals inklusive eigene deutsche Liedtexte entstammen ihrer Feder, eine Vielzahl von Preisen und Auszeichnungen (u.a. Adolf Grimme-Preis, Romy, Goldener Rathausmann, Goldenes Verdienstzeichen und Literaturpreis der Stadt Wien) begleiten ihre Karriere.

 

Der Buchtitel „Achterbahn“ bringt Lida Winiewiczs Leben als Schriftstellerin auf den Punkt; subtil humorvoll, manchmal mit feiner Ironie, beschreibt sie das Auf und Ab ihres Broterwerbs, ihre vielfältigen Erfahrungen mit den wichtigen Regisseuren, Schauspielern, Theaterdirektoren, Produzenten und Kulturmanagern und ihre Einsichten in den Literatur-, Theater-, Film- und Fernsehbetrieb. Sie beleuchtet die professionellen, manchmal aber auch skurrilen Arbeitsweisen bedeutender Regisseure und die kleinen und großen Marotten berühmter Schauspieler („…was soll’s: Große Männer haben ihre kleinen Schwächen“). Exemplarisch für viele Erfahrungen erzählt sie, wie Ernst Waldbrunn, über dessen Biografie sie das sehr erfolgreiche Theaterstück „Die Flucht“ geschrieben hatte, die Autorenschaft für sich selbst vereinnahmte. Sie erläutert, wie man an Auftragsarbeiten kommt und beschreibt schöne und weniger schöne Begegnungen und Zusammenarbeiten mit bedeutenden Kulturschaffenden; nahezu alle öffentlich bekannten Namen der deutschsprachigen Literatur- und Theaterszene kommen dabei vor. Augenzwinkernd und mit Understatement gibt sie Einblicke in ihre Arbeitsweise als „Haflinger, der mich verlässlich und ohne Faxen an mein jeweiliges Ziel bringt“ und in ihr Schreiben als „Handwerk, Broterwerb, Arbeit und – an guten Tagen – Spaß“.

 

Meine berufliche Laufbahn gleicht nicht nur einer Achterbahn. Auch jenen Fastnachtsprozessionen, deren Teilnehmer hüpfen, stolpern, Purzelbäume schlagen, auf Händen gehen oder sich unvermittelt an den Straßenrand setzen und die anderen Narren vorbeiziehen lassen“. Mit der Beschreibung einzelner Projekte und Arbeiten bietet „Achterbahn“ ein Kaleidoskop des deutschsprachigen Literaturbetriebes in der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts, zahlreiche persönliche Anekdoten – nicht immer heiter, stets aber humorvoll – verdeutlichen das fruchtbare literarische Leben der Autorin: „Seit 70 Jahren drehe ich meine Runden auf dem Glatteis meines Berufs. Immer wieder gab es Stürze, Prellungen, blaue Flecken. Aber auch, ab und zu, einen Walzer!“.

 

„Es kommt dem Schriftsteller zu, die Gesellschaft kritisch zu bespiegeln“. Kritische Reflexionen zu Erfolg und Misserfolg, zu Applaus und Enttäuschungen sowie zum Unterhaltungsgewerbe und der modernen „Spaßgesellschaft“ generell, ergänzen die autobiografischen Erzählungen. „Jeder, der sich mit künstlerischen Arbeiten an die Öffentlichkeit wagt, sollte einmal im Leben durchfallen“ ist ein Ratschlag, den sie jungen Schriftstellern mitgibt. Die Beschreibung einzelner Begegnungen, wie z.B. mit der alten Bäuerin in „Späte Gegend“, oder besonderer Projekte wie das Fernsehspiel über Niccolo Machiavelli, das indirekt zu einer Zuzugserlaubnis nach Irland und zum Professorentitel führte, erweitern die Lektüre mit persönlichen Momenten, zu denen auch die Erfahrungen gehören, mit denen ältere Menschen („Alte Frau mit Stock in Wien“) und freiberufliche Autoren („Unfinished Business“) zurechtzukommen haben.

 

„Achterbahn – Vom Schreiben leben“ ist ein lesenswertes Buch, das neben den persönlichen Höhe- und Tiefpunkten, Einsichten und Reflexionen von Lida Winiewicz als erfolgreiche Schriftstellerin und Zeitzeugin, viel Wissen zum deutschsprachigen Literatur- und Theaterwesen und dazu auch Unterhaltungslektüre auf hohem literarischen Niveau bietet; es kann uneingeschränkt empfohlen werden.

Lida Winiewicz:

 

„Achterbahn – Vom Schreiben leben“

© Verlag Braumüller, Wien, 2019, ISBN 978-3-99200-250-4

 




Wolfgang Sotill: „ISRAEL – 40 einfache Fragen, 40 überraschende Antworten“

SotillRezension von Gerfried Pongratz: 

Der Israelkenner, Journalist, Buchautor, Reiseleiter und Theologe Wolfgang Sotill nennt als Hauptziel seines Buches, Fakten zu Israel zu vermitteln, Zusammenhänge aufzuzeigen und Klischees aufzubrechen. Was als Buchtitel nach einfacher Reiseliteratur klingt, erweist sich als fundierte Auseinandersetzung mit Israel in seinen vielen Facetten zur Geschichte, Religion, Kultur, Politik und zum Alltagsleben; das inhaltliche Spektrum ist dementsprechend breit und reicht vom Nahost-Konflikt bis zum jüdischen Witz. Der Autor nennt Israel ein Verwirrspiel des Intellekts, aber auch der Gefühle, es sei weder kulturell, noch religiös, noch politisch eindimensional. Die Beschäftigung mit diesem Land erfordere eine offene Gedankenwelt, in der es viele Fragen mit zahlreichen unterschiedlichen Antworten gibt, die zu neuen Kategorien der Kultur-, Religions- und Geschichtsbetrachtung führen. Sotill wünscht sich, dass Israel nach der Lektüre des Buches mit neuen Augen gesehen wird; ohne unkritische Jubelstimmung, aber auch ohne Vorurteile: „Das ist es, was Israel verdient. Nicht mehr und nicht weniger“.

 

Das Buch gliedert sich in drei große Abschnitte: „LAND & LEUTE“ behandelt in 14 als Fragen formulierten Kapiteln Themen, die für das Verstehen Israels wichtig sind und die man kennen sollte, wenn man das Land bereist. Wie gefährlich ist eine solche Reise? Welche Orte sollte man unbedingt besuchen? Was macht Jerusalem so heilig, so schwierig, so einzigartig? Wer ist das überhaupt, ein Jude? Was hat Europa mit dem Konflikt im Nahen Osten zu tun? Wann hören die Juden endlich auf, vom Holocaust zu reden? Diese und zahlreiche weitere Fragen bieten mit ihren zum Teil tatsächlich überraschenden Antworten ein Kaleidoskop des Lebens, wie auch der Probleme und Krisen in Israel. Auch humorige Anmerkungen und persönliche Anekdoten kommen dabei nicht zu kurz; so z.B. wird die spirituelle Dimension von Jerusalem mit „heilig für die halbe Menschheit“ und „jedes Gebet ist ein Ortsgespräch mit Gott“ nahe gebracht und das Sprachengewirr Israels (hebräisch, jiddisch, arabisch) mit mehreren Beispielen erhellt.

 

Der Abschnitt „JUDENTUM –CHRISTENTUM – ISLAM“ widmet sich mit 24 Fragen vorwiegend der Bedeutung von Israel, insbesondere von Jerusalem, für die drei monotheistischen Weltreligionen und den sich daraus ergebenden Folgen; dass der Autor auch Theologe ist, wird dabei deutlich erkennbar. Woran glauben Juden? Warum ist der Platz des Felsendoms auch Juden heilig? Wer ist ein orthodoxer Jude? War Jesus Jude? Warum lehnen die Juden Jesus als Messias ab? Warum ist Jerusalem die drittheiligste Stadt im Islam? Warum steht über Maria im Koran mehr als in der Bibel? Die Antworten beleuchten die Entwicklungen dieser drei Religionen bis hin zu den Problemen, die sich aus ihren Verbindungen, Verflechtungen, Verschränkungen in ihren Varianten und Auslegungen – von moderat bis ultraorthodox – im heutigen Israel ergeben. Historische Betrachtungen über das Land zur Zeit Jesu, zu Aussagen des alten und neuen Testaments, zur Kreuzigung als „grausamste und fürchterlichste Todesstrafe der Menschheitsgeschichte“ (Cicero) ergänzen die Ausführungen, wobei auch Antworten zu Fragen des alltäglichen Lebens nicht zu kurz kommen: Wird an der Klagemauer nur geklagt? Wie begehen Juden den Schabbat? Wie schmeckt koscheres Essen?

 

Neben Betrachtungen über Land und Leute vermittelt das Buch sehr viel religionskundliches Wissen; ohne inhaltliche Wertung beschreibt Wolfgang Sotill Grundlegendes der drei Religionen, bis hin zu ihren heiligen Schriften und Ritualen, wobei Außenstehenden Vieles extrem seltsam erscheint. Die starke Zunahme orthodoxer Juden (sie haben wesentlich mehr Kinder als säkulare) in Israel mit ihrem Beharren darauf, dass ihnen das Land von Gott zugeeignet worden sei, führt zur Vertiefung innerisraelischer Spannungen und vermindert neben anderen Erscheinungen – auch von arabischer Seite – die Chancen auf eine Friedenslösung in der Region. Die Antworten auf Fragen wie „Sind Araber in Israel auch Palästinenser? Warum versetzen die Kreuzfahrer die Araber noch immer in Angst? Sind die Siedler ein Hindernis für den Frieden?“ verdeutlichen das schwierige Verhältnis Israels zu Palästina, bzw. von Juden zu Arabern, wobei der Autor die derzeitige Entwicklung mit wenig Optimismus bewertet.

 

Neben den Problemen und negativen Erscheinungen beschreibt das Buch auch zahlreiche alltägliche – heitere und ernste, tiefgründige und oberflächliche – Aspekte des Lebens in Israel. Mit der Frage „Was hat das Judentum für die Welt geleistet?“ werden die zentralen Errungenschaften von Monotheismus, das Verbot von Menschenopfern, die Demokratisierung der Religion und der Rechtsgrundsatz der Verhältnismäßigkeit von Vergehen und Strafe und damit von der Wertgleichheit der Menschen, erörtert. Dass das jüdische Lehr-, Lern- und Bildungssystem weltweit einzig dasteht und überragende Erfolge zeitigte, bzw. noch immer zeitigt (1/3 aller Nobelpreisträger seit 1901 sind Juden) ist unbestritten, die Frage „Sind Juden intelligenter als Nichtjuden?“ wird vom Autor mit dem Hinweis auf das Bildungssystem verneint. „Sind die Juden ein auserwähltes Volk?“, wie ihre orthodoxen Religionsvertreter meinen, wird von ihm ebenfalls verneint; Juden sind seiner Ansicht nach kein „auserwähltes“, aber ein „besonderes“ Volk. Das Judentum mit seiner 4.000jährigen Geschichte und Kulturentwicklung könne nicht nur auf eine einzigartige Beständigkeit unter allen (untergegangenen) antiken Völkern, sondern auch auf eine einzigartige Entwicklung unter allen Völkern verweisen.

 

Der dritte Abschnitt des Buches „Zeittafel“ vermittelt unter „WAS WAR WANN“ gut gegliedert die Geschichte der Israeliten, bzw. Israels seit 3.760 vor Christus, als Zeitpunkt der Schöpfung der Welt nach mythologisch jüdischer Zeitrechnung. Nach Jahreszahlen geordnet werden die Zeit der Patriarchen, der Richter, der Könige, die hellenistische Zeit, Römerherrschaft, Kreuzfahrerzeit, Zeit der Osmanen usw. bis hin zur Staatsgründung 1948 mit wichtigen Kenndaten und Ereignissen beschrieben. Diese Ausführungen und die darauf folgenden Anmerkungen und Literaturhinweise sowie eine Empfehlung für Orte, die man als Israelbesucher unbedingt aufsuchen sollte, bilden eine gute Ergänzung der vorangegangenen Inhalte.

 

Das vorliegende Werk führt in ein orientalisches Land voller Heiligtümer und kultureller Sehenswürdigkeiten, voll alter und aktueller Geschichte, voller Konflikte, aber auch voller erstaunlicher Erfolge. Es gelingt dem Autor, die zahlreichen Aspekte und Gegensätze Israels nicht nur sachlich darzulegen, sondern Geschichte auch mit Geschichten zu verbinden und damit emotionell nahe zu bringen. Man spürt des Autors Bemühen, neutral und möglichst unparteiisch zu berichten – seine Affinität für Religionen und zum Staat Israel bleibt dabei erkennbar. Wolfgang Sotill versteht es, ein vielseitiges, farbiges Gesamtbild von Israel auf literarisch hohem Niveau zu vermitteln, negative Entwicklungen und kritische Anmerkungen werden nicht ausgespart. „ISRAEL – 40 einfache Fragen, 40 überraschende Antworten“ ist ein Buch, das einschlägig Interessierten ohne Einschränkung empfohlen werden kann.

Wolfgang Sotill: „ISRAEL – 40 einfache Fragen, 40 überraschende Antworten“

© Styria Verlag, Wien-Graz, 2019, ISBN 978-3-222-13634-4, 239 Seiten.

 

Gerfried Pongratz 10/2019

 

 




Frerk: „Kirchenrepublik Deutschland“, Rezension Siegfried R. Krebs

frerkkirchenrepublik

Studie fragt: „Ist Deutschland tatsächlich eine Demokratie?“

WEIMAR. (fgw) Carsten Frerk zieht in seinem neuesten Buch „Kirchenrepublik Deutschland“ ein nur knapp zweiseitiges Fazit, das mit einem Fragesatz endet: „Ist Deutschland tatsächlich eine Demokratie?“ (S. 297) Diese Frage sollte sich ein jeder nach der Lektüre von Frerks Untersuchungen zum „Christlichen Lobbyismus“ selbst stellen. Die Antworten kritisch denkender republikanischer Demokraten dürften dem politischen und medialen Mainstream aber sicher nicht gefallen. Der Autor selbst spricht von Deutschland als von einem „durch die Kirchen gekaperten Staat“.

Denn Carsten Frerk beschreibt, sehr detailliert und auf den Punkt gebracht, wie die beiden christlichen Großkirchen (man sollte aber besser konkret vom Klerus sprechen) nach 1945 in Deutschland systematisch Einfluß auf die Politik, insbesondere im Bund und in den Ländern, genommen haben und diesen stetig ausbauten und immer noch ausbauen. Der Autor untersuchte für diese Studie, erstmalig für Deutschland, die engen Verflechtungen zwischen dem Klerus und dessen Lobbybüros einerseits und der Ministerialbürokratie, der Politik und (leider nur knapp) der Justiz andererseits. Anhand von Strukturen und (sich oft überschneidenden Personalien/Karrieren) zeigt Frerk auf, wie über klerikale Lobbyisten politische Entscheidungen im Sinne der milliardenschweren Wirtschaftsunternehmen „Kirchen" herbeigeführt werden. Diese seien daher, wenn es um die ureigensten Belange als Organisationen geht, die erfolgreichsten Lobbyisten der Republik überhaupt. Und das völlig geräuschlos und von der Öffentlichkeit so gut wie nicht bemerkt. Ganz im Gegenteil zu den Lobbyisten z.B. der Pharma- oder Versicherungskonzerne.

„Worum geht es?" – dieser Frage widmet Frerk noch vor dem eigentlichen Vorwort einigen Raum. Und allein schon diese knappen sechs Seiten genügten eigentlich für die Charakterisierung der Bundesrepublik als Kirchenrepublik. Hier geht der Autor auf ein bezeichnendes Beispiel aus den Anfangsjahren ein. Dieses Beispiel verdeutlicht lehrbuchhaft, welche Privilegien die Kirchen, der Klerus, sich von der Politik zubilligen haben lassen und wie kirchlicher Lobbyismus bis heute erfolgreichst funktioniert. Konkret geht es in diesem Beispiel um das Betriebsverfassungsgesetz, über dessen Zustandekommen gemäß klerikalen Wünschen Frerk u.a. folgendes zu Papier bringen konnte:

„In den darauf folgenden Schreiben des EKD-Ratsvorsitzenden Bischof Otto Dibelius an den Bundeskanzler und den Bundesminister für Arbeit (vom 12. Juni 1951) wird darauf hingewiesen, daß den Kirchen aufgrund von Art. 140,1 GG in Verbindung mit Art. 137,3 der Weimarer Verfassung 'innerhalb der Schranken des für alle geltenden Gesetzes eine weitgehende und grundsätzliche Autonomie zugestanden' worden sei. Und nach den Hinweisen auf die NS-Zeit und daß die Kirchen von totalitären Staaten bedroht werden könnten – als Hinweis auf die DDR, also Bedrohung von rechts und links -, müsse die Kirche auf dem uneingeschränkten Recht bestehen, ihre Angelegenheiten autonom zu regeln.

Es hat offensichtlich Wirkung, wenn der Ratsvorsitzende der EKD, Bischof Dibelius, direkt an Kanzler und zuständige Bundesminister schreibt. (Mit dem Begriff der 'Autonomie' ist zudem bereits die Interpretationsbrücke gebaut, wie aus dem Recht auf Selbstverwaltung ein 'Selbstbestimmungsrecht' wird.)" (S. 11)

Bereits in der „Einleitung" konstatiert dann Frerk: „Eine typische Darstellung zum kirchlichen Lobbyismus lautet: '…die kirchlichen Beauftragten setzen sich für den Stopp von Rüstungsexporten ein und für die menschliche Behandlung von Flüchtlingen, und wenn sie versuchen, die Liberalisierung der Sterbehilfe zu verhindern oder die Freigabe der Embryonenforschung, dann setzen sie sich zwar dafür ein, daß die Glaubensgrundsätze ihrer Kirchen in Politik umgesetzt werden – finanzielle Vorteile schlagen sie dabei nicht heraus. Anders als jene Vertreter der Autohersteller (…) Dabei handelt es sich [beim Wirtschaftsunternehmen Kirchen; SRK] nicht um Millionen, sondern um Milliardenbeträge. Warum also dieses Verschweigen konkreter finanzieller Interessen der Kirchen? (…) Diese lobbyistische Leugnung finanzieller und wirtschaftlicher Interessen ist zwar nicht verwunderlich, aber es ist auch keine hinreichende Erklärung, warum die personellen Verflechtungen zwischen Staat und Kirche nicht als verfassungsrechtlich problematisch bewertet werden." (S. 20 – 21)

In acht Kapiteln geht Frerk dann lobbyistischen Behauptungen und den von ihm aufgeworfenen Fragen nach.

Kirchlicher Lobbyismus und historische Konstanten

So lauten die Überschriften der ersten beiden relativ kurzen Kapitel. Im ersteren geht es um Generelles und indirekte Erfolge sowie um die Frage, ob Kirchen Akteure in einer Demokratie sein können und ob die Kirchen eigentlich selbst über eine eigene demokratische Legitimation verfügen.

Die historischen Konstanten macht Frerk kurz und knapp, aber um so aussagekräftiger an Jahreszahlen fest: 380 (Erhebung des Christentums zur Staatskirche); 1803 (Reichsdeputationshauptschluß – Mediatisierungen und Säkularisierungen von geistlichen Territorialstaaten); 1919 (Weimarer Reichsverfassung mit dem Verfassungsgebot der Trennung von Staat und Kirche); 1933 – 1945 („düstere 12 Jahre"); 1945 (nach der Kapitulation).

Zu den Jahren nach 1945 (im Westen Deutschlands) schreibt Frerk: „Diese Jahres des Elends, des Hungers, der Wohnungsnot, der Flüchtlinge, der Ausgebombten und der Lebensmittelkarten für die Millionen Menschen der einfachen Bevölkerung waren die 'goldenen Jahre' der Kirchen, vor allem der katholischen Kirche. Wie der 'Phoenix aus der Asche' trat sie in die Positionen der Vertretung auch der politischen Interessen der Bevölkerung in Deutschland ein. (…) erklärte sich die katholische Kirche, deren Strukturen [im Gegensatz zu den staatlichen; SRK] erhalten geblieben waren, zur Sprecherin der Interessen der Bevölkerung gegenüber den Besatzungsmächten.

Mit dem 'Nationalsozialismus' hätte sie, die katholische Kirche, nichts zu tun gehabt, wäre selbst Verfolgte gewesen (…) Amerikanische Offiziere beschwerten sich über die Vielzahl von 'Persilscheinen', die von katholischen Bischöfen und Priestern für Parteimitglieder und Mitläufer ausgestellt wurden.

Diese Jahre waren die 'Geburtsstunde' eines christlichen Lobbyismus in Deutschland, der seinesgleichen auf der Welt sucht. Unter Leugnung der eigenen Schuld brachte sich die katholische Kirche in die Positionen einer Verteidigerin der 'sittlichen Werte' eines Volkes, dem sie diese Werte allerdings erst wieder beibringen wollte. In dieses politische und gesellschaftliche Vakuum hinein positionierte sie sich als moralische Autorität." (S. 32 – 33)

Von direktem Anspruch auf entscheidender Teilhabe an der Politik, also der Herrschaft über die Köpfe der Menschen war da natürlich nicht die Rede. Und noch weniger von den wirtschaftlichen Interessen des Großgrundbesitzers und Großkapitalisten Kirche erst recht nicht…

Und… der Klerus war erfolgreich, konnte das Rad der Geschichte teilweise bis vor 1918/19 zurückdrehen. Dazu Carsten Frerk: „Das beschlossene Grundgesetz wurde nicht durch ein Referendum legitimiert, da vor allem die katholische und die evangelische Kirche dagegen waren.

In diesen Jahren wurden grundlegende Strukturen geschaffen, wie beispielsweise die Studenten-/Begabtenförderungswerke der Parteien und der Kirchen. Das funktioniert bis heute: 'Alle für einen – einer für alle'.

Als Erfolg für die Kirchen wird genannt, daß die 'Kirchenartikel' der Weimarer Reichsverfassung (136, 137, 138, 139 und 141) über Artikel 140 in das Grundgesetz inkorporiert wurden.

Der wesentliche Erfolg der Kirchen wird dabei aber übersehen: Der erste Kirchenartikel der Weimarer Reichsverfassung, der Artikel 135, wurde nicht übernommen. Er lautet: 'Alle Bewohner des Reiches genießen volle Glaubens- und Gewissensfreiheit. Die ungestörte Religionsausübung wird durch die Verfassung gewährleistet und steht unter staatlichem Schutz. Die allgemeinen Staatsgesetze bleiben hiervon unberührt.'

Die Auffassung, er wäre identisch mit Art 4 GG, übersieht das Wesentliche des dritten Satzes, der juristisch bedeutet: 'Staatsgesetze haben Vorrang vor Religionsgeboten.' Dieser fehlende Satz ist kirchenpolitisch einer der entscheidenden Unterschiede zwischen 'Weimar' und 'Bonn'. Er ist das Einfallstor für kirchliche Eigenwege und [angemaßte; SRK] Sonderrechte, die es so in der Weimarer Republik nicht gegeben hatte." (S. 35)

Und genau darauf geht Carsten Frerk in seinen Lobbyismus-Untersuchungen ein.

Lobbyismus von außen

Dieses Kapitel macht den Hauptteil des Buches aus. Was Frerk hier zusammengetragen hat, das kann unmöglich in seiner Fülle reflektiert werden. Der Rezensent wird sich daher auf einige markante Themen und Fakten beschränken müssen.

Zunächst stellt Frerk die Akteure des christlichen Lobbyismus, die Kirchen, vor und bietet hier folgende Definition an: „'Kirche' ist im politikbezogenen Handeln eine Vielzahl von Organisationen, die versuchen, eigenständig oder koordiniert, auf Politik Einfluß zu nehmen." (S. 37) Skizzierend stellt er die wichtigsten dieser Akteure vor: die katholische Kirche mit der Deutschen Bischofskonferenz und dem Zentralkomitee der Katholiken sowie die evangelische Kirche (EKD) mit der Synode der EKD. Als deren direkte Lobby-Organisationen auf Bundes- und Länderebene fungieren die sogenannten Kirchlichen Büros, auch Kommissariate genannt. Für diese sei grundlegend, wie sich die Kirchen zum Staat positionierten. Hierzu heißt es u.a.: „Die Kirchen meinten allerdings, als Hüterin der sittlichen Ordnung' seien sie zur 'Partnerin des Staates' geworden, der sie gerade wegen seiner eigenen Neutralität benötigen würde. (…) Zudem maßen sich die Kirchen ein 'Wächteramt und Kontrollfunktionen gegenüber dem Staat an, die ihnen verfassungsrechtlich nicht zustehen." (S. 42 – 43)

Und wie klerikalerweise getrickst wird, um fehlende Rechtsgrundlagen herbei zu halluzinieren, das macht der Autor an einigen Beispielen fest. So u.a. hiermit:

„Den Gipfel der Unverfrorenheit trägt aber der seinerzeitig Leiter des Kommissariates, Wilhelm Wöste, bei, wenn er (…) für das 'Handbuch des Staatskirchenrechtes der Bundesrepublik Deutschland' (1975) schreibt: 'Die Mitarbeit der Kommissariate an den einzelnen Gesetzgebungsvorhaben geschieht in allen in Betracht kommenden Stadien, die eine Gesetzesvorlage in der modernen Demokratie durchläuft. Die Bundesministerien sind durch Erlaß gehalten, die Kirchen über bevorstehende Gesetzesvorhaben frühzeitig zu informieren." (S. 45)

Das Wort „Erlaß" elektrisierte Frerk, er recherchierte tiefer… und fand im Evangelischen Zentralarchiv in Berlin das von Wöste beschworene Schreiben. „Dabei zeigte sich Überraschendes. Es handelt sich nicht um einen 'Erlaß', der ja zumindest eine gewisse Rechtsqualität hätte, sondern um einen einfachen Brief von Bundeskanzler Willy Brandt mit einer Bitte an seine Ministerkollegen, der den beiden kirchlichen Büros durch ein Schreiben von Bundeskanzleramtsminister Horst Ehmke (vom 13.11.1970) zur Kenntnis gebracht wird." (S. 45) Es folgt der Text im Wortlaut. Und es geht weiter mit der Feststellung: „In der Gemeinsamen Geschäftsordnung der Bundesministerien (GGO), in der es um § 47 um die 'Beteiligung von Ländern, kommunalen Spitzenverbänden, Fachkreisen und Verbänden' geht, werden die Kirchen nicht erwähnt." (S. 47)

„Böckenförde-Diktum"

Schließlich geht Frerk in diesem Zusammenhang auf das vielzitierte „Böckenförde-Diktum" ein, mit dem die bundesdeutschen Kirchenfürsten stets und ständig – von ihren Zuhörern nie hinterfragt – hausieren gehen, um ihren Machtanspruch über den Staat angeblich höchstrichterlich zu begründen. Diese Passage des Buches soll an dieser Stelle ausführlich wiedergegeben werden, denn selbst den meisten säkularen Aktivisten ist der wahre Sachverhalt unbekannt.

