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Barmherzigkeit und Nächstenliebe

Ohne Sarkasmus

Am 24. November 2017 kam es in Ägypten, im Norden des Sinai, zu einem Massaker, bei dem laut Medienberichten mehr als 300 Menschen ermordet wurden.
Ein paar Leute hatten geglaubt, dass andere nicht richtig glauben, und fühlten sich berufen, sie deshalb zu ermorden.
Absurd !

Ebenso absurd erscheint mir die Reaktion der Ägyptischen Regierung, die mit Racheakten auf den Terroranschlag reagierte, statt z.B. die sozialen Ursachen in den Blick zu nehmen – und damit vermutlich nur weiteren Hass und Rachegelüste schürt, was zu weiterem Terror führen dürfte, auf den die Ägyptische Regierung dann mit Racheaktionen reagieren wird …
Absurd !

„Karl Marx hielt die Religion für das ‚Opium des Volkes‘.
Heute wissen wir:
Sie sind weniger ein Beruhigungsmittel, um die Härten des Lebens zu ertragen, sondern das Aufputschmittel der Völker — bestens geeignet, die Menschen gegeneinander aufzuhetzen.“
(Robert Misik: Gott behüte!)

Weitere Einschätzungen:
Ägyptens Regierung ignoriert die Ursachen des Terrors
Ägyptens Luftwaffe attackiert Terroristen

Ergänzung:

„… Das ist das eigentliche Problem in Ägypten: Diese Regierung schafft mit Massenverhaftungen und Folter die Bedingungen, die neue Terroristen hervorbringen.“
Andrea Böhm im Gespräch mit Mohamed Lotfy

Anmerkung:
Glaubenseifer ist in der Menschheitsgeschichte nichts Ungewöhnliches. Andrea Böhm berichtet in ihrem Logbuch am 26. November 2017 «Im Tal der Heiligen – eine Wanderung durch das Wadi Qadisha» unter dem Stichwort „Christen gegen Christen“

Ein frühes Schisma hat sich hier an der Levante abgespielt. „Die eine Seite meinte, Jesus habe einfach so ….“ – Georges schnalzt mit den Fingern – „… Gottes Willen verkörpert. Andere glaubten, Jesus habe zwei Naturen gehabt, eine göttliche und eine menschliche und …“ – jetzt schlägt er mit der Faust in die Handfläche – …“schon gingen sie sich gegenseitig an die Gurgel.“

Zitat einer unbekannten Autorin:

Sobald Menschen anfangen, ihre außerhalb rationaler Erkenntnis befindlichen Glaubenssätze absolut zu setzen und auch noch mit Strafnormen zu versehen, wird es gefährlich.

~ ~ ~

Schlussbemerkung:
In den Religionen ist viel von Barmherzigkeit, von Toleranz und von Nächstenliebe die Rede.
In unserer Verfassung, dem Grundgesetz, kommen diese Begriffe m.W. nicht vor.
Dennoch – oder gerade deshalb – klappt es damit hier oft besser als in den Religionen und Glaubensrichtungen untereinander.

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Beitragsbild (Symbolbild): The Ummayad Mosque also known as the Grand Mosque of Damascus (wikimedia)
Author: jamesdale10


Eckhardt Kiwitt
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Nur Kindgerechtes ?

„Antimuslimischer Rassismus“ von ungewöhnlicher Art:
Die Namen der Akteure spielen dabei für mich keine Rolle, die Handlungsmuster finde ich maßgeblich

Im April 2021 berichtete Deutschlandfunk Kultur auf seiner Website, dass die „Göttliche Komödie“ neu ins Holländische übersetzt wurde, um sie „freundlicher und zugänglicher“ zu gestalten. Bei dieser Gelegenheit wurde jene Textpassage, in der der Prophet des Islams, Mohammed, sowie dessen Schwiegersohn Ali erwähnt sind, ausgelassen, entfernt, mit der Begründung, dass man „einen Großteil der Leserinnen und Leser“ nicht „unnötigerweise verletzen“ wolle.

Die Göttliche Komödie (Divina Commedia) des italienischen Dichters, Philosophen und Begründers der modernen italienischen Schriftsprache Dante Alighieri (1265-1321) ist eines der Werke zeitloser Weltliteratur. Musiker, Bildhauer, Maler, Literaten und Filmemacher ließen sich durch das Werk inspirieren, es wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt, und Forscher widmeten ihr Abhandlungen. Die Wikipedia schreibt zum Inhalt u.a.:

Personen der antiken, der biblischen und vor allem der mittelalterlichen Geschichte, bekannte und minder bekannte oder manchmal auch (heute) unbekannte, werden hierbei als Individuen mit ihren persönlichen Leidenschaften, Erinnerungen und Verfehlungen oder Verdiensten präsentiert […]

Im 28sten Gesang des ersten Teils der Dichtung, der mit „Die Hölle“ überschrieben ist, werden, neben anderen Figuren, auch der Mohammed und Ali erwähnt:

Dieweil ich auf ihn starrte, ganz entsetzt,
Sah er mich an, rief, mit den Händen beiden
Die Brust aufreißend: «Schau, wie ich zerfetzt!
Schau, welche Wunden Mahomet muß leiden!
Vor mir geht Ali, weinend, von den Braun
Gespalten bis zum Kinn von scharfer Schneiden.
Ein jeder war, dem hier du kannst erschaun,
Sämann von Zwist und Hetzerei im Kleide
Des Fleisches: jetzt drum selber so zerhaun.
Ein Teufel, der uns solches tut zuleide,
Dort hinten steht; wenn wir die Bahn hinwieder
Der Qual umkreist, fällt seines Schwertes Schneide
Aufs neu auf jeden unsrer Rotte nieder;
Denn eh wir wieder ihm vorübergehn,
Sind allemal geheilt die wunden Glieder.
Doch wer bist du? Bleibst ob dem Bogen stehn
Und gaffest? Aufschub hoffst du wohl der Plage,
Die dir auf deine Beichte ausersehn?»

(Übersetzung: Friedrich Freiherr von Falkenhausen (1869-1946))

Mit Blick auf den Inhalt von Dantes „Göttlicher Komödie“ — «Personen der antiken, der biblischen und vor allem der mittelalterlichen Geschichte» — hätte bei der Neuübersetzung (siehe oben) mit gleicher Begründung, dass man also „einen Großteil der Leserinnen und Leser“ nicht „unnötigerweise verletzen“ wolle, jedoch auf viele weitere Textteile verzichtet werden müssen (vergl. auch Mohammed in Bildern, # 13 sowie # 24 bis # 27, sowie den Beitrag Mohammed-Karikaturen in der Wikipedia).

Das Signal der o.a. Textverstümmelung an die islamische Welt und an in Europa lebende Muslime ist aus meiner Sicht: „Liebe Muslime, wir wollen euch solche Textpassagen nicht zumuten, weil wir euch für Unmündige halten. Deshalb bekommt ihr von uns nur eine Übersetzung, die nach unserer Überzeugung für euch kindgerecht aufbereitet ist.“

In der Begriffs- und Wertewelt mancher (politischer) Kreise wird ein solches Vorgehen gelegentlich als „Rassismus“ bezeichnet. Zur Vertiefung: Brief an die Heuchler.

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Beitragsbild oben: Codex Altonensis: Dantes Comedya; Wikipedia; gemeinfrei.


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Afrikanisches Sprichwort

Ohne-Beitragsbild_3zEine Rede von Deeyah Khan

Ohne Kommentierung

Zitat aus der Rede:

If the young are not initiated into the village, they will burn it down just to feel its warmth.
(African Proverb)

„Wenn die Jungen nicht in die Dorfgemeinschaft eingeführt werden, werden sie das Dorf niederbrennen, nur um seine Wärme zu spüren“.
(Afrikanisches Sprichwort)

Den vollständigen Text der auf Englisch gehaltenen Rede will ich auf Anfrage gern übersetzen.


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Argumentationsmuster

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Mit anderen Menschen kontrovers diskutieren,
ohne sich wechselseitig zu beschimpfen, zu beleidigen oder zu diffamieren

Am 5. und 6. September 2020 führte ich via FB einen Meinungsaustausch, den ich hier anonymisiert, ansonsten jedoch unverändert und ungekürzt wiedergebe.

A.H.O. hatte, mglw. in Anlehnung an einen Buchtitel, in einem Beitrag die Frage aufgeworfen «Wem gehört der Islam?»

Ein Diskussionsteilnehmer, dessen Namen ich hier mit M.B. wiedergebe, meinte:

Der Islam gehört den Gottergebenen. Der Prophet sprach: „Nun habe ich euch eure Religion vervollkommnend.“

Eine Diskussionsteilnehmerin, hier E.T. genannt, erwiderte:

Würde ich bestätigen ..
Doch frei nach Goethe : „Wenn Islam Gottergebenheit heißt, dann leben und sterben wir alle im Islam.“
So sind es die abramitschen Religionen, die wie drei Geschwister sind , die stetig darum streiten , wer der bessere von ihnen ist .

Eckhardt Kiwitt:

Aah, Goethe — hat dankenswerterweise auch Voltaire’s «Mahomet» ins Deutsche übersetzt.
Ein denkwürdiger Satz daraus:
„Dem Staate bringt die Furchtsamkeit Verderben“.

A.H.O. an die Adresse von M.B.:

das ist eine koranische Stelle.

M.B.:

Eben, die Antwort liefert der Koran selbst.

Daraus entspann sich ein längerer, kontrovers geführter Meinungsaustausch mit M.B.

Eckhardt Kiwitt:

Und, wie lautet die Antwort, oder an welcher Textstelle im Koran kann man sie nachlesen ?

M.B.:

Sure 5 Vers 3
„Heute habe ich euch eure Religion vollständig gemacht und meine Gnade an euch vollendet und habe daran Gefallen, dass der Islam eure Religion ist.“

Eckhardt Kiwitt:

Einen Satz vorher heißt es in diesem Vers:
„Heute haben die Ungläubigen vor eurem Glauben resigniert; …“
Da werden also Leute, die nicht an das islamische „Gott“ glauben, als „Ungläubige“ diffamiert und beleidigt.
Freundlich ist das nicht, und überzeugen kann es allemal nicht !

M.B.:

Die Kafiroun, also die Mekkaner sind gemeint, die den Islam verleugnet haben und feindlich gesinnt waren. Um ein Kafir zu sein müssen zwei Komponenten erfüllt sein. Verleugnung und Bekämpfung. Die Mekkaner haben alles versucht um den Islam zu vernichten. Die Verkündung des Propheten ist zugleich die Verkündung des Siegs.

Eckhardt Kiwitt:

Nun gut, ich bin zwar kein Mekkaner, aber den Islam, dieses aus meiner Sicht patriarchalisch-rechtsreaktionäre Gesellschaftsystem, in dem es nichtmal Religionsfreiheit gibt und nicht die Freiheit, den Islam-Erfinder zu kritisieren, lehne ich ebenfalls ab und bevorzuge stattdessen den Grundrechtekatalog unserer Verfassung, des GG, sowie die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte und die Werte der Europäischen Aufklärung.
„Daß der bei weitem größte Teil der Menschen […] den Schritt zur Mündigkeit, außer dem daß er beschwerlich ist, auch für sehr gefährlich halte, dafür sorgen schon jene Vormünder, die die Oberaufsicht über sie gütigst auf sich genommen haben.“
(Kant — Aufklärung)

M.B.:

?

Eckhardt Kiwitt:

Was ist Deine Frage, die Du mit dem „?“ zum Ausdruck bringen willst ?

M.B.:

Es war eine patriarchale Gesellschaft, lange vor dem Islam. Der Koran hat dagegen gewirkt. Wobei man schlecht die Gesetze des siebten Jhd. auf heute übertragen kann.

Eckhardt Kiwitt:

Wenn man die Gesetze des 7. Jhdts. nicht auf heute übertragen kann, dann sollte man all die religiösen Gebote und Vorschriften des Korans „ad acta“ legen und stattdessen die Gesetze des freiheitlichen demokratischen Rechtsstaats als die besseren Gesetze akzeptieren.

Eckhardt Kiwitt:

Wenn „Koran hat dagegen gewirkt“ (gegen die patriarchale Gesellschaft, die es, wie Du schreibst, lange vor dem Islam gegeben hat), wie ist es dann möglich, dass heutzutage alle Gesellschaften, in denen islamische Gesetze gelten bzw. in denen Islam die Staatsreligion ist, patriarchalisch-rechtsreaktionäre Systeme sind ?

M.B.:

Das beruht vielmehr auf Traditionen als auf den Koran.

Eckhardt Kiwitt:

Soso, Tradition ?
Was ist aber mit jenen Textstellen im Koran, in denen das patriarchalisch-rechtsreaktionäre Familien- und Gesellschaftsbild zementiert ist:
— Sure 2 Vers 282: Frauen, deren Aussagen bei Gericht nur die Hälfte der Aussagen von Männern wert sind;
— Sure 4 Vers 11: Frauen, denen laut Koran nur das halbe Erbteil eines männlichen Nachkommen zusteht;
— Sure 4 Vers 3: „… heiratet, was euch an Frauen gut ansteht, zwei, drei oder vier;“
— Sure 4 Vers 34: „Darum sind tugendhafte Frauen die Gehorsamen und diejenigen, die (ihrer Gatten) Geheimnisse mit Allahs Hilfe wahren. Und jene, deren Widerspenstigkeit ihr befürchtet: ermahnt sie, meidet sie im Ehebett und schlagt sie ! Wenn sie euch dann gehorchen, …“

M.B.:

Oh je, wieder diese Leier. Sorry, hab gerade nicht die Muße dazu.

Eckhardt Kiwitt:

Seltsam. Du hattest doch behauptet, dass es auf Traditionen beruht und nicht auf dem Koran. Und jetzt, da ich Dir ein paar Textstellen aufgezeigt habe, die das Gegenteil darlegen können, magst Du nicht mehr. Seltsam.

M.B.:

Darüber könntest du dich selbst schlau machen. Schonmal den Koran gelesen, geschweige denn verstanden?

Eckhardt Kiwitt:

Gelesen, ja.
Hat auf mich den Eindruck eines teils aus Versatzstücken zusammenphantasierten Werkes gemacht, oder, wie es der im Auftrag des Islam-Erfinders ermordete Ibn al-Harith genannt hat, ein «Abklatsch alter Mythen».
(siehe Mohammed in Bildern, # 26.)

Eckhardt Kiwitt:

By the way, falls Du den Koran verstanden hast, erkläre ihn mir gern. Ich bin für alles sehr empfänglich. Danke !

M.B.:

Niemand kann Dir den Koran erklären außer Gott.

M.B.:

‚Uns obliegt die Lesung und Erklärung des Buches‘ (Koran)

M.B.:

‚also übereile Deine Zunge nicht bei der Lesung‘

Eckhardt Kiwitt:

Aber Du hattest gefragt, ob ich den Koran verstanden hätte. Folglich gehe ich davon aus, dass DU ihn verstanden hast.
Wenn man etwas verstanden hat, dann sollte man auch in der Lage sein, es anderen zu erklären.

M.B.:

Beim Koran ist es umgekehrt. Er ist so vielfältig wie seine Leserschaft.

Eckhardt Kiwitt:

Wenn, wie Du schreibst, der Koran so vielfältig ist wie seine Leserschaft, darf ich dann daraus schließen, dass weder Du noch irgend jemand sonst den Koran verstanden hat — und dass Muslime folglich gar nicht wissen, was sie glauben ?

Eckhardt Kiwitt:

Es heißt doch in Sure 3 Vers 7 „Darin sind eindeutig klare Verse – sie sind die Grundlage des Buches …“.
Und die kann man nicht verstehen, nicht erklären ?
Seltsam !

M.B.:

Und darin steht auch dass es mehrdeutige und eindeutige Verse gibt. Und dass Gott darüber entscheidet, wer Seine Worte versteht.

Eckhardt Kiwitt:

Wenn das islamische „Gott“ darüber entscheidet, wer den Koran versteht und wer nicht, ohne dass die Entscheidungskriterien erläutert würden, dann scheint mir das alles sehr willkürlich zu sein.

Eckhardt Kiwitt:

Übrigens, weiter oben hattest Du in einer Antwort an A.H.O. geschrieben:
„Eben, die Antwort liefert der Koran selbst.“
Wenn der Koran die Antworten auf sich selbst bzw. auf seine eigenen Thesen liefert, nennt man das einen Zirkelschluss.
Zirkelschlüsse gehören zum UNlogischsten, das es gibt.
(siehe den Beitrag Zirkelschluss.)

M.B.:

Nein, das bedeutet das der Koran selbstreferenziell ist.

Eckhardt Kiwitt:

Genau das, das Selbstreferenzielle, führt zu Zirkelschlüssen.

M.B.:

Diese Ambiguitäten sind es gerade, was im Übrigen auch auf die Bibel zutrifft, machen diese Bücher zeitlos. Weil man nie mit ihnen fertig wird.

Eckhardt Kiwitt:

Ach ja, die Ambiguitäten — die geben einem einen guten Interpretations- und Ermessenspielraum. Das ist sehr praktisch.

M.B.:

Jede Offenbarung hatte einen kontextuellen historischen Hintergrund.

Eckhardt Kiwitt:

… der aber im Laufe der Zeit seinen Bezug verliert.

Eckhardt Kiwitt:

Die sogenannten Offenbarungen wurden als identitätsstiftende Texte von Menschen für Menschen verfasst, teils wohl gar zusammenfabuliert.
Das ist wie bei den sog. Schöpfungsgeschichten.
Ein Beispiel ist der Schöpfungsmythos der Maori aus Neuseeland, in dem man manche bekannte Bilder wiederfinden kann …
(siehe Rangi und Papa, Wikipedia)

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Von M.B. gab es darauf keine weitere Antwort oder sonstige Reaktion.

H.Z. merkte kurz vor Ende dieses Threads, an die Adresse von M.B. gerichtet und auf eine Art, die mir widerstrebt und die ich für unangemessen und destruktiv halte, an:

Welche Bibelkenntnise haben Sie denn, um himmelswillen?? Was Sie über den Koran da erzählen zeigt doch ganz deutlich, dass Sie nicht imstande sind spätantike religöse Dokumente sinnerfassend zu lesen. Muslime sind ja in den allermeisten Fällen überhaupt nicht imstande ihre eigenen Glaubensurkunde zu lesen, sind im Kopf dabei gar nicht beunruhigt über dieses Unvermögen und Desinteresse, aber immer sehr erstaunt, wenn man sie mit ihren Texten konfrontiert und gehen verärgert oder beschämt auf Tauchstation oder werden unverschämt aggressiv. Solange Muslime verhängnisvoller Weise nicht kapieren, dass sie ihren Koran selbst geschrieben haben, wird mit ihnen nicht vernünftig zu reden sein. Sie erklären ihn auch noch für unerschaffen und ewig wie die arabische Gottheit selbst. Wenn das nicht materialistischer schirk ist, was ist es dann?

E.T. ergänzte, ebenfalls an M.B. gerichtet, noch:

Reine Politik der Herrschenden…
Sie sagen , dass sie Gläubige sind, doch die sind Heuchler um das Volk/ Völker zu unterdrücken.

G.R. schloss diesen Teil der Diskussion ab mit den Worten:

M.B., stimmt! Man kann oder sollte zumindest die Gesetze und die Wertvorstellungen des 7. Jahrhunderts nicht auf heute übertragen!
Wie können dann Koran und Hadithe bis heute rechtleitend sein?

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Beitragsbild:
WahineTane (wikimedia.org, Ausschnitt)
Author: Kahuroa


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Lutherstadt Wittenberg: Judenhass — in Stein gemeißelt

JudensauWEIMAR. (fgw) Anfang Juni haben Demonstranten in der englischen Hafenstadt Bristol die Statue des Sklavenhändlers Edward Colston aus dem 17. Jahrhundert vom Sockel gezerrt und in das Hafenbecken gekippt. Dieser Herr betrieb als Chef der Firma „Royal African Company“ den lukrativen Transport Zehntausender Afrikaner über den Atlantik, damit sie sich in der Karibik und der Kolonie Virginia auf Zuckerplantagen mit gewinnbringender Arbeit zu Tode schuften konnten.

 

(Foto: KHL)

Gegen Sklaverei gab es in den folgenden Jahrhunderten immer wieder Widerstand, Aufruhr und Revolutionen, bei denen – bis heute hin – auch die Denkmäler der Unterdrücker und Herrschenden gestürzt wurden.

 

Von solchen Rebellionen waren stets auch Religion und Kirche betroffen. In Deutschland, während der Bauernkriege in der Reformationszeit, wurden Heiligenbilder und Altäre aus den Gotteshäusern geworfen und zerschlagen – dem sogenannten Bildersturm -, um dem Mummenschanz der verhassten katholischen Kirche ein Ende zu bereiten. Verständlich. Weniger verständlich ist aber, dass sich gleichzeitig unter den gerade eben von der katholischen Kirche schmerzhaft emanzipierten Lutheranern ein bereits zuvor entstandener christlicher Antijudaismus breit machte, der in den folgenden Jahrhunderten immer heftiger wurde. Er nahm Gestalt an in Form von Denkmälern und Schmähfiguren, wie z.B. an der Stadtkirche in Wittenberg. Die an der Ausbeutung und Unterdrückung der christlichen Bauern und Bürger durch die feudale Fürstenherrschaft ganz und gar unschuldigen jüdischen Mitbewohner wurden auch für die neue, protestantische Kirche in Deutschland zum Zielpunkt und „Sündenbock" einer vehementen Diffamierungskampagne. Von dieser anderen – dunklen – Seite der Auseinandersetzung mit Denkmälern soll hier die Rede sein.

 

Katholische Päpste wie Lutheraner gegen die Juden

Die Stadtkirche in der Lutherstadt Wittenberg in Sachsen-Anhalt ist nicht irgendeine evangelische Kirche, sondern – und darauf legt sie selbst großen Wert – sie ist „Mutterkirche der Reformation" und die Predigtkirche Martin Luthers, die Kirche also, „wo alles begann", was protestantische und lutherische Identität seit 1517 ausmacht. Nun war dort, wie in vielen anderen Kirchen in Deutschland, im 13. Jahrhundert ein Relief als eine die Juden bewusst verhöhnende und verspottende Schmähplastik angebracht worden, ganz auf der Linie des in dieser Zeit von der päpstlichen Kirche betriebenen christlichen Antijudaismus. Bevor seit dem 11. Jahrhundert in den Kreuzzügen die Muslime in Jerusalem zu bekämpfen waren, vertrieb und vernichtete die Kirche erst einmal durch zahlreiche Pogrome die Juden im eigenen Land. Und dafür mussten Juden in kirchlicher Propaganda dauerhaft verhöhnt und verspottet werden. Dazu dienten die Wandbilder wie die bis heute hin sogenannte „Judensau". Deren Funktion wurde ungetrübt auch von den Kirchen der Reformation übernommen.

 

Auf dem südöstlichen Flügel der Stadtkirche in Wittenberg befindet sich in mehreren Metern Höhe das Sandsteinrelief, versehen mit dem Schriftzug „Rabini Schem Ha Mphoras". Das Bildnis stammt ursprünglich aus dem Jahre 1290, der besonders schmähvolle Schriftzug wurde im Jahr 1570 angebracht. Das Relief stellt ein Schwein (die sogenannte „Judensau") dar, an dessen Zitzen Menschenkinder säugen, die durch ihre Spitzhüte als Juden identifiziert werden sollen. Eine ebenfalls durch einen Hut als Rabbiner zu erkennender Figur hebt mit der Hand den Schwanz der Sau und blickt ihr in den After. Die Inschrift zitiert wörtlich aus Martin Luthers 1543 veröffentlichten antijudaistischen Schmähschriften „Von den Juden und ihren Lügen" sowie „Vom Schem Hamphoras und vom Geschlecht Christi". Luther selbst erläutert diesen Satz in seiner Schrift: „Hinter der Saw stehet ein Rabin, der hebt der Saw das rechte Bein empor, und mit seiner lincken hand zeucht er den pirtzel uber sich, bückt und kuckt mit grossem vleis der Saw unter dem pirtzel in den Thalmud hinein, als wolt er etwas scharffes und sonderlichs lesen und ersehen."

 

Dies „Denkmal" blieb ungeschoren bis in die nahe Gegenwart. Erst zu DDR-Zeiten 1988 wurde unterhalb des Schmähreliefs eine Bodenplatte installiert, die sich von der Judenverhöhnung und ihren mörderischen Folgen distanziert. „Gottes eigentlicher Name… starb in sechs Millionen Juden unter einem Kreuzeszeichen", heißt es in dem dort angebrachten Text. Doch allein diese, die jüngsten gegen die Juden in aller Welt im Holocaust vollzogenen Verbrechen kommentierende Botschaft, ist bereits theologisch und historisch fragwürdig. Denn im Zusammenhang damit wird auf der Bodenplatte auch der Anfang des Psalms 130 in hebräischer Schrift zitiert – also direkt an die jüdischen Betrachter gerichtet: „Aus der Tiefe rufe ich, Herr, zu dir. Herr, höre meine Stimme! Lass deine Ohren merken auf die Stimme meines Flehens! Wenn du, Herr, Sünden anrechnen willst – Herr, wer wird bestehen? Denn bei dir ist die Vergebung, dass man dich fürchte." Auschwitz, die Vernichtung von sechs Millionen Juden also verstanden als Folge der Sünden des jüdischen Volkes? Auf diese Weise wird das sogenannte „Mahnmal" leider zu einer modernen Neuauflage der antijüdischen Theologie Martin Luthers.

