Die seelisch Verletzten — Eine Geschichte in zwei Teilen

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For the English version of this post, please refer to
The mentally injured – A story in two parts
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Über Hilflosigkeit, über Frust und Verzweiflung

Wird Kritik an patriarchalen Strukturen oder Verhaltensweisen, an Diskriminierung (vulgo «Rassismus»), oder an Despotismus geübt, ist es manchmal nicht unwichtig, wie diese Kritik formuliert wird, und insbesondere, wer sie ausspricht.

DER GESCHICHTE EINER TEIL

In einer Rede, die die Norwegerin Deeyah Khan, Tochter eines Pakistani und einer Afghanin, im Jahr 2016 im Rahmen der Veranstaltungsreihe TEDx Talks hielt (siehe auch die TED-Website), erzählt sie zunächst aus ihrer Kindheit und Jugend in Norwegen in einer muslimischen, nicht besonders religiösen Familie. Es sind Erlebnisse und Erfahrungen, die nicht auf ein bestimmtes Land oder auf einen bestimmten Kulturkreis beschränkt sind, Erlebnisse und Erfahrungen, die es in ähnlicher Weise überall gibt.

Wie sie von ihrem Vater gedrängt, nein rabiat gezwungen wurde, ein Musikinstrument und Gesang zu erlernen, Musik zu machen und damit öffentlich aufzutreten;

… von einem „weißen“ Norweger nur wegen ihrer südasiatischen Abstammung (als ob sie sich damit etwas hätte zuschulden kommen lassen) bespuckt und beschimpft wurde;

… von Menschen aus „ihrem“ islamisch geprägten Kulturkreis — sie spricht von «brown people» — wegen ihrer öffentlichen Auftritte in einer Musikgruppe angefeindet, angegriffen und mit Morddrohungen konfrontiert wurde.

Wie sie deswegen aus „ihrem“ islamisch geprägten Umfeld keinerlei Anteilnahme oder Hilfe erfuhr;

… während ihrer späteren Arbeit in Hilfsorganisationen erkannte, dass ihre persönlichen Erlebnisse in „ihrem“ islamisch geprägten Umfeld, in dem die „Ehre“ und der Ruf der Familie oder der Gruppe bestimmende Größen für das Zusammenleben sind, keine Ausnahme, sondern die Regel darstellen;

… während dieser Arbeit desorientierten jungen Menschen — insbesondere jungen Männern — begegnete, die in dem Spannungsfeld von autoritärer, auf Einschüchterung setzender Erziehung einerseits und Diskriminierungserfahrungen andererseits keine eigene Persönlichkeit aufgebaut hatten, und die persönliche Gewalterfahrungen an andere weitergaben.

Sie erzählt von jungen Menschen, die auf dem Weg zum Erwachsenwerden nach Vorbildern, nach Orientierung, nach Gruppenzugehörigkeit und Halt suchen und wie ihnen dies von «braunen Männern mit Bärten», von «zynischen alten Männern, die Blut für ihren eigenen Profit verwenden wollen», wie Deeyah Khan sie nennt, nur scheinbar gegeben wird (vergl. die Sekten-Checkliste).

Deeyah Khan zeigt auf, wie nicht Selbstausgrenzung in Parallelgesellschaften, nicht Hass, nicht die ständige Opferrolle, sondern Akzeptanz der Werte des freiheitlichen demokratischen Rechtsstaats und des individuellen Selbstbestimmungsrechts aus der Spirale der Gewalt herausführt.

An muslimische Eltern richtet Deeyah Khan die Frage:
«Können Sie sich für sie (für Ihre Kinder) anstatt für Ihre Ehre entscheiden?»

Sie zitiert passend dazu ein afrikanisches Sprichwort:

Wenn die Jungen nicht in die Dorfgemeinschaft eingeführt (aufgenommen) werden, werden sie das Dorf niederbrennen, nur um seine Wärme zu spüren.


Den vollständigen Text der Rede von Deeyah Khan gibt es als PDF (48 Seiten) synoptisch English-Deutsch,
und einen Cover für die Printausgabe.

* * *

DER GESCHICHTE ANDERER TEIL

Image Problem (mit Erlaubnis durch Cox & Forkum)

  • Das Recht auf freie Meinungsäußerung fügt niemandem einen Schaden zu.
  • Eine Karikatur zu zeichnen oder zu veröffentlichen fügt niemandem einen Schaden zu.
  • Jemandem den Kopf abzuschneiden fügt demjenigen einen Schaden zu,
    dem der Kopf abgeschnitten wird.

~ ~ ~

Am 16. Oktober 2020 wurde der Lehrer Samuel Paty in dem Ort Conflans-Sainte-Honorine nahe Paris in Frankreich ermordet. Paty hatte in einer Unterrichtsstunde die Meinungsfreiheit bzw. das Recht auf freie Meinungsäußerung thematisiert, ein Rechtsgut, das in Frankreich wie auch in vielen anderen Ländern zu den verfassungsmäßig garantierten Grundrechten gehört.
Im Rahmen der Unterrichtsstunde hatte er u.a. eine Karikatur aus der französischen Satirezeitschrift Charlie Hebdo verwendet und den Schülern — nach einem Hinweis, dass sie den Klassenraum ggf. vorher verlassen dürften, falls sie die Karikatur nicht sehen wollten — gezeigt. In der Karikatur war gemäß Bildbeschreibung der Erfinder und Prophet des Islams, Mohammed, abgebildet.
In der Wikipedia sowie in anderen öffentlichen Medien wurden die Tat, deren Vorgeschichte sowie der Tathergang und internationale Reaktionen auf die Tat breit thematisiert (siehe den Beitrag «Anschlag in Conflans-Sainte-Honorine» in der Wikipedia).

~ ~ ~

Zunächst ein paar kurze Anmerkungen zu den drei Punkten oben am Beginn des zweiten Teils dieses Beitrags.

  • Das Recht auf freie Meinungsäußerung fügt niemandem einen Schaden zu:

Das Recht auf freie Meinungsäußerung, welches ein allen Menschen in diesem Land gewährleistetes Grundrecht ist, unterscheide ich von einer einzelnen Meinungsäußerung — also einer Handlung einer Person –, die jemandem selbstverständlich dann einen Schaden zufügen kann, wenn in der Meinungsäußerung z.B. eine Diffamierung (Verunglimpfung) oder eine Verleumdung enthalten ist. In solchen Fällen ist die Meinungsäußerung eine Straftat — siehe die §§ 185 bis 189 StGB (in Deutschland). Die bloße Grundrechtsgarantie verursacht jedoch keinen Schaden, verpflichtet oder zwingt niemanden, seine Meinung zu äußern, hält aber auch niemanden davon ab.

  • Eine Karikatur zu zeichnen oder zu veröffentlichen fügt niemandem einen Schaden zu:

Beim Zeichnen einer Karikatur wird eine Idee eines Zeichners grafisch umgesetzt, es wird der Strich eines Zeichenwerkzeugs auf ein Blatt Papier aufgetragen; ein Schaden entsteht dadurch niemandem (es sei denn, man wollte einen Schaden darin erkennen, dass sich der Zeichner der Karikaturen bezeiten ein neues Zeichenwerkzeug kaufen muss).
Wird die Karikatur veröffentlicht, mag sich eine lebende Person, die in der Karikatur dargestellt ist, trotz verzerrter Physiognomie darin wiedererkennen. Einigen Karikaturisten gelingt es, Charaktereigenschaften, die einer Person zugeschrieben oder angedichtet werden, zeichnerisch umzusetzen. Dies ist besonders beispielhaft in Karikaturen bekannter Personen des öffentlichen Lebens wie z.B. solchen des 45sten Präsidenten der USA, Donald Trump, zu sehen.
Derlei Darstellungen mögen den karikierten Personen gefallen oder auch nicht; sollten sie der Meinung sein, dass ihnen durch die Veröffentlichung solcher Darstellungen ein tatsächlicher Schaden entstanden ist, steht ihnen der Rechtsweg offen. Ebenso, wenn sie sich durch die verzerrte Darstellung beleidigt oder sonstwie in ihren Rechten verletzt fühlen sollten.

Screenshot: Karikaturen Donald J. Trump (eigenes Werk)

  • Jemandem den Kopf abzuschneiden fügt demjenigen einen Schaden zu, dem der Kopf abgeschnitten wird:

Das Zufügen einer Körperverletzung mit Todesfolge, Totschlag sowie Mord wird m.W. in allen Ländern der Erde als Straftat respektive als Verbrechen geahndet. Das Opfer einer solchen Tat ist nach Tatbegehung tot, die Tat wird als Offizialdelikt strafrechtlich verfolgt.

~ ~ ~

Nach der Ermordung des Lehrers Samuel Paty (siehe oben) kam es in einigen Ländern zu Demonstrationen, in den (sozialen) Medien wurde Protest laut. Die Demonstrationen richteten sich in wenigen Fällen gegen die Ermordung des Lehrers, in vielen anderen Fällen jedoch dagegen, dass er während einer Unterrichtsstunde das Recht auf freie Meinungsäußerung thematisiert und als anschauliches Beispiel dazu eine Karikatur gezeigt hatte.

Bildliche Darstellungen des Islam-Erfinders und Propheten Mohammed führen, insbesondere dann, wenn es sich bei den Darstellungen um Karikaturen handelt — und anders als bei vergleichbaren Darstellungen anderer Personen — regelmäßig dazu, dass auf eine (weltweite !) Einschränkung des Rechts auf freie Meinungsäußerung gedrängt wird. Oft reicht es, dass jemand nur vom Hörensagen — oder gar gerüchteweise — Kenntnis von derlei Darstellungen bzw. Karikaturen erlangt hat statt die Bilder selber gesehen zu haben. Der Grund, warum der Islam-Erfinder und -Prophet Mohammed karikiert oder warum eine Karikatur von ihm gezeigt wird, spielt dabei keine Rolle, Zusammenhänge scheinen belanglos oder werden nicht reflektiert.

In einem Leserkommentar, der zu einem Facebook-Eintrag veröffentlicht wurde (siehe den anonymisierten Screenshot unten) dessen Aussagen man, bei ähnlicher Wortwahl, sehr häufig begegnen kann, kommt zum Ausdruck, welches die Beweggründe für so manche Äußerung sein mögen:

[…] Unser Prophet Mohamed sws war KEIN Islamist oder Terrorist. Die Karikaturen beleidigen unseren Propheten, der sehr wichtig für uns Muslime ist. Für nicht-gläubige Menschen ist das schwer nachvollziehbar, das versteh ich weil ich selbst mal zu diesen Personen gehört habe. Aber gläubige Christen oder Juden können das eher nachvollziehen. Die Liebe zu unserem Propheten ist daher sehr gross und schwer zu beschreiben. […]

Screenshot eines Facebook-Kommentars (eigenes Werk; Click für vergrößerte Ansicht)

Wie man jemanden noch beleidigen kann, der seit bald 1400 Jahren tot ist, erschließt sich mir nicht, denn der angeblich Beleidigte hat keine Möglichkeit, sich beleidigt zu fühlen oder auf die Beleidigung mit juristischem Vorgehen zu reagieren. In Deutschland ist der Straftatbestand der Beleidigung ein Antragsdelikt.

Die Worte «Die Liebe zu unserem Propheten ist daher sehr gross und schwer zu beschreiben.» in obigem Kommentar drücken m.E. eine Idealisierung und Verklärung, aber auch eine Identifizierung mit dem Islam-Erfinder und -Propheten Mohammed aus. Und sie lassen eine Hilflosigkeit erkennen, zumindest eine Hilflosigkeit in der Argumentation.

Die Idealisierung und Verklärung kann bis in den Bereich der Verkitschung gehen, wie sie auch in einigen anderen Fällen zu beobachten ist, in denen Wunschvorstellungen die allgemein wahrnehmbare Wirklichkeit überlagern oder verzerren. Jede Kritik wird dann mglw. als persönlicher Angriff gedeutet.

In der Identifizierung mit einer anderen Person kommt zum Ausdruck, dass die Entwicklung einer eigenständigen Persönlichkeit (schwer) beschädigt wurde, wie es Deeyah Khan in dem oben, im ersten Teil dieses Beitrags besprochenen Video, darlegt. Gruppendruck, der die Entfaltung der eigenen Persönlichkeit behindert oder gar unterbindet, tut ein Übriges.
Der Protest gegen sog. Mohammed-Karikaturen ist dann lediglich eine Ersatzhandlung. Eigentliches Ziel des Protests ist der Despotismus, sind die — nicht nur dem Islam innewohnenden — patriarchalen Herrschafts-, Gesellschafts- und Machtstrukturen — ein Protest, wie er sich z.B. auch während des Arabischen Frühlings in mehreren islamischen Ländern entladen hat.

ZUM SCHLUSS

Der Islam — oder andere den Freiheitswillen der Menschen einschränkende oder unterdrückende Religionen und sonstige Ideologien –, oder rechtsreaktionäre, faschistoide Akteure wie z.B. Salafisten und andere sehr konservative Vertreter, Befürworter und Verteidiger oder auch Sympathisanten und Solidarische des Despotismus und der Einschüchterungen sowie Rechtsextremisten, die häufig die Gelegenheit nutzen, Respekt für den Islam und dessen Erfinder einzufordern, die umgkehrt jedoch nicht immer bereit sind, Respekt für die Werte des freiheitlichen demokratischen Rechtsstaat sowie für die Allgemeinen Menschenrechte in gleichem Maße zu erbringen geschweigedenn den Vorrang auch nur der Grundrechte über allen religiösen Vorschriften und Geboten anzuerkennen, jener Grundrechte, die wegen des Gleichheitsgrundsatzes vor dem Gesetz (in Deutschland Artikel 3 Satz 1 GG) für alle Menschen gleichermaßen gelten, sind in diesem Gefüge nicht die Lösung, sondern das Problem, das es mit den Mitteln und Möglichkeiten des freiheitlichen demokratischen Rechtsstaats wie z.B. dem Recht auf freie Meinungsäußerung zu überwinden gilt.

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Eckhardt Kiwitt
Pfalzgrafstr. 5
D-85356 FREISING
QS72@gmx.net




Afrikanisches Sprichwort

Ohne-Beitragsbild_3zEine Rede von Deeyah Khan

Ohne Kommentierung

Zitat aus der Rede:

If the young are not initiated into the village, they will burn it down just to feel its warmth.
(African Proverb)

„Wenn die Jungen nicht in die Dorfgemeinschaft eingeführt werden, werden sie das Dorf niederbrennen, nur um seine Wärme zu spüren“.
(Afrikanisches Sprichwort)

Den vollständigen Text der auf Englisch gehaltenen Rede will ich auf Anfrage gern übersetzen.


Eckhardt Kiwitt
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Argumentationsmuster

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Mit anderen Menschen kontrovers diskutieren,
ohne sich wechselseitig zu beschimpfen, zu beleidigen oder zu diffamieren

Am 5. und 6. September 2020 führte ich via FB einen Meinungsaustausch, den ich hier anonymisiert, ansonsten jedoch unverändert und ungekürzt wiedergebe.

A.H.O. hatte, mglw. in Anlehnung an einen Buchtitel, in einem Beitrag die Frage aufgeworfen «Wem gehört der Islam?»

Ein Diskussionsteilnehmer, dessen Namen ich hier mit M.B. wiedergebe, meinte:

Der Islam gehört den Gottergebenen. Der Prophet sprach: „Nun habe ich euch eure Religion vervollkommnend.“

Eine Diskussionsteilnehmerin, hier E.T. genannt, erwiderte:

Würde ich bestätigen ..
Doch frei nach Goethe : „Wenn Islam Gottergebenheit heißt, dann leben und sterben wir alle im Islam.“
So sind es die abramitschen Religionen, die wie drei Geschwister sind , die stetig darum streiten , wer der bessere von ihnen ist .

Eckhardt Kiwitt:

Aah, Goethe — hat dankenswerterweise auch Voltaire’s «Mahomet» ins Deutsche übersetzt.
Ein denkwürdiger Satz daraus:
„Dem Staate bringt die Furchtsamkeit Verderben“.

A.H.O. an die Adresse von M.B.:

das ist eine koranische Stelle.

M.B.:

Eben, die Antwort liefert der Koran selbst.

Daraus entspann sich ein längerer, kontrovers geführter Meinungsaustausch mit M.B.

Eckhardt Kiwitt:

Und, wie lautet die Antwort, oder an welcher Textstelle im Koran kann man sie nachlesen ?

M.B.:

Sure 5 Vers 3
„Heute habe ich euch eure Religion vollständig gemacht und meine Gnade an euch vollendet und habe daran Gefallen, dass der Islam eure Religion ist.“

Eckhardt Kiwitt:

Einen Satz vorher heißt es in diesem Vers:
„Heute haben die Ungläubigen vor eurem Glauben resigniert; …“
Da werden also Leute, die nicht an das islamische „Gott“ glauben, als „Ungläubige“ diffamiert und beleidigt.
Freundlich ist das nicht, und überzeugen kann es allemal nicht !

M.B.:

Die Kafiroun, also die Mekkaner sind gemeint, die den Islam verleugnet haben und feindlich gesinnt waren. Um ein Kafir zu sein müssen zwei Komponenten erfüllt sein. Verleugnung und Bekämpfung. Die Mekkaner haben alles versucht um den Islam zu vernichten. Die Verkündung des Propheten ist zugleich die Verkündung des Siegs.

