Offener Brief in Sachen Islamismus

Säk HilfeAussendung der "Säkularen Flüchtlingshilfe" in der BRD vom 4.11.2020:

Ende Oktober forderte Kevin Kühnert, Bundesvorsitzender der Jusos sowie stellvertretender Parteivorsitzender der SPD, in einem Gastbeitrag im Spiegel angesichts des islamistisch motivierten Mordes an dem französischen Lehrer Samuel Paty, dass die politische Linke ihr Schweigen beenden und den Kampf gegen Islamismus nicht länger den Rassisten überlassen solle. Die Säkulare Flüchtlingshilfe unterstützt seinen Appell in einem Offenen Brief:

Sehr geehrter Herr Kühnert,
für Ihren wichtigen Gastbeitrag im Spiegel "Die politische Linke sollte ihr Schweigen beenden" vom 21. Oktober 2020 möchten wir Ihnen herzlich danken. Wir begrüßen die offene Debatte, die Sie damit ausgelöst haben.
Zunächst sind Sie jetzt – neben dem Zuspruch – leider auch den üblichen Unterstellungen und Diffamierungen ausgesetzt. Die unlauteren Attacken nicht nur von Islamisten und Islamlobbyisten, sondern selbst aus linken Kreisen kennen wir aus eigener Erfahrung nur zu gut. Daher möchten wir Ihnen öffentlich unsere volle Unterstützung aussprechen. Wir sind überzeugt, dass gemeinsam eine Wende der Islam- und Migrationsdebatte zum Besseren gelingen kann.

Ihre Worte verdienen, in all ihrer Klarheit und Eindringlichkeit gehört zu werden:
"Wenn die politische Linke den Kampf gegen Islamismus nicht länger Rassisten überlassen will, muss sie sich endlich mit diesem blinden Fleck beschäftigen…

Selbstverständlich ist es die Aufgabe linker Politik, die sozialen Zusammenhänge rund um Terror und Kriminalität zu durchleuchten und daraus Schlüsse zu ziehen. Linke Politik muss Machtverhältnisse und Hierarchien thematisieren, sich für die Sozialisation des einzelnen interessieren und sie muss diskriminierende Strukturen in Staat und Gesellschaft aufdecken und ändern. Dem Ziel folgend, unser Zusammenleben gerechter und somit auch sicherer zu machen, kann anschließend über einzelne Maßnahmen gestritten werden.

Doch über eines muss von Beginn an unverdruckste Klarheit bestehen: Alle Terrorakte gleichen sich in ihrer Unrechtmäßigkeit und alle Todesopfer des Terrors gleichen sich in der unweigerlichen Auslöschung ihrer Existenzen. Diese bedrückenden Fakten sowie das Mitgefühl mit Opfern und Angehörigen stehen am Anfang einer jeden Betrachtung.

Darüber müssen wir sprechen. Laut, öffentlich, unmissverständlich.

Wir sehen uns als Verbündete in dem von Ihnen beschriebenen "Kampf gegen Islamismus" und für eine offene, freiheitliche Gesellschaft.
Der Islamismus ist der Grund, warum wir in unseren Heimatländern kein freies, normales Leben führen können. Wir mussten vor islamischer Bedrohung und Gewalt fliehen und müssen uns selbst hier weiterhin vor Übergriffen schützen.
Wir sehen mit Sorge das Auftreten des Islamismus in Deutschland und Europa. Auch sehen wir die Auseinandersetzung mit diesen Problemen als wichtiges Mittel an, um der Verbreitung von Fremdenfeindlichkeit in der Gesellschaft entgegenzutreten und Lösungen anzubieten.

Auf wen setzt die "politische Linke" in Zukunft?

Wir können nicht erkennen, wie es der Integration dienen soll, dass Teile Ihrer Partei und deutsche Ministerien auch zukünftig noch in einseitiger Weise mit Islamverbänden und Organisationen kooperieren, die einen Scharia-Vorbehalt verfechten und nicht für den vollen Bestand der Menschenrechte eintreten. Der Schulterschluss der Politik sollte den liberalen Muslimen gelten.
Wir Ex-Muslime haben diese menschenfeindliche Ideologie hinter uns gelassen schon bevor wir deutschen Boden betraten. Wir vertraten schon vor unserer Flucht die Werte der Demokratie und der universellen Menschenrechte, der Religionsfreiheit, der Meinungsfreiheit. Möge die deutsche Gesellschaft diese Werte und Freiheiten niemals aufgeben – zu keinem Preis.
Wir möchten unseren Beitrag dazu leisten, dass die deutsche Politik einen angemesseneren Umgang mit den Regierungen und dem politischen Islam unserer Heimatländer findet. Von dort kennen wir nämlich die anti-feministischen, anti-LGBT oder antisemitischen Positionen, die auch hier von Islamisten immer offener vertreten werden und mit denen sie zu Gewalt und Mord aufstacheln.
Wir haben Sie kürzlich eingeladen, über unsere Erfahrungen und unsere Vorschläge zu diskutieren. Offen und online mit den Unterzeichnenden und vielen mehr. Wann haben Sie Zeit?

Mit freundlichen Grüßen
Rana Ahmad, Mitgründerin und Vorstand Säkulare Flüchtlingshilfe
(aus Saudi-Arabien geflohen)
Mahmudul Haque Munshi, Vorstand Säkulare Flüchtlingshilfe
(aus Bangladesch geflohen)
Khulud Alharthi, Kolumnistin Welt am Sonntag
(aus Saudi-Arabien geflohen)
Worood Zuhair, Frauenrechtlerin
(aus dem Irak geflohen)
Amed Sherwan, Blogger, Menschenrechtsaktivist
(aus Irakisch-Kurdistan geflohen)

Entnommen bei www.atheisten-info.at

 




Zum Suizidhilfe-Verbot in Österreich…

engelmayer-gerhard-500_5612…gibt es am 24. September 2020 eine Verhandlung vor dem Verfassungsgerichtshof

Gerhard Engelmayer am 22. 9. 2020 auf https://www.humanisten.at/

Am Donnerstag, 24. September 2020 findet um 9:30h am Verfassungsgerichtshof in Wien eine Verhandlung über die im Auftrag des Vereins «DIGNITAS – Menschenwürdig leben – Menschenwürdig sterben» durch die Wiener Anwaltskanzlei ETHOS.legal eingereichten Verfassungsklage gegen das Suizidhilfe-Verbot in Österreich statt. Die Verhandlung soll der weiteren Klärung der Rechtslage und der Erörterung diverser Fragen dienen. DIGNITAS wird der Verhandlung beiwohnen. Wer von uns Hunanisten interessiert ist, kann sich mit uns und einigen anderen Mitgliedern des ÖGHL um 9:00h vor dem Verfassungsgerichtshof treffen.

Im Mai 2019 beauftragte der Verein «DIGNITAS – Menschenwürdig leben – Menschenwürdig sterben» (kurz: «DIGNITAS») den österreichischen Rechtsanwalt Mag. Dr. Wolfram Proksch von der Wiener Anwaltskanzlei Ethos.legal, eine Klage beim österreichischen Verfassungsgerichtshof einzureichen. Ziel des Vorstoßes ist die Prüfung durch das Verfassungsgericht, ob die gegenwärtigen Strafrechtsbestimmungen bezüglich der Suizidhilfe verfassungskonform sind, und dass die von einer Mehrheit der österreichischen Bürgerinnen und Bürger gewünschte Entscheidungsfreiheit bezüglich ihres eigenen Lebensende real wird. Gleichzeitig wurde dem Verfassungsgericht ein so genanntes Vorabentscheidungsverfahren beim Europäischen Gerichtshof (EuGH) in Luxemburg beantragt, damit dieser Stellung zur Frage der Vereinbarkeit der bestehenden Bestimmungen mit der Rechtslage in der europäischen Union bezieht.

Verhandlung vor dem Verfassungsgerichtshof
Der österreichische Verfassungsgerichtshof hat im Zuge des Verfahrens eine mündliche Verhandlung anberaumt, die der weiteren Klärung der Rechtssache dienen soll. In dieser Verhandlung sollen diverse juristische Fragen erörtert werden bezüglich der Regelung des § 78 ÖStGB, also des Verbots der Suizidhilfe. Die Aktive Sterbehilfe (Tötung auf Verlangen) ist nicht Teil der Verhandlung. Neben dem Rechtsvertreter der Kläger werden auch Vertreter der «Österreichischen Gesellschaft für ein Humanes Lebensende» (ÖGHL) sowie des Initianten des Verfahrens, «DIGNITAS – Menschenwürdig leben – Menschenwürdig sterben» zugegen sein.

Die Rechtslage in Österreich
Die Republik Österreich kennt eines der rigorosesten Verbots-Systeme gegen die Selbstbestimmung bezüglich des eigenen Lebensendes. § 78 des österreichischen Strafgesetzbuches (öStGB), der sich zur «Mitwirkung am Selbstmord» äußert, lautet: «Wer einen anderen dazu verleitet, sich selbst zu töten, oder ihm dazu Hilfe leistet, ist mit Freiheitsstrafe von sechs Monaten bis zu fünf Jahren zu bestrafen.» Darüber hinaus sieht das öStGB in § 64 Absatz 1 Ziffer 7 vor, dass § 78 auch dann Anwendung findet, wenn die «Tat» im Ausland stattfindet, also zum Beispiel in der Schweiz, wo Suizidhilfe seit Jahrzehnten grundsätzlich nicht strafbar ist. Diese Bestimmung kann zur Folge haben, dass die Strafbehörde ein Strafverfahren gegen eine Person in Österreich einleitet, wenn sie erfährt, dass diese – wenn sie Österreicher ist und in Österreich wohnt – einem anderen Österreicher, der in Österreich gewohnt hat, behilflich war, zu DIGNITAS in der Schweiz zu fahren, um dort sein Leiden und Leben selbstbestimmt, legal, ärztlich unterstützt und professionell begleitet, beenden zu können.

Widerspruch zu den Menschenrechten
Die Freiheit, über Art und Zeitpunkt des eigenen Lebensendes zu bestimmen, ist ein vom Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte 2011 erklärtes Selbstbestimmungsrecht. Seither ist dieser Grundsatz in diversen weiteren von DIGNITAS initiierten oder unterstützten Rechtsverfahren, in Deutschland, Italien und Kanada bestätigt und weiterentwickelt worden.2 Die österreichische Rechtslage beachtet dieses Recht (noch) nicht. Sie zwingt so Bürgerinnen und Bürger, entweder ihr Leiden für einige Zeit zu erdulden, sich für einen harten und mehrheitlich zum Scheitern verurteilten Suizidversuch zu entscheiden oder aber in die Schweiz zu reisen.

Diese Situation ist eines modernen, demokratischen Staates im Herzen Europas unwürdig.

Anmerkung atheisten-info:

Klarerweise ist der organisierte Hauptfeind der Legalisierung der Sterbehilfe die katholische Kirche. Weil gläubige Katholiken sterben ja nicht an Krankheiten oder Unfällen, sondern nur dann, wenn sie Gott zu sich ruft! Und dieses Gottesprivileg verteidigt der Vatikan mit gefletschten Zähnen in einem vatikanischen Brief, der offensichtlich wegen des laufenden höchstgerichtlichen Verfahrens in Österreich geschrieben wurde, hier eine Zusammenfassung:

Aus Sicht des Vatikan werden bei Sterbehilfe die ethischen und rechtlichen Grenzen der Selbstbestimmung überschritten. Lebensverkürzende Maßnahmen seien Zeichen einer "Wegwerfkultur" und keine Lösungen für die Probleme todkranker Patienten, betont wird die unaufgebbare Würde des Menschenlebens "auch in seinen extremen Phasen des Leidens und Todes".
Hinter dem Verlangen von Schwerkranken nach einer Beendigung ihres Lebens stehe fast immer der Ruf nach Hilfe und Liebe. Am aktuellen gesellschaftlichen Umgang mit Leid kritisiert der Vatikan eine verengte Auffassung von Lebensqualität und ein falsches Verständnis von Mitgefühl, mangelnde Zuwendung zu Leidenden und neue Vorstellungen einer individualistischen Selbsterlösung.

Klar, katholisch betrachtet ist nicht der Mensch in unbehebbaren lebenselenden Situationen für seine Erlösung zuständig, das muss ein Katholik dem Jesus überlassen. Und der Jesus der lässt eben in solchen Fällen die sündigen Menschen schon die Hölle auf Erden erleben!

Meine ungläubige Mutter war in den letzten Lebensmonaten auch in einer solchen Situation, sie war nach Schlaganfall großteils gelähmt, konnte kaum noch sprechen, nur noch ihre linke Hand bewegen, mit dieser schaffte sie es, sich Orangen zu schälen und bei den täglichen Fütterungen, das Essen samt Teller auf den Boden zu schmeißen und als man ihr Schläuche für künstliche Ernährung eingebaut hatte, sich diese sofort wieder herauszureißen, sie hat sich praktisch zu Tode gehungert, weil Sterbehilfe ist ja verboten!

Die Verteidiger dieses Verbotes sind Unmenschen!
Ihnen ist zu wünschen, dass sie einen langwierigen elendigen Tod sterben müssen! Damit sie diese Sünde der Unbarmherzigkeit höllisch büßen müssen!

Entnommen bei atheisten-info.at

 




„Notausgang am Lebensende steht bisher nur halb offen“

dghsWEIMAR. (dghs/fgw) Vor der Bundespressekonferenz in Berlin hat die Deutsche Gesellschaft für humanes Sterben e.V. (DGHS) am 16. September 2020 einen Gesetzentwurf zur Neuregelung von Suizidhilfe vorgestellt. In einer Presseerklärung der DGHS heißt es dazu:

 

Um den Feststellungen des Bundesverfassungsgerichts (BVerfG) nachzukommen, unterbreitet die Deutsche Gesellschaft für Humanes Sterben e. V. einen Vorschlag für eine verfassungskonforme Gesetzgebung zur Suizidhilfe. Der Vorschlag umfasst die Aufnahme eines neuen Paragrafen in das Bürgerliche Gesetzbuch (BGB) und die Aufnahme eines neuen Paragrafen sowie diverse Ergänzungen bzw. Modifizierungen bestehender Vorschriften im Betäubungsmittelgesetz (BtMG).

 

Zentrale Bedingung einer ethisch vertretbaren Praxis der Suizidhilfe ist die Einhaltung von Sorgfaltskriterien durch die beteiligten Ärzte und Sterbehelfer. Erforderlich ist zudem eine Anpassung der Berufsordnungen der Landesärztekammern und Änderungen im Betäu-bungsmittelrecht. Elementare Bedingung ist für die DGHS die Freiverantwortlichkeit des Suizidwilligen. Diese liegt vor, wenn der Suizidwillige die natürliche Einsichts- und Urteilsfähigkeit für seinen Selbsttötungsentschluss besitzt, seine Entscheidung frei von Willensmängeln ist, sein Entschluss wohlerwogen und von einer inneren Festigkeit getragen ist. Dabei ist die Urteils- und Entscheidungsfähigkeit, wie im gesamten Rechtsverkehr, zu unterstellen. Nur bei Vorliegen konkreter Anhaltspunkte hinsichtlich einer möglichen Einschränkung der Einsichts- und Urteilsfähigkeit sollte eine fachpsychiatrische Begutachtung mit eingehender Prüfung der Einsichts- und Urteilsfähigkeit vorgenommen werden.

 

Im Rahmen eines zu schaffenden prozeduralen Sicherungskonzepts befürwortet die DGHS eine ausgewogene und umfassende Aufklärung über medizinische Alternativen zum beabsichtigten Suizid, lehnt aber eine wie auch immer geartete Beratungspflicht ab, die auf eine Pflicht des Sterbewilligen hinausläuft, seinen Sterbewunsch zu rechtfertigen. Die freiverantwortliche Entscheidung über das eigene Lebensende bedarf nach dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts „keiner weiteren Begründung oder Rechtfertigung".

 

In seinem Urteil vom 26.02.2020 hatte das (BVerfG) festgestellt, dass das im Grundgesetz garantierte allgemeine Persönlichkeitsrecht als Ausdruck persönlicher Autonomie auch ein Recht auf selbstbestimmtes Sterben umfasst. Es schließt das Recht auf Selbsttötung sowie die Freiheit ein, dazu auf die freiwillige Hilfe Dritter zurückzugreifen (Rdnr. 208). Das BVerfG hat darüber hinaus festgestellt, dass das Berufsrecht der Ärzte und Apotheker dementsprechend auszugestalten und das Betäubungsmittelrecht anzupassen sind (Rdnr. 341).

 

Das Urteil des Bundesverfassungsgerichts von Ende Februar dieses Jahres hat die Rechtslage vor 2015 wiederhergestellt und damit den über vier Jahre verschlossenen Notausgang einer Selbsttötung erneut geöffnet. Nicht nur das: Durch dieses Urteil hat nunmehr Deutschland selbst die Schweiz an Liberalität überholt, so DGHS-Präsident Professor Dr. Dr. h. c. Dieter Birnbacher. Das Gericht bindet die Freiheit zum Tode an keine andere Bedingung als die der Ernsthaftigkeit, Festigkeit und Freiverantwortlichkeit des Entschlusses und verlangt nicht, dass der Sterbewillige an einer schweren, unheilbaren oder zum Tod führenden Krankheit leidet.

 

In der Praxis steht der Notausgang allerdings erst halb offen. Zwei Barrieren stehen weiterhin im Wege. Erstens das berufsrechtliche Verbot einer ärztlichen Beteiligung an der Selbsttötung durch die 10 Landesärztekammern, die die vom Deutschen Ärztetag 2011 beschlossene Verbotsempfehlung übernommen haben. Es gibt gute Gründe, die Verschreibung und Verfügbarmachung eines tödlichen Mittels Ärzten vorzubehalten. Aber solange ein Arzt um seine Approbation fürchten muss, wird er kaum zu einer Suizidhilfe bereit sein. Zweitens lässt sich auch nach dem Urteil das in der Schweiz zur Herbeiführung eines schnellen und leichten Todes bewährte Mittel Natrium-Pentobarbital in Deutschland immer noch nicht legal beschaffen.

 

„Der gegenwärtige Rechtszustand ist nicht nur halbherzig, sondern glatterdings unlogisch", sagt DGHS-Präsident Professor Dr. Dr. h. c. Dieter Birnbacher. Wenn der ehemalige § 217 StGB verfassungswidrig ist, weil er die Wahrnehmung des Grundrechts auf selbstbestimmtes Sterben effektiv verschließt, sind auch diese weiteren Hürden mit der Verfassung nicht vereinbar und müssen abgebaut werden. Wie in der medizinischen Versorgung allgemein darf die Chance, ärztliche Hilfe zu erhalten, nicht vom Wohnort abhängen. Und erforderlich ist, so Professor Birnbacher und Rechtsanwalt Professor Robert Roßbruch, Vizepräsident der DGHS, bei der Vorstellung des DGHS-eigenen Gesetzentwurfes eine Klarstellung im Betäubungsmittelgesetz, dass das tödliche Mittel, das sich in der Schweiz bewährt hat, auch in Deutschland zum Zweck eines selbstbestimmten Sterbens und nicht nur, wie es dort heißt, zu einer ärztlichen „Behandlung" verwendet werden darf.

 

Den Gesetzesvorschlag im Volltext ist auf der Webseite der DGHS nachzulesen.

 

(SRK)


 
17.09.2020

Von: (SRK)




Siegfried R. Krebs: Neue Humanismus-Anthologie erschienen

krebsth__ringenWEIMAR. (fgw) Eine jetzt von Siegfried R. Krebs in der edition Spinoza im Verlag freiheitsbaum vorgelegte Anthologie über Freidenkertum, organisierten Humanismus und Laizismus will den Grundstock für entsprechende regional-geschichtliche Untersuchungen für das Gebiet des heutigen Landes Thüringen legen. Mit Auszügen aus dem Vorwort möchte freigeist-weimar auf dieses Buch aufmerksam machen.

 

Eine umfassende Geschichte zum organisierten Humanismus, einschließlich der vielen freireligiösen, freigeistigen, freidenkerischen und laizistischen Strömungen ist noch nicht geschrieben, sieht man von Horst Groschopps Standardwerk „Dissidenten – Freidenkerei und Kultur in Deutschland" ab. Noch mehr fehlen Studien zu regionalen Entwicklungen, das betrifft auch nicht zuletzt Thüringen.

 

Doch Gotha in Thüringen spielte durch das hervorragende organisatorische und publizistische Wirken von Dr. Karl August Specht (1845-1909) eine zentrale Rolle bei der Gründung und Entwicklung des 1881 gegründeten Deutschen Freidenkerbundes. Darüber und über die Anfänge der Proletarischen Freidenker und des daraus hervorgegangenen Deutschen Freidenker-Verbandes geht es in zwei Gastbeiträgen von Waltraud Roth (1932-2011).

 

Seit den 1880er Jahren waren im Deutschen Reich auch etwa 40 freidenkerische Arbeitervereine entstanden, die sich an den Deutschen Freidenkerbund anlehnten, ihm aber in organisatorischer Hinsicht nicht beitraten.

 

Vertreter von zwölf dieser Vereine, von denen allein neun aus Sachsen und den thüringischen Kleinstaaten kamen, trafen sich 1908 im thüringischen Eisenach und gründeten dort am 6. September den Zentralverband Deutscher Freidenker, der sich ab 1911 Zentralverband proletarischer Freidenker und ab 1922 Gemeinschaft Proletarischer Freidenker nannte.

 

Zuvor hatte sich bereits, nach dem Freidenker-Weltkongress in Rom 1904, im Februar 1905 durch Sozialdemokraten in Berlin eine Sterbekasse mit dem Namen Verein der Freidenker für Feuerbestattung gegründet.

 

Seit 1925 gaben die Freidenker für Feuerbestattung das Verbandsorgan Der Freidenker heraus, sie wandten sich damit stärker der Propagierung der weltanschaulichen und kulturpolitischen Vorstellungen des Freidenkertums zu, und schufen so wichtige Voraussetzungen für die Vereinigung mit den Proletarischen Freidenkern. 1927 fand deren Zusammenschluss zum Verband für Freidenkertum und Feuerbestattung statt. 1930 gab sich die Organisation den Namen Deutscher Freidenker-Verband (DFV) und bestätigte Max Sievers als Vorsitzenden.

 

In einer Rezension stellt Siegfried R. Krebs die Programmschrift der Proletarischen Freidenker vor. Diese wurde 1926 von dem in Gotha wirkenden Lebenskundelehrer-Ehepaar Anna und Walter Lindemann verfaßt.

 

In Thüringen wirkten darüber hinaus bis 1933 vielfältige bürgerliche freigeistige Vereine, Komitees und Initiativen; zu erwähnen ist hier insbesondere Ernst Haeckels Deutscher Monistenbund, gegründet in Jena am 11. Januar 1906.

 

Zu erwähnen ist daneben unbedingt auch das sogenannte Weimarer Kartell, das auf einer Weimarer Konferenz am 14. und 15. Dezember 1907 formell beschlossen wurde. Diesem Kartell gehörten u.a. folgende Organisationen an:

 

der Deutsche Monistenbund (gegründet 1906), der Deutsche Bund für Mutterschutz und Sexualreform (gegründet 1904/05), der Deutsche Freidenkerbund (gegründet 1881), die Deutsche Gesellschaft für ethische Kultur (gegründet 1892) und der Bund für weltliche Schule und Moralunterricht.

 

Über die Geschichte der proletarischen Freidenker und über den Kampf um die weltliche Schule im seinerzeit preußischen Erfurt geht es zwei Gastbeiträgen über die 1920er Jahre von Günter Schwade (1929-2010).

 

Der Verfasser geht dann selbst auf den Thüringer Landesverband des Humanistischen Verbandes Deutschland (HVD) und die LAG Laizismus in und bei der Partei Die LINKE ein.

 

Kurz vor dem Ende der Deutschen Demokratischen Republik entstanden in den damaligen Bezirken Erfurt, Gera und Suhl regionale Organisationen des Verbandes der Freidenker (VdF), aus denen dann Anfang der 1990er Jahre der Landesverband Thüringen des Deutschen Freidenker-Verbandes, Sitz Dortmund (DFV) hervorging. Siegfried R. Krebs trat diesem VdF im Jahre 1989 bei. Nach einem Jahr aber verloren sich die Spuren der Organisation in Gera. Erst seit 2008 ist er wieder in humanistischen Organisationen tätig.

 

Ende 2008 gründete sich auf Initiative von Siegfried R. Krebs und Sven Wirzbowitz eine Humanistische Landesgemeinschaft Thüringen, die sich bereits im März 2009 als Thüringer Landesverband des Humanistischen Verbandes Deutschlands konstituierte.

 

Und schließlich riefen der Humanist Siegfried R. Krebs sowie die Freidenker Helga Borchert und Uwe Schenke Anfang 2011 zur Gründung einer Landesarbeitsgemeinschaft Laizismus in und bei der Partei Die LINKE (LAG Laizismus) auf. Diese fand am 10. September 2011 in Erfurt statt. Bereits am 16. Juni 2012 trafen sich in Erfurt dann Vertreter der LAG in Bayern, Nordrhein-Westfalen und Thüringen und riefen dort die Bundes-arbeitsgemeinschaft Laizismus der Partei DIE LINKE ins Leben.

 

Zu den in die Anthologie aufgenommenen Dokumenten zählt u.a. ein Grundsatzvortrag von Dr. Karl August Specht aus dem Jahre 1881. Darin postuliert er bemerkenswerterweise, daß „die Weltanschauung des Freidenkers der Humanismus ist". Dokumente aus heutiger Zeit sind das Konzept eines Humanistischen Stadtpazierganges durch Weimar sowie die Kooperationsvereinbarung zwischen den Thüringer Humanisten und dem Humanistischen Freidenker-Verband Ostwürttemberg K.d.ö.R. In einem Überblick werden abschließend Daten, Personen, Fakten der Thüringer humanistischen und freidenkerischen Szene vorgestellt.

 

 

(SRK)

 

Siegfried R. Krebs: Freidenkertum, organisierter Humanismus und Laizismus in Thüringen. 108 S. Verlag freiheitsbaum – edition Spinoza. Reutlingen und Heidenheim 2020. 12,00 Euro. ISBN 978-3-922589-77-8.

 

Das Buch kann direkt beim Verlag bestellt werden: ed.spinoza(at)t-online.de

 

 

 

 
16.09.2020

Von: (SRK)
 

 




Über den Kampf für „Weltliche Schulen“ und Lebenskunde

Weltliche SchulenWEIMAR. (fgw) In Artikel 7 (3) des Grundgesetzes (GG) für die Bundesrepublik Deutschland heißt es: „Der Religionsunterricht ist in den öffentlichen Schulen mit Ausnahme der bekenntnisfreien Schulen ordentliches Lehrfach.“ Mit diesem Passus findet der Art. 149 der „Weimarer Reichsverfassung“ (WRV) vom 11. August 1919 („Der Religionsunterricht ist ordentliches Lehrfach der Schulen mit Ausnahme der bekenntnisfreien (weltlichen) Schulen.“) seine Übernahme ins GG.