„Der Jurist Wolfgang Böckenförde hatte 1964 eine Abhandlung geschrieben, in der es vollständig heißt: 'Der freiheitliche, säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann. Das ist das große Wagnis, das er, um der Freiheit willen, eingegangen ist. Als freiheitlicher Staat kann er einerseits nur bestehen, wenn sich die Freiheit, die er seinen Bürgern gewährt, von innen her, aus der moralischen Substanz des einzelnen und der Homogenität der Gesellschaft, reguliert. Andererseits kann er diese inneren Regulierungskräfte nicht von sich aus, das heißt mit den Mitteln des Rechtszwanges und autoritativen Gebots garantieren, ohne seine Freiheitlichkeit aufzugeben – auf säkularisierter Ebene – in jenen Totalitätsanspruch zurückzufallen, aus dem er in den konfessionellen Bürgerkriegen herausgeführt hat.'" (S. 51)

Und was ist daran falsch? Nichts! Aber Frerk schreibt dann weiter:

„Diese formal richtige Aussage, daß Freiheit dort endet, wo der Zwang beginnt, wurde nun von interessierter kirchlicher Seite zu einem Diktum verkürzt, das nur noch den ersten Satz zitiert: 'Der freiheitliche, säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann." Punkt. Nein, Fortsetzung [allein aus klerikaler Hand; SRK]: 'Diese Voraussetzungen schaffen die Kirchen. Deshalb ist der Staat auf die Kirchen angewiesen.'" (S. 51)

Böckenförde habe dieser Vereinnahmung und Verfälschung mehrfach widersprochen, heißt es, es habe bis heute nichts genützt.

Und Frerk geht dann auch noch auf den Schluß von Böckenfördes Artikel ein, der von interessierter Seite ebenfalls verschwiegen wird, da heißt es u.a.: „Es führt kein Weg über die Schwelle von 1798 zurück, ohne den Staat als die Ordnung der Freiheit zu zerstören. (…) [es gehe darum; SRK] …daß die Christen diesen Staat in seiner Weltlichkeit nicht länger als etwas Fremdes, ihrem Glauben Feindliches erkennen, sondern als die Chance der Freiheit, die zu erhalten und zu realisieren auch ihre Aufgabe ist'." (S. 51 – 52)

Übrigens, so Frerk sarkastisch, „das verkürzte 'Diktum' wird garniert mit 'Professor' und 'Bundesverfassungsrichter' – was er beides noch nicht war, als er es 1964 schrieb – und wer wagt es schon, gegen eine derartige 'Kapazität' etwas zu sagen." (S. 52)

Im folgenden Abschnitt über Lobbyismus und angemaßtes „Wächteramt" bietet Frerk eine Auflistung von reinen Fakten an, die für sich selbst sprechen. Noch deutlicher wird es dann, wenn es um „Wirtschaft und Geldfluß im Raum der Kirchen" geht – mehr dazu bietet Carstens Frerks Klassiker „Violettbuch Kirchenfinanzen".

Kirchliche Büros in Bund und Ländern

Diese Büros von katholischer und evangelischer Kirche sowie kurz auch die der Evangelikalen und der Freikirchen werden detailliert vorgestellt: Gründung und Entwicklung, leitendes Personal, Adressen, offene und verborgene Arbeitsweisen, personelle Verflechtungen und Netzwerke, Wechsel von Theologen aus kirchlichen Ämtern in Ministerien und wieder zirück…

Mit welchem Anspruch diese Büros gegenüber Politik und Ministerialbürokratie auftreten, das macht ein Zitat des evangelischen Lobbyisten Oberkirchenrat Hermann Kalinna deutlich, wenn dieser in einer seiner „staatskirchenrechtlichen Schriften" dreist formuliert: „Dabei sind vorgegeben das komplexe staatskirchenrechtliche System und die ungeschriebenen Regeln des Umgangs. Die Beherrschung beider ist wichtig, damit das Verhältnis Staat-Kirche nicht der Steuerung durch die Kirchenleitung entgleitet." (S. 98)

Den letzten Satz sollte man immer im Ohr haben, wenn man salbungsvolle Kanzelpredigten zu hören bekommt!

Anschließend untersucht Carsten Frerk das Wirken der Kirchlichen Büros (Katholische Büros bzw. Beauftragte der jeweiligen evangelischen Landeskirchen) in den einzelnen Bundesländern.

Für jedes einzelne Land wird die religionssoziologische Zusammensetzung der Bevölkerung genannt, die durchaus sehr unterschiedliche ministerielle Zuordnung des Ressorts „Kirchenfragen". Es werden die Büros mit Adresse (sehr bemerkenswert auch die Angaben der Wege-Distanzen zwischen Büros, Staatskanzlei, zuständigem Ministerium…), ihrem Personal, die bestehenden personellen Verflechtungen und Netzwerke sowie die wichtigsten „Arbeitsfelder und -aufgaben" der Akteure.

Erwähnung finden „ökumenische Gottesdienste" vor Landtagssitzungen und andere religiöse Zeremonien bei staatlichen und kommunalen Anlässen, Immatrikalationsfeiern für (für Nicht-Theologiestudenten) in Kirchen, gegenseitige Lobeshymnen von Politikern und Klerikern, landesrechtliche Verträge mit den Kirchen und bereitwillig erfolgende Geldzahlungen an diese und und und…

Wenn man sich all das zu Gemüte führt, kann man wirklich zum Schluß kommen, daß es eine Trennung von Staat und Kirche(n) in Deutschland bis heute nicht gibt – trotz des seit 1919 geltenden Verfassungsgebotes. Ja, daß die Verflechtung von Klerus und Staat enger denn je ist, wobei der Klerus wie im tiefsten Mittelalter dabei die Steuerung, sprich die Führung, beansprucht.

Lobbyismus von innen

Hierzu schreibt Carsten Frerk eingangs: „Während Verbindungen im Bereich der politischen Parteien und der Parlaments-Fraktionen normalerweise öffentlich direkt genannt werden, sind die Loyalitäten zwischen Ministerialbeamten und Kirchen weitestgehend der Öffentlichkeit entzogen." (S. 207) Ja, die Ministerialbürokratie stelle, so wissenchaftliche Untersuchungen, stets die „erste Adresse" für Lobbyisten dar. Das gelte natürlich auch für klerikale Lobbyisten. Lobbyismus geschehe immer öfter durch Leihbeamte aus Wirtschaftskreisen oder großen Kanzleien. Allerdings, so Frerk, „die Kirchen brauchten in dieses 'Personalaustauschprogramm' nicht einbezogen werden, da sie bereits seit Beginn der Bundesrepublik Deutschland in den diversen Bundesministerien, im Bundeskanzleramt und Bundespräsidialamt gleichsam ihre 'Schreibtische' stehen haben." (S. 208)

Es seien dies vor allem „die 'Seitenwechsler' von der Kirche zum Staat. 'Kirchlicher Dienst ist öffentlicher Dienst' heißt es in den Staat-Kirche-Verträgen und Konkordaten, und so wird u.a. munter zwischen 'kirchlichem Dienst' und 'öffentlichen Dienst' hin- und hergewechselt." (S. 208) – Selbstverständlich mit allen nur möglichen Pensionsansprüchen… Man könne daher mit Fug und Recht von einem „gekaperten Staat" reden. Wie das Kapern geschieht, das könne man anhand eines Kataloges von „LobbyControl" nachlesen; siehe S. 214.

Um das besser verstehen zu können, müsse man sich immer einen Grundsatz vor Augen halten, der sinngemäß so lautet: „Die Minister kommen und gehen, die Ministerialbeamten bleiben; egal wer unter ihnen Kanzler oder Minister ist."

Natürlich nennt Frerk auch hier Namen, was Seitenwechsler angeht, deren Amts-Positionen und was sie in diesen für ihre Entsender durchsetzen konnten. Aber muß das so sein, fragt der Autor und gibt folgende Antwort: „'Dazu gehören immer zwei', ist auch hier richtig. Würden die Ansprüche der Kirchen nicht durch Politiker/Staatsbeamte akzeptiert werden, dann wären es nur 'fromme Wünsche'. Wie sehr jedoch die Politik einen Kotau vor den kirchlichen Ansprüchen macht, zeigt z.B. der maßgebliche Loccumer Vertrag (1955), in den die Landesregierung den 'Öffentlichkeitsauftrag' der Kirchen hineinschreiben läßt und nicht als das beläßt, was es aus staatlicher Sicht ist, nämlich ein Öffentlichkeitsanspruch." (S. 220 – 221)

Frerk gibt dann einen Überblick über kirchennahe Beamte, die schon immer da sind, und solche, die als „Seitenwechsler" agieren, angefangen von Bundespräsidialamt und Bundeskanzleramt bis hin zu den für die Kirchen (und ihre finanziellen Ansprüche) wichtigen Bundesministerien des Innern, der Justiz, der Finanzen, für Familie, für Bildung und Forschung, für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung sowie des Auswärtigen Amtes. Und auch hier gibt Frerk immer wieder Querverweise zu Netzwerken. Netzwerke, die ganz besonders aus gemeinsamen kirchlichen Bildungs- und Studienwegen herrühren. Und Netzwerke, die sich aus diversen Mitgliedschaften in allen möglichen Gremien und Vereinen begründen.

Lobbyismus von innen funktioniert natürlich auch auf Landesebene, das macht Frerk beispielhaft anhand der „Kirchenreferenten" so unterschiedlicher Landesregierungen, wie der von Baden-Württemberg, Bayern, Berlin, Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz sichtbar. Abschließend lenkt er den Blick noch auf die von ihm so benannte „Gottesfraktion" im Deutschen Bundestag. Dabei stellt er diese grundsätzlichen Fragen: „Geht es, daß ein MdB Mitglied in einem Ausschuß ist, in denen Geldtransfers für Organisationen beschlossen werden, in denen der MdB dann wiederum auch Mitglied ist? Kann ein MdB also gleichzeitig auf der Geberseite (des Bundestages) und der Empfängerseite (der Organisation) sitzen? Sind solche Abgeordneten nicht befangen, da die Organisationen bestimmte (vor allem auch finanzielle) Interessen haben, die über den MdB dann ihren politischen Weg und ihre Wirkung in die Ausschußberatungen 'finden'?" (S.280)

Nun, das sei alles legal, denn in der Geschäftsordnung des Bundestages fehle – anders als in denen der Kommunalvertretungen – eine Regelung, nach der ein Abgeordneter wegen einer Befangenheit in der Sache nicht an dessen Beratung oder an der Abstimmung darüber teilnehmen darf.

Voller Sarkasmus resümiert Frerk: „Nachfrage an den Juristen: Und die Moral? Antwort: Moral ist keine juristische Kategorie:" (S. 281)

Nur im Überblick gestreift wird dann der real vorhandene und überaus erfolgreiche klerikale Lobbyismus in den Medien, insbesondere in den öffentlich-rechtlichen Anstalten (Gremienbesetzungen, Redaktionspersonal), in der Wissenschaft (insbesondere in den kircheneigenen Elite-Gymnasien und über Begabten-Studienförderungswerken) und im sogenannten Staatskirchenrecht.

Ein eigenes Kapitel ist auf den Seiten 290 bis 295 dem Bundesverfassungsgericht gewidmet. Besonders hervorhebenswert ist hier die Darlegung, wie dank kirchennaher Juristen nach Gründung der Bundesrepublik aus dem „Selbstverwaltungsrecht" der Kirchen und Weltanschauungsgemeinschaften lt. Weimarer Reichsverfassung ein „Selbstbestimmungsrecht" der Kirchen konstruiert worden ist. Diese Passagen verdienen es, als Sonderdruck in hoher Auflage verbreitet zu werden. Denn sie stellen eine überaus wertvolle Argumentationshilfe für diejenigen dar, die für die Erfüllung des Verfassungsauftrages eintreten.

Fazit

In seinem Fazit schreibt Carsten Frerk u.a.: „Den Kirchen laufen die Mitglieder weg, die verbliebenen kümmern sich immer weniger um die geistlichen Angebote (…)

Die Kirchen verlieren an Einfluß und gesellschaftlicher Macht, weil ihnen die Basis wegbricht. Falsch.

Das ist alles unerheblich, denn die überaus 'günstige' verfassungsrechtliche Stellung der Kirchen im Grundgesetz und die Interpretationen des Bundesverfassungsgerichts sorgen für den Erhalt der Korporationsrechte der Kirchen. (…)

In Deutschland besteht neben der parlamentarischen Demokratie und dem Staatsaufbau eine 'Nebenregierung' und eine 'zweite' Bürokratie, die öffentlich als Kirche auftritt und ihren massiven Lobbyismus entweder verschweigt oder gelegentlich stolz präsentiert… (…)

Die Kirchen sind selbstverständlicher Teil des Staates geworden, ohne daß dafür irgendeine Rechtsgrundlage besteht, weder im Grundgesetz noch in Ausführungsgesetzen noch in Geschäftsordnungen. (…)

Zum Erfolg des kirchlichen Lobbyismus trägt nicht nur seine Geräuschlosigkeit bei – das gilt für jeden erfolgreichen Lobbyismus – sondern vor allem die lobbyistische Camouflage, daß die Kirchen keine eigenen wirtschaftlichen Interessen hätten. Flüchtlingsarbeit ins Rampenlicht; Eigeninteressen hinter die Kulissen." (S. 296 – 297)

Damit ist eigentlich alles gesagt, wenn es um die Frage des kirchlichen (also klerikalen) Lobbyismus geht. Der wird eben nicht aus wohltätigen oder spirituellen Gründen betrieben, sondern weil diese Kirchen seit der römischen Antike zu den milliardenschweren Kapitaleignern und Großgrundbesitzern gehören. Ganz im Interesse der dieses Wirtschaftsunternehmen Kirche steuernden Priesterkaste. Sie sind die Nutznießer, nicht die in Kanzelpredigten vorgeschobenen „Armen".

Carsten Frerk hat für seine Studie, die diesem Buche zugrundeliegt, akribisch recherchiert und seine Recherche-Ergebnisse gekonnt analysiert. Das alles wurde von ihm in sprachlicher Brillanz für den Leser aufbereitet: Sachlich-präzise im Inhalt, pointiert in der Formulierung – sarkastisch und „gewürzt" mit einer guten Prise Ironie. Ja, solchen Sarkasmus und Frerks 1a-Ironie bedarf es tatsächlich, um die geschilderten Zustände in ihrer ganzen Tragweite erkennen zu können.

 

Siegfried R. Krebs

Carsten Frerk: Kirchenrepublik Deutschland. Christlicher Lobbyismus. Eine Annäherung. 304 S. kart. Alibri-Verlag. Aschaffenburg 2015. 18,- Euro. ISBN 978-386569-190-3

Link zum Originalartikel bei Freigeist Weimar

Siehe auch das Interview mit Frerk im Deutschlandfunk, Kirchen in Deutschland – "Wirtschaftsbetriebe mit religiösem Etikett" (14.12.)




Pfaffen-Machtgier: Einmal Canisius, immer (noch) Canisius

LabyrintWEIMAR. (fgw) Rebecca Abe hat in diesem Jahr mit „Im Labyrinth der Fugger“ einen bemerkenswerten historischen Roman vorgelegt. In den Mittelpunkt der Handlung hat sie Anna Fugger (1547-1587) gestellt. Weitere Hauptpersonen sind u.a. ihre Brüder Philipp und Octavian sowie der Jesuit, Domprediger und Exorzist Petrus Canisius (1521-1597).

Die Handlung des Romans setzt etwa zwei Wochen nach dem Begräbnis des Fugger-Patriarchen Anton ein. Einher damit geht der Streit um das Erbe der bis dato reichsten Familie Europas, wobei dieser Machtkampf insbesondere auch unter dem Deckmantel der Religion (Katholiken vs. Lutheraner) geführt wird. Ursprünglich ist das Erbe gleichmäßig auf alle Nachkommen verteilt worden. Das aber will der kinderlose Christoph, Annas Onkel, nicht hinnehmen. Insbesondere will er seinen Bruder Georg und dessen 13 Kinder ausschalten, denn gerade die vielen Töchter könnten durch Eheschließungen (Mitgiften für die Bräutigame) deutlich schmälern. Seine Intrigen plant er gemeinsam mit Canisius, denn ein Gelingen würde sich auch für „die Kirche" finanziell lohnen. Christoph zieht dazu noch Annas Bruder Philipp auf seine Seite – mit dem Versprechen, ihn als seinen eigenen Erben einzusetzen.

Anna Fugger ist eine belesene, wißbegierige, intelligente und künstlerisch überaus begabte junge Frau, die in der Hinsicht ganz nach ihrem Vater Georg kommt, der sie übrigens in jeder Hinsicht fördert. Was seinerzeit alles andere als üblich war.

Anna Fugger, das klingt so bürgerlich und schlicht. In diesem Zusammenhang muß erwähnt werden, daß die Fuggers zu jener Zeit schon lange Zeit keine frühbürgerlichen Handelsleute, Bankiers und Unternehmer mehr waren. Durch Kaiserliches Patent waren sie in den hohen Adel aufgestiegen, zu Großgrundbesitzern und so zu Landesherren in ihren Territorien geworden. Georg Fugger ist also mit vollem Namen und Titulation Georg Reichsgraf Fugger auf Weißenhorn und Kirchberg, demzufolge ist Anna ebenfalls eine Gräfin…

Rebecca Abe hat zur besseren Illustration damaliger gesellschaftlicher Verhältnisse zwei Charaktere aus der „Unterschicht" eingeführt: den versierten Kürschner Kellenbenz und dessen stumme Tochter Bianka. Beide werden als unwissende Werkzeuge in die Intrige des Christoph Fugger und des Petrus Canisius hineingezogen, queren des öfteren den Weg Annas und kommen schließlich beide auf grausame Weise zu Tode.

Leben und Leiden der Anna Fugger

Der Roman gliedert sich in vier Bücher, die die wesentlichen Lebensstationen Annas widerspiegeln:

Erstens, „Adams Rippe": Augsburg und Venedig, 1560-1561;

zweitens, „Teufelsapfel": Augsburg und Kühbach, 1562-1564;

drittens, „Tollkäfig", Augsburg, 1581-1582 und

viertens, „Paradiesvogelfeder", Augsburg und Heidelberg, 1582.

 

Auf das inhaltliche Geschehen soll hier nicht weiter eingegangen werden, zumal sich der historische Roman mitunter wie ein Thriller liest: Was muß Anna, was müssen ihre Schwestern erdulden, ja erleiden? Wie gelingt es Anna, sich trotz aller infamen Perversitäten seitens des Paters und der Nonnen nicht brechen zu lassen? Wie kann es ihr gelingen, schließlich erst aus dem einen, dann auch noch aus dem zweiten Kloster zu entfliehen? Was bedeutet das Bündnis zwischen Papst und Canisius sowie Christoph und Philipp? Das alles sollte sich der geneigte Leser selbst erschließen. Rebecca Abe schont aber ihre Leser nicht. Sie liefert kein weichgezeichnetes geschöntes, verklärtes Bild einer nie vorhanden gewesenen „guten alten Zeit".

Hilfreich sind dabei neben einem Personenverzeichnis der historisch verbürgten Figuren noch Erläuterungen seinerzeitiger Begriffe und Worte sowie ein Stadtplan von Augsburg in der Mitte des 16. Jahrhunderts.

Dem Rezensenten sind aber auch drei Stellen aufgefallen, die besser hätten vermieden werden sollen. So etwa, wenn Pater Canisius den weit über ihm stehenden Reichsgrafen Fugger stets flapsig anredet, wie es heute vielleicht üblich ist. Hier wären die damaligen Titulierungen absolut angebracht gewesen. Oder wenn ein einfacher Weber weiß, daß Anton Fugger „sechs Millionen Goldkronen" hinterlassen habe. Wissen von heute, aber keines damals. Schon gar nicht unter dem einfachen Volke. Dazu sollte man wissen, daß damals das Jahreseinkommen eines Webers in den Fuggerschen Unternehmen gerade mal einen einzigen Gulden ausmachte. Die Zahl sechs Millionen dürfte dazu für fast alle Menschen eine unbekannten, unvorstellbare Größe gewesen sein. Und schließlich noch dies, als Pater Canisius einer eitlen Äbtissen vorwirft, sie führe sich auf wie die Königin von England. So ein Vergleich ist schon peinlich, weil mehr als ahistorisch.

Das aber schmälert keinesfalls die Güte insgesamt dieses Romans, für den Rebecca Abe großes Lob verdient.

Was aber wohl niemand vermuten kann: Dieser Roman erzählt nicht nur eine spannende Lebensgeschichte. Nein, Rebecca Aber hat vielmehr – egal ob beabsichtigt oder unbewußt – eine überaus gelungene Kirchenkritik zu Papier gebracht. Gelungen auch deshalb, weil sie – ein durchaus legitimer Kunstgriff – ihre Protagonistin Anna weitblickend sehen und werten läßt. Also nicht mit den Augen des 16. Jahrhunderts, sondern mit zeitlosen Augen und dem Wissen von heute.

Stellenweise liest sich dieser Roman wie eine Umsetzung kirchenkritischer Sachliteratur (man denke dabei an Rolf Bergmeier). Denn das Wüten eines Canisius gegen Wissenschaft und Aufklärung (Bücherverbrennungen, Hexenverfolgung etc.) entspricht exakt dem Wüten von Bischöfen und Mönchen 1.000 Jahre zuvor, als mittels Bücherverbrennungen fast das gesamte antike Wissen vernichtet wurde… Nichtsdestotrotz behaupten bis heute Priesterkaste und willfährige Politiker und „Journalisten" dreist, es sei allein das Christentum mit seinen Klerikern, das Humanismus, Menschenwürde, Bildung und Wissenschaft in die Welt gebracht habe.

Zu Hilfe gekommen ist der Autorin möglicherweise der anno 2010 aufgedeckte Mißbrauchsskandal im Berliner Canisius-Kolleg, einem katholischen Gymnasium, und vielen weiteren kirchlichen Bildungseinrichtungen. Gemeint sind physische Gewaltorgien sowie sexuelle Mißbräuche, die Jungen und Mädchen von Seelsorgen, kirchlichen Lehrern und auch Nonnen tausendfach zugefügt worden sind. Dieser Canisius (übrigens anno 1925 von Papst Pius XI. Heiliggesprochen!!!) gilt in Kirchenkreisen immer noch als vorbildlicher Lehrer. Wenn man sich aber das Wirken des Canisius allein gegenüber den Fugger-Kindern anschaut, dann erkennt man durchaus, daß solches damals wie heute sowohl in der christlichen Religion als auch im Wesen von deren Priesterkaste begründet ist.

 

Kirchenkritik pur – ausgewählte Zitate

Deshalb soll im weiteren ausführlich auf viele, aber bei weitem nicht alle, Stellen im Roman eingegangen werden, die für eine fundierte Kirchenkritik in einem belletristischen Werk stehen.

Es wird ja immer wieder behauptet, die christliche Religion und ihre pfäffischen Träger seien alleiniger Ursprung von Menschenwürde und -rechten; das Christentum sei vor allem durch seine „Nächsten- und sogar Feindesliebe" charakterisiert und daher einzigartig in der Welt… Dagegen sprechen u.a. solche Stellen in Rebecca Abes Roman wie:

„…die Hinrichtung vor einigen Jahren, als ein Ratsherr wegen Siegelfälschung in siedendem Öl langsam zu Tode gebracht wurde." (S. 73)

„'Seit dieser Beichtvater ständig hier ist, lachen wir kaum noch. (…) ich will keine Nonne werden.' 'Wer sagt, daß du eine werden sollst?'

'Meinst du, dieser Canisius ist aus Nächstenliebe hier? Andauernd schlägt er mir Exerzitien vor, das würde ihm so passen, ich allein mit ihm in einer Kammer.'" (S. 132)

„Sidonia lachte. 'Töten ist nach katholischer Sicht keine Sünde, sondern ein Gebot. Eine Todsünde ist es, hier tagaus, tagein solch überflüssiges Zeug zusammen zu sticheln.'" (S. 226)

„Vier Ministranten in langen Gewändern trugen Petrus Canisius auf einem an Stangen befestigten Stuhl zum Blutgerüst. (…) Canisius winkte mit seinen beringten Händen gnädig nach rechts und links und gab dem Bürgermeister mit einem Kopfnicken ein Zeichen. 'Henker, walte Er seines Amtes', rief dieser…" (S. 244)

„Zwei Nonnen traten mit einer Kerze herein und setzten sich, eine vor sie, eine hinter sie, auf ihr Bett. Ohne Erklärung packten sie sie und rissen ihr den Verband ab. Die Kruste brach auf und ihre Nase fing wieder zu bluten an. Sie hielten ihren Kopf fest und strichen ihr Haar zurück. Heißes Wachs der brennenden Kerze lief ihr dabei ins Ohr. Was sie zuerst für ein Versehen hielt, war Absicht. Sie tropften ihr Wachs ins rechte Ohr. Bei jedem heißen Tropfen zuckte sie zusammen, die Nonnen preßten sie tiefer in die Kissen…" (S. 286)

„'Ein großer Mann, Pater Canisius, du kennst ihn?' (…)

' Ja, er ist der Beichtvater unserer Familie.'

