Die Schwerkraft ist kein Bauchgefühl

aigner-download_0Rezension von Gerfried Pongratz: Wissenschaft ist wunderschön und unentbehrlich – besonders in Zeiten von Fakes und Unsinnverbreitung!

Florian Aigner: „Die Schwerkraft ist kein Bauchgefühl

Eine Liebeserklärung an die Wissenschaft?“

© Verlag Brandstätter, Wien 2020, ISBN 978-3-7106-0467-6, 255 Seiten.

Erfolgreiche populärwissenschaftliche Autoren beleuchten die Faszination wissenschaftlichen Fortschritts, indem sie neben wissenschaftlicher Betrachtungsweise auch die Perspektiven interessierter Laien einnehmen und mit vereinfachtem Fachvokabular Spannungsbögen erzeugen. Der junge promovierte Quantenphysiker und Wissenschaftspublizist Florian Aigner verfügt über diese Fähigkeit; im vorliegenden Buch vermittelt er – tiefgründig und humorvoll – wissenschaftliche Erkenntnisse und die Grundlagen wissenschaftlichen Denkens. Sein erstes Buch „Der Zufall, das Universum und du“, wurde 2017 zum Wissenschaftsbuch des Jahres gewählt, sein nunmehr zweites besitzt das Potential, diesen Erfolg zu toppen.

 

„Wissenschaft bezeichnet die Gesamtheit des menschlichen Wissens, der Erkenntnisse und der Erfahrungen einer Zeitepoche, welches systematisch erweitert, gesammelt, aufbewahrt, gelehrt und tradiert wird“, heißt es in Wikipedia. „Was können wir wissen? Was sollen wir glauben? Und worauf dürfen wir uns in dieser verwirrenden Welt verlassen?“, lautet der Eingangssatz im Vorwort des Buches, der wenig später zu „Wir wissen mehr über unsere Welt als je zuvor. Und gleichzeitig wird mehr Unsinn über unsere Welt verbreitet als je zuvor“, erweitert wird. Mit diesen beiden Sätzen ist der Zweck des Werkes umrissen: Der ständig wachsenden Flut von Fakes sowie dem überbordenden Überhandnehmen von Unsinn, Esoterik und Pseudowissenschaft entgegenzutreten und die Bedeutung von Wissenschaft und wissenschaftlichem Denken entgegenzusetzen.

 

Florian Aigner berichtet von spektakulären wissenschaftlichen Entdeckungen, er erzählt spannende Geschichten aus der Welt der Wissenschaft, er beschreibt geniale Ideen mit phantastischen Triumphen, er berichtet aber auch von atemberaubenden wissenschaftlichen Irrtümern und Fehlern, niemand ist im Besitz perfekter Wahrheit. Wissenschaft ist größer als alles, was einzelne Menschen im Kopf haben können; sie umfasst die Sammlung kluger Methoden, Theorien und Ideen, die helfen, die Welt besser zu verstehen und Probleme zu lösen: „Wissenschaft ist das, was stimmt, auch wenn man nicht daran glaubt. Wissenschaft ist das, worauf wir uns gemeinsam verlassen können“.

 

Das Buch gliedert sich in 13 Kapitel mit aussagekräftigen Überschriften und vorangestellten Zusammenfassungen, humorvolle Zeichnungen ergänzen die Texte und erleichtern das Verständnis. Ausgehend vom im Titel des Buches genannten Bauchgefühl, spannt sich ein weiter Bogen verschiedenster Themen der Wissenschaft; sie erläutern die Macht der Logik, die Bedeutung von Mathematik, sie erklären Kritischen Rationalismus und wissenschaftliche Theorienbildung, sie beschreiben wissenschaftliche Methodik vom Experiment bis zu Ockhams Rasiermesser, sie führen zur Erkenntnis, dass es in der Wissenschaft nichts Endgültiges gibt, dass auch kluge Leute Unsinn reden können und dass Expertenmeinungen keine Garantien für absolute Wahrheiten liefern können.

 

Am Beispiel des Bauchgefühls, mit dem es Tag für Tag gelingt, mit wenig Informationen in kurzer Zeit gute Entscheidungen zu treffen, erläutert Florian Aigner, wie unser evolutionär geprägtes Denken uns auch oftmals in die Irre führen kann. Warum können wir uns auf unsere Intuition nicht verlassen, ist sie doch, ähnlich wie unser rationaler Verstand, eine Form von Intelligenz. Die Antwort auf diese Frage füllt ein Kapitel, das von Einsteins Arbeitsweise bis zum Dunning-Kruger-Effekt reicht.

 

Es würde den Umfang dieser Besprechung bei weitem sprengen, auf alle behandelten Themen hinzuweisen. Das Buch bietet Erläuterungen zu nahezu allen Bereichen, die Wissenschaft und wissenschaftliches Denken ausmachen; es hilft, deren Erkenntnisse einzuordnen, bzw. zu verstehen und Wissenschaft von Pseudowissenschaft und Unsinn zu unterscheiden. Es verdeutlicht dabei auch, weshalb sich Wissenschaft ständig verändert, verändern muss und wir uns trotzdem auf gut fundierte wissenschaftliche Theorien verlassen können.