 

 

Die in der WRV erstmals erwähnten bekenntnisfreien (weltlichen) Schulen führten seinerzeit auch dazu, daß ab 15. Mai 1920 an ihnen kein Religionsunterricht mehr erteilt wurde. Stattdessen wurde dort häufig „Lebenskunde" unterrichtet. Das blieb so bis zur Machtübertragung an die NSDAP – den deutschen Faschismus – im Jahre 1933.

 

Mit diesen historischen Daten und den Stichworten „bekenntnisfreie und weltliche Schule" sowie „Lebenskunde" befaßt sich Horst Groschopp im achten Band seiner Reihe Humanismusperspektiven. Und das ist beileibe kein abgehaktes Geschichtsthema, sondern überaus aktuell. Denn nach wie vor ist der Grundsatz „Trennung der Schule von der Kirche" auch 100 Jahre nach Verabschiedung der WRV nicht real verwirklicht worden. Denn nach wie vor gelten in fast allen Bundesländern öffentliche Schulen mit konfessionellem christlichen Religionsunterricht als die „Regelschule". Und das, obwohl heuer nur noch eine Minderheit der Schüler christlichen Glaubens ist… Aber alle Vorstöße gegen diesen „alten Zopf" werden nicht nur von Klerikern, sondern von Politikern aller Couleur mit Vehemenz und raffinierter Rabulistik abgeblockt.

 

Diese unendliche – und überaus spannende Geschichte – wird von Horst Groschopp in seinem neuestem Buch in fünf Kapiteln erzählt. Ergänzt durch 19 überaus interessante Dokumente und eine rund 20 Seiten lange Bibliographie zu „weltliche Schule" und „Lebenskunde".

 

Groschopp widmet sich ausführlich Begrifflichkeiten, wie „bekenntnisfrei" und „weltlich", und wie diese stets und ständig anders interpretiert wurden und noch werden. Er verweist darauf, daß es sich bei Schulen, die in den 1920er Jahren so bezeichnet wurden, um au ch so benannte „Sammelschulen" handelte. In solchen Schulen wurden all die Kinder und Jugendlichen „gesammelt" die durch ihre Eltern vom Religionsunterricht abgemeldet waren. Für diese Schüler gab es dann „Lebenskunde-Unterricht", wobei auch dieses Fach unterschiedlich interpretiert und angelegt war. Hie als „Moral-Unterricht", dort eher als „Gesellschaftskunde".

 

Groschopp benennt die wichtigsten Akteure im Kampf für eine religionsfreie Schule im wilhelminischen Reich, während der Revolutionsjahre 1918/1919 sowie in den Jahren 1920 bis 1933. Ausführlich geht er auf entsprechende Organisationen, auf Schulreformer wie Rudolph Penzig sowie auf handelnde Politiker wie Adolph Hoffmann und Konrad Haenisch (beide Preußen) oder Max Greil (Thüringen) ein.

 

Aufgrund der politischen Mehrheitsverhältnisse kam nach 1919 nicht nur kein Reichsschulgesetz zustande, sondern alle „Neuerungen" im Schultyp blieben nur umstrittene und mit übler Rabulistik bekämpfte Notlösungen. So konnte sich im Bildungswesen der Föderalismus, die bürokratische und kirchenfreundliche „Kleinstaaterei", etablieren und bis heute sogar noch expandieren.

 

Nach der Machtübergabe an die Nazis lösten diese sofort die bisherigen „Sammelschulen", „weltlichen / bekenntnisfreien Schulen" auf und führten umgehend wieder den pflichtigen Religionsunterricht ein. Mit der Niederlage des faschistischen Deutschland im II. Weltkrieg und der Gründung zweier deutscher Staaten entwickelte sich nach 1945 das Schulwesen in West und Ost konträr. Im Westen blieb es bei der christlich-konfessionellen Regelschule, während im Osten die Trennung der Schule von der Kirche durchgesetzt wurde. Religiös gebundenen Kindern und Jugendlichen wurde aber durchaus Religionsunterricht – die „Christenlehre", jedoch auf freiwilliger Basis und außerhalb der Schule in kircheneigenen Räumen erteilt und war auch nicht zeugnisrelevant. Dafür fand aber der freidenkerische, schulreformerische Lebenskundeunterricht keine Wiederbelebung. Das Fach Staatsbürgerkunde hatte damit nur wenig zu tun. Aber all das war nach 1990 für die herrschende bundesdeutsche Politik Anlaß, dem Osten sofort westdeutsche Zustände aufzunötigen. Groschopp geht aber auch Westberliner Besonderheiten ein, wo es den Freidenkern durchaus gelang „Lebenskunde" als Weltanschauungsfach zu etablieren. Nicht unerwähnt bleibt außerdem, daß die Nazis ebenfalls ein „Lebenskunde" genanntes Schulfach einführten, daß jedoch biologistisch-rassistisch angelegt war.

 

Groschopp schreibt über all diese Konzepte, Ereignisse und Kämpfe überaus detailreich, so daß es schier unmöglich ist, hieraus zu zitieren. Seine Ausführungen und auch die Dokumente sind aber eine gute Handreichung für uns Heutige, für eine Weltlichkeit der Schule und für einen alle Schüler erfassenden lebens- und religionenkundlichen, ethischen Unterricht zu kämpfen.

 

Für den Rezensenten sind zwei der Dokumente (15 und 19) von besonderem Interesse. Zum einen Carl Theils Artikel aus dem Jahre 1932 „Zum Lebenskundeunterricht in Thüringen" (S. 243-260). Hierin geht er kurz auf die „Thüringer Gemeinschaftsschule", auf die „weltliche Schule" und auf die Geschichte des lebenskundlichen Unterrichts ein. Und fährt dann ausführlich fort mit den „Bestimmungen und Aufgaben des lebenskundlichen Unterrichts" und seine Stellung im Rahmen der Gemeinschaftsschule. Daran schließt sich ein detaillierter Stoffplan für das Fach Lebenskunde an. Dieser nahezu 90 Jahre alte Stoffplan ist übrigens derart tiefgehend und strukturell sogar noch aktuell, so daß er durchaus für heutige bildungspolitische Innovationen die Grundlage bilden könnte.

 

Und Theils Artikel ist auch noch sehr aufschlußreich, schreibt er doch, daß das vom Sozialdemokraten Max Greil in der ersten Hälfte der 1920er Jahre geführte Bildungsministerium bezüglich des Lebenskundeunterrichts in der „Gemeinschaft proletarischer Freidenker, Wirtschaftsgebiet Thüringen K.d.ö.R." einen Verhandlungspartner hatte. Dies ist einer der wenigen Belege dafür, daß die Freidenker in Thüringen (konkret die Vorläuferorganisation des Deutschen Freidenkerverbandes – DFV) den Körperschaftsstatus erhalten hatten. Was übrigens unter den folgenden bürgerlich-nazistischen Landesregierungen rückgängig gemacht wurde.

 

Von besonderem Interesse ist außerdem das Dokument 19, die Ausführungen von Andreas Goeschen „Aktuelle Rechtslage betreffend 'bekenntnisfreie (weltliche) Schule'" (S. 283-286). Zwar ein juristischer Fachtext, aber dennoch verständlich. Gerade Laizisten sollten sich mit diesem Text eingehend befassen, um juristisch fundiert ihre Forderungen vortragen zu können. Daher soll aus diesem doch zitiert werden.

 

Goeschen schreibt u.a.:

 

»Danach bietet das Grundgesetz nicht nur Platz für private bekenntnisfreie Volksschulen, deren Hintergrund ein nichtreligiöses weltanschauliches Bekenntnis ist, sondern auch für solche privaten Volksschulen, die bekenntnisfrei weil religionsfrei weil weltlich sind.

 

 

Im Ergebnis bedeutet dies, daß private Volksschulen in bekenntnisfreier (weltlicher) Form entsprechend Art. 7 Abs. 5 Alt. 2 GG überall dort zuzulassen sind, wo öffentliche Volksschulen dieser Art nicht bestehen. (…) kann somit festgestellt, daß abgesehen von den genannten Ausnahmen [Berlin, Brandenburg, Bremen; SRK], die öffentlichen Volksschulen in den Ländern der Bundesrepublik keine bekenntnisfreien (weltlichen) Schulen sind und daher private Volksschulen in bekenntnisfreier (weltlicher) Form zuzulassen sind, also Schulen, die nur eine Voraussetzung erfüllen müssen, nämlich religionsfrei zu sein.«

 

Zum Verständnis: Private Schulen sind aber nicht unbedingt Schulen, die auf privatkapitalistischer Basis betrieben werden, sondern sämtliche Schulen in sogenannter freier Trägerschaft werden darunter erfaßt. Natürlich wäre es einfacher, das Problem politisch zu lösen, indem z.B. die Landesparlamente die öffentlichen (staatlichen) Schulen per Gesetz zu bekenntnisfreien Schulen erklären…

 

Der Rezensent kann das vorliegende Buch aus der Reihe Humanismusperspektiven nicht nur allen organisierten Humanisten, Freidenkern und Laizisten empfehlen. Mehr noch sollte es in die Hände – und der Inhalt in die Köpfe – von Bildungspolitikern und Schulreformern gelangen. Ist es doch für alle eine gute Anleitung zum Nachdenken und Handeln im Interesse der nachwachsenden Generationen. Nicht separierende religiöse Indoktrinierung von Untertanen ist nötig, sondern eine humanistisch-universelle, integrierende Aufklärung, verbunden mit der Anleitung zum Selber-Denken.

 

 

 

Siegfried R. Krebs

 

 

 

Horst Groschopp: Weltliche Schule und Lebenskunde. Dokumente und Texte zur Hundertjahrfeier ihrer praktischen Innovation 1920. Bd. 8 der Reihe Humanismusperspektiven. 294 S.m.Abb. Taschenbuch. Alibri-Verlag. Aschaffenburg 2020. 28,00 Euro. ISBN 978-3-86569-219-1

 

http://www.freigeist-weimar.de/beitragsanzeige/ueber-den-kampf-fuer-weltliche-schulen-und-lebenskunde/?fbclid=IwAR2uAA9ZHVdusw_tVGx0wE4P0w5EdoeMPbdi2uNRO9u5m5yGk6E7blrqcqY




22.8.: Tag der Apostasie

Apostasie@01D67879Aussendung von Hartmut Krauss vom 22.8.2020:

Der 22. August 2020 wurde  als erster "Tag der Apostasie" von einer internationalen Koalition ex-muslimischer Organisationen ins Leben gerufen.

Apostasie ist der Verzicht oder die Abkehr von der Religion. Sie wird in Afghanistan, Iran, Malaysia, den Malediven, Mauretanien, Katar, Saudi-Arabien, Somalia, den Vereinigten Arabischen Emiraten und im Jemen mit dem Tode bestraft und ist in vielen weiteren Ländern mit muslimischer Bevölkerungsmehrheit strafbar. In Pakistan wird ein Nichtglauben an Gott nach einem Blasphemiegesetz mit der Todesstrafe geahndet. In Saudi-Arabien wird Atheismus mit Terrorismus gleichgesetzt.

In einigen Ländern ohne Todesstrafe ermorden Islamisten diejenigen, die als Abtrünnige gelten, unter anderem in Bangladesch und in der muslimischen Minderheit Indiens. In vielen Ländern, wie z.B. in Europa und Nordamerika, können Abtrünnige mit Drohungen, Missachtung und Gewalt aus Gründen der "Ehre" konfrontiert werden, auch von ihren Familien. Auch Personen mit orthodoxem jüdischem, christlichem, hinduistischem und anderem Hintergrund können wegen ihres Glaubensabfalls mit Ablehnung und Gewalt konfrontiert werden.

Der 22. August wird als Tag des Glaubensabfalls gewählt, weil er der UNO-Tag zum Gedenken an die Opfer von Gewalttaten aufgrund von Religion oder Glauben ist. Darüber hinaus markiert der späte August den Beginn einer zweiten Welle von Massenhinrichtungen von Abtrünnigen im Iran im Jahr 1988 nach kurzen "Prozessen". Tausende, die auf Fragen wie "Sind Sie Muslim?", "Glauben Sie an Allah?", "Ist der Heilige Koran das Wort Allahs?", "Akzeptieren Sie den Heiligen Muhammad als Siegel der Propheten?", "Fasten Sie im Ramadan?", "Beten Sie und lesen Sie den Heiligen Koran?" negativ antworteten, wurden kurzerhand hingerichtet.

An diesem neu eingeführten Tag der Apostasie erneuern wir die Aufrufe für
• das Gedenken an die Opfer der Apostasiegesetze
• ein Ende der Kriminalisierung und der Todesstrafe für Apostasie in Ländern mit islamischem Recht
• ein Ende der Missachtung, der Drohungen und der "ehr"-bezogenen Gewalt für die Familien von Abtrünnigen
• Bekräftigung der Gedanken-, Gewissens• und Glaubensfreiheit sowie der Meinungs- und Ausdrucksfreiheit in Übereinstimmung mit der Erklärung der Menschenrechte der Vereinten Nationen (Artikel 18 & 19).

Hier kann man diese Petition unterzeichnen!

 

Entnommen bei www.atheisten-info.at ( Erwin Peterseil).




Christlicher Humanismus?

BeneAus gegebenem Anlass – da die Diskussion nicht abreißen will – stelle ich diesen Artikel vom 1. Januar 2012 noch einmal ein. Manche Passage würde ich zwar heute etwas differenzierter formulieren, doch im Kernpunkt sehe ich keinen Anlass zu grossen Veränderungen.

Vorangestellt sei ein kurzes Exzerpt aus Wikipedia, in dem eine wohl gültige Definition des Humanismus als Weltanschauung gegeben wird:

Humanismus ist eineWeltanschauung, die auf die abendländische Philosophie der Antike zurückgreift und sich an den Interessen, denWerten und der Würde des einzelnen Menschen orientiert. Toleranz, Gewaltfreiheit und Gewissensfreiheit gelten als wichtige humanistische Prinzipien menschlichen Zusammenlebens. Die eigentlichen Fragen des Humanismus sind aber: „Was ist der Mensch? Was ist sein wahres Wesen? Wie kann der Mensch dem Menschen ein Mensch sein?“ Humanismus bezeichnet die Gesamtheit der Ideen von Menschlichkeit und des Strebens danach, das menschliche Dasein zu verbessern. Der Begriff leitet sich ab von den lateinischen Begriffen humanus (menschlich) und humanitas (Menschlichkeit). Der Humanismus beruht auf folgenden Grundüberzeugungen:

  1. Das Glück und Wohlergehen des einzelnen Menschen und der Gesellschaft bilden den höchsten Wert, an dem sich jedes Handeln orientieren soll.
  2. DieWürde des Menschen, seine Persönlichkeit und sein Leben müssen respektiert werden.
  3. Der Mensch hat die Fähigkeit, sich zu bilden und weiterzuentwickeln.
  4. Die schöpferischen Kräfte des Menschen sollen sich entfalten können.
  5. Die menschliche Gesellschaft soll in einer fortschreitenden Höherentwicklung die Würde undFreiheit des einzelnen Menschen gewährleisten.

Die Humanität ist die praktische Umsetzung der Ideen des Humanismus. Dazu gehören die Güte, die Freundlichkeit und das Mitgefühl für die Schwächen der Menschen, seiner selbst inne und mächtig zu werden und sich im Mitmenschen selbst wiederzufinden.

Diese Definition ist durchaus tauglich, wenn es darum geht, den Idealzustand menschlichen und zwischenmenschlichen Verhaltens gewisser Maßen statisch zu skizzieren. Diese Definition ist untauglich, da sie es versäumt, Aussagen darüber zu machen, woher diese Verhaltensweisen kommen (generiert oder oktroyiert) und in welche Richtung sie sich entwickeln sollten. „Fortschreitende Höherentwicklung“ ist zu schwammig, um in irgendeiner Weise dienlich zu sein.

Eine solch unvollkommene und geradezu schwammige Beschreibung des Wesens des Humanismus birgt die Gefahr, dass sich praktische jede beliebige andersgeartete Weltanschauung seiner bedienen kann. So wird dieser schöne, doch richtig „menschlich“ klingende Begriff recht bald Opfer von Religionen und Ideologien. Schon der antike Ausgangspunkt bei Platon war nicht sonderlich pragmatisch angelegt. In der politeia lehnt Platon Privateigentum ab (später in den nomoi leicht revidiert), was fast Anklänge an urkommunistische Vorstellungen erlaubt. Doch mit einem wesentlichen Grundrecht, dem auf freie Selbstbestimmung, hapert es bei Platon. Die Demokratie verdammt er als „Vorstufe zur Tyrannei“. Dies wird Jahrhunderte später vom großen „Aufklärer“ der andalusisch-islamischen Welt, Ibn Rushd (Averroës), aufgegriffen in seiner Interpretation der politeia. Damit desavouiert selbst der Vater der duplex veritas auch einen islamischen Humanismus, falls so etwas angesichts des „ewigen“ Koran überhaupt möglich ist, in den Bereich der Schimären.

Mit diesen beiden Beispielen möchte ich nur kurz andeuten, was folgerichtig in dem Augenblick offensichtlich mit Notwendigkeit passieren muss, wenn sich Ideologien oder Religionen des Begriffs bemächtigen. Jeder kann sich anhand des längeren Wikipedia-Eintrags selber ein Bild davon machen.

Im Zentrum des Humanismus steht eindeutig der Mensch in seinem Umfeld mit allen seinen zwischenmenschlichen Beziehungen. Das impliziert stringent seine Selbstbestimmung in allen das Leben betreffenden Fragen, die nur dort ihre Begrenzung findet, wo Rechte des Mitmenschen berührt sein könnten. Jedes Aufpropfen einer Fremdbestimmung des Menschen durch Ideologien oder Religionen zerstört bereits im Ansatz das Wesen des Humanismus. Der Mensch verliert dergestalt die Mitte, er wird an die Seite geschoben, um anderen Prinzipien den Vorrang einzuräumen.

Den Humanismus wie wir ihn heute verstehen gibt es erst seit der Aufklärung, also ab dem Augenblick, als man sich den Menschen als Individuum mit einklagbaren Rechten vorzustellen begann. Die Bill of Rights, die amerikanische Verfassung und die diversen Menschenrechtserklärungen sind die Eckpunkte, an denen sich unsere heutige Auffassung festmachen lässt. Betrachten wir also die Okkupanten des Humanismus, so müssen diese sich daran messen lassen, inwieweit sie den drei beispielhaft genannten Erklärungen zustimmen oder nicht. Weder die Organisation islamischer Staaten (OIC) noch der Vatikan erkennen die Menschenrechte an. Ihr Vorbehalt ist praktisch identisch formuliert, dass sie nämlich nicht menschliches Recht über das durch ihre Schamanen interpretiertes fiktives Recht eines Gottes stellen wollen. Fremdbestimmung pur – keine Spur einer Anerkennung des Humanismus. Bezeichnend ist auch, dass bei der UN-Abstimmung von 1948 die damaligen kommunistischen Staaten mit Nein gestimmt haben. Ihr Gott: eine ebenso menschenverachtende Ideologie wie sie von den Religionen Islam und Christentum repräsentiert werden. Wäre das nationalsozialistische Deutschland Mitglied der UN gewesen, kann man wohl von einer ebensolchen Ablehnung ausgehen.

Bevor ich mich der im Titel genannten contradictio in adiecto zuwende sei mir ein kurzer Blick auf die „moderne“ islamische Philosophie erlaubt, zumal ich darauf bereits in meinem Aufsatz  الديمقراطية والا الاسلام (http://www.wissenbloggt.de/?p=375) eingegangen bin.

Der tunesisch-französische Autor Abdelwahab Meddeb hält den islamischen Humanismus, der mit bedeutenden Ärzten, Gelehrten und Philosophen auf eine lange Tradition zurückblicken kann, durch den «Islamismus» für bedroht:

„Die Keime des Islamismus […] sind bereits im koranischen Text vorhanden. Die Dinge wären sehr viel einfacher, wenn es nicht diese islamistische Lektüre des Korans gäbe. Die Islamisten wollen aus ihrer Lesart die einzig richtige machen, dabei ist es ja gerade die Eigenart von Texten, unendlich viele Interpretationen zu ermöglichen […] Das enorme Problem des Islam besteht gerade darin, dass der Islamismus versucht, seine Botschaft in alle Richtungen zu verbreiten. Der offizielle Islam, der eine Art letzter Metamorphose des traditionellen Islam ist, wird heute zunehmend von islamistischem Gedankengut durchsetzt und vergiftet.“

Auch dieser Ansatz führt in die Irre, und zwar aus zwei einleuchtenden Gründen. Auch Meddeb bezweifelt nicht die Stellung eines Gottes als oberster Legislator und des weiteren folgt er der auch in Europa stark verbreiteten Meinung, es gäbe einen Unterschied zwischen Islam und Islamismus (oder auch: politischer Islam). Das sind problematische Ansätze. Solange wir keinen fest etablierten Euro-Islam im Sinne eines Bassam Tibi konstatieren können oder ausreichende Anhängerschaften eines liberalen Islam im Sinne einer Seyran Ates, bleibt jedes philosophische Bemühen eines Herrn Meddeb Makulatur. Die Schmähung des Humanismus durch Einverleibung in eine menschenfeindliche Religion kann dabei mit höchstem Wohlwollen nur als „window dressing“ unter Ausnutzung eines offenbar beliebten, aber missverstandenen Begriffs interpretiert werden.

Dass auch die Christen nicht faul bei der Okkupation religionsfremder Begriffe sind beweist einmal mehr Herr Ratzinger  (nach einem Artikel des Hamburger Abendblatts): Papst Benedikt XVI. hat zum Jahresende zu einem neuen christlichen Humanismus aufgerufen. Ein solcher Humanismus müsse in der Lage sein, Kultur und soziales Engagement aus christlichem Geist hervorzubringen, sagte er am Sonnabend in einem Silvestergottesdienst im Petersdom. Das setze eine Neubelebung christlichen Lebens und einen vertieften Dialog mit der modernen Kultur voraus. Es gelte, die „Schönheit und Aktualität des Glaubens“ wiederzuentdecken, betonte Benedikt XVI vor mehreren tausend Zuhörern. Der Glaube dürfe kein „isolierter Akt“ bleiben, der nur „einige Momente“ des Lebens betreffe. Er müsse den gesamten Alltag prägen und eine „beständige Orientierung“ darstellen, die den Menschen „gerecht, wirksam, wohlwollend und gut macht“.

Zwei Gesichtspunkte sind dabei bemerkenswert. In seiner Verblendung und seiner Machtgier kann sich Herr Ratzinger überhaupt nicht vorstellen, dass Menschen auch ohne göttliche „Orientierung“ gerecht, wohlwollend und gut sein können. Empathie als evolutionär entwickelte Eigenschaft widerspricht trotz der vorliegenden Tatsachen eindeutig seinem Universalanspruch auf „Nächstenliebe“.

Der zweite wichtige Punkt findet sich in der Formulierung „neuer christlicher Humanismus“. Er möchte also anknüpfen an etwas, was mit der Aufklärung „verloren“ wurde, der „klassische“ christliche Humanismus. Dabei ist es so leicht – auch abgesehen von der generellen Unvereinbarkeit von Religion und Humanismus – auch diese Referenz ad absurdum zu führen. Als so genannte „christliche“ Humanisten werden immer wieder Francesco Petrarca und Erasmus von Rotterdam genannt. Man möchte dabei von christlicher Seite gern übersehen, wie sich diese beiden Herren zu den Grundüberzeugungen Herrn Ratzingers geäussert haben.

Erasmus von Rotterdam: „Um jedoch nicht weiter auf diese endlosen Einzelheiten' einzugehen, will ich euch in aller Kürze dartun, dass die ganze christliche Religion eine gewisse Verwandtschaft mit der Torheit hat und zu der Weisheit in gar keiner Beziehung steht." (Referenz : http://hpd.de/node/2349).

Francesco Petrarca: „Es ist üblich und alter Brauch, Erzählungen, die zum größten Teil erlogen und erdichtet sind, mit dem Mäntelchen der Religion und der Heiligkeit zu umkleiden, auf dass den menschlichen Betrug die Vorstellung von einer Gottheit decke." (Referenz: http://hpd.de/node/2410).

Sind den Apologeten eines «christlichen» Humanismus diese Zitate nicht bekannt, oder werden sie aus Böswilligkeit nicht berücksichtigt ?

Lug und Trug ziehen sich durch die Geschichte der Religionen, und es ist dringlich – heute offenbar mehr denn je –  an der Zeit, solchem Treiben Einhalt durch Aufklärung zu gebieten.

 

 

 

 




Über Rituale im Übergang und ein persönliches Dilemma

RitualeWEIMAR. (fgw) Jetzt liegt bereits der siebente Band der 2016 von Horst Groschopp begründeten Reihe „Humanismusperspektiven“ vor: Der in Heidelberg lebende Literaturwissenschaftler Stefan Busch schreibt in diesem Band ausgehend von einem persönlichen (familiären) Dilemma über „Rituale im Übergang“.

 

 

Allerdings ist der Untertitel doch mehr als fragwürdig, weil unzutreffend: „Über Taufen und Trauerfeiern in der konfessionsfreien Gesellschaft". Sind doch Taufen nur ein rein christlich-religiöser Akt und stehen damit nicht für eine konfessionsfreie Gesellschaft – ganz im Gegensatz zum doch wertneutralen Begriff Trauerfeier.

 

Das angesprochene Dilemma bestand darin, daß der 12jährige Sohn des areligiösen Ehepaares Busch eines Tages verkündete, er wolle getauft (und später konfirmiert) werden. Dies war Anlaß für Stefan Busch, sich Gedanken ganz allgemein über die sogenannten Passageriten und entsprechende Rituale zu machen.

 

In seinem Vorwort bekundet er jedoch selbst, daß seine Erkundungs-Perspektive eine „typisch westdeutsche" sei. Hinzuzufügen wäre da aber noch, daß erst recht seine Sicht auf die weiland DDR eine mehr als „typisch westdeutsche" ist.

 

Und gleich im Vorwort wird daneben klar, daß Busch – wie wohl die meisten Bundesbürger – nach wie vor dem Irrglauben aufsitzt, daß die sogenannte Kirchensteuer (die ja nichts anderes als ein Mitgliedsbeitrag ist) der „Organisation sozialer Dienstleistungen für das Gemeinwesen diene".