' Und so gelehrt!' Die Schwester sah sie mit erwartungsvollen Augen an.

Eher wie ein nie geleerter Abtritt, dachte Anna. Wenn sie das sagte, kam sie gleich wieder in den Karzer.

' Ich durfte einigen seiner Predigten beiwohnen, sie waren geradezu…', die Schwester rang nach Worten.

Nicht nur der Teufelsmönch wohnte einer Magd bei, sondern auch ein Prediger einer Nonne. [dachte Anna bei sich; SRK]" (S. 294)

Als Bianka, als weltliche Dienstbotin im Augsburger Kloster, schwanger geworden war, mußte Anna etwas ungeheuerliches miterleben. Und das, obwohl die Augsburger Nonnen – ganz im Gegensatz zu den Kühbachern – als barmherzige Schwestern galten. Aber, wenn es konkret wird, dann sind auch solche vorgeblich barmherzige Schwestern erbarmungslos grausam – wie auch heute noch in diversen katholischen Mädchenheimen:

„'Los, Anna nun du!

Er [Canisius; SRK] stieß sie vorwärts.

'Steig auf sie drauf und befreie sie vom Ketzetdämon.'

Sie kratzte und biß. Plötzlich verfing sie sich in seiner Soutane. Ihr graute es, womöglich gleich seinen Bauch zu berühren, aber überall war Stoff, er hatte sich inwändige Beutel genäht. Sie umfaßte etwas kaltes Hartes, den Silberdolch. Du vermaledeiter Stinkbeutel!

Bianka sah sie aus halbgeöffneten Augen an. Ein Rinnsal Blut lief ihr aus dem Mund. Anna wollte ihr aufhelfen. Da trat Demetria vor und sprang mit voller Wucht auf Bianka.

Ihr Brustkorb brach mit lautem Knacken." (S. 414)

Für Christianisierung pur, wie die bekannte Drohung „Taufe oder Tod", steht eine Stelle wie diese:

„Gebt mir ein Kreuz und ich küsse es! Gebt mir alle Kreuze, alle besudelten, muffigen Kruzifixe, die ihr in diesem Kloster oder unter euren Röcken verbergt. Ich küsse sie alle, lecke sie ab von oben bis unten, von hinten bis vorne, wenn es sein muß, nur laßt mich hier raus!" (S. 271)

Wie die Priesterkaste vorgeht und mit welch obskuren Mummenschanz sie versucht, Menschen „zu bekehren", also sich ihnen zu unterwerfen, das zeigt sich hier:

„Den Einfall mit der Teufelsverkleidung hatte Feddo selbst gehabt, als sie berieten, wie man die Bekehrung in Ursula Fuggers Haushalt anstellen könnte, wo sogar die Dienstboten Heilkräutern mehr vertrauten als der Absolution." (S. 352)

Geld- und Machtgier von Kirche und Priesterkaste kommen u.a. in diesen Stellen zum Vorschein:

„Dieser Pater regt sie auf. Taucht hier mitten in der Nacht auf und befiehlt allen, sich in der kleinen Stube unterm zum Gebet einzufinden, als hätte er hier das Sagen." (S. 105)

„'Möchtest du mir nicht etwas sagen, Anna?' Seine hellen Augen versuchten, sie zu durchdringen, die Pupillen schwammen wie Erbsen in der Iris. 'Hast du in Gedanken und Taten gesündigt?', fragte er.

'Wie kann es Sünde sein, zu denken? (…)'

'Erleichtere endlich dein Herz', drängte er. Dieselbe Floskel, die er in der Dachkammer gebraucht hatte." (S. 152)

„'Oder er [Canisius; SRK] braucht die Beutelchen für Geld, damit er den Überblick behält, was von wem gespendet wurde. Eines von den Welsern, von den Rothschilds und den anderen armen Sündern, schlug Virginia vor.'

'Eines…?', unterbrach Sidonia. 'Eher ein Diamant hier, ein Smaragdkettchen da, ein Goldstück hier…'" (S. 227)

„…konnte man über die Felder und Wiesen sehen, deren Zehnten die [hörigen; SRK] Bauern dem Kloster abgeben [mußten; SRK]." (S. 310)

„Es gab etwas, das lenkte die ganze Fuggerfamilie, und es war nicht Gott oder der Teufel. Und wenn ein Teufel, dann ein nach Eigen-Urin stinkender." (S. 342)

Was Kirche und Pfaffen von Wissenschaft und Bildung (und von Frauen) halten, kommt u.a. hierin deutlich zum Ausdruck:

„'Mit Verlaub, Graf, das sehe ich anders. Lesen und Schreiben sollte das Weibervolk zwar beherrschen, sofern es von adligem Geblüt ist. Wichtiger ist es hingegen, ihnen die Grundbegriffe des richtigen Glaubens zu lehren. Dazu würde ich mich gerne zur Verfügung stellen. (…) Mir ist es ein persönliches Anliegen, Graf Georg, bei den Weibern Zucht und Frömmigkeit zu fördern, die ihnen von Natur aus, seit das Weib Adam aus dem Paradies vertrieben hat, nicht gegeben ist.'" (S. 145)

Verbotene Bücher, was war das eigentlich, durfte man nicht alles wissen? Seit Canisius im Haus war, war 'verboten' und 'unzüchtig' oft zu hören. Die Unschicklichkeitsliste war lang, für Frauen noch länger, sogar Lesen und Schreiben gehörte jetzt dazu." (S. 168)

Was die Priesterkaste unter Bildung und Erziehung versteht und warum sie solch großen Wert auf frühkindliche Indoktrination – als Grundstein für klerikale Macht über Mensch, Gesellschaft und Staat – legt, das zeigt sich in solchen Passagen:

„'Vielleicht solltet Ihr all Eure Kinder so früh wie möglich in seelsorgerische Hände geben. (…) Wenn Ihr meinem Rat vertraut, wüßte ich einen Ort, wo sie von jeder Ablenkung fern in Sauberkeit und Gebet aufwachsen könnten. Sittsam und gebildet kämen sie zurück in die Welt oder, was für uns Rechtgläubige Verzückung wäre, verschrieben ihr Leben einzig Gott.'

'Ihr meint ein Kloster?'" (S. 222)

„Für ihn waren alle Kinder heilig, formbar wie Wachs saugten sie seine Lehren, dank seines kleinen Katechismus, den er für die einfachen Gläubigen geschrieben hatte, mit der Ammenmilch auf. (…) Endlich hatte er Gräfin Ursula überreden können, ihre Kinder in Klausur zu geben. Auch wenn das Kloster Kühbach seinem Namen Ehre machte. Einfältige Kühe waren diese Betschwestern, ihm ganz und gar hörig. (…) Wenn alles so lief, wie er es eingerichtet hatte, wären bald sämtliche Fuggerbälger zwischen Lech und Wertach verschwunden und es würde wieder einen Regenten geben. Sein Auftraggeber konnte zufrieden sein, ob syphiliskrank oder Sodomit, das konnte Canisius dann gleich sein." (S. 260-262)

Das mag genügen. Solches sollte man im Hinterkopf haben, wenn nach wie vor Kuttenträger und ihnen Hörige uns was von Werten, gar christlichen Werten, vorschwätzen!

 

Siegfried R. Krebs

Rebecca Abe: Im Labyrinth der Fugger. Historischer Roman. 474 S. Taschenbuch. Gmeiner-Verlag. Meßkirch 2019. 14,00 Euro. ISBN 978-3-8392-2440-3


 
18.07.2019

Von: Siegfried R. Krebs

http://www.freigeist-weimar.de/beitragsanzeige/pfaffen-machtgier-einmal-canisius-immer-noch-canisius/?fbclid=IwAR05XE0L2DxIokS23jAjtGX8udEmSlfG6OBnsXk2Qeghfc6Za2KhctMwS1o
 




Quantum Dawn

ThoreThore D. Hansen (Mitglied der Initiative Humanismus) über seinen Wirtschaftsthriller „Quantum Dawn“.

Das Finanzsystem wird in einer der größten Blasen aller Zeiten in die Luft fliegen oder dahinsiechen. Beides keine guten Optionen, aber das unweigerliche Resultat eines entfesselten Raubtierkapitalismus und einer Politik, die nicht mehr dem Gemeinwohl dient! Griechenland und Spanien könnten der Anfang vom Ende eines Kapitalismus bedeuten, der seine unmenschliche Fratze nicht mehr verbergen kann.

Mitte 2013 entschied sich der Autor Thore D. Hansen die Hintergründe der Finanzkrise und des Geldsystems in einem Thriller zu verarbeiten. Nichts ahnend entwickelte sich durch die Recherchen ein Plot, der zwischen Januar und Februar 2014 durch eine unheimliche Serie von Selbstmorden unter Bankmanagern eine zusätzliche Steilvorlage bekam und nicht zuletzt durch die Entscheidung der Europäischen Zentralbank die Geldschleusen ins unermessliche zu öffnen, sowie die Offenlegung zahlreicher Interessenkonflikte, die in dem Thriller zur Sprache kommen.

In seinem Roman „Quantum Dawn“ spielt der Autor mit recherchierten Fakten und schickt seine Hauptfigur, die Scotland-Yard-Polizistin Rebecca Winter in einen Alptraum der international entfesselten Finanzgiganten. Zunächst sorgt ein Mord in der Finanzwelt für Unruhe in den geheimen Zirkeln des Geldsystems. Schnell entdeckt Rebecca Winter, dass ein geheimer Algorithmus die Ursache für eine einsetzende Mordserie ist: Den Börsen, durch ihre technische und globale Vernetzung angreifbar und manipulierbar wie nie zuvor, droht ein gigantischer Crash. Winter stößt auf einen Plan, der die uns bekannte Zivilisation bis ins tiefste Mark treffen wird. Hansen spielt in seinem Thriller mit realen Begebenheiten. Dass die großen Player wie die Deutsche Bank, Goldman Sachs & Co. die von ihnen entfesselten Kräfte der Finanzwelten schon lange nicht mehr kontrollieren können, ist mittlerweile jedem klar. Doch Thore D. Hansens Thriller entwirft ein kompaktes Schreckensszenario, das von Seite zu Seite beklemmender wird – weil das, was er erzählt, möglicherweise längst Wirklichkeit ist.

Der ungeklärte Tod des Investmentbankers führt die Scotland-Yard-Polizistin Rebecca Winter schließlich zu dem BND-Agenten und Kryptologen Erik Feg. Er entschlüsselt einen Code, der die automatischen Handelssysteme an den Börsen weltweit manipulieren könnte. Winter und Feg geraten mitten in den Kampf einer unbekannten Gruppe von Herren, die sich in Brüssel und an den Schaltstellen europäischer Politik eingenistet haben, um einen geheimen Plan umzusetzen. Was zunächst nach kriminellen Machenschaften einiger skrupelloser Banker aussieht, entpuppt sich schnell als Abgrund eines globalen Kampfes um die Vorherrschaft des Geldes. Doch aus den Eliten des Geldes scheint sich eine Opposition zu bilden, mit der keiner gerechnet hat. Fast 500 Seiten pure Spannung zu einem der brisantesten Themen unserer Epoche.

Interview mit Thore D. Hansen zu seinem Thriller „Quantum Dawn“

Herr Hansen, wie kam Ihnen die Idee, das brisante Thema Finanzcrash in einen Thriller zu verpacken?

Neben meiner Arbeit als Wirtschaftsjournalist habe ich während und nach dem Ausbruch der Finanzkrise zwei europäische Banken beraten. Die Weigerung des Managements, Verantwortung zu übernehmen, die Arroganz und die Gier, das fast sektenhafte Verhalten dort hatte auch Kontakt zu einem Hedgefonds-Manager, der durch die Krise mehr als 500 Millionen Dollar verloren hat und sich seither nach Vergeltung sehnt. Es gibt also auch wohlhabende Opfer der Manipulationen am Markt, und die Betroffenen geben gerne preis, was sie wissen. Täter und Opfer in dieser Liga der Finanzoligarchie vereint aber eines: die Ignoranz gegenüber dem Schicksal von Zehntausenden Kunden, denen diese Banken massiv geschadet haben und weiter schaden. Als dann im Januar 2014 mehr als 20 Bankmanager weltweit in kürzester Zeit Selbstmord begingen, hatte ich quasi die Steilvorlage, denn einige dieser Selbstmorde sind bis heute nicht aufgeklärt und geben Anlass zu wildesten Spekulationen.

Im Augenblick braut sich am Markt die größte Blase aller Zeiten zusammen. Welche konkreten Bedrohungen, die in Ihrem Roman eine Rolle spielen, sehen Sie derzeit für die Weltwirtschaft?

Hansen_Quantum_Dawn_72Es gelingt der Politik nicht, die entfesselte Gier zu bändigen. Wenn dem nicht Einhalt geboten wird, dann breitet sich in unseren Gesellschaften eine derartige soziale Unruhe aus, dass die Regierungen größte Mühe haben werden, ihre Länder noch zu regieren. Etliche prominente Sachbuchautoren prognostizieren ja bereits das Ende des Kapitalismus. Ich treibe das in »Quantum Dawn« auf die logische und unvermeidliche Spitze: Indem ich die technischen Gefahren, in der die Weltbörsen durch ihre Vernetzung schweben, mit den Möglichkeiten einer Panikreaktion durch die Manipulation der Medien und den realen Zahlen der Weltwirtschaft sowie den Hintergründen der Finanzkrise verknüpfe, entsteht ein Kaskadeneffekt, der jederzeit eintreten kann. Das ergeben nicht nur meine Recherchen, das haben mir auch Insider bestätigt. Die Verflechtung der internationalen Konzerne und Banken zu Finanzriesen wie Black Rock, KKR und anderen Playern, die uns mit Insiderwissen und Kumpanei an den Rand des Kollaps bringen, ist ein idealer Stoff für einen Thriller. Die Politik steht weiter hilflos da und bezeichnet alles als alternativlos. Das Ganze ist größtenteils in seinen Einzelheiten bekannt, aber wir leben in einer Traumblase, die jederzeit platzen kann.

Wo steht der Kapitalismus heute?

Für mich gleicht der Kapitalismus, der sich nach dem Ende der Sowjetunion entwickelt hat, heute einer feudalen Struktur. Nicht mehr der Staat ist für die Demokratie und Freiheit die größte Bedrohung, sondern Aktiengesellschaften, Technologie, das Internet und geheime Algorithmen. Aber auch die Menschen – die Konsumenten und ihre überwiegend stille Selbstzensur – sind das Problem. An diesem Verhalten droht auch eine meiner Hauptfiguren zu scheitern, während eine andere Figur diese Zeit durch ihren hedonistischen Lebensstil und Zynismus zu verarbeiten sucht. Das System produziert entweder Mitläufer oder gebrochene Biografien. Es braucht heute keine offene Diktatur mehr. Die Angst vor sozialem Abstieg ist so groß, dass jeder weitermacht, alle Selbstoptimierer,  bis zum bitteren Ende. Es war mir wichtig zu zeigen, wie sich die entkoppelten Mächte des Geldes auf uns auswirken und was es bedeutet, wenn wir uns diesen Tatsachen nicht zuwenden und auf ein »Es geht schon irgendwie weiter so!« setzen. Mich erinnert das an den Niedergang des Römischen Reiches. Wie schnell und atemlos unser System zusammenstürzen kann, wollte ich in einen Thriller packen, einen Thriller, den die Realität schreibt.

Halten Sie das Szenario Ihres Thrillers für realistisch?

Ich habe nicht umsonst in dem Buch alle relevanten Player beim Namen genannt, und zu 80 Prozent besteht dieser Thriller aus bereits veröffentlichten Fakten. Die Mischung aus Staatsschulden, fragiler Weltwirtschaft, überbewerteten Aktien und geschürten Krisen, die Angreifbarkeit von vernetzten Börsen durch Hacker und nicht zuletzt die Unfähigkeit der Verantwortlichen, sich das Primat der Politik zurückzuerobern, das alles ist ja keine Fiktion. Die Implosion ist jederzeit möglich, und mit der Meinung stehe ich weiß Gott nicht alleine da. Meine Aufgabe als Autor sah ich darin, daraus einen spannenden Lesestoff mit ebenso spannenden Figuren zu entwickeln.

Was ist die Ursache für diese düstere Prognose?

Sie ist nicht nur düster. Je mehr Menschen sich dessen bewusst werden, desto besser sind wir auf eine postkapitalistische Gesellschaft vorbereitet. Für die Figur Rebecca Winter, eine unverbesserliche Idealistin, wird die Begegnung mit dem BND-Agenten Erik Feg zu einer Reise in den Abgrund der globalen Machtverhältnisse, und sie wird gezwungen, ihr Rechtsverständnis infrage zu stellen, ja sogar Morde hinzunehmen, da sie erkennen muss, dass der Staat, dem sie dient, nicht die Interessen verfolgt, die sie selbst antreiben. Eine der Ursachen für den Niedergang des Kapitalismus liegt, so merkwürdig es sich zunächst anhört, eben gerade im Zusammenbruch des Kommunismus. Ab diesem Zeitpunkt hat man alles den freien Märkten überlassen, da man den Kapitalismus für das überlegene System hielt. Nun bekommen alle dafür die Quittung. Entweder es kommt 2015 oder 2016 zu einem schnellen großen Knall oder aber zu einem Dahinsiechen, indem immer mehr Menschen quasi schleichend enteignet werden und sich der Mittelstand zu einer neuen Art von Proletariat mit allerdings hohem Bildungsniveau entwickelt. Dieser Entwicklung stellt sich in »Quantum Dawn« ein geheimer Zirkel entgegen. Rund um die Welt wurden nach 1986 die Kontrollen gelockert, die Banker reich, und die Unternehmen schoben mithilfe der Banken 580 Billionen Dollar am Fiskus vorbei. Es wäre sinnvoller, die Armeen der Welt vor den Bahamas, den Cayman-Inseln und anderen Steueroasen aufmarschieren zu lassen und das Raubgut von Banken und Unternehmen zu konfiszieren, dann wären alle Staatsschulden getilgt, aber genau das will niemand. Solange die Wirtschaft auf Wachstum durch Verschuldung setzt und Institutionen wie die Weltbank und der IWF existieren, wird sich nichts ändern, und es kommt zum nächsten Crash, von dem wiederum wenige Auserwählte dank Insiderwissen profitieren. Sie glauben doch nicht im Ernst, dass Goldman Sachs und andere Player von der Lehman-Pleite überrascht waren.

Sie haben mit Ihrem vorigen Thriller Silent Control teilweise den NSA-Skandal vorhergesehen. Haben Sie keine Angst, dass auch das aktuelle Szenario eintreten könnte?

Das ist mein Beruf: sich ein Jahr einzugraben und alles minutiös zu recherchieren und in ein denkbares Szenario zu verpacken, Figuren zu entwickeln, die unseren Zeitgeist widerspiegeln, und für Spannung zu sorgen. Was mich wirklich beunruhigt, ist, dass wir jetzt in einer Situation sind, wo alles in die Hände einer winzigen Minderheit geraten ist. Sie bilden eine abgehobene Super-Elite, die tun und lassen kann, was sie will.

Mehr zum Buch unter http://www.europa-verlag.com/Buecher/34/Quantum-Dawn.html

Der Krimitipp von 3Sat http://www.3sat.de/mediathek/?mode=play&obj=49

Und: http://www.amazon.de/Quantum-Dawn-Thore-D-Hansen/dp/3944305795/ref=sr_1_1?ie=UTF8&qid=1423935064&sr=8-1&keywords=Quantum+Dawn

 




Wenn der Jasmin auswandert – Die Geschichte meiner Flucht

JasminRezension von Gerfried Pongratz:

 

Ein 25jähriger Syrer erhält den Einberufungsbefehl zur syrischen Armee und beschließt, finanziell unterstützt von der Großfamilie, mit Hilfe von Schleppern nach Europa zu flüchten, was ihm unter dramatischen Umständen gelingt – seit 2015 lebt er in Salzburg. Mit wenigen Worten zusammengefasst bildet dies den Inhalt eines faszinierenden und berührenden Buches, das man nach den ersten Seiten nicht mehr aus der Hand legen mag.

 

Es gibt nichts Authentischeres, als wenn die Objekte, über die berichtet wird, zu Subjekten werden, die sich selbst Gehör verschaffen…“ meint im Vorwort der bekannte Nahost-Journalist Karim El-Gawhary und fügt hinzu, „…,dass die Leserinnen und Leser wahrscheinlich Schwierigkeiten haben, sich solche Szenen überhaupt vorstellen zu können. Da ist der brutale Syrien-Krieg plötzlich zum Anfassen“.

 

Mit eindrücklicher Intensität beschreibt der 1989 geborene Jad Turjman sein Leben in seiner geliebten „Stadt des Jasmin“, Damaskus. Vor dem Krieg weitgehend unbeschwert als Magistratsbeamter mit Familie, Freunden und Freundin, nach Kriegsbeginn unter Bombenhagel, Entführungs- und Ermordungsgefahr, unter ständiger Anspannung und Angst. Er beleuchtet die Veränderungen der Bewohner, die sie dazu bringen, „elastische Seelen“ und Lebensstile zu entwickeln, die ihnen trotz Angst, Leid und Elend ein zumindest einigermaßen normales Leben ermöglichen. Auch Turjmans Leben verlief unter diesen Umständen und mit diesen Einschränkungen „fast normal“, bis ihn am 5. November 2014 der Einberufungsbefehl erreicht, wobei er keine Sekunde daran denkt, für einen Potentaten zu kämpfen, den er, wie die anderen Konfliktparteien – „zutiefst korrupt und mit dem Blut Unschuldiger befleckt“ – verachtet und ablehnt. Flucht ist die einzige Möglichkeit, dem Horror – und wahrscheinlich eigenen Tod – zu entgehen: „Dieser Krieg und alle Beteiligten sind verflucht“ (S. 169).

 

Über Facebook sucht Jad Turjman Kontakte zu Schleppern, deren Tricks, falsche Versprechungen, nicht eingehaltene Zusagen, schlecht gemachte gefälschte Pässe etc. er an mehreren Stellen im Buch beschreibt. Die Geschleppten sind ihnen hilflos ausgeliefert und werden brutal ausgebeutet; um die zurückgebliebenen Familien nicht zu beunruhigen, werden ihnen die daraus resultierenden Gefahren oftmals nicht mitgeteilt, was Schlepperorganisationen erleichtert, weitere Opfer zu finden.

 

„Die Geschichte meiner Flucht“ beginnt mit dem Grenzübertritt in den Libanon, der nur mit Hilfe glücklicher Zufälle gelingt und setzt sich mit an Gefahren reichen Versuchen der Überfahrt von der Türkei nach Griechenland fort: „Niemand würde mir sagen, dass man sich auf der Überfahrt mit dem Tod unterhält“ (S. 78). Wer sich auf den Weg gemacht hat, für den gibt es kein zurück, die Meeresüberquerung in wenig tauglichen, völlig überladenen Schlauchbooten wird viermal unter dramatisch lebensgefährlichen Bedingungen versucht, bis sie endlich beim fünften Mal gelingt.

 

In Athen angekommen, gibt es trotz mutiger Hilfe einer griechischen Studentin (Elena) kein Weiterkommen; ein Abflug nach Kopenhagen mit gefälschten Pässen wird dreimal versucht, der letzte Anlauf scheitert unmittelbar vor dem Besteigen des Flugzeugs. Obwohl es Winter ist, beschließt Jad gemeinsam mit vier syrischen Flüchtlingsfreunden, die Flucht zu Fuß fortzusetzen. Immer in Gefahr, entdeckt und nach Griechenland zurückgeschickt zu werden, gelingt es ihnen, mit Gewaltmärschen bei klirrender Kälte auf schneebedeckten Straßen und Eisenbahntrassen, zeitweise auch mit Autobusfahrten über Umwege, Mazedonien und Serbien zu durchqueren und in Budapest anzukommen. Außer Jad hat es nur sein Freund Kito geschafft, die anderen Begleiter wurden von der mazedonischen, bzw. serbischen und ungarischen Polizei aufgegriffen und nach Griechenland zurückgebracht.

 

Von Budapest aus gelangen Jad und Kito mit dem Zug nach Wien. Da Kito in Dortmund Verwandte besitzt, beschließen beide, nach Deutschland weiterzureisen. Kito gelingt es, Jad wird bei einer Ausweiskontrolle an der Grenze festgehalten und verbleibt in Österreich. Im Nachhinein bezeichnet er es als glückliche Fügung.

 

Jad Turjman ist ein begabter Erzähler; sein Bericht ist dramaturgisch gekonnt aufgebaut, sehr spannend, sehr empathisch Anteilnahme weckend. Der Inhalt des Buches beschränkt sich nicht auf die Geschichte der Flucht, er wird durch Reflexionen zum Krieg und Zeitgeschehen vertieft und erweitert. Dabei berichtet er auch voll Dankbarkeit von „fünf Schutzengeln“, die ihm in kritischen Situationen uneigennützig geholfen haben und beschreibt, wie wohltuend, aufmunternd und hilfreich freundliche Blicke oder Worte zufälliger Begegnungen wirken.