 

Das nach Ansicht des Rezensenten besonders wichtige Schlusskapitel des Buches trägt den Titel „Wissenschaft mit Bauchgefühl“; es widmet sich den oft zu vernehmenden Klischees, Wissenschaft sei kalt, sei materialistisch, sei für ein glückliches, erfülltes Leben nicht notwendig, ja sogar hinderlich – kurzum: Wissenschaft und Gefühl seien zwei grundverschiedene Dinge. Florian Aigner begegnet solchen Meinungen mit „Wer zwischen Gefühl und Verstand einen Widerspruch sieht, dem fehlt es vielleicht an beidem“; in Unterkapiteln wie „Zu viel Rationalität ist auch irrational“, „Fakten sind auch nicht immer das Wahre“, „Wozu Wissenschaft?“, „Wissenschaft – das sind wir alle“, vermittelt er die dazu passenden Erkenntnisse: „Wissenschaft ist ein dicht geknüpftes Netz – genau das macht sie stabil, verlässlich und tragfähig. …. Manchmal sind (aber) auch unsere besten wissenschaftlichen Theorien nicht zuständig. Manchmal bleibt uns nichts anderes übrig, als uns auf unser Bauchgefühl zu verlassen“.

 

„Wissenschaft ist wunderschön…. das vielleicht allerwichtigste Argument für Wissenschaft ist aber ein anderes: Wir haben gar keine Wahl…. Die Evolution hat uns Menschen mit der Fähigkeit zum wissenschaftlichen Denken ausgestattet, und damit lösen wir schwierige Probleme“.

 

Warum ist Wissenschaft wunderschön, warum ist sie unentbehrlich, warum gibt es Wahrheiten, denen niemand widersprechen kann? „Die Schwerkraft ist kein Bauchgefühl“ bietet die dazu passenden Antworten; das Buch beinhaltet neben spannend und unterhaltend vermitteltem Wissen eine uneingeschränkt persönliche Liebeserklärung an die Wissenschaft und motivierende Anregungen, sich ihr zu nähern, bzw., wenn möglich, auch selbst Wissenschaft zu betreiben.

 

 

Gerfried Pongratz 10/2020




Immanuel Kant *22.4.1724

Da unser Blog, wie schon aus dem Namen hervorgeht, sich in ganz besonderer Weise dem aufgeklärten Wissen verschrieben hat, liegt es nahe, gelegentlich Bezug zu Denkern herzustellen, die dies ebenfalls als Motto ihres Wirkens in der Geistesgeschichte getan haben.

Da trifft es sich gut, dass wir heute – nur fünf Tage nach unserem Start – des Geburtstags eines Mannes gedenken können, der wie kaum ein anderer das kritische Denken einer ganzen Philosophenepoche befruchtet und beeinflusst hat. Es ist hier nicht der Ort, sich mit seinem Hauptwerk, der „Kritik der reinen Vernunft“, philosophisch auseinanderzusetzen, das sei für später vorbehalten, doch möchten wir nicht versäumen, einen großen Aufklärer zu ehren, dem der freie menschliche Geist fernab aller Dogmen und geistigen Beschränkungen das höchste Gut darstellte. Zwei Zitate sollen dies dokumentieren:

 „Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Sapere au de! Habe Mut dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung."

"Wer einmal Kritik gekostet hat, den ekelt auf immer alles dogmatische Gewäsche an".

Schwierig vorstellbar, dass dieser Mann immer wieder von den verschiedenen Religionen und Konfessionen als „einer der ihren“ eingespannt wurde und wird. Kaum jemand in seiner Zeit könnte den etablierten Organisationen der religiösen Kulte ferner stehen als dieser Vordenker der geistigen Freiheit.

Mehr biographische Einzelheiten entnehmen Sie bitte http://hpd.de/node/1693




Intelligent Design aus Menschenhand?

Gibt es etwas Schöneres auf der Welt als das glucksende Lachen eines fröhlichen gesunden Kindes? Gibt es etwas Befriedigenderes im Leben als zuzuschauen wie sich dieses Produkt der Liebe unter tätiger Hilfe der Eltern zu einem freien selbständigen und selbstbewussten Wesen entwickelt? Die meisten Frauen und zunehmend wohl auch Männer werden dem ohne jede Einschränkung zustimmen. Nur Narren können auf die abwegige Idee verfallen, ein solches Glück einschränken zu wollen oder es gar zu verbieten. Jeder, der nur einen Rest von Herz und Verstand im Körper hat, wird unvoreingenommen vermuten, dass es solche Narren gar nicht geben könne. Und doch, sie leben unter uns, drängen sich ungefragt in die Öffentlichkeit und wollen jungen Familien unter Berufung auf religiöse Grundsätze dieses Glück verbieten.