Eckhardt Kiwitt:

Nun gut, ich bin zwar kein Mekkaner, aber den Islam, dieses aus meiner Sicht patriarchalisch-rechtsreaktionäre Gesellschaftsystem, in dem es nichtmal Religionsfreiheit gibt und nicht die Freiheit, den Islam-Erfinder zu kritisieren, lehne ich ebenfalls ab und bevorzuge stattdessen den Grundrechtekatalog unserer Verfassung, des GG, sowie die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte und die Werte der Europäischen Aufklärung.
„Daß der bei weitem größte Teil der Menschen […] den Schritt zur Mündigkeit, außer dem daß er beschwerlich ist, auch für sehr gefährlich halte, dafür sorgen schon jene Vormünder, die die Oberaufsicht über sie gütigst auf sich genommen haben.“
(Kant — Aufklärung)

M.B.:

?

Eckhardt Kiwitt:

Was ist Deine Frage, die Du mit dem „?“ zum Ausdruck bringen willst ?

M.B.:

Es war eine patriarchale Gesellschaft, lange vor dem Islam. Der Koran hat dagegen gewirkt. Wobei man schlecht die Gesetze des siebten Jhd. auf heute übertragen kann.

Eckhardt Kiwitt:

Wenn man die Gesetze des 7. Jhdts. nicht auf heute übertragen kann, dann sollte man all die religiösen Gebote und Vorschriften des Korans „ad acta“ legen und stattdessen die Gesetze des freiheitlichen demokratischen Rechtsstaats als die besseren Gesetze akzeptieren.

Eckhardt Kiwitt:

Wenn „Koran hat dagegen gewirkt“ (gegen die patriarchale Gesellschaft, die es, wie Du schreibst, lange vor dem Islam gegeben hat), wie ist es dann möglich, dass heutzutage alle Gesellschaften, in denen islamische Gesetze gelten bzw. in denen Islam die Staatsreligion ist, patriarchalisch-rechtsreaktionäre Systeme sind ?

M.B.:

Das beruht vielmehr auf Traditionen als auf den Koran.

Eckhardt Kiwitt:

Soso, Tradition ?
Was ist aber mit jenen Textstellen im Koran, in denen das patriarchalisch-rechtsreaktionäre Familien- und Gesellschaftsbild zementiert ist:
— Sure 2 Vers 282: Frauen, deren Aussagen bei Gericht nur die Hälfte der Aussagen von Männern wert sind;
— Sure 4 Vers 11: Frauen, denen laut Koran nur das halbe Erbteil eines männlichen Nachkommen zusteht;
— Sure 4 Vers 3: „… heiratet, was euch an Frauen gut ansteht, zwei, drei oder vier;“
— Sure 4 Vers 34: „Darum sind tugendhafte Frauen die Gehorsamen und diejenigen, die (ihrer Gatten) Geheimnisse mit Allahs Hilfe wahren. Und jene, deren Widerspenstigkeit ihr befürchtet: ermahnt sie, meidet sie im Ehebett und schlagt sie ! Wenn sie euch dann gehorchen, …“

M.B.:

Oh je, wieder diese Leier. Sorry, hab gerade nicht die Muße dazu.

Eckhardt Kiwitt:

Seltsam. Du hattest doch behauptet, dass es auf Traditionen beruht und nicht auf dem Koran. Und jetzt, da ich Dir ein paar Textstellen aufgezeigt habe, die das Gegenteil darlegen können, magst Du nicht mehr. Seltsam.

M.B.:

Darüber könntest du dich selbst schlau machen. Schonmal den Koran gelesen, geschweige denn verstanden?

Eckhardt Kiwitt:

Gelesen, ja.
Hat auf mich den Eindruck eines teils aus Versatzstücken zusammenphantasierten Werkes gemacht, oder, wie es der im Auftrag des Islam-Erfinders ermordete Ibn al-Harith genannt hat, ein «Abklatsch alter Mythen».
(siehe Mohammed in Bildern, # 26.)

Eckhardt Kiwitt:

By the way, falls Du den Koran verstanden hast, erkläre ihn mir gern. Ich bin für alles sehr empfänglich. Danke !

M.B.:

Niemand kann Dir den Koran erklären außer Gott.

M.B.:

‚Uns obliegt die Lesung und Erklärung des Buches‘ (Koran)

M.B.:

‚also übereile Deine Zunge nicht bei der Lesung‘

Eckhardt Kiwitt:

Aber Du hattest gefragt, ob ich den Koran verstanden hätte. Folglich gehe ich davon aus, dass DU ihn verstanden hast.
Wenn man etwas verstanden hat, dann sollte man auch in der Lage sein, es anderen zu erklären.

M.B.:

Beim Koran ist es umgekehrt. Er ist so vielfältig wie seine Leserschaft.

Eckhardt Kiwitt:

Wenn, wie Du schreibst, der Koran so vielfältig ist wie seine Leserschaft, darf ich dann daraus schließen, dass weder Du noch irgend jemand sonst den Koran verstanden hat — und dass Muslime folglich gar nicht wissen, was sie glauben ?

Eckhardt Kiwitt:

Es heißt doch in Sure 3 Vers 7 „Darin sind eindeutig klare Verse – sie sind die Grundlage des Buches …“.
Und die kann man nicht verstehen, nicht erklären ?
Seltsam !

M.B.:

Und darin steht auch dass es mehrdeutige und eindeutige Verse gibt. Und dass Gott darüber entscheidet, wer Seine Worte versteht.

Eckhardt Kiwitt:

Wenn das islamische „Gott“ darüber entscheidet, wer den Koran versteht und wer nicht, ohne dass die Entscheidungskriterien erläutert würden, dann scheint mir das alles sehr willkürlich zu sein.

Eckhardt Kiwitt:

Übrigens, weiter oben hattest Du in einer Antwort an A.H.O. geschrieben:
„Eben, die Antwort liefert der Koran selbst.“
Wenn der Koran die Antworten auf sich selbst bzw. auf seine eigenen Thesen liefert, nennt man das einen Zirkelschluss.
Zirkelschlüsse gehören zum UNlogischsten, das es gibt.
(siehe den Beitrag Zirkelschluss.)

M.B.:

Nein, das bedeutet das der Koran selbstreferenziell ist.

Eckhardt Kiwitt:

Genau das, das Selbstreferenzielle, führt zu Zirkelschlüssen.

M.B.:

Diese Ambiguitäten sind es gerade, was im Übrigen auch auf die Bibel zutrifft, machen diese Bücher zeitlos. Weil man nie mit ihnen fertig wird.

Eckhardt Kiwitt:

Ach ja, die Ambiguitäten — die geben einem einen guten Interpretations- und Ermessenspielraum. Das ist sehr praktisch.

M.B.:

Jede Offenbarung hatte einen kontextuellen historischen Hintergrund.

Eckhardt Kiwitt:

… der aber im Laufe der Zeit seinen Bezug verliert.

Eckhardt Kiwitt:

Die sogenannten Offenbarungen wurden als identitätsstiftende Texte von Menschen für Menschen verfasst, teils wohl gar zusammenfabuliert.
Das ist wie bei den sog. Schöpfungsgeschichten.
Ein Beispiel ist der Schöpfungsmythos der Maori aus Neuseeland, in dem man manche bekannte Bilder wiederfinden kann …
(siehe Rangi und Papa, Wikipedia)

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Von M.B. gab es darauf keine weitere Antwort oder sonstige Reaktion.

H.Z. merkte kurz vor Ende dieses Threads, an die Adresse von M.B. gerichtet und auf eine Art, die mir widerstrebt und die ich für unangemessen und destruktiv halte, an:

Welche Bibelkenntnise haben Sie denn, um himmelswillen?? Was Sie über den Koran da erzählen zeigt doch ganz deutlich, dass Sie nicht imstande sind spätantike religöse Dokumente sinnerfassend zu lesen. Muslime sind ja in den allermeisten Fällen überhaupt nicht imstande ihre eigenen Glaubensurkunde zu lesen, sind im Kopf dabei gar nicht beunruhigt über dieses Unvermögen und Desinteresse, aber immer sehr erstaunt, wenn man sie mit ihren Texten konfrontiert und gehen verärgert oder beschämt auf Tauchstation oder werden unverschämt aggressiv. Solange Muslime verhängnisvoller Weise nicht kapieren, dass sie ihren Koran selbst geschrieben haben, wird mit ihnen nicht vernünftig zu reden sein. Sie erklären ihn auch noch für unerschaffen und ewig wie die arabische Gottheit selbst. Wenn das nicht materialistischer schirk ist, was ist es dann?

E.T. ergänzte, ebenfalls an M.B. gerichtet, noch:

Reine Politik der Herrschenden…
Sie sagen , dass sie Gläubige sind, doch die sind Heuchler um das Volk/ Völker zu unterdrücken.

G.R. schloss diesen Teil der Diskussion ab mit den Worten:

M.B., stimmt! Man kann oder sollte zumindest die Gesetze und die Wertvorstellungen des 7. Jahrhunderts nicht auf heute übertragen!
Wie können dann Koran und Hadithe bis heute rechtleitend sein?

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Beitragsbild:
WahineTane (wikimedia.org, Ausschnitt)
Author: Kahuroa


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Rechtsradikale Türkeistämmige

SchweigefuchsAussendung von Hartmut Krauss vom 10.9.2020:

Wie die Grauen Wölfe in NRW Parteien unterwandern

Wie scheinheilig der (parteien-)staatliche "Kampf gegen den Rechtsextremismus" ist, der sich nur auf die (kleinere) Teilmenge des einheimischen Sektors bezieht, aber den zugewanderten Rechtsextremismus islamisch-orientalischer Prägung unterbelichtet lässt (Unsitte der Doppelstandards), zeigt das SWR-Video unten:

Rechtsradikale Türkeistämmige: Wie die Grauen Wölfe in NRW Parteien unterwandern. Am Sonntag werden in Nordrhein-Westfalen Kommunal- und Integrationsräte gewählt. Welche Rolle spielen dabei die rechtsextremen Grauen Wölfe?

Der aussagekräftige Schwur der "Föderation der Demokratischen Türkischen Idealistenvereine in Europa", der die Synthese von Nationalismus, neo-osmanischem Imperialismus und Islam dokumentiert, lautet nach einer Arbeitsübersetzung des baden-württembergischen Landesamtes für Verfassungsschutz folgendermaßen:
"Bei Allah, dem Koran, dem Vaterland, der Fahne wird geschworen: Meine Märtyrer, meine Frontkämpfer sollen sicher sein: Wir, die idealistische türkische Jugend, werden unseren Kampf gegen Kommunismus, Kapitalismus, Faschismus und jegliche Art von Imperialismus fortführen. Unser Kampf geht bis zum letzten Mann, bis zum letzten Atemzug, bis zum letzten Tropfen Blut. Unser Kampf geht weiter, bis die nationalistische Türkei, bis Turan*) erreicht ist. Wir, die idealistische türkische Jugend, werden nicht zurückschrecken, nicht wanken, sondern wir werden (unsere Ziele) erreichen, erreichen, erreichen. Möge Allah die Türken schützen und erhöhen. Amen."
*) Im Streben nach "Turan", der zentralasiatischen Urheimat der Türken, konkretisieren sich die pantürkischen Ziele der "Idealisten", die sämtliche türkischstämmigen Völker Asiens in einem großtürkischen Reich vereinigt sehen möchten…

Siehe SWR-Report – Teil 1  und Teil 2




Machtspiele

Jakubov-MuehlePolitischer Islam — Ein Beispiel

Wer sein religiöses Bekenntnis bzw. seine Religionszugehörigkeit ständig und überall symbolisch zur Schau stellt, grenzt sich selbst aus, diskriminiert sich selbst, wird dann aber mglw. behaupten, von anderen diskriminiert zu werden.

Das Ziel dieses Verhaltens ist es, für sich eine Opferrolle beanspruchen zu können.

Eine Opferrolle verleiht Macht, gibt einem die Möglichkeit, von anderen Anteilnahme oder Mitleid wenigstens erwarten zu dürfen.

Religiöse Vorschriften und Gebote darf jeder für sich persönlich — und nur für sich persönlich — befolgen.

Religiöse Vorschriften und Gebote dürfen in einem freiheitlichen demokratischen Rechtsstaat jedoch nicht über staatlichem Gesetz stehen, zumal sie nicht in demokratisch-rechtsstaatlichen Verfahren zustandegekommen und erlassen worden sind.

Das Zurschaustellen religiöser oder sonstiger weltanschaulicher Symbole z.B. durch Pädagogen während des Schulunterrichts stellt das persönliche religiöse / weltanschauliche Bekenntnis der Pädagogen über das Neutralitätsgebot des Staates, hebt also religiöse Gebote und Vorschriften über staatliches Gesetz.

Das halte ich für gesetzeswidrig / verfassungswidrig. Der Staat hat keine Religion und keine Staatsweltanschauung.

~ ~ ~

Hintergrund meines Statements ist ein Urteil des Bundesarbeitsgerichts vom 27. August 2020, Aktenzeichen 8 AZR 62/19, Pressemitteilung Nr. 28/20.

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Beitragsbild:
Mühle Jakubov bei Karlovy Vary.
Urheber: cs:ŠJů
Source: Wikipedia, Datei:Vodn%C3%AD_kolo.jpg


PDF des Beitrags
incl. der Pressemitteilung
(5 Seiten, Format A5)

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Alle von mir für diese Website verfassten und auf dieser Website veröffentlichten Texte dürfen — möglichst mit Quellenangabe — von jedermann in beliebigem Umfang verwendet und zitiert werden.




Religions- und Weltanschauungsfreiheit

Religious-symbols_grid_96dpiAn welches «Gott» auch immer du glaubst;

Was auch immer deine Religion oder deine Weltanschauung ist:

Zwinge oder nötige deswegen niemanden zu etwas;

Stelle aufgrund dessen keinen Machtanspruch;

Und richte deshalb keinen Schaden an.

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N.B. zum Machtanspruch:

Macht soll nach meinem Verständnis aufgrund von Qualifikation und in einem demokratisch-rechtsstaatlichen Verfahren übertragen und legitimiert werden.

Dies schließt die Erhebung eines Machtanspruchs aus eigenem Antrieb oder aus Eigeninteresse aus.

.

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Beitragsbild:
Collage aus Symbolen von neun Religionen
Quelle: Wikipedia


Religions- und-Weltanschauungsfreiheit

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Die Betonung des Andersseins

Trabajando_pieza_de_metal_72dpiKulturgeschichtliche
Variationen von
„Rassismus“

In der Folge des gewaltsamen Todes von George Floyd in den USA am 25. Mai 2020, der in den Medien weltweit diskutiert und debattiert wurde und dem die Wikipedia einen Artikel gewidmet hat, wurde u.a. auch der „Rassismus“-Begriff vielfältig thematisiert. Im Verlauf der Berichterstattungen und Debatten wurden Themen und Sachverhalte miteinander vermengt, die mit dem eigentlichen Ereignis, der, wie ich es nenne, Ermordung des George Floyd im Rahmen einer in den USA nicht ungewöhnlichen polizeilichen Überreaktion miserabel ausgebildeter und entsprechend in der Situation überforderter Polizisten, nichts zu tun hatten.

So wurden Statuen gestürzt, was in der Geschichte der Menschheit eine lange Tradition hat, Statuen, die für mein Empfinden allzu häufig ohnehin nur der Verklärung, manchmal gar der Verkitschung dienen;
der Philosoph Immanuel Kant wurde wegen seiner frühen Schriften kritisiert, was aus der Perspektive und mit dem Wissen des 21. Jahrhunderts wohlfeil erscheint, Schriften, in denen er sich — seiner Zeit entsprechend — über menschliche „Rassen“ geäußert hatte, Äußerungen, die später revidiert worden sind, obwohl Charles Darwin mit seinen Beiträgen zur Evolutionstheorie und Gregor Mendel mit der Vererbungslehre noch nicht auf der Bühne erschienen waren.

In Debattenbeiträgen wurde vereinzelt festgestellt, dass es gar keine menschlichen Rassen gibt — was den „Rassismus“-Begriff, der im Laufe der Jahrzehnte zu so abenteuerlichen Wortschöpfungen wie „Altersrassismus“ geführt hat, unsinnig macht. Dennoch wird er immer noch und immer wieder verwendet statt von „Diskriminierung“ zu sprechen.

Der Begriff „Rassismus“ wird in manchen Zusammenhängen mglw. verwendet, weil er effekthaschender, aufsehenerregender ist als das Wort „Diskriminierung“. Obendrein gibt es bei der Diskriminierung (Ausgrenzung; „trennen, absondern, abgrenzen, unterscheiden“) zwei Möglichkeiten, die negative, die mit Herabsetzung oder Herabwürdigung verbunden sein kann, sowie die positive mit Aufwertung, Erhöhung oder sogar Überhöhung gegenüber anderen. Insbesondere die Möglichkeit der positiven Diskriminierung mag manchen aus ideologischen Gründen ein Dorn im Auge sein, da sie für die Einordnung von Menschen in eine (institutionalisierte und positiv besetzte) Opferrolle ungeeignet ist und keine (negativ besetzte) Täterrolle aufzeigbar macht. Hinzu kommt die Möglichkeit der Selbstdiskriminierung, Selbstausgrenzung, die den „Rassismus“-Begriff vollends ad absurdum führt.

In einem Beitrag des britischen Guardian vom 25. Juni 2020 wurde immerhin festgehalten, dass Atheisten und Humanisten in acht Ländern Diskriminierung widerfährt und sie dort wegen ihrer Weltanschauung, und nicht etwa „rassistisch“ verfolgt und unterdrückt werden.