 

Zwischendurch in das Buch eingefügte Begebenheiten beleuchten das derzeitige Leben in Damaskus:

 

Als typisches Beispiel nennt Turjman das Schicksal einer alten Frau, die, ausgebombt, in seiner Magistratsbehörde lange vergeblich um finanzielle Unterstützung bat: Einer ihrer Söhne kämpfte bei der syrischen Armee, sein Zwillingsbruder bei den Rebellen; bei Kampfhandlungen, an denen beide beteiligt waren, kamen beide ums Leben: „Diese Geschichte beschreibt alles, was gerade in Syrien passiert“ (S. 163).

 

Als weiteres Beispiel für die katastrophalen Zustände schildert Jad Turjman seine Entführung und Folterung durch die al-Nusra-Front, ein Jahr vor seiner Flucht nach Europa. Seine Mitgefangenen wurden ermordet, er kam gegen Lösegeld frei, da er glaubhaft machen konnte, ein Regierungsgegner zu sein und dazu eine bestimmte Sure fehlerlos rezitierte. Während seiner Gefangenschaft musste er aber miterleben, wie gefangen genommene Aleviten bestialisch gefoltert und ermordet und ihre Frauen und Töchter systematisch vergewaltigt wurden, was manche in den Selbstmord trieb. Es war ein Blick in die Hölle: „Ich kann auch heute noch diese Minuten der Todesangst und diese unvorstellbaren Emotionen nicht mit Worten beschreiben“ (S. 215).

 

Sein Leben in Österreich bezeichnet Turjman als „wunderschön“; neun Monate in einem Asylheim, bis zum Erhalt des positiven Asylbescheides, empfand er allerdings als sehr belastend: „Das lange Abwarten und die Ungewissheit gehören zu den schlimmsten Dingen, die ich auf der Flucht erlebt habe“ (S. 219). Nicht arbeiten zu dürfen und wie ein Bettler von der Caritas Geld abzuholen, gehörte zu seinen schwierigsten Erfahrungen. Um nicht in Trübsal zu versinken, füllte er Tag und Nacht mit Deutschlernen und Sport.

 

Der „blumige“ Titel des Buches und pathetische Aussagen wie „Werde ich ohne Jasmin wieder lieben können?“ (S. 237) müssen als Metapher für die Liebe zu Syrien und für all das, was der Autor durch seine Flucht zurücklassen musste, verstanden werden. Sie sind leicht irreführend; der Inhalt des Buches ist überwiegend sachlich, zum Teil humorvoll, ohne Selbstmitleid, ohne Effekthascherei; er enthält auch keine politischen, bzw. gesellschaftspolitischen Empfehlungen oder Forderungen zur Asyl- und Migrationspolitik. Trotz kleiner literarischer Mängel und manchmal etwas unbeholfener Selbstreflexionen gehört „Wenn der Jasmin auswandert“ zu den Büchern, die man nicht nur wegen der spannenden und berührenden Geschichte, sondern auch als wertvolles Zeitdokument lesen sollte!

 

Im Nachwort dankt Jad Turjman dem Schicksal, in einem sicheren Land Wurzeln schlagen zu können und von der Bevölkerung viel Hilfe erhalten zu haben. Dass dieses Buch so gut gelungen ist, verdankt der Autor auch seiner – namentlich genannten – Deutschlehrerin Doris Brandl und wohl auch seiner Lektorin Maria-Christine Leitgeb.

 

Ist Europäern eigentlich bewusst, was sie allein durch die Tatsache, auf diesem Kontinent geboren worden zu sein, geradezu geschenkt bekommen haben?“ (S. 143).

Jad Turjman: „Wenn der Jasmin auswandert – Die Geschichte meiner Flucht“

© Residenz Verlag, Salzburg – Wien, 2019, ISBN 978-3-7017-3480-1, 256 Seiten

 

 

Gerfried Pongratz 6/2019




„Horizont und Hängematte – Verliebt in 100 eingewanderte Wörter“

Horizont und HängematteRezension Dr. Anneliese Pongratz:

Eine linguistisch und optisch ansprechende Reise mit Wortimmigranten

 

Ohne eingewanderte Wörter wäre unsere Sprache ärmer. Wir würden einen Teller Schnürchen essen, einen gestreiften Ziehüber tragen und nachdenklich auf die Grenzlinie zwischen Himmel und Erde schauen“. Wir hätten keine Spaghetti, keinen Pullover und keinen Horizont – wie schade! In ihrem Buch „Horizont und Hängematte“ stellt die NDR Redakteurin Katharina Mahrenholtz mit viel Witz und Wissen 100 in die deutsche Sprache aus anderen Sprachen, Ländern und Kulturen eingewanderte Wörter vor.

 

Alphabetisch von Adieu bis Zoff geordnet beschreibt die Autorin amüsant und kenntnisreich, wie, wann und von wo diese ursprünglich fremden Wörter den Weg zu uns gefunden haben. Ihre Bedeutung, Herkunft und Ankunft, ihre Reisewege und Synonyme sowie auch ihre zahlreichen Querverbindungen zu anderen Sprachen zeigen, wie sehr Kulturen interagieren und voneinander profitieren. Das Hauptthema des Buches bilden eingewanderte Wörter, die ein Fünftel aller Wörter der deutschen Sprache ausmachen, zusätzlich vermittelt die Autorin auch zu Erbwörter aus dem Alt- und Neuhochdeutschen, die sich über die Lautverschiebungen bis heute erhalten haben, einen guten Überblick.

 

Viele der eingewanderten Wörter haben weite Reisen hinter sich, einige, wie Tatoo, Tabu oder Kanake (Mensch), schafften es sogar von Polynesien über den Pazifik zu uns. In umgekehrter Richtung sind auch von uns Wörter wie Kaiser und Salat (kaisa/sala) beispielsweise bis Samoa gereist. Ein fremdes Wort wird dabei „so lange seiner fremden Art zum Trotze gewendet“ (Jacob Grimm), bis es wie ein heimisches aussieht. Die Wortveränderungen erfolgen meist über das Hören; Ohren vernehmen nicht immer das Gesagte. So z.B. beim Wort Porzellan, das aus Italien stammt und vom dort beheimateten weiß glänzenden Haus der Seeschnecke „porcellana“ seinen Namen hat. Dass es sich dabei um eine Herleitung vom Ferkel „porcella“ (pikanterweise auch eine Bezeichnung für die Vagina) handelt, sei nur am Rande erwähnt. Im Englischen („china“ für Porzellan) hält man sich da lieber an den Erfindungsort der Ware.

 

Der richtige Gebrauch mancher eingewanderter Wörter gestaltet sich nicht immer leicht, viele Wörter unterliegen im Laufe der Zeit einem Bedeutungswandel (sogar der Pullover), oder bezeichnen in verschiedenen Sprachen Unterschiedliches; auch Auf- (wie das dt. „salopp“ aus dem frz. nicht so freundlichen „salope“) bzw. Abwertungen sind die Regel. Vom Magazin über den Pudding bis hin zum Roboter aus Karel Capeks Theaterstück „R.U.R.“ aus dem Jahr 1920 – es sind spannende Geschichten, die hier erzählt werden – der Leser erhält wertvolle Einsichten und viel Hintergrundwissen zum Sprachwandel und Sprachgebrauch.

 

Die großes Lesevergnügen bereitenden Texte werden durch gleichfalls sehr gekonnt humorvolle Illustrationen von Dawn Parisi unterstrichen. Das Buch bietet eine linguistisch und optisch ansprechende Reise, die viel Freude bereitet.

Katharina Mahrenholtz & Dawn Parisi:

Horizont und Hängematte – Verliebt in 100 eingewanderte Wörter“

Dudenverlag Berlin, 2019




Statement zu dem Buch „Die Reinsten“

Die ReinstenIn Zeiten, in denen Bürger und vor allem verantwortliche Politiker immer noch an der von Menschen gemachten globalen Klimaerwärmung zweifeln und wir alle gewollt oder nicht einer irreparablen Wachstumsagenda folgen oder Technokraten glauben, die Folgen noch in den Griff zu bekommen, muss ausgesprochen werden, worauf wir uns in unserem rollenden Zug ohne Bremssystem hinbewegen. Die Gesellschaft sollte wissen, welche größten Schäden möglich sind, und wie wahrscheinlich sie wirklich sind. Der Klimawandel ist in Realität nur die Spitze des kompletten Ressourcenverbrauchs. Also unseres Konsums!

2017 veröffentlichte David Wallace Wells in dem US-Magazin New York einen Beitrag indem er brutal das Äußerste schildert. Warfen ihm in der Folge manche Wissenschaftler vor, er hätte einen „Klima-Porno“ verfasst, war dies lediglich die Reaktion auf WallacemWells Vorwurf, das die Wissenschaft ihre eigenen Ergebnisse weichspülen würden. Die Resonanz auf seinen Artikel war enorm hoch, obwohl er selbst seinem Publikum einen Mangel an Vorstellungsvermögen vorwarf. Die These, dass ein großer Teil der Menschen auf Panikmache mit Rückzug und Resignation reagiert, ist genauso falsch, wie die These der kritischen Masse der Information, die zu einer gesicherten Reaktion führt. Nicht zuletzt deshalb fragt sich auch der indische Autor Amitav Ghosh in die The Great Derangement warum Erderwärmung und Naturkatastrophen nicht zu den großen Themen der zeitgenössischen Literatur gehören — warum wir nicht imstande sind, uns die Klimakatastrophe vorzustellen.

Ich gehe davon aus, dass die Wahrnehmung und Akzeptanz einer abstrakten Bedrohung funktioniert, wenn folgende Bedingungen erfüllt werden.

  1. Eine emotionale Nähe und Verbindung zum Thema
  2. Vertrauen gegenüber der Quelle
  3. Bezug zur eigenen Identität und sozialen Position
  4. Aufarbeitung und Klarheit zur psychologischen Distanz und/oder Nähe zum Thema

Es ist Zeit Wissenschaftler und Betroffene zu Wort kommen zu lassen, die hinter verschlossenen Türen längst zu apokalyptischen Schlussfolgerungen kommen, denn es gibt bisher kein einziges plausibles globales Programm, um den sich beschleunigenden ökologischen und sozioökonomischen Niedergang zu stoppen. Wir müssen die Vereinten Nationen stärken und der Globalisierung ein globales Notstandsprogramm entgegenstellen. Wir sind in einem globalen Notstand!

 

Ausgerechnet in Zeiten der mit Abstand größten Bedrohungslage für den Fortbestand der Menschheit, geraten seriöse Wissenschaftler, und ja auch ich unter Beschuss. Statt aufzubegehren, neigen sie plötzlich unter dem Aufstieg einer populistischen und aufklärungsfeindlichen politischen Strömung zu einer gefährlichen Vorsicht!

Obwohl weitaus mehr Wissen vorhanden ist und Menschen ahnen, was die Stunde geschlagen hat, gelingt es bisher kaum dieses Wissen, dieses „Prinzip von Verantwortung“ (Jonas/ Fromm) in konkrete Vorstellungen und dann in internationale, nationale Abkommen und individuelle Handlungen zu transformieren.

Alle mir bekannten Prognosen, betreffen auch die politischen und gesellschaftlichen Systeme. Die Effektivität der kürzesten Regierungsform unserer Geschichte, die liberale Demokratie steht gerade mal am Anfang der wirklichen Krise schon zur Disposition, da sie außer einer Wachstumsdoktrin, keine sozioökonomischen Lösungen mehr hervorbringt. Der Schutz der Bürger ist aber die Grundlegitimation von Staatlichkeit schlechthin. In den folgenden Jahren und Jahrzehnten werden durch die Folgen des Klimawandels und anderen ökologischen Veränderungen Bürger- und Menschenrechte massiv unter Druck geraten.

Für unseren Fortbestand und unsere humanistische Entwicklung ist es an der Zeit eine Bilanz zu ziehen und uns ehrlich den gesamten ökologischen und ökonomischen Herausforderungen zu stellen und sie konsequent zu Ende zu denken.

Es geht darum, längst vorhandene Ahnungen und Vermutungen durch realistische wissenschaftliche Wahrscheinlichkeiten Gewissheit werden zu lassen und in der Folge richtig einzuordnen. Die Zahl von Veröffentlichungen, die ihre Leser versuchen mit Appellen und gar Drohungen zu erreichen, haben bisher wenig Wirkung hinterlassen. Dafür ist der Mensch evolutionär nicht vorbereitet, es widerspricht geradezu seiner Natur. Der Mensch ist biologisch darauf gedrillt auf kurzfristige Bedrohungen zu reagieren, aber intellektuell muss er sich nun endgültig auf sein oder das Ende der kommenden Generation vorbereiten.

Eines unserer zentralen (kollektiven) Wahrnehmungsprobleme ist, dass nicht nur mit dem Klimawandel, sondern in der Gesamtheit aller für das Ökosystem relevanten Faktoren, Kaskaden losgetreten werden und längst wurden, die, sobald sie einmal ihre volle Wirkungsmacht entfaltet haben, keine Option für eine Umkehr zulassen. Was wir als kurzfristige Bedrohung wahrnehmen, ist längst zu einer irreparablen Entwicklung mutiert, die das uns bekannte Leben unmöglich machen wird.

Es ist nicht mein vordergründiges Anliegen einen weiteren Appell zu verlauten, keine Anschuldigungen, keine Wertungen oder politische Statements, nichts davon. Das bringt keinen zusätzlichen Sinn oder Nutzen mehr, denn Lösungen sind vorhanden, werden aber nicht vordergründig publiziert und thematisiert.

Wir brauchen eine von Angst befreite Debatte. Das öffnet mit einer höheren Wahrscheinlichkeit den Raum, dass wir weltweit so radikal wie in keiner Epoche zuvor umdenken und das scheinbar Unmögliche einfordern und die Welt neu erschaffen.

Alan Weisman wagte 2009 den weltweit beachteten Versuch die Welt ohne den Menschen zu betrachten. Er folgte der nüchternen und fiktiven Annahme, der Mensch würde mit allem was er erschaffen hat von einem Augenblick auf den anderen verschwinden. Er tat dies in der Absicht zu erklären, wie lange es dauern würde, bis auch die letzten Spuren der modernen Zivilisation von der Natur zurückerobert, verdaut und aufgelöst wären. Sowohl sprachlich wie auch durch die gewählte Form der Darstellung, gelang es ihm bei einer großen Leserschaft indirekt ein Bewusstsein für die zerstörerische Wucht unserer Lebensweise zu schaffen und gleichzeitig die tröstliche Botschaft zu vermitteln, dass in nur zehn Millionen Jahren auch der letzte Rest von uns verschwunden und der Planet in einer neuen evolutionären Station ankommen würde.

 

Greifen wir doch diese Idee auf und beschäftigen uns einmal damit, wann wir oder ein überwiegender Teil von uns tatsächlich vom Antlitz dieser Welt verschwindet und wie es aussehen könnte einen Neustart zu gestalten. Dafür habe ich den ersten Teil dieses Buches geschrieben. „Die Reinsten“

Der zweite Teil geht dann tiefer in die Lösungen über …..

 

Mit besten Wünschen für uns alle

Thore D. Hansen

www.thore-hansen.de

 




Problemfall Priesterkaste von Siegfried R. Krebs

probemfallpriesterkasteSonst kennt wissenbloggt den Kulturwissenschaftler & Journalisten Siegfried R. Krebs von Freigeist Weimar als Rezensenten. Diesmal steht er als Autor im Fokus. Der Referent und Publizist Heiner Jestrabek schreibt über Krebs' "Buch voll mit Buchbesprechungen" (3.8.): Da geht es um Religion versus Vernunft und die vielfältigen  Aspekte von Religions- und Kirchenkritik, zumal um die Auseinandersetzung mit  Religions-Schöpfern und -Nutznießern. Nicht beabsichtigt ist, gut-gläubige Menschen anzugreifen oder frucht- und sinnlose Debatten um theologische Spitzfindigkeiten zu führen. Das Buch ist laut Jestrabek

 

Ein gelungenes Kompendium als Kompass zur Orientierung

WEIMAR. (fgw) Die Edition Spinoza im Verlag freiheitsbaum hat jetzt mit „Siegfried R. Krebs: Problemfall Priesterkaste“ ein ganz besonderes Buch herausgebracht und zwar ein Buch voll mit Buchbesprechungen (Rezensionen). Der gewählte Titel ist provokant, er soll auch provozieren. Denn worum geht es dem Verfasser der hierin versammelten Rezensionen?

Es geht ihm, kurz gesagt, um Religion versus Vernunft. Es gibt hierzulande ein nahezu unübersichtliches Spektrum an angebotenen Medien, das sich kritisch mit den Phänomenen Dogmenwahn, Klerikalismus, Fundamentalismus, Religions- und Kirchenkritik auseinandersetzt. Mancher mag da denken, wer soll dies alles denn noch lesen? Dabei überschwemmen in weit größerem Maße und unerträglich aufdringlich die kirchenfrommen, missionarischen, esoterischen und auch viele primitive Machwerke den Markt und vor allem die öffentliche Wahrnehmung. Nach wie vor stehen dagegen die meisten der sozialkritischen Bücher außerhalb der Mainstream-Wahrnehmung. Sie werden – bis auf wenige Ausnahmen – von den überwiegend in wenigen privaten und klerikalen Händen liegenden Massenmedien kaum beachtet und sind deshalb größtenteils noch zu wenig bekannt. Brauchen wir also deshalb nicht schon lang einen „Reader", der uns auf diese verborgenen Schätze aufmerksam macht? Einen Kompass religionskritischer „Books To Read Before You Die", damit wir mitreden können?

Siegfried R. Krebs, der diplomierter Kultur- und Theaterwissenschaftler ist, arbeitet als freier Journalist in Weimar. Von Hause aus Atheist, ist er seit 2008 in freigeistigen Organisationen engagiert tätig und seit Ende 2010 betreibt er das Internet-Portal www.freigeist-weimar.de. Hier sind die meisten seiner Rezensionen erschienen. Diese wurden und werden aber auch vielfach von anderen Webseiten übernommen. Die Zahl seiner bereits veröffentlichten Rezensionen ist beachtlich. Er hat für edition Spinoza deshalb eine Auswahl derjenigen Online-Rezensionen zusammengestellt, die kirchen- und religionskritische Bücher, aber auch Humanismus- und Evolutionsbezogene kritisch besprechen. Diese Auswahl aus den Jahren 2011 bis 2015 stellt eine „Blütenlese" im besten Sinn des Begriffs „Anthologie" dar.

Aufklärung bedarf umfassender Informationen. Die Rezension (lat. recensio „Musterung", recensere „wiederholt mustern, prüfen") ist eine eigene sekundärliterarische Gattung des klassischen Journalismus, meist im Rahmen eines Feuilletons. Sie erfüllt den Zweck, in literarisch anspruchsvoller Art künstlerische Produktionen – und im hier engeren Sinn Literatur – vorzustellen, sie zu erläutern, zu analysieren und zu werten. In Abgrenzung zu Verlagswerbung, „Klappentexten", aber auch zum literarischen Essay oder einer zu einer Monografie, soll die Rezension zwar knapp gehalten, aber dem Leser dennoch fachkundig und aussagekräftig Informationen bieten. Die Auseinandersetzung des Rezensenten mit Werk und Autor steht dabei an erster Stelle, sie darf aber nicht minder auch zum bewussten Kauf anregen.

Seit Beginn der europäischen Aufklärung war die Literaturkritik hierbei deren zentrales Element, wie wir in den Werken von Lessing, Diderot, Nicolai, Schubart, Börne oder Tschernyschewski sahen. Seither ist die Literatur-Produktion um ein Vielfaches größer geworden. Die zeitgenössische Aufklärung bedarf daher einer solchen Hilfe umso mehr.

Die Auswahl der Rezensionen von Siegfried R. Krebs zeigt sehr anschaulich, wie vielfältig die Aspekte von Religions- und Kirchenkritik, aber auch von Aufklärung sein können. Der Gegenstand der von ihm besprochenen Literatur hat viele Facetten: Popularphilosophie, Theologiekritik, Geschichtswissenschaft und Naturwissenschaft ebenso wie realistische historische und Kriminalromane sowie Werke der Sátire. Letztere brachte in der Geschichte der Literatur schon immer ihre populärsten Befreiungsschläge in antiklerikaler Form hervor. Was wiederum in gewisser Weise auch einen Bezug zum provozierenden Buchtitel herstellt.

Der Rezensent will in seinen Texten keinesfalls gut-gläubige Menschen angreifen. Er will sich auch nicht auf theologische Spitzfindigkeiten einlassen, also frucht- und sinnlose Debatten führen. Nein, ihm geht es um die Auseinandersetzung mit Schöpfern von Religionen, deren Trägern und vor allem den materiellen Nutznießern von organisierter Religion, den Priestern, Predigern, Gurus etc., also den Priesterkasten in Vergangenheit und vor allem Gegenwart.

Siegfried R. Krebs schreibt seine Rezensionen bewusst nicht für ein abgehobenes „Elfenbein-Bildungsbürgertum", er will stattdessen möglichst viele Menschen ansprechen. Auch Menschen, die sich aus finanziellen Gründen nicht immer die besprochenen Bücher kaufen können. Er schreibt populär, oft zuspitzend und die Dinge auf den Punkt bringend, aber stets wissenschaftlich und sachlich fundiert, zum Nach- und Weiterdenken anregend. Und im Gegensatz zu vielen anderen Rezensenten stellt er sich nicht selbst in den Mittelpunkt der Besprechung, sondern lässt die vorgestellten Werke für sich selbst sprechen. Den geneigten Leserinnen und Lesern sei daher dieses Kompendium als Kompass zur Orientierung im Dschungel der vielfältigen modernen Aufklärungsliteratur wärmstens anempfohlen.

Heiner Jestrabek

Siegfried R. Krebs: Problemfall Priesterkaste – Religions- und kirchenkritische Rezension 2011-2015. 224 S. kart. edition Spinoza im Verlag freiheitsbaum. Reutlingen und Heidenheim 2015. 15,00 Euro. ISBN 978-3-922589-59-4 (Direktbestellung: ed.spinoza@t-online.de )

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Altern, Sterben und Tod aus Sicht der Naturwissenschaften

AlternRezension von Siegfried R. Krebs: WEIMAR. (fgw) Vom Theologie-Studenten zum Naturwissenschaftler, diesen nicht ganz alltäglichenWeg ist Oliver Müller (geb. 1965) gegangen. Warum das so war und welche Erkenntnisse er durch diesen fundamentalen Wechsel gewonnen hat, das hat er in seinem Buch „Altern.Sterben.Tod“ aufgeschrieben.

Der inzwischen doppelt promovierte (Dr.rer.nat. und Dr.med.) Professor Müller fand in seinem ersten Studium der evangelischen Theologie, begonnen aufgrund der Indoktrination im schulischen Religions-und Konfirmandenunterricht, nicht die Antworten auf die für ihn besonders wichtige Frage: „Ist das Leben vor dem Tod vielleicht nur eine Art Vorbereitung auf die viel wichtigere Existenz nach dem Tod? (…) Doch je mehr ich mich in das Studium der christlichen Ideen vertiefte, desto mehr erkannte ich, daß man als religiöser Mensch viele teilweise widersprüchliche Prämissen im wahrsten Wortsinne glauben, also unbewiesen übernehmen muß." (S. 16) Also wandte er sich dem Studium der Physiologischen und Bio-Chemie sowie der Medizin zu. Dort habe er „die Moleküle, Zellen und Strukturen sowie die molekularen und zellularen Vorgänge kennen gelernt, die einen lebenden Körper ausmachen." (S. 16-17) Leider seien solche grundlegenden naturwissenschaftlichen Erkenntnisse aber noch nicht bei vielen Menschen angekommen. Daher habe er dieses Buch geschrieben.

Müller hat dieses Buch, man kann es mit Fug und Recht ein Kompendium nennen, in vier eigenständige Kapitel, die auch für den Laien verständlich geschrieben sind, gegliedert. Der Autor faßt darin die jeweiligen wissenschaftlichen Kenntnisse und Erkenntnisse sowie Definitionen zusammen. In Kapitel 1 geht es um Grundlegendes zum Thema Leben, insbesondere dem individuellen menschlichen Leben. Das zweite Kapitel befaßt sich mit organischen Altersprozessen sowie den Alterskrankheiten. Auf beide Kapitel soll hier aber nicht näher eingegangen werden.

Im dritten Kapitel werden schließlich u.a. detailliert die einzelnen Phasen des Sterbeprozesses beschrieben. Für den Inhalt mögen einige weitere Stichworte genügen: „Das Sterblichkeitsparadoxon", Erkenntnis der eigenen Sterblichkeit und deren Auswirkungen, komplexe Angst vor Sterben und Tod oder Entwicklung der Lebenserwartung.

Jedes individuelle Leben, nicht nur das des Menschen, endet mit dem Tod, den der Autor als einen besonderen Zustand bezeichnet. Diesem Zustand widmet er das vierte Kapitel und beschreibt ihn darin anhand von acht Prinzipien.

In Zusammenhang damit geht Müller in Kapitel 4 neben der Wertung von Nahtod-Erfahrungen eingehend und objektiv argumentierend auch auf christlich-religiöse Dogmen, wie „Leben nach dem Tode", „Seele" und Seelenwanderung" ein. Wissen oder Glauben – was ist richtig?