In der Fruchtbarkeitsklinik in Tunis

Die langen Stuhlreihen im Wartesaal der Klinik „Les Jasmins“ in Tunis sind bereits um 7.30 Uhr bis auf den letzten Platz mit jungen Frauen besetzt. Die zugehörigen Männer lehnen sich an die Wände oder rauchen draußen auf der Terrasse nervös eine Zigarette. Ich komme mit den Männern ins Gespräch, das endlose Warten öffnet die Münder, vor allem auch deshalb, weil alle dieselben Gedanken hegen: „Wird es denn diesmal klappen? Wir hatten doch schon so viele Versuche.“ Viele bemühen sich seit Jahren, damit sich endlich der gewünschte Nachwuchs einstellt. Wir sind in der wohl renommiertesten Fruchtbarkeitsklinik des gesamten Maghreb. Neben Tunesiern finden sich Algerier, Libyer und auch einige Europäer, die zumeist wegen der noch einigermaßen erschwinglichen Kosten „Fruchtbarkeitsurlaub“ in Tunesien machen. „In Kopenhagen hat es fast fünfmal so viel gekostet“, erzählt mir einer, „und die Erfolgschancen sind wohl überall gleich groß oder gering.“ Die Spezialisten hier haben alle eine europäische oder amerikanische gynäkologische Ausbildung genossen. Sie stehen den okzidentalen Kollegen in nichts nach. Die Wände ihrer Arbeitszimmer sind zugepflastert mit den Bildern „ihrer“ Kinder, dem Nachweis, dass es irgendwann doch funktioniert, wenn keine komplette Unfruchtbarkeit vorliegt.

Die Probleme der einzelnen sind verschieden, doch unter dem Strich steht immer dasselbe Resultat. Es klappt nicht ohne fremde Hilfe. Aber für (fast) jeden gibt es eine individuelle Lösung. Alle beherrschen die Fachtermini, seien es nun Ovulationszyklus, Spermazytogramm, Insemination in corpore oder In-Vitro-Fertilisation. Bei manchen genügt es, den richtigen Zeitpunkt für die Zeugung zu erwischen („Montag morgen sechs Uhr“), oder eine günstigere Stellung einzunehmen („Macht es bitte a tergo“). Doch die meisten Fälle sind delikater. Nicht gerade selten liegt es an der Spermiendichte im Ejakulat der Männer, weshalb sich alle einem Spermientest unterziehen müssen. Das „Masturbationszimmer“, ein kleiner verspiegelter Raum mit einer grünen Ledercouch wird von jedem hier herzhaft gehasst. Vor lauter Verlegenheit greifen manche sogar zu Äußerungen, die sie andernorts niemals machen würden. So erzählt ein Tunesier in die Runde, sein „zizi“ (das grobe arabische Pendant vermied er) sei wohl etwas klein geraten, so dass das Sperma nie dahin hätte gelangen können, wo es denn nun einmal hinmuss. Niemand grinst oder lacht. Bei vielen Frauen stimmt die Produktion der ovulae nicht. Da helfen nur Spritzen und Hormone. Die Gefahr von Mehrlingsgeburten ist bekannt, sie beunruhigt niemanden wirklich. Besser zwei in einem Aufwasch als noch einmal diese Tortur zwischen Hoffen und Bangen.

Religiöse Fanatiker sind nicht an der Wirklichkeit interessiert

Wenn alles nicht mehr weiterhilft bleibt als letzter Ausweg nur die In-Vitro-Fertilisation, eine wahre Tortur für die Frau. Die Eiproduktion wird für einen gewissen Zeitraum mit chemischen Hilfsmitteln so stark angeregt, dass der Arzt am Ende der Behandlung etwa bis zu einem Dutzend Eier entnehmen kann, eine unangenehme Prozedur, die eine Woche der Schmerzen, der Übelkeit und des Kopfwehs abschließt. Dann wird in der Petrischale der virile Anteil des männlichen Samenergusses dazugegeben in der Hoffnung, dass möglichst viele Samen- und Eizellen zueinander finden. Doch dann kommt der entscheidende Augenblick. Welche der befruchteten Eizellen hat es verdient, in die Gebärmutter eingesetzt zu werden? Ein kleiner aber teurer Test gibt Auskunft über manche genetischen Probleme – bei weitem nicht alle wie vielfach vermutet wird. Er dient als Entscheidungshilfe. Denn eine Entscheidung muss nun notwendigerweise getroffen werden. Und wenn man schon wählen muss, nimmt man natürlich die besten, die mit den höchsten Erfolgschancen.