 

Busch betrachtet aber nicht alle Passageriten, sondern lediglich die zu Beginn und zum Ende des Lebens, wobei er erstere distanzlos und global als Taufe bezeichnet. Das gilt aber doch nur für die christlichen Religionen und keinesfalls für die gesamte Menschheit und ihre sehr verschiedenen Kulturkreise in Vergangenheit und Gegenwart.

 

Angeblich würden hierzulande mehr Menschen die Taufe ihrer Kinder wünschen, als die Kirchen noch Mitglieder hätten, ist da zu lesen. Und auch die Zahl der Erwachsenen-Taufen sei im Anstieg begriffen.

 

Busch geht leider nicht darauf ein, daß die Taufe nicht einfach bloß ein schönes Ritual ist. Weiß er, wie andere Eltern auch, denn nicht, was das rechtlich bedeutet? Ein unmündiges Baby wird durch diesen Akt unfreiwillig Mitglied einer Religionsgemeinschaft und somit später „kirchensteuerpflichtig"! Und daß es so viele „Spättaufen" gibt liegt wohl vor allem daran, was er leider nicht ausspricht, weil die Menschen anders keinen Arbeitsplatz in Sozialeinrichtungen oder einen Betreuungsplatz in kirchenbetriebenen Kindergarten bekommen können. Gerade in Gegenden, in denen das Gemeinwesen diese ohne Not in kirchliche Monopol-Hände gelegt hat.

 

Nur ganz kurz geht Busch darauf ein: „Alle Kulturen kennen, in mehr oder weniger ausgeprägter Form, Geburtsrituale und Rituale zur Namensgebungen der Neugeborenen. (…) Alle Übergangsrituale verbinden natürliche Gegebenheiten mit kulturellen 'Erzählungen', das gilt auch für Geburtsrituale." (S. 23-24) Schleierhaft, warum er dann dieses universelle Ritual als Taufe bezeichnet.

 

 

Säkularer Staat, wirklich?

Interessanter, weil konkreter, ist dann jenes Kapitel, das mit der richtig guten Frage „Wir werden konfessionsfrei – aber auch säkular?" überschrieben ist. Dieses leitet über zum Kapitel mit der Frage „Zivilreligion in Deutschland – was geht?".

 

Mehr als fragwürdig ist da aber seine Feststellung, daß in der Bundesrepublik „so gut wie keine öffentlichen Rituale mit religiöser Dimension stattfinden" würden. (S. 50) – Da kann man nur fragen, wo dieser Mann denn lebt?!? Denn real ist: Es gibt keine Parlamentseröffnung ohne Gottesdienste, keinen Staatstrauerakt, der nicht religiös zelebriert wird (selbst wenn die Betrauerten sämtlich keine Kirchenmitglieder sind), kaum eine „Einweihung" von öffentlichen Gebäuden, Straßen oder Brücken ohne pfäffischen Segen…

 

Busch geht dann aber auf die durchaus sehr religiös geprägten Trauerfeiern für Helmut Schmidt und Rudolf Augstein ein. Und gerade der Umgang mit Augstein spricht Bände, wie sich „der Staat" um den Wunsch eines bekennenden Nicht-Christen kümmert. Er zitiert dazu aus aus einer Mitteilung des Pressereferenten der Senatskanzlei,

 

„… da der Senat sich nicht mit der Religionszugehörigkeit seiner Ehrenbürger befasse, sei 'die Kirche der anzunehmende Ort'." (S. 62)

 

Da bleibt einem doch glatt die Spucke weg ob solcher Mißachtung der verfassungsrechtlich gebotenen Trennung von Staat und Kirche durch den Staat selbst… Der so einfach jedem Menschen eine religiöse Identität zudiktiert.

 

 

Wie Abschied nehmen?

Das läßt Busch in einem weiteren Kapitel fragen „Wer wird kirchlich bestattet?" Um Wandlungen der Rituale am letzten Übergang geht es im Kapitel „Wie Abschied nehmen?" Die Ausführungen werden mit der Feststellung eröffnet, daß eben „alle Kulturen" (!) kollektive, regelgeleitete und symbolisch aufgeladene Handlungen auch bezüglich des Todes kennen. Er führt später richtigerweise aus:

 

„Daraus folgt, daß in unserer Gesellschaft die christlichen Formen, in denen diese Rituale gefeiert werden, nur mögliche, historisch zufällige Ausformungen darstellen. Nicht die christlichen Ausprägungen der Feiern (…) von Taufe, Heirat, Konfirmation und Begräbnis sind das Primäre, sondern die Schwellenriten. Mit der Christlichkeit dieser Rituale verhält es sich sich wie mit den Feiern von Weihnachten und Ostern, die vorchristliche Rituale ablösten und überformten…" (S. 72-73)

 

In einem Abschnitt geht Busch auf den sehr deutlichen Rückgang kirchlicher Bestattungen ein; und nennt dafür auch einige Gründe. Folgerichtig geht es im nachfolgenden Abschnitt um „gottlose Abschiede" – vielversprechend überschrieben mit „Humanistische Bestattungskultur". Er weist da auf deren Anfänge hin, also die proletarischen freidenkerischen Organisationen und deren Angebote bis zum Jahre 1933.

 

Was er aber dann jedoch über säkulare, freidenkerische Angebote und Rituale, wie sie nach 1945 im Osten Deutschlands, in der DDR, üblich wurden, von sich gibt, das ist mehr als nur eine „typisch westdeutsche Sicht". Das ist mehr, das ist schlimmste bornierte und ignorante Verunglimpfung. Denn gänzlich anders sind die eigenen Erfahrungen und Beobachtungen des Rezensenten, der seinerzeit in seiner beruflichen und ehrenamtlichen Tätigkeit mit Namensfeiern, Jugendweihen, Eheschließungsfeiern und auch Trauerfeiern zu tun hatte. Warum eigentlich befragen solche Autoren seit 1990 niemals seinerzeit wirkende Akteure, sondern stets nur oberflächliche Westbeobachter oder geifernde Ost-Pfaffen???

 

Zustimmen kann und muß der Rezensent später aber dieser Feststellung des Autors:

 

„Die Etablierung einer humanistisch-säkularen, im Ablauf persönlicheren und weniger festgelegten rituellen Form für Trauerfeiern wäre ein entscheidender Schritt hin zu einer Zerstreuung weitverbreiteter Bedenken [das gilt aber wohl doch nur für das Gebiet der alten Bundesrepublik; SRK] gegen säkulare Formen nicht nur des Bestattens, sondern auch anderer Übergansrituale." (S. 90)

 

Was Busch dann aber mit Bezug auf eine Jane Redlin und deren „wissenschaftliche" Auslassungen über Rituale in der DDR kolportiert, darüber kann man nur den Kopf schütteln. Allerdings nimmt Busch dann doch einiges zurück und nennt deren Schlußfolgerungen „Kurzschluß". Der wohl aus „traditioneller gläubiger oder teologischer Sicht" resultiere… Busch dazu wörtlich:

 

„Natürlich ist es möglich, einen religiösen Standpunkt einzunehmen und weltliche Übergangsrituale als schwächelnd und Schwundstufe anzusehen. Wo eine solche Position eingenommen wird, ist man bei Grundsatzfragen, die hier nicht auszubreiten sind." (S. 93)

 

Man könnte auch so sagen: Wer nur das Christlich-religiöse als das einzig Richtige und nur einzig Mögliche ansehen will, der verkennt willentlich das menschliche Leben!

 

 

Freie Redner – säkulare Feiern

Um weltliche Trauerredner geht es im Abschnitt „Freier Markt für tote Bürger". Wertend läßt Busch hier erneut den evangelischen Pastor Andreas Fincke in dessen ganzem Haß auf die DDR-Gesellschaft zu Wort kommen. Busch gereicht es aber zur Ehre, wenn er konstatiert:

 

„Die Wertung Finckes aber als eines Mannes der (…) evangelischen Kirche ist erkennbar voreingenommen und verkürzend." (S. 101) Was wohl auch am Frust der Priester liege, weil immer mehr Menschen deren Dienste nicht mehr benötigten…

 

Der aus Sicht des Rezensenten wertvollste Teil dieser Publikation ist der Abschnitt „Blick in die Praxis: Gespräch mit einem freien Redner". Dessen Aussagen sind sachlich-nüchtern, keineswegs polemisch-verblendet wie solche an anderer Stelle von Habermas, Redlin oder Fincke.

 

Dieser Abschnitt ist aber zugleich auch zu kritisieren, denn hier wird nur ein allgemein-weltlicher Redner befragt. Dabei hätte Busch gerade in Baden-Württemberg dezidiert humanistische Feiersprecher (für alle Passageriten) zu Wort kommen lassen können. Der HVD-Landesverband Baden-Württembergs (Stuttgart), insbesondere auch deren Regionalverband Humanistischer Freidenkerverband Ostwürttemberg (Heidenheim) kann hier auf eine lange Tradition und ein breites Angebot verweisen. Welches überwiegend sogar von Nichtmitgliedern angefragt wird.

 

In einem weiteren Kapitel geht Busch auf das Kreuz im Wandel der Bedeutung und Wahrnehmung eines Symbols ein. Obwohl seinen Aussagen überwiegend zu widersprechen ist, soll das aber hier unterbleiben. Weitgehend zu widersprechen ist noch dem letzten Kapitel „Bloß keine Konfession". Hier arbeitet er sich leider borniert an diversen säkularen Organisationen und erneut an der weiland DDR ab, eingeschlossen die immer wieder vorgebrachte weitverbreitete Fehlinterpretation des Reichsdeputationshauptschlusses von 1803.

 

 

Für ein nötiges Weiterdenken

Dankens- und lobenswerterweise hat Herausgeber Horst Groschopp zu diesem Band ein Nachwort beigesteuert, überschrieben mit „Humanistische Bestattungsfeier", in welchem er auf vier Fragen verweist, bei denen er ein kollektives Weiterdenken für nötig hält. So stellt er u.a. richtig, was es mit den „sozialen" Dienstleistungen der Kirchen auf sich hat und wer diese wirklich finanziert. Groschopp hält insbesondere das Weiterdenken über humanistische Orientierungen für wichtig.

 

Das Fazit des Herausgebers soll hier im Wortlaut wiedergegeben werden, faßt es doch alles Wichtige in Busch's empirischen Untersuchungen und auch in den Wertungen durch den Rezensenten zusammen:

 

„Eine humanistische Bestattung ist frei von liturgischen Festlegungen, was auch bedeutet, daß der christliche Erlösungsgedanke, der in einer kirchlichen Feier bestimmte Regeln und Formeln verlangt, privatisiert und damit ein Kern des Glaubens marginalisiert wird.

 

Das Leben selbst hat den Menschen gezeigt: Ist ein Leben beendet, dann wird die Anerkennung der Einmaligkeit und Unwiederholbarkeit jeden Lebens den Hinterbliebenen bewußt. Sie haben gelernt und erfahren mit einer humanistischen Feier, auch wenn sie nicht ausdrücklich so heißt, daß auch ihr Leben ein Anfang und ein Ende hat.

 

Wer gedanklich ohne Auferstehung auskommt, hat nur die Möglichkeit, anderen durch Taten im Gedächtnis zu bleiben. Gerade deshalb steht das gelebte Leben des Verstorbenen im Mittelpunkt des Rituals, das Reden über den Toten, die Tote." (S. 146)

 

 

Siegfried R. Krebs

 

 

Stefan Busch: Rituale im Übergang. Über Taufen und Trauerfeiern in der konfessionsfreien Gesellschaft. 150 S. kart. Reihe Humanismusperspektiven, Bd. 7. Alibri-Verlag. Aschaffenburg 2020. 17,00 Euro. ISBN 978-3-86569-211-5

 


 
04.06.2020

Von: Siegfried R. Krebs




Austria: Bevölkerung lehnt geplante Ethikunterrichtsform ab!

Ethik für alleDas hat Eytan Reif, der Initiator des Volksbegehrens "Ethik für ALLE",  per am 31.5.2020 veröffentlichten Umfrage ermitteln lassen!

Der Plan der ÖVP-Regierung ab 2021 für alle einen verpflichtenden Ethikunterricht einzuführen, die keinen Religionsunterricht besuchen, stieß bei den 1.000 Befragten auf massive Ablehnung, das Ergebnis der vom Gallup-Institut durchgeführten Befragung sieht so aus: 70 Prozent befürworten einen verpflichtenden Ethikunterricht für alle, aber nur 16 Prozent stehen hinter dem Plan der Regierung eines Ethikunterrichts nur für jene, die sich vom Religionsunterricht abmelden oder die konfessionslos sind, einzuführen, 13 Prozent waren grundsätzlich gegen einen Ethikunterricht.

Eytan Reif sagt dazu, das Ergebnis der Umfrage habe die kühnsten Erwartungen übertroffen, das Gesetz wäre verfassungsrechtlich bedenklich, da es ein "grobe Verletzung der Religionsfreiheit" jener darstelle, die keine religiöse Erziehung erhalten möchten. "Diese Umfrage veranschaulicht aber auch, dass das von der Regierung zur Begutachtung vorgelegte diskriminierende Modell eines Ethikunterrichtes nicht nur eine verfassungsrechtliche, sondern auch eine demokratiepolitische Zumutung darstellt", die Regierung müsse den "Gesetzesentwurf umgehend zurückziehen" und "nach einem Vierteljahrhundert der politischen Verschleppung, Blockade und Konzentration auf die Partikularinteressen der Religionsgemeinschaften, endlich einen Ethikunterricht für alle einführen. Solch ein Ethikunterricht ist in Österreich nicht nur konsensfähig, sondern auch längst überfällig."

Soweit Eytan Reif. Es gibt nun zwei Möglichkeiten: Einerseits, dass die Grünen die parlamentarische Zustimmung zum ÖVP-Antrag verweigern, andererseits ist ja ÖVP-Chef Kurz immer darauf bedacht, nicht auffällig gegen Stimmungen im Volke zu handeln, sondern eher darauf einzugehen.

Wenn nun 70 % für einen Ethikunterricht für alle sind, dann könnte mit grüner Hilfe ein solcher Ethikunterricht beschlossen werden. Da Kanzler Kurz jetzt durch die Corona-Probleme ohnehin schon leichte Stimmungsrückschläge wahrzunehmen hat, wird er aber vielleicht selber vorsichtiger werden! Wie schnell Stimmungen umschlagen können zeigte sich aktuell am Politbarometer des Blattes "Österreich" vom 31.5., Bundespräsident van der Bellen verlor gegenüber der Vorwoche 24 Plus-Prozente und ist jetzt nimmer 40, sondern nur noch 16 % über der Nullerlinie. Was war der Auslöser? Dass er nach Ende der Corona-Ausgehzeitschranke in einem Gastgarten angetroffen wurde. Leute, die sich über diese Beschränkungen ärgern, sie aber einhalten, sehen es offenbar nicht ein, dass ein van der Bellen dagegen verstoßen kann.

Also Herr Kurz:
Verstoßen Sie nicht gegen eine 70prozentige Volksmeinung!

 




Karlsruhe überwindet Religionshörigkeit

Sterben

Es war bereits Ende Februar, als in Karlsruhe ein Urteil gesprochen wurde, das durch die aufziehenden Corona-Wolken in der öffentlichen Wahrnehmung wenig Anklang fand – und dessen Auswirkungen gesellschaftsethisch kaum diskutiert wurden. Dabei war es das erste Mal in der deutschen Geschichte, dass das oberste Verfassungsgericht der Bundesrepublik so einschneidend Recht sprach, woraufhin selbst Beobachter über die Klarheit der Worte von Präsident Voßkuhle überrascht waren. Die geschäftsmäßige Praktik der Sterbehilfe ist seit 26.02.2020 nicht länger verboten, denn § 217 StGB ist verfassungswidrig – und damit nichtig.

 

Ein Sieg des Humanismus

 

Dass sich die Karlsruher Richter für eine Stärkung der Freiheit des Einzelnen in seinem Selbstbestimmungsrecht aussprechen würden, damit hatte man nach der Verhandlung bereits gerechnet. Der ausdrückliche Kontrapunkt gegen die christlich normierten Fundamente der Bundesrepublik, nach denen Selbsttötung nicht nur verpönt ist, sondern von vielen Kirchenvertretern als sündhaft und indiskutabel aus ihrer Realität gestrichen werden, war eine starke Aussage des Gerichts, das sich in anderen Fragen nicht selten auf die Einlassungen der religiösen Weltanschauungsgemeinschaften verlassen hat.

 

Diesmal war es aber der Humanismus, der siegte. Denn er ist es, der keine Dogmen in den Mittelpunkt stellt, sondern dem Menschen das vollumfängliche Recht zubilligt, über Leben und Sterben völlig frei zu entscheiden. Das ist ein Rückschlag für die christliche Einflussnahme auf das Thema, die darauf abzielte, Betroffenen nicht nur mithilfe eines schlechten Gewissens einzureden, dass alleinig Gott das Recht besitzt, über den Tod zu befinden. Die eindeutige Botschaft des Senats war entsprechend unmissverständlich:

 

Die christliche Freiheit ist Hohn!

 

Jeder Einzelne hat vollständige Verfügungsgewalt über das eigene Dasein und ist mündig genug, über die Qualität des Lebens zu urteilen und aus freien Stücken zu dem Entschluss zu kommen, der irdischen Existenz einen Schlussstrich zu setzen. Durchaus gehörte etwas Mut dazu, das Urteil in einer solchen Deutlichkeit auszuformulieren, zumal das Bundesverfassungsgericht in der Vergangenheit immer wieder der Argumentation der christlichen Lehre verfiel, die den Erdenbewohner lediglich als Bittsteller und Marionette eines unsichtbaren Geistes sieht, für den die „Freiheit eines Christenmenschen“ wie Hohn klingen muss.

 

Mit dem Richterspruch kommt dem Individuum eine größtmögliche Autonomie zu – und jenen, die freidenkerische Nächstenliebe praktizieren möchten, wenn sie einem Sterbewilligen bei seinem Ableben unterstützen wollen, muss nicht mehr vor dem Strafgesetz bangen. Es ist ein eindeutiger Hinweis, den das Bundesverfassungsgericht in Richtung der deutschen Legislative ausgesprochen hat: Die Einmischung des Staates als Moralapostel und lange Hand der religiösen Wertepolizei wird zumindest in der Frage nach dem Ende des Lebens unmissverständlich zurückgewiesen.

 

Palliativmedizin bleibt weiterhin erste Wahl

 

Der Politik ist nun aufgetragen, verfassungskonform festzuhalten, wie es gelingen kann, einen Selbsttötungs-Tourismus im eigenen Land zu verhindern. Besonderes Augenmerk muss der Gesetzgeber also auf die Vernunft der Bevölkerung richten. Denn wer glaubt, Sterbewillige könnten sich nach dem Urteil aus Karlsruhe zu leichtfertig für den Tod aussprechen, der verkennt, dass die allermeisten Betroffenen von großer Rationalität und Weitsicht geleitet sind.  Der Entschluss der Verfassungsrichter hat nichts damit zu tun, von einem Dammbruch zu sprechen oder den Untergang des Abendlandes aufziehen zu sehen.

 

Wer diese Panik schürt, der versucht einzig und allein, christliche Verbohrtheit hoffähig zu halten. Wie schon in der Vergangenheit wird es auch künftig darum gehen, Menschen zum Weiterleben zu ermutigen, mit Palliativmedizin und Schmerztherapie das Leiden zu lindern. Doch die Aussicht darauf, im Fall des bewussten Votums zur Beendigung des Lebens nicht alleine gelassen zu sein, sondern Hilfe in Anspruch nehmen zu können, ohne einen Mitmenschen dadurch in rechtliche Bredouille zu bringen, ist eine große Erleichterung für die, die mit dem Freiheitsrecht zu sterben sorgsam umgehen werden.

 

Dennis Riehle

Martin-Schleyer-Str. 27

78465 Konstanz

 

Mail: Riehle@Riehle-Dennis.de

Web: https://www.dennis-riehle.de




Humanismus in der Uto Pia

Thomas Morus(Von Dr. Andreas E. Kilian, Gastautor).

Im christlichen Abendland werden Juden seit fast 2000 Jahren ausgegrenzt, verfolgt und ermordet. Während lokale Widerstände gut dokumentiert sind, ist die europaweit organisierter Hilfe für die Verfolgten bis heute unbekannt. Gebildete Staatsmänner setzten im 16. Jahrhundert auf den Humanismus als Utopie. Ein Bestseller gibt Auskunft über ihre Vorgehensweise.

 

Der Bestseller

 

Im Jahr 1516 erschien ein bis dahin einzigartiger Roman über die bestmögliche Staatsverfassung, die auf der Insel Utopia realisiert sein sollte [Morus 1516]. Der fantastische Reisebericht begründete ein ganzes Genre und über den Inhalt wird bis heute kontrovers diskutiert. Die einen sehen im ihm eine Anspielung auf die edlen Wilden, die im neu entdeckten Amerika leben sollten. Die anderen vermuten eine philosophische Diskussion über die beste Staatsform, die an die Vorbilder der griechischen Antike anknüpft. Wieder andere glauben eine Satire auf das England jener Epoche sehen zu können, die zu Sozialreformen aufruft [Morus 2012]. Der Autor hüllt sich offiziell in Schweigen zu seinem Werk, doch seine Fantasie folgt festen Regeln und gibt so mehr Preis, als bisher angenommen.

 

Ironie als Marker

 

Auffällig sind seit jeher die an das Altgriechische erinnernden Namensschöpfungen in dem ansonsten lateinisch geschriebenen Text. Für einen brillant gebildeten Humanisten – wie der Autor Thomas Morus sicher einer war – sind die Übersetzungen ins Altgriechische dermaßen schlecht, dass die Leser sich fragen müssen, was der Autor wirklich damit sagen wollte.

Erzählt wird von Achoriern (Landlosen), den Alaopoliten (Leuten aus dem Staat ohne Menschen), einer Amaurotum (nebelhaften Vision) sowie von einem Ademus (König ohne Volk) und Gemeindevorstehern, die als Syphogranten (Älteste des Schweinestalls) bezeichnet werden. Der fiktive Informant dieses Reiseberichtes wird vom Autoren als Raphael Hythlodeus (Gott heilt durch den Schwätzer) betitelt. Selbst der lateinisierte Name des Autors, Morus, lässt sich als Narr deuten [Morus 2012].

Auch das Wort Utopia wird meist altgriechisch interpretiert, da das englische U-Topos ein Homophon zu den Wörtern Ou-Topos (Nicht-Land) und Eu-Topos (Schönes-Land) bilden kann. Aber obwohl der Roman bis auf einige Namen in Latein geschrieben wurde, wird die lateinische Übersetzungsmöglichkeit bis heute nicht diskutiert: Uto-Pia, zu deutsch „ich nutze die Fromme“. Wer ist diese Fromme?

 

Kryptische Einleitung

 

Bei der ersten Auflage war noch eine mystische Schrift auf dem Buchcover zu sehen und bevor der Roman beginnt gibt der Autor eine kurze Kostprobe von der Schrift und der Sprache der Utopier. Altgriechische und arabisch-persische Wortfetzen bilden einen Fantasietext, den der Autor für die phonetisch interessierten Leser in lateinische Lettern überträgt sowie in ein lateinisches Tetrastichon übersetzt. Der Gründer des Inselstaates offenbart hierin eine kryptische Botschaft und lädt mit seinem Namen Utopus (Ut-Opus, benutze das Werk!) dazu ein, nach weiteren Hinweisen zu suchen.

Zusätzlich bittet der Autor seinen Freund Petrus Aegidius in der Vorrede den Text sorgsam nach Fehlern abzusuchen und gegebenenfalls auch den Protagonisten Raphael Hythlodeus zu fragen, ob alles richtig geschrieben worden sei. Es scheint, als ob die Fehler der Schlüssel zum Werk seien.

 

Geheime Botschaften

 

Der durch diese Ermahnungen sensibilisierte Leser wird schnell fündig. In der Vorrede des Romans existiert ein Satz, der aus zwei vollkommen verschiedenen Inhalten zusammengesetzt wurde. Zuerst weist der Autor auf seinen Zögling hin, der in Latein und Altgriechisch sehr gute Fortschritte gemacht hätte. Dann fragt er nach, ob eine Brücke in der Stadt Amauroticum (Nebel) über den Fluss Anydrus (wasserlos) 500 Schritte lang oder vielleicht doch 200 Schritte kürzer sei. So, als ob dies nicht vor dem Druck des Romans hätte geklärt werden können. Der Altsprachler wird hier stutzig, denn die Namen können sowohl altgriechisch als auch lateinisch interpretiert werden. Allerdings müssten die Silben hierfür in die richtige Reihenfolge gebracht werden. Wenn dies ein Logical für die Leser sein soll, in dem zwei Sprachen mit Hilfe von Mathematik ineinander übersetzt werden sollen, dann heißt die Frage: wie?

Thomas Morus verwendet einen Code, dessen mathematische Grundlagen bereits dem General und Hohepriester Flavius Josephus im judäischen Aufstand (66-70 n.u.Z.) das Leben retteten [Flavius Josephus]. Dem Flavier zu Ehren wird dieses Abzählen heute als Josephus-Permutation bezeichnet. Zur Dechiffrierung wird jede siebte Silbe herausgenommen und in der neuen Folge angeordnet, ähnlich wie Kinder beim Fangenspielen heute noch mit „Ene-Mene-Muh“ abzählen.

 

Silbenfolge:

Am1 a2 ur3 o4 tic5 umAn7 yd8 rus9

 

Transposition:

An7 tic5 o4 umrus9 ur3 yd8 Am1 a2

 

In Worten:

Anticoum rus ur id ama

 

Übersetzt:

Verbrenne das alte Land! Liebe dieses!

 

Welches landlose Volk soll dieser Einladung wohin folgen?

 

Merkwürdige Nachbarn

 

Im ersten Buch seines Romans weist der Autor auf die Sitten der Einwohner von drei Staaten hin, die in der Nähe der Insel Utopia liegen sollen. Da ist die Rede von Polyleritas (Unsinnmachern), Achoriorum (Leuten aus Nirgendwo) und Macarensium (Seeligen). Humor, der zum Dechiffrieren einlädt.

 

Silbenfolge:

Pol1 yl2 er3 it4 as5 Ach6 or7 i8 o9 rum10 Ma11 car12 ens13 i14 um15

 

Transposition:

or7  i14 ach6 um15 o9 er3 ens13 ma11 rum10 car12 yl2 i8 pol1 it4 as5

 

In Worten:

ori acu moerens marum Caryli politas

 

Übersetzt:

Entstehe Nadel der klagenden Sündenböcke zu den Gebildeten des Karl!