Zu den vieldiskutierten Nahtoderfahrungen (im christlich geprägten Kulturkreis) schreibt Müller: „Vor allem die Inhalte der Nahtoderfahrungen werden als Einblicke in eine jenseitige oder überirdische Welt interpretiert oder auch als Eindrücke empfunden, die aus einer solchen Welt induziert und beeeinflußt werden. Dabei handelt es sich in den meisten Fällen um subjektive Auslegungen, die auf Wunschvorstellungen oder bereits im Vorfeld etablierten Weltanschauungen beruhen. Ein objektiver Blick auf Nahtoderfahrungen zeigt, daß die meisten Aspekte durch genaue Analyse der jeweiligen Nahtoderfahrung oder auch auf Basis wissenschaftlicher Erkenntnisse erklärt werden können." (S.267)

Und obwohl manches an solchen Erfahrungen unerklärlich sei, argumentiert Müller – ganz wissenschaftlich, daß solche Erfahrungen „allerdings noch kein Beweis für eine generelle Weiterexistenz nach dem endgültigen Tode" seien (S.270). Wissenschaft ist eben im Unterschied zu Glauben nichts Statisches, sondern sie lebt davon, daß die Menschen immer wieder neue Erkenntnisse gewinnen bzw. vorhandene Erkenntnisse vertiefen. So würden aufgrund jetzigen Wissens Neurowissenschaftler und Psychologen solche Nahtoderfahrungen grundsätzlich mit anderen intensiv erlebten Träumen gleichsetzen.

Müller seinerseits folgert: „Die Individualität der Nahtoderfahrungen spricht gegen eine einzige jenseitige Welt für alle." Dazu führt er weiter aus: „Ein Ausweg aus dem Konflikt zwischen Individualität der Nahtoderfahrungen und einem Jenseits für alle wäre jeweils ein spezielles Jenseits für eine bestimmte Menschengruppe oder sogar für ein eigenes Jenseits für jeden einzelnen Menschen. Aber das würde zu weiteren Fragen und Ungereimtheiten führen, wie z.B. zu der Frage, ob und wie ein Weiterexistierender in seinem ganz eigenen Jenseits andere Weiterexistierende treffen kann." (S. 271)

In ähnlicher Weise nähert sich der Autor „der alten Menschenheitsfrage: Gibt es ein Leben nach dem Tod?" auf den Seiten 274 – 277 und leitet so zur sogenannten Seelenlehre über. An dieser Stelle bezieht Müller nicht nur das Christentum (nebst älterem Judentum und jüngerem Islam) in seine Betrachtungen ein, sondern kurz auch Hinduismus und Buddhismus. Das aber ist zugleich sein Manko, denn nichtreligiöse Weltanschauungen oder Moralphilosophien (Konfuzianismus) kommen bei ihm leider nicht vor. Da wirkt wohl auch bei ihm als gestandenem Wissenschaftler noch die frühkindliche Indoktrination durch Religionslehrer nach… Dennoch geht er etliche Seiten später auf die Seele aus Sicht der Wissenschaft ein. Die von Theologen behauptete Unsterblichkeit und Körperlosigkeit der Seele werfe, ja provoziere viele Fragen, führt er aus, so z.B. diese vier:

„Warum verläßt die Seele ausgerechnet zum Zeitpunkt des Lebensendes den Körper und existiert dann länger als der Körper, mit dem sie so lange Zeit verbunden war?

Warum ist ausgerechnet die menschliche Seele unsterblich?

Wo waren die Seelen vor der Entstehnung des Menschen?

Wohin gehen die Seelen, wenn es kein Leben mehr geben wird?" (S. 294)

Müller führt dazu u.a. aus: „Zu allererst widerspricht eine körperlose Weiterexistenz der Seele schon der einfachen Logik. (…) Das Gehirn ist nur eines von vielen Organen unseres Körpers. Warum sollte ausgerechnet eine einzige Funktion dieses Organs in Form der Seele unabhängig vom Organ und unabhängig vom restlichen Körper weitergehen?" (S. 295)

Schlußfolgernd schreibt er dann weiter: „Und solange Menschen über das Sterben und den Tod nachdenken, werden sie auch der Seelenlehre und ihren verschiedenen Varianten folgen, um an eine unsterbliche und körperunabhängige Seele glauben zu können. Denn diese Lehre strahlt einfach eine zu große Faszination aus, als daß der Glauben daran 'nur' durch objektive und wissenschaftliche Argumente gelöscht werden kann. Allerdings steht ein solcher Glaube aus heutiger Sicht außerhalb jeder logischen Argumentation und Wissenschaftlichkeit." (S. 298)

In seinen Schlußbemerkungen geht Müller nochmals auf die Grundfrage „Wissen oder Glauben?" ein und antwortet – mit einem Plädoyer für ein erfülltes diesseitiges Leben, daß für das individuelle Wohlbefinden angesichts der naturgegebenen eigenen Sterblichkeit sowohl wissenschaftliche als auch nicht-wissenschaftliche Herangehensweisen ihre Berechtigung bei der Beschäftigung mit dem Komplex Altern, Sterben und Tod hätten. Wichtiger sei es zudem, jedem Menschen ein würdevolles Sterben zu ermöglichen.

Siegfried R. Krebs

 

Oliver Müller: Altern. Sterben. Tod. Die Vergänglichkeit des Menschen aus naturwissenschaftlicher Sicht. 336 S.m.Abb. geb.m.Schutzumschl. Gütersloher Verlagshaus. Gütersloh 2019. 22,00 Euro. ISBN 978-3-579-01471-5

 
13.04.2019

Von: Siegfried R. Krebs




Holm Gero Hümmler: „Verschwörungsmythen“

HümmlerRezension von Gerfried Pongratz:

Verschwörungsglaube hat Konjunktur! Wikipedia listet ohne Anspruch auf Vollständigkeit für das 20. Jahrhundert sechzig und für das 21. Jahrhundert bereits zehn bedeutende Verschwörungstheorien auf: „Sie beinhalten bestätigte und widerlegte, aber auch noch unklare Theorien, die religiöse, politische, kulturelle oder alltagskulturell motivierte Verschwörungen behandeln“. Der Physiker Holm Gero Hümmler, engagiertes Mitglied der Gesellschaft zur Wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften e.V. (GWUP), beschreibt die dahinterliegenden Phänomene und lotet sie an sechs großen Beispielen aus.

 

„Wie wir mit verdrehten Fakten für dumm verkauft werden“ lautet der Untertitel des Buches. Es richtet sich in erster Linie nicht an eingefleischte Verschwörungsgläubige, oder an gut informierte Verschwörungsskeptiker, sondern an Menschen, die mit Beschwörungsbehauptungen konfrontiert sind und ernsthafte Überprüfungen, ehrliche Antworten und Anstöße für eigene Überlegungen und Recherchen suchen. Dabei bietet es vor allem Hilfestellung im Bereich naturwissenschaftlich-technischer Argumentationen.

 

„Wer für seine Sachbehauptungen überprüfbare Belege anführt, verdient, damit ernst genommen zu werden. Auch wenn diese Belege leicht widerlegbar erscheinen, muss man sie dennoch zuerst einmal widerlegen“. Die Argumente, die für Verschwörungsbehauptungen vorgebracht werden, sind oft technischer oder naturwissenschaftlicher Art (z.B.: das World Trade Center hätte nicht allein durch Feuer einstürzen können, die Flagge auf dem Mond hätte sich ohne Atmosphäre nicht bewegen können, Kondensstreifen müßten sich weit schneller auflösen, als man es bisweilen beobachtet); vorgebliche Sachargumente wirken überzeugender als politische Begründungen, sind aber nachprüf- und widerlegbar (wobei Fragen offen bleiben können, die Verschwörungsbehauptungen wiederum befeuern). Unter „Verschwörung“ versteht man in der Regel eine geheime Verabredung mehrerer Personen zu Machenschaften, die andere als schädlich ansehen. Neben den eigentlichen Verschwörungstheorien gehören dazu auch sogenannte „False-Flag-Operationen“, bei denen Tatbeteiligte nicht nur freiwillig agieren, sondern auch als Befehlsempfänger miteinbezogen sind (z.B. der Überfall auf den Sender Gleiwitz, der als Vorwand zum Kriegsbeginn gegen Polen diente). Vor allem antisemitische Thesen werden oft mit dem Verweis auf angebliche False-Flag-Operationen begründet (z.B. auch, dass Hitler selbst ein Werkzeug geheimer jüdischer Weltverschwörung gewesen sei.

 

In einem Gastbeitrag des Psychologen Sebastian Bartoschek wird die Frage „Warum wollen wir an Verschwörungen glauben?“ erörtert (S. 18ff):

Jeder psychisch gesunde Mensch glaubt an Verschwörungstheorien, manche Menschen sind dazu jedoch anfälliger als andere. Die Erklärung liegt in allgemeinpsychologischen (evolutionär bedingten) Effekten, die jeden Menschen betreffen und in individualpsychologischen Größen. Das Gehirn ist – evolutionär sehr wichtig – darauf spezialisiert, Zusammenhänge, Muster und Strukturen zu entdecken; die evolutionär erfolgreichere Strategie ist, mehr Muster zu erkennen und mehr Gefahren zu erwarten als tatsächlich vorhanden sind. Diese überbordende Mustererkennung begünstigte zum einen das Entstehen von Religionen, die über beobachtbare Wirkzusammenhänge komplexere Erklärungsmuster stülpen und zum anderen auch die Entstehung von Verschwörungstheorien – individualpsychologisch zeigt sich, dass viele hochreligiöse Menschen besonders stark auch an Verschwörungstheorien glauben. Religionen und Verschwörungstheorien eint die Vereinfachung von Ursache und Wirkung, die Entrückung der eigentlich Handelnden auf eine höhere Ebene mit Regeln und Anleitungen, was zu tun ist, um Sicherheit zu erlangen. Verschwörungstheorien unterscheidet von Religionen, dass sie fast nie positive Projektionsflächen bieten und wenig Spiritualität beinhalten; sie sind letztlich negativistischer als die Mehrzahl der Religionen, wobei aber nicht vergessen werden darf, dass es tatsächlich auch Verschwörungen gibt, gegen die man sich wappnen muss (z.B. Watergate, Iran-Contra-Affäre).

 

Zu den allgemeinpsychologischen Effekten, die begünstigen, dass ein Mensch beim Glauben an eine Idee, Ideologie, Meinung oder eben Verschwörungstheorie bleibt, gehört die „confirmation bias“ (Bestätigungstendenz, S. 20 ff.): Wir halten jene Informationen am ehesten für wahr, die unseren Überzeugungen entsprechen und finden bei entsprechender Suche – in neuerer Zeit vom Internet massiv unterstützt – immer mehr Bestätigungen für „unsere“ Theorien. Dazu kommt, dass Verschwörungstheorien dabei helfen, „Selbstwirksamkeit“ zu erlangen – eigenes Pech, Krankheiten und Leiden bekommen dadurch Begründung und Sinn. Auch bieten sie – wie Religionen – Anleitungen und Handreichungen zu Maßnahmen, die man zur Abwehr negativer Auswirkungen ergreifen soll; was den Glauben an sie wiederum verstärkt.

 

Zusätzliche Erklärungsansätze zur Neigung, an Verschwörungen zu glauben, beruhen darauf, dass Verschwörungsbehauptungen im erzählerischen Sinne meist bessere, interessantere Geschichten als nüchterne Sachverhalte bieten und dass der Trend zur Abkehr von Fakten weitgehend auch auf Emotionen beruht. Verschwörungsglaube kann in vielen Fällen auch als eine Form von Religion gesehen werden.

 

Nach diesen grundlegenden Einführungen widmet sich das Buch anhand aktuell bedeutender Verschwörungstheorien sehr ausführlich den dazu vorgebrachten Behauptungen: „Stimmen sie, oder stimmen sie nicht?“:

  • „Stahl schmilzt nicht bei Zimmerbränden – Der 11. September und die Wahrheit der Truther-Bewegung“.
  • „Apollo aus Hollywood – Die Mondlandung und die angeblichen Fehler bei der Inszenierung“.
  • „Die Erdbebenmaschine- Wie eine kleine Forschungsanlage in Alaska die Welt terrorisieren soll“.
  • „Tod aus der Luft – Was Chemtrail-Gläubige sehen, wenn sie in den Himmel schauen“.
  • „Hitlers Hightech – Von Flugscheiben und Oasen am Südpol“.
  • „Ist die Erde hohl oder flach – oder vielleicht beides?“

Holm Gero Hümmler stellt den jeweiligen Behauptungen und Argumenten der Verschwörungsgläubigen sachlich und ohne Häme die objektiven Sachverhalte – mit Fotos sowie Tipps für eigene Recherchen und Beobachtungen – entgegen.

 

Manche Argumente von Verschwörungsautoren sollten zum Nachdenken anregen; z.B. bei Ungereimtheiten in der offiziellen Darstellung von Ereignissen, oder bei Thesen, die auch zu Veröffentlichungen seriöser Wissenschaftler, bzw. von Behörden oder der Wirtschaft passen. Zweifel und gesundes Misstrauen gegenüber Mächtigen sind durchaus angebracht, man sollte sie zum Anlass nehmen, nachzuforschen, um sich Klarheit zu verschaffen. „Für die aktive Beteiligung in einer demokratischen Gesellschaft ist es unverzichtbar, sich ein qualifiziertes Bild von der Glaubwürdigkeit von Verschwörungsbehauptungen zu machen“ (S. 190).

 

Generell gilt: „Je mehr ein Ergebnis die eigenen Erwartungen sowie politischen und weltanschaulichen Einstellungen bestätigt, desto kritischer soll man damit umgehen!“ Zur Vorgangsweise bei der Konfrontation mit Verschwörungsmythen empfiehlt der Autor, „die richtigen Fragen“ zu stellen:

  • Was wird eigentlich behauptet (offizielle Sachverhalte, die bestritten werden, alternative Sachverhalte, die behauptet werden, emotionale Aufladung der Botschaft, Appelle für Handlungen, Belege gegen die offiziell anerkannten und für die eigenen Erklärungen der Sachverhalte)?
  • Welcher Art sind die vorgebrachten Belege (wie weit besitzen sie Interpretationsspielraum – idealerweise sollten sie keinen zulassen)?
  • Was kann ich selbst überprüfen (z.B. in bezug auf Fehlerquellen, auf Modellbildungen) und wie viele Mitwisser gibt es (mit statistischen Methoden konnte aufgezeigt werden, dass Verschwörungen mit mehr als 1.000 Mitwissern keine Chance haben, über längere Zeit unentdeckt zu bleiben)?
  • Wem kann ich glauben (im Hinblick auf Kompetenz, Objektivität und Nachvollziehbarkeit)?

 

„Verschwörungsmythen“ ist ein empfehlenswertes Buch für kritische – auch selbstkritische – Leserinnen und Leser mit einschlägigem Interesse! Es vermittelt breites Wissen und bietet interessante Denkanstöße, nicht zuletzt auch mit der Darstellung evolutionärer und psychologischer Bedingtheiten für intellektuelle Verführbarkeit und (Leicht)Gläubigkeit. Die Beschreibung und Widerlegung weit verbreiteter, konkreter Verschwörungsbehauptungen sind spannend zu lesen, können aber auch überflogen werden (was bei besonders abstrusen Hirngespinsten, z.B. der „Flacherdler“, sogar empfehlenswert sein kann).

Holm Gero Hümmler: „Verschwörungsmythen“

© S. Hirzel Verlag, Stuttgart, 2019, ISBN 978-3-7776-2780-9, 223 Seiten

Gerfried Pongratz 4/2019




„Relativer Qantenquark“ von Holm Gero Hümmler. Rezension von Gerfried Pongratz

9783662538289Zuerst veröffentlich auf WB am 24. August 2017. Diese Rezension von Dr. Gerfried Pongratz handelt von einem Buch, das nicht nur viel Wissen vermittelt, sondern auch der Esoterikszene und diversen Scharlatanen gekonnt Paroli bietet.(Pongratz). Laut Verlag räumt es mit der Vorstellung auf, dass esoterische und alternativmedizinische Konzepte mit der Relativitätstheorie und Quantenphysik zu begründen wären. Es unterscheidet demnach zwischen Grenzgebieten der Physik und Quantenunsinn. Aber warum wird dann der Quantenbegriff , wie ihn Pongratz unten wiedergibt, mit der "Welt dieser kleinsten Teilchen" assoziiert? Laut wiki ist das nur ein Teil der eigentlichen Bedeutung des Begriffs (8/2017):

Relativer Qantenquark – Kann die moderne Physik die Esoterik belegen?

„Viele Fälle, in denen die Relativitätstheorie oder die Quantenphysik als Belege für Heilmethoden, seltsame Gerätschaften oder Psychotechniken zitiert werden, dienen vor allem dazu, nicht verstanden und nicht hinterfragt zu werden“. Der in der Skeptikerszene aktive, promovierte Kern- und Teilchenphysiker Holm Hümmler räumt mit der Vorstellung auf, dass esoterische und alternativmedizinische Konzepte mit der Relativitätstheorie und/oder Quantenphysik zu begründen wären. Auf populärwissenschaftlich hohem Niveau erläutert er – auch für Laien mit Vorwissen gut verständlich – die Grundlagen der Relativitätstheorie und Quantenmechanik, wie auch Fragen zur wissenschaftlichen Theorienbildung und Spitzenforschung in der modernen Physik. Je ein Kapitel ist „Missverständlichem und Fehlgeleitetem – Jenseits der Grenzen des Seriösen“ sowie „Missbräuchlichem und Unbrauchbarem“ gewidmet; so z.B. der These, dass aus der berühmten Einsteinschen Formel E=mc² gefolgert werden könne, dass Materie aus der Energie von Gedanken entstehen und daraus „alles ist vorstellbar“ resultieren könne. Quantenheilung und Vieles mehr, was aus Unwissenheit und/oder Geschäftemacherei rund um die Themen Relativitätstheorie und Quantenmechanik angeboten wird, kann unter „Quantenquark“ zusammengefasst werden (irrationale Glaubenssätze existieren nicht im leeren Raum. Hinter ihnen stehen Welterklärungsansätze, die ein gefährliches Eigenleben entwickeln können).

Was steckt hinter den Theorien der modernen Physik? Das Buch bietet, beginnend bei geschichtlichen Entwicklungen und mit zahlreichen Quellen belegt, klare Definitionen und Erläuterungen mit einer weitgespannten Fülle neuester Erkenntnisse, die unsere Zukunft wesentlich mitgestalten werden. Vom „Welle-Teilchen-Dualismus“ über den „Tunneleffekt“ hin zur „Verschränkung und Nichtlokalität“ führt der Weg (über das unglückliche Beispiel von „Schrödingers Katze“) hin zu neuen Überlegungen wie der Stringtheorie und zu wahrscheinlichen Entwicklungen in der Quantenbiologie und im Quantencomputing.

Aus der Fülle der behandelten Themen einige Beispiele:

Was sind Quanten und was versteht man unter Quantenmechanik?

Als Quanten – sie sind keine besonderen Teilchen und keine andere Form von Materie – werden die kleinsten Energiemengen oder Wellenpakete bezeichnet, aus denen eine elektromagnetische Welle, wie zum Beispiel Licht aufgebaut ist. Die Quantenmechanik beschreibt die Welt dieser kleinsten Teilchen; man kann ihre Eigenschaften wie den Ort nicht messen, ohne sie durch die Messung zu verändern (bestimmte Eigenschaften sind nur in Form von Wahrscheinlichkeiten festgelegt). Wenn man sie perfekt von der Außenwelt isoliert, zeigen beschleunigte Teilchen Eigenschaften von Wellen, umgekehrt haben Licht und andere Wellenphänomene Teilcheneigenschaften, die sich bei Betrachtung sehr kleiner Energien zeigen (im Experiment verschwinden solche Effekte, sobald der Kontakt zur Außenwelt, zum Beispiel durch eine Messung, wieder hergestellt ist). Ein ähnlicher Effekt ist die Überlagerung von einem zerfallenen und einem nicht zerfallenen Zustand, im klassischen Sinne ist der Zustand des Teilchens hierbei bis zur Messung nicht definiert. Zwei Teilchen, die aus demselben Prozess hervorgegangen sind, können, auch wenn sie voneinander entfernt sind, quantenmechanisch einen gemeinsamen („verschränkten“) Zustand bilden, bis sie mit der Außenwelt wechselwirken (Einstein sprach von „spukhafter Fernwirkung“). All dies, und noch mehr, beschreibt die Quantenmechanik; so z.B. auch die Chemie auf der Basis von Physik (als Beschreibung der Welt der kleinsten Teilchen und der Eigenschaften von Atomen).

Was sind Quantencomputer?

Quantencomputer nutzen Quanteneffekte, um mit beliebigen Zahlen anstatt nur mit Nullen und Einsen zu rechnen; so können sie bestimmte Rechenaufgaben möglicherweise sehr viel effizienter lösen als klassische Computer. Sie befinden sich zur Zeit noch in einer frühen Phase der Entwicklung und da der technische Aufwand bei der Herstellung und dem Betrieb, wie auch bei der Programmierung, noch große Probleme bereitet, ist schwer absehbar, welche Rolle sie in Zukunft spielen werden.

Was versteht man unter Quantenbiologie?

Die Quantenbiologie erforscht das mögliche Auftreten von Quanteneffekten in Lebewesen. Einige der dabei gefundenen Effekte sind vor allem deshalb bemerkenswert, weil sie in lebenden Zellen, also in warmen, ungeordneten Umgebungen, ablaufen. Ihre Ausdehnung beschränkt sich aber in der Regel auf Größenordnungen zwischen einzelnen Teilchen und dem Durchmesser großer Moleküle. Effekte der Quantenmechanik, die sich nicht auch mit klassischer Physik erklären lassen, kommen in biologischen Systemen allenfalls innerhalb einzelner Moleküle vor. Elektromagnetische Wellen oder Wellenlängen, die man als „Elektrosmog“ bezeichnet, wirken auf biologisches Gewebe praktisch nur in Form einer Erwärmung und „Quantenheilung ist nicht mehr als eine Suggestionstechnik, die als Form der Geistheilung praktiziert wird. Mit Quanten- oder sonstiger Physik hat sie absolut nichts zu tun (S. 178).

Quantenquark selbst angerührt (S. 212-214):

  1. Erwähne verblüffende Tatsachen aus der Relativitätstheorie oder Quantenmechanik:
    Z.B.: „In der Relativitätstheorie sind Masse und Energie äquivalent (E=mc²) und nach der Quantenmechanik können Teilchen an unterschiedlichen Orten miteinander verschränkt sein.“
  2. Verallgemeinere diese Tatsachen zu einer falschen Aussage, die in einem übertragenen Sinne noch einen wahren Kern enthält:
    Z.B.: „Da Masse und Energie äquivalent sind, ist Materie folglich nichts weiter als reine Energie. Da auch entfernte Teilchen miteinander verschränkt sind, hängt auf der Welt alles mit allem zusammen.“
  3. Nimm die Verallgemeinerung wörtlich und definiere die Begriffe so um, wie du sie brauchst:
    Z.B.: „Materie ist reine Energie, und diese Energie mobilisieren wir bei der Meditation. Da alles mit allem zusammenhängt, funktioniert Quantenheilung (sogar auch via Telefon).“

Ein großer Vorzug des Buches ist, dass jedem Themenbereich eine Zusammenfassung „Zum Mitnehmen“ beigeordnet wurde, die knapp, klar und präzise die Kernaussagen enthält. Allein das Lesen dieser 26 Kurzbeschreibungen würde genügen, einen guten Überblick und viel Wissen zu gewinnen. Zusätzlich zu diesen Zusammenfassungen enthält das Buch in zahlreichen Einschüben sogenannte „Quarkstückchen“, die beschreiben, was oftmals an Unsinn, Esoterik und Geschäftemacherei zum jeweiligen Thema verkündet und verkauft wird. Auch werden einige mehr oder weniger esoterische „An- und Einsichten“ ursprünglich seriöser Wissenschaftler (Hans-Peter Dürr, Burkhard Heim, Markolf Niemz) sowie fragwürdige Theorien, wie z.B. die „schwache Quantentheorie“ (formuliert von Harald Walach), mit sich daraus ergebenden pseudowissenschaftlichen Behauptungen und Methoden (z.B. in sogenannten „Familienaufstellungen“), kritisch beleuchtet: Die schwache oder verallgemeinerte Quantentheorie hat mit Quanten nichts zu tun. Sie entnimmt der Quantenmechanik lediglich Begriffe und Formalismen, gibt ihnen dabei aber neue Definitionen. Experimentelle Belege, dass dabei eine sinnvolle Theorie herausgekommen ist, gibt es nicht (S. 166).

Uneingeschränkte Leseempfehlung für physikaffine Leserinnen und Leser, die nicht nur von moderner Physik mehr verstehen möchten, sondern auch Interesse daran finden, esoterische Glaubensvorstellungen sachlich fair, ohne Häme, widerlegt und Scharlatane entlarvt zu sehen.

 

Gerfried Pongratz

Holm Gero Hümmler: "Relativer Qantenquark – Kann die moderne Physik die Esoterik belegen?", Springer-Verlag, 2017, ISBN 978-3-662-53828-9, , 233 Seiten

Weitere Rezensionen von Gerfried Pongratz




Martin Moder: „GENPOOL PARTY“

GenpoolRezension von Gerfried Pongratz:

Wer Martin Moder als Science-Slammer, Science Buster und Buchautor („Treffen sich zwei Moleküle im Labor“) kennt, weiß, was ihn erwartet: Seriöse Wissenschaft, locker leicht – nicht seicht! – dargeboten; gekonnt nach alter Medienweisheit: „Humor ist der beste aller Informationsträger“.

Mit Anekdoten zur Wissenschaftsgeschichte und mit neuen Erkenntnissen zu ausgewählten Kapiteln biologischer Forschung vermittelt das Buch populärwissenschaftlich fundiertes Wissen. Der Untertitel, „Wie die Wissenschaft uns stärker, schlauer und weniger unausstehlich macht“, gibt die Hauptrichtungen der Ausführungen vor: Ist es möglich – und wenn ja, mit welchen Methoden –, sich unter Zuhilfenahme von Genetik körperlich und geistig weiter zu entwickeln und das eigene Verhalten zu optimieren?