 

Zu dem großen Reformationsjubiläum 2017 ließ die Wittenberger Kirchengemeinde mit öffentlicher Unterstützung sowohl das mittelalterliche Schmährelief an der Stadtkirche als auch die hinzugefügte Bodenplatte sorgfältig renovieren. Aber sonst blieb alles beim Alten: die Juden waren nicht nur die Schweine, sondern sogar die Sünden-Böcke und Verursacher für den Holocaust selbst. Müsste dieses Relief sachgemäß daher nicht besser als „Luthersau" oder „Kirchensau" benannt werden? Die Gemeindemitglieder der Wittenberger Stadtkirche gedachten nichts zu verändern und hielten mit allen Mitteln an dem Relief fest und bekamen dafür auch viel prominente Unterstützung. Natürlich machte sich dabei niemand die Aussagen über den Antijudaismus dieser Figur unmittelbar zu eigen. Die Verfechter für den Verbleib der Figur ignorierten ganz einfach, dass der einzige Zweck der Kirchensau darin besteht, jüdische Menschen zu kränken und zu verletzen.

 

Forderung nach Abriss des antijüdischen Reliefs

Erfreulicherweise entstand aber bald danach die Forderung nach Abnahme des schmählichen Reliefs. Michael Düllmann, Mitglied einer Berliner jüdischen Gemeinde, klagte gegen den Verbleib des antisemitischen Reliefs. Er fühle sich durch diese Darstellung schlichtweg beleidigt und forderte die Entfernung. Die Debatte wurde so auch über die Kirchengrenzen hinaus in Gang gebracht. Noch einmal wurde der Gemeinde und ihren Sympathisanten damit Gelegenheit gegeben, ihre starre Haltung zu bedenken. Aber nichts dergleichen geschah. Die Kirchengemeinde der Stadtkirche nahm die Wirkung der Schmähskulptur weiterhin billigend in Kauf – obwohl sie sich die beleidigende Wirkung der Schmähskulptur nicht zu Eigen machen wolle – und weigerte sich, sie zu entfernen. Nun wurden theologische und politische Argumente ins Feld geführt, die deutlich eine erschreckende Toleranz für, wenn nicht gar Nähe zu den klassischen und modernen antisemitischen Klischees offenbaren. Obendrein wies der 9. Zivilsenat des Oberlandesgerichts des Landes Sachsen-Anhalt die Klage ab und entschied im Februar 2020: Das Relief bleibt.

 

Anlässlich der Debatte um das Entfernen oder Nicht-Entfernen der Schmähfigur meldete sich in der liberal-protestantischen Monatsschrift „Zeitzeichen" Dr. Stephan Block zu Wort. Er ist der verantwortliche Pastor der Wittenberger Stadtkirchengemeinde, und resonierte darüber, dass der Kläger Michael Düllmann mit seiner Klage die Haltung der Gemeinde „noch verfestigt" habe. Dieser sei für das Festhalten der Kirchengemeinde an der antijüdischen Schmähung mitverantwortlich! Welch ein Vorwurf! Ein Muster des klassischen Antisemitismus: die Juden haben selbst schuld, wenn sie geschmäht und drangsaliert werden. Und schon war es auch nicht mehr weit zur Gleichsetzung von Opfern und Tätern: „Dabei leiden wir genauso unter der Plastik wie der Kläger", so Pastor Block.

 

Wer jetzt denkt, dass die Wittenberger Gemeinde ihr Leiden schnell beenden könnte, muss sich noch einmal belehren lassen: Das Relief sei ein „schwieriger Teil eines Erbes", der aber „nicht verleugnet" werden dürfe. „Nach jüdisch-christlichem Verständnis gibt es keine tadellos perfekte Geschichte. Aber es gibt die Kraft der Vergebung und Versöhnung, die selbst aus Bösem Gutes werden lässt." Eindrucksvoller lässt sich kaum dokumentieren, wie die Aneinanderreihung kirchlicher Floskeln zu blankem Zynismus verkommt. Wohlklingender kann man die jahrtausendalte Judenfeindschaft bis hin zu dem auch von den lutherischen Kirchen unterstützten antisemitischen Vernichtungswahn des Großdeutschen Reiches kaum zusammenfassen. Dazu noch einmal ein kleiner historisch-theologischer Überblick.

 

Die antijüdische christliche Tradition

Judenfeindschaft war und blieb Teil christlicher Identitätsfindung von Anfang an. In Konkurrenz und Abgrenzung zu der seit Jahrhunderten etablierten Religion der Juden im Nahen Orient verfassten alle namhaften frühchristlichen Kirchenväter judenfeindliche Schriften. Die Ablehnung der Juden und ihre Verwerfung durch Gott wurden festes Programm, das die christlichen Gemeinden mehr und mehr übernahmen. Das war für sie in ihren heiligen Schriften der Evangelien und den Briefen der Apostel so festgeschrieben. Diese Grundhaltung steigerte sich noch, als das Christentum im vierten und fünften Jahrhundert zur – ausschließlichen – Staatsreligion avancierte. Ab jetzt zeigte die Judenfeindschaft auch praktische Auswirkungen wie tätliche Übergriffe und Synagogenschändungen. In den verschiedenen Epochen des fast tausendjährigen europäischen Mittelalters trat die Judenfeindschaft in sich veränderten Ausdrucksformen und Zusammenhängen auf. Dabei bildet der Glaubensgegensatz die Basis für eine oft erbitterte soziale Ablehnung.

 

Die jüdischen Heiligen Schriften, das sogenannte Alte Testament, wurde auf Jesus hin als den in diesen Schriften verheißenen Erlöser gelesen. So war es – im Galaterbrief und dem Brief an die Hebräer besonders ausgeprägt – ein zentrales Anliegenden nachzuweisen, dass die Angehörigen des Judentums in ihrer heilgeschichtlichen Sendung durch die Angehörigen des Christentums abgelöst worden seien. Hier ist der Ursprung der in der Geschichte so wirkmächtigen und gleichzeitig fatalen Substitutionslehre zu finden. Sie setzt die christliche Kirche an die Stelle des ursprünglich von Gott erwählten Volkes, für sie gelten nun alle Verheißungen, die nach den Schriften Gott dem Volke Israel gegeben hat. Die Juden – so die christliche Theologie – werden damit nicht nur ihres Bundes mit Gott enterbt, es trifft sie auch die Anschuldigung des Christusmordes: „Diese [Juden] haben sogar den Herrn Jesus getötet und die Propheten und haben auch uns verfolgt. Sie gefallen Gott nicht und sind allen Menschen feind", so im Brief des Paulus an die Thessalonicher 2,15. Und dieser Gottesmordvorwurf sollte im Laufe der christlichen Geschichte die zentrale Argumentationsfigur werden, die die Juden absolut disqualifizierte.

 

Im evangelischen Bereich kann das Beispiel des Reformators Martin Luther (1483 – 1546) als besonders Ekel erregend angesehen werden. Nachdem sich Martin Luther in humanistischer Tradition den hebräischen Schriften zuwandte, um das „Alte Testament" ins Deutsche zu übersetzen, von Juden dafür auch begeisterte Echos erhielt, kippte seine Liebe zur jüdischen Tradition um in blanken Judenhass: denn sie wollten trotz der in der Reformation neu gewonnenen Klarheit des Evangeliums nicht zum Christentum konvertieren. So schrieb er 1543 die schreckliche Schrift „Von den Juden und ihren Lügen", die auch direkte Anleitung zu Gewaltausschreitungen gegen Juden gab: Synagogen anzuzünden, jüdische Häuser abzubrechen, jüdische Bücher wegzunehmen, den Rabbinern unter Androhung der Todesstrafe das Lehren zu verbieten, Juden das Reisen zu untersagen, Juden den Geldhandel zu verbieten, ihr Geld zu enteignen, Juden zu körperlicher Arbeit zu zwingen, Juden des Landes zu verweisen… Luther wirft den Juden vor, dass sie sein christlich-messianisches Denken nicht übernehmen wollten. Er wollte Juden nur dann akzeptieren, wenn sie Christen werden und ihr Juden-Sein aufgeben würden. Er übernahm damit das alte christlich-mittelalterliche Modell der Inquisition: Taufe oder Tod.

 

Martin Luthers Theologie sollte die Welt verändern. Aber am Ende war die Kirche zwar vielfach „reformiert", aber auch in viele verschiedene Konfessionen und „Sekten" gespalten. Allenthalben herrschte Krieg und das Reich Gottes und die Wiederkunft Christi war weiter entfernt als je zuvor. In dieser Situation schiebt Luther am Ende seines Lebens einen Teil der seiner historischen Schuld den Juden zu und fordert penibel dazu auf, wie Christen Juden hassen, ja wie sie Juden Gewalt antun sollen, es sei denn, sie würden sich zum Christentum bekehren.

 

Wie fest diese antijüdischen Stereotypen in der evangelischen Theologie verwurzelt waren, kann man noch am „Darmstädter Wort" von 1948 sehen. Mit diesem Wort wollte der Bruderrat der „Bekennenden Kirche" nach dem Bekanntwerden aller Fakten über die furchtbaren Verbrechen an den europäischen Juden einen Neuanfang versuchen. Es gelang darin aber kaum, die bisherigen Vorurteile und Vorwürfe gegen die Juden zu überwinden. Denn doppeldeutig, ja, anklagend heißt es weiterhin in diesem Wort:

 

„1. Indem Gottes Sohn als Jude geboren wurde, hat die Erwählung und Bestimmung Israels ihre Erfüllung gefunden.

 

2. Indem Israel den Messias kreuzigte, hat es seine Erwählung und Bestimmung verworfen.

 

3. Die Erwählung Israels ist durch und seit Christus auf die Kirche aus allen Völkern … übergegangen.

 

4. Gottes Treue lässt Israel, auch in seiner Untreue und in seiner Verwerfung nicht los. Dass Gottes Gericht Israel in der Verwerfung bis heute nachfolgt, ist Zeichen seiner Langmut."

 

Der Schock über das millionenfache Morden an den Juden hat dazu beigetragen, dass die Vereinten Nationen die „Allgemeine Erklärung der Menschenrechte" (1948) verabschiedeten. Aber auch im Christentum hat sich nach der Schoah, der Vernichtung der Juden, unstreitig ein fundamentaler Wandel im Blick auf die Einstellung zum Judentum vollzogen. Seit den 60er Jahren haben beide großen Kirchen ihre bisherige Einstellung grundlegend korrigiert. Eine völlig neue Theologie des christlich-jüdischen Verhältnisses kommt in der Erklärung des Zweiten Vatikanischen Konzils zum Verhältnis der Kirche zu den nichtjüdischen Religionen unter dem Titel „Nostra Aetate" 1965 zum Ausdruck. Das Herzstück der Erklärung, der Artikel 4, lehnt die Judenfeindschaft mit theologischen Gründen unmissverständlich ab. Zahlreiche weitere Verlautbarungen der katholischen Kirche und evangelischer Kirchen-Synoden veränderten nicht nur das Verhältnis zum Judentum, sondern auch die Theologie und die Kirchen selbst. In allen Erklärungen seither werden religiöser Antijudaismus und politischer Antisemitismus scharf verurteilt. Das soll hier in keiner Weise relativiert werden.

 

Wie aber die konkrete Praxis aussieht, beweist die unschöne und juristisch erfolglose Debatte über den Verbleib des Judenreliefs an der Kirche in Wittenberg ­- sie wird in die nächste Instanz gehen -und auch anderswo. Immerhin gibt es mehr als 30 Kirchen mit solchen Figuren; z.B. am Kölner Dom und an der Nürnberger Kirche St. Sebald. Die antijüdische Geschichte der Evangelisch-Lutherischen Kirche ist längst noch nicht überwunden. Auch bleibt festzuhalten: Die Anti-Jüdische Struktur in den Evangelien und in den Briefen des Neuen Testamentes kann nicht mehr geändert werden. Keiner wird sich wohl dranmachen, die Bibel neu zu schreiben. Jedenfalls ist ein solcher „Evangelist" bisher noch nicht erschienen – und einschlägige Versuche in der Geschichte der Kirche sind immer gescheitert.

 

 

Karl-Helmut Lechner

 

 

 

Quellen:

Werner Bergmann, „Geschichte des Antisemitismus", München, 2016

Oberlandesgericht Naumburg, Urteil vom 04.02.2020,

Az.: 9 U 54/19 – „Judensau" -Sandsteinskulptur an der Stadtkirche Wittenberg darf bleiben

http://www.freigeist-weimar.de/beitragsanzeige/lutherstadt-wittenberg-judenhass-in-stein-gemeisselt/?fbclid=IwAR0j77b1DKeHtfGSj7-Pp_KYgrWu75d3So6tJj46OTdrQKMezE5YDjsiw_k

 




Die Betonung des Andersseins

Trabajando_pieza_de_metal_72dpiKulturgeschichtliche
Variationen von
„Rassismus“

In der Folge des gewaltsamen Todes von George Floyd in den USA am 25. Mai 2020, der in den Medien weltweit diskutiert und debattiert wurde und dem die Wikipedia einen Artikel gewidmet hat, wurde u.a. auch der „Rassismus“-Begriff vielfältig thematisiert. Im Verlauf der Berichterstattungen und Debatten wurden Themen und Sachverhalte miteinander vermengt, die mit dem eigentlichen Ereignis, der, wie ich es nenne, Ermordung des George Floyd im Rahmen einer in den USA nicht ungewöhnlichen polizeilichen Überreaktion miserabel ausgebildeter und entsprechend in der Situation überforderter Polizisten, nichts zu tun hatten.

So wurden Statuen gestürzt, was in der Geschichte der Menschheit eine lange Tradition hat, Statuen, die für mein Empfinden allzu häufig ohnehin nur der Verklärung, manchmal gar der Verkitschung dienen;
der Philosoph Immanuel Kant wurde wegen seiner frühen Schriften kritisiert, was aus der Perspektive und mit dem Wissen des 21. Jahrhunderts wohlfeil erscheint, Schriften, in denen er sich — seiner Zeit entsprechend — über menschliche „Rassen“ geäußert hatte, Äußerungen, die später revidiert worden sind, obwohl Charles Darwin mit seinen Beiträgen zur Evolutionstheorie und Gregor Mendel mit der Vererbungslehre noch nicht auf der Bühne erschienen waren.

In Debattenbeiträgen wurde vereinzelt festgestellt, dass es gar keine menschlichen Rassen gibt — was den „Rassismus“-Begriff, der im Laufe der Jahrzehnte zu so abenteuerlichen Wortschöpfungen wie „Altersrassismus“ geführt hat, unsinnig macht. Dennoch wird er immer noch und immer wieder verwendet statt von „Diskriminierung“ zu sprechen.

Der Begriff „Rassismus“ wird in manchen Zusammenhängen mglw. verwendet, weil er effekthaschender, aufsehenerregender ist als das Wort „Diskriminierung“. Obendrein gibt es bei der Diskriminierung (Ausgrenzung; „trennen, absondern, abgrenzen, unterscheiden“) zwei Möglichkeiten, die negative, die mit Herabsetzung oder Herabwürdigung verbunden sein kann, sowie die positive mit Aufwertung, Erhöhung oder sogar Überhöhung gegenüber anderen. Insbesondere die Möglichkeit der positiven Diskriminierung mag manchen aus ideologischen Gründen ein Dorn im Auge sein, da sie für die Einordnung von Menschen in eine (institutionalisierte und positiv besetzte) Opferrolle ungeeignet ist und keine (negativ besetzte) Täterrolle aufzeigbar macht. Hinzu kommt die Möglichkeit der Selbstdiskriminierung, Selbstausgrenzung, die den „Rassismus“-Begriff vollends ad absurdum führt.

In einem Beitrag des britischen Guardian vom 25. Juni 2020 wurde immerhin festgehalten, dass Atheisten und Humanisten in acht Ländern Diskriminierung widerfährt und sie dort wegen ihrer Weltanschauung, und nicht etwa „rassistisch“ verfolgt und unterdrückt werden.

Es wurde vorgeschlagen, den Begriff „Rasse“ im Artikel 3 (3) der Verfassung der Bundesrepublik Deutschland, dem Grundgesetz, durch ein anderes Wort zu ersetzen. Kosmetik, durch die weder Ursachen noch Folgen irgendeiner Diskriminierung aus der Welt geschafft würden. Man könnte dieses Ansinnen auch Selbstbetrug nennen. Dass in dem Satz 3 aus Artikel 3 GG nicht nur von Benachteiligung, sondern auch von Bevorzugung die Rede ist, wurde in diesen Diskussionen geflissentlich übersehen.

Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden.

In manchen Debattenbeiträgen wurde versucht, die Religionszugehörigkeit von Menschen als ein unveränderliches Merkmal ähnlich Herkunft oder Abstammung hinzustellen. Dabei wurden mehrfach klischeehafte Bilder verwendet, und es konnte der Eindruck entstehen, dass vermittelt werden solle, Angehörige einer bestimmten Religion seien gegenüber anderen exponiert und bedürften einer besonderen Beachtung, ihnen müssten eine höhere Wertigkeit und damit verbunden mehr Rechte als anderen zuerkannt werden, wie dies in manchen „heiligen“ Büchern vorformuliert ist, in denen Angehörige bestimmter Religionen als „auserwähltes Volk“ irgendeines Gottes oder als „die beste Gemeinde, die für die Menschen entstand“ ([3:110]) bezeichnet werden. In Fällen von Selbsterhöhung oder Selbstüberhöhung spricht man dann von Chauvinismus, oder auch von Arroganz, Anmaßung, Überheblichkeit und Hochmut.
Doch die Aufwertung der einen ist die Abwertung anderer, und umgekehrt, was gesellschaftliche Spannungen erzeugt sowie Ressentiments und Gegenreaktionen heraufbeschwört.

In einem kurzen Meinungsaustausch mit einer WerteInitiative via Facebook am 3. Juni 2020 hatte ich u.a. angemerkt, dass das Zufügen einer irreversiblen Körperverletzung m.E. eine Straftat ist, und zwar auch dann, wenn dies im Rahmen der Religionsausübung geschieht, was damit beantwortet wurde, dass es sich in einem solchen Fall „natürlich NICHT um eine Straftat“ handle. Auf meine weitere Nachfrage, was es denn dann sei, habe ich (bislang) keine Antwort erhalten. Ob das Verweigern einer Antwort Ausdruck von Selbstgerechtigkeit, von der Unfähigkeit zur Selbstreflexion oder von etwas anderem ist, sei dahingestellt. Herkunft, religiöses Bekenntnis oder Weltanschauung sind zwar kein Fehlverhalten, Kindern aus religiösen Gründen eine irreversible Körperverletzung zuzufügen ist es nach meinem Verständnis jedoch sehr wohl (vgl. Kritik und Angst — Wider die Selbstgerechtigkeit).
Siehe auch den Beitrag The Unanswered Question / Umkehrschluss auf dieser Website:

Wenn es […] was-auch-immer-feindlich wäre, Menschenrechtsverletzungen und Despotismus sowie anderes Unrecht zu kritisieren: Was bedeutete dies dann im Umkehrschluss ?

Jemandem mit einem Hinweis auf dessen Religion das sanktionsfreie Begehen von Straftaten zu ermöglichen und zu erlauben, verstößt in Deutschland jedoch mglw. gegen den Artikel 3 Satz 3 GG.

Menschen mit dunkler oder einer anderen Hautfarbe, als sie bei Europäern weit verbreitet ist, werden in Medienberichten etc. oft als „People of Color“ bezeichnet, ein Begriff, der auf Anderssein und damit auf Abgrezung gegenüber „Weißen“ und auf Ausgrenzung (Diskriminierung) zielt und allen Bestrebungen, „Rassismus“ zu überwinden, zuwider läuft. Abgesehen davon sind auch „Weiße“ nicht weiß, sondern haben meist wohl eine schweinchenrosa Hautfarbe. Weiß sind die Wände in meiner Wohnung.

In dem Buch Identitätslinke Läuterungsagenda zeigen insbesondere die Herausgeberin Sandra Kostner sowie die beiden Autorinnen Maria-Sibylla Lotter und Elham Manea auf, wie vermeintliche Antirassisten den „Rassismus“ und die Segregation der Gesellschaft dadurch fördern, dass sie u.a. darauf hingewirkt haben, dass Menschen z.B. allein wegen ihrer Herkunft bei der Stellenvergabe in manchen Berufen bevorzugt werden (müssen), ohne dass ihre sonstige Qualifikation berücksichtigt würde, was von der Mehrheitsgesellschaft als Ungerechtigkeit empfunden und entsprechend beantwortet wird, und dass vermeintliche Antirassisten dabei selber wie „Rassisten“ argumentieren und agieren.

In einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung vom 29. Juni 2020 unter der Überschrift „Es wird schmerzhaft“ sagt Saraya Gomis unter anderem:

Rassismus als Struktur ermöglicht, dass Ungleichheit legitimiert und damit „normalisiert“ wird.

Genau dies, „Rassismus“ als Struktur ermöglichen und Ungleichheit legitimieren ist es, was Sandra Kostner et al. in dem Buch Identitätslinke Läuterungsagenda beschreiben.

Ein Artikel in der SZ vom 26. Juni 2020 beklagt unter der Überschrift „Rassismus ist da, er ist alltäglich“ unter anderem:

„In Freising haben etwa 20 Prozent der Menschen Migrationshintergrund, aber ich kenne keine einzige Lehrkraft, die farbig oder andersgläubig ist.“
[…]
„Die Mehrheit der Kinder mit Migrationsgeschichte bleibt der Weg zum Abitur aus diversen Gründen verwehrt“

Welche „diversen Gründe“ es sind, wird in dem Artikel nicht thematisiert, Gründe werden nicht benannt.

In Brief an die Heuchler geht Stéphane Charbonnier (CHARB) argumentativ teils in eine ähnliche Richtung wie Sandra Kostner et al. Das Buch von CHARB, der sich ausdrücklich gegen „Rassismus“ und Intoleranz ausspricht, habe ich seit Erscheinen der deutschsprachigen Ausgabe im Juli 2015 vielen Leuten empfohlen, darunter auch solchen, die von sich selbst sagen, dass sie Antirassisten und Kämpfer gegen Intoleranz seien. Etliche dieser vermeintlichen Antirassisten und Kämpfer gegen die Intoleranz reden deshalb nicht mehr mit mir — nur, weil ich ihnen das Buch von CHARB empfohlen habe. Seltsam.

In einem Text, den Leonid Luks am 4. Juni 2020 auf der Website Die Kolumnisten veröffentlicht hat, schreibt er:

Zum Wesen des totalitären Denkens gehört die Diskursverweigerung mit Andersdenkenden.

Einige der in diesem Beitrag von mir angerissenen oder thematisierten Aspekte sind manch einem möglicherweise ein zu heißes Eisen — auch wenn ich längst nicht alle Aspekte zum Thema „Rassismus“ respektive Diskriminierung aufgegriffen habe.

Den „Rassismus“ damit zu kontern, dass man die Opfer des „Rassismus“ heraushebt, ihnen eine gesellschaftliche Sonderstellung zuschreibt, konterkariert die Bemühungen gegen „Rassismus“. Mit der Betonung des Andersseins wird der „Rassismus“ nicht bekämpft, sondern aktiv gefördert.

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Beitragsbilder (von oben nach unten):

  • Trabajando_una_pieza_de_metal_al_rojo_sobre_un_yunque.jpg, Wikimedia.org, Author: kurtsik
  • Sturz_des_Idstedter_Löwen.jpg, Wikimedia.org, Flugblatt – unbekannt; Scan – James Steakley
  • Screenshot von der Website des britischen Guardian, eigenes Werk
  • Cover des Grundgesetzes für die Bundesrepublik Deutschland, arabischsprachige Ausgabe
  • Screenshot aus einem Beitrag der Facebook-Seite von „Gesicht zeigen – für ein weltoffenes Deutschland“, eigenes Werk
  • Akan_MHNT.ETH.2010.25.009.jpg, Wikimedia.org, Photographer: Roger Culos
  • Screenshot aus einem Beitrag der Facebook-Seite von „Werteinitiative“, eigenes Werk
  • Buchcover zu „Identitätslinke Läuterungsagenda“
  • Buchcover zu „Brief an die Heuchler“
  • Bildliche Darstellung eines Zitats von Leonid Luks, Die Kolumnisten, eigenes Werk

  • Eckhardt Kiwitt
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    D-85356 FREISING
    QS72@gmx.net




    Wie die Franken den Friesen den „wahren“ Glauben bringen

    Radbods SchwertWEIMAR. (fgw) Lothar Englert hat jetzt im Gmeiner-Verlag mit „Radbods Schwert“ den ersten Band einer Friesland-Trilogie, die um das Jahr 700 herum angesiedelt ist, veröffentlicht. Und schon der Klappentext läßt – ob seiner Deutlichkeit – aufhorchen.