Es wurde vorgeschlagen, den Begriff „Rasse“ im Artikel 3 (3) der Verfassung der Bundesrepublik Deutschland, dem Grundgesetz, durch ein anderes Wort zu ersetzen. Kosmetik, durch die weder Ursachen noch Folgen irgendeiner Diskriminierung aus der Welt geschafft würden. Man könnte dieses Ansinnen auch Selbstbetrug nennen. Dass in dem Satz 3 aus Artikel 3 GG nicht nur von Benachteiligung, sondern auch von Bevorzugung die Rede ist, wurde in diesen Diskussionen geflissentlich übersehen.

Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden.

In manchen Debattenbeiträgen wurde versucht, die Religionszugehörigkeit von Menschen als ein unveränderliches Merkmal ähnlich Herkunft oder Abstammung hinzustellen. Dabei wurden mehrfach klischeehafte Bilder verwendet, und es konnte der Eindruck entstehen, dass vermittelt werden solle, Angehörige einer bestimmten Religion seien gegenüber anderen exponiert und bedürften einer besonderen Beachtung, ihnen müssten eine höhere Wertigkeit und damit verbunden mehr Rechte als anderen zuerkannt werden, wie dies in manchen „heiligen“ Büchern vorformuliert ist, in denen Angehörige bestimmter Religionen als „auserwähltes Volk“ irgendeines Gottes oder als „die beste Gemeinde, die für die Menschen entstand“ ([3:110]) bezeichnet werden. In Fällen von Selbsterhöhung oder Selbstüberhöhung spricht man dann von Chauvinismus, oder auch von Arroganz, Anmaßung, Überheblichkeit und Hochmut.
Doch die Aufwertung der einen ist die Abwertung anderer, und umgekehrt, was gesellschaftliche Spannungen erzeugt sowie Ressentiments und Gegenreaktionen heraufbeschwört.

In einem kurzen Meinungsaustausch mit einer WerteInitiative via Facebook am 3. Juni 2020 hatte ich u.a. angemerkt, dass das Zufügen einer irreversiblen Körperverletzung m.E. eine Straftat ist, und zwar auch dann, wenn dies im Rahmen der Religionsausübung geschieht, was damit beantwortet wurde, dass es sich in einem solchen Fall „natürlich NICHT um eine Straftat“ handle. Auf meine weitere Nachfrage, was es denn dann sei, habe ich (bislang) keine Antwort erhalten. Ob das Verweigern einer Antwort Ausdruck von Selbstgerechtigkeit, von der Unfähigkeit zur Selbstreflexion oder von etwas anderem ist, sei dahingestellt. Herkunft, religiöses Bekenntnis oder Weltanschauung sind zwar kein Fehlverhalten, Kindern aus religiösen Gründen eine irreversible Körperverletzung zuzufügen ist es nach meinem Verständnis jedoch sehr wohl (vgl. Kritik und Angst — Wider die Selbstgerechtigkeit).
Siehe auch den Beitrag The Unanswered Question / Umkehrschluss auf dieser Website:

Wenn es […] was-auch-immer-feindlich wäre, Menschenrechtsverletzungen und Despotismus sowie anderes Unrecht zu kritisieren: Was bedeutete dies dann im Umkehrschluss ?

Jemandem mit einem Hinweis auf dessen Religion das sanktionsfreie Begehen von Straftaten zu ermöglichen und zu erlauben, verstößt in Deutschland jedoch mglw. gegen den Artikel 3 Satz 3 GG.

Menschen mit dunkler oder einer anderen Hautfarbe, als sie bei Europäern weit verbreitet ist, werden in Medienberichten etc. oft als „People of Color“ bezeichnet, ein Begriff, der auf Anderssein und damit auf Abgrezung gegenüber „Weißen“ und auf Ausgrenzung (Diskriminierung) zielt und allen Bestrebungen, „Rassismus“ zu überwinden, zuwider läuft. Abgesehen davon sind auch „Weiße“ nicht weiß, sondern haben meist wohl eine schweinchenrosa Hautfarbe. Weiß sind die Wände in meiner Wohnung.

In dem Buch Identitätslinke Läuterungsagenda zeigen insbesondere die Herausgeberin Sandra Kostner sowie die beiden Autorinnen Maria-Sibylla Lotter und Elham Manea auf, wie vermeintliche Antirassisten den „Rassismus“ und die Segregation der Gesellschaft dadurch fördern, dass sie u.a. darauf hingewirkt haben, dass Menschen z.B. allein wegen ihrer Herkunft bei der Stellenvergabe in manchen Berufen bevorzugt werden (müssen), ohne dass ihre sonstige Qualifikation berücksichtigt würde, was von der Mehrheitsgesellschaft als Ungerechtigkeit empfunden und entsprechend beantwortet wird, und dass vermeintliche Antirassisten dabei selber wie „Rassisten“ argumentieren und agieren.

In einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung vom 29. Juni 2020 unter der Überschrift „Es wird schmerzhaft“ sagt Saraya Gomis unter anderem:

Rassismus als Struktur ermöglicht, dass Ungleichheit legitimiert und damit „normalisiert“ wird.

Genau dies, „Rassismus“ als Struktur ermöglichen und Ungleichheit legitimieren ist es, was Sandra Kostner et al. in dem Buch Identitätslinke Läuterungsagenda beschreiben.

Ein Artikel in der SZ vom 26. Juni 2020 beklagt unter der Überschrift „Rassismus ist da, er ist alltäglich“ unter anderem:

„In Freising haben etwa 20 Prozent der Menschen Migrationshintergrund, aber ich kenne keine einzige Lehrkraft, die farbig oder andersgläubig ist.“
[…]
„Die Mehrheit der Kinder mit Migrationsgeschichte bleibt der Weg zum Abitur aus diversen Gründen verwehrt“

Welche „diversen Gründe“ es sind, wird in dem Artikel nicht thematisiert, Gründe werden nicht benannt.

In Brief an die Heuchler geht Stéphane Charbonnier (CHARB) argumentativ teils in eine ähnliche Richtung wie Sandra Kostner et al. Das Buch von CHARB, der sich ausdrücklich gegen „Rassismus“ und Intoleranz ausspricht, habe ich seit Erscheinen der deutschsprachigen Ausgabe im Juli 2015 vielen Leuten empfohlen, darunter auch solchen, die von sich selbst sagen, dass sie Antirassisten und Kämpfer gegen Intoleranz seien. Etliche dieser vermeintlichen Antirassisten und Kämpfer gegen die Intoleranz reden deshalb nicht mehr mit mir — nur, weil ich ihnen das Buch von CHARB empfohlen habe. Seltsam.

In einem Text, den Leonid Luks am 4. Juni 2020 auf der Website Die Kolumnisten veröffentlicht hat, schreibt er:

Zum Wesen des totalitären Denkens gehört die Diskursverweigerung mit Andersdenkenden.

Einige der in diesem Beitrag von mir angerissenen oder thematisierten Aspekte sind manch einem möglicherweise ein zu heißes Eisen — auch wenn ich längst nicht alle Aspekte zum Thema „Rassismus“ respektive Diskriminierung aufgegriffen habe.

Den „Rassismus“ damit zu kontern, dass man die Opfer des „Rassismus“ heraushebt, ihnen eine gesellschaftliche Sonderstellung zuschreibt, konterkariert die Bemühungen gegen „Rassismus“. Mit der Betonung des Andersseins wird der „Rassismus“ nicht bekämpft, sondern aktiv gefördert.

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Beitragsbilder (von oben nach unten):

  • Trabajando_una_pieza_de_metal_al_rojo_sobre_un_yunque.jpg, Wikimedia.org, Author: kurtsik
  • Sturz_des_Idstedter_Löwen.jpg, Wikimedia.org, Flugblatt – unbekannt; Scan – James Steakley
  • Screenshot von der Website des britischen Guardian, eigenes Werk
  • Cover des Grundgesetzes für die Bundesrepublik Deutschland, arabischsprachige Ausgabe
  • Screenshot aus einem Beitrag der Facebook-Seite von „Gesicht zeigen – für ein weltoffenes Deutschland“, eigenes Werk
  • Akan_MHNT.ETH.2010.25.009.jpg, Wikimedia.org, Photographer: Roger Culos
  • Screenshot aus einem Beitrag der Facebook-Seite von „Werteinitiative“, eigenes Werk
  • Buchcover zu „Identitätslinke Läuterungsagenda“
  • Buchcover zu „Brief an die Heuchler“
  • Bildliche Darstellung eines Zitats von Leonid Luks, Die Kolumnisten, eigenes Werk

  • Eckhardt Kiwitt
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    Reduzierte Verkürzung

    Dorf_Stroch_Collage_tl_7x7_72Wofür sich Wissenschaft
    nicht eignet

    Im Verlauf der derzeitigen Pandemie wurden und werden wir täglich auf dem Laufenden gehalten über das Geschehen rund um den Globus, über Infektions- und Sterberaten, aber auch über so manche Verschwörungstheorien, die im Zusammenhang mit der Pandemie blühen und gedeihen. Auf die Details dazu möchte ich an dieser Stelle nicht eingehen; man kann sich darüber ständig in den Medien informieren. Mir geht es, wie die Beitragsüberschrift bereits andeutet, um die logischen Verkürzungen, mit denen insbesondere Verschwörungstheoretiker und -praktiker gern operieren — und vermutlich auch operieren müssen.

    Vor neun Monaten flog ein Storch übers Dorf. Gestern ist wieder ein Storch übers Dorf geflogen, und jetzt hat eine Frau dort ein Kind bekommen. Damit ist die Sache völlig klar, wir brauchen keine weiteren Beweise.

    Bei diesem Beispiel handelt es sich zwar nicht um eine Verschwörungstheorie, sondern um einen märchenhaften Text, wie er kleinen Kindern bisweilen erzählt wird, denen man eine Erklärung für die Ursachen einer Schwangerschaft noch nicht anvertrauen oder zumuten möchte. Doch der Text enthält ein Element, das man bei Verschwörungstheorien regelmäßig vorfindet: Die logische Verkürzung, hier textlich aufs Notwendigste reduziert: Storch flog übers Dorf, Frau bekommt ein Kind, alles klar, keine weiteren Beweise nötig (oder erwünscht).

    Einher geht die logische Verkürzung häufig mit dem Verwechseln oder Gleichsetzen von Koinzidenz und Kausalität, also dem zufälligen gleichzeitigen Eintreten zweier oder mehrerer Ereignisse einerseits (Koinzidenz) und dem Ursache-Wirkung-Prinzip (Kausalität) andererseits. Im Beispiel des Storches, der übers Dorf flog und der Frau, die ein Kind bekommt, treten zwei Ereignisse zufällig zeitgleich oder zeitnah ein, das eine ist jedoch nicht Ursache des anderen.

    Bei Verschwörungstheorien kommt, soweit ich es beobachtet habe, ein weiteres unerlässliches Element hinzu:
    Für Verschwörungstheoretiker hat Wissenschaft einen Nachteil. Sie (die Wissenschaft) lässt keine Sündenbockprojektionen zu, denn Naturgesetze sind wie sie sind — und das ist ganz schlimm!

    Verschwörungstheorien benötigen Sündenböcke.
    Wissenschaft taugt nicht als Sündenbock — Naturgesetze sind wie sie sind.
    Verschwörungstheoretiker mögen keine Wissenschaft.

    Zwar können Wissenschaften, z.B. die Psychologie, erklären, was eine Sündenbockprojektion ist und wie sie funktioniert, die Psychologie lässt sich deshalb jedoch nicht zum Sündenbock stempeln. Allenfalls der Wissenschaftler, in diesem Fall der Psychologe, kann zum Sündenbock auserkoren werden.

    William Holman Hunt: The Scapegoat, 1854.

    Nun könnte man einwenden, dass aber doch z.B. rund um den Klimawandel Verschwörungstheorien in beide Richtungen kursieren. Im Zusammenhang damit wurde mir kürzlich in einer Diskussion geschrieben:

    Dass der westliche Mensch den Rest der Welt ausbeutet und Ursache des Klimawandels ist, wäre dann also auch eine Verschwörungstheorie erster Güte, oder?!

    Dass „der westliche Mensch“ Ursache des Klimawandels ist, mag eine Verschwörungstheorie sein oder auch nicht, jedoch ist „der westliche Mensch“ keine Wissenschaft.

    An anderer Stelle hieß es im Zusammenhang mit dem Ausbruch der Corona-Pandemie (Zitat unverändert übernommen):

    das es aus einem chinesischen Labor stammt….kann man denken, muss man aber nicht

    Das kann man denken, ja. Doch damit, dass man denkt (respective glaubt), dass es aus einem chinesischen Labor stammt, wäre weder etwas bewiesen noch das Gegenteil davon. Man hätte aber für sich einen möglichen Sündenbock parat — allerdings nicht die Wissenschaft, sondern das chinesische Labor bzw. die dort beschäftigten Wissenschaftler.

    Fazit:
    Ohne mindestens einen Sündenbock scheinen Verschwörungstheorien nicht auszukommen und nicht zu funktionieren. Die Wissenschaft eignet sich als Sündenbock jedoch in keinem Fall, sondern es müssen wohl Menschen, manchmal auch andere Lebewesen, in seltenen Fällen sogar tote Gegenstände dafür herhalten.

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    Beitragsbild oben:
    Collage aus
    Asian_Openbill_8279.jpg (Author: Alnus)
    Bralitz_von_Westen.jpg (Author: Eva K. / Eva K.)
    beide: commons.wikimedia.org

    Beitragsbild mitte:
    Ausschnitt aus Dollarnote_siegel_hq.jpg (Benutzer: Verwüstung)
    commons.wikimedia.org

    Beitragsbild unten:
    Der Sündenbock, Gemälde von William Holman Hunt, 1854
    commons.wikimedia.org


    Eckhardt Kiwitt
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    In einer Zeit des Umbruchs

    Europa1d-6x6Der gestrige 8. Mai 2020, 75. Jahrestag der bedingungslosen Kapitulation eines Landes, das zwölf Jahre lang von einem psychopathischen Regime zielstrebig und teils unter dem Jubel, teils begleitet von der Ahnungslosigkeit oder dem Desinteresse der Menschen ins Verderben geführt wurde, aber auch die Herausforderungen, die die derzeitige Corona-Pandemie einerseits sowie das Agieren einiger Verschwörungstheoretiker und -praktiker und Rechtspopulisten / Rechtsreaktionäre andererseits für dieses Land, für Europa und weltweit mit sich bringt — jener Rechtspopulisten, die, wie einst die Machthaber im „Dritten Reich“ und in der DDR in diffamatorischer Absicht wieder von „Lügenpresse“ reden und die damit zum Ausdruck bringen, dass sie womöglich nur das in den Medien veröffentlicht wissen wollen, was sie selber für „die Wahrheit“ halten, jener Rechtspopulisten und Rechtsreaktionäre, die den freiheitlichen demokratischen Rechtsstaat nach kräften schlechtzureden versuchen in der Hoffnung, sich dereinst als Retter in der Not anbiedern zu können und die doch gleichzeitig von sich behaupten, „das Volk“ zu sein — und die Verantwortungslosigkeit mit Freiheit verwechseln — ruft mir eine längere Rede in Erinnerung, die der Abgeordnete Dr. Carlo Schmid (SPD) vor dem Parlamentarischen Rat am 8. September 1948 gehalten hat.

    Ich halte diese Rede auch heute noch — oder heute wieder — für aktuell und sehr lesenswert und empfehle sie gern weiter.

    Einen kurzen Abschnitt möchte ich hervorheben:

    Ich für meinen Teil bin der Meinung, daß es nicht zum Begriff der Demokratie gehört, daß sie selber die Voraussetzungen für ihre Beseitigung schafft. Ja, ich möchte weiter gehen. Ich möchte sagen: Demokratie ist nur dort mehr als ein Produkt einer bloßen Zweckmäßigkeitsentscheidung, wo man den Mut hat, an sie als etwas für die Würde des Menschen Notwendiges zu glauben. Wenn man aber diesen Mut hat, dann muß man auch den Mut zur Intoleranz denen gegenüber aufbringen, die die Demokratie gebrauchen wollen, um sie umzubringen.

    Zur Vertiefung Ausschnitte aus der Rede des Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier am 8. Mai 2020 in Berlin: „Es gibt keine Erlösung von der Geschichte“.

    Ein PDF (42 Seiten im Format 11,5 x 17,5 cm) mit dem vollständigen Text der Rede von Carlo Schmid (SPD) aus dem Jahr 1948, bereinigt von ein paar wenigen Tipfehlern, die sich seinerzeit eingeschlichen hatten, biete ich zum kostenlosen Download auf meiner Website an.

    Den — urheberrechtlich offenbar nicht geschützten — Text habe ich der Website Costima entnommen.

    _____
    Beitragsbild:
    Europa auf dem Stier, vor dem Sternenkranz der Europa-Fahne.
    Eigenes Werk


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    The Unanswered Question

    Umkehrschluss_Blindenzeichen_17_72The Unanswered Question ist nicht nur ein Musikstück des US-Amerikanischen Komponisten Charles Ives, ein Ballett von Eliot Feld, und eine Vortragsreihe von Leonard Bernstein.

    Thematisiert man institutionalisierte Opferrollen und stellt in dem Zusammenhang die Frage nach einem spezifischen Umkehrschluss, so bleibt diese Frage ebenfalls unbeantwortet.