Das Thema „Stärker werden“ im Sinne von „Genoptimierung“ beschreibt einerseits Grundlegendes zum menschlichen Körper (30 Billionen Zellen in >200 Zelltypen) und dessen Genom und andererseits die derzeit vorhandenen Möglichkeiten, Letzteres positiv zu verändern. „Optimierung“ durch „Gendoping“ ist schwierig, aber – besonders an Embryonen – gut möglich; vor allem Defekte an einzelnen Genen können bereits erfolgreich behandelt werden, für die Zukunft ergeben sich noch sehr viele weitere (auch komplexere) positive Aspekte. Martin Moder erklärt dazu das CRISPR/Cas9–System und die sich daraus entwickelnden Chancen – aber auch Risiken und ethischen Probleme („Designer Babys“). Um Gene gezielt zu verändern, besteht die Methode aus zwei Komponenten: eine legt fest, an welcher Stelle die DNA verändert werden soll (gRNA), die andere (Cas9) führt an der betreffenden Stelle die gewünschte Veränderung (enzymatisch, als Genschere) durch. Die CRISPR/Cas9 Methode steht erst am Anfang ihrer möglichen Entwicklungen, weitere Schritte folgen laufend. So wird es z.B. auch einmal möglich sein, „Genom-Komplettsynthesen“ herzustellen, bzw. den Code des Lebens grundlegend umzuschreiben; derzeit klingt das noch utopisch, in Anfangsstadien ist es aber bereits mit einem Bakterium gelungen und zeigt bei Hefen Fortschritte.

Zum Thema „Klüger werden“ definiert das Buch Persönlichkeit und Intelligenz im Zusammenhang mit Genetik und beschreibt deren Vermessung mittels Korrelationen und IQ-Tests. Die „Anlage-Umwelt-Kontroverse“ fragt nach Einflüssen der Umwelt im Vergleich zu genetischen Dispositionen. Mit Zwillingsstudien (eineiige Zwillinge im Vergleich zu zweieiigen) gelang es, die genetische Veranlagung von Intelligenz unter weitgehender Ausschaltung von Umweltfaktoren mit folgendem Ergebnis zu erforschen: „Bei der Intelligenz ist eine Vererbbarkeit von 50 Prozent… ein Mittelwert. … Mit zunehmendem Alter wächst… auch der Einfluss unserer Gene auf die Intelligenz. Während die Vererbbarkeit bei Kindern nur etwa 20 Prozent beträgt, lassen sich die Intelligenzunterschiede zwischen Erwachsenen zu etwa 80 Prozent genetisch erklären“ (S. 82). Dass solche Erkenntnisse auch kontroversiell bewertet und die Methoden im Hinblick auf ihre jeweiligen Vor- und Nachteile hinterfragt werden, versteht sich von selbst, wobei das Thema Chancengleichheit je nach Herkunft und Lebensbedingungen der Menschen eine große Rolle spielt. Aus den daraus resultierenden Erkenntnissen ergibt sich: „Je fairer eine Gesellschaft ist, desto höhere Werte sind für die erbliche Komponente der Intelligenz zu erwarten“.

Neben den Vorteilen von Intelligenz u.a. bei der Partnerwahl („Macht Intelligenz sexy?“) beschreibt Martin Moder auch den „Flynn-Effekt“ (die weltweiten IQ-Werte stiegen seit 100 Jahren etwa 3 Punkte pro Jahrzehnt, stagnieren aber derzeit) sowie dessen Auslöser und erläutert dabei verschiedene Methoden zur Intelligenzsteigerung: z.B. durch „Smart Drugs“, wie Ritalin und Modafinil, durch „Hirnstimulation per Magnetstab“, durch „Transkranielle Gleichstromstimulation“ und durch „Rotlicht-Kopfbestrahlungen“.

„Die Biologie menschlichen Verhaltens“ bildet einen weiteren Abschnitt des Buches; sie beschäftigt sich mit dem Einfluss der Biologie auf Entscheidungsverhalten, Persönlichkeit, politische Haltung etc. Ein evolutionär entwickeltes „Verhaltens-Immunsystem“ schützte unsere Vorfahren vor Infektionen; die oftmals unbewusste Angst vor Infektionen und Parasiten kann heutige Menschen zu Überreaktionen, autoritärem Denken und zur Ablehnung Fremder bis zu Fremdenhass führen: „Dass sich unser Moralverständnis durch simple biologische Umstände beeinflussen lässt, ist nicht neu“(S. 124).

„Die Vermessung der Persönlichkeit“ geschieht mit dem „Big-Five-Persönlichkeitstest“, der den Charakter eines Menschen in fünf Bereiche unterteilt: „Extraversion“ (Geselligkeit), „Neurotizismus“ (Emotionale Labilität), „Offenheit“ (für Erfahrungen), „Verträglichkeit“ (Rücksichtnahme, Mitgefühl), „Gewissenhaftigkeit“ (Perfektionismus, Fleiß). Das Buch beschreibt die aus dieser Einteilung sich ergebenden Konsequenzen im Hinblick auf Individualität, Verhalten, Chancengleichheit etc. bis hin zu Wegen und Möglichkeiten, Verbesserungen des eigenen Verhaltens zu erzielen. Dabei wird auch der Einsatz von Drogen, speziell z.B. von Psilocybin (halluzinogener Wirkstoff in Pilzen) nicht ausgeklammert; die Erforschung von Drogenwirkungen im Hinblick auf das Bewusstsein, das „Ich“ und die Überwindung von (Todes)Angst führte zu wichtigen Erkenntnissen.

„Das Streben nach Glück“ wird vom Belohnungssystem im Gehirn ausgelöst; es motiviert zu Aktivitäten, steht aber auch Gefühlen der Zufriedenheit entgegen. Dopamin ist ein Neurotransmitter, der positive Gefühle vermittelt, besonders in hoffnungsvollen Erwartungen. Das Glücksniveau von Menschen lässt sich ebenfalls durch Zwillingsstudien ermitteln; nach derzeitigen Erkenntnissen beruht Glücksempfinden zu etwa 50 Prozent auf genetischer Veranlagung, 40 Prozent resultieren aus täglich getroffenen Entscheidungen und 10 Prozent lassen sich durch allgemeine Lebensumstände erklären. Die größte Glücksquelle bildet der Umgang mit positiv gesinnten Mitmenschen – möglichst verbunden mit gemeinsamen Erlebnissen. Zu einem zufriedenen Leben gehört auch, diesem Sinn zu geben; Zufriedenheit fördert auch die Gesundheit, das Risiko für Schlaganfälle, Alzheimer etc. wird deutlich vermindert. Bewusstes Streben nach Glück wirkt kontraproduktiv; es führt zu Unzufriedenheit – zu einer „Hedonistischen Tretmühle“ -, die vielfältig negative Auswirkungen zeitigt.

Ein wichtiges Thema des Buches bilden Fragen des gedeihlichen Miteinanders. Studien zeigen, dass sich die Unterschiede im Empathieempfinden zwischen Menschen zu etwa 20 bis 70 Prozent genetisch erklären lassen; antisoziale Persönlichkeitsstörungen, wie etwa das völlige Fehlen von Empathie, betreffen etwa ein Prozent der Bevölkerung. Diese Störungen sind stark durch Genetik geprägt und beinhalten große Risiken. In diesem Zusammenhang beschreibt der Autor auch Gefahren, die von genveränderten Mikroorganismen („Biowaffen“) ausgehen und die gesamte Menschheit bedrohen. Manche Forscher stellen dazu die Idee einer ethischen Optimierung des Menschen – genetisch oder medikamentös – in den Raum, einige Präparate wie Prozac (Serotoninspiegelerhöhung im Gehirn) bieten positive Ansätze. Insgesamt meint der Autor allerdings, dass diese Vorhaben nicht zielführend sind und es außerdem keiner ethischen Optimierung bedarf, die Welt zu retten: „Sie ist nicht so schlecht, wie sie uns oftmals erscheint“.

Wir sind an einem Punkt angelangt, an dem die grundlegende Veränderung unserer Biologie erstmals in Reichweite ist“. „Die Verlockung, sich selbst oder andere genetisch zu verbessern, wird immer vorhanden sein – sei es getrieben von Egozentrik, Größenwahn oder Nächstenliebe“ (S. 179). „Ich habe mich in diesem Buch bewusst darauf beschränkt, zu beschreiben, was derzeit möglich ist, was nicht und was demnächst möglich sein wird. Die Frage, in welchen Fällen es sinnvoll und gut ist, den Menschen zu verändern, überlasse ich gerne den Wissenschaftsphilosophen“ (S. 181).

Das Buch belegt mit alten und neuen Forschungsergebnissen wieder einmal, wie sehr wir Menschen biologisch determiniert sind. Martin Moder vermag es, diese Tatsache in bester Science-Slam-Manier auf hohem Level heiter – z.T. slapstickartig – zu präsentieren und damit eventuelle Frustrationen über „wie wenig Herr im eigenen Haus wir sind“ zu entkrampfen. Für manche Leserinnen und Leser könnte die Häufigkeit humoriger Nebenbemerkungen und die Flapsigkeit mancher Formulierungen eventuell reduzierter sein, die jugendliche Frische dieser Form von Wissensvermittlung wird aber vermutlich viele, vor allem jüngere Leser ansprechen, bzw. begeistern. GENPOOL PARTY ist ein vergnüglich zu lesendes Buch für Menschen, die entweder erst am Beginn einer biologischen „Wissenskarriere“ stehen, oder als „alte Hasen“ ihr Wissen auffrischen und mit neuen Erkenntnissen (auch zu ihren beschleunigt ablaufenden Alterungsprozessen) schmunzelnd erweitern möchten.

Martin Moder: „GENPOOL PARTY“

© Carl Hanser Verlag GmbH, München, 2019, ISBN 978-3-446-26190-7, 208 Seiten

 

 

Dr. Gerfried Pongratz 4/2019




Rudolf Burger: „WOZU GESCHICHTE? Eine Warnung zur rechten Zeit“

Wozu GeschichteRezension von Prof. Anton Grabner-Haider, Religionsphilosoph, Univ. Graz.

 

Das Buch ist eine Neuauflage einer Ausgabe von 2013, es wurde durch ein Vorwort “zur rechten Zeit” aktualisiert. Es sammelt also Ideen und Zeitdiagnosen “aus rechter Sicht” und verpackt sie in den Mantel der Philosophie. Schließlich ist der Autor ein verbeamteter Schulphilosoph. Er schreibt im Geist der Pyrrhonischen Skepsis, doch dabei müsste er bedenken, dass dann alle seine Aussagen und Behauptungen nur einen Wahrheitswert von 50%, also Beliebigkeit erreichen. Zur Platonischen Skepsis konnte er sich nicht durchringen, denn dann würden seine Aussagen höhere oder niedrigere Wahrscheinlichkeit erreichen.

 

Die zentrale Behauptung lautet, wir sollten die “Geschichte” vergessen, weil wir gar nichts aus ihr lernen können. Im Sinne von F. Nietzsche und C. Schmitt wird argumentiert, dass wir aus vergangenen Ereignissen gar nichts für die Gegenwart erkennen können. Dass die Geschichte der Menschen keinen letzten Sinn hat, dass es in ihr keine ewige Wahrheit und innere Logik gibt und dass keine Objektivität in der Geschichtsschreibung möglich ist; das gilt nicht erst seit K.R. Popper in der gesamten Kulturwissenschaft als Binsenweisheit.

 

Der Autor folgert, dass jede Geschichtsdeutung relativ ist (was stimmt) und dass sie immer von politischen Machtverhältnissen bestimmt werde. Aber was ist mit der internationalen Geschichtswissenschaft in demokratischen Staaten, die nachweislich völlig frei ist von politischen Einflüssen? Damit greift der weise Philosoph die gesamte Geschichtswissenschaft an, die global optimale Arbeit leistet. Was würde der Autor sagen, wenn ihm die Historiker völlige Beliebigkeit unterstellten?

 

Rudolf Burger fordert auch, die Memoria-Kultur und Auschwitz-Pädagogik an den Schulen und in der Gesellschaft zu beenden. Die ganze Gedenkkultur und die Aufarbeitung von Schuld, die Trauerarbeit der Psychologen sei völlig sinnlos. Damit entwertet er die umfassende Arbeit der Psychologen und Pädagogen in allen demokratischen Ländern. Mit seiner Behauptung, dass “die Menschen” nichts aus der Geschichte lernen, verhöhnt er die 80 bis 85% der Gesellschaft, die nach eigener Überzeugung seit 60 Jahren viel aus der Geschichte der beiden Weltkriege gelernt haben.

 

Nach K.R. Popper, aber auch nach den Erkenntnissen der Biologie (F. Wuketits) lernen wir Menschen mehrheitlich ständig durch “trial and error”. Darauf basiert die biologische und die kulturelle Evolution. Nur eine kleine Minderheit will nichts aus den Fehlern der Vergangenheit lernen, aber sie kann nur überleben im Schutz der lernbereiten Mehrheit. Der Autor legte diese Minderheit auf die ganze Gesellschaft um, das sei große Philosophie. Damit hat er sich von der kritischen Philosophie des Sokrates, Aristoteles, Kant und Popper völlig verabschiedet. Was die “rechte Zeit” angeht, sollte er einmal genau hinsehen, was die politische “Rechte” in der Französischen Nationalversammlung von 1789 wirklich angestrebt hat. Aber laut Pyrrhon kommen seine Behauptungen über den Wahrheitswert von 50% nicht hinaus. Für einen Skeptiker wäre eine geistvollere Provokation möglich gewesen.

 

Rudolf Burger: „WOZU GESCHICHTE? Eine Warnung zur rechten Zeit“

Verlag Molden/Styria, Wien 2018, ISBN 978 3233 150272

 

(Prof. Anton Grabner-Haider, Religionsphilosoph, Univ. Graz)




Auch Percy Bysshe Shelley wußte es: „There Is No God!“

shelleypHeiner Jestrabek (Hrsg.): Percy Bysshe Shelley: „There Is No God!". Religions- und Herrschaftskritik. 172 S. m. Abb. Klappenbroschur. edition Spinoza im Verlag freiheitsbaum. Reutlingen und Heidenheim 2019. 14,00 Euro. ISBN 978-3-922589-71-6.

Rezension von Siegfried R. Krebs:

WEIMAR. (fgw) Percy Bysshe Shelley war noch nicht einmal 30 Jahre alt, als er am 8. Juli 1822 im Meer bei Viareggio an der Toskanaküste ertrank. Ein kurzes Leben, dennoch hinterließ er ein bedeutendes Werk. An eben dieses zum Teil abenteuerliche Leben, Wirken und Werk will Heiner Jestrabek mit seiner neuesten Publikation erinnern.

Denn, so Jestrabek in seiner Einführung, Shelley erlangte Berühmtheit nicht nur als einer der bedeutendsten Dichter der englischen Romantik – zusammen mit Byron und Keats – er war auch Philosoph und kämpferischer Atheist, politischer Pamphletist und Aktivist, Abenteurer, Frauenschwarm und sogar Frauenrechtler, Vorkämpfer für freie Liebe und zwischenmenschliche Beziehungen.

Das vorgelegte Buch führt knapp und übersichtlich in Leben und Werk des am 4. August 1792 als Sohn eines Baronets geborenen Dichters ein. Der Lebensbeschreibung hat Herausgeber Jestrabek eine kleine Auswahl von Shelleys radikalen religions- und herrschaftskritischen Schriften beigefügt.

Bereits der junge Shelley habe an den Vesten gerüttelt, die die feudale, bürgerliche und achso christliche Ordnung stützten: „In der Universität in Oxford, ab 1810, schloss Percy eine lebenslange Freundschaft mit Thomas Jefferson Hogg (1792-1862). Mit Hogg gemeinsam entstand auch die Idee zu dem Pamphlet 'The Necessity of Atheism' („Die Notwendigkeit des Atheismus") 1810/1811, eine philosophische Streitschrift in der Tradition der radikalen Aufklärung. Shelley und Hogg wurden wegen dieser Schrift und auch wegen ihrer rebellischen Haltung gegenüber der Collegeleitung der Universität Oxford verwiesen." (S. 9)

Auch seine Familie verstieß ihn und so mußte Shelley lange Jahren in prekären Verhältnissen leben. Dennoch ließ er sich nicht entmutigen und schuf ungeachtet dessen – und angesichts der ökonomischen und politischen Verhältnisse in Großbritannien – ein umfangreiches publizistisches Werk.

„Queen Mab" war das erste große Poem des Dichters. Diese allegorisch-utopische Verserzählung nach mythologischen Vorbildern wurde 1811 geschrieben und 1813 veröffentlicht; nunmehr unter dem Titel „Queen Mab. Philosophical Poem with Notes." Die hinzugefügten umfangreichen 'Notes' – historische und philosophische Annotationen – erweiterten das Werk zusätzlich zu einem eigenen philosophischen Manifest. Darin enthalten waren u.a. der erweiterte Wiederabdruck von „The Necessity of Atheism". Poem und Notes als ein Buch, erlangten so den Ruf einer „Bibel" der Bewegung der Chartisten, so schätzte es später Georg Bernhard Shaw (1856-1950) ein. Jestrabek schreibt seinerseits dazu: „Shelley gestaltete in seinem Poem 'Queen Mab' als eine dichterische Vision von der Zukunft der Menschheit (…) und als Perspektive zur Überwindung von Monarchie und Priestertum hin zu einer freien Gesellschaft." (S. 11)

„1814 folgt die Publikation von 'A Refutation of Deism' („Eine Widerlegung des Deismus"). Shelley grenzte sich darin eindeutig von einem 'Deismus' ab, dem damals viele Aufklärungsphilosophen anhingen, zugunsten eines konsequenten Atheismus. Er zeigte dessen Inkonsequenzen auf und widerlegte, in Form eines Dialogs zwischen den Gesprächspartnern Eusebes und Theosophus, derartige Argumente und Scheinbeweise der Kreationisten, Sophisten und aller Religiösen." (S. 15)

Jestrabek geht dann auf Shelleys Freunde und Mitstreiter, wie William Godwin (1756-1836), Lord George Gordon Byron (1788-1824) oder John Keats (1795-1821) ein. Ausführlicher wird über Shelleys zwei Ehen, und die in beiden gezeugten Kinder, berichtet. Die erste Ehe schloß er auf abenteuerliche Weise mit der damals erst 15jährigen Kaffeehausbesitzer-Tochter Harriet Westbrook. Die zweite mit Mary Godwin (1797-1851). Dazu heißt es im vorliegenden Buch:

„Durch die Flucht mit Mary war es zu einem Zerwürfnis mit Godwin gekommen, da Shelley zu diesem Zeitpunkt noch verheiratet war. Erst nach dem Tod Harriets und der Heirat mit Mary am 30. Dezember 1816 kam es zu einer Aussöhnung zwischen Percy und Mary mit William Godwin. Mary Shelley, geb. Godwin, sollte später selbst eine berühmte Schriftstellerin werden und die literarische Nachlassverwalterin Percys." (S. 19) Mary Shelley ist heutzutage vor allem bekannt durch ihren Roman „Frankenstein, or, The Modern Prometheus", erstmalig 1818 in London veröffentlicht.

Percy Shelley war nicht nur Literat. Denn, so heißt es bei Jestrabek:

„Der Kampf um politische Reformen wurde unterstützt, Anteil genommen an den infolge von Arbeitslosigkeit, Hunger und Unterdrückung entstandenen revolutionären Unruhen. Shelley veröffentlichte das Traktat 'Proposal for Putting Reform to the Vote' („Vorschlag für eine Reform des Wahlrechts"), 'An Address to the People on the Death of the Princess Charlotte' („Eine Botschaft an das Volk anlässlich des Todes von Prinzessin Charlotte"), den gemeinsam mit Mary geschriebenen Reisebericht 'History of a Six Weeks' Tour' („Geschichte einer sechswöchigen Reise"), die Verserzählung 'Laon and Cythna' wird gedruckt (und erst nach Umarbeitung als 'The Revolt of Islam') im nächsten Jahr veröffentlicht. Hierin wurden Ziele und Ideale der Französischen Revolution verteidigt und als folgerichtige Reaktion auf die vorherigen sozialen Missstände und politische Unterdrückung dargestellt. Die Handlung verlegte Shelley in den Orient und verknüpfte diese mit einer Liebesgeschichte von Geschwistern." (S. 21)

Heiner Jestrabek würdigt aber nicht nur Percy Shelley, sondern er äußert sich auch deutlich zu Mary Shelleys Verdiensten um das geistige Erbe ihres Mannes:

„Große Verdienste um die Edition seiner Werke erwarb sich seine Witwe Mary Shelley. Sie musste sich in prekären Verhältnissen durchschlagen und gegen Schikanen des Schwiegervaters wehren, der dem Werk seines verstorbenen Sohnes ablehnend gegenüberstand. Die erste durch sie besorgte zuverlässige vierbändige Ausgabe der Gedichte von Percy Bysshe Shelley mit ihren Anmerkungen erschien daher erst im Jahr 1839. (…) Mary Shelley blieb bis an ihr Lebensende politisch radikal und den Ideen von Emanzipation und Aufklärung verbunden. Sie starb am 1. Februar 1851 in London, vermutlich an einem Gehirntumor, im 54. Lebensjahr." (S. 27-28)

Zu Percy Shelley und der bis heute andauernden Mißachtung seines Werkes schreibt Jestrabek:

„Ohne Zweifel trug sein kompromissloser und öffentlich vorgetragener Atheismus dazu bei: Shelley definierte sich selbst mit einer griechisch verfassten Inschrift in einer Hütte in den Schweizer Alpen: 'Ich bin Philanthrop, Demokrat und Atheist. Percy B. Shelley.' Shelley verband seine Gesellschaftskritik mit einem tief empfundenen Humanismus und Pazifismus." (S. 30-31)

Und der Herausgeber läßt Shelley diesbezüglich selbst weiter zu Wort kommen; mit einem Zitat aus dem Vorwort zu dessen letztem Drama:

„Dies ist das Zeitalter des Krieges der Unterdrückten gegen die Unterdrücker, und jene Rädelsführer der privilegierten Mörder- und Gaunerbanden, Landesherren genannt, sehen sich untereinander nach Hilfe um gegen den gemeinsamen Feind und stellen die Feindseligkeiten gegeneinander nur ein angesichts einer mächtigeren Furcht. Alle Despoten dieser Erde sind im Grunde Mitglieder dieser Heiligen Allianz. Der Kampf gegen die Hypothese 'Gott', gegen den 'gnädigen und rachevollen Gott', welcher, 'ein Urbild menschlicher Tyrannenherrschaft', als metaphysische Projektion der Monarchie erfunden wurde – dieser kämpferische Atheismus ist die Voraussetzung für die Unschädlichmachung jenes Hauptinstruments jahrhundertelanger Gewaltherrschaft, dessen Name Christentum lautet." (S. 31)

Nach der doch etwas längeren Einführung durch den Herausgeber folgen nun einige Schriften aus Shelleys Feder. Zunächst – und erstmals vollständig in deutscher Sprache – „The Necessity of Atheism – Die Notwendigkeit des Atheismus" aus dem Jahre 1811 auf den Seiten 33 bis 47.

Bemerkenswert, wie Shelley sich hier mit der christlichen Behauptung von einem Leben nach dem Tode auseinandersetzt! Er fragt nicht, ob es ein Leben nach dem Tode gäbe, sondern ob es schon ein Leben vor dem Tode gegeben habe. Mit solchem Argument sollte man heute ebenfalls pfäffische Sprüche kontern.

Shelley wörtlich: „Haben wir vor der Geburt existiert? Es ist schwierig, diese Möglichkeit sich vorzustellen. Im generativen Prinzip jedes Tiers und jeder Pflanze gibt es eine Kraft, die die Substanzen homogen mit sich selbst verändern. (…) Wenn wir vor der Geburt nicht existiert haben; wenn in der Periode, in der die Teile unserer Natur, von denen Gedanke und Leben abhängen, untereinander verwoben scheinen; wenn es keinen Grund gibt anzunehmen, wir hätten vor dieser Zeit existiert, in der offenbar unsere Existenz beginnt, dann gibt es keinen Grund anzunehmen, dass wir nach unserer Existenz weiter existieren werden. Soweit es Gedanke und Leben angeht, wird das gleiche mit uns geschehen individuell gesehen nach unserem Tod wie vor unserer Geburt. (…) Es wird gesagt, wir könnten weiter auf eine Weise existieren, die gegenwärtig für uns unvorstellbar ist. Das ist eine höchst unvernünftige Annahme…" (S. 47)

Als weiteres Werk Shelleys wird dann auf den Seiten 48 bis 132 sein Poem „Queen Mab. Philosopical Poem With Notes" („Feenkönigin Mab. Philosophisches Poem mit Anmerkungen") aus dem Jahre 1813 im englischen Original und in deutscher Übersetzung vorgestellt. Diese Schrift in Versform dürfte allerdings für heutige Leser nur schwer zu lesen (und somit zu verstehen) sein. Nicht so aber die „Anmerkungen" I bis XVI. Diese sind überwiegend in Prosa geschrieben und geben nicht nur Aufschluß darüber, welch beachtliche naturwissenschaftliche Erkenntnisse damals schon – unter Gebildeten – vorhanden waren. Da kann man als Heutiger nur staunen.

Und nicht zuletzt machen gerade diese Anmerkungen den philosophischen und religionskritischen Wert von Shelleys Schaffen aus. Hier sei nur auf die Anmerkungen IX, XII und XV verwiesen.