 

Wer sind diese Sündenböcke und wer sind Karl und die gebildeten Frauen? Und was hat dies alles mit der Frommen zu tun?

 

Geheimnisvolle Nachbarvölker

 

Die Suche im zweiten Buch des Romans zeigt eine weitere Liste mit Einwohnern der Nachbarstaaten Utopias. Neben den Utopiern werden Anemolier (Aufgeblasene), Alaopoliten (Leute aus dem Staat ohne Leute), Nephelogeten (Leute aus Wolkenkuckucksheim) und Zapoleten (die sich verkaufen) erwähnt. Auch die Silben dieser Fantasienamen lassen sich neu transpositionieren.

 

Silbenfolge:

Ut1 o2 pi3 en4 si5 um6 An7 em8 ol9 i10 o11 rum12 Al13 a14 o15 po16 li17 tas18 Neph19 e20 log21 et22 a23 rum24 Zap25 o26 let27 is28

 

Transposition:

An7 a14 log21 is28 em8 po16 rum24 en4 Al13 a23 si5 li17 let27 o11 Zap25 i10 o26 o15 pi3 et22 Neph19 tas18 e20 o2 rum12 Ut1 um6 ol9

 

In Worten:

Analogis emporum in alas ili leto capio opi et neptas eorum utu mol

 

Übersetzt:

Du ziehst groß im gleichen Handelsplatz, ich töte das Innere, ich greife ein mit der Macht und den Enkelinnen, ihrer mahle du, wie auch immer!

 

Es geht um zukünftige Händler, die sich eine neue Existenz aufbauen sollen, staatsinterne Streitigkeiten sowie um Heiratskandidatinnen. Wer ist wer?

 

Beredte Städtenamen

 

In der Vorrede heißt eine Stadt noch Amauroticum. Im zweiten Buch lautet der Name auf einmal durchgehend Amaurotum (Nebelstadt). Ist dies ein Tippfehler der Setzer oder gar Absicht des Autors? Eine zweite Stadt soll Mentirano (Lügenburg) sein. Doch der Weltreisende Hythlodeus hat noch eine weitere Stadt besucht.

 

Silbenfolge:

Ant1 ver2 pi3 ae4 Am5 a6 ur7 o8 tum9 Ment10 ir11 an12 o13

 

Transposition:

ur7 Ant1 tum9 ae4 no13 tir11 Men10 a12 pi3 over2 Am5 a6

 

In Worten:

urant tum aeno tir menapio ver ama

 

Übersetzt:

Liebe den Neuanfang (Frühling) mit dem unbezwingbaren Menapier als Rekruten (Lehrling), dann würden sie brennen

 

Der gallische Stamm der Menapier siedelte einst zwischen der Maas und der Schelde. Dort, wo heute Antwerpen, Maastricht und Brüssel liegen. Diesen Stamm sollen die Flüchtlinge in etwas ausbilden, dann würden „andere“ brennen.

 

Alte-neue Inselnamen

 

Der alte Name von Utopia soll Abraxa lauten. Dies könnte mit „regenlos“ übersetzt werden, was allerdings recht frei wäre. Werden jedoch alle im Roman erwähnten Gewürzinseln aufgelistet, die mit altgriechischem Namen genannt werden und die der Weltreisende Raphael Hythlodeus besucht haben soll, so zeigt sich bei der Dechiffrierung folgender Text.

 

Silbenfolge:

Ta1 pro2 ban3 en4 Cal5 iqu6 it7 Ab8 rax9 a10

 

Transposition:

it7 en4 pro2 Ta1 ban3 iqu6 a10 Cal5 Ab8 rax9

 

In Worten:

ite in prota banni, qua cal abras

 

Übersetzt:

Geht gleich am Anfang nach dem Bann, redet irgendwie mit den Dienstmädchen!

 

Um welchen Bann und wessen Dienstkräfte handelte es sich? Was war kurz vor der Veröffentlichung der Utopia geschehen?

 

De Magistratibus

 

Beim Auflisten der Titel von Obrigkeiten legt der Autor größten Wert darauf, dass die Leser sowohl die ehemaligen als auch die aktuellen Bezeichnungen erfahren. Neben den Ortsvorständen, Vorstehern und Fürsten fehlen jedoch zwei Titel. Der allererste und der aktuelle Herzog müssen der Liste hinzugefügt werden.

 

Silbenfolge:

Mo1 rus2 Ut3 op4 us5 Phyl6 arch7 us8 Sy9 pho10 grant11 um12 Tran13 i14 bor15 us16 Pro17 to18 phyl19 arch20 us21 Bar22 zan23 em24 Ad25 e26 mum27

 

Transposition:

arch7 i14 us21 Mo1 Sy9 Pro17 Ad25 Phyl6 us16 em26 pho10 arch20 op4 to18 Ut3 phyl19 us8 em24 bor15 um12 grant11 Tran13 zan23 us5 Bar22 um27 rus2

 

In Worten:

archius Mosi pro ad philus empo arch opto, ut philus emporum grand trans annus barum rus

 

Übersetzt:

Ich wünsche das Archiv des Moses vorweg zum Freund des Handelsvorstehers, gebrauche den großen Markt des Freundes über das Jahr im Land der Barone/Tölpel

 

Baro kann sowohl Baron als auch Tölpel bedeuten. Der Freund ist noch unbekannt, doch die aufgeforderte Gruppe der Eingeweihten ist im Besitz des Erbes von Moses.

 

Religiöse Begriffe

 

Werden alle pseudo-altgriechischen Begriffe aus dem religiösen Zusammenhang in ihre Reihenfolge laut Buch gebracht, so kann Folgendes entziffert werden.

 

Silbenfolge:

Bu1 thres2 cas3 Cy4 ne5 mer6 nos7 Tra8 pe9 mer10 nos11

 

Transposition:

nos7 cas3 nos11 pe9 Tra8 mer10 thres2 mer6 Bu1 Cy4 ne5

 

In Worten:

noscas nos petra mer tres mer bucine

 

Übersetzt:

Du erkennst uns am Stein, erwirb drei, erwirb ein Hirtenhorn

 

Wer von den Eingeweihten den Intelligenztest besteht, darf nach „Utopia“ einwandern, wird von den Auftraggebern entsprechend empfangen und in die Bruderschaft eingeführt. Es sollen also nicht alle aus dem Volk Mose kommen, sondern am Anfang nur die Besten der Besten.

 

Der Adressat

 

Bereits im Jahr 1518 erschien der Roman in einer neuen Auflage und mit einem neuen Buchtitel. Nun hieß es: „De optimo reip. Statu, deque nova insula Utopia, libellus vere aureus, nec minus salutaris quam festivus,…“, während es vorher noch „Libellus vere aureus, nec minus salutaris quam festivus, de optimo reip. statu deque nova insula Utopia.“ lautete. Die Satzteile wurden vertauscht. Ein kleiner aber entscheidender Unterschied, der die Dechiffrierung verhindern konnte, denn nur das Original von 1516 ergibt einen Sinn.

 

Li1 bell2 us3 ver4 e5 au6 re7 us8 nec9 min10 us11 sa12 lut13 a14 ris15 quam16 fes17 ti18 vus19, de20 op21 tim22 o23 re24 ip25 stat26 u27 de28 que29 nov30 a31 ins32 ul33 a34 Ut35 o36 pi37 a38

 

re7 a14 ob21 de28 ut35 ver4 sa12 de20 que29 pi37 us8 fes17 stat26 o36 nec9 fus19 a31 us3 quam16 nov30 e5 tim22 a34 lut13 ins32 us11 ul33 ti18bell2 u27 re24 o23 ip25li1 ris15 a38 au6 min10

 

rea opde ut versa deque pius fes stato nec fusa usquam noveti malut in sus ulti bellu reo ipli risa au min

 

Angeklagte, stelle (dich) entgegen! gebrauche! wende! und trete bestimmt auf gegenüber dem Frommen, auch nachdem ihr zerstreut worden seid, ihr könnt irgendwo erneuern das Übel, wenn ihr den Krieg gegen das Schwein gerächt habt, Angeklagter, gehe um ein vielfaches stärker, nachdem du verspottet wurdest, bewahre die Mahnung

 

Der Inhalt ist telegrammstilartig, was der Chiffrierung geschuldet ist. Thomas Morus ruft die in aller Welt verstreut lebenden Eingeweihten zur Besinnung auf, sich nicht an den Christen für die Vertreibung der „Schweine“ zu rächen. Er will mit Hilfe der „Pia“ anders vorgehen. Das „Wie“ ergibt sich aus dem „Who is who“.

 

Die Migranten

 

Im Januar des Jahres 1492 eroberten Ferdinand II. von Aragonien und León sowie Isabella von Kastilien die spanische Provinz Granada von den Muslimen zurück. Da die Vorfahren der Juden die Muslime einst freundlich empfangen hatten, folgte die Rache der christlichen Herrscher auf dem Fuße. Bereits im März desselben Jahres wurde das Alhambra-Edikt erlassen. Hunderttausende sephardischer Juden mussten entweder Spanien binnen drei Monaten verlassen oder konvertieren. Im Jahr 1497 folgte Portugal mit der Ausweisung aller Juden. Viele wechselten in ihrer Not zum christlichen Glauben, doch das Massaker von Lissabon zeigte noch im Jahr 1506, dass auch konvertierte Juden nirgends sicher leben konnten. Von den Christen wurden sie nur verächtlich Marranos, Schweine, genannt und die Inquisition saß den Anusim, den Gezwungenen, im Nacken. Versklavungen, Zwangstaufen, Folter und Hinrichtungen waren für sie an der Tagesordnung. Wo war der Staat, die rettende Insel, die die Flüchtigen aufnahm?

 

Carylus

 

Als sein Vater Philipp I. im Jahr 1515 starb, erbte Karl die burgundischen Niederlande. Anfang des Jahres 1516 hinterließ sein Großvater Ferdinand II. dem jungen Karl die spanischen Königreiche von Kastilien, León und Aragón sowie den Titel König Carlos I. von Spanien. Mit dem Tod seines Onkels Maximilian I. erbte Karl den Thron von Österreich und ging 1519 als Kaiser Karl V. des Heiligen Römischen Reiches in die Geschichte ein.

Thomas Morus versprach sich im Erscheinungsjahr der Utopia 1516 also politische Veränderungen von dem jungen Habsburger und sah neue Hoffnungen für die Sepharden und Konvertiten. Doch – wie im Roman von ihm erwähnt – wollte Thomas Morus nicht den König beraten, da solche Empfehlungen von allen Ministern diskutiert würden. Er wollte diejenige beraten, auf die der König freiwillig hören würde.

 

Uto Pia

 

Im Auftrag des englischen Königs Heinrich VIII. war der Autor zwischen 1510 und 1516 mehrfach als Diplomat in den Niederlanden. Hier traf er nicht nur Erasmus von Rotterdam, den Hofberater und Lehrer von Karl, sondern lernte auch die „fromme“ Margarete von Österreich kennen. Als Tante von Karl war sie von 1507 bis Januar 1515 sowohl Regentin der habsburgischen Niederlande als auch dessen Vormund. Im Erscheinungsjahr der Utopia war sie bereits von Kaiser Maximilian I. abgesetzt („gebannt“) gewesen. Wahrscheinlich, da sie ihm zu selbstständig regierte und Karl nun vorzeitig für mündig erklärt wurde. Morus setzte mit der „Frommen“ nicht nur auf die interne weibliche Opposition im Hause Habsburg. Er setzte auch auf die Humanistin, denn Margarete hatte in Mechelen ein Zentrum für Humanismus gegründet und verkehrte mit den führenden Köpfen der Aufklärung. Sie wollte neue Ideen umsetzen. Zudem war sich Thomas Morus bewusst, dass Margarete für Karl ein Mutterersatz und seine vertrauteste Beraterin war.

Der englische Diplomat irrte sich 1516 nicht in der Beziehung des jungen Königs zu seiner Tante. Als Karl seinen Thron in Spanien gesichert hatte, setzte er Margarete 1517 wieder als Statthalterin in den Niederlanden ein. Während Karls Schwestern Eleonore, Isabella und Maria in Mechelen weiterhin humanistisch erzogen wurden, zog Thomas Morus die diplomatischen Fäden im Hintergrund. Die sephardische Intelligentia wanderte unterdessen tatsächlich in ihr Utopia, die Niederlande, ein.

 

Die Nadeln der gebildeten Frauen

 

Bella gerant alii, tu felix Austria nube.“ Dienst hieß bei Habsburgern sich dem Staatswohl unterzuordnen und strategisch zu heiraten. Die „Dienstmädchen“ von 1516 werden dieser Aufgabe nachkommen und als Eleonore von Kastilien (Königin von Portugal und Frankreich), Isabella von Österreich (Königin von Dänemark, Schweden und Norwegen) sowie Maria von Ungarn (Königin von Böhmen und Ungarn) in die Geschichte eingehen. Die Nadeln für die „gebildeten“ Humanistinnen können heute nicht mehr identifiziert werden. Doch die Diplomatie hatte sich gelohnt, denn die Dienstmädchen investierten in die Bildung ihrer Länder.

Nach dem Tod der „Pia“ übernahm Maria von Ungarn von 1531 bis 1556 das Amt der Statthalterin der Niederlande. Sie war als Schwester von Karl V. maßgebend an der Vereinigung der 17 Provinzen beteiligt und kokettierte mit dem Protestantismus. Sie schuf als geschickte Vermittlerin zwischen allen Parteien die Grundlage zur Unabhängigkeit der Niederlande sowie zur Union von Utrecht, die die Religionsfreiheit garantierte.

Eine Nadel von Karl V. wurde Josel von Rosheim. Er rang dem Kaiser im Jahr 1520 die Judenordnung ab, verteidigte seine Glaubensbrüder 1539 persönlich gegen Luther und bewirkte 1541 die Abschaffung der Leibzölle für Juden sowie das Tragen der Judenabzeichen. Zwar nahm Karl V. das Vertreibungsedikt von 1492 nicht zurück und hielt an der Inquisition fest, doch gewährte er den Juden anlässlich seiner Krönung Schutz im Reich sowie ab 1544 einige liberale Rechte. Damit legten die Nadeln das Fundament für eine neue Gesellschaftsform.

 

Der Philus

 

Auf den ersten Blick könnte vermutet werden, dass aschkeniasische Juden den sephardischen Juden als Freunde zu Seite gestanden hätten. Doch Thomas Morus verwendet das Wort Philus (Freund) im Singular. Er meint also eine bestimmte Person, die er auch im Roman so bezeichnet.

Petrus Aegidius wird in der Vorrede darum gebeten, den Roman auf „Fehler“ hin zu untersuchen. Konnte der Humanist die Marker identifizieren und den Code entziffern? Tatsache ist, dass jener brillante Stadtschreiber und Lektor als Humanist seiner Zeit des Lateinischen und des Altgriechischen mächtig war. Er hat die merkwürdigen Übersetzungen des Morus daher höchstwahrscheinlich bemerkt. Kannte er aber auch den Code?

Der Lektor des Romans arbeitete als Stadtschreiber in Antwerpen und hieß mit bürgerlichem Namen Peter Gillis. Dieser Familienname ist die französische Kurzform für den heiligen Aegidius, des Schutzpatrons der Abteikirche Saint-Gilles. Die Namensgebung einer Privatperson nach einer Kirche oder einem Heiligen kann – muss aber nicht – dafür sprechen, dass deren Vorfahren wahrscheinlich in Saint-Gilles konvertierten. Die Frage, ob der Stadtschreiber von Antwerpen seine Stellung genutzt hat, um Freunde in Antwerpen anzusiedeln, ist heute nicht mehr zu klären. Beratend zur Seite gestanden hat er Thomas Morus mit Sicherheit.

 

Thomas Morus

 

Wer war Thomas Morus in Wirklichkeit? Hat die bisherige Geschichtsschreibung recht und der Autor dieses Artikels postuliert lediglich eine neue Verschwörungstheorie? Die Leser können selbst überprüfen, ob sich die im Roman verwendeten Namenssilben durch eine andere Permutation sowohl vollständig als auch in einen anderen sinnvollen Text transponieren lassen, oder ob auch weitere Texte, wie ein Telefonbuch, auf diese Weise dechiffriert werden können. Wer sich diese Mühe macht, findet heraus, dass es sich bei dieser Form der Dechiffrierung um eine echte Verschlüsselung handeln muss. Doch welche Absicht verfolgte der Staatsmann Morus mit seinem Roman und den darin enthaltenen geheimen Anweisungen?

Wollte er sich selbst als genialer Staatsmann ein Denkmal setzen, in dem er zukünftige Ereignisse richtig vorhersagte? Benutzte er als Christ die Doppeldeutigkeit, um den Juden die kommenden Aufstände in die Schuhe zu schieben, die er selbst in den Niederlanden entfachen wollte? Agierte er als Brite unter dem Tarnmantel des Utopus und des Hythlodeus, um den antijudaischen Habsburgern eine falsche Fährte zu suggerieren? Oder handelte er als Humanist, um einer verfolgten Minorität gegen ihre Verfolger zu helfen?

Utopus, der mystische Begründer des Inselstaates, gibt sich im Roman als Herzog seines Volkes aus und der Thomas Morus verwendet ein Abzähl- und Codesystem, welches bereits der hasmonäische General und Hohepriester Josippos ben Mathitjahu ha Cohen (Flavius Josephus) in seinem Kriegsbericht De Bello Judaico im ersten Jahrhundert beschrieben hat.

Werden die historisch realen Ereignisse des folgenden Jahrhunderts mit den Romaninhalten verglichen, so fällt auf, dass über den gesamten Zeitraum den chiffrierten und nicht chiffrierten Anweisungen Folge geleistet wurde. Dies spricht dafür, dass Thomas Morus höchstwahrscheinlich einer konvertierten jüdischen Familie entstammte und im Roman – als Herzog seines Volkes und gottgesandter Schwätzer – den Eingeweihten der Sepharden Hinweise gab, wie sie sich mit seiner Hilfe eine neue Zukunft in den Niederlanden aufbauen konnten.

 

Romaninhalte

 

Eine jüdische Identität von Thomas Morus würde nicht nur erklären, weshalb die Utopier im Roman weder Christen noch Juden sind, sondern einem antiken Sonnenkult huldigen. Immerhin konnte sich der Autor vor seinen Glaubensbrüdern nicht als Befürworter des Christentums darstellen oder vor den Christen als Jude zu erkennen geben. Es würde auch nahe legen, weshalb Thomas Morus als weltliches oder religiöses Oberhaupt seines Bundes dem englischen König Heinrich VIII. nicht den Suprematseid leisten konnte und seine eigene Hinrichtung akzeptierte.

Um das literarische Transportvehikel für die chiffrierte Nachricht zu tarnen, verlässt der Autor sich auf die Selbstironie der Sepharden. Sie werden sich im „Schweinestall“ als Ideal der jüdischen Gemeinde ebenso wiedergefunden haben, wie im utopischen Sozialismus derer, die Hab und Gut in Spanien und Portugal verloren haben. Er kokettiert mit ihren Hoffnungen und bittet sogar um Mithilfe, wenn er als Herzog Utopus schreibt, dass er Verbesserungsvorschläge gerne entgegen nimmt. Als dieser, der – nach eigener Aussage – selber ohne Philosophie ist, stellt er den philosophischen Staat dar, den es zu gründen gilt. Ideale verfolgte er also nicht als politischer Realist.

Auch der außergewöhnliche Aufbau des Romans lässt sich nun neu interpretieren. So gibt es eine Vorrede für die engsten Freunde, in der darüber nachgedacht wird, ob dieses Werk überhaupt für die Öffentlichkeit gedacht ist. Die Eingeweihten sollen den wahren Inhalt also nicht an die große Glocke hängen. Im ersten Buch folgen Anweisungen, wie die ersten Immigranten in Utopia vorgehen sollen. Das zweite Buch beinhaltet Verhaltenshinweisen für die nicht-eingeweihte Masse der Einwanderer.

Mit der Frage, ob die Erfahrenen unter ihnen Könige beraten oder sich aus der Politik heraushalten sollten, beginnt das erste Buch. Daraufhin werden die Ursachen für Diebstahl, Mord und Söldnerwesen diskutiert. Diese Fehler sollen offenbar vermieden werden. Am Beispiel der Achorier wird dargestellt, wie ein Königreich geteilt, ein Teil unter eine neue Herrschaft gestellt und schließlich ganz abgespalten und in die Unabhängigkeit entlassen werden kann. Diese Beschreibung nimmt das Schicksal der Niederlande vorweg. Am Beispiel der Makarenser wird das Finanzwesen des neuen Landes erörtert, in dem das Geld bei den Bürgern bleiben soll. Mit Hilfe der Utopier wird die Symbiose von Privat- und Gemeinschaftseigentum vorgeschlagen. Diese Beteiligung am Gewinn findet sich später in der ersten Aktiengesellschaft der Welt, in der Ost-Indien-Kompanie, wieder.

Ein Hinweis auf die kommende Seemacht ist zu Beginn des zweiten Buches im Alter der Insel Utopia versteckt. Es wird mit 1760 Jahren angegeben und deutet somit auf die Jahre 244 oder 243 vor unserer Zeitrechnung hin. Damals investierten die Patrizierfamilien Roms ihr Privatvermögen in den Schiffbau, um eine letzte Flotte gegen Karthago zu finanzieren. Mit Hilfe dieser Schiffe wurde 241 v.u.Z. der erste Punische Krieg entschieden und Rom zur Weltmacht.

Interessant sind auch die Gedanken zur Sklaverei. So nehmen die Utopier nicht andere Völker zu Sklaven, sondern lediglich ihre eigenen Gesetzesübertreter. Diese dürfen sich frei bewegen, tragen aber Fesseln aus Gold. Es ist ihre eigene kindliche Gier nach Edelmetall, die sie abhängig macht. Wahrer Reichtum liegt für Thomas Morus in der Gemeinde, Gold ist für ihn nur ein Mittel zum Zweck, niemals Selbstzweck. Sollte diese Aussage auf die Sepharden bezogen sein, so widerspricht sie allen Verschwörungstheorien über das sogenannte „Finanzjudentum“. Die Gierigen legen sich – laut Roman – selbst in Fesseln.

Es dürfte dem Sinn von Thomas Morus für Humor entgegen gekommen sein, dass ausgerechnet die römisch katholischen Kirche – die offensichtlich nichts von seiner wahren Identität wusste – ihn zum Heiligen ernannte.

 

Verschwörung oder Lobbyarbeit?

 

Der Roman ist ein Werbeschreiben, welches als unverdächtige literarische Phantasterei in ganz Europa verkauft werden konnte, und bezeugt einen europaweiten Kampf einer kleinen elitären Gruppe von Eingeweihten. Belegt dies eine Verschwörung? Damals wäre von einer Verschwörung oder von Hochverrat gegen den Regenten gesprochen worden, da Thomas Morus als Engländer auf die „gebannte“ Opposition im Hause Habsburg setzte und die habsburgischen Niederlande in die Unabhängigkeit führen wollte. Sein Roman beinhaltete zudem sozialen Sprengstoff.

Mit dem Wissen dieser Dechiffrierung ist die Frage nach einer Verschwörung nicht so einfach zu beantworten. Die geheimen Anweisungen beweisen das Gegenteil von dem, was Antisemiten gemeinhin als Verschwörungstheorien verbreiten. Es waren nicht „die“ Juden an dieser Verschwörung beteiligt, sondern ein kleiner Kreis Eingeweihter, die  – offiziell – keine Juden waren. Die große Mehrheit der normal-bürgerlichen Juden wird nie etwas von dieser Diplomatie erfahren haben.

Zudem hat sich diese Gruppe nicht zum Zweck der Verschwörung gegründet, sondern  existierte und kommunizierte wahrscheinlich schon seit Generationen im Geheimen. Auch waren ihre Aktionen nicht zum Schaden anderer ausgerichtet oder als Rache gegen Christen gedacht. Vielmehr wollten sie den in Granada verlorenen Status wieder erwerben und die jüdischen Glaubensbrüder vor der Willkür der christlichen Herrscher schützen. Heute würden ihre Beratungen und Gespräche als Lobbyarbeit interpretiert werden, die auf den gemeinsamen Werten des Humanismus basierte. Die „geheimen“ Interessenvertreter kämpften auf ihre Weise für Religionsfreiheit und Unabhängigkeit und gründeten mit den Niederländern zusammen einen Staat sowie ein Handelsimperium, welches das kleine Land zur Weltmacht erhob. Ob diese Vorgehensweise für die Nachfahren der Menapier positiv oder negativ zu werten ist, mögen die Niederländer selbst beurteilen.

Der Autor setzte bei dieser Aufgabe auf die „gebildeten“ Frauen, um in Zeiten des beginnenden Absolutismus den christlichen Wahnsinn einzudämmen sowie eine vertragliche Rechtsgrundlage für alle Religionsgruppen zu schaffen. Thomas Morus hinterlässt uns damit ein Erbe, welchem der Humanismus noch heute – gerade in Zeiten der fehlenden Frauen- und Flüchtlingsrechte – verpflichtetet sein sollte.

 

 

Literatur

 

Flavius Josephus: De Bello Judaico. Buch 3, Kapitel 8, 7.

 

Thomas Morus: Libellus vere aureus, nec minus salutaris quam festivus, de optimo reip. statu deque nova insula Utopia. T.M. von Aelst, Löwen, 1516.

 

Thomas Morus: Utopia. Lateinisch / Deutsch. Stuttgart, Reclam 2012.




Altruismus und Nationalismus

Jeremy_Bentham_by_Henry_William_Pickersgill_detailDulce et decorum est pro patria mori*

Evolutionäre Humanisten betonen gern, dass Empathie und Altruismus genetische Wurzeln haben, da sich vergleichbare Handlungsweisen auch bei den uns so nahestehenden Bonobos und Schimpansen, aber auch bei sehr viel weiter entfernten Spezies feststellen lassen. Doch worauf bezieht sich das nun genau? Und in welchen Fällen, in welchem Umfang werden sie tatsächlich wirksam? In welchem Zusammenhang stehen denn Eigenliebe und Nächstenliebe? „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“ ist die  inzwischen zum Kitsch degenerierte Christus-Formel. Das „Linke Backe – Rechte Backe“ –Syndrom ist die wohl niemals wirklich umgesetzte Forderung, da sie auch allen Erfahrungswerten widerspricht.

Ist Altruismus, den ich auf Deutsch wohl am besten mit „Selbstlosigkeit“ wiedergebe, tatsächlich genetisch inhärent, und wenn ja, wie äußert er sich im menschlichen Umgang?