Pränatale Diagnostik wird seit Jahrzehnten mit zunehmendem Erfolg praktiziert. Mittels einer Fruchtwasseruntersuchung oder anderen Methoden lassen sich schwere Schäden wie Down-Syndrom (früher Mongolismus genannt) oder Mukoviszidose (eine Verschleimung der Lungen), die ein späteres Leben für alle Beteiligten zur Qual machen können, erkennen. Auch in diesen Fällen muss eine Entscheidung getroffen werden, aber eine, die für die Frau ungleich schwieriger ist: Austragen oder Abtreiben. Die Antwort der fundamentalistischen, selbsternannten „Lebensschützer“ in den Kirchen ist eindeutig: Jeder hat ein Recht auf Behinderung, basta. Da gibt es keine Diskussion. Ob das spätere Kind überlebt, ob die Familie das überlebt, oder ob sie unter der Belastung zusammenbricht – all das interessiert die Fanatiker nicht. Und dabei haben sie sogar immer noch die derzeitige Gesetzeslage auf ihrer Seite. Was viele nicht wissen: Abtreibung ist nach wie vor im Prinzip strafbewehrt. Sie wird nur unter bestimmten, sehr eingeschränkten Bedingungen nicht strafverfolgt. Der Kampf in den siebziger Jahren für die Abschaffung des §218 des Strafgesetzbuchs war kein durchschlagender Erfolg. Denn die Frage, wo menschliches Leben beginnt, ist auch mit naturalistischem Blick auf die Wirklichkeit nicht einfach zu beantworten.

PID – Präimplantationsdiagnostik

Und nun das Urteil des Bundesgerichtshofs vom 6. Juli 2010. Ein Grundsatzurteil, in dem die Bundesrichter Gentests an Embryonen für zulässig erklärten. Es interpretiert das herrschende, restriktive Embryonenschutzgesetz im Fall der PID freier, als es den religiösen Fanatikern lieb ist. Es akzeptiert, dass der Sinn der PID darin liegt, gesundes Werden von Leben zu ermöglichen. Dass dabei nicht alle befruchteten Eizellen Berücksichtigung finden können, müsse als Nebeneffekt in Kauf genommen werden. Der Schwerpunkt liegt also darauf, Leben zu ermöglichen, das andernfalls niemals entstehen würde. Ergänzend sollte nicht vergessen werden, dass auch die Natur selbst in großem Umfang befruchtete Eizellen entsorgt, wenn irgendetwas mit der Entwicklung nicht richtig läuft. Wer zählt die Zahl der Fehlgeburten? Erst wenn man sich einmal in der Nachbarschaft oder Bekanntschaft gezielt umhört, erfährt man, dass die Mutter mit den zwei prächtigen Kindern, davor und zwischendrin bereits mehrere Fehlgeburten hatte. Niemand berichtet ohne Anlass davon, da muss man wirklich nachfragen.

Also stehen sie wieder auf dem Podium und krakeelen, wenn es darum geht, eine übrigens gar nicht mehr so neue Technik, die PID, in Grund und Boden zu verdammen. Einer der ersten, die sich zu Wort meldeten, war Hubert Hüppe (CDU), seines Zeichens Behindertenbeauftragter der Bundesregierung: „Die Präimplantationsdiagnostik muss jetzt ausdrücklich verboten werden“. Die Deutsche Bischofskonferenz stieß in dasselbe Horn: „Die Tötung von Embryonen, die nach einer Untersuchung auf genetische Schäden nicht mehr in die Gebärmutter eingesetzt werden sollen, kann nicht erlaubt sein“. Der Bundesverband für Lebensrecht (BVL), eine fundamentalistisch christliche Organisation sieht einen „schlimmen Tag für die Unantastbarkeit der Würde des Menschen“. In Zukunft werde es wohl nur noch „PID-geprüfte Kinder“ geben und „die Aussortierten“ werden getötet. Er sieht gar eine Diskriminierung der Behinderten, „eine schallende Ohrfeige“. Auch die Evangelischen stimmen in den Chor ein.

Die klerikale Meinungsmaschinerie scheute sich schließlich auch nicht, mit Darstellungen von menschlichen Schicksalen Stimmung zu machen: „Ärzte wollten Bocelli abtreiben“ oder „Abtreibung überlebt – Tim feiert 13. Geburtstag“. Schonungsloser Populismus in den Grenzbereichen ethischer Problemstellungen, in dem auch grenzwertige Rhetorik nur zu gern in die Hand genommen wird: “Der Mensch darf nicht am Wegesrand liegen gelassen werden”, so der Münsteraner Bischof Felix Genn zum Gerichtsurteil. Kein PID-Befürworter und kein Richter hatten jemals dafür plädiert, Menschen am Wegesrand liegen zu lassen. Es ist eine schauerliche Polemik, die ihresgleichen sucht.

Polemik der Kirchen dient nur dem Selbsterhalt

Hintergrund dieser üblen Meinungsmache ist die unzutreffende Behauptung, der Mensch entstünde im Moment der Verschmelzung von Ei- und Samenzelle – eine christliche Hypothese, die einer Ideologie entspringt und  wissenschaftlichen Tatsachen nicht standhält. Medizinisch gesehen, was etwa die Herausbildung eines Nervensystems anbelangt, ist die islamische Ansicht zu dieser Fragestellung näher an der Wahrheit als die vatikanische: erste Nervenzellen des Gehirn bilden sich ab etwa der achten Schwangerschaftswoche, erst rund 130 Tage nach der Befruchtung der Eizelle entsteht ein zentrales Nervensystem. Etwa die Hälfte aller befruchteten Eizellen geht nach etwa zwei bis drei Wochen unbemerkt ein, bis zur zwölften Schwangerschaftswoche kommt es nicht selten zu Frühaborten. Legt man deshalb, wie der Islam es tut den Beginn des menschlichen Lebens auf den Zeitpunkt 40 Tage nach der Befruchtung fest, entfällt das christlich-religiös aufgebauschte Scheinproblem. Gut für alle hoffenden Paare, dass der ansonsten so menschenfeindliche Islam zumindest in diesem einen Kasus realistischer mit den Dingen umgeht.