    Die Frage danach, warum sie unbeantwortet bleibt, stelle ich nicht.

    – – –

    Frage:

    Wenn es — bezogen auf die jeweilige Religion oder sonstige Ideologie, nicht auf die Menschen — islamfeindlich (anti-islamisch), judentumsfeindlich (anti-jüdisch), christentumsfeindlich (anti-christlich), was-auch-immer-feindlich wäre, Menschenrechtsverletzungen und Despotismus sowie anderes Unrecht zu kritisieren:

    Was bedeutete dies dann im Umkehrschluss ?

    .


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    Ramadan — Zeit der Heuchelei ?

    Speisewunder_soft_72dpi

    _____ Religiöse Werte _____

    In vielen Religionen gibt es eine Fastenzeit, die der Besinnung auf religiöse Werte dienen soll. Allerdings sind wir Menschen nicht immer ganz perfekt, und so kann es vorkommen, dass Religionen manchmal ein wenig — menschlich, allzu menschlich — zweckentfremdet werden und von Heuchelei zu reden nicht ganz abwegig erscheint. Wir Menschen neigen nunmal dazu, unser Fehlverhalten zu rationalisieren, um uns wenigstens uns selbst gegenüber den Anschein von Lauterkeit zu verleihen.

    In einem Beitrag zum Ramadan des Jahres 2017 in der FAZ schreibt Aylin Güler am 2. Juni 2017 im zweiten Absatz:

    Aber auch moralische Sünden, wie Beleidigungen und Lügen dürfen in dieser Zeit nicht begangen werden.

     

    Ah, nicht in dieser Zeit … Aber wie schaut es außerhalb dieser Zeit aus? Ist es dann erlaubt? Wir erfahren es leider nicht.

    Aylin Güler fährt fort:

    Wann findet Ramadan statt?

    2017 dauert der Ramadan vom 27. Mai bis zum Ramadanfest am 24. Juni. Muslime, die in Skandinavien am Polarkreis leben, wo im Sommer die Sonne praktisch nie untergeht, halten sich an die Zeiten im saudi-arabischen Mekka oder der Türkei.

     

    Dass der Ramadan für Muslime in der Nähe des Polarkreises in manchen Jahren zu einem existenziellen Problem werden kann, konnte man bereits in einem Aufsatz erfahren, der im Jahr 2006 erschienen ist. Dort ist im Kapitel 3 [Die fünf (eigentlich sechs) Säulen des Islams] in Unterpunkt 4. [Das Fasten während des Ramadans — Saum] zu lesen:

    Der Ramadan kann in jede Jahreszeit fallen, da der islamische Kalender nicht dem neuzeitlichen, logischen Sonnenjahr folgt, sondern dem Mondjahr. Wie sich der Ramadan für einen Moslem gestaltet, der z.B. in Island oder auf Spitzbergen im Norden von Norwegen lebt, oder der z.B. als Wissenschaftler in der Antarktis tätig ist, sollte von islamischen Gelehrten erklärt werden; denn wenn der Ramadan in die Zeit des Sommers der Nordhalbkugel fällt, ist es dort mehrere Wochen lang „Tag“. Die Sonne geht dort dann nicht unter, und ein Moslem, ob Isländer, Norweger, Same, Türke, Araber oder Deutscher  … kann dort über diesen Zeitraum bei natürlichem Licht jederzeit „einen weißen von einem schwarzen Faden unterscheiden“. Dann aber kann das Fasten während des Ramadans z.B. in Island oder auf Spitzbergen oder anderswo im Hohen Norden oder Süden für Muslime zu einem existenziellen Problem werden.

    Warum sich Muslime, die "am Polarkreis" leben, gemäß der Beschreibung von Aylin Güler (FAZ) während des Ramadans "an die Zeiten im saudi-arabischen Mekka oder der Türkei" halten, wird leider nicht näher erläutert. Warum gilt dies nicht auch für Muslime, die z.B. nördlich oder südlich des 47sten Breitengrades leben? Ihnen könnte doch viel Ungemach erspart bleiben!

     

    Müssen alle Muslime fasten?

    Im Koran steht zum Ramadan geschrieben:

    Der Monat Ramadan ist es, in dem der Qur’an als Rechtleitung für die Menschen herabgesandt worden ist und als klarer Beweis der Rechtleitung und der Unterscheidung. Wer also von euch in dem Monat zugegen ist, der soll in ihm fasten. Und wer krank ist oder sich auf einer Reise befindet, soll eine Anzahl anderer Tage (fasten) – Allah will es euch leicht, Er will es euch nicht schwer machen – damit ihr die Frist vollendet und Allah rühmt, daß Er euch geleitet hat. Vielleicht werdet ihr dankbar sein. [2:185]

     

    Hat man im FAZ-Beitrag von Aylin Güler oben erfahren, dass sich "die 29- oder 30-tägige Fastenzeit immer um zehn bis elf Tage pro Jahr" [wegen des Jahreslaufs der Erde um die Sonne] verschiebt (siehe Screenshot 2: "Wann findet Ramadan statt?"), der Ramadan also über einen Zeitraum von mehr als einer Dekade durch das ganze Jahr wandert, so heißt es im Koran ([2:185]), dass der Koran im Ramadan — also während einer nur 29- oder 30-tägigen Periode — herabgesandt worden sei. Die medinesische Sure 2 "Die Kuh" (Al-Baqara) ist chronologisch die Nummer 91, also geraume Zeit vor Abschluss der 23-jährigen Entstehungszeit des Korans entstanden. Stimmig erscheint mir dies nicht.

    Nachdenklich macht es, dass zur Teilnahme am Fasten während des Ramadans nur angehalten wird, wer "von euch in dem Monat zugegen ist" [2:185]. "Zugegen" wo? In Saudi-Arabien, in Mekka, in Medina, in oder auch außerhalb einer Moschee — oder auch woanders? Und was ist zu erwarten, falls jemand — entgegen dem Schlusssatz aus [2:185] ("Vielleicht werdet ihr dankbar sein.") — nicht dankbar ist?

    Alles in allem erweckt die Geschichte rund um den Ramadan bei mir den Eindruck, dass sie unausgegoren ist.

    + + +

    P.S.: Im Koran ist an 15 Stellen vom Nachdenken die Rede, recht eindringlich in der mekkanischen Sure "An-Nahl" (Die Bienen) in diesem Vers …

    (Wir entsandten sie) mit den deutlichen Zeichen und mit den Büchern; und zu dir haben Wir die Ermahnung herabgesandt, auf daß du den Menschen erklärest, was ihnen herabgesandt wurde, und auf daß sie nachdenken mögen. [16:44]

    … sowie in der medinesischen Sure "Muhammad" (Mohammed) in Vers 24:

    Wollen sie also nicht über den Qur’an nachdenken, oder ist es (so), daß ihre Herzen verschlossen sind? [47:24]

    Ich wollte es nicht unversucht lassen …

     

    Den vollständigen Beitrag von Aylin Güler mit dem Titel "Wie erkläre ich’s meinem Kind? Was Muslime im Ramadan machen" finden Sie hier.

    _____
    Beitragsbild:
    Das Speisewunder. Aus der Prophetenbiographie Siyer-i Nebi, Osmanisches Reich, 1388, illustriert Ende des 16. Jahrhunderts.


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    Wirtschaft und Soziales

    Happy_HumanDie Humanisten sehen in der Marktwirtschaft die einzige Form vernünftigen Wirtschaftens. Die Marktwirtschaft ist die einzige Wirtschaftsordnung, die mit individueller Freiheit vereinbar ist. Gleichzeitig hat die Marktwirtschaft immer wieder deutlich gemacht, dass nur sie allgemeinen Wohlstand begründen kann.

    Eine konsequente Ausrichtung an der Marktwirtschaft bedeutet nicht, den Interessen der Mächtigen der Wirtschaft zu Diensten zu sein. Vielmehr ist die Marktorientierung das Eintreten für den Wettbewerb und das Zurückdrängen von Monopolisierung und Kartellbildung. Es gilt heute mehr denn je die Aussage von Walter Eucken: „Die Wirtschaftspolitik der Wettbewerbsordnung unterscheidet sich  von einer Politik der Freien Wirtschaft mehr, als sich die Wirtschaftspolitik der Freien Wirtschaft von der Zentralverwaltungswirtschaft in den letzten Jahrzehnten unterschied“.  Ziel marktwirtschaftlicher Politik ist nicht die Pflege der oligopolistischen Marktordnung, sondern der Einsatz für eine Marktwirtschaft, die sowohl von staatlicher Willkür wie von privater Wirtschaftsmacht frei ist.   

    Die Marktwirtschaft ist die Wirtschaftsordnung, die ein Maximum an Wohlstand generieren kann. Zweifelsfrei hat die Entwicklung der Wirtschaft in den letzten zweihundert Jahren auch soziale Verhältnisse hervorgebracht, die zu Recht Kritik und den Wunsch nach Verbesserung laut werden ließen. Die Notlage der Arbeiter, die Marx eindringlich und richtig schilderte, ist von ihm unrichtig erklärt worden. Der große Irrtum in der Analyse von Marx ist die Tatsache, dass er die Marktformen ignorierte. Nicht die Trennung der Menschen in Eigentümer von Produktionsmittel und arbeitsuchenden Menschen ist die Ursache, sondern dass die Arbeitgeber, denen die Maschinen gehörten, in monopolistischen Marktformen nachfragten.

    Häufig wird die ungleiche Einkommensentwicklung der letzten Jahre beklagt. Es ist deshalb zu beachten, dass zwischen Leistungsentgelt und der wirtschaftlichen Aktivität eine positive Korrelation besteht. Bei einer sehr gleichmäßigen Einkommensverteilung würde das Volkseinkommen geringer sein als bei einer ungleichmäßigeren, sofern sich die Ungleichmäßigkeit in jenen Grenzen hält, die von der Leistungsmotivation gedeckt sind. Eine hohe Wachstumsrate ist nur um den Preis einer ungleichmäßigeren Einkommensverteilung zu haben, eine gleichmäßigere kostet Wachstum. Ökonomische Ungleichheit ist unter einer Bedingung zu akzeptieren: Sie muss sich zum größtmöglichen Vorteil für die am wenigsten begünstigten Gesellschaftsmitglieder auswirken. Die Förderung der sozial Benachteiligten muss absolut gesehen werden und nicht relativ.

    Das Eintreten für eine marktwirtschaftliche Ordnung bedeutet keineswegs die Schleifung des Sozialstaats. Eine vitale und dynamische Wirtschaft ist Voraussetzung für soziale Wohlfahrt. Der Sozialstaat kann nicht finanziert werden, indem man die innovativen Unternehmen, Leistungswilligen und Unternehmensgründer übermäßig mit Abgaben belastet und den wirtschaftlichen Standort belastet und damit in der Konsequenz die gesamte Wirtschaftskultur lähmt. Sozialleistungen sind nur dann dauerhaft gesichert, wenn Dynamik und Wachstum die Wirtschaft stärken.

    Die Wirtschaft hat einen Anspruch auf faire Rahmenbedingungen. Das heißt, dass sie von unnötigen Belastungen befreit wird. Unsinnige Steuervorschriften, wie z. B. die Hinzurechnungen bei der Gewerbesteuer,  sind zu beenden und die Steuertarife sind so zu gestalten, dass sie nicht das Wachstum behindern. Gleichzeitig muss der Wirtschaft klar werden, dass sie ein Teil der Gesamtgesellschaft ist und nicht gegen sie handeln kann. In einer älter werdenden Gesellschaft hat die Wirtschaft Maßnahmen zu ergreifen, die Verbesserungen für ältere Arbeitnehmer zur Folge haben. Die Wirtschaft muss für Arbeitsbedingungen sorgen, in welchen junge Menschen mehr Mut zur Familiengründung entwickeln können.

    Ein Mindestlohn ist anzustreben. Dies ist keine Aushöhlung des marktwirtschaftlichen Prinzips. Es wird damit nur ein Zustand korrigiert, in welchem der Staat durch Aufstockungsleistungen an Geringverdiener die Unternehmen indirekt subventioniert.

    Menschen, die in Not geraten sind, verdienen die Unterstützung der Gesellschaft. Es ist nur eine Minderheit, die den Sozialstaat ausnutzt, deshalb muss der Grundsatz „Fördern und Fordern“ auch zukünftig gelten.         

    Im Sinne der sozialen Gerechtigkeit  ist eine Steuerprogression zu begrüßen. Sie soll den Verteilungsprozess im Rahmen der Wettbewerbsorientierung korrigieren. Um die Wettbewerbsordnung zu erhalten, ist es nötig, die Progression zu begrenzen. So notwendig die Progression unter sozialem Gesichtspunkt ist, so notwendig ist es zugleich, durch die Progression nicht die Leistungsbereitschaft zu gefährden.

    Für die Humanisten sind Vollbeschäftigung und solide Staatsfinanzen grundlegende Ziele. Deshalb ist mittelfristig eine deutliche Senkung der Staatsverschuldung anzustreben. Die Schuldenbremse ist hierzu ein bedeutsamer Anfang. Dass kurzfristige mit Schulden finanzierte Konjunkturprogramme keineswegs für eine nachhaltige Verbesserung der Vollbeschäftigung sorgen, sondern vielmehr langfristig zu einer Strangulation des Staates führen, hat die Schuldenkrise in der EU überdeutlich gezeigt. Die Humanisten versprechen sich durch eine vitale Marktwirtschaft eine bessere Wirkung für die Erwerbsquote.

    Die Humanisten begrüßen im Grundsatz Arbeitnehmerschutzrechte. Es ist aber im Einzelfall zu überprüfen, inwieweit diese Beschäftigung hemmenden Effekt erzielen. (in Spanien hat das Schutzrecht für junge Arbeitnehmer dafür gesorgt, dass Spanien die höchste Jugendarbeitslosigkeit in der EU hat)

    Die Humanisten fordern ein klares und vereinfachtes Steuerrecht. Das gegenwärtige Steuerrecht ist wegen der Kompliziertheit nicht mehr zumutbar. Diese Kompliziertheit führt dazu, dass für gleiche Steuertatbestände von den Steuerberatern und den Finanzämtern verschiedene Lösungen ermittelt werden. Steuerberater dürfen nicht mehr Steuerrater sein. Es ist auch auf dem Gebiet des Steuerrechts Rechtssicherheit zu gewährleisten.

    Es sind Vorkehrungen zu treffen, dass inflationsbedingte Einkommenserhöhungen nicht mehr zu automatisch von höheren Tarifen erfasst werden. Die sogenannte „kalte Progression“ ist eine stille und automatische Steuererhöhung. Sie ist wirksam zu begrenzen.

    Voraussetzung der Marktwirtschaft ist der Wettbewerb. Es sind Maßnahmen zu ergreifen, die den Wettbewerb sicherstellen bzw. für mehr Wettbewerb sorgen. Einer „vermachteten Wirtschaftsstruktur“ (Walter Eucken) ist entgegenzuwirken. Hierzu gehört auch die Förderung von Existenzgründungen.

    In der Marktwirtschaft sind Insolvenzen ein natürlicher Sachverhalt. Es ist durch ein entsprechendes Insolvenzrecht sicherzustellen, dass auch Großbanken in der Insolvenzverwaltung ihren systemnotwendigen Verpflichtungen nachkommen können.

    Aufgrund der demografischen Situation ist eine längere Lebensarbeitszeit nicht zu vermeiden. Es sind deshalb Anstrengungen zu unternehmen, um Arbeitnehmer länger in der Erwerbstätigkeit zu halten. Ein späterer Renteneintritt bei einem gleichzeitigen Verdrängen der älteren Arbeitnehmer durch ihre Arbeitgeber ist nicht länger hinzunehmen.

    Die Humanisten sind im Grundsatz gegen staatliche Beteiligungen an Großunternehmen. Aber im Gegensatz zur FDP ist dies kein unerschütterliches Dogma. Ein staatliches Engagement an einem Unternehmen kann im Sinne der Marktwirtschaft sein, wenn dieses Unternehmen nach einer Übernahme mit dem übernehmenden Unternehmen zu einem Monopol wird. Die Verhinderung von Monopolstrukturen ist im Interesse des marktwirtschaftlichen Systems wichtiger als die Herkunft des Eigenkapitals. Solange staatliche Unternehmen sich in Wettbewerbsmärkte einordnen und die Preisbildung auf den Märkten nicht durch staatliche Subventionen gestört ist, sind sie in der Wettbewerbsordnung erträglich. 

    Das Patentrecht ist zu reformieren. Es war Absicht, mit Patentrecht die technische Entwicklung zu fördern und den Erfinder zu schützen. Die Geschichte hat gezeigt, dass das Patentrecht eine starke Tendenz zur Monopolbildung und zur Konzentration ausgelöst hat. Patentinhaber sollten verpflichtet sein, die Benutzung einer Erfindung gegen eine angemessene Lizenzgebühr jedem ernsthaften Interessenten zu gestatten. In Bezug auf lebenswichtige Medikamente in ärmeren Ländern hat sich eine internationale Debatte über den Patentschutz entwickelt. So kämpft die „Treatment Action Campaign“ (TAC) in Südafrika für mehr Wettbewerb auf dem Pharmamarkt. Sie fordert, dass die Märkte durch die Abschaffung des Patentschutzes für Anti-Aids-Medikamente für kleinere Pharmahersteller geöffnet werden. Tausende von Menschen sind in den letzten Jahren an Krankheiten wie Aids oder Malaria gestorben, weil die Oligopolgewinne die lebenswichtigen Medikamente unbezahlbar gemacht haben. Die Versorgung der Kranken würde besser aussehen, wenn auf dem Pharmamarkt ein echter Wettbewerb herrschen würde.