     

    »Die Franken wollen Friesland den wahren Glauben bringen, die Botschaft ihres gekreuzigten Gottes, aber in Wahrheit wollen sie erobern – die Friesen unterwerfen«, heißt es darin.

     

    Im Prolog – überschrieben mit „Der Königsreim" – wird der Autor noch deutlicher, indem er seinen Helden, den Friesen-König Radbod, an dessen Lebensende Bilanz ziehen läßt. Deutlich bzw. deutlicher, weil Englert hier mit der ach so wundersamen Bekehrungsgeschichte der vorgeblich nächsten- und sogar feindesliebenden christlichen Religion und deren Priester aufräumt. Damit stellt er auf seine (literarische) Weise kolportierte Kirchengeschichte und -propaganda vom Kopf auf die Füße. Und unterscheidet sich damit wohltuend von der ahistorischen „vorherrschenden Meinung" hierzulande. Radbod sinniert schreibt u.a.:

     

    »Die Christenpriester pflegen die Lüge als Teil ihres Lebens, nutzen die Unwahrheit als Waffe, und sie lügen, wenn sie behaupten, die maßlose Kraft ihres Gottes habe uns bezwungen. Tatsächlich waren es unerschöpfliche Reserven der Franken an Kriegern, Pferden und Waffen.« (S. 7)

     

    Englert hat seinen Roman, wohl in Anlehnung an mittelalterliche Texte, neben dem bereits erwähnten „Königsreim" und dem daran anschließenden „Vorgesang" in 35 Kapitel, bei ihm „Verse" genannt, gegliedert; zwischen diese sind diverse „Kleine Oden" eingeschoben.

     

     

    Ein fiktionaler Roman ist keine Dokumentation

    Anzumerken ist aber unbedingt, daß aus dieser Zeit kaum schriftliche Zeugnisse, erst recht keine objektiven, vorliegen. Deshalb darf Englerts Roman auch keinesfalls als dokumentarisch angesehen werden. Es ist eben Fiktion, die der Phantasie eines begnadeten Geschichtenerzählers entsprungen ist. Allerdings vor dem Hintergrund der historisch realen „Missionierung" Frieslands, die sich aber kaum von den nachfolgenden „Christianierungen" germanischer, westslawischer oder baltischer Völkerschaften unterscheiden dürfte…

     

    Was Englert jedoch zu den Lebensverhältnissen der Friesen, egal ob Bauern oder Fürsten, schreibt, über Alltägliches und Familiäres, über Bündnisse z.B. mit Sachsen und Dänen, über Landwirtschaft und Handel oder über die Art und Weise der Kriegsführung – illustriert in diversen Schlachtszenen, das dürfte aber dennoch annähernd den damaligen Verhältnissen und Umständen nahekommen. Zumal er der Friesen keinesfalls idealisiert. Auch bei ihnen gab es Herrn und Knechte, gab es Raubzüge einschließlich der Versklavungen von Menschen überfallener Siedlungen.

     

    Auch fanden die Kriegszüge nicht – wie in frommen Legenden behauptet – bei bestem „Kaiserwetter" und in strahlenden Rüstungen statt, sondern zumeist unter primitivsten Umständen. Nebenbei wird deutlich, wie stark seinerzeit die Heere wirklich waren. Selten – nach heutigen Maßstäben – mehr als bataillonsstark; eher sogar noch geringer. Selbst die überlegenen Franken konnten selten mehr als in Regimentsstärke mobilisieren. Auch darin kann man den Rückschritt des Mittelalters gegenüber der römischen Antike erkennen. Das kaiserliche Rom konnte jederzeit mehrere Legionen – also divisionsstarke Verbände – in Marsch setzen.

     

    Doch auf die familiären Lebensumstände Radbods und die einzelnen Feldzüge, allein oder im Bündnis mit den – „unsicheren Kantonisten" – Sachsen und Dänen, soll hier nicht weiter eingegangen werden. Das alles ist sehr gut, also durchaus glaubhaft, erzählt und dazu noch spannend zu lesen.

     

    Neugierig machend sind hier, das soll jedoch unbedingt angedeutet werden, zwei Ereignisse bzw. Personen. Zum einen konnte Franken-Herrscher Pippin Radbod gefangen nehmen, ließ ihn aber nicht hinrichten, sondern später sogar ehrenvoll entlassen. Und dann ist da zum anderen Ragnög bzw. Rassara, eine geheimnisvolle, rätselhafte Händlerin aus fernen Lande an der Donau. Ihr begegnet Radbod immer wieder. Sie dürfte in den Folgebänden sicher noch bedeutsame Rolle spielen.

     

     

    Dezidierte Religions- und Kirchenkritik

    Gerade wegen der doch überaus deutlichen Religions- und Kirchenkritik in diesem Roman soll eben die im Mittelpunkt seiner Besprechung stehen. Dafür machen sich aber einige ausführliche Zitate notwendig, die eigentlich keiner weiteren Kommentierung bedürfen.

     

    Auf S. 17 heißt es über die christlichen Franken: »Sie wollten die friesischen Herzen für ihren mit Dornen gekrönten Gott gewinnen, der angeblich ein Gott der Liebe war. Natürlich war das eine Lüge, noch dazu eine plumpe. Was sie wollten, war friesisches Land. Mit ihrer offenen Brutalität erwiesen sie ihrem Gott einen schlechten Dienst, und das begriff Radbod nicht.« (S. 17) – Friesisches Land – später könnte man dafür schreiben „Land und Ressourcen" der sogenannten Neuen Welt, Afrikas, Asiens… Zurück zu Radbods Zeit: »Die Franken drängten von Süden. Sie räuberten, plünderten und versteckten sich dabei hinter einem Kreuz, an dem ein Angenagelter hing, den sie anbeteten.« (S. 28) – Und genau so gingen und gehen christlich-weiße Eroberer bis in die Gegenwart vor…

     

    Wie nun gingen die Franken seinerzeit vor? Englert kleidet das so in Worte:

     

    »Radbod hatte Meldungen über christliche Priester erhalten, sogenannte Mönche. (…) Man hatte erlebt, wie es abgelaufen war, wo man derlei zugelassen hatte. Zuerst waren diese sogenannten heiligen Männer gekommen. Dann die mit dem Schwert. (…) Auch war die Lehre unehrlich, und das war das Entscheidende, alle Lieder und Sagen über Wohltaten und Güte des Angenagelten dienten doch nur einem Zweck. Sie sollten der fränkischen Herrschaft den Boden bereiten.« (S. 57 – 58)

     

    Der mit Radbod verbündete Sachsen-König sowie Radbods Vasall Grudd bringen ihre eigenen Erfahrungen mit den Christen Radbod gegenüber so zum Ausdruck:

     

    »„Dreister Landraub." – „Sie haben ein Wort dafür, Herr, es heißt missionieren." (…) Die Franken hatten ihre Kriegsführung geändert. Sie verjagten einheimisches Volk und setzten eigene Leute auf die Höfe. (…) – „Sie lassen nur dort, wer sich zu ihrem Glauben bekennt. Und wer sich weigert, den töten sie. (…) Und wer bleiben darf, dem wird erlaubt, als Sklave zu arbeiten. Den Hof übernimmt ein Franke. (…) – „Ich glaube, Herr, die Sache mit dem Glauben ist nur ein Vorwand. Sie wollen nicht nur unser Land, sie wollen es ohne Menschen. Die bringen sie nämlich mit."« (S. 87 – 90) – Noch deutlicher wird das ab etwa 800 Jahre später im Gefolge der sogenannten Entdeckungsfahrten des Kolumbus, des Cortes, des Pizarro oder der sogenannten Pilgerväter…

     

    In seiner kurzen fränkischen Gefangenschaft und nach der Eroberung einer fränkischen Siedlung im Friesenland macht Radbod seine eigenen Erfahrungen mit den christlichen Priestern bzw. Mönchen:

     

    »Den einen erkannte er als christlichen Priester in der üblichen Kleidung, ein junger Mann noch, feist und rotwangig. Am dicken Hals das Zauberzeichen der Christen, ein silbernes Kreuz. Selbst dieser Mann war bewaffnet…« (S. 243)

     

    »…und wo Kirchen waren, fand man auch Priester. Sie mußten sich während der Kämpfe gut verborgen gehalten haben, auch während der Plünderungen, als die Menschen in der Stadt ihren Beistand besonders nötig gebraucht hätten. (…) Der Mönch kam jetzt auf die Füße und zerrte an seinem Kreuz. „Du siehst ein, Radbod, mir gebührt die Führung dieser Stadt, mir allein!" Es war einer der Augenblicke, in denen dem König wieder bewußt wurde, warum er christliche Priester haßte. Sie erhoben sich auf ungebührliche Weise über das Volk, forderten für sich stets das Beste, fehlten aber, wenn es galt zu trösten und zu dienen.« (S. 204 – 205) – Auch wenn sich die konkreten Formen geändert haben, so gilt das im Grundsatz in der „Kirchenrepublik" Deutschland noch heute…

     

    An Beispielen wird dann gezeigt, wie sich die Mönche, der Bischof dieser Stadt selbst bereichert hatten und mit welcher Anmaßung sie gegenüber den Menschen und selbst dem siegreichen König gegenüber auftreten. Wie heißt es doch schön? „Sie predigen Wasser und saufen heimlich wein!" Aber es geht diesen Kuttenträgern nicht nur um Bereicherung, sondern mehr noch um die schrankenlose Herrschaft über Mensch, Gesellschaft und Staat. Das zeigt Lothar Englert in seinem Mittelalter-Roman schonungslos auf. Sicherlich nicht zur Freude der Leitmedien…

     

    Und nun darf man mit besonderer Spannung hoffen, daß die Fortsetzungen nicht allzulang auf sich warten lassen.

     

     

    Siegfried R. Krebs

     

     

    Lothar Englert: Radbods Schwert. Historischer Roman. 408 S. Klappenbroschur. Gmeiner-Verlag. Meßkirch 2020. 15,00 Euro. ISBN 978-3-8392-2558-5

     

     
    11.06.2020

    Von: Siegfried R. Krebs
     

     




    Reduzierte Verkürzung

    Dorf_Stroch_Collage_tl_7x7_72Wofür sich Wissenschaft
    nicht eignet

    Im Verlauf der derzeitigen Pandemie wurden und werden wir täglich auf dem Laufenden gehalten über das Geschehen rund um den Globus, über Infektions- und Sterberaten, aber auch über so manche Verschwörungstheorien, die im Zusammenhang mit der Pandemie blühen und gedeihen. Auf die Details dazu möchte ich an dieser Stelle nicht eingehen; man kann sich darüber ständig in den Medien informieren. Mir geht es, wie die Beitragsüberschrift bereits andeutet, um die logischen Verkürzungen, mit denen insbesondere Verschwörungstheoretiker und -praktiker gern operieren — und vermutlich auch operieren müssen.

    Vor neun Monaten flog ein Storch übers Dorf. Gestern ist wieder ein Storch übers Dorf geflogen, und jetzt hat eine Frau dort ein Kind bekommen. Damit ist die Sache völlig klar, wir brauchen keine weiteren Beweise.

    Bei diesem Beispiel handelt es sich zwar nicht um eine Verschwörungstheorie, sondern um einen märchenhaften Text, wie er kleinen Kindern bisweilen erzählt wird, denen man eine Erklärung für die Ursachen einer Schwangerschaft noch nicht anvertrauen oder zumuten möchte. Doch der Text enthält ein Element, das man bei Verschwörungstheorien regelmäßig vorfindet: Die logische Verkürzung, hier textlich aufs Notwendigste reduziert: Storch flog übers Dorf, Frau bekommt ein Kind, alles klar, keine weiteren Beweise nötig (oder erwünscht).

    Einher geht die logische Verkürzung häufig mit dem Verwechseln oder Gleichsetzen von Koinzidenz und Kausalität, also dem zufälligen gleichzeitigen Eintreten zweier oder mehrerer Ereignisse einerseits (Koinzidenz) und dem Ursache-Wirkung-Prinzip (Kausalität) andererseits. Im Beispiel des Storches, der übers Dorf flog und der Frau, die ein Kind bekommt, treten zwei Ereignisse zufällig zeitgleich oder zeitnah ein, das eine ist jedoch nicht Ursache des anderen.

    Bei Verschwörungstheorien kommt, soweit ich es beobachtet habe, ein weiteres unerlässliches Element hinzu:
    Für Verschwörungstheoretiker hat Wissenschaft einen Nachteil. Sie (die Wissenschaft) lässt keine Sündenbockprojektionen zu, denn Naturgesetze sind wie sie sind — und das ist ganz schlimm!

    Verschwörungstheorien benötigen Sündenböcke.
    Wissenschaft taugt nicht als Sündenbock — Naturgesetze sind wie sie sind.
    Verschwörungstheoretiker mögen keine Wissenschaft.

    Zwar können Wissenschaften, z.B. die Psychologie, erklären, was eine Sündenbockprojektion ist und wie sie funktioniert, die Psychologie lässt sich deshalb jedoch nicht zum Sündenbock stempeln. Allenfalls der Wissenschaftler, in diesem Fall der Psychologe, kann zum Sündenbock auserkoren werden.

    William Holman Hunt: The Scapegoat, 1854.

    Nun könnte man einwenden, dass aber doch z.B. rund um den Klimawandel Verschwörungstheorien in beide Richtungen kursieren. Im Zusammenhang damit wurde mir kürzlich in einer Diskussion geschrieben:

    Dass der westliche Mensch den Rest der Welt ausbeutet und Ursache des Klimawandels ist, wäre dann also auch eine Verschwörungstheorie erster Güte, oder?!

    Dass „der westliche Mensch“ Ursache des Klimawandels ist, mag eine Verschwörungstheorie sein oder auch nicht, jedoch ist „der westliche Mensch“ keine Wissenschaft.

    An anderer Stelle hieß es im Zusammenhang mit dem Ausbruch der Corona-Pandemie (Zitat unverändert übernommen):

    das es aus einem chinesischen Labor stammt….kann man denken, muss man aber nicht

    Das kann man denken, ja. Doch damit, dass man denkt (respective glaubt), dass es aus einem chinesischen Labor stammt, wäre weder etwas bewiesen noch das Gegenteil davon. Man hätte aber für sich einen möglichen Sündenbock parat — allerdings nicht die Wissenschaft, sondern das chinesische Labor bzw. die dort beschäftigten Wissenschaftler.

    Fazit:
    Ohne mindestens einen Sündenbock scheinen Verschwörungstheorien nicht auszukommen und nicht zu funktionieren. Die Wissenschaft eignet sich als Sündenbock jedoch in keinem Fall, sondern es müssen wohl Menschen, manchmal auch andere Lebewesen, in seltenen Fällen sogar tote Gegenstände dafür herhalten.

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    Beitragsbild oben:
    Collage aus
    Asian_Openbill_8279.jpg (Author: Alnus)
    Bralitz_von_Westen.jpg (Author: Eva K. / Eva K.)
    beide: commons.wikimedia.org

    Beitragsbild mitte:
    Ausschnitt aus Dollarnote_siegel_hq.jpg (Benutzer: Verwüstung)
    commons.wikimedia.org

    Beitragsbild unten:
    Der Sündenbock, Gemälde von William Holman Hunt, 1854
    commons.wikimedia.org


    Eckhardt Kiwitt
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    In einer Zeit des Umbruchs

    Europa1d-6x6Der gestrige 8. Mai 2020, 75. Jahrestag der bedingungslosen Kapitulation eines Landes, das zwölf Jahre lang von einem psychopathischen Regime zielstrebig und teils unter dem Jubel, teils begleitet von der Ahnungslosigkeit oder dem Desinteresse der Menschen ins Verderben geführt wurde, aber auch die Herausforderungen, die die derzeitige Corona-Pandemie einerseits sowie das Agieren einiger Verschwörungstheoretiker und -praktiker und Rechtspopulisten / Rechtsreaktionäre andererseits für dieses Land, für Europa und weltweit mit sich bringt — jener Rechtspopulisten, die, wie einst die Machthaber im „Dritten Reich“ und in der DDR in diffamatorischer Absicht wieder von „Lügenpresse“ reden und die damit zum Ausdruck bringen, dass sie womöglich nur das in den Medien veröffentlicht wissen wollen, was sie selber für „die Wahrheit“ halten, jener Rechtspopulisten und Rechtsreaktionäre, die den freiheitlichen demokratischen Rechtsstaat nach kräften schlechtzureden versuchen in der Hoffnung, sich dereinst als Retter in der Not anbiedern zu können und die doch gleichzeitig von sich behaupten, „das Volk“ zu sein — und die Verantwortungslosigkeit mit Freiheit verwechseln — ruft mir eine längere Rede in Erinnerung, die der Abgeordnete Dr. Carlo Schmid (SPD) vor dem Parlamentarischen Rat am 8. September 1948 gehalten hat.

    Ich halte diese Rede auch heute noch — oder heute wieder — für aktuell und sehr lesenswert und empfehle sie gern weiter.

    Einen kurzen Abschnitt möchte ich hervorheben:

    Ich für meinen Teil bin der Meinung, daß es nicht zum Begriff der Demokratie gehört, daß sie selber die Voraussetzungen für ihre Beseitigung schafft. Ja, ich möchte weiter gehen. Ich möchte sagen: Demokratie ist nur dort mehr als ein Produkt einer bloßen Zweckmäßigkeitsentscheidung, wo man den Mut hat, an sie als etwas für die Würde des Menschen Notwendiges zu glauben. Wenn man aber diesen Mut hat, dann muß man auch den Mut zur Intoleranz denen gegenüber aufbringen, die die Demokratie gebrauchen wollen, um sie umzubringen.

    Zur Vertiefung Ausschnitte aus der Rede des Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier am 8. Mai 2020 in Berlin: „Es gibt keine Erlösung von der Geschichte“.

    Ein PDF (42 Seiten im Format 11,5 x 17,5 cm) mit dem vollständigen Text der Rede von Carlo Schmid (SPD) aus dem Jahr 1948, bereinigt von ein paar wenigen Tipfehlern, die sich seinerzeit eingeschlichen hatten, biete ich zum kostenlosen Download auf meiner Website an.

    Den — urheberrechtlich offenbar nicht geschützten — Text habe ich der Website Costima entnommen.

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    Beitragsbild:
    Europa auf dem Stier, vor dem Sternenkranz der Europa-Fahne.
    Eigenes Werk


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    Ramadan — Zeit der Heuchelei ?

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    _____ Religiöse Werte _____

    In vielen Religionen gibt es eine Fastenzeit, die der Besinnung auf religiöse Werte dienen soll. Allerdings sind wir Menschen nicht immer ganz perfekt, und so kann es vorkommen, dass Religionen manchmal ein wenig — menschlich, allzu menschlich — zweckentfremdet werden und von Heuchelei zu reden nicht ganz abwegig erscheint. Wir Menschen neigen nunmal dazu, unser Fehlverhalten zu rationalisieren, um uns wenigstens uns selbst gegenüber den Anschein von Lauterkeit zu verleihen.

    In einem Beitrag zum Ramadan des Jahres 2017 in der FAZ schreibt Aylin Güler am 2. Juni 2017 im zweiten Absatz:

    Aber auch moralische Sünden, wie Beleidigungen und Lügen dürfen in dieser Zeit nicht begangen werden.

     

    Ah, nicht in dieser Zeit … Aber wie schaut es außerhalb dieser Zeit aus? Ist es dann erlaubt? Wir erfahren es leider nicht.

    Aylin Güler fährt fort:

    Wann findet Ramadan statt?

    2017 dauert der Ramadan vom 27. Mai bis zum Ramadanfest am 24. Juni. Muslime, die in Skandinavien am Polarkreis leben, wo im Sommer die Sonne praktisch nie untergeht, halten sich an die Zeiten im saudi-arabischen Mekka oder der Türkei.

     

    Dass der Ramadan für Muslime in der Nähe des Polarkreises in manchen Jahren zu einem existenziellen Problem werden kann, konnte man bereits in einem Aufsatz erfahren, der im Jahr 2006 erschienen ist. Dort ist im Kapitel 3 [Die fünf (eigentlich sechs) Säulen des Islams] in Unterpunkt 4. [Das Fasten während des Ramadans — Saum] zu lesen:

    Der Ramadan kann in jede Jahreszeit fallen, da der islamische Kalender nicht dem neuzeitlichen, logischen Sonnenjahr folgt, sondern dem Mondjahr. Wie sich der Ramadan für einen Moslem gestaltet, der z.B. in Island oder auf Spitzbergen im Norden von Norwegen lebt, oder der z.B. als Wissenschaftler in der Antarktis tätig ist, sollte von islamischen Gelehrten erklärt werden; denn wenn der Ramadan in die Zeit des Sommers der Nordhalbkugel fällt, ist es dort mehrere Wochen lang „Tag“. Die Sonne geht dort dann nicht unter, und ein Moslem, ob Isländer, Norweger, Same, Türke, Araber oder Deutscher  … kann dort über diesen Zeitraum bei natürlichem Licht jederzeit „einen weißen von einem schwarzen Faden unterscheiden“. Dann aber kann das Fasten während des Ramadans z.B. in Island oder auf Spitzbergen oder anderswo im Hohen Norden oder Süden für Muslime zu einem existenziellen Problem werden.

    Warum sich Muslime, die "am Polarkreis" leben, gemäß der Beschreibung von Aylin Güler (FAZ) während des Ramadans "an die Zeiten im saudi-arabischen Mekka oder der Türkei" halten, wird leider nicht näher erläutert. Warum gilt dies nicht auch für Muslime, die z.B. nördlich oder südlich des 47sten Breitengrades leben? Ihnen könnte doch viel Ungemach erspart bleiben!

     

    Müssen alle Muslime fasten?

    Im Koran steht zum Ramadan geschrieben:

    Der Monat Ramadan ist es, in dem der Qur’an als Rechtleitung für die Menschen herabgesandt worden ist und als klarer Beweis der Rechtleitung und der Unterscheidung. Wer also von euch in dem Monat zugegen ist, der soll in ihm fasten. Und wer krank ist oder sich auf einer Reise befindet, soll eine Anzahl anderer Tage (fasten) – Allah will es euch leicht, Er will es euch nicht schwer machen – damit ihr die Frist vollendet und Allah rühmt, daß Er euch geleitet hat. Vielleicht werdet ihr dankbar sein. [2:185]

     

    Hat man im FAZ-Beitrag von Aylin Güler oben erfahren, dass sich "die 29- oder 30-tägige Fastenzeit immer um zehn bis elf Tage pro Jahr" [wegen des Jahreslaufs der Erde um die Sonne] verschiebt (siehe Screenshot 2: "Wann findet Ramadan statt?"), der Ramadan also über einen Zeitraum von mehr als einer Dekade durch das ganze Jahr wandert, so heißt es im Koran ([2:185]), dass der Koran im Ramadan — also während einer nur 29- oder 30-tägigen Periode — herabgesandt worden sei. Die medinesische Sure 2 "Die Kuh" (Al-Baqara) ist chronologisch die Nummer 91, also geraume Zeit vor Abschluss der 23-jährigen Entstehungszeit des Korans entstanden. Stimmig erscheint mir dies nicht.

    Nachdenklich macht es, dass zur Teilnahme am Fasten während des Ramadans nur angehalten wird, wer "von euch in dem Monat zugegen ist" [2:185]. "Zugegen" wo? In Saudi-Arabien, in Mekka, in Medina, in oder auch außerhalb einer Moschee — oder auch woanders? Und was ist zu erwarten, falls jemand — entgegen dem Schlusssatz aus [2:185] ("Vielleicht werdet ihr dankbar sein.") — nicht dankbar ist?

    Alles in allem erweckt die Geschichte rund um den Ramadan bei mir den Eindruck, dass sie unausgegoren ist.

    + + +

    P.S.: Im Koran ist an 15 Stellen vom Nachdenken die Rede, recht eindringlich in der mekkanischen Sure "An-Nahl" (Die Bienen) in diesem Vers …

    (Wir entsandten sie) mit den deutlichen Zeichen und mit den Büchern; und zu dir haben Wir die Ermahnung herabgesandt, auf daß du den Menschen erklärest, was ihnen herabgesandt wurde, und auf daß sie nachdenken mögen. [16:44]

    … sowie in der medinesischen Sure "Muhammad" (Mohammed) in Vers 24:

    Wollen sie also nicht über den Qur’an nachdenken, oder ist es (so), daß ihre Herzen verschlossen sind? [47:24]

    Ich wollte es nicht unversucht lassen …

     

    Den vollständigen Beitrag von Aylin Güler mit dem Titel "Wie erkläre ich’s meinem Kind? Was Muslime im Ramadan machen" finden Sie hier.

    _____
    Beitragsbild:
    Das Speisewunder. Aus der Prophetenbiographie Siyer-i Nebi, Osmanisches Reich, 1388, illustriert Ende des 16. Jahrhunderts.