Ist nicht in Wahrheit der Egoismus („Selbstsucht“) die wahre genetische Triebfeder mit den entsprechenden selektiven Vorteilen? Ist also mit anderen Worten die so genannte Gruppenselektion eine schöne Fata Morgana?

Ich setze einmal voraus, dass unter den Lesern dieser Zeilen „The Selfish Gene“ von Richard Dawkins (geschrieben vor über 30 Jahren als sein Erstlingswerk) wenigstens in groben Zügen bekannt ist. Darauf in aller Breite einzugehen würde den Ansatz dieses Artikels sprengen.

Werfen wir einen kurzen Blick zu den Schimpansen, deren Verhaltensweisen so liebevoll und akkurat von Jane Goodall beschrieben worden sind. Wie bei wohl allen Arten steht auch hier der individuelle Überlebenswille eindeutig im Vordergrund: Fressen, Überleben und sich Reproduzieren. Diese Motive sind also eindeutig egoistisch – selbstsüchtig. Dabei spielt auch die vielzitierte „Arterhaltung“ beim Individuum nicht die geringste Rolle mangels Überblick.

Doch dann lässt sich eben auch beobachten, dass Futter geteilt wird und dass den Älteren und Schwächeren in der Gruppe  geholfen wird. Wie passt das zusammen? Die Basis ist auch hier wohl eher egoistisch. Wenn ich ein Übermaß an Futter habe, gebe ich etwas ab, denn ich könnte auch einmal einen Mangel haben und möchte, dass mir dann ein anderes Gruppenmitglied aushilft. Schimpansen wissen auch, dass sie selber einmal krank oder verletzt sein können. Also helfen sie Kranken und Verletzten. Das ist logisch und naturgegeben, aber es bleibt weit hinter den idealistischen Vorstellungen eines Jeremy Bentham von Altruismus zurück (Bild: Jeremy Bentham, by Henry William Pickersgill, Wikimedia Commons).

Wir dürfen festhalten, dass es Selbstlosigkeit um der Selbstlosigkeit willen bei den verwandten Spezies nicht wirklich gibt. Sie ist und bleibt Ausfluss des Egoismus – und ist zudem immer ausschließlich auf die Kleingruppe beschränkt. Kommen Gefährdungen durch andere benachbarte Gruppen ins Spiel, ist von Altruismus nichts mehr zu spüren: da gibt es nur noch gnadenlosen Kampf, Mord ist kein Tabu mehr.

Wagen wir einen vielleicht unvermittelt anmutenden Sprung in unsere moderne Gesellschaft. Wie sieht es dort mit Altruismus und Empathie aus? Den meisten dürften schon die Begriffe unbekannt oder nichtssagend sein. Ersetzt werden sie durch die so genannte und überstrapazierte „christliche Nächstenliebe“ und (in sozialpolitischen Zusammenhängen) durch „Solidarität“. Lassen wir die religiöse Begrifflichkeit der Selbstaufopferung gegen „Gotteslohn“ einmal außen vor, so bleibt als Novum der jüngeren Geschichte (seit Bismarck) die generationenübergreifende Solidarität im Gesundheits- und Rentenwesen (neuerdings auch in der Altenpflege). Das „do ut des“-Prinzip (gib, damit gegeben wird) der Schimpansen feiert Urständ! Aber es findet sich jetzt auf einer komplett anderen Ebene wieder. Der Geber kennt den Nehmer nicht mehr – er weiß nicht mehr (zumindest emotional), für wen er etwas opfert. Altruismus ist zur abstrakten Größe verkommen, eine Position auf dem Lohnzettel, die eher als Ärgernis zur Kenntnis genommen wird.

Es besteht übrigens an dieser Stelle immer noch der Irrglaube, Ansprüche ergäben sich daraus, dass man jahrelang eingezahlt habe, so als ob es sich um ein Ansparkonto handelte. Das wird bei der Rente immer wieder ganz deutlich: „Ich habe doch vierzig Jahre lang eingezahlt!“. Das verkennt, dass Rente von der jüngeren Generation an die ältere direkt erarbeitet wird, und eben nur dieser Betrag auch verteilt werden kann (trotz aller staatlichen Zuschüsse). Andere Formen der Zusatzfinanzierung haben sich (Stichwort Riester) als zumindest unzulänglich erwiesen. Von einem direkten Scheitern mag ich nicht reden. Besser sind immer diejenigen dran (wie die Selbständigen), die vorausschauend Vorsorge getroffen haben. Aber diese Haltung ist bei Lohnempfängern (einmal abgesehen von den tatsächlichen Möglichkeiten) eher unpopulär. „Der Staat muss was tun!“

Und damit sind wir beim nächsten Knackpunkt: „Der Staat“. Was in der kleinen Gruppe (Familie, Sippe) noch überschaubar war, degeneriert nun zur „Nation“. Ich spreche bewusst von degenerieren und nicht etwa von erweitern, was ja naheliegend wäre unter normalen Umständen. Nation wird eben längst nicht mehr von allen als Solidargemeinschaft der im Staatsgebiet wohnenden Personen wahrgenommen, sondern es werden Ausgrenzungen innerhalb dieser Gruppe vorgenommen. Ausländer (vor allem Muslime) werden als Fremdkörper gesehen, die sich durch unser Sozialsystem schmarotzen. Die muss man vertreiben, ausmerzen (töten?). Zurück in die Vergangenheit! Vor 100 Jahren hat man es bedenkenlos getan. Wer den „Franzmann“ erschlug im Schützengraben vor Ypern war ein Held des Vaterlandes, wer dabei ums Leben kam ein Held, der sich für das Vaterland geopfert hat.

Sind das wirklich die Kriterien, nach denen wir heute leben wollen? Wenn Solidarität schon so weit über die Familie und Sippe hinausweist, warum dann künstliche Schranken einbauen, nur weil andere eine andere Sprache sprechen oder an andere Götter glauben? Mir erscheint das schizophren (in der üblichen, nicht medizinischen Interpretation des Wortes).

Wir Europäer hatten in den letzten 60 Jahren zumindest die Hoffnung, dass dieses unselige Erbe endgültig der Vergangenheit angehört, müssen aber zu unserem Erschrecken feststellen, dass die Vergangenheit so virulent ist wie lange nicht mehr. Es wird aber deutlich – und da hat die Evolutionsbiologie Recht, dass stets der Egoismus das einzige Motivans ist. Ein kultureller Altruismus ist uns jedenfalls – außer bei Humanisten – bisher nicht gelungen und die Evolution gibt herzlich wenig dafür her. Wir vergessen dabei unsere klassischen Wurzeln. Der Hedonismus im Sinne eines Epikur (nicht in der Verballhornung eines angeblichen Kaufrausches und der Verschwendungssucht) sollte zum Wohle aller wieder in den Vordergrund treten. Doch was erleben wir? Hass und Hetze auf die „Ausgegrenzten“, auf diejenigen, die einen anderen Teint haben – Ausgeburt einer Lügenkultur, die leider in der Geschichte nicht ohne Vorbild ist. Wir müssen uns wehren! Ein nationalstaatlicher Chauvinismus muss endgültig der Vergangenheit angehören. Er lässt sich auch kaum durch einen europäischen Hurra-Patriotismus ersetzen. Den kann und wird es nie geben. Fehlt dadurch irgendjemandem irgendetwas? Einigen offenbar. Ohne hier näher auf die Programme der Rechten einzugehen, lässt sich wohl  generell feststellen, dass das Motto ein allgemeines „Vorwärts in die Vergangenheit“ ist, eine Vergangenheit, die aufgeklärte Menschen bereits überwunden glaubten.

„Pulse of Europe“ setzt sich – wie wohl alle Humanisten – dafür ein, dass es nie wieder zu Auseinandersetzungen im gemeinsamen Haus Europa kommen wird. Unterstützen wir sie! Europa ist unsere Heimat. Die einzige, die wir derzeit haben, in all ihrer Vielfalt – lebenswert.

 

  • Süß und ehrenhaft ist es, für das Vaterland zu sterben

Dr. Frank Berghaus, Tunis




Wirtschaft und Soziales

Happy_HumanDie Humanisten sehen in der Marktwirtschaft die einzige Form vernünftigen Wirtschaftens. Die Marktwirtschaft ist die einzige Wirtschaftsordnung, die mit individueller Freiheit vereinbar ist. Gleichzeitig hat die Marktwirtschaft immer wieder deutlich gemacht, dass nur sie allgemeinen Wohlstand begründen kann.

Eine konsequente Ausrichtung an der Marktwirtschaft bedeutet nicht, den Interessen der Mächtigen der Wirtschaft zu Diensten zu sein. Vielmehr ist die Marktorientierung das Eintreten für den Wettbewerb und das Zurückdrängen von Monopolisierung und Kartellbildung. Es gilt heute mehr denn je die Aussage von Walter Eucken: „Die Wirtschaftspolitik der Wettbewerbsordnung unterscheidet sich  von einer Politik der Freien Wirtschaft mehr, als sich die Wirtschaftspolitik der Freien Wirtschaft von der Zentralverwaltungswirtschaft in den letzten Jahrzehnten unterschied“.  Ziel marktwirtschaftlicher Politik ist nicht die Pflege der oligopolistischen Marktordnung, sondern der Einsatz für eine Marktwirtschaft, die sowohl von staatlicher Willkür wie von privater Wirtschaftsmacht frei ist.   

Die Marktwirtschaft ist die Wirtschaftsordnung, die ein Maximum an Wohlstand generieren kann. Zweifelsfrei hat die Entwicklung der Wirtschaft in den letzten zweihundert Jahren auch soziale Verhältnisse hervorgebracht, die zu Recht Kritik und den Wunsch nach Verbesserung laut werden ließen. Die Notlage der Arbeiter, die Marx eindringlich und richtig schilderte, ist von ihm unrichtig erklärt worden. Der große Irrtum in der Analyse von Marx ist die Tatsache, dass er die Marktformen ignorierte. Nicht die Trennung der Menschen in Eigentümer von Produktionsmittel und arbeitsuchenden Menschen ist die Ursache, sondern dass die Arbeitgeber, denen die Maschinen gehörten, in monopolistischen Marktformen nachfragten.

Häufig wird die ungleiche Einkommensentwicklung der letzten Jahre beklagt. Es ist deshalb zu beachten, dass zwischen Leistungsentgelt und der wirtschaftlichen Aktivität eine positive Korrelation besteht. Bei einer sehr gleichmäßigen Einkommensverteilung würde das Volkseinkommen geringer sein als bei einer ungleichmäßigeren, sofern sich die Ungleichmäßigkeit in jenen Grenzen hält, die von der Leistungsmotivation gedeckt sind. Eine hohe Wachstumsrate ist nur um den Preis einer ungleichmäßigeren Einkommensverteilung zu haben, eine gleichmäßigere kostet Wachstum. Ökonomische Ungleichheit ist unter einer Bedingung zu akzeptieren: Sie muss sich zum größtmöglichen Vorteil für die am wenigsten begünstigten Gesellschaftsmitglieder auswirken. Die Förderung der sozial Benachteiligten muss absolut gesehen werden und nicht relativ.

Das Eintreten für eine marktwirtschaftliche Ordnung bedeutet keineswegs die Schleifung des Sozialstaats. Eine vitale und dynamische Wirtschaft ist Voraussetzung für soziale Wohlfahrt. Der Sozialstaat kann nicht finanziert werden, indem man die innovativen Unternehmen, Leistungswilligen und Unternehmensgründer übermäßig mit Abgaben belastet und den wirtschaftlichen Standort belastet und damit in der Konsequenz die gesamte Wirtschaftskultur lähmt. Sozialleistungen sind nur dann dauerhaft gesichert, wenn Dynamik und Wachstum die Wirtschaft stärken.

Die Wirtschaft hat einen Anspruch auf faire Rahmenbedingungen. Das heißt, dass sie von unnötigen Belastungen befreit wird. Unsinnige Steuervorschriften, wie z. B. die Hinzurechnungen bei der Gewerbesteuer,  sind zu beenden und die Steuertarife sind so zu gestalten, dass sie nicht das Wachstum behindern. Gleichzeitig muss der Wirtschaft klar werden, dass sie ein Teil der Gesamtgesellschaft ist und nicht gegen sie handeln kann. In einer älter werdenden Gesellschaft hat die Wirtschaft Maßnahmen zu ergreifen, die Verbesserungen für ältere Arbeitnehmer zur Folge haben. Die Wirtschaft muss für Arbeitsbedingungen sorgen, in welchen junge Menschen mehr Mut zur Familiengründung entwickeln können.

Ein Mindestlohn ist anzustreben. Dies ist keine Aushöhlung des marktwirtschaftlichen Prinzips. Es wird damit nur ein Zustand korrigiert, in welchem der Staat durch Aufstockungsleistungen an Geringverdiener die Unternehmen indirekt subventioniert.

Menschen, die in Not geraten sind, verdienen die Unterstützung der Gesellschaft. Es ist nur eine Minderheit, die den Sozialstaat ausnutzt, deshalb muss der Grundsatz „Fördern und Fordern“ auch zukünftig gelten.         

Im Sinne der sozialen Gerechtigkeit  ist eine Steuerprogression zu begrüßen. Sie soll den Verteilungsprozess im Rahmen der Wettbewerbsorientierung korrigieren. Um die Wettbewerbsordnung zu erhalten, ist es nötig, die Progression zu begrenzen. So notwendig die Progression unter sozialem Gesichtspunkt ist, so notwendig ist es zugleich, durch die Progression nicht die Leistungsbereitschaft zu gefährden.

Für die Humanisten sind Vollbeschäftigung und solide Staatsfinanzen grundlegende Ziele. Deshalb ist mittelfristig eine deutliche Senkung der Staatsverschuldung anzustreben. Die Schuldenbremse ist hierzu ein bedeutsamer Anfang. Dass kurzfristige mit Schulden finanzierte Konjunkturprogramme keineswegs für eine nachhaltige Verbesserung der Vollbeschäftigung sorgen, sondern vielmehr langfristig zu einer Strangulation des Staates führen, hat die Schuldenkrise in der EU überdeutlich gezeigt. Die Humanisten versprechen sich durch eine vitale Marktwirtschaft eine bessere Wirkung für die Erwerbsquote.

Die Humanisten begrüßen im Grundsatz Arbeitnehmerschutzrechte. Es ist aber im Einzelfall zu überprüfen, inwieweit diese Beschäftigung hemmenden Effekt erzielen. (in Spanien hat das Schutzrecht für junge Arbeitnehmer dafür gesorgt, dass Spanien die höchste Jugendarbeitslosigkeit in der EU hat)

Die Humanisten fordern ein klares und vereinfachtes Steuerrecht. Das gegenwärtige Steuerrecht ist wegen der Kompliziertheit nicht mehr zumutbar. Diese Kompliziertheit führt dazu, dass für gleiche Steuertatbestände von den Steuerberatern und den Finanzämtern verschiedene Lösungen ermittelt werden. Steuerberater dürfen nicht mehr Steuerrater sein. Es ist auch auf dem Gebiet des Steuerrechts Rechtssicherheit zu gewährleisten.

Es sind Vorkehrungen zu treffen, dass inflationsbedingte Einkommenserhöhungen nicht mehr zu automatisch von höheren Tarifen erfasst werden. Die sogenannte „kalte Progression“ ist eine stille und automatische Steuererhöhung. Sie ist wirksam zu begrenzen.

Voraussetzung der Marktwirtschaft ist der Wettbewerb. Es sind Maßnahmen zu ergreifen, die den Wettbewerb sicherstellen bzw. für mehr Wettbewerb sorgen. Einer „vermachteten Wirtschaftsstruktur“ (Walter Eucken) ist entgegenzuwirken. Hierzu gehört auch die Förderung von Existenzgründungen.

In der Marktwirtschaft sind Insolvenzen ein natürlicher Sachverhalt. Es ist durch ein entsprechendes Insolvenzrecht sicherzustellen, dass auch Großbanken in der Insolvenzverwaltung ihren systemnotwendigen Verpflichtungen nachkommen können.

Aufgrund der demografischen Situation ist eine längere Lebensarbeitszeit nicht zu vermeiden. Es sind deshalb Anstrengungen zu unternehmen, um Arbeitnehmer länger in der Erwerbstätigkeit zu halten. Ein späterer Renteneintritt bei einem gleichzeitigen Verdrängen der älteren Arbeitnehmer durch ihre Arbeitgeber ist nicht länger hinzunehmen.

Die Humanisten sind im Grundsatz gegen staatliche Beteiligungen an Großunternehmen. Aber im Gegensatz zur FDP ist dies kein unerschütterliches Dogma. Ein staatliches Engagement an einem Unternehmen kann im Sinne der Marktwirtschaft sein, wenn dieses Unternehmen nach einer Übernahme mit dem übernehmenden Unternehmen zu einem Monopol wird. Die Verhinderung von Monopolstrukturen ist im Interesse des marktwirtschaftlichen Systems wichtiger als die Herkunft des Eigenkapitals. Solange staatliche Unternehmen sich in Wettbewerbsmärkte einordnen und die Preisbildung auf den Märkten nicht durch staatliche Subventionen gestört ist, sind sie in der Wettbewerbsordnung erträglich. 

Das Patentrecht ist zu reformieren. Es war Absicht, mit Patentrecht die technische Entwicklung zu fördern und den Erfinder zu schützen. Die Geschichte hat gezeigt, dass das Patentrecht eine starke Tendenz zur Monopolbildung und zur Konzentration ausgelöst hat. Patentinhaber sollten verpflichtet sein, die Benutzung einer Erfindung gegen eine angemessene Lizenzgebühr jedem ernsthaften Interessenten zu gestatten. In Bezug auf lebenswichtige Medikamente in ärmeren Ländern hat sich eine internationale Debatte über den Patentschutz entwickelt. So kämpft die „Treatment Action Campaign“ (TAC) in Südafrika für mehr Wettbewerb auf dem Pharmamarkt. Sie fordert, dass die Märkte durch die Abschaffung des Patentschutzes für Anti-Aids-Medikamente für kleinere Pharmahersteller geöffnet werden. Tausende von Menschen sind in den letzten Jahren an Krankheiten wie Aids oder Malaria gestorben, weil die Oligopolgewinne die lebenswichtigen Medikamente unbezahlbar gemacht haben. Die Versorgung der Kranken würde besser aussehen, wenn auf dem Pharmamarkt ein echter Wettbewerb herrschen würde.

Tausende von unabhängigen Saatgutunternehmen sind in den letzten Jahrzehnten verschwunden. Millionen von Landwirten wird das Recht genommen, ihr eigenes Saatgut weiter zu vermehren und damit Vielfalt zu sichern. Immer weniger Oligopole entscheiden über Ernährungsgrundlagen, von denen die Menschheit abhängt. Es ist zu prüfen, ob hier eine Reform des Sortenschutzrechtes Abhilfe schaffen könnte.

 

Weitere Arbeiten zum Thema zum Thema der geplanten Partei "Die Humanisten" siehe hier.

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„Was wirklich wirkt“ von Dr. Natalie Grams – Werben für eine moderne patientenorientierte Medizin

Natalie IDr. med. Natalie Grams wurde 2015 bundesweit bekannt, nachdem sie – erfolgreiche homöopathische Ärztin mit gut laufender eigener Privatpraxis – bei dem Versuch, eine Verteidigung der Homöopathie in Buchform zu schreiben, erkennen musste, dass es für die bislang von ihr so geschätzte Methode keinerlei wissenschaftliches Fundament gab – im Gegenteil. Nach einem Jahr der Unsicherheit und des Ringens mit sich selbst schloss sie ihre Praxis und veröffentlichte das geplante Buch, das sich jedoch inzwischen von der geplanten Apologie zu einer wissenschaftlich fundierten Kritik der Homöopathie entwickelt hatte.

Nach einem zweiten Buch, „Gesundheit – ein Buch nicht ohne Nebenwirkungen“ und der englischsprachigen Ausgabe ihres ersten Buches („Homeopathy reconsidered“) hat sie nun ihr drittes Buch auf den Markt gebracht: „Was wirklich wirkt – Kompass durch die Welt der sanften Medizin“.

Mit ihrem zweiten Buch deutete sich bereits an, dass sie aus der ursprünglichen Rolle der Homöopathiekritikern heraustritt und sich des breiten Spektrums einer „insgesamt besseren patientenorientierten Medizin“ annimmt, für das zweifelhafte bis unsinnige „Alternativmethoden“ ja „nur“ ein Teilaspekt sind. Mit dem jetzt vorliegenden Werk unterstreicht sie den Anspruch, zwar kritisch, aber in erster Linie als Anwältin einer besseren, menschlichen, patientenorientierten Medizin der Zukunft aufzutreten. Es ist der Sache wert, sich dieses Anspruchs auch in einer Rezension anzunehmen, zumal vielfach in den Buchbesprechungen und Interviews doch immer wieder (zu) stark auf die „Alternativ-Kritikerin“ Grams und die im Buch im Detail behandelten „sanften“ Methoden fokussiert wird. Die Autorin hat jedoch weit mehr zu bieten: Sie liefert eine „Gebrauchsanleitung zur Stärkung der Gesundheitskompetenz“. Was auch nach Ansicht des Rezensenten, der täglich mit den Mythen und Legenden rund um Gesundheit und Krankheit konfrontiert wird, bitter nötig ist. Öffentliches Gesundheitswesen und auch die gesetzlichen Krankenkassen, deren gesetzliche Aufgabe dies eigentlich wäre, sind entweder „verschlankt“ worden oder haben eher Interesse daran, mit medizinischem Unfug um zahlungskräftige Mitglieder zu werben statt medizinischen Unfug als solchen zu benennen.

Eher Wegweiser als Ratgeber

Und das unterscheidet „Was wirklich wirkt“ grundlegend von der üblichen Ratgeberliteratur mancher populären Autoren aus der Medizinszene. In der Tat, „Ratgeber“ wäre für dieses Buch sicher kein richtiges Etikett. Viel eher ist es Wegweiser und Anregung zum eigenen Denken, als Schritt zur wirklichen, informierten Gesundheitsentscheidung in „eigener Sache“.

Die Crux benennt Dr. Grams deutlich: Ein Gesundheitssystem, das wichtiger Aspekte einer guten „Behandlung“ der Patienten längst verlustig gegangen ist, das trotz vielen Aufwandes und vieler gut ausgebildeter und helfen wollender Menschen inzwischen alle Beteiligten – Patienten genauso wie Insider vom Professor über Haus- und Fachärzte und Studierende bis zur Pflegekraft – inzwischen überfordert und frustriert. Die Autorin diagnostiziert genau an dieser Stelle einen wesentlichen Grund für die Hinwendung so vieler Patienten zur sogenannten Alternativmedizin – besser Pseudomedizin genannt (die Autorin zieht gerade keine Grenzen auf des Wortes Schneide, sondern orientiert sich allein daran, ob etwas nachweislich eine spezifische Wirkung als medizinische Intervention hat oder nicht – die Begriffe „alternativ“, „komplementär“ und „Integrativ“ scheinen dabei sinnentleert – „was wirklich wirkt“, ist auch Medizin). Das ist der Schlüssel zum Titel des Buches, will dem Rezensenten scheinen.

Ein solches, dem Patientenwohl gewidmetes Buch kann vielleicht nur aus einer dezidiert kritischen Sicht (in alle Richtungen) entstehen. Das Kunst besteht in der Tat darin, nicht in bloßer Kritik zu verharren, sondern die kritische Sicht auf die vielen Mängel und Unzulänglichkeiten allerorten in einen empathischen Appell an die richtig verstandene, nämlich informierte Patientenautonomie zu verwandeln – den Schritt von Kritik zu Aufklärung zu unternehmen. Dies ist das Verdienst der Autorin wie dieses Buches.

Ein wenig „Spoiler“

Und so erfährt man: Wo ist Vertrauen angebracht, wo eher Misstrauen? Wie erkennt man Grenzen zwischen seriös und zweifelhaft? Was unterscheidet Mängel im Gesundheitssystem und in der wissenschaftlichen Medizin von den falschen Versprechungen der Pseudomedizin? Warum darf man beides nicht gegeneinander aufrechnen, also billigen „Whataboutism“ betreiben? (Spoiler: U. a. weil – benennbare und behebbare – Mängel der wissenschaftlichen Medizin pseudomedizinische Mittel und Methoden keinen Deut richtiger bzw. wirksamer machen.)

Der aufklärerische Impetus wird besonders deutlich in den insgesamt drei Kapiteln, die sich ausführlich ganz unterschiedlichen Aspekten des Impfthemas widmen. Ganze gerodete Wälder an „impfkritischer“ Literatur finden sich in den Regalen der Buchhandlungen (virtuell oder real) unter „Gesundheit“. Diese wenigen Kapitel in Natalie Grams‘ Buch schicken sich an, es mit all diesen aufzunehmen. Hochinteressant ist übrigens, dass und mit welchen Gründen Dr. Grams darlegt, weshalb sie als unbedingte Impfbefürworterin keineswegs auch unbedingte Befürworterin einer Impfpflicht ist.

Und wer hat schon verstanden, dass „Wer heilt hat Recht“ zwar eine richtige Aussage, aber gleichzeitig eine öde, nichtssagende Plattitüde ist in den Zusammenhängen, wie sie meist gebraucht wird? Wer hat als medizinischer Laie aka Patient wirklich einmal durchdacht (und akzeptiert), dass persönliche Erfahrungen gut und schön sind und niemand abgesprochen werden sollen, aber die gesamte moderne Wissenschaft auf der Erkenntnis beruht, dass solche Einzelerfahrungen für allgemeine Schlüsse völlig wertlos sind? Wer nimmt nicht leichthin das Wort von der guten Mutter Natur und ihrem Segen für die Menschen in den Mund, ohne zu bedenken, dass dies als Generalisierung wahrlich nicht zutrifft und er dem (im Buch erläuterten) lange entlarvten „naturalistischen Fehlschluss“ erliegt? Es ist kein Zufall, dass diese drei einfachen Beispiele zu den Schlagworten gehören, mit denen die Anbieter pseudomedizinischer Methoden zu werben pflegen. An diesen Punkten – und mehr – setzt Natalie Grams mit ihrem Bemühen an, gut verständlich die Hintergründe solch scheinbarer Gemeinplätze zu enthüllen und sie als billige Werbesprüche interessierter Kreise zu entlarven, die nicht auf strenge wissenschaftliche Wirkungsbelege verweisen können.