Unter „IX" heißt es bei Shelley u.a.. „Der Zustand der Gesellschaft, in welchem wir uns befinden, ist ein Gemisch feudaler Wildheit und unvollkommener Zivilisation. Die beschränkte und unaufgeklärte Moral der christlichen Religion verstärkt noch diese Übel." (S. 140)

Und an anderer Stelle schreibt er mit Bezug auf freie Liebe und Partnerwahl: „Ich glaube mit Bestimmtheit, dass aus der Abschaffung der Ehe das richtige und naturgemäße Verhältnis des geschlechtlichen Verkehrs hervorgehen würde. Ich sage keineswegs, dass dieser Verkehr ein häufig wechselnder sein würde; es scheint sich im Gegenteil aus dem Verhältnis der Eltern zum Kinde zu ergeben, dass eine solche Verbindung in der Regel von langer Dauer sein und sich vor allen andern durch Großmut und Hingebung auszeichnen würde. Aber vielleicht ist es noch zu früh, diesen Gegenstand zu besprechen. Was immer aus der Abschaffung der Ehe entspringen mag, wird naturgemäß und recht sein, weil Wahl und Wechsel vom Zwange befreit sein werden.

In der Tat bilden Religion und Moral, wie sie gegenwärtig beschaffen sind, ein praktisches Gesetzbuch des Elends und der Knechtschaft; der Genius des menschlichen Glückes muss jedes Blatt aus dem verruchten Gottesbuche reißen, bevor der Mensch die Schrift in seinem Herzen lesen kann." (S. 142-143)

In Anmerkung XII konstatiert Shelley u.a. dies: „Es ist wahrscheinlich, dass das Wort 'Gott' ursprünglich nur ein Ausdruck war, der die unbekannte Ursache der bekannten Ereignisse bezeichnete, welche die Menschen im Weltall wahrnahmen. Durch die gewöhnliche Verwechselung einer Metapher mit einem wirklichen Wesen, eines Wortes mit einer Sache, ward ein Mensch daraus, mit menschlichen Eigenschaften begabt und das Weltall lenkend, wie ein irdischer König sein Reich regiert. Die Anreden an dies imaginäre Wesen klingen in der Tat ähnlich, wie die Anreden der Untertanen an einen König…" (S. 147)

Das wird von Shelley unter „XV" noch weiter ausgeführt: „Während vieler Jahrhunderte des Elends und der Finsternis fand diese Geschichte unbedingten Glauben; allein endlich standen Männer auf, welche argwöhnten, dass sie Fabel und Betrug sei, und dass Jesus Christus, weit entfernt, ein Gott zu sein, nur ein Mensch, gleich ihnen selbst, gewesen. Aber eine zahlreiche Menschenklasse, welche enormen Gewinnst aus jener Meinung, in der Gestalt eines bei dem Volk herrschenden Glaubens, zog und immer noch zieht, sagte der Menge, wenn sie nicht an die Bibel glaube, werde sie ewiglich verdammt werden, und verbrannte, verhaftete und vergiftete alle vorurteilsfreien und vereinzelten Forscher, welche gelegentlich aufstanden. Sie unterdrückt dieselben noch immer, soweit das Volk, welches jetzt aufgeklärter geworden ist, solches gestatten will. (…) Dieselben Mittel, welche jeden anderen volkstümlichen Glauben gestützt haben, haben das Christentum gestützt. Krieg, Einkerkerung, Meuchelmord und Lüge; Taten beispielloser und unvergleichlicher Rohheit haben es zu dem gemacht, was es ist. Das Blut, welches die Bekenner des Gottes der Barmherzigkeit und des Friedens seit der Einführung seiner Religion vergossen haben, würde wahrscheinlich genügen, um die Anhänger aller anderen Sekten, die jetzt auf der Erdkugel wohnen, zu ersäufen." (S. 151-152)

Deutlicher kann Religions- und insbesondere Kirchenkritik nicht sein. Und 200 Jahre NACH Shelley haben seine Worte leider immer noch Gültigkeit hier in diesem unseren Lande und nicht nur in dieser „Kirchenrepublik"…

Als drittes Werk Shelleys wird auf den Seiten 159 bis 169 das Poem „The Mask of Anarchy. Occasion of the Massacre of Manchester" („Die Maske der Anarchie. Über das Massaker von Manchester") aus dem Jahre 1819 in englischer Sprache und in deutscher Übersetzung vorgestellt.

Eine Bibliographie sowie ein Überblick über weiterführende Literatur runden diese informative und zum Nachdenken anregende Publikation ab.

Und erneut muß dem rührigen humanistischen und libertären Freidenker Heiner Jestrabek dafür Dank gesagt werden, daß er uns Heutigen wieder einmal einen mehr oder weniger vergessenen Vordenker ins Bewußtsein gerufen hat.

  Entnommen bei http://www.freigeist-weimar.de/beitragsanzeige/auch-percy-bysshe-shelley-wusste-es-there-is-no-god/?fbclid=IwAR0tkDnqGAM8-0IbZa_JrbajDmgD90Nd9loNxNAE0Lf3dn2OHlTIHU0KbOE

 

Siegfried R. Krebs

 

 




Michael Schmidt-Salomon: „Entspannt euch!“

Entspannt euchRezension von Gerfried Pongratz:

Kleines Buch – großer Inhalt! Wer Michael Schmidt-Salomons Vorträge, Bücher und sonstigen Publikationen kennt, weiß, was ihn erwartet: Übersichtliche Themenaufbereitung, geradlinige Aussagen, stringente Gedankenführung – in klarer, humor- und poesievoller Sprache. Vieles am Inhalt des vorliegenden Buches ist Lesern seiner Schriften bekannt und doch unterscheidet es sich grundlegend von seinen anderen Veröffentlichungen. Es bietet als „Philosophie der Gelassenheit“ die Aufbereitung und Zusammenfassung aller Themen, die unser Menschsein, unser Selbstverständnis, unsere Verortung im Leben (und Sterben) betreffen. Es vermittelt tiefgründiges Wissen über unser „Sosein“ und bildet ein Vademecum für alle Lebenslagen mit Anregungen, Argumenten und Hinweisen zum Hinterfragen eigener Standpunkte und Verhaltensweisen. Wer sich darauf einläßt, gelangt zu einer „neuen Leichtigkeit des Seins“.

„Wie findet man zu einem sinnerfüllten, glücklichen Leben?“ steht am Einband, wobei die dazugehörende Überschrift „Ein Weisheitsbuch für das 21. Jahrhundert“ verspricht. Das weckt apriori Mißtrauen, allerdings zu Unrecht: Der Inhalt des Buches ist von esoterischem Anflug so weit entfernt, wie Donald Trump vom Gedanken, er könnte nicht der Größte sein („Perspektiven“ S. 44 ff.); der Text vermittelt pure Rationalität und modernes Wissen, er kann als Manifest antiesoterischer Aufklärung verstanden werden.

Der Inhalt des Buches richtet sich in direkter Ansprache an die Leser, den roten Faden bilden die Perspektive und Gedanken Albert Einsteins; sie beschäftigen Schmidt-Salomon seit 35 Jahren und haben ihn wohl auch geprägt. Die Ausführungen gliedern sich in acht „Lektionen“, wovon jede besondere Aspekte des Ziels „rational zu denken, Angst vor dem Versagen zu verlieren, die Welt entspannter, gelassener und humorvoller wahrzunehmen, den Sinn des Lebens sinnlich zu erfahren, statt ihn übersinnlich herbeizuhalluzinieren“ mit den daraus zu ziehenden Schlüssen ausführlich behandelt.

Zitate (z.T. gekürzt, bzw. leicht verändert):

Wir sollten begreifen, dass jeder von uns nur der sein kann, der er aufgrund seiner Anlagen und Erfahrungen sein muss (S. 20). Das bedeutet mitnichten, dass wir keine Verantwortung für unser Handeln übernehmen sollten (ganz im Gegenteil), aber ich rate dringend, den moralischen Schleier abzunehmen, der den Blick auf die Realität trübt (S. 135).

Es (kommt) im Leben weniger darauf an, mit welchen Anlagen man geboren wurde, als darauf, was man aus ihnen macht (S. 21).

Das Leben ist ein Glücksspiel, eine Lotterie, bei der einige von uns ein Traumlos ziehen, während es andere übel trifft (S. 23).

Sei dankbar!

Lerne, dir selbst und anderen zu vergeben!

Frei zu sein bedeutet, tun zu können, was man will – es bedeutet nicht, zu einem bestimmten Zeitpunkt etwas anderes wollen zu können als das, was man will (S. 32).

Der Abschied von der Idee des ursachenfreien Willens ist keineswegs mit einer Einschränkung deiner Freiheit verbunden (S. 40).

Albert Einstein betrachtete die Einsicht in die ursächliche Bedingtheit unseres Denkens und Handelns als eine unerschöpfliche Quelle der Toleranz (S. 57). Sie hilft, moralische Übel als ursächlich bedingt zu begreifen und sich mit den Ursachen zu beschäftigen, die Welt mit den Augen des anderen zu sehen (S. 61). Daraus resultiertet die „Kunst des Vergebens“.

Die Einsteinsche Sichtweise verlangt nicht weniger als einen Abschied von unseren Moralvorstellungen, ja, mehr noch: einen Abschied vom moralischen Denken überhaupt (S. 72).

Fragen von „Gut und Böse“, „Ethik und Moral“ münden in die Aussage:
„Aus ethischer Perspektive darfst du tun, was du willst, solange du die Rechte anderer nicht verletzt“ (S. 90).

Die traditionellen Dualismen von Subjekt und Objekt, von Körper und Geist, Natur und Kultur, Mensch und Tier (wurden) in fundamentaler Weise aufgehoben. Das Mystische ist rational geworden und das Rationale mystisch (S.99)

Wer von seinem Selbst lassen kann, entwickelt ein gelassenes Selbst (S. 103).

Der Mut zur „bedingungslosen Wahrhaftigkeit und Aufrichtigkeit sich selbst gegenüber“ verlangt, die Endgültigkeit des Todes ohne weitere Ausflüchte zu akzeptieren“ (S. 109).

Um Leben Sinn zu geben erweisen sich drei Strategien als erfolgreich:

1 Hedonismus (genieße das Leben mit allen Sinnen).

2. Selbstverwirklichung (arbeite daran, die eigenen Talente zu entfalten).

3. Altruismus (engagiere dich für Dinge, die nicht nur für dich selbst, sondern auch für andere von Bedeutung sind).

Für uns Menschen, als geborene Teamplayer, liegt die größte Erfüllung des Eigennutzes in seiner Ausdehnung auf andere (S. 119).

Wir sollten uns bemühen, eine möglichst realistische, rationale und faktenbasierte Sicht der Welt zu entwickeln und über sie zu einer positiven Lebenseinstellung zu gelangen (S. 127).

Rechne mit dem Schlimmsten, aber hoffe auf das Beste! Ertrage, was du nicht verändern kannst, aber verändere, was du nicht ertragen mußt (S. 128).

Ars moriendi besteht darin, ohne Schuldgefühle von der Welt abzutreten. Denn wenn du das Gesetz der Kausalität verinnerlicht hast, wirst du am Ende deiner Tage wissen, dass du nur das Leben führen konntest, dass du unter den gegebenen Bedingungen führen mußtest (S. 130).

Der Tod ist und bleibt der ultimative Ausweg in jeder noch so ausweglos erscheinenden Situation. Niemand auf der Welt darf dir abverlangen, Unerträgliches zu ertragen! (S. 132).

Übe Nachsicht mit dir selbst! Immerhin weißt du ja, dass du nicht besser sein kannst, als du bist (S. 138).

Je mehr zu lernst, von deinem eigenen Selbst zu lassen, desto eher wirst du ein gelassenes Selbst entwickeln! (S. 139).

 

Die Quintessenz des Buches könnte aus der (Stoiker-)Sicht des Rezensenten so lauten:

Verbinde heutiges rationales Denken und Wissen mit stoischen Werten, wie Besonnenheit, Gelassenheit, Mäßigung und strebe nach Glück, das ohne Glaube an Götter und Dämonen aus kritischer Vernunft und einem klaren Verstand erwächst.

Brennende Geduld wirst du benötigen, wenn du die in diesem Buch geschilderte Einsteinsche Perspektive in deinem Alltag umsetzen willst. Denn dabei wirst du immer wieder Rückschläge erleben (S 137).

Michael Schmidt-Salomon: „Entspannt euch!“

© Piper Verlag GmbH, München 2019, ISBN 978-3-492-05950-3, 159 Seiten.

Uneingeschränkte Leseempfehlung, verbunden mit der Ermunterung, das kleine Buch als ständigen Begleiter, als Vademecum, zu benutzen!

 

Gerfried Pongratz 3/2019




Lea Rieck: Sag dem Abenteuer, ich komme

Sag dem AbenteuerRezension von Gerfried Pongratz:

Abenteuerreisen sind „in“ – mit herkömmlichen und/oder ungewöhnlichen Verkehrsmitteln rund um den Globus. Vieles ist möglich und über fast alles wird berichtet; in Internetmedien und Büchern (bei Amazon werden für das 1. Halbjahr 2019 unter „Abenteuerreisen“ sechzig deutschsprachige Neuerscheinungen angekündigt). Die Qualität mancher Berichte und Druckerzeugnisse ist bescheiden, die Qualität des vorliegenden Werks ist es nicht. Es gehört zu den Spitzenprodukten des Genres Reiseliteratur, es ist eines der seltenen Bücher, das man nach den ersten Seiten nicht mehr aus der Hand legen mag. „Sag dem Abenteuer, ich komme“ nimmt mit zu hochemotionalen, spannenden Erlebnissen und außerordentlichen Begegnungen, vermittelt breitgefächertes Wissen zu Land und Leuten, lässt intellektuell und emotionell in fremde Kulturen eintauchen: humorvoll-locker, oft nachdenklich, manchmal leise ironisch, nie voyeuristisch, stets mit Respekt und einem gehörigen Maß Demut.

An einem Dezember-Büronachmittag in München beschließt eine beruflich und privat sehr erfolgreiche 30-jährige Frau: „Dies ist meine Zeit. Ohne ein Wenn und tausend Aber. Ich mache eine Weltreise auf dem Motorrad“ (S. 16) – BE THERE OR BE SQUARE!

Es folgen monatelange Vorbereitungen, bis es im April 2016 so weit ist: LEA RIECK auf „CLEO“, der Triumph Tiger Maschine, ruft dem Abenteuer „ICH KOMME“ entgegen.

Die große Freiheit beginnt! Über Österreich und mehrere Balkanländer führt die erste Etappe nach Istanbul, wo die Autorin Zeugin des gerade ausbrechenden Militärputsches wird. Über die Türkei, Rußland, Tadschikistan, Kirgistan, China, Pakistan, Indien, Nepal, Myanmar, Thailand geht es nach Australien und Tasmanien. Es folgen Argentinien, Feuerland, Patagonien, Chile, Peru, Panama, USA, Kanada, Marokko, Westsahara und Europa: 90.000 Kilometer in 516 Tagen auf dem Motorrad!

In 8 Haupt- und zahlreichen Unterkapiteln erzählt Lea Rieck die Geschichte von „Eine Frau/Eine Welt/Eine Reise“. Mit literarisch bunten Bildern in stimmungsvollen Nuancen, mit einfühlsamen Beschreibungen, treffenden Metaphern, mit Lebensfreude, Liebes- und Leiderfahrungen.

Der Leser/die Leserin begleitet die Autorin zu Orten herausragender Schönheit, reist mit durch großartige Landschaften („man spürt das Leuchten der Sonne, das Vibrieren der Maschine“), kämpft sich über waghalsige Strassen und gefährliche Pässe mit hoch in schneebedeckte Gebirge, fühlt mit die Einsamkeit endlos scheinender Wüsten und die Strapazen auf langen öden Strassen im Nirgendwo.

Neben der Beschreibung von unglaublich Schönem und Erhabenem werden auch Plätze abgrundtiefer Häßlichkeit, brutalster Gemeinheit (z.B. das Rotlichtviertel in Bangkok) nicht ausgeblendet und unangenehme Erfahrungen, persönliche Krisen, Zweifel und Mutlosigkeit nicht verschwiegen.

Lea Riecks Buch berichtet von Kameradschaft und gegenseitiger Hilfe, von wunderbaren Begegnungen mit Einheimischen und deren, trotz Armut, fast unglaublicher Großzügigkeit, von gemeinsamen Fahrten mit anderen Motorradreisenden, die zu tiefen Freundschaften und Liebe führen. Auch komische Situationen kommen nicht zu kurz; in Nepal z.B. verfängt sich Leas Kleid im Hinterrad des Motorrades und sie sitzt plötzlich, von umherstehenden Straßenarbeitern höchst erstaunt betrachtet, nackt auf der Maschine.

Als junge Frau auf einem Motorrad, allein rund um die Welt, erlebt sie nicht nur schöne und erfreuliche Dinge; oftmals gilt es auch, dramatische Vorkommnisse zu bewältigen und kritische Perioden durchzustehen: z.B. einen Sturz mit Gehirnerschütterung, Lebensmittelvergiftung, Durchfallerkrankungen, eine gefährliche Augenverbrennung. Die Autorin berichtet dabei von schweren Stunden tiefster Niedergeschlagenheit, von Depressionen und Tränenausbrüchen; die Offenheit ihrer Erzählungen berührt den Leser und zieht ihn mitten ins Geschehen.

Lea Rieck versteht es, einfühlsam zu erzählen und Spannung aufzubauen; immer wieder stellt sie kritische Fragen an die Welt, an sich selbst und indirekt auch an ihre Leser, die zum Nachdenken anregen und nicht leicht zu gebende Antworten suchen. Einschübe mit Reflexionen zur eigenen Jugend als Leistungsschwimmerin in München sowie Gedanken zum liebevollen Aufwachsen in ihrer Familie, zum Werdegang der Eltern, zu Prägungserfahrungen durch den 8 Jahre älteren Bruder, erleichtern das Verständnis ihrer Intentionen und Herangehensweisen.

Die Inhaltsfülle des Buches lässt sich in gebotener Kürze nicht abbilden, einige Zitate der Autorin verdeutlichen ihr Denken und Fühlen:

  • Zur oftmals zu hörenden Phrase, Abenteuerreisende suchen sich selbst:
    Man kann auch einfach losziehen um des Losziehens willen und nicht, weil man etwas sucht. So ist es bei mir. Ich reise, weil ich Lust darauf habe. Weil ich mich als Reisende lebendig fühle“ (S. 150/151).
  • Zu allgegenwärtigen Werbeaufschriften:
    …„(so) kommt mir die Welt gleich weniger abenteuerlich vor: Überall wo ich hinfahre, war Coca-Cola schon lange“ (S. 170).
  • In einem Luxushotel in Bangkok:
    „Nicht Bangkok berührt mich, verändert mich und macht mich glücklich, sondern der Weg hierhin“.

    Luxus ist, „dass ich Zeit habe, die ich mit den Dingen füllen kann, die ich möchte. Dass ich einen Pass besitze, mit dem ich fast in jedes Land reisen kann. Dass ich leben kann, wo ich will und wie ich will. Und lieben kann, wen ich will“ (S. 177).

  • Unter einem Foto, auf dem das Motorrad im Schlamm liegt und viele Menschen sie umringen:
    „Platte Reifen, Stürze im Schlamm, zerrissene Kleider und andere Mißgeschicke – je schlechter die Straßen und je größer mein Pech, desto freundlicher die Menschen in Indien und Nepal (S. 192).
  • Nach der Begegnung mit einem kleinen Mädchen in Panama, das zur Retterin aus einer gefährlichen Situation (Überfall) wurde:
    „Ich habe erst auf dieser Reise zu verstehen begonnen, was es wirklich bedeutet, den Ernst des Lebens kennenzulernen – und wie glücklich wir uns schätzen können, wenn wir ihm nie begegnen müssen“.
  • Auf die Feststellung eines Bekannten „…du bist jetzt sicher eine andere als vorher“:
    „Bin ich das? Ich habe Freundschaften geschlossen mit Menschen, die eine gemeinsame Sprache sprechen – und zum ersten Mal auch mit Menschen, die das nicht taten. Ich bin gestürzt, habe mich verletzt, bin wieder aufgestanden. Ich habe gezweifelt, vertraut, gelernt. Ich habe geliebt, geweint, alles Glück der Erde gesehen und ihr Leid. Ich bin krank gewesen, aber die meiste Zeit gesund. Ich habe mir helfen lassen und mir selbst geholfen. Ich bin älter geworden, habe Falten vom Wind und der Sonne… Mein Herz ist jünger, verspielter, leichter geworden. Ich bin lebendig“ (S. 358).

    „Ich bin noch dieselbe, aber mein Blick hat sich geändert. Das Fremde ist zum Vertrauten geworden – und auf das Vertraute habe ich einen neuen Blick gewonnen“ (S. 359).

Sag dem Abenteuer, ich komme“ ist ein Buch, das alle Kriterien des Genres „Abenteuerliteratur“ in höchstem Maße erfüllt und darüber hinaus wache Blicke nach außen, kritische Innenschau und kluge Lebensbilanz bietet. Obwohl die Autorin die Platitüde einer „Reise zu sich selbst“ ablehnt, gewinnt man als Leser den Eindruck, dass auch solche Erfahrungen gewonnen wurden. Texte voll Heiterkeit, Empathie und Poesie, zeitweise auch voll Melancholie und Trauer, beschreiben Situationen des Loslassens und Wiederfindens – als Ergebnis eines großen Abenteuers, das das eigene Leben prägt und fremdes besser verstehen läßt. Zahlreiche aussagekräftige Fotos erweitern die Freude am Lesen!

 

 Lea Rieck: Sag dem Abenteuer, ich komme

© Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln, 2019, ISBN 978-3-462-05224-4, 374 Seiten.

 

Gerfried Pongratz 3/2019

 




Ben Rhodes: „IM WEISSEN HAUS – Die Jahre mit Barack Obama“

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Rezension von Gerfried Pongratz:

Im Mai 2007 erreicht den 29jährigen schreib- und redebegabten „Master of Creative Writing“ Ben Rhodes das Angebot, in Barack Obamas Wahlkampfteam als Redenschreiber anzuheuern. Und damit beginnt für den ambitionierten jungen Mann ein intellektuelles und persönliches Abenteuer, das ihn ins Zentrum der US-Macht katapultiert, in komplexe politische Vorgänge und schwierigste Entscheidungsfindungen einbindet und ihm später als Sicherheitsberater sowie engem Mitarbeiter und Vertrauten von Barack Obama hohe Verantwortung überträgt.

Kaum ein anderer kann die Welt so sehr mit meinen Augen sehen wie Ben…“ (Barack Obama).

Acht Jahre sah und erlebte Ben Rhodes in Spitzenpositionen hautnah mit, wie nationale und internationale US-Politik funktioniert und was in Obamas Präsidentschaft gut gelang, oder katastrophal misslang. Das Buch bietet tiefe Einblicke in die administrativen Vorgänge hinter den Kulissen und in die Abläufe politischer und wirtschaftlicher Prozesse der Regierungsarbeit; es vermittelt Insider-Hintergrundwissen und verdeutlicht dabei auch die Grenzen der Machbarkeit im politischen Geschehen.

Ein Buch, das anregt, aufregt und gleichzeitig deprimiert. Es beschreibt, wie ein hochintelligenter, charismatischer junger Präsident, auf dem die Hoffnungen der Welt ruhen, aus „Sachzwängen“ sein Ziel, eine gerechtere, friedvollere Welt zu ermöglichen, immer mehr aus den Augen verliert. Den Großteil seiner Zeit muss er damit verbringen, unzählige Blockaden und Hindernisse zu überwinden, täglich neu auftretende politische und/oder wirtschaftliche Krisen zu meistern und dabei Entscheidungen treffen, die seiner politischen Agenda entgegenstehen und seinem Naturell widerstreben. Die Notwendigkeit, verschiedenste gleichzeitig ablaufende Vorgänge im Auge zu behalten, dazu auch immer wieder auftauchende Absurditäten des politischen Alltags zu bewältigen und die häufige Erfordernis, Maßnahmen mit oftmals dramatischen Auswirkungen kurzfristig in die Wege zu leiten, führen zu ungeheurem Druck, der ständig auf dem Präsidenten und seinen engsten Mitarbeitern lastet – Ben Rhodes Bericht lässt ihn einfühlsam erahnen.

Barack Obamas Präsidentschaft war von Anfang an damit belastet, bzw. beschäftigt, den innen- und außenpolitischen Scherbenhaufen seines Vorgängers George W. Bush aufzuräumen, auf „ererbte“ Krisen und Fehlentwicklungen (Irak, Afghanistan, al-Qaida, IS etc.) angemessen zu reagieren und gleichzeitig auch die 2008 ausgebrochene globale Wirtschaftskrise zu bewältigen. Das Buch bietet ein buntes Kaleidoskop aller bedeutsamen Vorgänge in Obamas Regierungszeit. Es gliedert sich in vier große Teile, die markante Abschnitte der beiden Amtsperioden Obamas beschreiben und dabei auch die zahlreichen Widersprüchlichkeiten, Fehlentscheidungen, Versäumnisse und Fehlschläge nicht ausklammern. Oft ging es nur darum, Fehlentwicklungen zu beenden, Schäden zu begrenzen, wobei von Obama geplante, großangelegte Reformen von der Opposition und diversen Medien mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln (Intrige, Häme, Verleumdung, Unwahrheiten) wütend bekämpft, bzw. – siehe Gesundheitsreform – behindert wurden.