Nicht etwa PID, sondern die Natur beendet zahllose Menschenleben vor der Geburt. Die PID dagegen hilft Eltern Entscheidungen zu treffen, noch lange bevor der kleine Zellklumpen aus Ei und Spermium eine Form menschlichen Lebens annimmt. Für Denkansätze, die sich in ihrer Differenziertheit an der Komplexität der wirklichen Welt anpassen,  darf jedoch kein Platz in der Kirchenwelt sein – einmal zugelassen, stünde das gesamte Ideengebäude der Theologen vor dem Kollaps. So geht es für diese also nicht um verantwortungsbewusste ethische Entscheidungen, die sich in ihren Überlegungen an der Realität und schützenswerten Bedürfnissen von Menschen orientieren. Für die Kirchen geht es um den Selbsterhalt und da ist offensichtlich jedes Mittel recht.

PID für jedermann?

In einem Punkte sind sich alle Apologeten des Unsinns einig. Die PID gehört so schnell wie möglich abgeschafft und verboten. Wissen diese Herren denn überhaupt wovon sie reden? Unbestritten hat ein jeder das Recht, auch ein erkennbar missgebildetes oder krankes Kind zur Welt zu bringen. Das liegt in der Verantwortung der Eltern, oder besser: letztlich der Frau. Aus diesem Recht wollen die meist klerikalen älteren Herren in ihren farbenfrohen Gewändern aber nun einen Zwang konstruieren. Sind sie wirklich der Meinung, in Zukunft würde jede Frau die Mühen einer In-Vitro-Fertilisation auf sich nehmen, um damit in höchst begrenztem Umfang Einfluss auf das zukünftige Leben zu nehmen? Sprechen diese Herren denn gelegentlich einmal mit den betroffenen Frauen? Wohl eher nicht, denn sonst würden sie unisono hören, was wir in „Les Jasmins“ von jeder einzelnen Frau gehört haben: „Ich würde viel dafür geben, wenn es auf natürlichem Wege klappte. Leider steht vor unserem Glück das Leid, das Bangen, die immer wieder zerstörte Hoffnung.“ Eventuell vorhandene, mehr oder weniger deutlich artikulierte Wünsche nach Geschlecht, Augenfarbe oder Intelligenz des zukünftigen Familienmitglieds treten hinter dem grundsätzlichen Wunsch zum möglichst gesunden, nicht erblich vorbelasteten Nachwuchs in den Hintergrund. Von einer “eugenischen Rutschbahn” kann nicht im Mindesten die Rede sein.

Nichts von dem, was von den Feinden der PID hineingeheimnist wird, kann PID wirklich leisten. Nicht einmal ein Down-Syndrom-Test per PID liefert ein auch nur annähernd verlässliches Ergebnis, da in diesem Stadium des Embryos durchaus überzählige Chromosomen auftreten können, die erst später im Mutterleib abgestoßen werden – oder aber im schlimmsten Fall verbleiben. Bei Verdacht auf Down Syndrom bleibt weiterhin nur die pränatale Diagnostik – mit der anschließenden Entscheidung für oder gegen Abtreibung. Man kann PID also ohnehin nur in den wenigen Fällen einsetzen, in denen eine klare Diagnose vor Implantation überhaupt möglich ist, also zum Beispiel bei der genetischen Veranlagung auf Mukoviszidose. Ein massenhafter „Missbrauch“ der PID hin zum Designer-Baby, mithin das an die Wand gemalte Schreckgespenst, kann mit Fug und Recht ausgeschlossen werden. Aber mit Gespenstern haben Narren ja bekanntlich weitestgehende Erfahrungen.

Ein ausgewiesener Experte der PID, der Lübecker Humangenetiker Professor Eberhard Schwinger, erklärt in einem kenntnisreichen Artikel im Spiegel (Nr. 28 vom 12. Juli 2010): „Nun endlich hat, 15 Jahre zu spät, die Vernunft gesiegt“. An eindrucksvollen Beispielen aus seiner Praxis schildert der 70-Jährige die Möglichkeiten, aber auch die natürlich gegebenen Beschränkungen der Gen-Diagnostik und damit ihre Verwendbarkeit auf die PID. Ein „Intelligent Design“ aus Menschenhand wird es also in absehbarer Zeit nicht geben. PID kann zwar hoffenden Paaren helfen, das Menschenrecht auf gesunde Nachkommen zu gewährleisten und Menschen vor absehbarem Leiden zu bewahren. PID aber kann vor allem eines nicht: Menschen modellieren, die nicht ihrer Eltern Kinder sind.