    Tausende von unabhängigen Saatgutunternehmen sind in den letzten Jahrzehnten verschwunden. Millionen von Landwirten wird das Recht genommen, ihr eigenes Saatgut weiter zu vermehren und damit Vielfalt zu sichern. Immer weniger Oligopole entscheiden über Ernährungsgrundlagen, von denen die Menschheit abhängt. Es ist zu prüfen, ob hier eine Reform des Sortenschutzrechtes Abhilfe schaffen könnte.

     

    Weitere Arbeiten zum Thema zum Thema der geplanten Partei "Die Humanisten" siehe hier.

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    Jeder nach seiner Façon

    "Jeder soll nach seiner Façon selig werden", so schrieb am 22. Juni 1740 Friedrich II, König von Preußen, und dokumentierte damit die für Preußens wirtschaftliche Entwicklung wichtige Toleranz gegenüber Einwanderern und religiösen Minderheiten, vor allem Hugenotten und Katholiken. Diese Toleranz sowie die endgültige Abschaffung der Folter 1754 sind herausragende Größen seiner Amtszeit. Die aus dem re-katholisierten Frankreich geflohenen protestantischen Hugenotten genossen dabei wohl die größten Freiheiten mit wirtschaftlichen Starthilfen, Steuerprivilegien und zunächst sogar eingeschränkter eigener Gerichtsbarkeit. Dass diese Toleranz sich nicht etwa nur auf „Christen“ reduzierte beweist ein Brief Friedrichs ebenfalls aus dem Jahre 1740:

    „Alle Religionen seindt gleich und guht, wan nuhr die Leute, so sie profesieren , erliche Leute seindt, und wen Türken und Heiden kähmen und wolten das Land pöbplieren, so wollen wier sie Mosqueen und Kirchen bauen“.

    Die Eingewanderten integrierten sich und assimilierten schließlich mit der einheimischen Bevölkerung. Nur ihre Namen wie z.B. de Maizière zeugen noch bis heute davon, dass sie einst aus der Fremde kamen. Insoweit kann man Brandenburg-Preußen des 18. Jahrhunderts durchaus als Musterbeispiel für gelungene Integration anführen. 

    Der Zuzug nach Deutschland setzte sich im 19. und 20. Jahrhundert fort. Mit der beginnenden Industrialisierung zog es zunächst viele Polen aus den preußischen Ostgebieten (Polen existierte nicht als Staat) vor allem ins Ruhrgebiet und dämpften den Mangel an Arbeitskräften. Später zogen andere Nationalitäten nach: Italiener, Serbokroaten, Spanier, Griechen und viele andere mehr. Niemand nimmt heute ernsthaft Anstoß an Namen wie Podolski, di Lorenzo, Olic und anderen. Sie alle sind „gute Deutsche“ geworden. Deutschland ist eben nie wirklich „rasserein“ im Sinne der verquasten Blut- und Boden-Theorie der Nationalsozialisten gewesen, wahrscheinlich zu seinem Glück. Doch plötzlich soll das für Özdemir nicht mehr gelten? Was ist an Özdemir ungewöhnlicher für deutsche Lippen und Ohren als Podolski? Oder liegt es wirklich an den religiös-kulturellen Unterschieden zwischen den Immigranten und der aufnehmenden Gesellschaft?

    Dabei ist die Gegenwart von Moslems in Deutschland doch durchaus nichts Neues. Bereits

    im Jahr 1732 ließ der Preußenkönig Friedrich Wilhelm I. in Potsdam am Langen Stall einen Gebetssaal für zwanzig seiner türkischen Gardesoldaten errichten. Die älteste erhaltene deutsche Moschee steht seit 1928 in Berlin, die Wilmersdorfer Moschee, ein prächtiger Bau (http://www.eslam.de/begriffe/w/wilmersdorfer_moschee.htm). Nun gut, inzwischen sind es mehr geworden, ca. 340 als solche erkennbar, nicht gezählt die so genannten Hinterhofgebetsräume, die niemand wirklich will. Auf  knapp 12.000 Moslems in Deutschland kommt gerade mal eine einzige Moschee, dagegen auf knapp 900 Protestanten eine Kirche. Von einer Überrepräsentanz im öffentlichen Erscheinungsbild kann also wohl kaum geredet werden.

    Eine aufgeheizte und feindselige Debatte

    Trotz dieser Fakten wird die Debatte über islamische Einwanderung mit ungeahnt schrillen Tönen von Befürwortern und Gegnern geführt. Das geht hin bis zu völlig substanzlosen Beleidigungen. Zum beliebtesten Neologismus in diesem Streit scheint  dabei die Wortschöpfung „Hassprediger“ für Aktivisten beider Seiten zu avancieren. Islamkritiker wie Henryk M. Broder werden dabei gern in die Ecke von „faschistischen Antisemiten“ gestellt, Islambefürworter müssen sich den Vorwurf des „Verrats am Volkswillen“ anhören. Irrationale Ängste dienen auf beiden Seiten zur Emotionalisierung der jeweiligen Gefolgschaften, „schleichende Islamisierung“ hier gegen „Aussterben der deutschen Bevölkerung“ dort. Es fällt langsam schwer, sich durch den Wust an veröffentlichten Meinungen hindurchzuarbeiten, um zu den Fakten und auch den objektiven  Schwierigkeiten dieses Dialogs zwischen Immigranten und aufnehmender Gesellschaft vorzustoßen.

    Was seit Jahrhunderten relativ reibungsfrei funktionierte scheint in ein großes Desaster zu münden. Deutschland ist nun seit einigen Jahren auch offiziell ein Einwanderungsland und seitdem klappt es einfach nicht mehr mit der Integration. Es scheint so zu sein, dass sich die Probleme wirklich an der andersartigen Religion Islam festmachen lassen, denn weiterhin gibt es mit Einwanderungen aus dem europäischen Raum oder aus Asien keine sonderlichen Schwierigkeiten. Schauen wir uns also genauer an, was Aufnehmende und Aufgenommene jeweils an gegenseitigen Forderungen stellen, um besser beurteilen zu können, wo sich mögliche Kompromisslinien für gegenseitiges Verstehen abzeichnen. Kann der Disput in zivilisatorisch vertretbare Bahnen gelenkt werden?

    Die Voraussetzungen aus bisher unbeachteter säkular-humanistischer Sicht

    Die grundgesetzlich zugesagte Garantie von Religions-, Presse-, Kunst- und  Meinungsfreiheit ist ein hohes Gut, für das sich alle demokratischen Menschen stark machen und für deren Erhalt und Ausbau sie sich aktiv einsetzen sollten. Diese Grundrechte werden in Deutschland in vielfältiger Weise ausgehöhlt. Das beginnt bereits mit der Anerkennung von Religionsgemeinschaften als Körperschaften „öffentlichen“ Rechts bis hin zum Einzug einer Kirchensteuer, der man sich nur durch „Austritt“ entziehen kann, weil in aller Regel andere, nämlich die Eltern, über den „Eintritt“ entschieden haben. Die Organisation der Religionsgemeinschaften nach Vereinsrecht wäre daher die erste dringliche Maßnahme, um überbordende Privilegien einiger weniger Religionen oder Konfessionen abzubauen. Die große Mehrzahl der Religionen ist nämlich nicht nach öffentlichem Recht organisiert. In solche Vereine könnte jeder wenn er denn will ab Beginn der Geschäftsfähigkeit eintreten und hätte dann natürlich seine Vereinsbeiträge zu entrichten.

    Die Finanzierung der Religionsgemeinschaften aus allgemeinen Steuermitteln ist sofort zu beenden. Hierzu gehört auch die Anerkennung sogenannter Bekenntnisschulen, religionsgebundener Kindergärten, Krankenhäusern und anderer karitativer Einrichtungen, die, ohne dass die Mehrheit der Kirchensteuerzahler es überhaupt mitbekommt, bis auf wenige Prozentpunkte aus öffentlichen Mitteln finanziert werden. Überspitzt gesagt: Die Allgemeinheit, religionsgebunden oder nicht, bezahlt dafür, dass sich Religionen ein Mäntelchen der Barmherzigkeit umhängen können. Oder mit einem konkreten Beispiel: jeder Steuern zahlende Moslem finanziert mit seinem Obolus, dass sich z.B. die katholische Kirche repräsentativ in der Öffentlichkeit darstellen kann.

    Eine Lösung auf Vereinsbasis würde solche Unsinnigkeiten verhindern. Wenn jemand Bekenntnisschulen, gleichgültig ob christlich, moslemisch oder humanistisch (wie jetzt in Bremen), einrichten will, wogegen überhaupt nichts einzuwenden ist, sofern sich solche Schulen an die allgemein verbindlichen Lehrpläne halten, so soll er sie gefälligst zu 100% selber finanzieren – als Privatschule mit Gebühren oder aus Vereinsmitteln. Es können hier natürlich nur Teilaspekte betrachtet werden, doch gilt das Gesagte sinngemäß für alle Bereiche, in denen die Religionsgemeinschaften überprivilegiert sind.

    Erst wenn über einen solchen Privilegienabbau nachhaltig entschieden wird, mithin die Laizität des Staates endlich als oberstes Gebot anerkannt wird, kann sinnvoll über die Integrationsfrage von moslemischen Einwanderern neu nachgedacht werden. Warum?

    Moslems fordern durchaus zu Recht und unter Bezug auf das Grundgesetz, dass sie wie alle anderen Religionsgemeinschaften behandelt werden. Da das aber bereits grundgesetzlich garantiert ist, geht ihr Vorstoß offensichtlich noch in eine ganz andere Richtung. Sie wollen dieselben grundgesetzlich nicht abgedeckten Privilegien wie die akzeptierten Religionsgemeinschaften, mit anderen Worten: sie wollen auf die Gesellschaft als Ganzes Einfluss ausüben. Hier liegt die eigentliche Crux des Problems. Während nämlich seit der Aufklärung die Kirchen, wenn auch zähneknirschend, die Vorherrschaft weltlichen Rechts vor kirchlichem Recht anerkennen mussten und sich somit in gewissem Umfang in diese Rolle gefügt haben, verfolgen Muslime, die ohne vergleichbare Aufklärung ihren Weg in der westlichen Welt suchen, unter dem Strich eine andere Gesellschaftsordnung (siehe Demokratie oder Islam ), da schon vom Prinzip her von Menschen gemachtes Recht nicht höher stehen darf als „göttliches“ Recht.

    Ist denn ein auf den privaten Bereich beschränkter Islam, das heißt ein an die demokratischen Strukturen des Okzidents angepasster Islam, überhaupt denkbar? Betrachtet man die Masse der moslemischen Einwanderer in Deutschland, so scheint dies durchaus möglich. Die Mehrzahl will ganz offensichtlich ihre Religion leben, ohne weitergehende Ansprüche daraus abzuleiten. Allerdings hat diese Masse keine Stimme. Betrachtet man das Vorgeplänkel zur DIK II, merkt man schnell, dass die dort vertretenen Verbände ganz andere Ziele im Sinn haben. Sie geben vor, die Mehrzahl der Moslems in Deutschland zu vertreten, Abstimmungsergebnisse aufgrund von intelligent an Moslems gestellten Fragen darüber liegen aber nicht vor. Die Verbände sind aber die Meinungsführer. Weitsichtige Moslems wie etwa Necla Kelek (http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,686385-2,00.html) oder Bassam Tibi (http://en.wikipedia.org/wiki/Bassam_Tibi und http://www.spiegel.de/international/spiegel/0,1518,440340,00.html) haben in diesem Umfeld keine Chance. Für die Hardliner der Verbände sind Wörter wie „Euro-Islam“, also ein in die demokratischen Strukturen des Westens eingepasster Islam, Fremdwörter, und die sind bedrohlich, weil dabei die „reine Lehre“ verloren gehen könnte.

    Der Innenminister tut also gut daran, neben den Verbänden zur DIK auch nicht organisierte Moslems einzuladen und ihnen eine Stimme zu geben. Auch Ex-Moslems wie z.B. Mina Ahadi können durchaus dazu beitragen, die Gefahren einer ungezügelten Ausbreitung einer über die reine Religion hinausgehenden islamischen Ideologie zu belegen und in die Diskussion einzubringen.

    Fazit

    Aus säkularer Sicht lässt sich mithin zeigen, dass feinsinnige Unterscheidungen zwischen Islam und Islamismus, gedacht zur Unterscheidung zwischen gemäßigten und extremen Kräften, wenig hilfreich sind, wenn es darum geht, Religionen im Allgemeinen die Begrenzung ihrer Wirkungsmöglichkeiten zu zeigen. Auf Entgegenkommen der Beteiligten darf man dabei nicht hoffen, weil diese Begrenzungen alle treffen müssen, wenn einigermaßen Aussicht auf Erfolg bestehen soll. Auch die von linker Seite vorgeschlagene Differenzierung zwischen Islam und politischem Islam (s. etwa Thomas Schmidinger: „Gottesstaat und Demokratie“) ist nicht wirklich hilfreich, da sie nur der oberflächlichen Befriedung dient, das Problem aber nicht im Kern anpackt.

    Integration ist möglich, entgegen dem populistischen Geschrei auf Sites wie pi-news.net, sogar sehr gut möglich, wenn jeder die Grenzen kennt und einhält. Hier hat die Islamkonferenz eine große Aufgabe, der sie bisher nicht einmal im Ansatz gerecht wird.

    Wer es wirklich ernst meint mit der Integration von Muslimen in Europa, kommt um klare Definitionen und Begrenzungen der politischen Einwirkungsmöglichkeiten von Religionen nicht herum. Schon der „Alte Fritz“ hätte es sich wohl verbeten, wenn jemand aufgrund seiner Religion versucht hätte, auf seine Staatsführung Einfluss zu nehmen. Beschränken wir uns also auf das Wesentliche, so können wir mit Friedrich II nur wiederholen:

    Jeder soll nach seiner Façon selig werden

    Hoffen wir, dass das in absehbarer Zukunft auch für säkulare Humanisten (Friedrich: „Heiden“) gilt!

     

     

    Weitere Arbeiten desselben Autors siehe hier.

     




    Religiöse Vorschrift über staatlichem Gesetz ?

    Kaaba-stone_exc

    Zum Gebot der weltanschaulichen Neutralität des Staates und einem Urteil des BVerfG
    sowie Stellungnahmen zu Texten von Henning Hirsch (Die Kolumnisten) und Prof. Dr. Klaus F. Gärditz

    _____

    Dass staatliches Recht in einem freiheitlichen demokratischen, parlamentarischen Rechtsstaat über religiösen Geboten und Vorschriften steht die nicht in rechtsstaatlichen und demokratischen Verfahren zustandegekommen und erlassen worden sind, halte ich für unabdingbar. Das Gebot der weltanschaulichen Neutralität des Staates steht, da sie alle Bürger eines Landes betrifft, über der individuellen / persönlichen Religionsfreiheit. In Deutschland ergibt sich dies u.a. aus Artikel 1 Satz 3 („Die nachfolgenden Grundrechte binden Gesetzgebung, vollziehende Gewalt und Rechtsprechung als unmittelbar geltendes Recht.“) sowie aus dem Artikel 140 unserer Verfassung, des Grundgesetzes, darin den Artikeln 136 (1) und (3) sowie 137 (1) der Weimarer Reichsverfassung vom 11. August 1919:

    Art. 136
    (1) Die bürgerlichen und staatsbürgerlichen Rechte und Pflichten werden durch die Ausübung der Religionsfreiheit weder bedingt noch beschränkt.

    Dies bedeutet, dass die Ausübung der Religionsfreiheit keine rechtsetzende Wirkung entfaltet.

    (3) Niemand ist verpflichtet, seine religiöse Überzeugung zu offenbaren. Die Behörden haben nur soweit das Recht, nach der Zugehörigkeit zu einer Religionsgesellschaft zu fragen, als davon Rechte und Pflichten abhängen oder eine gesetzlich angeordnete statistische Erhebung dies erfordert.

    Mit „Rechte und Pflichten“ ist z.B. die rechtliche Verpflichtung zur weltanschaulichen Neutralität von Amtsträgern während der Berufsausübung gemeint.

    Art. 137
    (1) Es besteht keine Staatskirche.

    Im Artikel 4 unserer Verfassung gilt zwar (in Satz 1) die — allgemein als Religionsfreiheit bezeichnete — „Freiheit des Glaubens, des Gewissens und die Freiheit des religiösen und des weltanschaulichen Bekenntnisses“ als unverletzlich, und (in Satz 2) ist das Recht der „ungestörten Religionsausübung“ gewährleistet (garantiert).

    Mit der Gewährleistung der ungestörten Religionsausübung (gemäß Art.4 (2)) sowie u.a. durch das Deutsche Richtergesetz § 39, aber auch durch das Beamtenstatusgesetz § 33 sowie aufgrund des Mäßigungsgebots (Wikipedia) und z.B. durch das Strafgesetz sind der Religionsfreiheit jedoch Grenzen gesetzt — sie gilt nicht uneingeschränkt.