Zusätzlich zum politischen Geschehen vermittelt das Buch gute Einblicke in die Werkstatt von Redenschreibern, speziell in die Arbeit von Ben Rhodes. Große, wichtige Reden werden über Monate vorbereitet und erfordern ausgedehnte Recherchen sowie komplizierte Feinabstimmungen mit verschiedenen politischen Institutionen und politischen Akteuren; jedes Wort muss auf implizite Inhalte und mögliche Fehlinterpretationen geprüft werden. Ben Rhodes verfasste nahezu alle großen Reden Obamas; sie wurden im Ausland überwiegend positiv bis begeistert aufgenommen, zu Hause aber scharf kritisiert und negativ bewertet. Obamas Regierungszeit war davon gekennzeichnet, dass ihm von Anfang an eine gnadenlose, extrem gehässige Opposition gegenüberstand, die auch nicht davor zurückschreckte, ihn mit Hilfe feindlich gesinnter Massenmedien (z.B. Fox News) persönlich zu diffamieren, zu verleumden („er ist kein Amerikaner“) und als entscheidungsunfähig darzustellen. Gleichzeitig unternahm sie alles erdenkbar Mögliche, seine Pläne und Vorhaben mit populistischer Propaganda zu verunglimpfen und mittels juristischer und politischer Blockaden zu verhindern, bzw. zu verzögern.

Ben Rhodes, der darunter litt, Monate fern seiner Familie leben und ständig – rund um die Uhr – erreichbar sein zu müssen, wurde nach und nach ebenfalls zur Zielscheibe oppositioneller Angriffe und bösartiger Unterstellungen. Als „Obamas Schmierfink“ und „Lügenverbreiter“ wurde er in Hasskampagnen attackiert und in absurde Verschwörungstheorien mit einbezogen, was den Verlust von Lebensfreude zur Folge hatte und negative persönliche Veränderungen auslöste („Ich zog mich in mich selbst zurück, entfernte mich von Freunden und Kollegen… konnte nicht einschlafen… trug tiefen Groll mit mir herum…“ S. 334). Er dachte mehrmals daran, den Job zu quittieren; nur das Vertrauen Obamas („Sie sind nicht nur ein Berater, Sie sind ein Freund“ S. 273) und die stark empfundene Verpflichtung, ihm, und damit auch dem Land zu dienen, ließen ihn ausharren und selbstausbeuterisch weiterarbeiten.

Es würde den Umfang dieser Besprechung bei weitem sprengen, auch nur ansatzweise alle im Buch beschriebenen Vorgänge in und um Obamas Regierungszeit darzustellen. Der auf Obama ständig ausgeübte Druck von Partnern und Verbündeten, in diverse Krisen militärisch einzugreifen und die von ihm selbst gefühlte Verpflichtung, kriegerischen Entwicklungen, bis hin zur Verhinderung von Genoziden, militärisch zu begegnen, bestimmten seine außenpolitische Agenda. Die dabei erlittenen Niederlagen sowie auch die zahlreichen vergeblichen Versuche, Eskalationen (z.B. in Syrien) zu befrieden und militärische Einsätze zu vermeiden, bzw. zu beenden, führten zu großen persönlichen Enttäuschungen (und negativen Reaktionen der Bevölkerung), die seine Amtszeit mehr und mehr überschatteten (und ihn einsam werden ließen) – von vielen politischen Beobachtern, in vielen Kommentaren und Beurteilungen, wird die Regierungszeit Obamas, gemessen an seinen Ankündigungen und Vorhaben, zwiespältig bis negativ gesehen. (Anmerkung des Rezensenten: Im Hinblick auf das Agieren seines Nachfolgers könnte er aber als „Lichtgestalt“ gelten).

Das Buch liest sich flüssig, auch unterhaltsam. Die Beschreibung bedeutsamer Begebenheiten und dramatischer Vorfälle, aber auch von kritischen Reflexionen zur eigenen Rolle im oft desillusionierenden Geschehen besitzt literarisches Niveau. Leider verliert sich der Text manchmal in Details und Nebenschauplätze, eine deutliche Kürzung und Beschränkung auf die allerwichtigsten Ereignisse und Akteure hätte ihm gut getan. Trotz dieses Vorbehalts bietet das Buch zeitgeschichtlich und politikwissenschaftlich Interessierten sehr informative Lektüre mit einer großen Fülle an Einsichten, Hintergrundinformationen und einem – aus „Obama naher“ Sicht – spannenden Blick auf die Welt.

 

Ben Rhodes: „IM WEISSEN HAUS – Die Jahre mit Barack Obama“

© Verlag C.H.Beck, München, 2019, ISBN 978-3-406-73507-3, 576 Seiten.

 

Dr. Gerfried Pongratz 2/2019




Die drei Betrüger – Roman von Ursula Janßen

Die drei BetrügerKurzbesprechung:
 
Der historische Roman „Die drei Betrüger“ von Ursula Janßen handelt von der Geschichte des atheistischen „Traktats von den drei Betrügern“. Viel wurde über dieses legendäre Werk spekuliert; seit dem 13. Jahrhundert suchten Gelehrte in ganz Europa danach. Es gab kaum einen Freidenker des Mittelalters oder der Renaissance, dem die Autorenschaft nicht zugeschrieben wurde. Über den Inhalt war nur soviel bekannt, dass es die drei Begründer der monotheistischen Religionen – Moses, Jesus und Mohammed – als Betrüger bezeichnete. 
Der Roman ist auf zwei Ebenen angelegt: Die Rahmenhandlung spielt im Hamburg des späten 17. Jahrhunderts und spiegelt den Konflikt zwischen radikalem Beharren am vermeintlich Alten und der Frühaufklärung wider.
 
Die Haupthandlung findet etwa vierzig Jahre zuvor statt und handelt von der Suche nach dem legendären Manuskript, die den den jungen Gelehrten Hieronymus Bender am Ende des Dreißigjährigen Kriegs quer durch Europa führt. Bender, der seine Bildung selber dem Jesuitenorden verdankt, kommt im Laufe seiner Forschungsreise vermehrt mit religionskritischen Schriften und Gedanken in Kontakt, gleichzeitig erfährt er die Auswirkungen des Dreißigjährigen Kriegs am eigenen Leibe und zweifelt immer mehr an dem, was er bisher als selbstverständlich angesehen hatte. Er trifft auf eine Anzahl berühmter Persönlichkeiten seiner Zeit, die alle ebenfalls ein Interesse an dem Buch zu haben scheinen und von denen einige offenbar nicht vor Raub und Plünderung zurückschrecken, um an das geheimnisvolle Buch zu gelangen. Schließlich laufen alle Fäden in Rom zusammen, das von Korruption und Machtspielen zerrissen wird.
 
 
"Die drei Betrüger“ ist ein spannender und solide recherchierter Roman voller authentischer Fakten und ein Kuriositätenkabinett illustrer historischer Persönlichkeiten. 
 
 
„Die drei Betrüger" hat 245 Seiten und ist als Taschenbuch oder EBook erhältlich.



Josef Schiller: Deutschböhmischer Arbeiter und Freidenker

Schiller SeffWeimar. (fgw) Der humanistische Freidenker und Verleger Heiner Jestrabek hat erneut eine leider zu Unrecht vergessene Persönlichkeit wiederentdeckt und stellt diese – es handelt sich um den deutschböhmischen proletarischen Freigeist, Dichter und Aktiven der jungen Sozialdemokratie Österreichs Josef Schiller – in einer bemerkenswerten Publikation vor.

Josef Schiller, genannt Schiller Seff, wurde am 29. Juni 1846 in Reichenberg/Liberec als Sohn armer Weber geboren und starb in der Emigration am 17. August 1897 in den USA – im Städtchen Germany (!), Pennsylvania.

Bereits als Kind mußte er nach dem frühen Tod des Vaters seinen Lebensunterhalt selbst als Fabrikarbeiter verdienen. Schiller, der erst im Alter von zwölf Jahren Lesen und Schreiben lernte, begann aber bereits mit 18 zu dichten. Und – früh politisch engagiert – wurde er bald zum beliebtesten Redner von Arbeiterversammlungen in Reichenberg und Umgebung. 1868/69 wurde Schiller Anhänger der ersten sozialdemokratischen Organisationen in Böhmen und trug hier eigene Gedichte vor. Fortan engagierte er sich neben seinem Broterwerb bzw. in Zeiten der Arbeitslosigkeit als politischer Agitator, Organisator und Journalist.

Diese künstlerische und politische Entwicklung beschreibt Jestrabek in der Einleitung der Schiller würdigenden Publikation sehr anschaulich. Man staunt noch heute, welche Talente in diesem Arbeiterjungen gesteckt haben müssen. Jestrabek hebt zusammenfassend u.a. dies hervor:

„Er wurde [ab 1879/80; SRK] zum populärsten Arbeiterdichter seiner Zeit, geriet aber zunehmend in Widerspruch zur Parteibürokratie und ständige Querelen mit der Parteiführung blieben nicht aus. In dieser Zeit gab er auch seinen ersten Gedichtband im Selbstverlag heraus." (S. 8 )

 „Im Jahr 1890 erfolgte die Gründung des „Freigeist", dem Organ der nordböhmischen Arbeiterbewegung. Dieses Blatt wurde u.a. von Schiller herausgegeben. (…) 1896, nach einem offenen Konflikt mit der Parteiführung, blieb dem mittellosen Schiller nur noch die Möglichkeit der Auswanderung in die USA und der Versuch, dort eine neue Existenz aufzubauen. (…)

 

Josef Schiller gestaltete seine Dichtung ohne sich auf fundierte Bildung stützen zu können und nach langer kräftezehrender harter körperlicher Arbeit und langen Arbeitstagen. Sein Publikum, das einfache Volk dieser Zeit, war ebenfalls schlecht ernährt und gebildet, früh gewohnt an harte körperliche Arbeit und lange Arbeitstage, ohne hohe Lebenserwartung und Reizüberflutung.

Seine äußerst populären Gedichte waren aufrüttelnd-kämpferisch, mit kraftvoller Sprache und teilweise mit balladenhaften Zügen. Sie schilderten das Elend des Arbeiterlebens in realistischen Bildern.

Schwermütige Gedichte voll Todessehnsucht wechselten ab mit kräftig derbem Humor. Schiller trug seine Dichtungen selbst vor und bereiste damit die deutschsprachigen Gebiete Böhmens. (…)

Als Sozialist war Schiller wahrhaft libertär und blieb immer der radikale ehrliche Proletarier. Kein Funktionärsposten oder Parlamentssitz konnte ihn korrumpieren. Diese Parteibürokraten, die nicht mehr „für die Bewegung", sondern „von der Bewegung" lebten, waren für ihn ein rotes Tuch.

Er geißelte sie schonungslos schon in seinen politischen Polemiken in „Der Radikale", aber noch wirkungsvoller in seinen Satiren." (S. 8-11)

Für Jestrabek ist aber auch diese Seite Schillers von besonderer Bedeutung:

Die frühe sozialistische Arbeiterbewegung war noch selbstverständlich verbunden mit der Freidenkerbewegung und der Religions- und Kirchenkritik: „Als Freidenker kämpfte er mit seinen philosophischen Gedichten und seinen Satiren gegen den volksverdummenden Klerus." (S. 11)

Das zeigt sich vor allem in den Gedichten „Der Konfessionslose" (1870), „Die Buße" (1872), „Die Christnacht", „Der Geist der Geschichte" und „Der Kampf der Wahrheit mit Lüge und Unverstand" (alle 1880) sowie „Weihnachtsabend" (1873) wie auch im Festspiel „Selbstbefreiung" (ebenfalls 1883).

Jestrabek stellt diese Gedichte, dazu etliche Gedichte über das harte Arbeiterleben, aber auch autobiographische Texte und politische Zeitungsartikel im Wortlaut vor. Und damit erleben Schillers Werke nach genau 80 Jahren eine Neuauflage.

Zum besseren Verständnis Schillers wie auch der seinerzeitigen Verhältnisse in der Monarchie Österreich-Ungarn, insbesondere im tschechischen Landesteil (Böhmen), hat Jestrabek noch ein ausführliches Nachwort „Zum deutsch-tschechischen Verhältnis" verfaßt. Böhmen und die 1918 gegründete Tschechoslowakische Republik (CSR) waren Vielvölkerstaaten. Bis zum Ende des II. Weltkrieges lebten dort auch etwa drei Millionen Deutsche.

Der Autor beleuchtet die verschiedenen Aspekte des nicht immer friedlichen Zusammenlebens: tschechischer Nationalismus, deutsch-nationaler („sudetendeutscher") Chauvinismus, klerikale Destabilisierungspolitik (insbesondere in der Slowakei), Münchner Diktat, deutsche Okkupation, antifaschistischer Widerstandskampf, die von den Alliierten beschlossene Aussiedlung der Deutschen nach 1945, die aber zu oft in wilde, inhumane Vertreibungen ausartete, bis heute lebender sudetendeutscher Vetriebenen-Revanchismus, aber auch die deutsch-tschechische Aussöhnung.

Für die sogenannte Zwischenkriegszeit führt Jestrabek hierzulande wenig Bekanntes an, das aber für heutige religionsfreie Menschen durchaus von großem Interesse sein dürfte:

Er beginnt diesen Abschnitt mit der Wiedergabe der „Unabhängigkeitserklärung des tschechoslowakischen Volkes" vom 18. Oktober 1918, in der es bereits ganz weit vorne heißt: „Die Kirche wird vom Staate getrennt werden." Im weiteren führt er dazu in der vorliegenden Publikation im Abschnitt „Freidenkerbewegung" aus:

 „…erlebte die Freidenkerbewegung in der Tschechoslowakischen Republik einen ungeheuren Aufschwung. In den Jahren der ersten Republik 1918-1938 traten fast 1,5 Millionen Katholiken aus der Kirche aus, darunter jeder zweite tschechische Lehrer.

Schon in Zeiten der Donaumonarchie hatte seit 1887 ein Verein der Konfessionslosen bestanden, der seit 1899 das Blatt „Der Freidenker" herausgab. In Nordböhmen unterstützten Sozialdemokraten wie Ferdinand Schwarz und Josef Schiller eifrig das Freidenkertum. 1893 gründete sich in Reichenberg ein Verein der Freidenker mit dem Obmann Josef Beranek, der die Monatsschrift „Zeitschwingen" herausgab.

1906 gründete sich in Gablonz/Jablonec ein Freidenkerbund für Böhmen. Julius Reckziegel und Emil Schöler, bekannte Männer der Arbeiterbewegung, waren die Initiatoren. Im Jahr 1914 waren es die Freidenker in Böhmen, die kompromisslos gegen den imperialistischen Krieg auftraten und deshalb von den k.u.k.-Behörden verboten wurden.

In der neu entstandenen CSR wurde wiederum 1919 in Gablonz/Jablonec die Gründung des Freidenkerbundes für die Tschechoslowakische Republik und die Herausgabe des Organs „Freier Gedanke" beschlossen. Prag wurde zum Sitz des Bundes und Prof. Ludwig Wahrmund (1860-1932) zum ersten Obmann gewählt.

Durch starken Einfluss der sozialistischen Arbeiterbewegung entstand 1923 der Bund proletarischer Freidenker und der Anstoß zur Gründung der Internationale proletarischer Freidenker in Teplitz/Teplice zu Pfingsten 1925, deren erster Vorsitzender Prof. Theodor Hartwig (1872-1954) aus Brno wurde. Im tschechischsprachigen Teil der CSR bestand der mitgliederstarke Verband der Konfessionslosen/Svaz proletarskych bezvercu." (S. 160-61)

Heiner Jestrabeks Fazit lautet:

 „Die Turbulenzen im Verhältnis unserer Nachbarvölker und die Katastrophen, verursacht aus blindem Nationalismus, lassen nur die Lehre zu: Es darf nie wieder Nationalismus, Rassismus, Faschismus und Krieg geben. Gewaltverzicht, Absage an Revanchismus, dafür Völkerverständigung und friedliches Zusammenleben muss das Ziel aller sein. Gerade die böhmischen Literaten gaben hierfür ein gutes Beispiel der gegenseitigen Befruchtung. Die Politik hat für die Rahmenbedingungen zu sorgen: Soziale Gerechtigkeit und Laizismus sind unabdingbar." (S. 167-168)

 

Siegfried R. Krebs

Heiner Jestrabek (Hrsg.): Schiller Seff. Gedichte und Texte von Josef Schiller, nordböhmischer Arbeiterdichter, Freidenker und libertärer Sozialist. Mit einem Nachwort „Zum deutsch-tschechischen Verhältnis". 174 S. mit Abb. Klappenbroschur. edition Spinoza im Verlag freiheitsbaum. Reutlingen und Heidenheim 2018. 14,00 Euro. ISBN 978-3-922589-70-9

Bestellungen können direkt beim Verlag per eMail ed.spinoza(at)-online.de erfolgen.

25.12.2018
Von: Siegfried R. Krebs

http://www.freigeist-weimar.de/beitragsanzeige/josef-schiller-deutschboehmischer-arbeiter-und-freidenker/




Warum ein Atheist den Bau einer Kirche aus Holz verfügte –Rezension von Siegfried R. Krebs

Nördlich desWEIMAR. (fgw) Arto Paasilinna (geb. 1942) gilt in seiner finnischen Heimat als Kultautor. Dem Rezensenten sagte dieser Name aber bis zum Jahreswechsel 2018/2019 nichts. Nur durch Zufall stieß er da auf seinen Roman „Nördlich des Weltuntergangs“.

Dieser Roman wurde bereits im Jahre 1992 geschrieben und erstmals 2003 ins Deutsche übersetzt. Und das ist durchaus bemerkenswert, denn in Paasilinnas Buch spielen eine globale Finanzkrise sowie eine millionenfache Flüchtlingswelle nach Mittel- und Nordeuropa eine nicht unwesentliche Rolle. Fast könnte man meinen, der Autor sei ein Hellseher, hat er doch – wenngleich mit anderen Fakten – Ereignisse zwischen 2007/2008 und 2015 bis heute „vorhergesagt".

Doch nicht um diese Thematik soll es hier gehen. Nein, hat doch Paasilinna seinem in jeder Hinsicht lesenswerten Roman vielmehr ein ganz anderes Thema zugrunde gelegt! Nur darauf soll im weiteren eingegangen werden, handelt es sich dabei um ein gar köstliches Beispiel von Kirchen- und Religionskritik voller eigenwilliger, skurriler Witzigkeit.

Und das alles beginnt anno 1991 so: Ein gewisser Asser Toropainen, der mit seinen 89 Jahren als „der alte Kirchenbrandstifter", Atheist und „eingefleischter Kommunist" vorgestellt wird, liegt im Sterben. Seine weibliche Verwandtschaft im lutherisch geprägten Finnland möchte, daß er des Seelenheils willen vor dem Ableben noch einem Geistlichen seine Sünden bekennt… Aber der alte Mann fügt sich nicht und erweist sich selbst in seinen letzten Lebenstagen als wahres Schlitzohr:

„'Kommt mir bloß nicht mit einem salbadernden Priester…, aber schafft einen Notar her. Das Testament muß ins Reine gebracht werden.' Der Notar wurde geholt, das Testament auf den letzten Stand gebracht und gleichzeitig die Asser-Toropainen-Kirchenstiftung gegründet." (S. 8 )

Diese Passage sorgt zunächst für Verblüffung beim Leser. Denn ist es nicht paradox, daß ausgerechnet ein Atheist und Kommunist zum Gründer einer Kirchenstiftung wird? Und es kommt noch paradoxer, denn besagter Toropainen ist überdies sogar Millionär mit hohem Bankkonto und relativ großem Grundbesitz… Doch gemach, der alte Mann wußte, was er tat… Es stellt sich schon bald heraus, daß er klaren Verstandes bis zuletzt auch ein strategischer Denker ist.

Im Text geht es so weiter:

„Der Karfreitag brach an. (…) Im Radio wurde der Gottesdienst übertragen. Der Priester fand harte Worte für den gewaltsamen Tod Jesu vor zweitausend Jahren, sodaß der Eindruck entstand, die Finnen wären schuld an der besagten Gräueltat. Asser befahl den Frauen, das Radio auszuschalten. (…) Gegen Mittag trat sein höchst lebendiger Enkel Eemeli Toropainen in die Stube, ein kräftiger Mann von 45 Jahren, ehemals Direktor der Nordischen Holz-Haus AG." (S. 9)

Man erfährt, daß dieses mittelgroße Unternehmen wegen der Rezession in Konkurs gegangen war und daß sämtliche Angestellten nun arbeitslos seien. Eemelis erste Worte an den Großvater sorgten sich aber nicht um dessen körperliches Befinden, sondern um dessen geistiges befinden:

„'Der Notar erzählte, daß du eine kirchliche Stiftung gegründet hast. Bist du auf einmal fromm geworden, oder was ist passiert?', fragte Eemeli.

(…Asser gibt nun seinem Enkel die notariell beglaubigten Papiere zu lesen…)

Es handelte sich um die ordnungsgemäß aufgesetzte Gründungsurkunde einer Stiftung und ein Testament, in dem der Stiftung 800 Hektar Forst-Land und gut zwei Millionen Finnmark Vermögen vermacht wurden sowie Wertpapiere von etwa einer Million. (…) Aus der Zweckbestimmung der Stiftung ging hervor, daß diese die Aufgabe hatte, mindestens eine (1) Holzkirche zu erbauen und zu unterhalten." (S. 10)

Und daß Asser seinen Enkel als Stiftungsvorsitzenden und Testamentsvollstrecker eingesetzt habe. Eemeli kam ins Grübeln:

„Die angebotene Aufgabe reizte ihn, gar keine Frage. Aber was steckte dahinter? War der Alte senil, der frühere Kirchenfeind fromm gworden? (…) Der Großvater wurde ein wenig verlegen. Noch nie hatte jemand an seinem Verstand gezweifelt. (…) Er glaube zwar nicht an Gott und Jesus Christus, aber irgendwie scheine es ihm angemessen, eine Kirche errichten zu lassen. Aus reinem Jux habe er sich die Sache ausgedacht.

'Sozusagen zur Erinnerung. Und du als Fachmann für Holz und Balken kriegst zur Abwechslung mal wieder Arbeit.'

Asser führte weiter aus, daß seines Wissens für ein derartiges Bauvorhaben keine allgemeine oder offizielle Begründung notwendig sei. (…) Wenn er im Dorf eine Furnierholzfabrik errichten ließe, würde sie vermutlich bald nach seinem Tod Pleite machen. Was hätte das für eine Zweck? 'Eine Kirche aber macht nicht Pleite!' – 'Aber wenn jemand kommt und deine Kirche in Brand steckt?' – 'Dann kannst du nichts machen. Du kassierst die Versicherungssumme und baust eine neue.' (…)

Der Großvater verwies auf die Gründungsurkunde der Stiftung. (…) Eine Kirchgemeinde zu gründen, war nicht unbedingt erforderlich. Was den Pastor anging, war überhaupt nichts erwähnt. Der bloße Kirchenbau genügte." (S. 11-13)

Kurz nach diesem Gespräch verstirbt der alte Asser und Eemeli macht sich an die Arbeit, des Großvaters Vermächtnis mit Leben zu erfüllen. Auf dem ererbten Grundstück wird eine Holzkirche nach Eemelis Entwürfen errichtet und seine früheren Mitarbeiter haben damit ebenfalls für längere Zeit Arbeit und Einkommen.

Während des Baugeschehens kommt es immer wieder zu Begegnungen der besonderen Art, sind doch die etablierten lutherischen Bischöfe und Pastoren keinesfalls erfreut über diesen ketzerischen Kirchenbau. Ihnen wäre es lieber, Assers großer Nachlaß käme in ihre Verfügungsgewalt. Zumal sie ja viel besser wüßten, wie man die Gelder „anlegen" könnte… Der Klerus arbeitet ab nun mit allen Tricks gegen das Stiftungsprojekt und schaltet dabei staatliche Behörden, wie Bauausschüsse, das Finanzamt und die Polizei, ein.

Mit dem Projekt können sich aber dagegen die Grünen (Vegetarier und Veganer) anfreunden, die sich auf Stiftungsgrundstücken niederlassen und dort schließlich auch bleiben dürfen. Sie bekommen aber – als weltfremde Sektierer anderer Art – vom Autor dankenswerterweise ebenso ihr Fett weg wie die Priesterkaste. Es sind auch gerade die diesbezüglichen Passagen, die nicht nur zum Schmunzeln, sondern mehr noch zum Nachdenken anregen.

Die Handlung des Romans zieht sich im folgenden über einen Zeitraum von mehr als einem Vierteljahrhundert hin. Erfolge und Widrigkeiten paaren sich steter Regelmäßigkeit. Bis hin zur Groteske, wollen doch nicht nur die Amtskirche, sondern dazu diverse Sekten und sogar US-amerikanische Heuschreckenfonds/Organhändler das Projekt kapern und für ihre Zwecke umfunktionieren. Solche Angriffe von außen können aber abgewehrt werde, auch wenn diese Typen Eemeli für einige Jahre in ein dänisches Geefängnis stecken können. In Finnland selbst müssen und können sich aber aufgrund globaler Ereignisse alle Seiten irgendwie miteinander arrangieren und ein mehr oder weniger autarkes sselbstbestimmtes „Paradies" aufbauen, das sogar dem Weltuntergang zu widerstehen vermag…

Paasilinnas Roman liest sich von der ersten bis zur letzten Seite nicht nur spannend und zugleich amüsant. Eingebettet in das große Ganze sind gekonnt auch diverse Einzelschicksale. Humor und Satire, dazu Groteskes und Absurdes sowie Gesellschaftskritik, einschließlich der Kirchenkritik, sind hier eine gute Liaison eingegangen.

Siegfried R. Krebs

Arto Paasilinna: Nördlich des Weltuntergangs. Roman. A.d.Finn.v. Regine Pirschel. 318 S. Taschenbuch. BLT u. editionLübbe. Bergisch Gladbach 2005. 7,95 Euro. ISBN 978-3-404-92192-5

Rezension erschien hier am 16. Februar 2019: http://www.freigeist-weimar.de/beitragsanzeige/warum-ein-atheist-den-bau-einer-kirche-aus-holz-verfuegte/