Und die wenigsten würden so etwas überhaupt wollen und dafür sogar Kosten und Schmerzen auf sich nehmen. Den meisten geht es ausschließlich darum, endlich das glucksende Lachen eines fröhlichen, gesunden Kindes zu hören. Ist dieser Wunsch derart verdammenswert ?

Siehe hierzu auch die Meinung unserer ehemaligen Justizministerin Leutheusser-Schnarrenberger





Gott würfelt nicht

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts schien die Physik weitgehend an ihre Grenzen gestoßen zu sein. Was sollte es noch Neues im „realen Dasein“ zu erforschen geben? Planeten zogen ihre Bahnen nach Newtons Gesetzen, Mechanik, Thermodynamik, Elektro-Magnetismus, Wellenlehre und vieles anderes boten kaum noch Chancen für nachwachsende Physiker, sich zu profilieren, Ruhm und Ehre einzuheimsen. Vielfach wurde davon abgeraten, dieses Fachgebiet überhaupt als Studienanfänger in Erwägung zu ziehen.

Doch dann kam alles ganz anders. Das beginnende zwanzigste Jahrhundert wurde Zeuge des Beginns einer beispiellosen Wissensexplosion, an deren Ursprung ein Name nicht wegzudenken ist: Albert Einstein. Untrennbar mit ihm verbunden bleiben für die Öffentlichkeit seine spezielle und allgemeine Relativitätstheorie. Die Arbeiten hierzu haben ihn zu einem internationalen Popstar der Physik gemacht und ein Medieninteresse wie niemals vorher und wohl nur selten nachher entfacht. Jedes Kind weltweit kannte und kennt seinen Namen – seine Theorien und die weit reichenden Folgerungen daraus haben allerdings nur die wenigsten verstanden. Außerhalb von Fachkreisen ist dabei noch weniger bekannt, dass Einstein auch Mit-Vater der zweiten großen physikalischen Umwälzung des zwanzigsten Jahrhunderts ist: der Quantenphysik.

Seine Arbeit zur Deutung des photoelektrischen Effekts mit Hilfe der Lichtquantenhypothese brachte ihm schließlich 1921 den Physik-Nobelpreis, nachdem er seit 1910 bereits mehrfach für den Nobelpreis wegen der Relativitätstheorie vorgeschlagen worden war. Obwohl die britische Sonnenfinsternis-Expedition von 1919 eindeutige Belege für die Richtigkeit der Relativitätstheorie erbracht hatte, konnte sich das Nobelpreiskomitee wegen immer noch bestehender Vorbehalte nicht dazu durchringen, ihm hierfür den Preis zu verleihen. Für das allgemeine Publikum verstärkte sich dadurch die Meinung, das Komitee habe eine „Notlösung“ einer eindeutigen Stellungnahme vorgezogen, vor allem auch weil Einstein seinen Vortrag vor der Akademie zudem nicht zur Quantenphysik hielt, sondern zur Relativitätstheorie.

Die weitere physikalische Forschung wurde bis auf den heutigen Tag dabei in weitaus größerem Maße von der Quantenmechanik bestimmt als von den Lehren der Relativität. Einstein selbst bekannte, dass er sich in seiner wissenschaftlichen Laufbahn wohl zehnmal mehr mit den Quanten als mit dem Raum-Zeit-Kontinuum beschäftigt hat. Weitere spektakuläre Erfolge blieben dem Genie allerdings versagt. Seine Suche nach der Weltformel aus Gravitation und Elektromagnetismus scheiterte kläglich, musste schlicht schon deshalb versagen, weil ihm weder die schwache noch die starke Kernkraft bekannt waren, das heißt, bereits sein Ansatz war zu verengt. Sein Kampf gegen die neuen Protagonisten der Quantenphysik wie etwa Born, Pauli oder Heisenberg war vergeblich – er wurde immer wieder in allen Punkten widerlegt. Besonders zu schaffen machte ihm die von Heisenberg formulierte Unschärferelation.

Die Nichtbestimmbarkeit von Ort und Impuls eines Teilchens zur gleichen Zeit stieß auf seinen erbitterten Widerspruch, der in dem Ausspruch gipfelte: „Die Theorie liefert viel, aber dem Geheimnis des Alten bringt sie uns kaum näher. Jedenfalls bin ich überzeugt, dass der nicht würfelt“ (so in einem Brief an Max Born aus dem Jahr 1926). Journalisten, von Berufs wegen auf der Suche nach griffigen Formulierungen, machten flugs daraus: „Gott würfelt nicht“. Einsteins Haltung zur Quantenphysik findet sich knapp und verständlich dargestellt in “Einstein und die Quantentheorie”.