Medizin – wirksam und patientenzentriert

Wobei Frau Grams an keiner Stelle den Standpunkt einer wissenschaftsgläubigen Materialistin einnimmt (was einer der zahlreichen so beliebten wie falschen Vorwürfe an ihre Adresse ist) – das würde ihrem Anliegen in keiner Weise gerecht werden. Wir alle sind Menschen. Patienten, Ärzte, Wissenschaftler, Laien, Buchautoren. Wir alle haben Bedürfnisse, die über das, was uns selbst unter besten Bedingungen technisierte Medizin und moderne Pharmakologie zu bieten haben, hinausgehen. Worauf uns das Buch aufmerksam macht, ist, dass gute Medizin – auch als ärztliche Kunst bezeichnet – dies keinesfalls außer Acht lassen darf. Deshalb darf man das Buch auch als Appell an die Verantwortlichen im Gesundheitswesen sehen, die Bedürfnisse nach menschlicher Zuwendung nicht den Anbietern von Pseudomethoden zu überlassen (die sich dies zwar in der Regel teuer bezahlen lassen, mehr aber meist nicht zu bieten haben) sondern die Potenziale der wissenschaftsbasierten Medizin um solche verlorengegangenen Aspekte wieder zu ergänzen. Hinter den Erkenntnissen, was insofern nötig und möglich ist, hinkt die reale Gesundheitspolitik leider gewaltig hinterher.

Das Buch schließt mit einem Kapitel, in dem die Autorin eine Reihe von „alternativmedizinischen“ Verfahren nach dem aktuellen Stand der Wissenschaft kurz kommentiert und bewertet, übrigens keineswegs in Bausch und Bogen negativ. Dass Stimmen zum Buch aus dem pseudomedizinischen Lager sich auf diese wenigen Seiten (sogar auf einige wenige dieser wenigen Seiten) kaprizieren und die restlichen rund 200 Seiten des Buches offenbar überhaupt nicht zur Kenntnis genommen haben, ist bezeichnend. Um es noch einmal zu sagen: Längst ist Dr. Natalie Grams aus der Rolle der „spezialisierten“ Homöopathiekritikerin hinausgetreten und setzt sich mit ihren persönlichen Erfahrungen und ihren wissenschaftlichen Kenntnissen für eine insgesamt bessere Medizin auf wissenschaftlicher Basis ein, die den Menschen nicht vernachlässigt, sondern mitnimmt: Für eine ganzheitliche Medizin, die diesem Attribut auch gerecht wird und es nicht nur als billiges Etikett für zweifelhafte „Sonderangebote“ des Medizinmarktes verwendet. Dr. Grams folgt dabei den Grundsätzen der sich seit wenig mehr als 20 Jahren weltweit etablierenden Evidenzbasierten Medizin, die dem behandelnden Arzt im Einzelfall die bestmögliche vorhandene klinische Evidenz zur Verfügung stellen will, damit er sie im Rahmen seiner persönlichen ärztlichen Erfahrung und unter Beachtung der berechtigten Patientenbedürfnisse in einen Therapievorschlag umsetzt. Viele „alternative“ Verfahren vermögen dies nicht, weil ihnen die Basis, die klinische Evidenz, fehlt – daher bedarf es auch der Kritik an ihnen.

Fazit

Natalie Grams verbreitet in ihrem neuen Buch keine exklusiven Weisheiten oder sensationellen persönlichen Einblicke, irgendwelche Anpreisungen wird man vergeblich suchen. Jenseits wohlfeiler Ratschläge oder wundersamer Enthüllungen aus der güldenen Schatulle der Geheimmedizin erfährt der Leser, wie man sich in einer verwirrenden Gesundheitslandschaft orientiert und wie man Fakten von Fake dabei unterscheiden kann. Ein wenig Mitdenken ist dabei vonnöten – der Leser wird dafür aber belohnt mit Ehrlichkeit und Empathie und mit einem Kompass zur Einordnung des auf ihn einstürmenden Chaos von manchmal mehr, oft weniger sinnvollen „Gesundheitsinformationen“. Allen, denen das Thema Gesundheit nicht gleichgültig ist, einschließlich den Gesundheitspolitikern, sei die Lektüre ans Herz gelegt. Hier kommt kein wohlfeiles "Rezeptbuch", keine Kräuterküche, kein Detox, nichts, was die Grenze zwischen Wellness und Medizin, zwischen Befindlichkeit und Krankheit verschwimmen ließe, auch keine Anpreisung von Wundermedizin aus exotischen Fernen (was häufig mit einer Abwertung der wissenschaftlichen Medizin und ihrer Errungenschaften verbunden ist). Hier kommen Anregungen zur Besinnung auf Vernunft und ein wenig Rationalität, die im Bereich der persönlichen Gesundheit (über-)lebenswichtig sein können. Ein Buch, das bislang fehlte. Es wirbt um Vertrauen in die so oft gering geschätzte wissenschaftliche Medizin und der Wissenschaft im allgemeinen, um Vertrauen auf das ehrliche Bemühen der vielen Menschen, die im Interesse der Gesundheit professionell arbeiten und um eine kritische Sicht auf falsche Heilsversprechen unterschiedlichster Couleur, ohne zu vergessen, welche Bedürfnisse und Defizite die Menschen dazu bringen, nach solchen Heilsversprechen zu suchen. Und Lesevergnügen bietet das Buch zudem.

 

Nachschrift

Der Autor der vorstehenden Rezension war an der Entstehung des Buches mit dem einen oder anderen Hinweis oder Ergänzungsvorschlag beteiligt. Insofern soll es kein Geheimnis sein, dass er ein ideelles Interesse an dem Buch haben mag. (Dieses ideelle kollidiert mit keinerlei materiellem Interesse, ein Interessenkonflikt liegt daher nicht vor.) Der Rezensent ist selbst der Überzeugung, dass die Weichen für ein gleichzeitig konsequent wissenschaftsbasiertes und konsequent patientenorientiertes Gesundheitssystem in mancher Hinsicht neu gestellt werden müssen. Eine wichtige davon ist die Fokussierung auf Patientenaufklärung und Stärkung von Gesundheitskompetenz und – auf dieser Basis – Patientenautonomie. Als ein Baustein dafür ist das besprochene Buch gedacht und geschrieben und sollte so auch verstanden werden. Lobbyismus ja – Lobbyismus für eine menschliche Medizin, für eine informierte Patientenautonomie. Und in diesem Sinne ist auch dieser Versuch einer Rezension geschrieben.

 

Dr. Natalie Grams: Was wirklich wirkt – Kompass durch die Welt der sanften Medizin

Aufbau-Verlag (1. Auflage, 18. Februar 2020), broschiert, 18 Euro

ISBN-10: 3351034717  / ISBN-13: 978-3351034719




DGHS: „Weit über das hinaus, was wir uns erträumt hatten“

dghsWEIMAR. (dghs/fgw) Nur wenige Tage nach dem Urteilsspruch hatte die Humanistische Union eine Podiumsdiskussion in Berlin geplant, die den Urteilsspruch und dessen Folgen behandeln sollte. Es war bei der Planung noch nicht abzusehen, dass das Urteil weit über das hinaus geht, was sich Humanistische Union (HU) und die Deutsche Gesellschaft für Humanes Sterben (DGHS) vorstellen konnten.

 

Blick auf das Podium. (Foto: Wega Wetzel)

So konnte DGHS-Vizepräsident Professor Robert Roßbruch als einer der Podiumsteilnehmer bei der Veranstaltung am 9. März 2020, sein Resumee ziehen: „Das Urteil geht weit über das hinaus, was wir uns erträumt hatten."

 

Vor allem sei es nun neu, dass es gemäß dem Bundesverfassungsgericht keiner formalen Voraussetzung bedarf, um Suizidhilfe in Anspruch zu nehmen. Damit sei auch der so genannte „Alterssuizid" mit Unterstützung denkbar. Diese Form des selbstbestimmten Lebensendes, allein mit der Begründung lebenssatt zu sein, wird zurzeit als mögliche Variante in der Schweiz und den Niederlanden diskutiert.

 

Der ebenfalls anwesende Strafrechtler Prof. Dr. Reinhard Merkel betonte, dass Natrium-Pentobarbital auf jeden Fall weiter reguliert bleiben wird. „Eine Freigabe von NaP ist undenkbar", so Merkel. Er nimmt an, dass eine Art Notstandsausnahme in ein neues Gesetz geschrieben werden könnte.

 

Der FDP-Bundestagsabgeordnete Dr. Wieland Schinnenburg analysierte ebenfalls: „Wir brauchen neue Regelungen." Wie diese genau aussehen, konnte auch Prof. Dr. Steffen Augsberg noch nicht genau beschreiben. Er war einer der Hauptinitiatoren des § 217 StGB gewesen und hält auch heute an der Überzeugung fest, dass das Gesetz im Kern richtig war und verfassungsgemäß.

 

Dieser Einschätzung konnten sich Professor Roßbruch und die anderen Diskutanten keinesfalls anschließen. Es gebe einfach keine Beweise, dass sich alte Menschen reihenweise zur Inanspruchnahme von Suizidhilfe verleiten ließen, betonte Erwin Kress als Vertreter des Humanistischen Verbands. Er stellte Kernthesen eines eigenen Gesetzentwurfes vor, den der HVD ausgedruckt als „Suizidhilfekonflikt-Gesetz" mitgebracht hatte.

 

Der Psychiater und Gutachter Dr. Johann F. Spittler verwahrte sich gegen die immer wieder kolportierte These, dass nun Jugendliche mit Liebeskummer die Büros der Sterbehilfevereine stürmen. „Das Argument ist Blödsinn." Ihm sei noch nie ein solcher Fall untergekommen. Allerdings erwartet er durchaus einen Dammbruch an Nachfragen, aber „gedrängt allenfalls von den Verhältnissen." Gemeint waren die Verhältnisse in Pflegeeinrichtungen und Heimen, denen Menschen nicht ausgeliefert sein wollen. Wie auch immer ein neues Gesetz zur Regelung der Suizidhilfe aussieht. Professor Roßbruch kündigte an, dass man es mit Argusaugen ansehen werde.

 

Wega Wetzel

 

Redaktionelle Anmerkung:

Die DGHS hat bereits Mitte des Jahres 2019 einen eigenen (und begründeten) Entwurf für ein „Gesetz zum Umgang mit Suizid und Sterbehilfe" der Öffentlichkeit vorgelegt.

Eine diesbezügliche Broschüre kann in der DGHS-Geschäftsstelle nachgefragt werden: info(at)dghs.de

(srk)


http://www.freigeist-weimar.de/beitragsanzeige/dghs-weit-ueber-das-hinaus-was-wir-uns-ertraeumt-hatten/?fbclid=IwAR0LCm7bJCUhgkv5ujA1-UehyDiRVIFp4p0arWMhbqljXvB5PcWnCTef1nc
 
11.03.2020

Von: Wega Wetzel
 

 




Kommentar: Religionsfreiheit contra religiöse Dominanz

bfgWEIMAR. (bfg/fgw) Oder: Warum Religionsgesellschaften kein Interesse an voller Religionsfreiheit haben. Zu diesem Thema schreibt Gerhard Rampp vom Bund für Geistesfreiheit (bfg) Augsburg:

 

Wenn der Vatikan die Beziehungen zu Staaten definiert, steht die Forderung nach Religionsfreiheit an erster Stelle. Gemeint ist damit meist nur das Recht der Kirche, nach eigenem Gutdünken schalten und walten zu dürfen, ohne dass sich der Staat in kirchliche Angelegenheiten einmischt – während sich die Kirche sehr wohl in staatliche Angelegenheiten einmischen will. In Wirklichkeit ist der Begriff „Religionsfreiheit" aber weit umfassender als die Kirchen glauben machen wollen.

 

1. Religionsfreiheit ist ein Recht von Individuen und nicht von Organisationen

Originär kann sich nur eine natürliche Person zu einem Glauben bekennen, erst danach können sich Gleichgesinnte zu einer Gruppe zusammenschließen. Im Grundgesetz ist die Glaubensfreiheit im Wesentlichen in den Grundrechtsartikeln 3 und 4 geregelt, die Belange der Religionsgesellschaften hingegen sind erst in Artikel 140 angehängt. Im Extremfall kann eine Person ihr religiöses Selbstbestimmungsrecht auch gegen die eigene Glaubensgemeinschaft zur Geltung bringen.

 

2. Religionsfreiheit ist Meinungsfreiheit in einem speziellen Teilbereich

Erst seitdem das Grundrecht auf Meinungsfreiheit in der Aufklärung postuliert wurde, kam auch die Religionsfreiheit auf die Tagesordnung. „Ihre Meinung ist das genaue Gegenteil der meinigen, aber ich werde alles daransetzen, dass Sie Ihre Meinung sagen können", schrieb Voltaire einem Kontrahenten. Gleiches hat für den Stellenwert weltanschaulicher Bekenntnisse zu gelten. Implizit wird damit zugestanden, dass jede religiöse Überzeugung im Diskurs mit Andersdenkenden eine persönliche Meinung, nicht aber eine bewiesene Wahrheit ist. In der säkular gewordenen Gesellschaft wird diese Auffassung heute allgemein geteilt; vor allem junge Menschen betrachten Religionen ganz überwiegend als Systeme, die auf Vermutungen beruhen.

 

3. Religionsfreiheit ist definiert als Recht, sich zu einer Religion zu bekennen

Auf diesen Kern beschränkt sich zumeist das Verständnis der Religionsgemeinschaften. Er schließt auch das Recht ein sich im öffentlichen Raum zu äußern – soweit die Rechte anderer nicht eingeschränkt werden, wie z.B. bei weltlichen Veranstaltungen an „stillen Tagen". Die Grenze lässt sich am früheren und aktuellen Verhalten der Zeugen Jehovas gut darstellen: Ihre Hausbesuche haben sie eingestellt, nun präsentieren sie sich oft zu dritt mit Plakaten auf belebten Plätzen. Ersteres ist unzulässige Belästigung, letzteres durch Meinungsfreiheit gedeckt.

 

4. Religionsfreiheit schließt das Recht auf Wechsel der Religion ein

Dieses wichtige Grundrecht ist in allen Menschenrechtserklärungen verankert. Dagegen verstoßen aber nicht nur viele islamische Gemeinschaften, sondern auch die katholische Kirche. Wer aus ihr austritt, erhält nicht selten ein Schreiben der zuständigen Pfarrei, in dem auf die ewige Gültigkeit der Taufe hingewiesen wird, aus der man gar nicht austreten könne. Der säkulare Staat hat sich gegenüber dieser Position nur teilweise abgegrenzt: Er schaffte ein Recht auf Kirchenaustritt, beschränkte es aber in seiner Wirkung auf die Kirchensteuerpflicht.

(Ein „Kirchenaustritt" ist also – entgegen dem Wortlaut – gar kein Austritt aus der Glaubensgemeinschaft, sondern nur aus der Kirchensteuerpflicht!) Jedenfalls wird nun verständlich, warum sich der Vatikan seit Jahrzehnten hartnäckig weigert, die Menschenrechtskonvention des Europarats von 1950 zu unterzeichnen.

 

5. Religionsfreiheit schließt das Recht auf völligen Verzicht auf Religion ein

Diese Selbstverständlichkeit erkennt die katholische Kirche inzwischen an. Das Religionsverfassungsrecht spricht hier von einer gleichrangigen „negativen Religionsfreiheit", die in Wirklichkeit aber kein separates Rechtsgut ist, sondern Teil der einen Religionsfreiheit ist. Doch gibt es z.B. im Umkreis der Piusbruderschaft Kleriker, die noch heute die Todesstrafe für „Glaubensabtrünnige" fordern und damit einem erheblichen Teil der islamischen Sunniten nicht nachstehen. Und auch Politiker unterschiedlicher Parteien missachten in der Praxis die Religionsfreiheit nichtgläubiger Menschen. So diffamiert der frühere Spitzenpolitiker der Linken, Gregor Gysi, Gottlose regelmäßig als „moralfrei", und der niederbayerische CSU-Bundestagshinterbänkler Irlstorfer beschimpft Konfessionslose als unmoralische Existenzen, die noch schlimmer seien als Muslime.

 

6. Religionsfreiheit ist ein höchstpersönliches Recht, das auch Kindern zusteht

Das Bewusstsein, dass auch Kinder unveräußerliche Grundrechte haben, ist in unserer Gesellschaft noch nicht angekommen. In den drei wichtigen Menschenrechtserklärungen Mitte des 20. Jahrhunderts (UN-Charta, Artikel 1 bis 19 des Grundgesetzes, Menschenrechtskonvention des Europarats) findet sich dazu nichts. Kinder galten lange Zeit als Eigentum der Eltern. Erst mit der UN-Kinderrechtskonvention (verabschiedet 1989, in Kraft getreten 1995) hat sich die Sichtweise etwas geändert. Selbstverständlich haben die Eltern ein Erziehungsrecht, aber damit kein Monopol auf Erziehung, wie dies z.B. die evangelikalen „besorgten Eltern" meinen. Kinder haben Anspruch auf Informationen auch aus anderen Quellen: Durch den Schulunterricht dürfen demokratische Werte vermittelt werden, die Gleichaltrigen („peer group") und die Medien werden Kinder später ebenfalls prägen.

In weltanschaulicher Hinsicht dürfen Eltern also ihre Kinder durchaus beeinflussen. Die letzte Entscheidung im Alter der Religionsmündigkeit muss aber bei den Kindern liegen. Kinder zu taufen, solange sie noch nicht selbst entscheiden können, ist demnach – streng genommen – ein Eingriff in deren Selbstbestimmungsrecht. Man kann darüber diskutieren, ob eine Säuglingstaufe (als rein symbolisches Ritual) evtl. noch hinnehmbar sei. Keinesfalls gilt dies aber für eine sich daraus abgeleitete Kirchensteuerpflicht des religionsunmündigen Kleinkindes. Da hat sich der Staat strikt herauszuhalten. Die Länder könnten ohne kirchliche Zustimmung regeln, dass Kirchensteuer erst ab 14 oder 16 Jahren und nur mit eigenhändig unterzeichneter Beitrittserklärung der betroffenen religionsmündigen Person erhoben werden darf.

 

Fazit

Die Kirchen geben sich zwar gern als Hüterinnen der Glaubensfreiheit aus, doch erst mit der Umsetzung aller sechs genannten Teilaspekte gäbe es sie tatsächlich. Das liegt aber nicht im Interesse religiöser Organisationen, denn weltanschaulich autonome Jugendliche träten ihnen nur noch zu einem kleinen Teil bei.

 

 

Gerhard Rampp

 

http://www.freigeist-weimar.de/beitragsanzeige/kommentar-religionsfreiheit-contra-religioese-dominanz/

 
04.03.2020

Von: Gerhard Rampp
 

 




Ernesto Cardenal gestorben – ein atheistischer Nachruf

Ernesto_Cardenal_2010Darüber berichtete am 3.3.2010 die marxistische deutsche Tageszeitung "Junge Welt":

Der nicaraguanische Dichter, Befreiungstheologe und Revolutionär Ernesto Cardenal ist im Alter von 95 Jahren verstorben. Er erlag am 1.3. im Krankenhaus einem Herzstillstand, wie seine langjährige Assistentin Luz Marina Acosta der Nachrichtenagentur AFP mitteilte. Der Dichter und katholische Priester (»Das Evangelium der Bauern von Solentiname«) war einer der bekanntesten Vertreter der Befreiungstheologie. Die in Lateinamerika entstandene Bewegung propagiert die Hinwendung der Kirche zu den Armen und den Kampf für eine sozial gerechte Gesellschaft. Nicaraguas Präsident Daniel Ortega rief eine dreitägige Staatstrauer aus.
Cardenal wurde nach dem Sturz des Diktators Anastasio Somoza durch die linken Sandinisten 1979 vom damals erstmals die Regierung bildenden Ortega zum Kultusminister ernannt. Das Amt übte er bis 1987 aus. Wegen seines politischen Engagements geriet Cardenal jedoch mit der katholischen Kirche in Konflikt. 1985 verbot ihm der damalige Papst Johannes Paul II. die Ausübung des priesterlichen Dienstes. Erst vor einem Jahr hob Papst Franziskus dieses Verbot wieder auf. Cardenal gelangte als Vertreter der sandinistischen Revolution und als Dichter zu großer internationaler Berühmtheit. 1980 erhielt er den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Mit Ortega hatte Cardenal schon in den 90er Jahren gebrochen, er warf ihm einen autoritären Führungsstil und Korruption vor.

Auch der ORF berichtete, dort hieß es u.a.:

"Sandinist, Marxist und Christ"
Cardenal war eine der schillerndsten Figuren Lateinamerikas. Er nannte sich "Sandinist, Marxist und Christ". Nach einem Literaturstudium in New York beteiligte sich Cardenal 1954 am ersten, gescheiterten Putsch gegen den Somoza-Clan. 1957 trat er in das Trappistenkloster Gethsemany im US-Bundesstaat Kentucky ein. Vor seiner Priesterweihe studierte Cardenal von 1961 bis 1965 in Mexiko und Kolumbien Theologie.
1966 gründete er auf der Insel Solentiname im Nicaragua-See eine an radikal-urchristlichen Idealen orientierte Gemeinschaft. Aus den dortigen Erfahrungen entstand sein wohl bekanntestes Buch, das "Evangelium der Bauern von Solentiname".
1977 floh Cardenal nach Costa Rica und warb um Unterstützung für die Sandinisten. Zwei Jahre später wurden er und zwei weitere Priester Minister der neuen sandinistischen Regierung in Nicaragua. Gemeinsam mit dem verstorbenen österreichischen Schauspieler und Showmaster Dietmar Schönherr gründete Cardenal Ende der 1980er Jahre in seiner Geburtsstadt Granada eine Einrichtung, die europäische, indianische und afrikanische Kulturelemente miteinander ins Gespräch bringen will.

Soweit zwei Medienmeldungen. Meinereiner sah als Atheist in Geistlichen, die sich befreiungstheologisch betätigten, keine üblichen Religiösen, sondern Genossen!

Ernesto Cardenal, Ehre seinem Angedenken!


PD-Foto von 2010, Wikipedia, spanische Version

Entnommen bei www.atheisten-info.at (Erwin Peterseil).

 




DGHS und Dignitas starten kostenfreie Beratungs-Hotline

dghsWEIMAR. (dghs/fgw) Die Deutsche Gesellschaft für Humanes Sterben e.V. (DGHS) und der Verein DIGNITAS – Menschenwürdig leben – Menschenwürdig sterben haben mit „Schluss.PUNKT“ eine gemeinsame kostenfreie Beratungs-Hotline zu Fragen am Lebensende gestartet. In einer diesbezüglichen Presseerklärung heißt es:

 

Unter dem Namen Schluss.PUNKT haben die beiden Vereine DGHS und DIGNITAS gemeinsam eine niederschwellige Beratungsstelle gegründet. Dabei soll Menschen, die eine Beendigung des eigenen Lebens in Betracht ziehen, ergebnisoffen und unvoreingenommen umfassende Informationen als Entscheidungsgrundlage zur Gestaltung des weiteren Lebens bis zum Lebensende vermittelt werden. Ziel dieser Beratungsstelle ist, kurzschlüssige und riskante Suizidversuche zu verringern und wohlerwogene Suizide zu ermöglichen.

 

Das Bundesverfassungsgericht das Recht eines jeden freiverantwortlichen Menschen, selbst über Zeitpunkt und Umstände des eigenen Lebensendes entscheiden zu können, bestätigt. Damit hat es einen wichtigen Beitrag geleistet, kurzschlüssige und riskante Suizidversuche zu verringern. Denn nur schon das Wissen um die Möglichkeit eines selbstbestimmten Lebensendes gibt betroffenen Menschen Sicherheit, um in Ruhe sämtliche Optionen, deren Risiken und Konsequenzen in Ruhe zu reflektieren.

 

Jedes Jahr sterben weltweit mehr als 800.000 Menschen durch Suizid. In Deutschland nahmen sich im Jahr 2017 9.235 Menschen das Leben. Die zurückhaltenderen Schätzungen gehen davon aus, dass auf jeden erfolgten Suizid 20 Suizidversuche kommen, die nicht mit dem Tod enden. Das bedeutet, dass im Jahr 2017 in Deutschland wahrscheinlich 184.700 Menschen einen Suizidversuch überlebt haben – oft körperlich und seelisch schwer verletzt und von der Gesellschaft stigmatisiert. Suizide und Suizidversuche haben aber auch auf weitere Personen eine schädigende Auswirkung, wie zum Beispiel Angehörige, Freunde, Lokomotivführer, usw. Das Tabu der Selbsttötung, welches durch Inkrafttreten des § 217 StGB noch wesentlich verstärkt wurde, führt dazu, dass sich Menschen mit Suizidgedanken nicht trauen darüber zu sprechen und in der Not zu riskanten Suizidmethoden greifen. Solange Suizidprävention Angelegenheit von Menschen und Gruppen darstellt, welche den Suizid ablehnen und unbedingt verhindern wollen, wird sich daran nichts ändern.

 

Bei Schluss.PUNKT ist Selbsttötung kein Tabu. Über Suizid und Suizidgedanken kann offen und ohne Angst vor Repressalien gesprochen werden. Die Entscheidung, seinem Leben ein Ende zu setzen, soll wohlüberlegt sein. Das bedeutet, dass alle Handlungsoptionen, deren Risiken und zu erwartenden Konsequenzen durchdacht und anschließend miteinander verglichen werden. Im Gespräch mit Schluss.PUNKT werden die dazu benötigten Informationen zur Verfügung gestellt. Dabei ist die Selbsttötung eine von mehreren Optionen. Denn das Wissen um die Möglichkeit einer selbstbestimmten und begleiteten Lebensbeendigung, gibt den Betroffenen Sicherheit, um in Ruhe die notwendigen Überlegungen anzustellen.

 

Die Beratungsstelle Schluss.PUNKT ist unter der Telefonnummer 0800 / 80 22 400 jeweils von Montag bis Freitag zwischen 12.00 und 14.00 Uhr erreichbar. Die Dienstleistungen der Beratungsstelle sind kostenlos und nicht an eine Mitgliedschaft gebunden.

 

Mehr dazu auf der Webseite www.schluss-punkt.de

 

 

(SRK)

 




Der Spruch des Bundesverfassungsgerichts im (Kurz-)Wortlaut

BVerfGWEIMAR. (fgw) Das Urteil des Bundesverfassungsgerichts über die Verfassungswidrigkeit des Paragraphen 217 wird in zahlreichen Medien von interessierten, insbesondere klerikalen, Kreisen nur sehr verkürzt und z.T. sogar verfälscht wiedergegeben. Daher soll an dieser Stelle die Pressemitteilung des Gerichts im Wortlaut zur Kenntnis gegeben werden.