    * * *

    Im Januar 2020 hat das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe entschieden, dass das Tragen religiöser Symbole während der Berufsausübung für staatliche Bedienstete — Repräsentanten des Staates — untersagt werden kann, da das Gebot der staatlichen Neutralität über dem persönlichen Recht der „Religionsfreiheit“ steht (vgl. auch den Beitrag Missverstandene Religionsfreiheit vom 11. Juli 2017, auf dieser Website veröffentlicht am 4. März 2019). Die Leitsätze zum Beschluss sowie die Begründung zum Urteil finden Sie auf der Website des Bundesverfassungsgerichts.

    ~ ~ ~

    Kritik an diesem Urteil des Bundesverfassungsgerichts blieb nicht aus. Mit zwei anschaulichen Beispielen für die Argumentation der Urteils-Kritiker werde ich mich hier auseinandersetzen: Einem Gastbeitrag von Prof. Dr. Klaus F. Gärditz, veröffentlicht auf der Website „Legal Tribune Online“ unter dem Titel Ein Bundesverfassungsgericht des Ressentiments, sowie einer Kolumne von Henning Hirsch, veröffentlicht auf der Website von „Die Kolumnisten“ unter dem Titel Kopftuchträgerinnen: Referendarinnen zweiter Klasse?.

  • Der Kolumnist Henning Hirsch stört sich zu Beginn seines Textes am Zeitpunkt der Urteilsverkündung „kurz nach den Anschlägen in Hanau, bei denen neun junge Menschen mit kurdischen, bosnischen und afghanischen Wurzeln ums Leben kamen“ — als ob der Zeitpunkt, aber auch die Herkunft der Opfer des Hanauer Anschlags etwas mit dem Gegenstand des Gerichtsurteils zu tun hätten.
    Im darauffolgenden Satz leuchtet es Henning Hirsch nicht ein, dass — gemäß eines früheren Urteils des Bundesverfassungsgerichts — „eine Kindergärtnerin aus Baden-Württemberg das beanstandete Kleidungsutensil während der Arbeitszeit anbehalten darf“. Nun, lieber Henning Hirsch, eine Kindergärtnerin ist eben keine während der Berufsausübung zur religiösen und weltanschaulichen Neutralität verpflichtete Repräsentantin des Staates. Der Grundsatz der strikten weltanschaulichen Neutralität der Justiz hingegen wirkt für Henning Hirsch „aus der Zeit gefallen“. Dies wirft bei mir die Frage auf, welche Weltanschauung der Staat denn vertreten oder repräsentieren sollte: die des Henning Hirsch, oder z.B. die Weltanschauung derjenigen, die gegensätzliche Ansichten vertreten.
    Ein wenig polemisch wird’s, wenn Henning Hirsch meint, dass nicht jede, die sich einen Hidschab anlegt, „sofort die Scharia in Deutschland einführen“ wolle. Also „nicht sofort“?
    Henning Hirsch schreibt weiters, dass sich junge Muslima aus Diskriminierungsgründen heraus nicht selten für das Kopftuch entscheiden würden, und unterstellt, dass „die Mehrheitsgesellschaft sie nicht integriert“. Selbstdiskriminierung und Integrationsverweigerung seitens religiös-ideologisch eingeengter Menschen kommen als Ursachen für Henning Hirsch mglw. nicht in Betracht.
    Im nächsten Textabschnitt äußert sich Henning Hirsch zu Richtern in roten Talaren, Anwälten in schwarzen Roben sowie zu Rokoko-Perücken tragenden Richtern in England (Anmerkung: Rokoko-Perücken tragende Richter in England sind von der Rechtsprechung in Deutschland, um die es in diesem Gerichtsurteil geht, gar nicht betroffen) — und stellt diese Amtskleidung („Anzugsordnung“) auf eine Stufe mit religiös vermeintlich vorgeschriebenen Kleidungsstücken, befürwortet mithin mindestens eine Gleichstellung religiöser Vorschriften mit staatlichen Gesetzen. Ich hielte ein solches Ansinnen (in Europa) für einen Rückfall in seit Jahrhunderten überwundene Zeiten. Dass für Angehörige mehrerer Berufe während des Dienstes eine uniformierte Bekleidung vorgeschrieben sein kann und Amtsträger ihre individuellen Vorlieben hinter die berufliche Tätigkeit / berufliche Position zurückstellen müssen, übergeht Henning Hirsch.
    Im vorletzten Textabschnitt stellt Henning Hirsch fest, dass wir „nun mal in Mitteleuropa und nicht auf der arabischen Halbinsel“ leben, und dass somit „bei uns Toleranz und Unschuldsvermutung für sämtliche Bürger“ gelten. Und: „Nicht jede Referendarin, die ein Kopftuch trägt, will gleich den Gerichtssaal in die Luft sprengen.“ Nicht jede, schreibt Henning Hirsch.
    Selbstverständlich gilt in Deutschland die Unschuldsvermutung. Es gilt aber auch das Neutralitätsgebot des Staates. Zu der von Henning Hirsch erwähnten Toleranz habe ich mich im Beitrag Toleranz und Wertschätzung ausführlich geäußert.

  • In seinem Gastbeitrag für das Portal LTO verteidigt Prof. Dr. Klaus F. Gärditz zunächst die Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts, kritisiert aber die Begründung dazu, und fragt u.a., warum „ein schlichtes Kopftuch, für dessen prozessadäquate Gestaltung gegebenenfalls Vorgaben gemacht werden könnten“, eine „sozialkommunikative Neutralitätsgefährdung“ sein soll. Auch hier stellt sich für mich die Frage, warum der Staat seine Gesetze an (vermeintliche) religiöse Vorschriften oder Gebote anpassen sollte und wie weit eine solche Anpassung gehen könnte.
    Weiters plädiert Klaus F. Gärditz für ein „angemessenes Verständnis für die legitimen religiösen Bedürfnisse einer Amtsträgerin“. Die legitimen Bedürfnisse und Erfordernisse des religiös und weltanschaulich neutralen Staates erwähnt Klaus F. Gärditz an dieser Stelle und in diesem Zusammenhang nicht.
    In sich widersprüchlich erscheint mir Gärditz’ nächster Textabschnitt „Provinzialismus für Säkularisten“, in dem er einerseits schreibt: „Das Gericht betont mit Recht, dass es die Funktionsfähigkeit der Rechtspflege erfordert, möglichst breites Vertrauen der Bevölkerung in die Neutralität der Justiz sicherzustellen.“, um andererseits — und sehr polemisch, ja diffamierend, wie ich meine — einen „reaktionären Progressivismus, dessen Unfähigkeit, in einer sich immer weiter säkularisierenden Gesellschaft auch einmal gelebte Religiosität auszuhalten, allenfalls eingefleischte DDR-Nostalgiker erfreuen kann“ zu unterstellen. Die Frage, ob religiöse Menschen während einer Gerichtsverhandlung auch einmal gelebten Säkularismus aushalten können, stellt Prof. Dr. Klaus F. Gärditz nicht.
    Im Abschnitt „Berufsbeamtenethos in Differenz“ behauptet Gärditz, dass der Art. 33 Abs. 3 Satz 1 GG „vom Bundesverfassungsgericht überhaupt nicht ernst genommenen“ würde.
    Zur Verdeutlichung der Artikel 33 Absatz 3 des Grundgesetzes:

    (3) Der Genuß bürgerlicher und staatsbürgerlicher Rechte, die Zulassung zu öffentlichen Ämtern sowie die im öffentlichen Dienste erworbenen Rechte sind unabhängig von dem religiösen Bekenntnis. Niemandem darf aus seiner Zugehörigkeit oder Nichtzugehörigkeit zu einem Bekenntnisse oder einer Weltanschauung ein Nachteil erwachsen.

    Darin ist u.a. vom religiösen Bekenntnis die Rede. Das symbolische Zurschaustellen des religiösen oder des weltanschaulichen Bekenntnisses ist nicht Gegenstand dieses Verfassungsartikels. Durch das (partielle) Versagen der Möglichkeit, sein religiöses oder weltanschauliches Bekenntnis überall und jederzeit, also z.B. während einer Gerichtsverhanlung, zur Schau stellen zu können, wird die „Religionsfreiheit“ nicht eingeschränkt, denn diese beinhaltet lt. Artikel 4 GG u.a. eben „nur“ die Freiheit des Glaubens sowie die Freiheit des religiösen und weltanschaulichen Bekenntnisses, nicht jedoch die Freiheit des jederzeitigen und ortsunabhängigen symbolischen Zurschaustellens dieses Bekenntnisses.

  • ~ ~ ~

    Es geht m.E. nicht an, dass religiöse Vorschriften und Gebote, die jeder selbstverständlich für sich persönlich — und nur für sich persönlich — befolgen darf solange damit nicht die Rechte und Freiheiten anderer berührt oder verletzt werden oder solange damit nicht in staatliches Recht oder in die verfassungsmäßig garantierten Rechte, auch Grundrechte, eingegriffen wird, Vorrang vor staatlichem Recht haben bzw. diesem übergeordnet werden sollen. Ich meine, dass sich ein freiheitlicher demokratischer und parlamentarischer Rechtsstaat davor hüten muss, religiösen Vorschriften und Geboten, die in nicht-rechtsstaatlichen Verfahren zustandegekommen und erlassen worden sind, einen Vorzug oder auch nur eine gleichberechtigte Stellung gegenüber dem staatlichen Recht einzuräumen. Der SPD-Politiker Carlo Schmid hat es in seiner Rede vor dem Parlamentarischen Rat im September 1948 so formuliert:

    Ich für meinen Teil bin der Meinung, daß es nicht zum Begriff der Demokratie gehört, daß sie selber die Voraussetzungen für ihre Beseitigung schafft. […] Demokratie ist nur dort mehr als ein Produkt einer bloßen Zweckmäßigkeitsentscheidung, wo man den Mut hat, an sie als etwas für die Würde des Menschen Notwendiges zu glauben. Wenn man aber diesen Mut hat, dann muß man auch den Mut zur Intoleranz denen gegenüber aufbringen, die die Demokratie gebrauchen wollen, um sie umzubringen.

    * * *

    Zum Abschluss ein Leserkommentar, der zu dem redaktionellen Beitrag Polarisierendes Kopftuch-Urteil (incl. eines Streitgesprächs zwischen einer Redakteurin und einem Redakteur) am 05.03.2020 auf der Website der FAZ veröffentlicht worden ist, im Wortlaut — ein Leserkommentar, der eine verquere, aber nicht selten anzutreffende Scheinlogik offenbart:

    Die britische Königin Elizabeth II. wird auch häufiger mit Kopftuch in der Öffentlichkeit gesichtet. Muss das jetzt auch als Zeichen gewertet werden, dass sie unterdrückt wird?

    FAZ_urteil-zum-kopftuch-verbot-hat-der-staat-richtig-gehandelt_Commentscreenshot_05-03-2020-3

    Nein, das muss nicht als Zeichen einer Unterdrückung gewertet werden. Allerdings trägt die Queen dieses Kopftuch auch nicht aus religiösen oder sonstigen weltanschaulichen, sondern situationsbedingt aus ganz praktischen Gründen als Schutz vor Wind und Wetter — ohne damit eine Religionszugehörigkeit oder eine Weltanschauung symbolisch zur Schau stellen zu wollen oder staatliches Recht aushöhlen und durch religiöse Vorschriften ersetzt sehen zu wollen.

    _____
    Beitragsbild: Mohammed schlichtet einen Streit um den Schwarzen Stein in der Kaaba. Aus Jami’al-Tawarikh (Universalgeschichte). Persien, 14. Jhdt.


    Eckhardt Kiwitt
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    Ohne aktuellen Bezug …

    Herkunft-Abstammung_sHerkunft, Abstammung oder Religionszugehörigkeit / Weltanschauung sind kein Fehlverhalten — und auch nicht das Gegenteil davon –, auch wenn das Befolgen z.B. religiöser Vorschriften oder eine ideologische / weltanschauliche Verengung zu Fehlverhalten führen kann.

    Wie aber sagt und erklärt man es den Rassisten und den Verschwörungstheoretikern ?

    + +

    Der Buchcover im Beitragsbild gehört zu «BRIEF AN DIE HEUCHLER — und wie sie den Rassisten in die Hände spielen» von CHARB (Stéphane Charbonnier).

    Zum Thema: siehe auf dieser Website auch die Beiträge
    Trefflicher Buchtitel & Argumentation
    Toleranz und Wertschätzung


    Eckhardt Kiwitt
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    Kostenfrei — ohne Blabla

    Ohne-Blabla_2-zlgWährend Wahlkämpfen stoße ich immer mal wieder auf Slogans, in denen Parteien bzw. deren Kandidaten auf öffentlich aufgestellten Plakaten damit für sich werben, uns Bürgern etwas "kostenfrei" geben oder zur Verfügung stellen zu wollen — z.B. Kindergärten / Kindergartenplätze für unsere Jüngsten. Das finde ich generös.

    Da ich derartige Slogans in den vergangenen zehn und mehr Jahren bei mehreren Parteien — von rechts bis links — gesehen habe, spielen Ort und Zeit der Aufnahme des Beitragsbildes sowie die in diesem Fall plakatierende Partei keine Rolle; die Farben des abgebildeten Plakatausschnitts habe ich mittels Bildbearbeitungssoftware stark verändert, den Text habe ich unverändert gelassen.

    Kostenfrei

    Mehrmals habe ich Kandidaten verschiedener Parteien auf eben einen solchen Slogan angesprochen und gefragt, ob denn die Räumlichkeiten für Kindergärten ebenfalls "kostenfrei" seien und ob die Mitarbeiter dort — meist wohl Frauen — ebenfalls "kostenfrei" arbeiteten. « NEIN », wurde mir dann bedeutet, das wäre selbstverständlich nicht der Fall. Ob denn das Angebot steuerfinanziert wäre und wir Bürger — alle Steuerzahler, auch diejenigen, deren Kinder in den Kindergärten betreut werden — somit die "kostenfreien" Kindergartenplätze finanzieren würden, womit ich (ledig, kinderlos) kein Problem habe, wollte ich daraufhin jeweils wissen.

    Das Wort "steuerfinanziert" kam so manchen Politikern dann in ihren Antworten nur sehr schwer über die Lippen — wenn überhaupt.

    Ich bin der Meinung, dass man — nicht nur in Wahlkampfzeiten — den Bürgern getrost mit Aufrichtigkeit begegnen und ihnen einfache Sachverhalte in allgemeinverständlichen Worten darlegen kann und darf.

    Das Geld für z.B. Kindergartenplätze kommt schließlich nicht von der Bank, und "der Staat" bzw. staatliche Verwaltungen / Regierungen haben mangels eigener Möglichkeiten, etwas zu erwirtschaften, kein eigenes Geld, sondern ihnen steht das zur Verfügung, was sie über Steuereinnahmen von den Bürgern — von uns Bürgern — zur Finanzierung und Aufrechterhaltung öffentlicher und den Bürgern — uns Bürgern — zugutekommender Aufgaben erhalten. Umverteilung eben, wie es sie in der Natur überall gibt, da Lebewesen — auch wir Menschen — weder Materie noch Energie (aus dem Nichts) erzeugen können.

    Aufrichtigkeit, so meine Vermutung, ist jedoch etwas, womit man in der Politik möglicherweise weniger erfolgreich ist als mit Augenwischerei.

    Weil es viele Bürger so wollen ?


    Eckhardt Kiwitt
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    Blasphemiewächter und Gottesleugner

    Maome_300dpi_10x10_mirror_rgbÜber die Gottesfürchtigkeit

    Blasphemie, gemeinhin übersetzt mit „Gotteslästerung“, wenngleich es nur „Rufschädigung“ bedeutet, ist ein je nach persönlichem Rechtsempfinden unterschiedlich interpretierter und gewichteter Begriff. Mancherorts gilt „Gotteslästerung“ als todeswürdiges Verbrechen, andernorts ist sie juristisch nicht eingeordnet und nicht gewertet. Ich halte den Begriff für sinnlos, da es das zugehörige „Gott“ nicht nachweislich gibt (vlg. den Beitrag Nichtexistenz), sondern es sich bei „Gott“ lediglich um eine Idee in den Köpfen von Menschen handelt, dieses „Gott“ aus sich heraus jedoch keine Wechselwirkungen zeigt.

    Maome_300dpi_frame-rgb

    Das Bilderverbot im Islam ist in einigen Ländern eine ernste Angelegenheit. So ernst, dass manch einer meint, die einschlägigen gesetzlichen Bestimmungen dazu würden — oder müssten — auch außerhalb des islamischen Kulturkreises gelten.

    Am 3. Februar 2020 erreichte mich eine E-Mail von WordPress, in der es heißt:

    A Pakistan authority has demanded that we disable the following content on your WordPress.com site:
    Mohammed in Bildern

    Übersetzung: Eine pakistanische Behörde hat verlangt, dass wir die folgenden Inhalte auf Ihrer WordPress.com-Website deaktivieren …

    Es folgt ein Hinweis darauf, wie man (staatliche) Restriktionen im Internet und speziell auf WordPress-Webseiten umgehen kann — «bypassing Internet restrictions» –, gefolgt vom Text der Beschwerde einer „Pakistan authority“:

    Screenshot einer E-Mail vom 03.02.2020
    (eigenes Werk)

    The Pakistan case

    Begin complaint

    Dear WordPress Team,

    It is highlighted that following links pertaining to Fake information and derogatory remarks against Prophet Muhammad (PBUH) by showing insulting images, which are unlawful under Blasphemous category as defined in Section 37 of Prevention of Electronic Crime Act (PECA-2016), Pakistan Penal code 295, 295A, 295B, 295C and Section 19 of the constitution of the Pakistan.
    Keeping above in view, It is requested to please support in removing URL‘s from your platform at earliest please.
    The below mentioned websites can be found on following URL’s:-
    7. https://islamprinzip.wordpress.com/mohammed-images/
    […]
    Looking forward for your prompt response please.
    Regards
    Web Analysis Team
    +92 51 9214396

    End complaint

    WordPress wird dem Begehren der „Pakistan authority“ nicht folge leisten. Ich sehe dazu ebenfalls keinen Grund.