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    530. Wort zum Sonntag, den 1.3.2020

    FastenMt 4,1-11: Dann wurde Jesus vom Geist in die Wüste geführt; dort sollte er vom Teufel versucht werden. Als er vierzig Tage und vierzig Nächte gefastet hatte, hungerte ihn. Da trat der Versucher an ihn heran und sagte: Wenn du Gottes Sohn bist, so befiehl, dass aus diesen Steinen Brot wird. Er aber antwortete: In der Schrift heißt es: Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von jedem Wort, das aus Gottes Mund kommt. Darauf nahm ihn der Teufel mit sich in die Heilige Stadt, stellte ihn oben auf den Tempel und sagte zu ihm: Wenn du Gottes Sohn bist, so stürz dich hinab; denn es heißt in der Schrift: Seinen Engeln befiehlt er um deinetwillen, und: Sie werden dich auf ihren Händen tragen, damit dein Fuß nicht an einen Stein stößt. Jesus antwortete ihm: In der Schrift heißt es auch: Du sollst den Herrn, deinen Gott, nicht auf die Probe stellen. Wieder nahm ihn der Teufel mit sich und führte ihn auf einen sehr hohen Berg; er zeigte ihm alle Reiche der Welt mit ihrer Pracht und sagte zu ihm: Das alles will ich dir geben, wenn du dich vor mir niederwirfst und mich anbetest. Da sagte Jesus zu ihm: Weg mit dir, Satan! Denn in der Schrift steht: Den Herrn, deinen Gott, sollst du anbeten und ihm allein dienen. Darauf ließ der Teufel von ihm ab und siehe, es kamen Engel und dienten ihm.

    Kardinal Schönborn titelt heute seine Predigt "Wozu und wie fasten?". Ja, da gibt's verschiedene Möglichkeiten! Heute wird hauptsächlich gefastet, um Übergewicht zu reduzieren, weil Übergewicht ist ungesund und schaut auch nicht schön aus! In alten Zeiten war das Fasten ein oft notwendiges Übel, weil es zuwenig Nahrung gab. Die armen Leute fasteten, wenn sie nichts zu essen hatten, die jetzige Winterzeit war in alten Zeiten speziell eine Zeit zum Fasten, weil die angelegten Nahrungsvorräte weniger wurden und man damit solange auskommen musste, bis die Natur Nachschub lieferte, weil zum Beispiel gab's in den biblischen Zeiten schließlich noch keine Gefriereinrichtungen und Konservendosen!

    Dieses Fasten aus Nahrungsmangel ist heute in unseren Breiten schon lange keine Massenerscheinung mehr, aber im religiösen Bereich sind davon noch Bräuche geblieben: Im ausgehenden Winter ist Fastenzeit, weil man seinerzeit mit den Vorräten sparsam umgehen musste. Und wie es eben seinerzeit üblich war, regelte die religiöse Moral solche Dinge, wenn Gott das Fasten befahl, dann war das Fasten eben eine Pflicht!

    Dazu haben wir heute eine lustige Geschichte aus der Bibel, der Jesus als zweiter Teil des dreiteiligen, bzw. dreifaltigen allmächtigen Gottes, wird mit läppischen teuflischen Versuchungen belästigt! Der letzte Satz im obigen Evangelium ist zudem zweideutig, "darauf ließ der Teufel von ihm ab und siehe, es kamen Engel und dienten ihm." Wem haben die Engel gedient? Dem Teufel oder dem Jesus? Von der Satzstellung her ist beides grammatikalisch möglich!

    Aber das nur nebenbei, der Teufel, der einen allmächtigen und allwissenden Gott versucht, ist jedenfalls ein dummer Teufel. Aber solche Dummheiten sind ja in der Bibel nix Ungewöhnliches! Was schreibt heute der Herr Schönborn dazu? Er sieht das 40tägige Jesusfasten so: "Kaum jemand fastet so radikal wie Jesus. Es wäre wohl auch nicht zu verantworten, 40 Tage völlig ohne Nahrung zu bleiben. Wie dann aber sinnvoll die Fastenzeit leben?" Ja, einer der 40 Tage nix isst, der wird wohl verhungern! Im Internet war dazu zu finden: "Erwachsene Menschen können nur etwa zwölf Tage und Kinder sogar nur sieben bis acht Tage ohne Nahrungsaufnahme bestehen und dann infolge vollständiger Erschöpfung sterben".

    Die 40tägige christliche Fastenzeit war natürlich nie eine komplett nahrungslose Zeit, sonst wäre das Christentum ja schon sehr lange ausgestorben. Fasten bedeutete ursprünglich, aus religiösen Gründen zeitweilig auf Nahrung bzw. auf bestimmte Speisen zu verzichten, heute geht's beim Fasten in der Regel um das Einhalten einer Diät, lateinisch "diaeta" = geregelte Lebensweise.

    Eine alte katholische Fastenvorschrift, die von der r.k. Kirche schon in den 1960er-Jahren abgeschafft wurde, hat sich in Bereichen bis heute gehalten: Der fleischfreie Fasttag freitags, in vielen Gaststätten und Betriebskantinen gibt's immer noch im Freitagsmenu die seinerzeit katholisch als fleischfrei deklarierten Fische! Dabei ist das vom Ursprung her, eine typisch katholische Heuchelei gewesen, man deklarierte das Fischfleisch zum Nichtfleisch und damit zur Fastenspeise: da konnten dann fettgefressene Prälaten sündenfrei am Freitag fette Karpfen fressen!

    Aber auch das nur nebenbei, was erzählt der Schönborn seinen Predigtlesern? Er ist durchaus realistisch: "Bei uns gab es früher auch feste Fastenbräuche, etwa das strikte Fleischverbot am Freitag. Heute muss jeder selber sein Fasten gestalten, und viele tun es auch, als Heilfasten, für die Gesundheit, zum Entschlacken, um seelisch und körperlich wieder frisch und fit zu werden. So steht am Anfang dieser Fastenzeit die Frage: Wozu fasten? Wie fasten? Was nehme ich mir persönlich für diese vierzig Tage vor?"

    Schönborns Schlussabsatz: " Wozu und wie also fasten? Sicher auch für die eigene Gesundheit. Aber wenn ich dadurch nicht aufmerksamer für Gott und die anderen werde, rücksichtsvoller und einfühlsamer, dann war das Fasten bloß ein egoistischer Trip. Dann bin ich dem Versucher auf den Leim gegangen. Davor will uns Jesus bewahren."

    Also für sich selber zu fasten, ist egoistisch und darum eine Sünde! Und davor bewahrt der Jesus den Schönborn. Den Menschen wird das wurscht sein, das Diätfasten ist längst das Normale und die Zahl der Faster wegen Gott wird heute wohl recht klein sein…

     

    Entnommen bei www.atheisten-info.at ( Erwin Peterseil).




    Der Papst und die Christenverfolger

    FranzlDarüber verbreitete Radio Vatikan schon am 7.2.2020 die folgende Meldung, deren Link zur deutschsprachigen Version am 21.2. durchs Internet zog:

    Papst Franziskus: "Gegen Christentum ist ein Prozess im Gang"

    Radio Vatikan: Papst Franziskus sieht auch heutzutage heftigen gesellschaftlichen Gegenwind gegen das Christentum. Das sagte er in einem Fernsehgespräch, aus dem an diesem Freitag (=6.2.) Ausschnitte bekannt wurden.
    "Gegen das Christentum ist ein Prozess im Gang, immer schon – es wird verfolgt. Es gibt einen Prozess, der es vernichten will – und zwar, weil das Christentum als Bedrohung gesehen wird. Die Geschichte des Christentums ist eine Geschichte der Verfolgung."

    Atheistische Anmerkung: Ja das Christentum ist durch die Jahrhunderte eine Geschichte der Verfolgung gewesen, nach dem alten Schema: "Willst du nicht mein Bruder sein, dann schlag ich die den Schädel ein". Und ein großer Teil der Welt wurde mittels hauptsächlich christkatholischer Gewalt christlich!
    Hier eine zeitgenössische Zeichnung über die Katholisierung Südamerikas:

    Taufunwillige wurden aufgehängt, ihre kleinen Kinder zwangsgetauft und dann umgebracht, damit sie in den Himmel kommen, weil sie als Tote ja nimmer vom Glauben abfallen konnten.

    Im Laufe des 20. Jahrhunderts konnte die christkatholische Gewalt dann weitgehend abgebaut werden, die letzte katholische Diktatur in Europa endete 1975 mit dem Tod des Diktators Franco in Spanien, dieser hatte durch die Gnade Gottes diktiert, denn sein Titel war "por la gracia de Dios, Caudillo de España" (durch die Gnade Gottes, Führer von Spanien).
    Jetzt fühlt sich die Kirche verfolgt, weil sie die weltliche Macht ziemlich eingebüßt hat.

    Radio Vatikan: Die "christliche Wahrheit" werde "im Durchhalten der Christen" deutlich, so der Papst, namentlich im "Durchhalten gegen die Weltlichkeit". Eine "Geschichte der Erfolge" sei die Geschichte des Christentums allerdings nicht.

    Atheistische Anmerkung: Der Säkularismus ist in den entwickelten Staaten zumindest in Europa zur Selbstverständlichkeit des Alltages geworden, dagegen hat die katholische Kirche in unseren Gegenden keine Chance mehr, in Österreich oder Deutschland ist auch für 90 % der katholischen Kirchenmitglieder der Sonntag kirchenfrei! Sowas tut dem Papst natürlich weh, speziell, weil er keinerlei Macht mehr hat, dagegen was zu tun. Und die Geschichte des Christentums war nie eine auf dem freien Willen der Menschen beruhende Erfolgsgeschichte, die längste Zeit war es eine aufgezwungene Verpflichtung, die paar Prozent freiwilliger Christen in den heutigen Zeiten sind längst nur noch eine Erscheinung am Rande des Säkularismus! Dass das den Papst ärgert, macht natürlich Leuten wie meinemeinen Freude!

    Radio Vatikan: Das Interview mit Franziskus dreht sich hauptsächlich um das Glaubensbekenntnis; es wird demnächst vom italienischen katholischen Fernsehsender TV 2000 ausgestrahlt. Der Papst nutzte das Gespräch auch, um einmal mehr gegen die aus seiner Sicht allzu perfekten Christen auszuteilen.
    ' "Wenn ich Christen sehe, die allzu sauber sind – die die ganze Wahrheit für sich reklamieren, die reine Lehre – und die sagen, wir müssen dies und das tun, die aber nicht dazu imstande sind, sich auch mal die Hände schmutzig zu machen, um jemandem zu helfen, dann sage ich: Ihr seid gar keine Christen! Ihr seid mit Weihwasser besprenkelte Theisten, ihr seid noch nicht zum Christentum gelangt…"

    Atheistische Anmerkung: Na, wie oft im Jahr wird sich der Papst helfend die Finger schmutzig machen? Und: Helfen tut den Menschen der Sozialstaat! Für andere Helfer bleiben nur Randnischen übrig. Stellt Euch eine Welt vor, in der es keine allgemeine Krankenversicherung mit entsprechenden Gesundheitsdiensten gibt, keine Arbeitslosenversicherung, keine Kindergelder, keine staatliche Pension, keine sonstigen Sozialhilfeeinrichtungen und die  Menschen wären ständig auf gegenseitige Barmherzigkeiten angewiesen, so eine Welt wäre entsetzlich! So entsetzlich wie sie in den hohen Zeiten des Katholizismus gewesen war: Mit Leibeigenschaften, mit Adelsherren, mit Sklaverei, ohne öffentliche Bildungseinrichtungen, ohne bürgerliche Rechte für alle usw. usf.!
    Freuen wir uns, dass sich der Papst über den herrlichen Säkularismus ärgert, der uns das alles gebracht hat und den WIR – speziell auch gegen die katholische Kirche – erkämpfen mussten und erkämpft haben, um die Welt zu verbessern!

     

    Entnommen bei www.atheisten-info.at ( Erwin Peterseil).




    Blasphemiewächter und Gottesleugner

    Maome_300dpi_10x10_mirror_rgbÜber die Gottesfürchtigkeit

    Blasphemie, gemeinhin übersetzt mit „Gotteslästerung“, wenngleich es nur „Rufschädigung“ bedeutet, ist ein je nach persönlichem Rechtsempfinden unterschiedlich interpretierter und gewichteter Begriff. Mancherorts gilt „Gotteslästerung“ als todeswürdiges Verbrechen, andernorts ist sie juristisch nicht eingeordnet und nicht gewertet. Ich halte den Begriff für sinnlos, da es das zugehörige „Gott“ nicht nachweislich gibt (vlg. den Beitrag Nichtexistenz), sondern es sich bei „Gott“ lediglich um eine Idee in den Köpfen von Menschen handelt, dieses „Gott“ aus sich heraus jedoch keine Wechselwirkungen zeigt.

    Maome_300dpi_frame-rgb

    Das Bilderverbot im Islam ist in einigen Ländern eine ernste Angelegenheit. So ernst, dass manch einer meint, die einschlägigen gesetzlichen Bestimmungen dazu würden — oder müssten — auch außerhalb des islamischen Kulturkreises gelten.

    Am 3. Februar 2020 erreichte mich eine E-Mail von WordPress, in der es heißt:

    A Pakistan authority has demanded that we disable the following content on your WordPress.com site:
    Mohammed in Bildern

    Übersetzung: Eine pakistanische Behörde hat verlangt, dass wir die folgenden Inhalte auf Ihrer WordPress.com-Website deaktivieren …

    Es folgt ein Hinweis darauf, wie man (staatliche) Restriktionen im Internet und speziell auf WordPress-Webseiten umgehen kann — «bypassing Internet restrictions» –, gefolgt vom Text der Beschwerde einer „Pakistan authority“:

    Screenshot einer E-Mail vom 03.02.2020
    (eigenes Werk)

    The Pakistan case

    Begin complaint

    Dear WordPress Team,

    It is highlighted that following links pertaining to Fake information and derogatory remarks against Prophet Muhammad (PBUH) by showing insulting images, which are unlawful under Blasphemous category as defined in Section 37 of Prevention of Electronic Crime Act (PECA-2016), Pakistan Penal code 295, 295A, 295B, 295C and Section 19 of the constitution of the Pakistan.
    Keeping above in view, It is requested to please support in removing URL‘s from your platform at earliest please.
    The below mentioned websites can be found on following URL’s:-
    7. https://islamprinzip.wordpress.com/mohammed-images/
    […]
    Looking forward for your prompt response please.
    Regards
    Web Analysis Team
    +92 51 9214396

    End complaint

    WordPress wird dem Begehren der „Pakistan authority“ nicht folge leisten. Ich sehe dazu ebenfalls keinen Grund.

    Besagte „Pakistan authority“ bzw. das die Beschwerde unterzeichnende Web Analysis Team ist, wie eine Google-Suche nach der in der Beschwerde angegebenen Telefonnummer ergibt, seit Jahren bemüht, Inhalte aus dem Internet entfernen zu lassen, die den Blasphemie-Gesetzen Pakistans zuwiderzulaufen scheinen.

    Insbesondere der Hinweis des Web Analysis Teams auf „insulting images“ scheint mir in Bezug auf die von mir auf meiner Website veröffentlichten Mohammed-Bilder arg weit hergeholt, handelt es sich doch einerseits (vermutlich mit Ausnahme des letzten Bildes „Die Hauptmoschee von Medina mit dem Grab Mohammeds“, eines Stahlstichs aus dem 19. Jhdt.) ausschließlich um Bilder aus dem islamischen Kulturkreis (Osmanisches Reich, Persien, Arabien, Algerien, …), andererseits um Darstellungen, die das Leben des Islam-Erfinders von der Geburt bis zum Tod widerspiegeln. Inwieweit diese Bilder „beleidigend“ sind („insulting images“), bedürfte einer Erklärung.

    Zwar ruft der Artikel 20 Absatz 2 des Internationalen Pakts über bürgerliche und politische Rechte dazu auf, „Die Verfechtung nationalen, rassistischen oder religiösen Hasses, welche zur Diskriminierung, Feindseligkeit oder Gewalt anstiftet.“ zu verbieten. Die Wiedergabe von Bildern des Propheten und Islam-Erfinders Mohammed, zumal wenn es sich um Bilder aus dem islamischen Kulturkreis handelt, scheinen mir dazu jedoch nicht geeignet. Nichtmal die im Jahr 2005 von einer Regionalzeitung in Dänemark veröffentlichten sogenannten Mohammed-Karikaturen scheinen dazu geeignet, da insbesondere die Frage bleibt, ob es sich bei dem in diesen Karikaturen Abgebildeten um einen Propheten handelt und woran man diesen erkennen kann.

    Besonders pikant finde ich, dass die Beschwerde aus einem Land kommt, in dem die Religionsfreiheit einen schweren Stand hat und in dem ein bloßes Gerücht reichen kann, um jemanden vor Gericht zu bringen wo ein Todesurteil dann in so einem Fall nicht selten ist, oder von einem aufgebrachten Mob gelyncht zu werden. Dass Menschen aus welchen Gründen auch immer frustriert sein können und ihren Frust und den daraus entstehenden Hass an willkürlichen Opfern — Sündenböcken — auslassen, ist ein die Kulturgeschichte der Menschheit durchziehendes Verhalten. Eine Entschuldigung ist es nicht und kann es nicht sein.

    William Holman Hunt: The Scapegoat, 1854.

    William Holman Hunt: The Scapegoat, 1854.

    Bemerkenswert finde ich, dass Menschen mit einem Glauben an ein Allmächtiges Gott meinen, in Fällen von „Blasphemie“ gegen den vermeintlichen Täter vorgehen zu müssen statt darauf zu vertrauen, dass sich das Allmächtige Gott höchstselbst der Sache annimmt und gegen den vermeintlichen Täter aktiv wird. Damit bringen sie m.E. einerseits zum Ausdruck, dass ihr Glaube nicht allzu stark ist, andererseits machen sie sich damit selbst der von ihnen angeprangerten „Blasphemie“ schuldig, weil sie ihrem Gott die Allmacht absprechen oder diese zumindest anzweifeln und ihm kein Vertrauen entgegenbringen, ja ihren Gott verleugnen. Sie sind — vielleicht aufgrund einer Unfähigkeit zur Selbstreflexion — Blasphemiewächter und Gottesleugner zugleich.

    _____
    Beitragsbilder (alle gemeinfrei):

    Persian or central Asian illustration showing Muhammad (on the right) preaching., Wikimedia.org

    William Holman Hunt (1827-1910), The Scapegoat (painting), Wikipedia.org

    ~ ~ ~

    Hinweis:
    Diesen Beitrag habe ich am 16. Februar 2020 in Englischer Übersetzung (Rohfassung) auch auf der englischsprachigen Version meiner Website veröffentlicht.


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    Zeitgeschichtlich interessante, spannend erzählte Lebensgeschichte eines jungen Mädchens

    Reise zwischen zwei LebenRezension von Gerfried Pongratz:

    Katrin FitzHerbert: „Reise zwischen zwei Leben – Odyssee eines Kindes“

    © AbisZett-Verlagsgenossenschaft, CH-3007 Bern, 2020, ISBN 978-3-907192-02-3, 305 Seiten.

    Die für ihr Lebenswerk mit der Ehrendoktorwürde der Universität von West-London ausgezeichnete Autorin Katrin FitzHerbert blickt auf ihre außergewöhnliche Kindheit und Jugend und auf die den Wirren der Zeit geschuldete abenteuerliche Geschichte ihrer deutsch-englischen Familie über drei Generationen zurück. 1936 als Tochter eines NSDAP-Offiziers und einer englischstämmigen Mutter in Berlin geboren, verinnerlichte sie als Kind die ihr suggerierte „über allen anderen Nationen stehende“ Welt des Nationalsozialismus, bis die Familie vor Bomben und Kriegsgeschehen aus Berlin floh und 1946 – von der Mutter veranlasst – ohne den Vater nach London übersiedelte, wo Katrin, ohne englisch sprechen zu können, beim bis dahin gehassten Feind ihre deutsche Herkunft verleugnen und mit neuem Namen eine englische Scheinidentität annehmen musste.

     

    Der Originaltitel des bereits 1997 erstmalig veröffentlichten Buches – „True to both my Selves“ – kennzeichnet besser als der deutsche Titel die Intention von Katrin FitzHerbert: die Suche nach ihrem „Selbst“. Das Aufwachsen als gläubiges Nazikind eines geliebten Vaters, dessen Aktivitäten als hoher NSDAP Funktionär und Offizier die Familie nicht kennt, die geglaubte Notwendigkeit, in England vom 10. bis zum 18. Lebensjahr die bisherige Identität verstecken zu müssen, das Eintauchen in eine andere Kultur und in Lebensweisen, die sie anfangs wegen mangelnder Sprachkenntnisse nicht versteht, das Leben in Armut, Scham und Unsicherheit führt zu schweren seelischen Belastungen: „Während ich äußerlich zu einem ganz normalen englischen Mädchen heranwuchs, lauerte im hintersten Winkel meines Verstandes noch ein verwirrtes Nazikind“. Das nach und nach sich entwickelnde Bewusstsein, dass der Nationalsozialismus, an den sie bedingungslos geglaubt hatte, eine verbrecherische Ideologie war, verstärkt die Belastungen und führt zu einer schweren Identitätskrise.

     

    Die Verwirrungen dieses Aufwachsens und die Erkenntnis, fast ein ganzes Leben lang fremdbestimmt gewesen zu sein, veranlasste Katrin FitzHerbert, sich fünfzig Jahre nach der sogenannten „Heimkehr“ nach England mit der Geschichte ihres Vaters, ihrer Mutter und der Großeltern mütterlicherseits – spiegelverkehrt zu ihren Eltern eine englische Frau mit einem deutschem Mann – intensiv zu befassen. Letztere hatten in London zur Zeit des ersten Weltkrieges Hass, Enteignung, bittere Not und Internierung erfahren, was sie 1919 veranlasste, mit ihrer damals neunjährigen Tochter – der Mutter der Autorin – nach Berlin zu übersiedeln. Trotz schwerer Zeiten mit politischen Krisen und galoppierender Inflation gelang es ihnen, sich dort mit harter Arbeit eine neue, sehr erfolgreiche Existenz als Friseure aufzubauen, ihrer Tochter ein schönes Aufwachsen zu ermöglichen und später auch den beiden Enkelkindern liebevolle Geborgenheit zu vermitteln.

     

    Trotz der tragischen Zeit- und Lebensumstände gelingt es der Autorin, eingebettet in ihre ungewöhnliche Familiengeschichte, die Erlebnisse, Empfindungen, Freuden, aber auch extremen Belastungen ihrer Kindheit und Jugend nicht nur spannend, sondern auch berührend humorvoll zu vermitteln. Die Beschreibung der handelnden, z.T. exzentrischen Personen innerhalb und außerhalb der Familie, die Erlebnisse mit nahezu unzähligen Wohnungswechseln sowie die Erfahrungen in vierzehn verschiedenen Schulen bieten zudem ein buntes, aufschlussreiches Bild deutscher und englischer Lebensweisen. Die „Reise zwischen zwei Leben“ erzählt mit Witz und Esprit das Aufwachsen eines intelligenten, wissbegierigen Kindes und beleuchtet damit gleichzeitig die Lebens- und Zeitumstände der ersten sechs Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts.

     

     




    Indianer als Muslime…

    Winnetou… deklarierte Scheich Salem Salameh vom Legislativen Rats der Hamas, er hält die Ureinwohner der USA für Muslime, der erste Präsident der USA habe sie wegen ihres Glaubens umgebracht.

    Das berichtete das Institut für Islamfragen schon am 14.01.2020 – entdeckt und hier online gestellt wurde der Text erst am 28.1.:

    Israel National News berichtete am 13. Januar 2020 berichtete über eine Behauptung eines Mitglieds des Legislativen Rates der Hamas im Gazastreifen, Scheich Salem Salameh, der auch Stellvertreter der palästinensischen Vereinigung Islamischer Wissenschaftler ist.
    Scheich Salem Salameh soll in einem Interview mit dem libanesischen Fernsehsender Mayadeen gesagt haben, dass es unvorstellbar sei, dass andere Muslime Israel anerkennen und ihre Beziehung zu Israel normalisieren wollen. Das wäre ein Verrat an Gott und auch ein Verrat am Islam und an den Muslimen weltweit, denn Palästina und Jerusalem seien islamisches Gebiet, das allen Muslimen weltweit gehöre.
    Er soll auch behauptet haben, dass der erste amerikanische Präsident, George Washington (1732–1799), die einheimischen Indianer in Amerika erst gewarnt und dann getötet habe, weil sie Muslime gewesen seien und Moscheen besessen hätten. Außerdem habe Scheich Salameh gesagt, dass die USA Gesetze erlassen habe, die es den Juden erlauben würden, Palästinenser zu töten.