Die Affinitäten zwischen Religion und Physik

Vor allem Physiker legen eine Neigung an den Tag, sich zu Gott und Religion zu äußern, die auf den ersten Blick verwundert, da sie sich ja eher mit dem Rationalen dieser Welt als mit dem irrationalen Transzendenten beschäftigen. Ihre Feststellungen die Religion betreffend sind dazu meist in hohem Maße missverständlich. Sie führen dazu, dass Physiker nicht selten von den Religionen gleich welcher Couleur als „die Ihren“ vereinnahmt werden. Andere Wissenschaftler wie zum Beispiel Biologen entgehen solcher Inanspruchnahme durch klare Opposition. Der Mythos der Genesis ist schlicht nicht in Einklang zu bringen mit den Fakten der Evolutionslehre. Und solange die Theologie ihre aus dem damaligen Zeitgeist heraus geborenen Fabeln nicht als solche benennt, wird das auch so bleiben. Biblische Exegese ist in diesem Punkt allerdings schon erheblich weiter als fundamentalistische Interpretationen der Schriften durch Evangelikale oder Moslems. Sind Physiker etwa gläubiger als Biologen? Werden sie zu Recht als Zeugen für transzendentale Vorstellungen vereinnahmt?

Betrachtet man die Umstände der Zeugennahme genauer, so stellt man fest, dass es eher um ein Spiel mit Begriffen als um wahre Sachverhalte geht. Da werden die Dinge gedreht und gewendet, bis sie in die eigenen Vorgaben passen. So sagt der Kreationismus-Apologet Adnan Oktar (Harun Yahya) „[laut] Albert Einstein, der als bedeutendster Wissenschaftler des 20sten Jahrhundert gilt, „ist Wissenschaft ohne Religion lahm“, was soviel bedeutet wie, dass die Wissenschaft ohne die Führung der Religion nicht korrekt fortschreiten wird, sondern er [?] eine Verschwendung von Zeit darstellt, bis bestimmte Ergebnisse erzielt werden, und schlimmer noch, diese oftmals ergebnislos ist [?]“. Einstein befindet sich bei Adnan Oktar in einer langen Liste von Wissenschaftlern, deren angebliche Religiosität gegen die weitverbreitete Annahme spricht, alle Forscher seien materialistische Darwinisten und verdammenswerte Atheisten.

Da nicht sein kann, was nicht sein darf, wird alles ins Schema der eigenen religiösen Vorstellungen gepresst: „Der Quran zeigt der Wissenschaft den Weg“. Und: „Wissenschaft bietet eine Methode an, durch die das Universum und alles darin Enthaltene untersucht werden kann, um die Kunst in Gottes Schöpfung zu entdecken, und der Menschheit dadurch erkennbar zu machen“. Für Oktar ist klar, wenn ein Wissenschaftler das Wort „Gott“ oder „Religion“ in den Mund nimmt, dass er dann notwendigerweise darunter das gleiche verstehen müsse wie Oktar selbst. Jeder Physiker von Rang würde es sich wohl verbitten, als Auftragsforscher im Namen des Korans gekennzeichnet zu werden.

Doch was meinte Einstein nun wirklich, als er sagte, Wissenschaft ohne Religion sei lahm, oder als er „den Alten“ keinesfalls beim Würfelspiel sehen wollte? Wir dürfen mit einiger Sicherheit davon ausgehen, dass Einstein kein Moslem war, und dass er weit davon entfernt gewesen wäre, in das krude Weltbild eines Adnan Oktar zu passen. Über Einsteins religiöse Vorstellungen ist viel geschrieben und viel gerätselt worden. Dabei kann es gar nicht klarer ausgedrückt werden als er es selbst gesagt hat. Für ihn waren die Inhalte der drei abrahamitischen Religionen „kindischer Aberglaube“ und noch stärker in Abgrenzung der über ihn in dieser Frage herrschenden Vorurteile: „Es war natürlich eine Lüge, was Sie über meine religiösen Überzeugungen gelesen haben, eine Lüge, die systematisch wiederholt wird. Ich glaube nicht an einen persönlichen Gott und ich habe dies niemals geleugnet, sondern habe es deutlich ausgesprochen. Falls es in mir etwas gibt, das man religiös nennen könnte, so ist es eine unbegrenzte Bewunderung der Struktur der Welt, so weit sie unsere Wissenschaft enthüllen kann.”  Punkt. Klar gesagt.

Institutionalisierte Religionen, die ihren verängstigten Anhängern Riten abverlangen, um sie zu disziplinieren und vor der Hölle zu bewahren, waren Einstein ein Graus. Er unterschied klar in drei Gruppen: primitive „Furcht-Religionen“, so genannte „Moral-Religionen“ und seine eigene Kennzeichnung einer „kosmischen Religiosität“, die zu keiner Theologie, sondern zu Wissenschaft und Kunst führe. Die Missverständnisse waren ihm dabei recht egal: „Es schert mich einen Teufel, wenn die Pfaffen daraus Kapital schlagen. Dagegen ist kein Kraut gewachsen“.

Si comprehendis, non est deus

Ist es also pure Koketterie, wenn Physiker mit den Begriffen „Gott“ und „Religion“ zu spielen scheinen? Oder gibt es gar einen inneren Zusammenhang? Das Gemeinsame an Quantenphysik und Theologie ist, dass sie beide ein Realismusproblem haben.