 

Die Pressemitteilung Nr. 12/2020 vom 26. Februar 2020 ist überschrieben mit: Verbot der geschäftsmäßigen Förderung der Selbsttötung verfassungswidrig. Urteil vom 26. Februar 2020: 2 BvR 2347/15, 2 BvR 2527/16, 2 BvR 2354/16, 2 BvR 1593/16, 2 BvR 1261/16, 2 BvR 651/16

 

Der Text lautet wie folgt:

 

Das allgemeine Persönlichkeitsrecht (Art. 2 Abs. 1 in Verbindung mit Art. 1 Abs. 1 GG) umfasst ein Recht auf selbstbestimmtes Sterben. Dieses Recht schließt die Freiheit ein, sich das Leben zu nehmen und hierbei auf die freiwillige Hilfe Dritter zurückzugreifen. Die in Wahrnehmung dieses Rechts getroffene Entscheidung des Einzelnen, seinem Leben entsprechend seinem Verständnis von Lebensqualität und Sinnhaftigkeit der eigenen Existenz ein Ende zu setzen, ist im Ausgangspunkt als Akt autonomer Selbstbestimmung von Staat und Gesellschaft zu respektieren. Mit dieser Begründung hat der Zweite Senat mit Urteil vom heutigen Tage entschieden, dass das in § 217 des Strafgesetzbuchs (StGB) normierte Verbot der geschäftsmäßigen Förderung der Selbsttötung gegen das Grundgesetz verstößt und nichtig ist, weil es die Möglichkeiten einer assistierten Selbsttötung faktisch weitgehend entleert. Hieraus folgt nicht, dass es dem Gesetzgeber von Verfassungs wegen untersagt ist, die Suizidhilfe zu regulieren. Er muss dabei aber sicherstellen, dass dem Recht des Einzelnen, sein Leben selbstbestimmt zu beenden, hinreichend Raum zur Entfaltung und Umsetzung verbleibt.

 

Sachverhalt:

§ 217 StGB (Verbot der geschäftsmäßigen Förderung der Selbsttötung) bedroht denjenigen mit Strafe, der in der Absicht, die Selbsttötung eines anderen zu fördern, diesem hierzu geschäftsmäßig Gelegenheit gewährt, verschafft oder vermittelt. Hiergegen wenden sich unter anderem Vereine mit Sitz in Deutschland und in der Schweiz, die Suizidhilfe anbieten, schwer erkrankte Personen, die ihr Leben mit Hilfe eines solchen Vereins beenden möchten, in der ambulanten oder stationären Patientenversorgung tätige Ärzte sowie im Bereich suizidbezogener Beratung tätige Rechtsanwälte.

 

Wesentliche Erwägungen des Senats:

I. Das Verbot der geschäftsmäßigen Förderung der Selbsttötung verletzt das allgemeine Persönlichkeitsrecht (Art. 2 Abs. 1 in Verbindung mit Art. 1 Abs. 1 GG) von zur Selbsttötung entschlossenen Menschen in seiner Ausprägung als Recht auf selbstbestimmtes Sterben. Das gilt auch dann, wenn die Regelung in enger Auslegung ausschließlich die von Wiederholungsabsicht getragene Förderung einer Selbsttötung als Akt eigenhändiger Beendigung des eigenen Lebens erfasst.

 

1. Das allgemeine Persönlichkeitsrecht umfasst als Ausdruck persönlicher Autonomie ein Recht auf selbstbestimmtes Sterben. Dieses Recht schließt die Freiheit ein, sich das Leben zu nehmen, hierfür bei Dritten Hilfe zu suchen und, soweit sie angeboten wird, in Anspruch zu nehmen.

 

a) Das allgemeine Persönlichkeitsrecht gewährleistet das Recht, selbstbestimmt die Entscheidung zu treffen, sein Leben eigenhändig bewusst und gewollt zu beenden.

 

aa) Die Achtung und der Schutz der Menschenwürde und der Freiheit sind grundlegende Prinzipien der Verfassungsordnung, die den Menschen als eine zu Selbstbestimmung und Eigenverantwortung fähige Person begreift. Von der Vorstellung ausgehend, dass der Mensch in Freiheit sich selbst bestimmt und entfaltet, umfasst die Garantie der Menschenwürde insbesondere die Wahrung personaler Individualität, Identität und Integrität. Die unverlierbare Würde des Menschen als Person besteht hiernach darin, dass er stets als selbstverantwortliche Persönlichkeit anerkannt bleibt. Dieser Gedanke autonomer Selbstbestimmung wird in den Gewährleistungsgehalten des allgemeinen Persönlichkeitsrechts näher konkretisiert. Es sichert die Grundbedingungen dafür, dass der Einzelne seine Identität und Individualität selbstbestimmt finden, entwickeln und wahren kann.

 

Die selbstbestimmte Wahrung der eigenen Persönlichkeit setzt voraus, dass der Mensch über sich nach eigenen Maßstäben verfügen kann und nicht in Lebensformen gedrängt wird, die in unauflösbarem Widerspruch zum eigenen Selbstbild und Selbstverständnis stehen. Die Entscheidung, das eigene Leben zu beenden, ist von existentieller Bedeutung für die Persönlichkeit eines Menschen. Welchen Sinn der Einzelne in seinem Leben sieht und ob und aus welchen Gründen er sich vorstellen kann, sein Leben selbst zu beenden, unterliegt höchstpersönlichen Vorstellungen und Überzeugungen. Der Entschluss zur Selbsttötung betrifft Grundfragen menschlichen Daseins und berührt wie keine andere Entscheidung Identität und Individualität des Menschen. Das Recht auf selbstbestimmtes Sterben umfasst deshalb nicht nur das Recht, nach freiem Willen lebenserhaltende Maßnahmen abzulehnen. Es erstreckt sich auch auf die Entscheidung des Einzelnen, sein Leben eigenhändig zu beenden.

 

bb) Das Recht auf selbstbestimmtes Sterben ist nicht auf fremddefinierte Situationen wie schwere oder unheilbare Krankheitszustände oder bestimmte Lebens- und Krankheitsphasen beschränkt. Es besteht in jeder Phase menschlicher Existenz. Eine Einengung des Schutzbereichs auf bestimmte Ursachen und Motive liefe auf eine Bewertung der Beweggründe des zur Selbsttötung Entschlossenen und auf eine inhaltliche Vorbestimmung hinaus, die dem Freiheitsgedanken des Grundgesetzes fremd ist. Die Entscheidung des Einzelnen, dem eigenen Leben entsprechend seinem Verständnis von Lebensqualität und Sinnhaftigkeit der eigenen Existenz ein Ende zu setzen, entzieht sich einer Bewertung anhand allgemeiner Wertvorstellungen, religiöser Gebote, gesellschaftlicher Leitbilder für den Umgang mit Leben und Tod oder Überlegungen objektiver Vernünftigkeit. Sie bedarf keiner weiteren Begründung oder Rechtfertigung, sondern ist im Ausgangspunkt als Akt autonomer Selbstbestimmung von Staat und Gesellschaft zu respektieren.

 

cc) Das Recht, sich selbst zu töten, kann nicht mit der Begründung verneint werden, dass sich der Suizident seiner Würde begibt, weil er mit seinem Leben zugleich die Voraussetzung seiner Selbstbestimmung aufgibt. Die selbstbestimmte Verfügung über das eigene Leben ist vielmehr unmittelbarer Ausdruck der der Menschenwürde innewohnenden Idee autonomer Persönlichkeitsentfaltung; sie ist, wenngleich letzter, Ausdruck von Würde.

 

b) Das Recht, sich selbst zu töten, umfasst auch die Freiheit, hierfür bei Dritten Hilfe zu suchen und Hilfe, soweit sie angeboten wird, in Anspruch zu nehmen. Das Grundgesetz gewährleistet die Entfaltung der Persönlichkeit im Austausch mit Dritten, die ihrerseits in Freiheit handeln. Ist die Wahrnehmung eines Grundrechts von der Einbeziehung Dritter abhängig und hängt die freie Persönlichkeitsentfaltung an der Mitwirkung eines anderen, schützt das Grundrecht auch davor, dass es nicht durch ein Verbot gegenüber Dritten, im Rahmen ihrer Freiheit Unterstützung anzubieten, beschränkt wird.

 

2. § 217 StGB greift in das allgemeine Persönlichkeitsrecht Sterbewilliger ein, auch wenn diese nicht unmittelbare Adressaten der Norm sind. Auch staatliche Maßnahmen, die eine mittelbare oder faktische Wirkung entfalten, können Grundrechte beeinträchtigen, wenn sie in ihrer Zielsetzung und Wirkung einem normativen und direkten Eingriff gleichkommen, und müssen dann von Verfassungs wegen hinreichend gerechtfertigt sein. Das in § 217 Abs. 1 StGB strafbewehrte Verbot der geschäftsmäßigen Förderung der Selbsttötung entfaltet eine objektiv die Freiheit zum Suizid einschränkende Wirkung. Es macht es dem Einzelnen faktisch weitgehend unmöglich, Suizidhilfe zu erhalten. Diese Einschränkung individueller Freiheit ist von der Zweckrichtung des Verbots bewusst umfasst und begründet einen Eingriff auch gegenüber suizidwilligen Personen. Angesichts der existentiellen Bedeutung, die der Selbstbestimmung über das eigene Leben für die personale Identität, Individualität und Integrität zukommt, wiegt der Eingriff besonders schwer.

 

3. Der Eingriff ist nicht gerechtfertigt. Das Verbot der geschäftsmäßigen Förderung der Selbsttötung ist am Maßstab strikter Verhältnismäßigkeit zu messen. Diesem genügt ein grundrechtseinschränkendes Gesetz nur, wenn es legitime Zwecke verfolgt, geeignet und erforderlich ist, diese zu erreichen, und die von ihm ausgehenden Einschränkungen hierzu in angemessenem Verhältnis stehen.

 

a) Der Gesetzgeber verfolgt mit dem Verbot der geschäftsmäßigen Förderung der Selbsttötung einen legitimen Zweck.

 

aa) Die Regelung dient dazu, die Selbstbestimmung des Einzelnen über sein Leben und hierdurch das Leben als solches zu schützen.

 

Mit diesen Zielen des Autonomie- und des Lebensschutzes dient das Verbot des § 217 StGB der Erfüllung einer in der Verfassung begründeten staatlichen Schutzpflicht und damit einem legitimen Zweck. Art. 1 Abs. 1 Satz 2 GG in Verbindung mit Art. 2 Abs. 2 Satz 1 GG verpflichten den Staat, die Autonomie des Einzelnen bei der Entscheidung über die Beendigung seines Lebens und hierdurch das Leben als solches zu schützen. In Wahrnehmung dieser Schutzpflicht ist der Gesetzgeber nicht nur berechtigt, konkret drohenden Gefahren für die persönliche Autonomie von Seiten Dritter entgegenzuwirken. Er verfolgt auch insoweit ein legitimes Anliegen, als er verhindern will, dass sich der assistierte Suizid in der Gesellschaft als normale Form der Lebensbeendigung durchsetzt. Er darf einer Entwicklung entgegensteuern, welche die Entstehung sozialer Pressionen befördert, sich unter bestimmten Bedingungen, etwa aus Nützlichkeitserwägungen, das Leben zu nehmen.

 

bb) Die Annahme des Gesetzgebers, das Angebot geschäftsmäßiger Suizidhilfe berge Gefahren für die Selbstbestimmung, beruht auf einer von Verfassungs wegen nicht zu beanstandenden Grundlage.

 

(1) Wissenschaftlich gesicherte Erkenntnisse über die langfristigen Auswirkungen der Zulassung geschäftsmäßiger Suizidhilfe existieren nicht. Bei dieser Sachlage reicht es aus, wenn sich der Gesetzgeber an einer sachgerechten und vertretbaren Beurteilung der ihm verfügbaren Informationen und Erkenntnismöglichkeiten orientiert hat.

 

(2) Danach hält die Gefahrenprognose des Gesetzgebers einer verfassungsrechtlichen Prüfung stand.

 

Nach dem Ergebnis der mündlichen Verhandlung hat sich die Einschätzung des Gesetzgebers, dass die bisherige Praxis geschäftsmäßiger Suizidhilfe in Deutschland nicht geeignet war, die Willens- und damit die Selbstbestimmungsfreiheit in jedem Fall zu wahren, jedenfalls als vertretbar erwiesen. Die Prüfung, ob ein Suizidwunsch auf einen freien Willen zurückgeht, erfolgte oftmals auf der Grundlage nicht näher nachvollziehbarer Plausibilitätsgesichtspunkte; insbesondere wurde von Sterbehilfeorganisationen bei Vorliegen körperlicher oder psychischer Erkrankungen auch ohne Kenntnis der medizinischen Unterlagen des Sterbewilligen und ohne Sicherstellung einer fachärztlichen Untersuchung, Beratung und Aufklärung Suizidhilfe geleistet. Die Annahme des Gesetzgebers, dass bei einer Einbeziehung geschäftsmäßig handelnder Suizidhelfer Leistungen im Vordergrund stehen, die der Durchführung des Suizids dienen, und deshalb die freie Willensbildung und die Entscheidungsfindung nicht hinreichend sichergestellt sind, ist hiernach plausibel.

 

Auch die Einschätzung des Gesetzgebers, dass geschäftsmäßige Suizidhilfe zu einer „gesellschaftlichen Normalisierung" der Suizidhilfe führen und sich der assistierte Suizid als normale Form der Lebensbeendigung insbesondere für alte und kranke Menschen etablieren könne, die geeignet sei, autonomiegefährdende soziale Pressionen auszuüben, ist nachvollziehbar. In Ländern mit liberalen Regelungen zur Suizid- und Sterbehilfe ist ein stetiger Anstieg assistierter Selbsttötungen und von Tötungen auf Verlangen zu verzeichnen. Dieser Anstieg ist für sich genommen zwar kein Nachweis für eine gesellschaftliche Normalisierung und autonomiegefährdenden sozialen Druck. Er kann auch mit einer größeren Akzeptanz der Sterbe- und Suizidhilfe in der Gesellschaft, der Stärkung des Selbstbestimmungsrechts oder dem gewachsenen Bewusstsein erklärt werden, dass der eigene Tod nicht mehr als unbeeinflussbares Schicksal hingenommen werden muss. Gleichwohl durfte der Gesetzgeber davon ausgehen, dass von einem unregulierten Angebot geschäftsmäßiger Suizidhilfe Gefahren für die Selbstbestimmung ausgehen können. Dies gilt – angesichts des steigenden Kostendrucks in den Pflege- und Gesundheitssystemen – insbesondere vor dem Hintergrund, dass Versorgungslücken in der Medizin und der Pflege geeignet sind, Ängste vor dem Verlust der Selbstbestimmung hervorzurufen und dadurch Suizidentschlüsse zu fördern. Auch die einem Suizid häufig zugrundeliegende Motivationslage stützt die Einschätzung des Gesetzgebers. Häufiges Motiv für einen assistierten Suizid ist ausweislich von Untersuchungen im In- und Ausland der Wunsch, Angehörigen oder Dritten nicht zur Last zu fallen.

 

b) Die Regelung des § 217 StGB stellt als Strafnorm grundsätzlich auch ein geeignetes Instrument des Rechtsgüterschutzes dar, weil das strafbewehrte Verbot gefahrträchtiger Handlungsweisen den erstrebten Rechtsgüterschutz zumindest fördern kann.

 

c) Ob die Regelung erforderlich ist, um die legitimen Schutzanliegen des Gesetzgebers zu erreichen, kann offenbleiben. Die von der Vorschrift ausgehende Einschränkung des Rechts auf selbstbestimmtes Sterben ist jedenfalls nicht angemessen.

 

aa) Angemessen ist eine Freiheitseinschränkung nur dann, wenn das Maß der Belastung des Einzelnen noch in einem vernünftigen Verhältnis zu den der Allgemeinheit erwachsenden Vorteilen steht. Hierbei müssen die Interessen des Gemeinwohls desto gewichtiger sein, je empfindlicher der Einzelne in seiner Freiheit beeinträchtigt wird. Andererseits wird der Gemeinschaftsschutz desto dringlicher, je größer die Nachteile und Gefahren sind, die aus gänzlich freier Grundrechtsausübung erwachsen können. Dabei unterliegt die Entscheidung des Gesetzgebers einer hohen Kontrolldichte, wenn schwere Grundrechtseingriffe in Frage stehen. Die existentielle Bedeutung, die der Selbstbestimmung speziell für die Wahrung personaler Individualität, Identität und Integrität im Umgang mit dem eigenen Leben zukommt, legt dem Gesetzgeber daher strenge Bindungen bei der normativen Ausgestaltung eines Schutzkonzepts im Zusammenhang mit der Suizidhilfe auf.

 

bb) Mit dem Verbot der geschäftsmäßigen Förderung der Selbsttötung hat der Gesetzgeber diese Bindungen überschritten.

 

(1) Der hohe verfassungsrechtliche Rang der Rechtsgüter Autonomie und Leben, die § 217 StGB schützen will, kann den Einsatz des Strafrechts zwar grundsätzlich legitimieren. Bei der staatlichen Aufgabe, ein geordnetes menschliches Zusammenleben durch Schutz der elementaren Werte des Gemeinschaftslebens zu schaffen, zu sichern und durchzusetzen, kommt dem Strafrecht eine unverzichtbare Funktion zu. Im Einzelfall kann es die Schutzpflicht des Staates insbesondere gebieten, rechtliche Regelungen so auszugestalten, dass bereits die Gefahr von Grundrechtsverletzungen eingedämmt wird.

 

Der legitime Einsatz des Strafrechts zum Schutz der autonomen Entscheidung des Einzelnen über die Beendigung seines Lebens findet seine Grenze aber dort, wo die freie Entscheidung nicht mehr geschützt, sondern unmöglich gemacht wird. Die Straflosigkeit der Selbsttötung und der Hilfe dazu steht als Ausdruck der verfassungsrechtlich gebotenen Anerkennung individueller Selbstbestimmung nicht zur freien Disposition des Gesetzgebers. Der Verfassungsordnung des Grundgesetzes liegt ein Menschenbild zugrunde, das von der Würde des Menschen und der freien Entfaltung der Persönlichkeit in Selbstbestimmung und Eigenverantwortung bestimmt ist. Dieses Menschenbild hat Ausgangspunkt jedes regulatorischen Ansatzes zu sein. Die staatliche Schutzpflicht zugunsten der Selbstbestimmung und des Lebens kann folgerichtig erst dort gegenüber dem Freiheitsrecht des Einzelnen den Vorrang erhalten, wo dieser Einflüssen ausgeliefert ist, die die Selbstbestimmung über das eigene Leben gefährden. Diesen Einflüssen darf die Rechtsordnung durch Vorsorge und durch Sicherungsinstrumente entgegentreten. Jenseits dessen ist die Entscheidung des Einzelnen, entsprechend seinem Verständnis von der Sinnhaftigkeit der eigenen Existenz dem Leben ein Ende zu setzen, hingegen als Akt autonomer Selbstbestimmung anzuerkennen.

 

Die Anerkennung des Rechts auf selbstbestimmtes Sterben versagt dem Gesetzgeber demnach nicht, allgemeine Suizidprävention zu betreiben und insbesondere krankheitsbedingten Selbsttötungswünschen durch Ausbau und Stärkung palliativmedizinischer Behandlungsangebote entgegenzuwirken. Er muss auch denjenigen Gefahren für die Autonomie und das Leben entgegentreten, die in den gegenwärtigen und absehbaren realen Lebensverhältnissen begründet liegen und eine Entscheidung des Einzelnen für die Selbsttötung und gegen das Leben beeinflussen können. Dieser sozialpolitischen Verpflichtung darf der Gesetzgeber sich aber nicht dadurch entziehen, dass er das verfassungsrechtlich geschützte Recht auf Selbstbestimmung außer Kraft setzt. Dem Einzelnen muss die Freiheit verbleiben, auf die Erhaltung des Lebens zielende Angebote auszuschlagen und eine seinem Verständnis von der Sinnhaftigkeit der eigenen Existenz entspringende Entscheidung, das eigene Leben mit Hilfe Dritter zu beenden, umzusetzen. Ein gegen die Autonomie gerichteter Lebensschutz widerspricht dem Selbstverständnis einer Gemeinschaft, in der die Würde des Menschen im Mittelpunkt der Werteordnung steht, und die sich damit zur Achtung und zum Schutz der freien menschlichen Persönlichkeit als oberstem Wert ihrer Verfassung verpflichtet.

 

(2) Diesen verfassungsrechtlich zwingend zu wahrenden Entfaltungsraum autonomer Selbstbestimmung verletzt das Verbot der geschäftsmäßigen Förderung der Selbsttötung. Es führt im Gefüge mit der bei seiner Einführung vorgefundenen Gesetzeslage dazu, dass das Recht auf Selbsttötung in weiten Teilen faktisch entleert ist. Die Regelung des § 217 StGB ist zwar auf eine bestimmte – die geschäftsmäßige – Form der Förderung der Selbsttötung beschränkt. Auch der damit einhergehende Verlust an Autonomie ist aber jedenfalls so weit und so lange unverhältnismäßig, wie verbleibende Optionen nur eine theoretische, nicht aber die tatsächliche Aussicht auf Selbstbestimmung bieten.

 

(a) Die autonomiefeindliche Wirkung des § 217 StGB wird gerade dadurch intensiviert, dass dem Einzelnen in vielen Situationen jenseits geschäftsmäßiger Angebote der Suizidhilfe keine verlässlichen realen Möglichkeiten verbleiben, einen Entschluss zur Selbsttötung umzusetzen. Die nach § 217 StGB bei enger Auslegung straffrei verbleibende Suizidhilfe im Einzelfall verhilft der verfassungsrechtlich gebotenen Selbstbestimmung am Lebensende nicht hinreichend zur Durchsetzung. Die stillschweigende Annahme des Gesetzgebers, Möglichkeiten zur assistierten Selbsttötung seien außerhalb geschäftsmäßiger Angebote tatsächlich verfügbar, nimmt nicht die Einheit der Rechtsordnung in Bedacht. Schließt der Gesetzgeber bestimmte Formen der Freiheitsausübung unter Verweis auf fortbestehende Alternativen aus, so müssen die verbleibenden Handlungsoptionen zur Grundrechtsverwirklichung auch tatsächlich geeignet sein. Dies gilt im Besonderen für das Recht auf Selbsttötung. Hier ist bereits die individuelle Gewissheit identitätsstiftend, tatsächlich eigener Vorstellung entsprechend handeln zu können.

 

Dem wird der Verzicht auf ein umfassendes strafrechtliches Verbot der Suizidhilfe allein nicht gerecht. Ohne geschäftsmäßige Angebote der Suizidhilfe ist der Einzelne maßgeblich auf die individuelle Bereitschaft eines Arztes angewiesen, an einer Selbsttötung zumindest durch Verschreibung der benötigten Wirkstoffe assistierend mitzuwirken. Von einer solchen individuellen ärztlichen Bereitschaft wird man bei realistischer Betrachtungsweise nur im Ausnahmefall ausgehen können. Ärzte zeigen bislang eine geringe Bereitschaft, Suizidhilfe zu leisten, und können hierzu auch nicht verpflichtet werden; aus dem Recht auf selbstbestimmtes Sterben leitet sich kein Anspruch gegenüber Dritten auf Suizidhilfe ab. Zudem setzt das ärztliche Berufsrecht der Bereitschaft, Suizidhilfe zu leisten, weitere Grenzen. Die in den Berufsordnungen der meisten Landesärztekammern festgeschriebenen berufsrechtlichen Verbote ärztlicher Suizidhilfe unterstellen die Verwirklichung der Selbstbestimmung des Einzelnen nicht nur geografischen Zufälligkeiten, sondern wirken zumindest faktisch handlungsleitend. Der Zugang zu Möglichkeiten der assistierten Selbsttötung darf aber nicht davon abhängen, dass Ärzte sich bereit zeigen, ihr Handeln nicht am geschriebenen Recht auszurichten, sondern sich unter Berufung auf ihre eigene verfassungsrechtlich verbürgte Freiheit eigenmächtig darüber hinwegsetzen. Solange diese Situation fortbesteht, schafft sie einen tatsächlichen Bedarf nach geschäftsmäßigen Angeboten der Suizidhilfe.

 

(b) Verbesserungen der palliativmedizinischen Patientenversorgung sind ebenso wenig geeignet, eine unverhältnismäßige Beschränkung der individuellen Selbstbestimmung auszugleichen. Sie mögen bestehende Defizite beseitigen und hierdurch geeignet sein, die Zahl darauf zurückzuführender Sterbewünsche todkranker Menschen zu reduzieren. Sie sind aber kein Korrektiv zur Beschränkung in freier Selbstbestimmung gefasster Selbsttötungsentschlüsse. Eine Pflicht zur Inanspruchnahme palliativmedizinischer Behandlung besteht nicht. Die Entscheidung für die Beendigung des eigenen Lebens umfasst zugleich die Entscheidung gegen bestehende Alternativen und ist auch insoweit als Akt autonomer Selbstbestimmung zu akzeptieren.

 

(c) Die staatliche Gemeinschaft darf den Einzelnen zudem nicht auf die Möglichkeit verweisen, im Ausland Angebote der Suizidhilfe in Anspruch zu nehmen. Der Staat muss den erforderlichen Grundrechtsschutz gemäß Art. 1 Abs. 3 GG innerhalb der eigenen Rechtsordnung gewährleisten.

 

(3) Schließlich sind Aspekte des Schutzes Dritter nicht geeignet, die von § 217 StGB ausgehende Beschränkung individueller Selbstbestimmung zu rechtfertigen. Der Einzelne muss sich zwar diejenigen Schranken grundrechtlicher Freiheit gefallen lassen, die der Gesetzgeber zur Pflege und Förderung des sozialen Zusammenlebens in den Grenzen des bei dem gegebenen Sachverhalt allgemein Zumutbaren zieht. Allerdings muss dabei die Eigenständigkeit der Person gewahrt bleiben. Anliegen des Schutzes Dritter wie die Vermeidung von Nachahmungseffekten rechtfertigen nicht, dass der Einzelne die faktische Entleerung des Rechts auf Selbsttötung hinnehmen muss.

 

4. Diese Bewertung steht im Einklang mit der Europäischen Menschenrechtskonvention und den vom Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte formulierten konventionsrechtlichen Wertungen.