    Quelle: Israel National News, 13.01.2020 (http://www.israelnationalnews.com/News/News.aspx/274497): "George Washington killed Indians because they were Muslims"

    Soweit diese Meldung! Die Sage vom Islam in Amerika tauchte ja schon früher auf: Im März 2017 hatte der türkische Regent Erdogan behauptet, Muslime hätten Amerika zuerst entdeckt. Die Begründung: Amerika-Entdecker Columbus erwähne in seinen Aufzeichnungen "die Existenz einer Moschee auf einem Berggipfel an der kubanischen Küste." Diese angebliche "Moschee" war allerdings nur als bildhafter Vergleich zur Beschreibung einer Hügelkette. Der Columbus-Text im Original: "una de ellas tiene encima otro montecillo a manera de una hermosa mezquita". Übersetzt: "Einer von ihnen hat oben einen anderen Hügel in Art einer schönen Moschee".
    Vielleicht hat Scheich Salem Salameh diese Erdogan-Meldung ausgegraben und für wahr gehalten?

     

    Entnommen bei www.atheisten-info.at ( Erwin Peterseil).




    Kritik und Angst — Wider die Selbstgerechtigkeit

    Mahomet-Zitat_10x10Im Mai 2012 fällte das Landgericht Köln ein vielbeachtetes Urteil zur Knabenbeschneidung, wie sie insbesondere im Judentum und im Islam üblich, aber auch z.B. in den Philippinen und den USA bei Christen weit verbreitet ist, und wertete dieses Ritual, das mich mehr an Voodoo denn an Religion (Gottes- / Göttinverehrung) erinnert, als strafbewehrte Körperverletzung (gemäß § 223 StGB). Im Verlauf der anschließenden öffentlichen Debatte wurde, soweit ich diese verfolgt habe, von keinem Politiker, keinem Journalisten und auch keinem Juristen die Frage aufgeworfen, was das Zufügen einer irreversiblen Körperverletzung mit dem im Artikel 4 Satz 2 des Grundgesetzes für die Bundesrepublik Deutschland zwar „gewährleisteten“, aber keineswegs uneingeschränkt garantierten Recht der „ungestörten Religionsausübung“ zu tun hat. Auch wurde m.W. nicht erörtert, inwieweit es das Erziehungsrecht der Eltern beinhaltet, kleine Kinder oder wehrlose Babys zu verstümmeln, Kinder dadurch „erzogen“ werden.

    » Aus Angst ?

    Stattdessen wurde – m.E. mehr in Wort­hülsen und in Sprechblasen, die bei mir teils den Eindruck von Drohungen hinterließen statt mit Fakten unterlegt zu sein – „argumentiert“, die Religionsfreiheit würde eingeschränkt oder es würden Menschen deswegen gar ihrer Identität oder ihrer Lebensgrundlage beraubt.

    Die Zirkumzision mag in Einzelfällen aus medizinischen Gründen geboten sein, aber: Wenn ich jemandem auf der Straße begegne, sehe ich ihm gar nicht an, ob er beschnitten ist oder nicht, kann seine mögliche Religionszugehörigkeit an diesem Merkmal folglich nicht erkennen — und habe auch nicht das Bedürfnis, dies näher zu untersuchen.

    Falls das Zufügen einer irreversiblen Körperverletzung [*] – entgegen der Aussage in unserem Strafgesetzbuch – keine Straftat sein sollte, was ist es dann? Oder ist Körperverletzung nur dann keine Straftat, wenn sie „religiös“ intendiert ist? Soll also das Begehen von Straftaten dann legitimiert sein, wenn dies als zur „ungestörten Religionsausübung“ gehörend deklariert wird? Das könnte einen beträchtlichen Interpretations- und Handlungsspielraum eröffnen.

    Siehe auch den Beitrag Umkehrschluss

    [*] Falls es judentumsfeindlich, christentumsfeindlich oder islamfeindlich ist, das Begehen von Straftaten zu kritisieren: Was bedeutet dies dann im Umkehrschluss ?

    Bleibt abschließend eine Frage:
    Wie wollen Sie mit Menschenrechtsverletzungen und mit Kritik an Menschenrechtsverletzungen umgehen ?

    Zum Thema auch: BGB § 1631d, in Kraft getreten am 28.12.2012 sowie die Begründung dazu.

    Zur Vertiefung empfehle ich an dieser Stelle das Buch «Identitätslinke Läuterungsagenda — Eine Debatte zu ihren Folgen für Migrationsgesellschaften» von Sandra Kostner
    ibidem Verlag, ISBN 978-3-8382-1307-1

    Das Beitragsbild zitiert einen Satz aus Voltaires Mahomet, den der Sopir im ersten Aufzug, erster Auftritt, in der Übersetzung von Johann Wolfgang Goethe im Dialog mit Phanor sagt.

    Zum weiteren Verständnis dieses Beitrags:
    Herkunft, Abstammung, Religionszugehörigkeit und Fehlverhalten
    Wertschätzung, Unschuldsvermutung und Gerücht
    Begriffsverwirrung: Diskriminierung, Islamfeindlichkeit, Rassismus
    Missverstandene Religionsfreiheit


    Eckhardt Kiwitt
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    QS72@gmx.net

    Dieser Beitrag ist ein Auszug aus dem Text «Angst», den ich im Herbst 2012 verfasst habe.




    „Hitlers Mann im Vatikan – Bischof Alois Hudal“

    Hitlers MannRezension von Gerfried Pongratz:

    „Er träumte vom Großdeutschen Reich und widmete nach 1945 seine ganze ‚karitative Arbeit’ den früheren Anhängern des NS und Faschismus, besonders den ‚sogenannten Kriegsverbrechern’“. Der Historiker und Verlagslektor Johannes Sachslehner widmet sein neuestes Werk dem Leben und Wirken des „braunen Bischofs“ Alois Hudal und beleuchtet damit ein dunkles Kapitel in der Geschichte der katholischen Kirche, aber auch des generellen Umgangs mit der NS-Zeit in der Nachkriegsgeschichte.

     

    Alois Hudal wurde als Kind slowenischer Eltern 1885 in Graz geboren. Er studierte Theologie und ging nach seiner Promotion und Priesterweihe an das deutsche Priesterkolleg Santa Maria dell’Anima in Rom, wo er eine zweite Promotion und eine Habilitation auf dem Gebiet des Alten Testaments erlangte. 1919 wurde er Professor für Altes Testament in Graz und ab 1923 Rektor des Priesterkollegs, das er zu einem geistigen Zentrum für deutsche Kleriker in Rom auszubauen suchte. Dabei lernte er Eugenio Pacelli kennen, den päpstlichen Nuntius für Deutschland und späteren Papst Pius XII, der ihn 1933 zum Bischof weihte. Neben zahlreichen anderen Ehrungen wurde Hudal vom Papst mit dem Ehrentitel „Päpstlicher Thronassistent“ ausgezeichnet; er starb 1963 in Rom, wo er begraben liegt.

     

    Hudal war der „wahrscheinlich umstrittenste Würdenträger der modernen Kirchengeschichte“, von seinen Zeitgenossen wurde er als hochintelligenter, von ungeheurem Ehrgeiz getriebener, rastloser katholischer Aktivist, „Netzwerker“ und „karrieregeiler Außenseiter“ beschrieben. Er glaubte daran, „dass ein Volk (Anm.: das deutsche) in Europa dazu berufen ist, das geschichtliche, wirtschaftliche, politische und kulturelle Glück des Kontinents neu zu gestalten“. Seine manchmal auch offen zur Schau getragene Sehnsucht war, der Bewegung des „Führers“ anzugehören.

     

    Der Autor beschreibt Hudals Werdegang, seine rhetorischen Talente, seine Ambitionen als junger Priesterpolitiker und – überaus prägend – seine Erfahrungen als Feldkurat im ersten Weltkrieg. Hudal entwickelte dabei eine „Theologie des Todes“; die Soldaten „stünden jetzt in der besonderen Nachfolge Christi, deswegen müssten sie bereit sein, ihr Leben für das Volk und Vaterland jederzeit hinzugeben“. „Wer den Tod am Schlachtfeld erleide, sterbe auch als Märtyrer des Glaubens – nach der Auferstehung sei der direkte Weg in den Himmel vorgegeben“.

     

    Nach Kriegsende ereiferte sich Hudal über den „Schandfrieden“ und die „Bestialität“ der Sieger; sein besonderer Zorn galt der österreichischen Nachkriegsordnung, wobei er besonders über die „beiden böhmischen Juden bolschewistischer Prägung Dr. Bauer und Kautsky“ herzog. Aus dem Priester wurde ein antisemitischer Agitator, der die „Dolchstoß-Legende“ verbreitete und gegen „die vaterlandslosen Gesellen“ der Sozialdemokratie predigte; die junge Republik Österreich war für ihn ein von Juden und Bolschewiken gelenkter Staat, den er nicht als Heimat anerkennen wollte.

     

    Als Rektor der „Anima“ in Rom kann Hudal am österreichischen Konkordatstext mitarbeiten, der ab 1934 mit Regelungen zur Schule und zum Eherecht der Kirche maßgeblichen Einfluss auf die Gesellschaft sichert. Nach der NS Machtergreifung in Deutschland und 1938 in Österreich ist es Hudals Bestreben, die Kirche als Partner für die Nazis hoffähig zu machen; sein Buch „Die Grundlagen des Nationalsozialismus“ enthält ein politisches Bekenntnis zu „Großdeutschland“ und soll dazu dienen, den Katholizismus mit dem Nationalsozialismus zu versöhnen. Als Vision schwebt ihm ein „christlicher Nationalsozialismus“ vor; ein Buchexemplar geht an Hitler mit der Widmung: „Dem Führer der großdeutschen Erhebung, dem Siegfried deutscher Hoffnung und Größe Adolf Hitler“. Hudal hofft, Hitler zu einer Änderung der repressiven NS-Kirchenpolitik zu bewegen; die Ablehnung des Buches durch die Machthaber, vor allem durch Goebbels, aber auch durch den Vatikan, trifft Hudal als „Enttäuschung seines Lebens“, was ihn aber nicht daran hindert, weiterhin für „Großdeutschland“ zu agieren und im Krieg für dessen Sieg zu beten.

     

    Nach Kriegsende gelten Hudals Aktivitäten – er sieht sie als „Ausfluss der Gnade Gottes“ – vordringlich der Fluchthilfe von Nazi-Kriegsverbrechern, die er als „vielfach persönlich ganz schuldlos“ sieht. Von Pius XII geduldet, oder nicht zur Kenntnis genommen, organisiert er mit Mithelfern sogenannte „Rattenlinien“, auf denen mit von der UNO anerkannten Reise-Ersatzdokumenten des IRK und mit Hilfsgeldern – u.a. aus den USA, z.B. von der Catholic Welfare Conference – ehemalige „NS-Größen“ hauptsächlich nach Süd- und Nordamerika ausreisen können. Bis 1948 werden ca. 70.000 solche „Rote-Kreuz-Pässe“ ausgestellt, besonders prominente Namen unter den Flüchtigen sind Franz Stangl, Adolf Eichmann, Klaus Barbie, Walther Rauff, Reinhard Kopps, Erich Priebke, Eduard Roschmann. Die Schilderung der Fluchten mit den dazu notwendigen Aktivitäten, Tricks und Täuschungsmanövern ähneln Kriminalromanen. Hudal gelang es auch, das Vertrauen deutscher Regierungsstellen zu gewinnen; ab 1949 sah man ihn als einen verlässlichen Ansprechpartner und ließ ihm Honorare zukommen, z.B. für die Anwälte Walter Kapplers, des ehemaligen Kommandeurs der deutschen Sicherheitspolizei in Rom, der in Italien als Kriegsverbrecher im Gefängnis saß. Über seine Tätigkeiten schrieb Hudal (Zitat Wikipedia): „Alle diese Erfahrungen haben mich veranlaßt, nach 1945 meine ganze karitative Arbeit in erster Linie den früheren Angehörigen des Nationalsozialismus und Faschismus, besonders den sogenannten Kriegsverbrechern zu weihen, die von Kommunisten und ‚christlichen‘ Demokraten verfolgt wurden. … Hier zu helfen, manchen zu retten, ohne opportunistische und berechnende Rücksichten, selbstlos und tapfer, war in diesen Zeiten die selbstverständliche Forderung eines wahren Christentums, das keinen Talmudhaß, sondern nur Liebe, Güte und Verzeihung kennt …“

     

    Auf Druck des Vatikans trat Hudal 1952 als Rektor des Priesterkollegs zurück (in einem Brief an Papst Pius XII. dokumentierte er Verbitterung), blieb danach aber nicht untätig, sondern verfasste „Erinnerungen“, intervenierte bei italienischen Behörden für eine Begnadigung des Kriegsverbrechers Walter Reder, konferierte mit Rolf Hochhuth zu dessen Theaterstück „Der Stellvertreter“ und meldete sich zum Zeitgeschehen zu Wort. In seiner Heimat Graz wurde er zu seinem 50-jährigen Priester- und 25jährigen Bischofsjubiläum mit einem großen Hochamt im Dom und einem Festakt unter Anwesenheit höchster kirchlicher und politischer Würdenträger geehrt; aus den Einkünften seiner Memoiren wurden bis 1978 Hudal-Stipendien an bedürftige Grazer Studenten vergeben.

     

    „Hitlers Mann im Vatikan“ ist ein Buch, das Beklemmung und im Hinblick darauf, wie nach 1945 kirchliche Stellen und weltliche Behörden agierten, bzw. wegschauten, ungläubiges Staunen hervorruft. Der Autor versteht es, nicht nur die problematische Persönlichkeit Alois Hudal in vielen Facetten darzustellen, sondern auch die Zeitumstände plastisch zu schildern, wobei auch die Rolle der katholischen Kirche, insbesondere von Papst Pius XII, kritisch beleuchtet wird. Letzterer wusste von Judenverfolgungen, Deportationen und Massenmorden, erhob dagegen jedoch kaum, oder nur sehr vorsichtig die Stimme und zog es – z.B. bei der Massendeportation von Juden aus Rom nach Auschwitz – meist vor, zu schweigen. Mit zahlreichen Fotos, Faksimilien, Fußnoten und einem ausführlichen Quellennachweise ausgestattete, unter die Haut gehende Lektüre für Geschichteinteressierte!

    Johannes Sachslehner: „Hitlers Mann im Vatikan – Bischof Alois Hudal“

    © Molden Verlag, Wien – Graz, 2019, ISBN 978-3-222-15040-1, 287 Seiten

     

    Gerfried Pongratz

    Phytopathologe mit Wohnsitz in Osterwitz/Steiermark




    Andersfaschistische Aktionen

    Andersfaschistische-Aktion-Button_300Wie man das Gegenteil dessen erreicht, was man bewirken will

    Um es vorauszuschicken.:

    Ich bin kein Freund der sogenannten „AfD“ oder ähnlicher Gruppierungen und Vereine (siehe u.a. den Beitrag «Auf schwachem Fundament», letzter Absatz, auf dieser Website), und auch nicht des aus meiner Sicht politisch völlig unbedarften, ja inkompetenten Gründers dieser Partei, der ich wegen ihrer gegen die europäische Währung EURO (€) gerichteten Politik von Anbeginn ablehnend gegenüberstand. Wegen ihrer Euro- und EU-kritischen Haltung war es — vermutlich nicht nur für mich — von Anbeginn absehbar, in welche Richtung sich diese Partei binnen kurzer Zeit entwickeln und dass sie zu einem Sammelbecken für „Rechtspopulisten“ (Rechtsreaktionäre und Nationalisten) werden würde. Eine solche Partei ist für mich nicht wählbar [und war es, entgegen möglicher anderer Mutmaßungen, auch in früheren Jahren und Jahrzehnten nicht].

    Im Oktober 2019 kam es in Deutschland mehrfach zu Aktionen von Gruppierungen und Leuten, die sich für politisch „links“ halten, bei denen u.a. dem Gründer der sog. „AfD“ — der sich m.W. mittlerweile aus der Politik zurückgezogen hat und jetzt wieder als VWL-Professor an der Universität in Hamburg lehrt — Vorlesungen verhindert wurden.

    Ähnlich erging es dem ehemaligen Innenminister der Bundesrepublik Deutschland, Thomas de Maizière (CDU), als „linke Aktivisten beim Göttinger Literaturherbst eine Lesung“ verhinderten.

    Wer so agiert, ist m.E. kein Antifaschist und steht politisch nicht „links“, sondern ist ein Andersfaschist und Rechtsreaktionär, der seine Meinungen womöglich zur Staatsweltanschauung (Analogon zu „Staatsreligion“) erhoben sehen, jedenfalls das Recht der freien Meinungsäußerung (GG Artikel 5 Satz 1) sowie das Recht der freien Lehre (GG Artikel 5 Satz 3) — also unveräußerliche Grundrechte — suspendiert wissen will. Er ist denjenigen nicht unähnlich, die, wie einst die Nationalsozialisten im „Dritten Reich“ und später die Machthaber in der DDR, und wie heute u.a. Vertreter von Pegida oder der sog. „AfD“, das Wort «Lügenpresse» verwenden und die damit zum Ausdruck bringen, dass sie womöglich nur das in den Medien veröffentlicht sehen wollen, was sie selber für „die Wahrheit“ halten.

    Deutschland hat, wie wohl jeder freiheitliche demokratische Rechtsstaat, keine Staatsweltanschauung. Dies werden auch so manche derjenigen wenigstens akzeptieren müssen, die meinen, eine solche erzwingen oder durchsetzen zu dürfen — und dabei selbstverständlich ihre eigene Weltanschauung als einziges Gebrauchsmuster betrachten.
    Dass einige, die sich selbst für politisch „links“ halten, einem rechtsreaktionären Despotismus weltanschaulich mehr als nur sehr nahe stehen, ist andererseits nicht neu, es begleitet uns seit Jahrzehnten und reicht nach meiner Erinnerung zurück bis in die späten 1960er / frühen 1970er Jahre.
    _____
    Quelle:
    Leserkommentar zu Demokratie in Gefahr, FAZ vom 25.10.2019

    Die „Aktivisten“, die „beim Göttinger Literaturherbst eine Lesung des früheren Bundesinnenministers Thomas de Maizière“ verhinderten, und auch jene, die andere Veranstaltungen ihnen nicht genehmer Personen verhindern, jene, die andere als ihre eigenen Meinungen und Weltanschauungen nicht ertragen können, nicht dulden (tolerieren) mögen, sind m.E. keine „linken Aktivisten“, sondern Sympathisanten und Akteure eines rechtsreaktionären Despotismus (dem allenfalls immer noch und aus Gewohnheit das Etikett „links“ angeheftet wird).
    _____
    Quelle:
    Leserkommentar zu Steinmeier verurteilt „Gesprächsverhinderung“, FAZ vom 25.10.2019

    + + +

    Bemerkenswert und beachtenswert finde ich, dass sich so manche, die sich für politisch „links“ ausgeben, häufig mit rechtsreaktionärem Despotismus solidarisieren, gar mit diesem sympathisieren — insbesondere, wenn dieser im Gewand von Religionen, ideologischen Grundlagen eines patriarchalisch-rechtsreaktionären Despotismus, daherkommt — und oft selber rechtsreaktionär agieren (wie es z.B. die Machthaber in den Staaten des früheren „Warschauer Vertrags“ / „Warschauer Pakt“ praktiziert haben, die sich von den Nationalsozialisten des „Dritten Reichs“ und den Faschisten z.B. im Spanien des Generals Franco oder dem Italien des „Duce“ Mussolini aus meiner Sicht kaum oder gar nicht unterschieden; die DDR war für mich ideologisch und insbesondere institutionell wie „Drittes Reich ohne «Auschwitz»“), dabei die (von ihnen) oft angemahnte „Toleranz“ geflissentlich übergehen.

    Siehe auch: Trefflich: Brief an die Heuchler

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    Den Button zur „Andersfaschistischen Aktion“ gibt es

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    Eckhardt Kiwitt
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    Das Verhängnisvolle eines „letzten Propheten“

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    Vom Stillstand
    gesellschaftlicher und rechtlicher
    Entwicklung

    Religionen sind nicht nur Glaubensgerüste für Metaphysisches oder Esoterisches, sie haben immer auch eine gesellschaftliche Funktion. Sie können das Zusammengehörigkeitsgefühl in sozialen Verbänden von der Familie über die Dorfgemeinschaft bis hin zum Staat stärken, sie setzen Regeln für das Zusammenleben — setzen also Recht — engen dabei jedoch die Freiheiten des einzelnen ein.

    In einem freiheitlichen demokratischen Rechtsstaat gibt es ebenfalls Gesetze, die Regeln für das Zusammenleben setzen. Dort werden jedoch auch Freiheitsrechte für jeden gewährleistet (garantiert), die Religionen nichtmal gewähren — von gewährleisten ganz zu schweigen.

    In frühen Gesellschaften, die nicht über Organisationsstrukturen verfügten wie wir sie heute kennen, traten bisweilen einzelne Leute auf, die sich als Propheten ausgaben und damit eine gewisse Autorität entweder beanspruchten oder zuerkannt bekamen.

    Vereinzelt gibt es dies zwar auch heutzutage noch, doch werden solche „Propheten“ nun meist schnell als Scharlatane entlarvt (siehe die Sekten-Checkliste) denen es vordringlich oder ausschließlich um persönliche Macht und um Geld geht; sie verschwinden in der Bedeutungslosigkeit, und ihre Anhängerschar verliert sich nach wenigen Jahren oder Jahrzehnten, löst sich auf.

    Die Propheten konnten in frühen Gesellschaften z.B. Moral predigen, aus der sich gesellschaftliche Normen und Gesetze entwickelten, die auch nach Jahrhunderten oder Jahrtausenden noch Gültigkeit haben oder als Vorlage für spätere Gesetze dienten. Das „Auge für Auge“ (welches häufig leider als „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ fehlinterpretiert wird) ist ein bekanntes positives Beispiel hierfür, wendet es sich doch gegen die Todesstrafe und gegen Rache.

    Allerdings entwickeln und verändern sich Gesellschaften, die wissenschaftlichen Erkenntnisse und technischen Geräte und sonstigen Grundlagen für das Zusammenleben von Menschen, entwickelt und verändert sich das Recht.

    War es bis vor wenigen Jahrhunderten in Europa noch möglich, jemanden aufgrund bloßer Diffamierung — aufgrund konstruierter „Beweise“ — als „Hexe“ anzuklagen, zu verurteilen und auf dem Scheiterhaufen zu verbrennen, so ist dies heute ausgeschlossen.

    Ist es heute in manchen Ländern noch möglich, dass jemandem aufgrund eines „religiösen“ Gesetzes die Hand abgeschnitten wird (Koran Sure 5 Vers 38), dass Ehebrecher ausgepeitscht werden (Sure 24 Vers 2), oder dass Frauen gegenüber Männern nur eingschränkte bzw. verminderte Rechte haben (Sure 2 Vers 282, Sure 4 Vers 11, Sure 4 Vers 34) und dass Religionsfreiheit dort unter Androhung der Todesstrafe nicht gewährt wird, so hat sich dies andernorts — bisweilen nur sehr zögerlich — geändert.

    __ * __

    Vor ca. 1400 Jahren trat auf der Arabischen Halbinsel ein Mann auf, von dem behauptet wird, er sei „der letzte Prophet“, das „Siegel der Propheten“ und „der Gesandte Allahs“ gewesen.
    Diesem wird nicht nur eine Macht zuerkannt die von anderen Menschen nicht übertroffen werden kann, ihm wird auch eine Rechtsetzungs- und Deutungshoheit zugebilligt, die endgültig sein soll.

    Damit wäre jedoch jeglicher Weiterentwicklung ein unüberwindliches Hindernis in den Weg gestellt, an dem Gesellschaften und Staaten scheitern müssen. Denn die Welt um sie herum, die diesen „letzten Propheten“ nicht akzeptiert, entwickelt sich weiter, zieht weiter, beteiligt sich nicht am Stillstand.

    Verlierer sind — entgegen dem, was der Koran den Gläubigen z.B. in Sure 23 Vers 1 und Vers 117, in Sure 28 Vers 67 und einigen weiteren an Erfolg verheißt (oder vorgaukelt) — jene, die an dem Glauben an ihren „letzten Propheten“ und „Gesandten Allahs“ unerbittlich festhalten, seine Macht, seine Rechtsetzungs- und seine Deutungshoheit nicht infrage zu stellen wagen. Sie tragen unfreiwillig dazu bei, dass jener Mann von der Arabischen Halbinsel vielleicht tatsächlich der „letzte Prophet“ gewesen sein wird, dass er als Scharlatan anerkannt und sein despotisches, rechtsreaktionäres System überwunden und durch einen freiheitlichen demokratischen Rechtsstaat ersetzt wird, in dem nicht ein einzelner über das Schicksal ganzer Völker entscheidet, sondern in dem die Menschen ihre Geschicke selbst in die Hand nehmen und Aufgaben aus Vernunft delegieren statt sich bevormunden oder entrechten zu lassen.