    Besagte „Pakistan authority“ bzw. das die Beschwerde unterzeichnende Web Analysis Team ist, wie eine Google-Suche nach der in der Beschwerde angegebenen Telefonnummer ergibt, seit Jahren bemüht, Inhalte aus dem Internet entfernen zu lassen, die den Blasphemie-Gesetzen Pakistans zuwiderzulaufen scheinen.

    Insbesondere der Hinweis des Web Analysis Teams auf „insulting images“ scheint mir in Bezug auf die von mir auf meiner Website veröffentlichten Mohammed-Bilder arg weit hergeholt, handelt es sich doch einerseits (vermutlich mit Ausnahme des letzten Bildes „Die Hauptmoschee von Medina mit dem Grab Mohammeds“, eines Stahlstichs aus dem 19. Jhdt.) ausschließlich um Bilder aus dem islamischen Kulturkreis (Osmanisches Reich, Persien, Arabien, Algerien, …), andererseits um Darstellungen, die das Leben des Islam-Erfinders von der Geburt bis zum Tod widerspiegeln. Inwieweit diese Bilder „beleidigend“ sind („insulting images“), bedürfte einer Erklärung.

    Zwar ruft der Artikel 20 Absatz 2 des Internationalen Pakts über bürgerliche und politische Rechte dazu auf, „Die Verfechtung nationalen, rassistischen oder religiösen Hasses, welche zur Diskriminierung, Feindseligkeit oder Gewalt anstiftet.“ zu verbieten. Die Wiedergabe von Bildern des Propheten und Islam-Erfinders Mohammed, zumal wenn es sich um Bilder aus dem islamischen Kulturkreis handelt, scheinen mir dazu jedoch nicht geeignet. Nichtmal die im Jahr 2005 von einer Regionalzeitung in Dänemark veröffentlichten sogenannten Mohammed-Karikaturen scheinen dazu geeignet, da insbesondere die Frage bleibt, ob es sich bei dem in diesen Karikaturen Abgebildeten um einen Propheten handelt und woran man diesen erkennen kann.

    Besonders pikant finde ich, dass die Beschwerde aus einem Land kommt, in dem die Religionsfreiheit einen schweren Stand hat und in dem ein bloßes Gerücht reichen kann, um jemanden vor Gericht zu bringen wo ein Todesurteil dann in so einem Fall nicht selten ist, oder von einem aufgebrachten Mob gelyncht zu werden. Dass Menschen aus welchen Gründen auch immer frustriert sein können und ihren Frust und den daraus entstehenden Hass an willkürlichen Opfern — Sündenböcken — auslassen, ist ein die Kulturgeschichte der Menschheit durchziehendes Verhalten. Eine Entschuldigung ist es nicht und kann es nicht sein.

    William Holman Hunt: The Scapegoat, 1854.

    William Holman Hunt: The Scapegoat, 1854.

    Bemerkenswert finde ich, dass Menschen mit einem Glauben an ein Allmächtiges Gott meinen, in Fällen von „Blasphemie“ gegen den vermeintlichen Täter vorgehen zu müssen statt darauf zu vertrauen, dass sich das Allmächtige Gott höchstselbst der Sache annimmt und gegen den vermeintlichen Täter aktiv wird. Damit bringen sie m.E. einerseits zum Ausdruck, dass ihr Glaube nicht allzu stark ist, andererseits machen sie sich damit selbst der von ihnen angeprangerten „Blasphemie“ schuldig, weil sie ihrem Gott die Allmacht absprechen oder diese zumindest anzweifeln und ihm kein Vertrauen entgegenbringen, ja ihren Gott verleugnen. Sie sind — vielleicht aufgrund einer Unfähigkeit zur Selbstreflexion — Blasphemiewächter und Gottesleugner zugleich.

    _____
    Beitragsbilder (alle gemeinfrei):

    Persian or central Asian illustration showing Muhammad (on the right) preaching., Wikimedia.org

    William Holman Hunt (1827-1910), The Scapegoat (painting), Wikipedia.org

    ~ ~ ~

    Hinweis:
    Diesen Beitrag habe ich am 16. Februar 2020 in Englischer Übersetzung (Rohfassung) auch auf der englischsprachigen Version meiner Website veröffentlicht.


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    Der Würfelmond — eine ernste Kurzsatire

    Kugel-Wuerfelmond_BeschriftungIch glaube [*], dass der Mond ein Würfel ist.

    Außerdem glaube ich, dass jeder, der dies ebenfalls glaubt, eine Chance hat, ins Paradies zu gelangen, während jeder, der dies nicht glaubt, in die Hölle kommt.

    Nun hat jeder die freie Wahl.

    Niemand wird zu irgendetwas genötigt [*]. Niemandem wird ein Schaden zugefügt. Es wird damit kein Machtanspruch erhoben.

    ~ ~ ~

    Kugel-Wuerfelmond_Beschriftung

    Es mag absurd erscheinen, zu glauben, dass der Mond ein Würfel sei.
    Nun denn …

    … dass er den Geschlagenen die freie Wahl zwischen Tod und seinem Glauben lässt: Das ist mit Sicherheit etwas, das kein Mensch entschuldigen kann, […], es sei denn, der Aberglaube hat ihm jedes natürliche Licht erstickt.
    _____
    Voltaire in einem Brief an Friedrich den Großen, in dem er sich über den Islam-Erfinder Mohammed äußert.
    (Correspondance II. 1739–1748)

    Ähnlichkeiten mit manchen Religionen sind (k)ein Zufall.

    _____
    [*] Vgl. Artikel 4 Satz 1 GG (Freiheit des Glaubens …), sowie § 240 StGB (Nötigung)


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    Sahra Wagenknecht: Wie weiter?

    SarahEin Beitrag zur Strategiedebatte der LINKEN von Sahra Wagenknecht vom 5.2.2020 auf ihrer Homepage https://www.sahra-wagenknecht.de/ – aufgefunden und hier onlinegestellt am 8.2.

    Programmatisch vertritt DIE LINKE viele Positionen, die von großen Teilen der Bevölkerung unterstützt werden. Und trotzdem läuft es seit geraumer Zeit nicht gut für uns. Weder haben wir vom Absturz der SPD profitiert, noch konnten wir die AfD stoppen. Im Gegenteil, in Ostdeutschland ist die AfD heute genau da besonders stark, wo einst die PDS/Linke ihre Hochburgen hatte. Die desaströsen Ergebnisse der Europawahl und der Landtagswahlen in Sachsen und Brandenburg waren eine Warnung: Wir können nicht so weitermachen wie in den letzten Jahren.

    DIE LINKE wird von Menschen in unterschiedlichen Lebenswelten gewählt. Dazu gehören auf der einen Seite gut gebildete Akademiker und junge Menschen, meist aus Familien der oberen Mittelschicht, die in den relativ teuren Innenbezirken der Großstädte leben. Mit deutlich sinkender Tendenz dagegen wählen uns prekär Beschäftigte, Menschen, die von schlecht bezahlten Dienstleistungsjobs, Hartz IV oder kleinen Renten leben müssen. Unser Stimmenanteil bei Industriearbeitern ist inzwischen minimal. Hier ist heute die AfD stärkste Partei.

    Natürlich freuen wir uns über jede Wählerstimme. Trotzdem muss uns klar sein: Diese Verschiebungen im Wählerspektrum bedeuten, dass DIE LINKE zunehmend von Menschen gewählt wird, denen es materiell relativ gut geht und die über höhere Bildungsabschlüsse verfügen. Zwar schützt ein Hochschulstudium heutzutage nicht mehr vor Prekarität. Trotzdem bedeuten ein akademischer Abschluss, Sprachkenntnisse, Auslandssemester und nicht zuletzt ein wohlhabender Familienhintergrund beachtliche Startvorteile und weit vielfältigere Optionen auf dem Arbeitsmarkt als sie denen offenstehen, die über all das nicht verfügen. Nicht hochqualifizierte Großstädter, sondern die alte Mittelschicht, Menschen mit einfacher Berufsausbildung, die in sozialen Brennpunkten oder kleinstädtisch geprägten Regionen wohnen, wo die öffentliche Infrastruktur seit Jahren kaputtgespart wird, sind die Hauptleidtragenden von Neoliberalismus, Globalisierung und EU-Verträgen. Sie sind heute vielfach mit sozialem Abstieg konfrontiert oder müssen solchen an ihren Kindern erleben. Diese Menschen sind aus gutem Grund unzufrieden, oft auch wütend. Für sie wurde DIE LINKE einst gegründet und viele von ihnen haben uns 2009 gewählt. Heute wählen sie in ihrer Mehrheit entweder gar nicht mehr – oder rechts.

    Die Gründe hierfür kann man immer wieder hören und lesen. Viele fühlen sich vom moralischen Zeigefinger der Linken bevormundet. Sie wollen sich nicht rechtfertigen müssen für das, was sie essen, wie sie leben oder wie sie sich fortbewegen. Sie wollen nicht von Studis belehrt werden, wie sie zu reden und zu denken haben. Sie werden abgestoßen von akademisierten Debatten, die fernab ihrer Lebensrealität und in einer Sprache stattfinden, in der sie nicht mitreden können. Sie fühlen sich missachtet, wenn andere gesellschaftliche Gruppen in der Hierarchie linker Empathie auffällig weit vor ihnen stehen.

    Wenn wir die sogenannten »kleinen Leute« wieder erreichen wollen, dann müssen wir ihre Interessen in den Mittelpunkt stellen: die Wiederherstellung eines starken leistungsbezogenen Sozialstaats, öffentliche Investitionen in Bildung, Gesundheit und Pflege, die Verteidigung und Schaffung sicherer Normalarbeitsverhältnisse, klare Ablehnung neuer Verbrauchssteuern wie der CO2-Steuer, harte Kritik an elitären Lifestyle-Debatten, die letztlich nicht dem Klima, sondern nur der Herabwürdigung der Ärmeren und ihrer Konsumgewohnheiten dienen. Das alles verlangt einen handlungsfähigen Staat, der für die Menschen Verantwortung übernimmt, sie vor globaler Dum­pingkonkurrenz schützt und die Gesellschaft sozial zusammenhält.

    Soweit Genossin Sahra Wagenknecht. Sie schreibt hier fast dasselbe, das auch meinereiner immer schreibt!

     

    Entnommen bei www.atheisten-info.at ( Erwin Peterseil).




    Kleine Anfrage

    Umgang-mit-Kritik_1In der Auseinandersetzung mit Religionen und anderen Ideologien, mit manchen religiösen Vorschriften und Gesetzen, mit totalitären Systemen, Diktaturen, Despotien und Tyranneien, mit Bevormundungen, Einschüchterungsversuchen und Schlimmerem sowie aus der Kritik und Anfeindungen, denen man deswegen ausgesetzt sein kann, ergibt sich für mich eine Frage:

    Wie wollen Sie mit Menschenrechtsverletzungen
    und mit Kritik an Menschenrechtsverletzungen
    umgehen ?


    Eckhardt Kiwitt
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    Kritik und Angst — Wider die Selbstgerechtigkeit

    Mahomet-Zitat_10x10Im Mai 2012 fällte das Landgericht Köln ein vielbeachtetes Urteil zur Knabenbeschneidung, wie sie insbesondere im Judentum und im Islam üblich, aber auch z.B. in den Philippinen und den USA bei Christen weit verbreitet ist, und wertete dieses Ritual, das mich mehr an Voodoo denn an Religion (Gottes- / Göttinverehrung) erinnert, als strafbewehrte Körperverletzung (gemäß § 223 StGB). Im Verlauf der anschließenden öffentlichen Debatte wurde, soweit ich diese verfolgt habe, von keinem Politiker, keinem Journalisten und auch keinem Juristen die Frage aufgeworfen, was das Zufügen einer irreversiblen Körperverletzung mit dem im Artikel 4 Satz 2 des Grundgesetzes für die Bundesrepublik Deutschland zwar „gewährleisteten“, aber keineswegs uneingeschränkt garantierten Recht der „ungestörten Religionsausübung“ zu tun hat. Auch wurde m.W. nicht erörtert, inwieweit es das Erziehungsrecht der Eltern beinhaltet, kleine Kinder oder wehrlose Babys zu verstümmeln, Kinder dadurch „erzogen“ werden.

    » Aus Angst ?

    Stattdessen wurde – m.E. mehr in Wort­hülsen und in Sprechblasen, die bei mir teils den Eindruck von Drohungen hinterließen statt mit Fakten unterlegt zu sein – „argumentiert“, die Religionsfreiheit würde eingeschränkt oder es würden Menschen deswegen gar ihrer Identität oder ihrer Lebensgrundlage beraubt.

    Die Zirkumzision mag in Einzelfällen aus medizinischen Gründen geboten sein, aber: Wenn ich jemandem auf der Straße begegne, sehe ich ihm gar nicht an, ob er beschnitten ist oder nicht, kann seine mögliche Religionszugehörigkeit an diesem Merkmal folglich nicht erkennen — und habe auch nicht das Bedürfnis, dies näher zu untersuchen.

    Falls das Zufügen einer irreversiblen Körperverletzung [*] – entgegen der Aussage in unserem Strafgesetzbuch – keine Straftat sein sollte, was ist es dann? Oder ist Körperverletzung nur dann keine Straftat, wenn sie „religiös“ intendiert ist? Soll also das Begehen von Straftaten dann legitimiert sein, wenn dies als zur „ungestörten Religionsausübung“ gehörend deklariert wird? Das könnte einen beträchtlichen Interpretations- und Handlungsspielraum eröffnen.

    Siehe auch den Beitrag Umkehrschluss

    [*] Falls es judentumsfeindlich, christentumsfeindlich oder islamfeindlich ist, das Begehen von Straftaten zu kritisieren: Was bedeutet dies dann im Umkehrschluss ?

    Bleibt abschließend eine Frage:
    Wie wollen Sie mit Menschenrechtsverletzungen und mit Kritik an Menschenrechtsverletzungen umgehen ?

    Zum Thema auch: BGB § 1631d, in Kraft getreten am 28.12.2012 sowie die Begründung dazu.

    Zur Vertiefung empfehle ich an dieser Stelle das Buch «Identitätslinke Läuterungsagenda — Eine Debatte zu ihren Folgen für Migrationsgesellschaften» von Sandra Kostner
    ibidem Verlag, ISBN 978-3-8382-1307-1

    Das Beitragsbild zitiert einen Satz aus Voltaires Mahomet, den der Sopir im ersten Aufzug, erster Auftritt, in der Übersetzung von Johann Wolfgang Goethe im Dialog mit Phanor sagt.

    Zum weiteren Verständnis dieses Beitrags:
    Herkunft, Abstammung, Religionszugehörigkeit und Fehlverhalten
    Wertschätzung, Unschuldsvermutung und Gerücht
    Begriffsverwirrung: Diskriminierung, Islamfeindlichkeit, Rassismus
    Missverstandene Religionsfreiheit


    Eckhardt Kiwitt
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    Dieser Beitrag ist ein Auszug aus dem Text «Angst», den ich im Herbst 2012 verfasst habe.




    Despotismus, Paradiesversprechen, und das Stockholm-Syndrom

    Hell-and-Paradise

    Despotismus im Diesseits
    und
    Paradiesversprechen fürs Jenseits

    Das Stockholm-Syndrom wird als psychologisches Phänomen erklärt, bei dem «Opfer von Geiselnahmen ein positives emotionales Verhältnis zu ihren Entführern aufbauen.» Erklärt wird das positive emotionale Verhältnis u.a. damit, dass „schon kleinste Zugeständnisse“ seitens der Geiselnehmer als „große Erleichterungen empfunden“ werden. Dieses psychologische Phänomen beruht m.E. auf dem „Prinzip Hoffnung“, das in uns Menschen angelegt ist und das sich wohl durch die gesamte Kulturgeschichte der Menschheit zieht, sowie auf dem Selbsterhaltungstrieb, der eine Lebensnotwendigkeit ist; Geiselnehmer machen sich dies auf zynische Weise zunutze.

    Sich seelische oder sonstige Qualen (als Anreizsystem) aufzuerlegen mag je nach Disposition jedem selbst überlassen sein. Andere damit zu behelligen, sie zu kujonieren oder zu malträtieren, sie einzuschüchtern oder zu erpressen um sie zu einem bestimmten Handeln zu bewegen, um ein bestimmtes Verhalten zu erzwingen, ihnen das Leben auf Erden zur Hölle zu machen und in ihnen die Hoffnung zu wecken, dass es für sie „in der Zukunft“ besser werden könnte, besser werden möge, ist jedoch eine andere Sache, die in deren Persönlichkeitsrechte eingreift. In der Kindererziehung werden derlei Methoden noch hier und da angewandt in der Absicht, dem Kind Anreize für ein bestimmtes Verhalten / Wohlverhalten zu geben — wozu jedoch eine direkte positive Motivation besser geeignet erscheint; manche Staatenlenker machen sie sich zueigen, um ihre Bürger, „ihre“ Völker, ihre Untertanen zu führen, zu lenken. Und auch in manchen Firmen ist es ein gängiges Führungsprinzip, bei dem das Vertrauen in die Vernunft allerdings außen vor bleibt.