 

II. § 217 StGB verletzt zudem Grundrechte von Personen und Vereinigungen, die Suizidhilfe leisten möchten. Das Verbot der geschäftsmäßigen Förderung der Selbsttötung verstößt aufgrund seiner Unvereinbarkeit mit dem allgemeinen Persönlichkeitsrecht von selbstbestimmt zur Selbsttötung entschlossenen Personen gegen objektives Verfassungsrecht und ist infolgedessen auch gegenüber unmittelbaren Normadressaten nichtig. Der verfassungsrechtliche Schutz des durch § 217 StGB unter Strafe gestellten Handelns ergibt sich aus einer funktionalen Verschränkung der Grundrechte von Suizidhilfe leistenden Personen und Vereinigungen, insbesondere aus Art. 12 Abs. 1 GG oder subsidiär Art. 2 Abs. 1 GG, mit dem Recht auf selbstbestimmtes Sterben. Die Entscheidung zur Selbsttötung ist in ihrer Umsetzung nicht nur in tatsächlicher Hinsicht davon abhängig, dass Dritte bereit sind, Gelegenheit zur Selbsttötung zu gewähren, zu verschaffen oder zu vermitteln. Die Dritten müssen ihre Bereitschaft zur Suizidhilfe auch rechtlich umsetzen dürfen. Der Gewährleistung des Rechts auf Selbsttötung korrespondiert daher auch ein entsprechend weitreichender grundrechtlicher Schutz des Handelns von Suizidassistenten.

 

Mit der Androhung einer Freiheitsstrafe verletzt das Verbot des § 217 StGB Suizidhelfer, die als natürliche Personen unmittelbare Normadressaten sind, zudem in ihrem Freiheitsrecht aus Art. 2 Abs. 2 Satz 2 in Verbindung mit Art. 104 Abs. 1 GG. Eine mögliche, an die Strafbarkeit der geschäftsmäßigen Förderung der Selbsttötung geknüpfte Bußgeldbewehrung verletzt deutsche Sterbehilfevereine in ihrem Grundrecht aus Art. 2 Abs. 1 GG.

 

III. § 217 StGB ist wegen der festgestellten Verfassungsverstöße für nichtig zu erklären. Eine einschränkende verfassungskonforme Auslegung ist nicht möglich, weil sie den Absichten des Gesetzgebers zuwiderliefe.

 

 

Daraus folgt nicht, dass der Gesetzgeber die Suizidhilfe nicht regulieren darf. Eine solche Regelung muss sich aber an der Vorstellung vom Menschen als einem geistig-sittlichen Wesen ausrichten, das darauf angelegt ist, sich in Freiheit selbst zu bestimmen und zu entfalten. Zum Schutz der Selbstbestimmung über das eigene Leben steht dem Gesetzgeber in Bezug auf organisierte Suizidhilfe ein breites Spektrum an Möglichkeiten offen. Sie reichen von prozeduralen Sicherungsmechanismen, etwa gesetzlich festgeschriebener Aufklärungs- und Wartepflichten, über Erlaubnisvorbehalte, die die Zuverlässigkeit von Suizidhilfeangeboten sichern, bis zu Verboten besonders gefahrträchtiger Erscheinungsformen der Suizidhilfe. Diese können auch im Strafrecht verankert oder jedenfalls durch strafrechtliche Sanktionierung von Verstößen abgesichert werden. Das Recht auf Selbsttötung verbietet es aber, die Zulässigkeit einer Hilfe zur Selbsttötung materiellen Kriterien zu unterwerfen, sie etwa vom Vorliegen einer unheilbaren Krankheit abhängig zu machen. Dennoch können je nach Lebenssituation unterschiedliche Anforderungen an den Nachweis der Ernsthaftigkeit und Dauerhaftigkeit eines Selbsttötungswillens gestellt werden. Allerdings muss dem Recht des Einzelnen, aufgrund freier Entscheidung mit Unterstützung Dritter aus dem Leben zu scheiden, auch faktisch hinreichender Raum zur Entfaltung und Umsetzung belassen werden. Das erfordert nicht nur eine konsistente Ausgestaltung des Berufsrechts der Ärzte und der Apotheker, sondern möglicherweise auch Anpassungen des Betäubungsmittelrechts. Dies schließt nicht aus, die im Bereich des Arzneimittel- und des Betäubungsmittelrechts verankerten Elemente des Verbraucher- und des Missbrauchsschutzes aufrechtzuerhalten und in ein Schutzkonzept zur Suizidhilfe einzubinden.

 

All dies lässt unberührt, dass es eine Verpflichtung zur Suizidhilfe nicht geben darf.

 

 

(SRK)

 

http://www.freigeist-weimar.de/beitragsanzeige/der-spruch-des-bundesverfassungsgerichts-im-kurz-wortlaut/?fbclid=IwAR0EQQ3ZFbrk2SFw9dtixOm28a6P1vn5fV-jAUr4pOwkge52Q9DAEM-Mi18

 
27.02.2020

Von: (SRK)




Das Verbot passiver Sterbehilfe höchstrichterlich gekippt (Stellungnahme der DGHS)

dghsWEIMAR. (dghs/fgw) Das Bundesverfassungsgericht (BverfG) hat in seinem am 26. Februar 2020 veröffentlichten Beschluß den umstrittenen Sterbehilfe-Paragraphen 217 des Strafgesetzbuches für nichtig erklärt. Zum Karlsruher Urteil erklärt die Deutsche Gesellschaft für humanes Sterben e.V. (DGHS):

 

„Das ist ein großer Tag für die Schwerkranken in Deutschland, die schon lange auf ein solches Signal warten", freut sich Professor Dr. Dr. h. c. Dieter Birnbacher, der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Humanes Sterben.

 

Nach dem heutigen Urteil des Bundesverfassungsgerichts zum § 217 StGB, der seit dem Jahr 2015 die Hilfe zur Selbsttötung (mit wenigen Ausnahmen) verbot, stehen nun die Vorzeichen gut, dass den Patienten im Bedarfsfall bald wieder deutlich mehr Optionen offen stehen, heißt es weiter.

 

Die DGHS fühle sich in ihrer Rechtsauffassung bestätigt, dass die grundgesetzlich geschützte freie Entfaltung der Persönlichkeit auch ein Recht auf Wahlfreiheit am Lebensende einschließt. Der Schwerkranke müsse die Wahl haben, ob er die Angebote der Palliativmedizin in Anspruch nimmt oder sein Leben an der Hand, aber nicht durch die Hand eines fachkundigen Sterbehelfers selbstbestimmt beendet. Zudem sei das Strafrecht, so die DGHS, nicht das geeignete Instrument. Ein Wegfall der unmittelbaren Strafandrohung für Patienten, Ärzte und Pflegende sei vor allem eine Beruhigung für die vielen, die sich für ihr Lebensende den „Notausgang" einer assistierten Selbsttötung offenhalten wollen.

 

Die Tür für eine Regelung der Sterbehilfe in Deutschland stehe nun wieder weit offen. Für eine konstruktive Regelung der Sterbehilfe im Zivilrecht hat die DGHS erst kürzlich einen Gesetzentwurf vorgelegt. „Die vom Gericht angemahnten Bestimmungen zum Schutz der Patientenselbstbestimmung sollten zügig auf die politische Agenda", so Birnbacher.

 

Verhandelt wurden in Karlsruhe sechs in den Jahren 2015 und 2016 angestrengte Verfassungsbeschwerden von Betroffenen, Ärzten und zwei Organisationen (Aktenzeichen: 2 BvR 2347/15, 2 BvR 651/16, 2 BvR 1261/16, 2 BvR 1593/16, 2 BvR 2354/16, 2 BvR 2527/16).

 

Die Deutsche Gesellschaft für Humanes Sterben ist die bundesweit älteste und größte Patientenschutzorganisation in Deutschland. Sie versteht sich seit ihrer Gründung im Jahr 1980 als Bürgerrechtsorganisation zur Durchsetzung des Patientenwillens und des Selbstbestimmungsrechts des Einzelnen. Ziel ihrer Arbeit ist, dass die unantastbare Würde des Menschen auch im Sterben gewahrt bleibt.

 

(SRK)

 

http://www.freigeist-weimar.de/beitragsanzeige/das-verbot-passiver-sterbehilfe-hoechstrichterlich-gekippt/?fbclid=IwAR09NjRzmJLAWYDyedW-KiJD38B6VQDpeObpkzjCSQN5V–WLAlEriPLRms

 
27.02.2020

Von: (SRK)




Portugal auf dem Weg zur legalen Sterbehilfe

Sterbehilfe

Das portugiesische Parlament hat die Weichen für eine Legalisierung von Sterbehilfe gestellt. Proteste zu dem Vorhaben gibt es vor allem aus dem religiösen Lager. Staatspräsident Marcelo Rebelo de Sousa könnte das neue Gesetz noch blockieren – aber nicht verhindern.

Fünf Gesetzesentwürfe wurden im Parlament in erster Lesung von einer Mehrheit sowohl der sozialistischen als auch der konservativen Abgeordneten angenommen. Diese müssen nun zu einem Text zusammengefasst werden, bevor dieser noch einmal zur Abstimmung vorgelegt wird. Dies soll noch vor dem Sommer geschehen. Sollte auch der neue Entwurf in zweiter Lesung durchkommen, müsste das Gesetz allerdings noch vom Präsidenten Marcelo Rebelo de Sousa unterschrieben werden. Der bekennende Katholik könnte das angestrebte Gesetz dem Verfassungsgericht zur Prüfung vorlegen oder sein Veto einlegen, was jedoch durch das Parlament überstimmt werden könnte.

Während der entscheidenden Sitzung demonstrierten Hunderte von Gegnern des Vorhabens vor dem Parlament in Lissabon, viele vonn ihnen skandierten "Ja zum Leben, Nein zum Tod". Im Gegensatz zum Nachbarland Spanien, wo das Parlament in der vergangenen Woche mit deutlicher Mehrheit ebenfalls einen entsprechenden Entwurf auf den Weg brachte, ist die Meinung in Portugal sehr gespalten. Laut Umfragen sind in Spanien mehr als 80 Prozent für die Legalisierung der Sterbehilfe – in Portugal kommen die Befürworter jedoch nur auf knappe 50 Prozent. Ein Viertel der Portugiesen spricht sich klar gegen die Sterbehilfe aus. Rund 24 Prozent sind unentschieden.

Eine deutliche Mehrheit, fast 64 Prozent, befürwortet zudem ein Referendum über das Thema. Dafür sind 60.000 Unterschriften nötig, wofür mehrere konservative und christliche Organisationen schon über 40.000 gesammelt haben sollen. Vor allem die katholische Kirche des Landes wehrt sich gegen die geplante Regelung zur Legalisierung der Sterbehilfe. Allerdings würden auch die Katholiken ein Referendum akzeptieren. Es dürften nicht weniger als 200 Parlamentarier ihre Ansichten den Millionen von Portugiesen aufzwingen, erklärte der Erzbischof von Porto, Manuel Linda.

Selbst die portugiesische Ärztekammer spricht sich gegen das neue Gesetz aus. Der unabhängige "Nationale Ethikrat für Biowissenschaften" lehnte vier der vorgelegten fünf Entwürfe ab, weil sie "ethisch nicht akzeptabel" seien.

Die nun eingebrachten Vorschläge sehen vor, dass Sterbehilfe nicht bestraft werden darf, wenn der erwachsene Patient extrem und dauerhaft leidet und keine Hoffnung auf Heilung besteht. Der Patient muss den Antrag selbst stellen, und mehrere Ärzte und möglicherweise eine Fachkommission müssten jeden Fall genau prüfen.

Im Mai 2018 hatte das Parlament einen früheren Gesetzesentwurf zur Legalisierung von Sterbehilfe noch mit knapper Mehrheit durchfallen lassen. Aus den Parlamentswahlen im Oktober gingen die Sozialisten gestärkt hervor, sodass die fünf Entwürfe dieses Mal die parlamentarische Hürde nehmen konnten. Sollte das geplante Gesetz durchkommen, wäre Portugal das vierte Land in der EU, in dem Euthanasie legal ist. Die anderen drei EU-Länder sind die Niederlande, Belgien und Luxemburg.

 

Entnommen bei www.atheisten-info.at ( Erwin Peterseil).




Seele ohne Gott?

Mit permanenter Boshaftigkeit werden Atheisten vom katholischen Hetzblatt kath.net als „Gottesleugner“ bezeichnet. Nach allgemeinem Sprachverständnis kann man nur Tatsachen leugnen. Wenn jemand nachweislich ein Verbrechen begangen hat, es aber vor Gericht nicht zugeben möchte, kann man mit Fug und Recht sagen, dass er seine Tat leugnet. Pikanterweise finden sich besonders hartnäckige Leugner von Tatsachen vor allem in den Kreisen der Herren mit den lustigen Kleidern: die Holocaust-Leugner der Pius-Bruderschaft und in ihrem Gefolge noch schlimmere Web-Seiten wie kreuz.net, eines ihrer Sprachrohre.

Den Begriff „Gottesleugner“ kann es schon deshalb nicht geben, weil Gott keine Tatsache vergleichbar dem Holocaust ist. Wer eine Hypothese (hier also irgendeinen Gott) ablehnt, kann schlicht nicht als Leugner bezeichnet werden. Das wäre in etwa so, als wenn alle diejenigen, die die Kugelgestalt der Erde als Tatsache anerkennen, als „Platterdenleugner“ beschimpft würden. Doch vor Absurditäten hat die Kirche ja in ihrer Historie nie zurückgeschreckt.

Man könnte mit einem Schmunzeln darüber hinweg gehen, wenn nicht schon wieder handfeste Interessen diese Diffamierung befeuerten. Zu verteidigen gilt es die fest in christlicher Hand befindliche Militärseelsorge. Eine große Pfründe, die in Deutschland – angeblich ein säkularer und neutraler Staat – vollständig aus allgemeinen Steuermitteln finanziert wird. So leicht wird es den Kirchen in fast allen Bereichen gemacht. Statt sich die Bezahlung durch finanzierungswillige Schäfchen zu erarbeiten werden sie großzügig alimentiert.

Anlass für den erneuten süffisanten Diffamierungsversuch  an Freidenkern ist ein Vorstoß von Atheisten und Humanisten in der US-amerikanischen Armee, dem unerträglichen Druck der christlichen, jüdischen und Buddhistischen  Militärseelsorge ein atheistisches Pendant entgegen zu setzen. Welcher möglicherweise traumatisierte Soldat möchte in seinen Nöten schon gern mit süßlichen Geschichten vom lieben Jesulein berieselt werden, wenn es darum geht, ihm ganz praktische Lebenshilfe an die Hand zu geben? Es sei denn, er möchte dies unbedingt. Dann wird ihm kein Atheist widersprechen.

Man sollte sich den Artikel in voller Länge genießerisch antun. Auch die Kommentare sind ausgesprochen lesenswert und häufig ungewollt komisch.

 http://www.kath.net/detail.php?id=31201

  




Aktueller Forschungsbericht zum Lebensende in der Schweiz

LebensendeWEIMAR. (fgw) Die Schweiz gilt vielen Deutschen als Sehnsuchtsort, wenn es um selbstbestimmtes Sterben, um den ärztlich assistierten Suizid geht. Wie sieht es nun aber in der Schweiz mit Blick auf das Lebensende wirklich aus?

 

Dieser Frage ging ein umfassendes nationales wissenschaftliches Forschungsprojekt nach. Dessen Ergebnisse haben vier der beteiligten Wissenschaftler – ein theologischer Ethiker, ein Gesundheitsökonom, eine Soziologin, eine Juristin – im Buch „Das Lebensende in der Schweiz" zusammengefaßt. Es ist ihnen dabei gelungen, wissenschaftliche Sachverhalte und Statistiken in einem verständlichen Überblick darzulegen. Sie sehen das Sterben primär als eine immer drängender werdende gesellschaftliche Herausforderung an.

 

In neun Kapiteln werden Themen und Begriffe definiert. Da wird ferner auf Bedürfnisse Sterbender wie auf notwendige Entscheidungen am Lebensende eingegangen. Betrachtet werden nicht nur Rechtslage, Institutionen, Organisationen und Strukturen, sondern auch Kosten. Im Mittelpunkt steht bei alldem, was ein „gutes Sterben" sein könne. Primär geht es da zwar um die palliative Fürsorge, dennoch nimmt die Frage der Sterbehilfe ebenfalls breiten Raum ein. Für die Autoren wie für die Mehrheit der Schweizer ist die Sterbehilfe, konkret der ärztlich assistierte Suizid, kein Tabuthema. Die Studie hat aber auch ergeben, daß gerade mit letzterem sehr verantwortungsbewußt umgegangen wird. Entscheidungen für den Suizid werden nicht leichtfertig getroffen, sondern stellen nur eine Form eines würdevollen Umgangs mit dem eigenen Lebensende dar. Wie wichtig dabei auch Patientenverfügungen und Vorsorgevollmachten sind, das wird mehrfach betont.

 

Angesprochen wird ganz offen, daß gerade Institutionen immer noch von „christlichen Werten" ausgehen, obwohl für die Mehrzahl der Schweizer religiöse Dogmen kaum noch eine Bedeutung haben. Das Buch geht in diesem Zusammenhang auch auf die Herausbildung und Entwicklung der Sterbehilfeorganisationen ein.

 

Dazu heißt es, daß pro Jahr etwa 1000 Menschen den assistierten Suizid in Anspruch nehmen. Wie viele davon aus dem Ausland zum Sterben in der Schweiz anreisen würden, das wird nicht quantifiziert. Deren Herkunftsländer seien Schätzungen zufolge hauptsächlich Deutschland (knapp zur Hälfte), Großbritannieren (rund ein Fünftel) und Frankreich (etwa ein Zehntel).

 

Hervorzuheben ist, daß es beim „guten Sterben" nur um Individuelles geht, sondern ganz dezidiert um Gesamtgesellschaftliches. Die Autoren stellen hier eine ganz wichtige Frage: Will man politisch ein Gesundheitswesen, das der Daseinsvorsorge – also dem Humanismus – verpflichtet ist, oder aber ein Gesundheitswesen, das lediglich unternehmerischen Profitinteressen dient? Eine Frage, die auch in Deutschland im Raum steht. Wohin die Tendenz in beiden Ländern geht, das kann man angesichts immer weitergehender Privatisierung, einschließlich der Hospizbewegung, nur mit großer Sorge gehen.

 

Eine Anmerkung zum Schluß: Während es tatsächlich gelungen ist, wissenschaftliche Sachverhalte allgemeinverständlich zu formulieren, dann sind aber leider die Texte wegen ausuferndedem Genderwahn oft kaum lesbar.

 

 

Siegfried R. Krebs

http://www.freigeist-weimar.de/beitragsanzeige/aktueller-forschungsbericht-zum-lebensende-in-der-schweiz/?fbclid=IwAR0Ibo7wQLYI6z5STUP6P2LNqFf9euvFWrgOycjpO8lyO_gNQc22dalUC3g

 

Markus Zimmermann et al.: Das Lebensende in der Schweiz. Individuelle und gesellschaftliche Perspektiven. 230 S. Klappenbroschur. Schwabe-Verlag. Basel 2019. 42,00 Euro. ISBN 978-3-7965-3748-6

 




fowid über die Sterbehilfe in den Niederlanden 2008 – 2018

fowidWEIMAR. (fowid/fgw) In den Niederlanden ist die ärztliche Sterbehilfe erlaubt und per Gesetz geregelt. Die staatliche Sterbehilfekommission („Euthanasiecommissie“) erfasst alle assistierten Sterbefälle, prüft die Einhaltung der „Sorgfaltskriterien“ und legt die Daten in Jahresberichten der Öffentlichkeit vor. Von einem „Dammbruch“ kann keine Rede sein.

 

In den Niederlanden wurde nach langen Diskussionen das „Gesetz vom 12. April 2001 über die Kontrolle der Lebensbeendigung auf Verlangen und der Hilfe bei der Selbsttötung und zur Änderung des Strafgesetzbuchs und des Gesetzes über das Leichen- und Bestattungswesen (Gesetz über die Kontrolle der Lebensbeendigung auf Verlangen und der Hilfe bei der Selbsttötung)" verabschiedet und in Kraft gesetzt.

 

Diesem Gesetz vorangestellt schrieb damals Königin Beatrix – als Staatsoberhaupt:

 

„In der Erwägung, dass es wünschenswert ist, im Strafgesetzbuch einen Strafausschließungsgrund für den Arzt aufzunehmen, der unter Berücksichtigung der gesetzlich zu verankernden Sorgfaltskriterien Lebensbeendigung auf Verlangen vornimmt oder Hilfe bei der Selbsttötung leistet, und dazu gesetzliche Vorschriften für ein Melde- und Kontrollverfahren zu erlassen, haben Wir, nach Anhörung des Staatsrats und im Einvernehmen mit den Generalstaaten, beschlossen und verordnen wie folgt:[…]

 

 

 

Artikel 2

 

1. Nach den in Artikel 293 Absatz 2 Strafgesetzbuch genannten Sorgfaltskriterien muss der Arzt

 

a) zu der Überzeugung gelangt sein, dass der Patient seine Bitte freiwillig und nach reiflicher Überlegung geäußert hat,

 

b) zu der Überzeugung gelangt sein, dass keine Aussicht auf Besserung bestand und der Patient unerträglich litt,

 

c) den Patienten über dessen Situation und über die Prognose aufgeklärt haben,

 

d) mit dem Patienten zu der Überzeugung gelangt sein, dass es für dessen Situation keine andere annehmbare Lösung gab,

 

e) mindestens einen anderen, unabhängigen Arzt zu Rate gezogen haben, der den Patienten untersucht und schriftlich zur Einhaltung der unter a bis d genannten Sorgfaltskriterien Stellung genommen hat, und

 

f) die Lebensbeendigung oder Hilfe bei der Selbsttötung fachgerecht durchgeführt haben."

 

 

 

Kontrollkommissionen

In den fünf Regionen der Niederlande bestehen staatliche „Regionale Kontrollkommissionen für Sterbehilfe" (Euthanasiecommissie) denen alle assistierten Suizide zu melden sind und von den geprüft wird, ob die gesetzlich vorgeschriebenen Sorgfaltskriterien eingehalten worden sind. In den Jahresberichten der Kommissionen wird sehr sorgfältig über einzelne Freitodbegleitungen berichtet, bei denen die Kommissionen Diskussionsbedarf sieht. Auch die Sorgfaltskriterien müssen, angesichts einer stärkeren Ausdifferenzierung bei den Hilfesuchenden, weiter entwickelt werden.

 

In den Jahresberichten werden sowohl die Gesamtzahlen berichtet wie auch die Zahlen für die „meldenden Ärzte" sowie die Krankheitsarten und der Altersaufbau der Verstorbenen.

 

 

Gesamtzahlen

Sie haben sich in den dargestellten zehn Jahren etwas erhöht. Die Veränderungen in den Gesamtzahlen lassen jedoch keinen immer größer werdenden Zuwachs erkennen, sondern die Zuwachsraten sind – sowohl in den absoluten Zahlen wie in den Prozentzahlen – in den Jahren unterschiedlich hoch.

 

Nach Angaben der Kontrollkommissionen und von eurostat belief sich die Anzahl der Sterbefälle in den Niederlanden von 2008 bis 2018 auf insgesamt 1.154.253 Verstorbene, darunter 42.336 Menschen, die dafür Sterbehilfe in Anspruch nahmen. Das sind im Jahresmittel 3,7 Prozent aller Verstorbenen.

 

In den Arten der Sterbehilfe ist es gleichbleibend (mit mehr als 95 Prozent) eine ärztlich begleitete „Lebensbeendigung auf Verlangen"…

 

 

Mehr dazu auf der Webseite von fowid, der Forschungsgruppe Weltanschauungen in Deutschland.

 

 

(CF)

Aus http://www.freigeist-weimar.de/beitragsanzeige/fowid-ueber-sterbehilfe-in-den-niederlanden-2008-2018/

 
21.01.2020

Von: (CF)
 




Saudi Zentrum schließen!

amer-albayati-mit-bc3bccher-foto-klein-1Das Saudi Zentrum in Wien kann das Köpfen von Menschen oder Auftragsmorde nicht stoppen

Presseaussendung von Amer Albayati vom 20.1.2020

Das Saudi Zentrum in Wien kann keinen Dialog führen, allgemeine Menschenrechte vor allem Frauenrechte nicht garantieren

Das Saudi Zentrum in Wien kann Raif Badawi und alle Gewissensgefangenen nicht freilassen

Das sogenannte "König-Abdullah-Zentrum für interreligiösen und interkulturellen Dialog" (KAICIID) in Wien ist eine für Österreich und Europa rufschädigende Einrichtung geworden und muss ohne Wenn und Aber geschlossen werden.

Wir waren als Erste gegen Saudi Zentrum in Wien und haben von Anfang an dagegen protestiert und demonstriert, weil dieses Mörderregime überhaupt keinen Platz in Wien und Europa haben darf. Es sollte deshalb sofort geschlossen werden.

Die Saudis kennen keine Meinungsfreiheit und keinen gleichberechtigten Dialog mit anderen Religionen. Raif Badawi sitzt seit über 7 Jahren im Gefängnis, weil er in seinem Blog geschrieben hatte Muslime, Christen, Juden und Atheisten seien gleichwertig. Wir fordern die Freilassung von Raif Badawi, damit er endlich mit seiner tapferen Frau Ensaf Haider und den gemeinsamen Kindern in Kanada vereint sein kann.

Das Saudi Zentrum in Wien dient als Imagepolitur, denn in Saudi-Arabien existiert keine Meinungsfreiheit, Dialogtreffen wie in Wien sind dort verboten.

Wer das Saudi Zentrum in Wien unterstützt, macht sich mitverantwortlich für ein konservativ- totalitäres Mörderregime. Das Saudi Zentrum in Wien muss sofort geschlossen werden, um Österreichs Ruf endlich zu retten.

Mehr Infos:

ILMÖ fordert von König Abdullah-Zentrum eine klare Distanzierung von der Person Ibrahim El-Zayat, 9.12.2015
https://www.ots.at/presseaussendung/OTS_20151209_OTS0189

König Abdullah Zentrum als Einfallstor für radikale Islamisten? 1.12.2015
https://www.ots.at/presseaussendung/OTS_20151201_OTS0012

Die ILMÖ schlägt den liberalen Muslim Raif Badawi für den Friedensnobelpreis, 29.1.2015
https://www.ots.at/presseaussendung/OTS_20150129_OTS0240

Saudi Arabien muss erst seine Hausaufgaben machen, dann kann es den Dialog im Ausland wagen, 18.11.2013
https://www.ots.at/presseaussendung/OTS_20131118_OTS0008

Protest gegen Saudi-Zentrum, Liberale Muslime enthaupten Strohpuppe am Albertinaplatz
https://www.derstandard.at/story/1318461140807/protest-gegen-saudi-zentrum-liberale-muslime-enthaupten-strohpuppe-am-albertinaplatz
Aktion gegen das König Abdullah Dialogzentrum, Ansichtssache, 13.10.2011
https://www.derstandard.at/story/1318461140807

Dr. Amer Albayati, Experte für Islam und Terrorabwehr,
Präsident der Initiative Liberaler Muslime Österreich – ILMÖ