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    Auf schwachem Fundament

    LamyaNachdenken im Islam

    Im Oktober 2014 veröffentlichte das "Magazin für politische Kultur", Cicero, unter der Überschrift „Kein Islam ohne Islamismus“ ein Streitgespräch, das die Islamwissenschaftlerin und Religionspädagogin Lamya Kaddor und der Islamkritiker Hamed Abdel-Samad zum Thema "Ist der Islam friedlich oder stiftet er zur Gewalt an?" geführt hatten.
    An der Aktualität der getroffenen Aussagen hat sich bislang nach meiner Einschätzung nichts geändert. Ein Leserkommentar dazu:

     

    "Es gibt ja auch keinerlei funktionierende Zivilgesellschaft." sagt Lamya Kaddor (im ersten Teil des Interviews) mit Bezug auf die islamischen Staaten des Nahen Ostens.

     

    Stellt sich die Frage, warum sich Zivilgesellschaften unter der Herrschaft des Islams dort nicht entwickelt haben.
    Sind daran "andere" schuld ?

    Im zweiten Teil (in der Printausgabe [und inzwischen auch online]) meint Kaddor: "Der Koran ist und bleibt eine Offenbarung, die den Menschen konsequent dazu auffordert, selbst nachzudenken."
    Das steht tatsächlich so im Koran, z.B. in Sure 2:219, in Sure 6:50, sehr eindrucksvoll in Sure 34:46, sowie in einigen weiteren Versen.

    Warum aber dann der Propheten-Spruch "Wer die Religion verlässt, den tötet" (siehe Wikipedia-Artikel zu "Ridda" bzw. "Apostasie im Islam").
    Warum die Todesstrafe für Apostaten, wie sie gemäß islamischem Recht in einigen Ländern auch heute noch vollstreckt wird (und in Europa manchmal als "Ehrenmord" daherkommt) ?

    Darf im Islam – trotz seiner vielgepriesenen Toleranz und trotz "Es gibt keinen Zwang im Glauben" (Sure 2:256) – nicht jeder glauben, was er will ?

    Ist das Fundament des Islams so schwach, dass die Gläubigen mittels einer so starken Repression wie dieser Todesdrohung (bei Abfall vom Glauben) "bei Laune" gehalten werden müssen ?

    Diktaturen und Despotien, die aus meiner Sicht allesamt rechtsreaktionär / rechtsextremistisch waren und sind (auch dann, wenn sie sich selbst das Etikett "Links" angeklebt haben — vergleiche z.B. das "Dritte Reich" einerseits und die DDR andererseits, die für mich institutionell und ideologisch weitgehend wie "Drittes Reich ohne Auschwitz" war; in beiden Staaten haben die Machthaber z.B. das Wort "Lügenpresse" verwendet, das heutzutage u.a. Pegida und die sogenannte "AfD" ebenfalls gebrauchen und die damit, wie einst die Machthaber im "Dritten Reich" und in der DDR, zum Ausdruck bringen, dass sie womöglich nur das in den Medien veröffentlicht wissen wollen, was sie selber für "die Wahrheit" halten), müssen sich immer auf Machtmechanismen wie Unterdrückung, Einschüchterung und Erpressung stützen. Sobald diese Machtmechanismen zu erodieren beginnen, setzt der Machtverlust ein, fallen Diktaturen und Despotien zusammen, lösen sich auf.

    Freiheit hingegen ist ein Ideal, das sich aus Vernunft selbst trägt und das den Machtverlust nicht fürchten braucht weil es nach Macht nicht strebt.

    _____
    Siehe auch die Beiträge
    «Ω»,
    «Religion und Zynismus, Tradition und Tabu»,
    «Ramadan — Zeit der Heuchelei ?»,
    sowie das Buch
    «Islam und Verfassungsstaat — Theologische Versöhnung mit der politischen Moderne?» von Lukas Wick; Ergon Verlag

    Das vollständige Interview zwischen Lamya Kaddor und Hamed Abdel-Samad steht auf der Website des Cicero zur Verfügung.

    Eine kleine Sammlung von Leserkommentaren (als Screenshots) zu verschiedenen Themen aus dem Jahr 2014, die auf der Website des Cicero veröffentlicht wurden, finden Sie in diesem PDF.


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    Die Vorfahren Gottes

    NisabaDieser Gastbeitrag von Prof. Dr. Uwe Hillebarnd erschien zuerst am 19. Januar 2012 – aber er ist immer noch aktuell.

    Den Gott der Christen, diesen allmächtigen, allwissendenden und allgütigen Schöpfer von letztlich allem, den gibt es wirklich. Er ist real, so wie zu allen Zeiten die Götter, welche die Menschen anbeteten, real waren, jedenfalls für die Gläubigen unter den Menschen. Das predigten immer die jeweiligen Theologen, die von ihrem Gott ausgesandt wurden, um den Menschen das Heil oder Unheil zu verkünden. Sie sind von Gott dazu berufen und somit ermächtigt worden, dieses zu tun. Heutzutage müssen sie ihren Glauben erst an einer Universität studieren, an der man ansonsten nur Wissenschaft studieren kann. Und deswegen wissen sie jetzt auch, dass nur ihr Gott wahr ist, alle anderen Götter, sozusagen die Vorläufer, gab es nicht. Das sagen sie im Brustton der Überzeugung, die auf einem tiefen, weil studierten Glauben beruht. Denn wissen tun sie es natürlich nicht, nur das wissen sie nicht.
          
    So ein Gott hat natürlich auch Vorfahren, denn jeder hat Vorfahren. Bereits lange vor Jesu Geburt glaubten die Menschen an Götter, hatten religiöse Vorstellungen und Riten. Alles, was man nicht oder noch nicht erklären konnte, wurde als göttlich, weil offenbar von einem Gott kommend, interpretiert. So wurden etwa Naturgewalten personifiziert. Wenn es donnerte, dann grollte der Gott des Donners. Es gab eine Göttin der Morgenröte, einen Sonnengott, einen Gott des Mondes und viele andere mehr. Dabei war die Lebens- und Leidensgeschichte von Jesus beileibe nichts Neues. Denn zwischen den alten Überlieferungen und den weitaus späteren christlichen Legenden gibt es viele Übereinstimmungen, weil die christliche Lehre und der christliche Kult häufig von älteren Religionen übernommen wurden.

    Nach der Lehre des altpersischen Propheten Zarathustra schuf die Gottheit Ahura-Mazda die Erde, die Pflanzen, die Tiere und den Menschen. Den Anfang bildete dabei ein Menschenpaar, das in einem Paradies lebte. Da Ahura-Mazda aber mit seinen Geschöpfen nicht zufrieden war, schickte er eine Sintflut, um sie wieder zu vernichten. Er hatte einen Widersacher mit Namen Ahriman, der auf der Welt das Böse vertrat. Wie der Teufel in der christlichen Lehre war er ein gefallener Engel. Liest man das Alte Testament, kommt einem das bekannt vor. Nur der Name der Gottheit wurde von den Christen durch den Namen Gottvater ersetzt. Die Götter der Welt hatten für unsere Erde ersichtlich denselben Bauplan, leider kam ihnen dann die Evolution dazwischen. Am Ende aller Zeiten verhieß Zarathustra ein Weltgericht, bei dem die Toten wieder auferstehen sollten. Sofern jemand zu Lebzeiten gut wäre, hätte er vom Weltgericht nichts zu befürchten und würde ins Paradies aufgenommen werden. Andernfalls würde er in die Hölle kommen. Die Christen haben später dieses Weltgericht in das Jüngste Gericht umbenannt, alles andere haben sie so belassen.
     
    Das Leben des sumerisch-babylonischen Fruchtbarkeitsgottes Tammuz verlief, lange vor Beginn unserer Zeitrechnung,  durchaus ähnlich wie das von Jesus, von dem uns die Evangelien berichten. Er wurde von einer Jungfrau geboren, die mit einem alten Ziehvater zusammen lebte, der nicht Josef hieß, und seine Geburt fand in einem Notquartier statt. Ob das etwa ein Stall war? Eltern und Kind wurden danach verfolgt und flohen, trotzdem musste der Sohn sterben. Wie bei Jesus.

    Auch der babylonische Gott Marduk wurde, wiederum  lange vor Jesus, gefangen genommen, verhört, und zusammen mit einem Verbrecher hingerichtet. Oder der römische Gott Mithras, der persischen Ursprungs war. Er wurde im 3. Jahrtausend v. Chr. als Sohn eines himmlischen Vaters ebenfalls von einer irdischen Jungfrau geboren und nach seiner Geburt zunächst von Hirten verehrt, wie Jesus. Auch seine Familie musste fliehen. Nachdem er gekreuzigt worden und zu Ostern wieder auferstanden war, fuhr er in den Himmel. Wie Jesus. Die Anhänger von Mithras glaubten an eine Sintflut, die zu Beginn der Zeit alles Leben auf der Erde auslöschte. Danach kam ein Neuanfang. Sie glaubten ferner, dass die Seele des Menschen unsterblich sei, und die Toten am Ende aller Zeiten bei einem Jüngsten Gericht auferstehen würden. Die heutigen Christen glauben das auch.
     
    Der Mithraskult kannte 7 Sakramente, wie später die katholische Kirche, darunter Taufe, Firmung und eine Kommunion, die auf das letzte Abendmahl von Mithras zurückgeht. In den Evangelien lesen wir gleichfalls von einem letzten Abendmahl Jesu. Und andere Götter wurden wie Jesus gekreuzigt, so Dionysos, Lykurgos und Prometheus. Da musste Jesus ja dasselbe Schicksal ereilen. Denn waren die Götter der Welt nicht gerade im Himmel, hatten sie hier unten oft auf ähnliche Weise zu leiden. Leiden durch Menschen, die sie als Gott eigentlich beherrschen sollten. Aber auf Erden ist das vermutlich nicht so einfach.

    Diese Parallelen zu dem in den Evangelien beschriebenen Lebensweg von Jesus können kein Zufall mehr sein. Die »frohe Botschaft«, die in den Evangelien verkündet wird, kann getrost um einige Tausend Jahre vorverlegt werden, denn viele Ideen für diese Botschaft entnahmen die Evangelisten, wie unschwer zu erkennen ist, den Religionsmythologien längst vergangener Zeiten. Wie wir wissen, waren allerdings all diese Götter und damit ihre Lebensgeschichten pure Erfindungen der Menschen, die Kirche wird hierbei nicht widersprechen. Wenn jedoch die Evangelien den Lebensweg eines Jesus beschreiben, der in vielen Details mit den Lebenswegen dieser Götter übereinstimmt, dann muss der so beschriebene Jesus ebenfalls eine Erfindung sein. Es geht nicht darum, ob der Mensch Jesus wirklich gelebt hat, das soll hier gar nicht diskutiert werden, sondern es geht allein darum, dass sich die christliche Religion demnach aus erfundenen Erzählungen der Evangelien ableitet. Bis heute bezieht sich die christliche Kirche auf Geschichten, die, und das ist der logische Schluss aus den hier aufgezeigten Parallelen, nichts als Märchen sind. Und Märchen erzählt man kleinen Kindern, nicht Erwachsenen. Nach alledem hat die historische Wahrheit der Evangelien mit Wahrheit nicht viel zu tun. Ist dies das Fundament einer Weltreligion? Vielleicht wird ja diese Weltreligion in 2000 Jahren von dem Mithrasglauben abgelöst. Dann ist Mithras wieder der einzig wahre Gott, wie schon einmal. Und den Gott der Christen gab es natürlich nicht, der gehört zur Religionsmythologie.

     

    Die Meinung des Gastautors muss nicht der Redaktionsmeinung entsprechen.

     

    Weitere Arbeiten desselben Autors siehe hier.

     




    Denk-Schrift III: Deutsche Politiker

    Ausreden und Entschuldigungen:

    Natürlich wird dieser knappen Darstellung der feindlichen Haltung der christlichen Kirche zur überlieferten Kultur als erstes Einseitigkeit vorgeworfen. Auch die Killerphrase "Rundumschlag“ ist beliebt. Das ist die übliche Antwort, wenn man sich einer näheren Beschäftigung mit den aufgeworfenen Fragen entziehen möchte. Nun, Einseitigkeit kann der Analyse nur dann vorgeworfen werden, wenn man den Untaten eine vergleichbare Liste guter Taten entgegen stellen könnte, die den angerichteten Schäden qualitativ und quantitativ entspräche. Aber wie sollte das gelingen? Wie sollte fast zweitausend Jahre Verfolgung Andersdenkender kompensiert werden? Wie sollte die Vernichtung ganzer Kulturen vom antiken Rom bis zum enthaupteten Aztekenkult gegen die Suppenküchen der Caritas und Diakonie aufgewogen werden? Wie sollten tausend Jahre physische und verbale Gewalt, Kreuzzüge, Inquisition, Hexenverbrennung und Indices verbotener Bücher gegen irgend etwas verrechnet werden? Es gibt Vergleiche, die verbieten sich, weil alle  Vergleichsmaßstäbe gesprengt, alle Zeitdimensionen unvorstellbar werden. 1700 Jahre staatlich verordneter, kirchlich geforderter Glaubenstotalitarismus ist ein solcher Vergleich.

    1700 Jahre! Wissen wir eigentlich noch, wovon wir sprechen? Dennoch werden bis heute die massenhaft betriebenen Verstöße gegen die Menschlichkeit mit überheblicher Geste fortgewischt, letztlich, im Jahre 2011, durch den katholichen Kirchenhistoriker Klueting: „Man komme mir nicht mit Religionskriegen, Schwertmission, Judenmassaker, Ketzerverfolgung oder Hexenverbrennung. Das alles ist mir als Historiker bestens vertraut. Aber das sind antichristliche Verunstaltungen des Christlichen". So einfach entledigt sich ein Theologe, Professor dazu, der Vergangenheit: Eine im Wesen „reine“ Kirche muß bedauerlicherweise eine Unmenge antichristlicher Elemente in ihren Reihen beherbergen. Dann wäre noch als Entschuldigung das „finstere Mittelalter“ zu erwähnen, das der mildtätigen Kirche seinen grausamen Stempel aufgedrückt habe. Aber das Mittelalter ist nicht „finster“ geworden, weil die Menschen die Düsternis lieben, sondern weil eine übermächtige Kirche die Jahrhunderte mit finsteren Kirchenedikten überflutet und alle Werte neu definiert. Es sind Jahrhunderte, in denen die Frage „Was sagt Gott dazu?“ die einzige Frage aller Stände wird. In denen die Pracht, die Größe und die Überzahl der Kirchen den bescheidenen Hütten der Menschen das Sonnenlicht rauben wird. In denen in kollektiver, sonntäglich vertiefter Furcht vor Gottes Strafen gelebt und wie kaum eine andere Zeit das Grausame, Vulgäre und Rohe gepflegt wird. In denen unvorstellbare Obszönitäten, das Vierteilen, Blenden, Hände-, Brüste- und Hodenabhacken, das Zunge-, Lider- und Fingernägelausreissen, das Zerpflügen eingegrabener Menschen empfohlen werden. In denen Priester dumpfe Seelenqualen schüren, verstörte Geister in der Magie Halt suchen und kosmische Zeichen, Vorhersagen vom "Jüngsten Gericht", apokalyptische Verzerrungen und Visionen grotesker Tiere die Menschen verängstigen.

    Da gibt es nichts „aus der Zeit heraus“ zu entschuldigen. Das „finstere“ Mittelalter ist kein Schicksal und die Verbrechen sind keine bedauerlichen „Verfehlungen“ einer ansonsten geheiligten Kirche. Ebenso wenig wie die bis in die 90er Jahre des 20. Jahrhunderts erfolgte Entwürdigung junger Frauen in den Wäschereien katholisch-irischer Magdalenenstiften [3] oder der tausendfache Mißbrauch junger Knaben in den Händen zölibatärer Priester. Das „finstere Mittelalter“ ist kein unabwendbares Ereignis gewesen, sondern zwangsläufige Folge einer unmenschlichen Kirchenlehre.

    Epilog: „Das Christentum hat unsere Kultur geprägt“

    Das Christentum hat unsere Kultur geprägt, das ist wahr, wenngleich seine kulturelle und menschliche Gesamtbilanz verheerend ausfällt und die neue Weltsicht keinen Vergleich mit der bekämpften antiken, arabischen oder maurisch-spanischen Kultur aushalten kann.

    Diesen „Sieg“ des erstickenden Dogmas über freie, intellektuelle Hochspannung, diesen Triumph der unheiligen Allianz aus Kreuz und Schwert über eine beispiellose Hochkultur, deren gigantischer geistiger Fundus noch heute Philosophie, Kunst, Wissenschaft, Architektur und Poesie beflügelt, diesen Pyrrhus-Sieg der Staatskirche mit nachfolgender Analphabetisierung eines halben Kontinentes und wirtschaftlicher Verödung Europas als Ausgangspunkt einer neuen, angeblich der Antike überlegenen christlich-abendländischen Kultur feiern zu wollen, gar in Verkennung der philosophischer Werke und Ideen antiker Denker und unter Verleugnung unangenehmer biblisch-testamentarischer Texte und der historischen Tatsachen „die ursprünglichen Besitzverhältnisse“ der Kirche (H. Bielefeldt, 2011) über Würde und Menschenrechte glauben anmahnen zu müssen, kommt einer Satire auf unsere geschichtliche Kenntnis gleich und offenbart einen beschämenden Mangel an Bildung der classe politique.

    Die Wahrheit ist, dass die katholische Kirchenführung mit den Menschenrechten wenig anzufangen weiß. Menschenrechte stellen sich aus kirchlicher Sicht vor allem als eine Kombination protestantischer und revolutionärer Auffassungen dar. So verwarf Leo XIII. im Jahre 1888 in der Enzyklika Libertas praestantissimum donum die Idee der Menschenrechte mit den Worten: „Die uneingeschränkte Freiheit des Denkens und die öffentliche Bekanntmachung der Gedanken eines Menschen gehören nicht zu den Rechten der Bürger“, es sei völlig ungerechtfertigt, die unbegrenzte Freiheit des Denkens, der Rede, des Schreibens oder des Gottesdienstes zu fordern.

    Rund 120 Jahre später behauptet Papst Benedikt XVI. anläßlich seines Deutschlandbesuches im September 2011 in einer nebulösen, erkenntnistheoretisch wie rechtsphilosopisch [4] angreifbaren, sprachlich verschwurbelten Rede vor dem Deutschen Bundestag, die Idee der Menschenwürde und -rechte sei von der Überzeugung eines Schöpfergottes, von der „Gottesebenbildlichkeit“, abzuleiten und ordnet damit die auch von Buddhisten und Muslimen getragene UN-Menschenrechtserklärung auf die katholische Linie ein. Dieser christlich-kirchliche Gottesbezug der Menschenrechte, weder durch empirische oder wissenschaftliche Erkenntnisse nachweisbar, noch durch politische oder logische Argumente belegbar, eine Behauptung also aus dem luftleeren Raum, animierte die Konrad-Adenauer-Stiftung zum öffentlichen Nachdenken unter Leitung des CDU-Politikers Bernhard Vogel: Der Gottesbezug trage „dazu bei, dass der Mensch unreduziert wahrgenommen“ werde. Andere Menschenbilder seien „defizitär“, die „mit Sicherheit auch defizitäre ethische und politische Entscheidungen nach sich“ zögen („Menschenwürde“, 2006).

    Dieser von der Bundesregierung finanzierte, zopfige Text gegen den Weltbürger, der alle bisherigen feindlichen Menschenbilder der Kirche, insbesondere die antijüdischen, antihäretischen, antireformatorischen und antimodernistischen, schlicht negiert, wurde als Handreichung für den Bundestag von einer Handvoll deutscher Theologen ausgetüftelt, die „Menschenwürde“ unter sich auszumachen versuchten. Philosophen und Kulturwissenschaftler waren unerwünscht.

    Nur am Rande sei noch erwähnt, dass die ominöse Gottesebenbildlichkeits-Debatte durch die Evolutionsforschung (Darwin) als hoffnungslos antiquiert ausgewiesen ist. Denn falls die Gottesebenbildlichkeit zuträfe, hätte sich Gottes Wesen mit dem Wandel des Menschen vom lustarmen Einzeller zum erotisch-raffinierten homo sapiens ständig verändert, hätte Gott vor 100.000 Jahren körperlich wie wesenshaft dem homo erectus geglichen. Da Gott aber ewig ist, kann eine solche Veränderung ausgeschlossen werden. Im übrigen handelt es sich um eine auch theologisch unsinnige Gespensterdebatte. Denn sie unterstellt, dass Gott erkennbar ist (Spiegelbild des Menschen), was seine Göttlichkeit erneut grundsätzlich in Frage stellt. Die Ebenbildlichkeits-Debatte ist also Phraseologie in Reinstform, die wichtige Zukunftsthemen wie Praeimplantationsdiagnostik und Gen-Technologie zum Schaden der Menschen mit irrationalen Luftargumenten belastet und lediglich geeignet ist, eine ernsthafte, tiefer gehende Werte- und Würdediskussion zu umgehen und diese stattdessen in kirchlich-archaische Denkweisen einzumauern.

    Gleichermaßen geheimnisvoll bleibt, was Papst Benedikt XVI. überhaupt unter „Menschenrechten“ versteht. Um die Freiheit des Denkens oder um Bürgerrechte jedenfalls kann es sich kaum handeln, da Libertas praestantissimum donum diese ausdrücklich ablehnt. Und dass die katholische Kirche Frauen den Zugang zu allen mit der Weihe verbundenen Ämtern und Funktionen verweigert und damit gegen das europäische Diskriminierungsverbot verstößt, ist ebenfalls bekannt.

    Was Europa im innersten zusammenhält

    Die gebetsmühlenartig wiederholte Behauptung, die christliche Idee von der Gottebenbildlichkeit des Menschen habe die Menschenrechte begründet und es sei ein Verdienst des Christentums, die Formel von der Menschenwürde gefördert zu haben, ist also nachweisbar falsch. Und angesichts dessen, was die Kirche in diesem Namen getrieben hat, bemerkenswert dreist. In Wahrheit ist die Redensart von einer durch die christliche Lehre generierten „Menschenwürde“ voll bitterer Ironie. Denn was die Lehre von der Erbsünde anthropologisch bedeutet, liegt auf der Hand: Sie ist menschenverachtend. Der Mensch ist verderbt, ein Wurm und Opfer seiner Sinne. Gott macht mit ihm, was er will. Der Mensch solle zu Staube kriechen und sich blind in sein jenseitiges Schicksal ergeben. Selbst der Gottessohn wird entwürdigt. Gegeißelt und mit Dornen gekrönt wird er seit Jahrhunderten den Menschen zur Schau gestellt. Keine Mutter würde nach dem Tode ihres Sohnes derart Schauerliches und Pietätloses zulassen.

    Was Europa im innersten zusammenhält, was Europa ausmacht, ist also nicht der billige Rekurs auf die Bergpredigt, ist nicht ein angeblich „liebender Gott“, der die Menschen nach Belieben tötet und foltert. Was Europa zusammenhält, ihm ein unverwechselbares Gesicht gibt, ist das griechisch-römische Erbe, die mühevoll gegen die Staatskirche errungenen Bürgerrechte, die der klerikalen und weltlichen Willkür ein Ende setzen, die Freiheit des Denkens, die Gleichberechtigung und all das, was im Grundgesetz, in den Artikeln 2-18 steht. Europas Basis ist nicht die Bibel, sondern die Petition of Rights (1628), die Habeas-Corpus-Akte (1679), die Bill of Rights (1689) und die Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte (1789). Diese Texte ergänzen die philosophischen Schriften von David Hume bis Kant, die als Texte der Befreiung zu verstehen sind. „Liberté, Égalité, Fraternité“, das ist es, was Europa ausmacht. Die monotheistische Theologie dagegen hebt die Freiheit auf. Sie lebt vom Zwang „Du sollst“ und von der Züchtigungsrute im Falle des Ungehorsams.

    Es geht nicht um Gott

    Zu guter Schluß und um nicht mißverstanden zu werden: Es geht nicht um Religion oder Glauben, sondern um einen hierarchischbürokratischen Komplex namens Amtskirche mit Bischöfen, die wie Fürsten behandelt und wie Generale besoldet werden. Es geht um Priester, die in heilloser Überforderung eine verquere gottferne Dogmatik an erste Stelle setzen, Gott die Unendlichkeit rauben, mit jedem neuen Attribut die Authentizitätsprobleme steigern und die chronischen Inkompatibilitäten ins Uferlose vermehren. Es geht um eine Kirche, die ihre 1700-jährige, unerbittlich grausame Geschichte als Staatskirche hintertreibt und stattdessen von der „Religion der Liebe“ schwadroniert. Die in völliger Verkehrung der Lehre und ihrer eigenen Historizität einen „liebenden Gott“ als Kronzeugen anführt, der die Erde verwüstet, die Menschheit vernichtet, brutale Fressketten einrichtet, die abscheulichsten Strafen androht und Auschwitz und Hiroshima zuläßt. Die, kurz gesagt, Gott zur Marionette eines unsäglichen Religionsschauspieles macht.