    Sich hingegen selbst eine Aufgabe zu stellen oder aufzuerlegen, die man erfüllen möchte um z.B. zu gestalten, oder anderen eine Aufgabe zu stellen, die es zu erfüllen gilt, ist Verhandlungssache bzw. basiert auf Freiwilligkeit oder auf der Einsicht in eine Notwendigkeit.

    In manchen Religionen und Ersatzreligionen [*] ist die Kombination aus Despotismus im Diesseits und Paradiesversprechen fürs Jenseits zur Perfektion gesteigert und ausgearbeitet, ist der Zynismus vollendet, um Macht- und Herrschaftsstrukturen aufrecht zu erhalten und langfristig zu sichern — auch auf die Gefahr hin, dass dies zur Selbstzerstörung des Systems führen kann (vgl. z.B. Sure 9 Vers 111 des Korans).

    Religionen geben den Menschen Orientierung, wird uns bisweilen gesagt. Das tut unsere Verfassung, das Grundgesetz, auch – allerdings ohne Menschen zu bevormunden, sie einzuschüchtern oder sonstwie zu drangsalieren. Obendrein gewährleistet das Grundgesetz Rechte und Freiheiten, die so manche Religionen nichtmal gewähren.

    _____
    [*] Friedrich Dürrenmatt meinte «Ideologie ist Ordnung auf Kosten des Weiterdenkens.»

    Beitragsbild:
    Collage aus
    «Mohammed (upper right) visiting Paradise while riding Buraq, accompanied by the Angel Gabriel (upper left)» (Ausschnitt, Quelle: http://www.zombietime.com/mohammed_image_archive/islamic_mo_full/0129_001.jpg — siehe auch «Mohammed in Bildern», # 15.2)
    und
    «Hölle», von Herrad von Hohenburg (Herradis Landsbergensis), Wikipedia, (Ausschnitt, Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Hortus_Deliciarum_-_Hell.jpg)


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    In der eigenen (Kleidungs)-Schublade

    Schlagwortkatalog_8x5_cMeinungen, Wahrheiten, Fremdwahrnehmung und Selbstwahrnehmung

    In einem Podcast, den Der Spiegel auf seiner Website bento — Das junge Magazin vom SPIEGEL am 1. Januar 2020 veröffentlicht hat, führen zwei junge Frauen[*] einen (gespielten) Meinungsaustausch über Kleidung im Allgemeinen und das islamische Kopftuch im Besonderen.

    Die zuerst auftretende junge Frau beginnt mit einer Forderung an ihre Zuhörer:

    Hört auf, andere nach ihren Klamotten zu beurteilen.

    um nach wenigen Sätzen fortzufahren

    „Kleider machen Leute“ ist einfach nicht mehr. Und wir sollten endlich aufhören, Leute danach zu beurteilen, was sie anziehen.

    Die zweite junge Frau wirft ein, dass es Menschen gibt, die …

    … sich bewusst auf eine bestimmte Art und Weise anziehen, um zu zeigen, wer sie sind

    was von der ersten jungen Frau mit einem resoluten

    Das stimmt!

    bestätigt wird. Diese Feststellung ergänzt die erste junge Frau mit den Worten

    Ich trage ja auch Kopftuch und freue mich, wenn ich eine andere Hijabi sehe und sie islamisch grüßen kann.

    Diese Aussage ist mit der von ihr anfänglich erhobenen Forderung, Menschen nicht „nach ihren Klamotten“ zu beurteilen, aus meiner Sicht nicht in Einklang zu bringen — denn sie identifiziert ja „eine andere Hijabi“ an eben ihren „Klamotten“ als Muslimin und entscheidet (urteilt) daraufhin, sie zu grüßen. Sie bugsiert andere Menschen — und auch sich selbst — also allein aufgrund ihrer Kleidung in jene Schublade („Kleidungsschublade“), in die man Menschen gemäß eines Eingangswortes dieses Podcasts nicht stecken sollte.

    Screenshot (eigenes Bild)

    Würde sie aber diese Frau, der sie z.B. auf der Straße begegnet, auch dann „islamisch grüßen“ («as-Salamu aleikum» = «Friede sei mit dir/euch!»), wenn diese keinen Hijab, wenn sie kein islamisches Kopftuch tragen, wenn sie als Muslimin nicht zu erkennen wäre? Würde sie andere Frauen und sonstige andere Menschen überhaupt grüßen, ihnen Frieden wünschen («as-Salamu aleikum»), wenn sie sie nicht als Muslime identifizieren kann, oder ist ihre Freundlichkeit und Höflichkeit im Umgang mit anderen Menschen an deren — erkennbare — Religionszugehörigkeit geknüpft? Aus dem, was sie in dem Podcast sagt, geht dazu nichts hervor.

    ~ ~ ~

    In einem Debattenbeitrag vom 14. Oktober 2019, den der Berliner Tagesspiegel auf seinem Portal CAUSA veröffentlicht hat (incl. 21 teils sehr kritischen, dennoch sachlichen Leserkommentaren), vertritt dieselbe junge Frau die Meinung (oder stellt die Behauptung auf), dass Spiritualität nur noch im Yoga-Raum geduldet würde, und beginnt ihren dortigen Text mit dem Satz „Ich bin Muslimin. Das spüre ich. Das sieht man mir an. Ich verstecke es nicht. Ich trage ein Kopftuch.“

    Die Identifizierbarkeit als Muslimin scheint ihr sehr wichtig zu sein, jederzeit und überall, und es kann der Eindruck entstehen, dass sie ihre Identität ganz darauf reduziert.

    Den Eingangssatz ihres Debattenbeitrags möchte ich — nicht ohne Humor und doch ernst gemeint — kontern und ihre Worte dabei ein wenig imitieren mit

    Ich bin Atheist, und ich stehe zu unserer Verfassung, dem Grundgesetz (vgl. den Beitrag «Ω» auf dieser Website), sowie zur Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte. Das weiß ich. Ob man mir das aber auch ansieht? Ich stelle es nicht ständig und überall symbolisch zur Schau. Wozu auch? Ich muss mir dies nicht ständig und überall selbst beweisen.

    ~ ~ ~

    Gegen Ende des o.a. Podcasts sagt die zuerst aufgetretene junge Frau:

    Ich würde lieber den Menschen kennenlernen statt seine Verkleidung.

    um wenige Sätze später die Frage nachzuschieben

    Bist du beim Date noch du selbst, wenn du eigentlich immer mit Hoodie[**] rumläufst?

    Diese Frage mag berechtigt sein. So wie aber dann auch die Frage die gleiche Berechtigung hat, ob die junge Frau sie selbst ist, wenn sie „eigentlich immer“ mit (islamischem) Kopftuch rumläuft. Wozu diese Verkleidung? Siehe ihre eigene Bemerkung zu jemandem, der „immer mit Hoodie“ rumläuft …

    _____
    Den vollständigen Podcast können Sie hier anhören.
    Den Podcast-Text zum Nachlesen gibt es hier.
    [*] Den (gespielten) Meinungsaustausch auf bento führten Merve Kayikci und Inken Dworak.
    [**] Ein Hoodie ist ein Kapuzenpullover.

    Zur Personen-Nennung in diesem Beitrag siehe die Grundannahme.

    Beitragsbild (Ausschnitt): Zettelkatalog (Schlagwort) an der Universitätsbibliothek Graz (Dr. Marcus Gossler), GNU Free Documentation License.
    Bildquelle: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/7/7e/Schlagwortkatalog.jpg

    + + +

    Ergänzend vier kurze Zitate aus einem 15 Punkte umfassenden Text der Frauenrechtsorganisation TERRE DES FEMMES zum Thema:

    (1)

    3. Kann man die Vollverschleierung verbieten, wenn sie freiwillig getragen wird?

    […] Bereits 1989 schrieb der algerisch-französische Historiker Mohammed Harbi: „Was sich hinter den einschmeichlerischen Worten der Islamisten verbirgt, die vorgeben, der Schleier sei Ausdruck des Respekts […] ist der Wille und die Absicht, [die Frau] in einem Zustand der Subordination zu halten […] vergessen wir nicht, dass die gleichen Leute, die hier im Namen der individuellen Freiheit dafür plädieren, dass Mädchen in der Schule den Schleier tragen können […] anderswo verlangen, dass alle muslimischen Frauen sich verschleiern und nicht davor zurückschrecken, diejenigen, die sich widersetzen, mit Terror und Gewalt zu verfolgen.“

    (2)

    9. Werden vollverschleierte Frauen durch ein Verbot von gesellschaftlicher Teilhabe ausgeschlossen?

    […] Bereits in den Debatten um das Kopftuch fällt immer wieder das Argument, dass der Schleier den Frauen die Freiheit gebe, im öffentlichen Bereich aktiv sein zu können und Berufe auszuüben. Dieser Argumentation nun sogar im Falle der VV zu folgen, ist absolut inakzeptabel und stellt eine raffinierte Umdeutung dar: Die Verantwortung für die Domestizierung der Frau wird der Gesellschaft übertragen. Es sind nicht mehr die religiösen FundamentalistInnen, die „ihre“ Frauen aus der Öffentlichkeit ausschließen, sondern eine angeblich religions- bzw. islamfeindliche Gesellschaft.

    (3)

    11. Ist ein Verbot der Vollverschleierung Ausdruck von (neo-)kolonialistischer Bevormundung und „Zwangsverwestlichung“?

    […] Hinter dem Vorwurf der „(neo)kolonialistischen Bevormundung“ verbirgt sich die Haltung, dass Menschen aus islamisch geprägten Gesellschaften die Entwicklung der Idee einer aufgeklärten Gesellschaft abgesprochen wird, da man behauptet, dass diese nur durch massive „Fremdeinwirkung“ entstanden bzw. aufgezwungen worden sein kann.

    (4)

    11. Ist ein Verbot der Vollverschleierung Ausdruck von (neo-)kolonialistischer Bevormundung und „Zwangsverwestlichung“?

    […] Muslimische Männer wie der Ägypter Qasim Amin (gest. 1908) vertraten die Meinung, dass die Verschleierung von einer männlichen Angst vor eigener Triebhaftigkeit zeuge. Wer Frauen verschleiere, halte die Männer für Schwächlinge. Und der Schleier sei ein Hindernis für Fortschritt und Gleichberechtigung.

    Unterbrochen wurde dieser Prozess der Entschleierung durch das Erstarken des zunächst vom Iran, dann von Saudi-Arabien ausgehenden islamischen Fundamentalismus. Dieser zeichnet mit dem Bild der Aufklärung als „Verwestlichung“ im Grunde ein Bild der Überfremdung durch „kulturfremdes“, „unislamisches“ Gedankengut – ein Bild, das sich nicht von den Theorien der extremen Rechten unterscheidet. Die unverschleierte (muslimische) Frau wurde zur „westlichen“ Frau stilisiert und zum Inbegriff der verhassten Moderne und einer propagierten westlichen Gegnerschaft zum Islam. Entsprechend wurden Schleier und VV zum Symbol des Islamismus.

    Quelle:
    Argumente von TERRE DES FEMMES – Menschenrechte für die Frau e.V. zur Debatte um die Vollverschleierung (2018)


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    SEBASTIAN, KURZ KANZLER

    sebastian-kurz-wahl-100~_v-img__16__9__l_-1dc0e8f74459dd04c91a0d45af4972b9069f1135So wahr mir Gott helfe

    Dieser Unwahrspruch war bei der Angelobung der neuen Regierung von ÖVP und Grünen zu hören: Kanzler Kurz ergänzte sein Gelöbnis mit dem Spruch "so wahr mir Gott helfe", das Gleiche taten Elisabeth Köstinger (Landwirtschaftsministerin) und Klaudia Tanner (Verteidigungsministerin, beide ÖVP).

    Wie hier auf dieser Site ja schon mehrfach ausgeführt, ist der Zusatzspruch real gesehen keine Bekräftigung, sondern eine Entschärfung des Gelöbnisses. Wenn man sagt "ich gelobe, so wahr mir Gott helfe", dann müsste ja der Gott diese Wahrheit wahrnehmbar bestätigen! Weil wenn es nicht wahr ist, dass ein Gott dem Kurz und den zwei Ministerrinnen hilft, dann ist auch das Gelöbnis nicht wahr…

    Für die Interpunktion im Titel zeichnet nicht der Autor verantwortlich, Erwin Peterseil, www.atheisten-info.at




    Lafontaine meldet sich zu Wort

    File source: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:2017-03-26_Oskar_Lafontaine_by_Sandro_Halank%E2%80%933.jpg

    File source: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:2017-03-26_Oskar_Lafontaine_by_Sandro_Halank%E2%80%933.jpg

    Hier ein Text vom 2.12.2019 von der Homepage des Oskar Lafontaine:

    "Die SPD muss jetzt mit dem Neoliberalismus brechen"
    Oskar Lafontaine bei "Spiegel online" zur neuen Parteispitze der SPD

    Oskar Lafontaine traut dem neuen Spitzenduo der SPD eine Rückkehr zu den sozialdemokratischen Wurzeln und eine Trendwende bei den Umfragen zu – allerdings nur ohne die Union.

    Ein Interview von Kevin Hagen und Christian Teevs
    SPIEGEL: Herr Lafontaine, die SPD rückt augenscheinlich nach links. Haben Sie 20 Jahre nach Ihrem Rückzug von der Parteispitze Ihr Ziel erreicht?
    Oskar Lafontaine: Mein Ziel war es, das Abdriften der SPD in die neoliberale Pampa und ihren Absturz zu verhindern. Entscheidend ist jetzt, dass die SPD endlich die Konsequenzen daraus zieht, dass sie in den Umfragen nur noch bei 14 Prozent liegt. Sie muss jetzt mit dem Neoliberalismus brechen.

    SPIEGEL: Was heißt das denn konkret? Was muss die neue Spitze aus Ihrer Sicht anders machen?
    Lafontaine: Die Sozialdemokraten müssen den Sozialstaat wieder aufbauen, zur Friedenspolitik Willy Brandts zurückkehren und sich von der schwarzen Null verabschieden. Wegen letzterer hat Deutschland die Infrastruktur – Schulen, Krankenhäuser, Straßen und schnelle Netze – verrotten lassen.

    SPIEGEL: Muss die SPD jetzt raus aus der Großen Koalition?
    Lafontaine: Es geht nicht um die Große Koalition an sich. Aber die CDU will in den kommenden Jahren 35 Milliarden Euro mehr für das Militär ausgeben, Spitzenverdiener um weitere zehn Milliarden entlasten, die Unternehmenssteuern erneut senken und Annegret Kramp-Karrenbauer kündigt wieder Sozialabbau an, weil das soziale Sicherungssystem ihrer Ansicht nach "an die Grenzen des Machbaren und des Möglichen stößt". Wenn die SPD mit dieser Union noch länger zusammenarbeitet, wird sich ihr Niedergang fortsetzen.

    SPIEGEL: Das Ergebnis ist knapp. Droht der SPD eine erneute Spaltung, diesmal von rechts?
    Lafontaine: In der SPD gab es schon immer einen rechten und einen linken Flügel. Beide Seiten haben erklärt, dass sie zusammenarbeiten wollen. Das ist die einzige Möglichkeit, die Partei aus der Krise zu führen.

    SPIEGEL: Wenn sich die SPD so verändert, wie Sie es sich wünschen, wozu braucht es dann noch die Linkspartei? Wäre es nicht am besten, wenn beide Parteien fusionierten?
    Lafontaine: Das halte ich für wünschenswert. Leider gibt es in beiden Parteien dafür nicht die Voraussetzungen.

    SPIEGEL: Warum nicht?
    Lafontaine: Es fehlt an einem gemeinsamen Programm und am Willen der führenden Politiker, eine Vereinigung zu organisieren.

    SPIEGEL: Haben Sie persönlich eine Rückkehr zur SPD für sich vollends ausgeschlossen?
    Lafontaine: Wenn die beiden Parteien wieder zusammenfinden, hat sich diese Frage erledigt.

    SPIEGEL: Aber klar ist doch: Ihr Abgang hat den linken Flügel in der SPD geschwächt. Haben Sie Ihre Entscheidung von damals je bereut?
    Lafontaine: Natürlich habe ich mich immer wieder gefragt, ob die Entscheidung richtig war. Aber jetzt muss man in die Zukunft blicken, das gilt auch für die SPD. Es geht heute um neue Themen. Nach der Enteignung der Arbeitnehmer durch zu niedrige Löhne und Renten und durch Sozialabbau erleben wir heute zusätzlich die Enteignung des Privatlebens durch die großen US-Internetkonzerne. Dadurch werden die Menschen manipuliert. Eigenständiges Denken wird erschwert und die Demokratie ausgehöhlt.

    SPIEGEL: Altkanzler und Ex-SPD-Chef Gerhard Schröder ist auf Distanz zum neuen Führungsduo gegangen. Wie beurteilen Sie das?
    Lafontaine: Es ist klar, dass Gerhard Schröder die Wahl von Esken und Walter-Borjans ablehnt. Er steht für den Bruch der SPD mit der sozialdemokratischen Politik und für ihre Öffnung zum Neoliberalismus. Das Resultat sind Wahlniederlagen und der Absturz von 40,9 auf 14 Prozent.