    Und: Es geht um einen Staat, der dies alles nach Kräften fördert, gar in Verfassungen zur Furcht vor dieser Religion auffordert und Juden, Muslime und Nicht-Konfessionelle zwingt, mit ihren Steuern die satten Gehälter christlich-kirchlicher Würdenträger zu bezahlen. Es geht um eine Gesellschaft, in der der Bürger sich dagegen verwahrt, bei der Gestaltung des Politischen von nicht gewählten Meistern der Wahrheit bevormundet zu werden, die nach Wahrheitsregeln, die schon vor 2000 Jahren nicht mehr auf der Höhe der Zeit waren, an Problemen wie Praeimplantationsdiagnostik und Kernenergieausstieg herumdoktern. Es geht um selbsternannte Werte-Gurus, die weder die erforderliche Expertise in existenziellen Sachfragen nachweisen können, noch demokratisch legitimiert sind, die wenig mehr als Schlagworte zum Begriff „Ethik“ beisteuern und dennoch unangemessenen Einfluß auf die Gestaltung gesellschaftlicher Prozesse besitzen. Das hat es in Deutschland noch nicht gegeben: Bischöfe befinden darüber, ob Kernenergie und erhöhter CO2-Ausstoß aus konventionellen Kraftwerken gesellschaftlich vertretbar sind. Ihre Entscheidungsgrundlage ist ein Buch aus der Zeit der babylonischen Gefangenschaft der Juden.

    Es geht auch um Würde

    Und es geht auch um Würde. Als Republikaner schämt man sich, dass die Bundeskanzlerin als Gastgeberin an den Berliner Sitz der Deutschen Bischofskonferenz eilt, um dort vom Gast, einem umstrittenen Kirchenführer, empfangen zu werden. Betreten schaut man zu, dass Bundesverfassungsrichter, zu strikter religionspolitischer Neutralität verpflichtet, in ein Freiburger Priesterseminar pilgern, um einem Religionsführer ihre Aufwartung zu machen. Das soll uns mal einer nachmachen! Bundeskanzlerin, Bundestagspräsidium und oberstes Verfassungsgericht werfen sich im eigenen Land dem Repräsentanten einer Organisation zu Füßen, die im Laufe ihrer 2000jährigen Geschichte mehr Phantasie aufgewendet hat, Andersdenkende mit Streckbänken und Daumenschrauben zum Gehorsam zu zwingen, als jede andere Diktatur. Ungläubig beobachtet man, dass die Mehrheit der Volksvertreter einem Bundestagspräsidenten folgt, der auf Kosten der katholischbischöflichen Cusanus-Gesellschaft studiert und kürzlich eine Vater-Unser-Interpretation publiziert hat, der vom Papst in Privataudienz empfangen worden ist und im Gegenzug die Volksvertretung für die eigene religiöse Überzeugung strapaziert, indem er initiativ den Papst zu einer Rede vor dem Parlament, der Volkskammer aller Deutschen, einlädt. Nicht als Staatsmann hat Benedikt gesprochen, wie beschönigend behauptet wurde, sondern als Kirchenführer. Denn diesen Zahn zog der Papst den Politikern bei seiner Antrittsrede höchstpersönlich: Er sei als Papst und nicht als Staatenlenker gekommen.

    Diese provokante Einladung Norbert Lammerts (samt der Fraktionsführer), die die Verfilzung von Staat und Kirche, von Politik und Religion öffentlich dokumentierte, die zum Auszug von einhundert Parlamentariern führte, deren vakanten Sitze horribile dictu mit Claqueuren gefüllt wurden, die Zehntausende auf die Berliner Straßen trieb, dieses instinktlose Unterfangen, das die 2000-jährige offene Feindschaft der Päpste gegen die Juden tatsächlich ebenso entschuldete wie die erbitterte Verfolgung von Häretikern und Ketzern durch die katholische Kirche, dieser staatskirchenpolitische Winkelzug, überflüssig wie ein Kropf, der dem innenpolitischen Frieden dauerhaft geschadet, die Diskussion um die Trennung von Staat und Kirche erst richtig angeheizt, alte Gräben vertieft und neue aufgerissen hat, ist ein böser Schlag ins Gesicht all derer gewesen, die meinen, Staatsreligionen hätten schon genug Unheil angerichtet, nun sei es genug mit heiligen Kriegen und Bush-Kreuzzügen, mit Salafisten, Pius-Brüdern und Scientologen, mit Bekehrten und Offenbarten, mit Verfluchen und Verstoßen, mit tönernen Friedensbekundungen und realer Unfriedensstiftung.

    Also, wehret den Anfängen. Zum Beispiel bei der Frage, ob noch mehr Religionsunterricht an die ohnehin schon polyethnisch und multireligös überfrachteten öffentlichen Schulen gebracht werden soll. Diesmal geht es darum, dass Politiker die Schulen für islamischen Religionsunterricht öffnen wollen. Vorgeblich um fundamentalistische Auswüchse zu begrenzen. Als wäre es jemals möglich gewesen, Religionsradikalinskis durch freiwilligen, wöchentlichen Unterricht an staatlichen Einrichtungen zu bändigen. Mit solchen Maßnahmen erfährt lediglich der Zwist zwischen Konfessionsfreien, Protestanten, Katholiken, Freikirchlern und Muslimen eine neue Dimension. Statt Religion konsequent in die private Sphäre zu verschieben („Sonntagsschulen“), statt sie von den Hochschulen zu verbannen, werden die öffentlichen Schulen verstärkt in das grausame Geschacher um Glaubenswahrheiten hineingezogen.

    Dabei deuten alle Daten deuten darauf hin, dass das Großkirchen-Christentum in der modernen Welt sein tatsächliches Ende bereits hinter sich hat. Denn die Welt rückt zusammen und die Kirchen sind nicht zufällig leer. Sie leeren sich, weil die Priester die Fragen des 21. Jahrhunderts unter Heranziehung 2000 Jahre alter Folianten dechiffrieren wollen, weil sie Urknall, Evolution, Apparatemedizin und Ausschwitz theologisch nicht mehr beherrschen. Wer angesichts des anthropozentrischen Größenwahns, des ungebremsten, katastrophalen Bevölkerungswachstums und in Gegenwart perverser Tier- und Ressourcenausbeutung weiterhin von „gottgewollter Herrrschaft des Menschen über die Natur“, von „Krone der Schöpfung“ und „macht Euch die Erde untertan“ meditiert, wer im Zeitalter der Globalisierung der Weltanschauungen immer noch behauptet, die ewige Wahrheit zu vertreten, der sollte von der öffentlichen Bühne abtreten. Der sollte dem grenzüberschreitendem Humanismus den Vortritt lassen.

    [3] Im Irland der 60er und 70er Jahre verschwinden junge Frauen, oft mit dem Segen ihrer Familien, hinter den Mauern der Magdalenenstifte, die gefallenen Mädchen Zucht und Ordnung beibringen sollen. Vgl. dazu den preisgekrönten Film „Die unbarmherzigen Schwestern“ von Peter Mullan, 2002.

    [4] Vgl. „Hier irrte der Papst“, FAZ v. 03.11.2011.

    Rolf Bergmeier, M.A.

    Althistoriker und Philosoph; Forschung mit Schwerpunkt im Grenzbereich von Spätantike, frühes Mittelalter und Kirchengeschichte.

    Veröffentlichungen seit 2010 (Monographien):

    · Kaiser Konstantin und die wilden Jahre des Christentums. Die Legende vom ersten christlichen Kaiser, 2010.

    · Schatten über Europa. Der Untergang der antiken Kultur, Dezember 2011

     

    Die Meinung des Gastautors muss nicht der Redaktionsmeinung entsprechen.

     

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    Denk-Schrift II: Deutsche Politiker

    Gottgegeben: Die katholische Kirche als Lehrmeister:

    Natürlich wird in den Werken Augustins auch der Vorrang der katholischen Kirche begründet. Diese, so vertraut er uns an, vertritt als „Tempel Gottes“ den dreifachen Gott. Und zwar seit Anbeginn des Universums, wie wir aus dem von Papst Benedikt zu verantwortenden katholischen Katechismus des Jahres 1993 erfahren dürfen: Gott, so sagt uns der damalige Kardinal Ratzinger durch den Mund des Katechismus, Gott habe die heilige katholische Kirche „schon seit dem Ursprung der Welt vorausgestaltet“. Das ist stark! Katholische Kirche seit dem Ursprung der Welt! Diese „Vorausgestaltung“ ist nicht in tastender, unschlüssiger göttlicher Planung erfolgt, „mal schauen, was aus dem Andromeda-Nebel wird“, nein fix und fertig ist sie gewesen, die katholische Kirche, „vorausgestaltet“ eben, vor Milliarden Jahren, mit Papst Benedikt, Bischöfen und Frauen in dienenden Berufen.

    Die Protestanten spielen im vorkosmischen Plan Gottes übrigens keine richtige Rolle. Sie können leider „nicht gerettet werden“, so der heutige Papst Benedikt in seiner Heilsbotschaft Dominus Jesus aus dem Jahre 2000, da sie „um die katholische Kirche wissen, in sie aber nicht eintreten“. Warum sich die Protestanten bei einer solchen Diffamierung nicht zu Worte melden, wenn Benedikt als bisher einziger Religionsführer zu einer Rede vor dem Bundestag eingeladen wird, warum sie sich wie provinzielle Bittsteller nach Erfurt zur Audienz beim Papst bemühen, um dort noch die Stiefel zu küssen, die sie Jahrhunderte lang getreten haben, bleibt einigermaßen schleierhaft. Es sei denn, sie würden, o sancta simplicitas, tatsächlich immer noch daran glauben, dass es eine Ökumene gibt, die nicht katholisch ist.

    Damit Papst und Bischöfe bei diesem kräftezehrenden Bekehrungsritual nicht verunsichert werden, wird ihnen der Besitz der Wahrheit ausdrücklich bestätigt: Die Wahrheit würde ihnen in der Erleuchtung des Geistes durch Gott zuteil. Der göttliche Geist strahle diese Ideen und Regeln direkt in den menschlichen Geist ein. Natürlich nicht in jeden Menschen, also nicht in den Geist von Philosophen, Agnostikern, Atheisten, Kommunisten, Häretikern, Kritikastern und seit dem Jahre 1 leider auch nicht mehr in die Köpfe der Juden. Letztere tragen ohnehin ein unentschuldbares Übermaß an Schuld mit sich herum, so dass der „heilige“ Augustinus sie in seiner Kampfschrift „Gegen die Juden“ als Mörder, aufgerührter Schmutz, triefäugige Schar, Wahnsinnige, Wölfe zu denunzieren gezwungen ist. Und auch hier gilt, dass die Juden wahrhaftig Grund gehabt hätten, sich gegen die Papstrede zu verwahren.

    „Religion der Liebe“ als Begründung des moralischen Führungsanspruchs

    Mit dem Begriff der „Nächstenliebe“ läuft die theologische Wortdrescherei zu großer Form auf. Zwar hat man noch nie davon gehört, dass die steinreiche Kirche Grundstücke oder bischöfliche Barockresidenzen verkauft hat, um der vorweihnachtlichen Aufforderung, „den Armen zu spenden“ beispielhaftes Gewicht zu geben. Zwar wissen die Gewerkschaften zu berichten, dass Arbeitnehmer in den kirchlichen Großeinrichtungen Diakonie und Caritas in niedrige Lohngruppen abgedrängt und nahezu mit Hungerlöhnen abgespeist werden. Zwar werden Geschiedene ausgegrenzt, des Arbeitsplatzes beraubt und Homosexuelle gedemütigt. Auch pfeifen alle Spatzen die in der Menschheitsgeschichte einzigartigen Verbrechen bei der Verfolgung Andersdenkender von den Zinnen der Kathedralen, aber nichts, auch rein gar nichts hält die kirchliche Klientel, die beileibe nicht nur aus Pastören besteht, davon ab, das Christentum als „Religion der Liebe“ in Positur zu bringen.

    Ausgangspunkt ist natürlich der „himmlische Vater“. Dieser liebe alle Menschen, behauptet die Kirche. Ein Unsinnsspruch, denn Gottes Zorn ist stadtbekannt. Er ist so schlecht auf die Menschen zu sprechen, dass er sie mehrfach aufs böseste bestraft: Erstens mit dem Tod und zweitens mit der Erbsünde. Kurz danach räumt der „liebe Gott“ in einer Sintflut alles Leben beiseite, auch das der Fische, die sich doch eigentlich in dem vielen Wasser pudelwohl fühlen müßten, weil er sich immer noch über die Sünder ärgert. Dann, nachdem sich das Leben auf Erden wieder erholt hat, verlangt er, dass sein eigener Sohn ans Kreuz genagelt wird, als „Sühne für die verdorbene Menschheit“. Aber von den angedrohten wüsten Höllenstrafen nimmt Gott dennoch keine einzige zurück. Trotz Kreuzigung. Stattdessen gestattet er "Stellvertretern" tausend Jahre lang die Menschen zu drangsalieren und greift trotz „Allmächtigkeit“ nicht mit Blitz und Donner ein, um Hiroshima oder Auschwitz zu verhindern. Zu guter Letzt schickt dieser Kirchengott seine ungehorsamen Kinder auf ewig in das Feuer der Hölle, wenn sie nicht die katholischen Bedingungen für das ,,Seelenheil" erfüllen.

    Dieses rigide Strafszenario, vor 2000 Jahren von untergangsgläubigen Jenseitsbeseelten im pathologischen Deutungswahn entworfen und seither zum Nutzen und Frommen der Kirche angewendet, diese furchtbare Höllensage, meilenweit von den religiösen Vorstellungen der Antike entfernt, [1] führte dazu, dass die meisten christfrommen Menschen mehr als 1500 Jahre in einer pseudoheilsamen Angststarre verharrten, weil sie fürchteten, direkt in den Kochtöpfen des schwarzen Hinkefußes zu landen. Und noch heute diktiert Angst vor dem „richtenden“ Gott das kirchliche Gottesszenario. Dennoch haben Priester die Stirn und Gläubige die Biederkeit, vom „liebenden Gott“ zu sprechen.

    Dieser Gott hat einen Sohn. 400 Jahre lang sind beide innerhalb der christlichen Gemeinden heftig umstritten. Der römische Kaiser Konstantin ist es schließlich, der auf dem Konzil von Nicäa (325) den jüdischen Alleingott zum „wesensgleichen“ Zweifach-Gott transformiert. Der „Vater“ erhält einen göttlichen Sohn, der aber kein Sohn sein darf, da er ja „von Anbeginn“ schon existiert. Er ist also eher ein Bruder, aber auch wieder nicht, da er – zwar wesensgleich mit Gottvater – vom göttlichen Vater gezeugt sein soll, (Kath. Katech. 254). Er scheint also eher ein Klon zu sein, gezeugt und wesensgleich. Aber so ganz genau weiß das niemand, zumal nicht Gottvater, sondern der „Heilige Geist“ Maria geschwängert haben soll, irgendwie metaphysisch, wie sich versteht.

    Josef spielt übrigens keine Rolle. Er akzeptiert achselzuckend die Fremdschwangerschaft seiner Frau und hütet Ochs und Schaf. Jesus, ein tiefgläubiger Jude, verkündet menschenfreundliche, altjüdische Botschaften. Seine Jünger und Apostel, rund 50 Männer und Frauen, und die römischen und jüdischen Zeitgenossen wissen allerdings rein gar nichts von ihm zu berichten. Was in einer Zeit, in der die Bibliotheken mit Hunderttausenden von Büchern zu bersten drohen, völlig lebensfremd ist und zwei Schlußfolgerungen zuläßt: Entweder ist Jesus eine rein literarische Figur, die erst mit den Paulusbriefen zu leben begann. Oder Jesus war weder aufsehenerregend noch konnte er über Wasser gehen. Er war ein Prophet. Und von denen gab es damals viele. Dieser „Gottessohn“ also, bis tief in das 4. Jahrhundert innerhalb der christlichen Gemeinden hoch umstritten, logisch und theologisch das Widersinnigste, was Religionen je erfunden haben, diesen Gottessohn also expedieren die Priester auf die Erde. Dort, im Leib einer Irdischen, habe er gewartet, neun lange Monate, bevor er das Licht der Erde erblickt, ohne Geburt. Die „Gottesmutter“ Maria ist daher unberührt, unbefleckt, himmlisch schön und so heilig, dass sie per Dekret von Papst Pius XII. aus dem Jahre 1950 körperlich in den Himmel auffährt. Wie man sich das vorzustellen hat, ist nicht bekannt. Aber Benedikt XVI. ist der Auffassung, dass dieser nicht nur wegen Marias Himmelfahrt hoch umstrittene Papst in den Pantheon der Heiligen aufgenommen werden sollte.

    30 Jahre also lebt dieser Gottessohn auf Erden und stirbt in den Fängen jüdischer Häscher und römischer Söldner. Nicht in edler Haltung, sondern in erniedrigenster Pose, Mitleid heischend und den Menschen zur Besichtigung am Kreuz freigegeben, ohne dass der Allmächtige mit Donnerschlägen dazwischen fährt. Das habe ER so gewollt!, ruft die Kirche. Sein Wille sei gewesen, seinen Sohn stellvertretend für die Menschen büßen zu lassen. Man bedenke: ER läßt seinen Sohn ans Kreuz nageln, weil ER seine eigene Strafe nicht aufheben will! Wer denkt sich eine solche Vater-Sohn-Beziehung aus?

    So also stellt sich die christliche Kirche den liebenden Gott vor. Daraus also leiten die Priester das Nächstenliebe-Gebot ab, ohne dessen Wirken wir angeblich unsere Werte und Würde, kurz unseren Halt, verlieren. Aber historisch betrachtet ist das Nächstenliebe-Gebot jüdisch: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“ (3 Moses 19,18). Im übrigen dürften vermutlich alle Kulturen den Wert der "Nächstenliebe", wenn auch unter verschiedenen Namen, hervorheben, ohne sich deshalb ständig an die Brust zu klopfen. Bereits die Philosophie Zarathustras (vor 500 v.u.Z.) basiert auf den drei Grundsätzen "Gut Denken, gut Reden und gut Handeln" und auf seinem Credo "Ich bin Zarathustra, wahrhaftiger Gegner der Lügner, und ich werde sie bis zu meiner letzten Kraft bekämpfen. Aber mit meiner ganzen Kraft werde ich den Aufrechten und Rechtschaffenen beistehen" (43/8). Wenig später läßt Sophokles um 450 v.u.Z. seine Antigone rezitieren: „Nicht mitzuhassen, mitzulieben bin ich geschaffen“. Und Aristoteles erkennt um 330 v.u.Z. in seiner „Nikomachischen Ethik“, das Wesen der Freundschaft sei, mehr Liebe zu geben als zu nehmen. Der römische Philosoph Seneca schreibt ein ganzes Buch über die Wohltaten, „De beneficiis“, und erkennt in seinem Werk „Vom glückseligen Leben", das höchste Gut sei „ein ruhiges Handeln, reich an Menschenliebe und Rücksicht für die, mit denen man lebt". Cicero, ebenfalls ein „Heide“ des 1. vorchristlichen Jahrhunderts, wird diesen altruistischen Gedanken aufgreifen und von einer natürlichen „Wohlgeneigtheit zwischen allen Menschen“ sprechen. Keiner ist bisher auf den Gedanken gekommen, die Lehren Zarathustras, Sophokles` oder Senecas mit dem Epitheton „Philosophie der Liebe" zu versehen, obwohl ihnen dieses Markenzeichen wahrlich zustände. Im übrigen ist dieses überstrapazierte Liebesgebot als „Altruismus“, als Teil des natürlichen Verhaltens des Menschen, bekannt. Die Soziobiologie weist bereits Mitte des 20. Jahrhunderts die genetischen Grundlagen des Altruismus nach.

    Neu scheint lediglich das Gebot der „Feindesliebe“ zu sein (Mt 5,43-48), das eine Radikalisierung des Nächstenliebe-Gebotes darstellt und vermutlich nur in Zusammenhang mit der damaligen unmittelbaren Erwartung einer neuen (himmlischen) Welt zu verstehen ist. In der kirchlichen Praxis ist das Feindesliebe-Gebot bis heute ohne Bedeutung. Die Kirche segnete Waffen und die Soldaten haben bis in die jüngste Zeit „für Gott und Vaterland“ die Gegner massakriert. „Feindesliebe“ bleibt damit als realitätsferne, unerfüllbare Forderung eine Wort-Tapete, genauso sinnvoll wie die Forderung „Reichtum für alle“. So bleibt es also völlig nebulös, welche spezifisch christlichen Werte die Kirchenführung eigentlich anzubieten hat.

    So schlecht hat es noch keine Epoche mit dem Menschen gemeint

    Man wird zugeben müssen, dass dieser „liebende Gott“, der in Wahrheit ein ziemlicher Wüterich zu sein scheint, unmöglich den wahren Gott repräsentieren kann. Ritterlichkeit, Fairness und Gerechtigkeit sind keine Vokabeln, die im Sprachschatz dieses Kirchengottes auftauchen. „Fürchte Gott“ mahnt daher sein Apologet Johannes (Offenbarung 14,7) und folgerichtig fordert die Landesverfassung Rheinland-Pfalz auch nicht, die Jugend in Gottesliebe zu erziehen, sondern in blanker Furcht: „Die Schule hat die Jugend zur Gottesfurcht […] zu erziehen” (Art. 33). Ein Spruch, der angesichts der heterogenen Religionslandschaft und des sehr realen Anteils von rund 30 Millionen Konfessionsfreien wie eine Botschaft aus dem 18. Jahrhundert anmutet. 2

    Diese misanthropische Lehre mit ihren dominanten Eckpunkten, Erbsünde und göttliches Strafgericht, ist eine deprimierende Kriegserklärung an den Menschen. Von der Zeugung an mit einer übergroßen Schuld beladen, ist die Menschheit eine sündhafte Elendsmasse, mit der Gott machen kann, was er will. So schlecht hat es noch niemand mit den Menschen gemeint. So finster wurde noch niemals die Zukunft ausgemalt. Nie in der Menschheitsgeschichte wurde das Denken mit derart sinnlosen und wahnwitzigen Sünden- und Höllenapokalypsen kontaminiert, nie hat es einen radikaleren Wandel des Menschenbildes gegeben, nie eine bedrohlichere Lehre, nie eine größere Entmutigung, nie eine dreistere Tarnung mit Sprüchen vom „liebenden Gott“ und von der „Religion der Liebe“. Eine „chinesische“ Kulturrevolution, umfassender, grausamer, länger dauernd als jemals eine Kulturrevolution in der Menschheitsgeschichte, wird sie die Zeit verändern. Jenseitsorientierung, Diesseitsabgewandtheit, Schuldvorwürfe, Selbsterniedrigung und Angst vor Hölle und Vorhölle werden endgültig die entscheidenden und bestimmenden Faktoren im Leben der Menschen. Wir ahnen, dass die Wolfszeit anbricht. Das alles ist weder rational noch theologisch zu begreifen. Erst der Blick in die Religionsgeschichte öffnet den Zugang zum Verständnis. Eingeklemmt zwischen einer turmhoch überlegenen römisch-griechischen Kultur mit weit fortgeschrittener Wertediskussion auf der einen Seite und der noch älteren, ehrwürdigen jüdischen Bibel auf der anderen, steht die christliche Lehre als Klassen-Neuling von Beginn an unter Zugzwang. Diese neue Religion muß überhaupt erst noch ihren Platz finden, muß extravaganter und radikaler als alle anderen Religionen sein, muß die Mystifikation ins Unendliche steigern, muß die Juden enteignen, ihnen die Vergangenheit entwenden, muß die uralte Lehre zur Ankündigungsplattform ihrer neuen Religion degradieren, muß alle Andersdenkenden bekämpfen, um überhaupt Platz zwischen jüdischem Monotheismus, polytheistischer Duldsamkeit, senecaischen „Tue Gutes“-Gedanken und neuplatonischer Religionsphilosophie finden zu können.

    Und so verrennen sich die christlichen Priester in immer abenteuerlichere Konstruktionen, die mit Augustinus` Sündenlehre und der Zwei-Naturen-Lehre des Jahres 451 ihre widergöttlichen Referenzpunkte finden. Gott, so erkennen wir, wird von den Priestern in schlimmster Weise geschmäht. Man müßte die Erfinder und Apologeten dieser Lehre wegen „Gotteslästerung“ (§166 StGB) vor Gericht stellen, ihnen wenigstens die Berechtigung absprechen, über Gott zu sprechen. Unabhängig davon, dass sie wegen der Paradoxie, über Unendliches sprechen zu wollen, aus dem Kreis der Gebildeten ausgeschlossen werden müßten. Die Kirche aber wird es nie verwinden, dass ihr Religionsgründer Jude war, der nicht im Traum daran dachte, eine bürokratischhierarchische Kirche mit einem Stellvertreter Gottes an der Spitze zu gründen. Sie wird Jesus vereinnahmen und die lästige jüdische Konkurrenz auf das bitterste verfolgen.

    1 "Winter und Sommer sänftigen sie [die Götter] mit dem Eintreten eines milderen Hauches, das Irren strauchelnder Seelen ertragen sie sanftmütig und gnädig" (Seneca, De beneficiis).

    2 Im „Vorspruch“ heißt es gar: „Im Bewusstsein der Verantwortung vor Gott, dem Urgrund des Rechts und Schöpfer aller menschlichen Gemeinschaft …“. Baden-Württemberg fordert in der Landesverfassung Art. 12 Eltern und Lehrer auf: „Die Jugend ist in Ehrfurcht vor Gott, im Geiste der christlichen Nächstenliebe …“ zu erziehen. Bayerische Landesverfassung, Art. 131, Abs. 2: “Oberste Bildungsziele sind Ehrfurcht vor Gott …“. Von 16 Bundesländern haben acht den Gottesbezug in der Präambel und fünf christliche Erziehungsziele in der Landesverfassung erwähnt.

     

     

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    Denk-Schrift I: Deutsche Politiker

    Redaktion: Ich freue mich ganz besonders, dass mir Rolf Bergmeier die Genehmigung zum Abdruck seiner Denkschrift erteilt hat. Dies geschieht fast zeitgleich mit der Vorstellung seines neuen Buches „Schatten über Europa“, das am 12. Dezember 2011 im Humanistischen Pressedienst begleitet von einem Interview vorgestellt wurde.

    Vor und während des Besuches Papst Benedikts XVI. ist viel über „christliche Werte“, „Leitkultur“ und vom Christentum als „Fundament europäischer Kultur“ gesprochen worden. Was führende Politiker zu diesen grundlegenden und die herausgehobene Stellung der christlichen Kirche im deutschen Staatswesen begründenden Thesen bisher haben verlauten lassen, ist mehr von religiösem Engagement als von Kenntnis über historische und kirchengeschichtliche Zusammenhänge geprägt. Die folgende Denk-Schrift will der vorherrschenden weltanschaulichen Betrachtung einen lesbaren, wissenschaftlich orientierten Text an die Seite stellen. Dem Wesen einer Denk-Schrift entsprechend ist der Umfang des Textes knapp bemessen. Interessierte Leser werden gebeten, sich mit Hilfe der auf der letzten Seite zitierten Literaturwerke zu informieren.

    „Wer unser christliches Weltbild nicht akzeptiert, ist fehl am Platze“

    Für die meisten Politiker scheint die Sache klar zu sein: Deutschlands  „Werte“ sind christlich und weil sie göttlich sind, sind sie auch ewig. Ohne diese christlichen Werte werde der Gesellschaft der Boden unter den Füßen weggezogen. 47 Seiten hat die CDU-Wertekommission unter Leitung des damaligen rheinlandpfälzischen CDU-Chefs Christoph Böhr im Dezember 2001 zusammengeschrieben. Das Programm unter dem Titel „Die neue Aktualität des christlichen Menschenbildes“ wurde vom damaligen Generalsekretär der CDU, Laurenz Meyer, mit den Worten vorgestellt: „Unsere Werte, die Fundamente, auf denen unsere Gesellschaft gebaut ist, sind heute und in Zukunft […] dieselben wie zuvor“.

    Die CDU-Vorsitzende, Angelika Merkel, erklärte im Oktober 2010 auf einer Regionalkonferenz in Berlin-Brandenburg die spezifischen CDU-Werte: “Wir fühlen uns dem christlichen Menschenbild verbunden, das ist das, was uns ausmacht.” Wer das nicht akzeptiere, so meinte sie, der sei „bei uns fehl am Platz“ (Tagesspiegel, 15.10.2010). Damit setzt die CDU-Vorsitzende, die gerade Thilo Sarrazin wegen angeblich integrationsfeindlicher Tendenzen gerügt hatte, nicht auf kulturelle und politische Versöhnung, sondern auf religiöse Konfrontation. Wer nicht Christ ist, fliegt raus.

    Ob das der CDU angesichts wachsender Kirchenaustritte und der hohen Zahl von Immigranten aus unterschiedlichsten Kulturkreisen bekommt, mag dahingestellt bleiben. Dem innenpolitischen Frieden dient dieses Programm sicherlich nicht. Und der Freiheit des Denkens noch weniger, das ohnehin unter dem Bombardement von Schlagworten („alternativlos“, „scheitert der Euro, dann scheitert Europa“) und dem überfallartigen Wechsel politischer Positionen bedenklich gelitten zu haben scheint.

    Gerne vereinnahmen christliche Politiker auch die jüdische Kultur. Im Bemühen, eine gemeinsame Abwehrfront gegen den angeblich zerstörerischen Islam aufzubauen, wird die „christlich-jüdische“ Kultur zitiert, die es zu verteidigen gelte. Ein etwas eigenartiges Kulturkonglomerat, das da aus dem Hut gezaubert wird. Denn die Christen haben sich zweitausend Jahre lang eifrig bemüht, der jüdischen Religion und Kultur den Garaus zu machen. Und so wird dieser Versuch einer Vereinnahmung von den Juden auch strikt abgelehnt.

    Die wenigen Beispiele zeigen bereits auf den ersten Blick einen religionstypischen Mangel an Nachdenklichkeit, eine bemerkenswerte Naivität der Argumentation und eine fahrlässige Verkürzung der Belegführung. Sehen wir uns also die Erklärungen an und beginnen mit der Prüfung der Behauptung, das Christentum sei der eigentliche Kulturträger des Abendlandes, sei „Europas Leitkultur“, bevor wir uns mit den „christlichen Werten“ beschäftigen.

    Vom Fundament europäischer Kultur

    "Das Christentum hat nahezu alles, was uns heute umgibt, geprägt" erinnert Bundeskanzlerin Merkel die Parteigenossen auf der besagten Regionalkonferenz. Sie spricht damit aus, was viele denken, aber das sagt wenig. Denn es gibt auch eine negative Prägung.

    Hitler und der Nationalsozialismus haben Deutschland auch geprägt, ohne dass wir uns dieser Zeit gerne erinnern. Es versteht sich, dass Frau Merkel in ihrem Bemühen, allem Christlichem eine positive Wirkung abzugewinnen, nicht die Leidensgeschichte Hunderttausender und die unverkennbar negative Wirkung des Christentums auf Wissenschaft und Forschung diagnostizieren mag. Noch weniger scheint die Physikerin die Bedeutung nicht-christlicher Kulturkreise für das „Abendland“ und deren wertebildenden Traditionen zu kennen.

    Da wäre an erster Stelle die griechisch-römische Kultur zu erwähnen, der Europa fast alles verdankt, was tief und schön ist. Gleich ob die Antigone im Theater, der Codex Justinianum im Rechtswesen, der Lehrsatz des Pythagoras oder die Säulenarchitektur in der Baukunst, wir benutzen ein Erbe, das vor mehr als 2000 Jahren geschaffen und bis in das 4. nachchristliche Jahrhundert von „heidnischen“ Künstlern, Technikern und Wissenschaftlern fortentwickelt worden ist. Überall gab es damals beheizte Bäder, Brunnen, Fischteiche, Kanäle und Gärten. Aquädukte und Tunnel führten das Wasser über elf Fernleitungen in die Stadt Rom und alleine diese Stadt hatte damals 28 öffentliche Bibliotheken und Dutzende von Musikhallen. Nahezu jedes Städtchen verfügte über Schulen, der gebildete Römer sprach zwei Sprachen und etwa die Hälfte der Bevölkerung konnte lesen und schreiben.

    Dann aber versandet ab dem 5. Jahrhundert dieser Strom des Wissens und der Kultur. Innerhalb von wenig mehr als einem Jahrhundert verwahrlosen fast alle Erbstücke, die Griechen und Römer in Italien und Gallien, Spanien und Syrien, Schottland und Nordafrika hinterlassen haben. Verfügten die antiken Bibliotheken in Rom, Marseille, Alexandria oder Konstantinopel noch über jeweils mehrere hunderttausend Bücher, so quälen sich wenig später Reste von einigen hundert Büchern in das Mittelalter der Klosterbibliotheken hinein. Die Wasserleitungen verfallen, die öffentlichen Schulen bleiben leer, Medizin und Naturwissenschaften veröden, die Theater sind geschlossen, die Menschen verlernen das Schreiben und brauchen Übersetzer, wenn sie kommunale Verordnungen lesen wollen. Über das Abendland senkt sich das "finstere Mittelalter" herab.

    Die Kirche zerstört die antike Kultur

    Schuld an diesem Desaster sind nicht die Germanen, ist nicht die Dekadenz der Römer, wie man immer wieder hört. Sie tragen lediglich zur Heimsuchung bei, sind aber nicht die Hauptverantwortlichen. Die Trostlosigkeit hat einen anderen Namen: Christentum. Die tausendjährige antike Kultur ist untergegangen, weil christliches Alleingott-Denken die heidnische Toleranz gegenüber allen Göttern ablöst, weil die christliche Kirche mit den griechisch-römischen Göttern zugleich auch die antike Kultur des Imperium Romanum bekämpft, weil eine rational nicht nachvollziehbare Diktatur der Wahrheit jedes alternative Denken zerstört, weil das jenseitszentrierte Himmel-Hölle-Bild diesseitiges Bemühen zum Tand erklärt und weil religiöse Fanatiker jegliches Denken außerhalb der Bibel als verwerflich denunzieren.

    Das Unheil beginnt im Jahre 380 mit Kaiser Theodosius. Dieses Jahr ist ein Schicksalsjahr für Europa: Staat und Kirche verbünden sich in einer unheiligen Allianz zur Staatskirche, die die Macht erhält, ihre radikalen, diesseits- und menschenfeindlichen Vorstellungen in Politik umzusetzen. Die bisher heillos zerstrittenen Christen werden mit Hilfe von sechzig kaiserlichen Erlassen zu einer katholischen „Einheitspartei“ geordnet und bekommen damit die Möglichkeit, den Lehrsatz religiöser und geistiger Intoleranz zum Staatsziel zu erklären: Du mußt an den christlichen Gott glauben.

    Diesem Missionierungsgedanken fallen fortan alle Kulturen von der antiken über die maurisch-spanische bis zu den Indio-Kulturen in Nord-, Mittel- und Südamerika zum Opfer. Wo immer das Christentum auftritt, es tauscht die bestehenden Kulturen gegen eine schmale, rein religiös orientierte Kirchenkultur aus. Während das römische Imperium die griechische Kultur aufsaugt und zur weltberühmten griechisch-römischen Kultur erweitert, während das islamische Bagdad und das maurische Spanien alle erreichbaren Kulturen von Indien bis zur jüdischen zu einer traumhaften Höchstkultur vereinen, gefällt sich das benachbarte Christentum zur gleichen Zeit in der Zerstörung aller nichtchristlichen Kulturen.

    Dass die zerstörten Kulturen häufig, insbesondere im Falle der griechisch-römischen, der arabischen und der maurisch-spanischen der neuen christlichen Ideologie künstlerisch und wissenschaftlich weit überlegen sind, wird im frommen Trommelwirbel gerne überhört. Und es ist die überragende muslimische Kultur in Toledo, Sevilla und Cordoba, die zwischen 800 und 1200 als Parallelkultur auf die bedrückenden Defizite der christlich-mittelalterlichen Kultur hinweist. Sie wird in den Stürmen der christlichen Reconquista 1492 untergehen. Die verstoßenen Wissenschaftler und Künstler aber wandern aus und werden in Mitteleuropa das „finstere“ Mittelalter beleben. Ihr Wissen und ihre Bücher werden die Wiedererweckung der Antike einleiten, die Renaissance. Aber die Freiheit bleibt kanalisiert, das Verbot, frei zu denken und ungebunden zu forschen, bleibt bei Todesdrohung weiterhin bestehen.

    An Belegen für die kulturfeindliche Haltung der christlichen Kirche fehlt es nicht. Der bekannte christliche Schriftsteller Tertullian meint, „es sei besser, unwissend zu sein, um nicht kennen zu lernen, was man nicht soll“. Tertullians Zeitgenosse, Tatian, lehnt in einer zügellosen Rede „An die Hellenen“ die gesamte griechische Bildung als unnütz und unmoralisch ab. Die antiken Philosophen seien Lärmer, Geschwätz und Rabengekrächze kennzeichne ihre Reden. Die Akademien seien "Schwalbenzwitscherschulen" und die Arzneikunde käme aus einer „Schwindlerwerkstatt“.

    Es folgen weitere Kirchenführer, die gegen das „Philosophenvieh“ wettern. Trächtige Säue“ seien sie, „Hunde, die zu ihren Auswürfen zurückkehren“, Dummköpfe, Fälscher, Giftspeier, Betrüger, Verrückte und Strauchdiebe. Einen schlechten Ruf bei Christen haben auch Mathematiker. Augustinus wendet in seinem „Gottesstaat“ ein ganzes Kapitel auf, um den Nachweis zu führen, dass die Mathematiker eine gegenstandslose Wissenschaft betreiben. Die systematische Erforschung naturwissenschaftlicher Phänomene wird als überflüssig betrachtet, da alle Naturereignisse, vom Erdbeben bis zum Blitzschlag, Gottes Wirken zugeschrieben werden. Naturereignisse seien Folgen seiner Pflicht, die Menschen zu strafen oder zu loben. Mit Geschichte brauche sich der Christ nicht zu beschäftigen, da das ganze Geschichts-Schriftentum durch die Heiligen Schriften widerlegt sei, die einen Zeitraum von 6000 Jahren Menschheitsgeschichte berechnet hätten. Selbst die Medizin wird abgelehnt, da die Kraft der Heiligen besser helfe. Von Baukunst, Staatslehre und Landwirtschaft brauche der Christ nichts zu wissen, es sei denn, um die betreffenden Stellen der Heiligen Schrift besser zu verstehen.

    Parallel zur Vernichtung der Wissenschaften geht es der Kunst und den Schauspielen an den Kragen. Letztere seien Teil der weltlichen Irrtümer, verkündet Tertullian. Der „heilige“ Augustinus wettert gegen die Theater: „Schaustellungen von Schändlichkeiten und Freistätten der Nichtswürdigkeit“ seien sie, „Fäulnis und Pest der Seelen“, „Unzucht“, „wollüstiger Aberwitz“. So schafft es die christliche Kirche, die großen Tragödien von Aischylos, Sophokles und Euripides und alle Komödien von den Bühnen verschwinden zu lassen. Statt „Ödipus“ und „Antigone“ sind nunmehr Jesus und Maria Magdalena Gipfelpunkte der Dramatik.

    Am verheerendsten aber wirkt sich die Austrocknung und Schließung der öffentlichen Schulen aus. Im 6. Jahrhundert sind alle öffentlichen Schulen geschlossen. Eine ganze Region von den Pyrenäen bis zum Bosporus, von Friesland bis Sizilien verlernt das Lesen und Schreiben. Während im Imperium Romanum mehr als die Hälfte der Bevölkerung lesen und schreiben kann, wartet das Mittelalter mit neunzig Prozent Analphabeten auf.

    Erst ab dem 13. Jahrhundert wird sich das „finstere“ Mittelalter langsam wandeln, vorsichtig, weil es sich niemand erlauben kann, mit der Kirche zu verderben. Die Gründe für die vorsichtige Neuorientierung liegen außerhalb des Christentums (Byzanz, Spanien, Sizilien), auch wird der Wandel durch eine dramatisch verschärfte Gehirnwäsche (Inquisition) begleitet. Aber das ist ein anderes Thema.

    Das neue christliche Welt- und Menschenbild

    Drei radikale Lehrmeinungen bewirken das Desaster, das „finsteres Mittelalter“ genannt wird:  Neben dem Missionsbefehl „Geht hinaus in alle Welt“, der, meist von wenig Gebildeten umgesetzt, selten auf Dialog als vielmehr auf die geistige Bevormundung „Verstockter“ (Exodus 7,13) bis hin zur Zwangstaufe setzt, sind das Dogma vom Menschen als einem „verlorenen Sünder“ und die Theorie vom Gericht Gottes, dessen unbarmherzige Strafen in düstersten Farben ausgemalt werden, Basis eines völlig neuen Weltbildes, das zum eigentlichen Ausgangspunkt des Kultureinbruchs wird.

    Geburtshelfer sind zwei Männer: Paulus und Augustinus. Der erste aus dem ersten Jahrhundert, der zweite aus dem vierten/fünften Jahrhundert. Ihre teils grotesken Lehren beherrschen bis heute das Christentum.

    Paulus, kurz nach dem Tode Jesu von göttlich-greller Erleuchtung getroffen, „ein Licht warf mich auf den Boden“, wird über Nacht vom christenverfolgenden Saulus zum bekennenden Paulus. Diese paulinische „Erleuchtung“ ist in der Medizin nicht unbekannt. Eine solche sprunghafte Reaktion wird als Symptom einer Übersteigerungen normalen Erlebens diagnostiziert, verbunden mit Wahnbildung und optischen oder akustischen Halluzinationen. Gelegentlich kommt der Betroffene zu dem Schluss, von Außerirdischen oder Geistern aus dem Jenseits beobachtet zu werden. Im Falle eines krankhaften Verlaufes besteht für den Betroffenen eine unerschütterliche Gewissheit, dass das wahnhaft Erlebte tatsächlich geschehen ist. Diese Symptome faßt die moderne Medizin unter dem Begriff der Schizophrenie zusammen. Paulus also hört Stimmen aus dem Universum „warum verfolgst Du mich?“, geht in die Wüste, erkennt das Jenseits und gilt bei Nietzsche daher als Erfinder des Christentums. Dieser Paulus klagt die Menschheit an: Der Glaube an sich selbst sei böse, ebenso das Freiheitsgefühl. Stolz sei die größte Sünde. Im übrigen sei den Armen im Geiste das Himmelreich.

    Jahrhunderte später macht Augustinus, der nach einer gleichermaßen geheimnisvollen „Bekehrung“ zunächst Frau und Kind in die Wüste schickt, sich dann eine Konkubine zulegt, dem Menschen endgültig seine antike Würde streitig. Der nordafrikanische Bischof legt mit seinen Schriften ein spekulatives, teils anspruchsvolles, teils kindliches Palaver über Glaube, Liebe, Hoffnung, Schuld und Sühne vor. Seine philisterhaften Streitschriften gegen den freien, schöpferischen Menschen sind in ihrer nihilistischen Abwertung allen menschlichen Bemühens und in der entwürdigenden Selbsterniedrigung des Menschen in der Weltliteratur einzigartig. Unter Umgehung sämtlicher Einwände hinsichtlich der Erkennbarkeit des Unendlichen torkelt Augustinus trunken durch eine rabenschwarze, selbst inszenierte Scheinwelt und berichtet Seltsames über die Architektur des Himmels, über Fegefeuer und Hölle, Auferstehung und Qualen.

    Sein wohl berühmtestes Werk, der Gottesstaat, ein Brocken von 22 Bänden, entwirft ein zutiefst pessimistisches Bild vom Leben, das mehr einem Sterben gleicht als dem Leben. Thematisch und chronologisch wild hin- und herspringend zwischen römischer Geschichte, schändlichen Schauspielen, Sittenverderbnis, Beschimpfung antiker Philosophen und Zitaten aus dem Alten Testament, verblüfft Augustinus den Leser mit einem Bacchanal fabelhafter Einsichten in das Jenseits. Von dieser Himmelsschau haben sicherlich seine Betrachtungen über Adam und Eva, deren Ursünde, der daraus abzuleitenden Sündhaftigkeit der Menschen und der Übertragung der Erbsünde durch die Sexualität den größten Unterhaltungswert, aber auch die weitreichendste Bedeutung. Denn Sexualität ist selbstredend abzulehnen. Sie ist offensichtlich dem Tierischen zuzuordnen. Dies äußere sich darin, daß die Zeugung nicht ohne ein gewisses Maß an tierischer Bewegung erfolge. Da die Sünde Adams durch die Libido übertragen werde, sei diese der Grund für die Übertragung der Ursünde. Folglich sei Sex mit Lust verwerflich. Lediglich unter drei Voraussetzungen toleriere Gott die Geschlechtlichkeit als fahrlässige Sünde: Der Geschlechtsakt müsse erstens innerhalb der Ehe, zweitens ohne Lust und drittens mit der Absicht der Kinderzeugung erfolgen. Am nahesten bei Gott seien jedoch die Männer und Frauen, die sich dem anderen Geschlecht verweigerten.

    Augustinus weiß auch zu berichten, wie es nach dem Tode zugeht: Es gebe zwei Auferstehungen, eine der Seelen und eine der Körper. Frauen behielten nach der Auferstehung zwar ihre Geschlechtlichkeit bei, das sei aber kein Problem, denn die weibliche Geschlechtlichkeit“ sei fortan „über Beilager und Geburt“ erhaben. Geschnittenen Haare und Nägel würden dem Auferstehenden nicht verloren gehen, es sei denn, sie wirkten entstellend. Nebenher sichtet er die menschlichen Laster, ordnet sie in einer Stufenfolge, analysiert die Bedeutung des siebten Tages für Gott und widmet sich den „aetherischen und durchsichtigen“ Engeln, die Gott von Angesicht zu Angesicht schauen können. Von Elfen und Trollen weiß Augustinus allerdings nichts zu berichten.

    Warum Augustinus den Ehrentitel „größter Philosoph“ erhalten hat, warum die zentrale Würzburger Augustinforschung in den Rang eines universitären „An“-Institutes erhoben worden ist, bleibt völlig undurchsichtig. Augustins Lehrsatz „Der Glaube geht der Erkenntnis voraus“ öffnet den irrsinnigsten Spekulationen alle Scheunentore. Mit Philosophie hat das ebenso wenig zu tun, wie der wolkige Unsinn von Papst Gregor I., der die augustinische Sicht in das ferne himmlische Geschehen damit erklärt, dass es einigen Seelen zuweilen gestattet sei, den Körper zu verlassen und unter Führung eines Engels das Jenseits zu besuchen, um anschließend wieder in den irdischen Körper zurückzukehren und den übrigen Erdenbewohnern von der anderen Welt zu erzählen.

    Fortsetzung folgt…

     

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    Der rote Balken

    Dieser Beitrag erschien zuerst bei: georgkorfmacher.

    Schön ist das Palais Holnstein in der Münchner Innenstadt, ein Prachtbau des Rokoko mit einem vielsagenden Wappen am Hausgiebel. Kunstkennern und Wappenkundlern zaubert der kleine rote Balken zwischen den Löwen der Wittelsbacher ein Schmunzeln ins Gesicht. Einfache Demokraten fragen sich, ob die rote Farbe, die so gar nicht ins Wappen der Bayern passt, vielleicht mit der roten Farbe des pileolus des dort wohnenden Kardinals zu tun hat, oder mit den roten Knöpfen entlang seiner Sutane, oder mit den roten Papstpantoffeln, oder überhaupt mit dem vielen Rot an allen möglichen Gewändern katholischer Kirchen-fürsten?

    Auf Anfrage  würde man die historisch nicht haltbare Erklärung erhalten, dass die rote Farbe an das Blut der Märtyrer erinnern soll und an die Demut der Träger dieser Farbe. Die Erklärung der Catholica klingt zwar katholisch schön, ist aber ebenso zweifelhaft wie bezeichnend für das Prunk- und Prachtgehabe seiner Träger. Als nämlich die Christen unter dem grossen Konstantin flügge wurden, eigneten sie sich flugs einige Zeichen der Macht an, so die rote Farbe. Diese war an sich hohen Staatsbeamten, Senatoren u.ä. vorbehalten und überhaupt eine Farbe politischer Macht. Die niedlichen roten Papstpantöffelchen sind ein lächerlicher Überrest dieses Machtgehabes. Der Sonnenkönig von Frankreich forderte ostentativ die rote Farbe an seinen Absätzen exklusiv für sich. Der machtgeile Kardinal Richelieu lief nur noch rot herum. Rot ist bis heute auch eine Farbe der Macht.

    Und da passt es natürlich trefflich, dass der Balken im Wappen am Haus des Kardinals auch rot prangt. Prächtig! Da fühlt man sich doch gleich zuhause. Besser geht es nun wirklich nicht! Und alle sind stolz und freuen sich, vor allem der Kardinal.

    Aber welch grausame Macht des Schicksals! Der Balken in der noch so schönen Farbe rot sagt nämlich nur überdeutlich, dass dies das Haus eines Bastards war, zwar eines höchst adeligen, aber eben doch eines Bastards. Daher nennen Kenner den schönen (roten) Balken auch Bastardbalken. Zwar haben die Wittelsbacher aus dem heraldischen Balken ein putziges Bälkchen gemacht, gleichwohl ist und bleibt es ein Bastardbalken, unter dem der Kardinal täglich ein- und ausgeht.

    Aber das Haus ist schön, und man darf annehmen, dass der Geist des Bastards nach neuerlicher Renovierung für lächerliche 6,5 Mio. € nicht mehr in seinen Gewölben umgeht. Dank der Denkmalbehörde, die das Haus und sein Wappen mit Steuergeldern so trefflich restauriert hat. Ob jedoch das Haus eines Bastards und einer Maitresse ein würdiger Sitz für einen Kardinal der Catholica ist, bleibt eine offene Frage.

     

     

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