Die Welt der Quanten entzieht sich anders als die Mechanik vollständig unserer sinnlichen Vorstellungskraft. Sie lässt sich hervorragend in der Sprache der Mathematik erfassen, doch sobald sich Physiker an eine Übersetzung der Erkenntnisse in die Sprache der makroskopischen Erfahrungswelt herantrauen, wird es unendlich schwierig. So geht es auch der wohl berühmtesten Übertragung mikroskopischer Vorgänge in die Alltagssprache: Schrödingers Katze, die gleichzeitig tot und lebendig ist. Um das Gedankenexperiment Schrödingers wirklich zu verstehen muss man sich – vertrackte Logik – in der Quantenphysik zumindest ein wenig auskennen.

Wir begegnen dem Problem der positiven Darstellung nicht wirklich begreifbar darstellbarer Phänomene. Und hier genau an dieser Stelle treffen sich moderne Physik und die klassischen Religionen. Die prinzipielle Unübersetzbarkeit quantenmechanischer Vorgänge hat ihren Widerpart in der affirmativen Theologie. Beide Seiten sind gezwungen, zu Bildern zu greifen, um verständlich zu erscheinen. Verstehen Sie die Unschärferelation in Relation zur Unmöglichkeit positiver Aussagen über Impuls und Ort? Verstehen Sie das Wesen Gottes in seiner Unbeschreibbarkeit als Wirkung für den Menschen?

Falsche Bilder schaffen dabei falsche Eindrücke. Sie führen bei „Gott“ im Zweifel zum gütigen Vater mit Rauschebart, in der Physik zur untoten Katze. Geholfen ist mit solchen Bildern niemandem. Im Gegenteil wird der Eindruck erweckt, ein Bild vermittele eine anerkannte Wahrheit über das Wesen der Dinge. Solche „positiven“ Darstellungen finden sich in allen Religionen, zum Beispiel die 99 Benennungen für „Allah“ im Koran, jede einzelne soll ein Wesensmerkmal dieses Wesens wiedergeben. Das führt im Zweifel zu der völlig falschen Vorstellung, „Gott“ sei tatsächlich so wie beschrieben. Doch kann genau so gut das jeweilige Gegenteil der Fall sein.

„Wenn Du meinst zu verstehen – ist es nicht Gott“, sagte bereits der Kirchenvater Augustin und begründete im christlichen Bereich das, was man unter „negativer Theologie“ versteht. Ein heutiger Protagonist dieser Gedankenrichtung ist der Theologe Andreas Benk: „Gott ist nicht gut und nicht gerecht, nicht vollkommen und nicht allmächtig, Gott ist nicht Vater und nicht Mutter, nicht Geist und nicht Person. Eine solche Feststellung ist für viele Christinnen und Christen verstörend – und doch ist es jüdische, christliche und muslimische Einsicht. Es geht nicht um eine esoterische Lehre und nicht um eine theologische Spitzfindigkeit. Es geht um die Unangemessenheit jeder Rede von Gott: Gott entzieht sich unvermeidlich all unseren Vorstellungen und all unseren Versuchen, ihn zu begreifen“.

Diesem eigentlich selbstverständlichen theologischen Ansatz entzieht sich aber die offizielle Kirche mit aller Macht. Bei einem Papst, der gemeinhin als „intellektuell“ angesehen ist, erstaunt dies ganz besonders. Doch statt das Unbegreifliche als solches zu benennen wie es die negative Theologie versucht, ergießt sich Benedikt XVI. gleich in seiner ersten Enzyklika „Deus caritas est“ (Gott ist die Liebe) von 2005 ins genaue Gegenteil. Diese selektive Wahrnehmung des Gottesbildes in der affirmativen Theologie mag zwar die eigenen Schäfchen beruhigen, für einen Unvoreingenommenen stellt es aber geradezu einen Anschlag auf die Intelligenz dar. „Deus caritas est“ gibt vor, etwas von Gott zu verstehen, dass so nicht existiert, und leicht konterkariert werden könnte mit dem Bild des eifersüchtigen und zornigen Jahwe, der ganz Sodom und Gomorrha wegen der Sünden einzelner vom Erdboden vertilgt inklusive aller unschuldigen Kinder. Caritas? Oder betrachten wir diesen persönlichen Gott (Einstein: „kindischer Aberglaube“), der angeblich in jeder Sekunde bei jedem Individuum anwesend ist, in seinen Werken und Gedanken.

Ist ein solches Kontrollmonstrum, schlimmer als Big Brother, überhaupt denkbar? Wenn an dieser Stelle der Atheismus auch ohne die geringsten Beimengungen von Agnostizismus ein klares Nein entgegensetzt, so hat er ohne Zweifel Recht, auch ohne selbst Religion zu sein. Bischof Walter Mixa – falls er denn diese Zeilen liest – kann sich beruhigt zurücklehnen: er muss sich keine Sorgen machen, dass jenes höhere Wesen ihn nach allem sonstigen auch noch dabei überwacht, ob er sich wenigstens beim Toilettengang gottgefällig den Hintern abwischt.

Konklusion

Physik und Religion machen einen entscheidenden Fehler, wenn sie versuchen, die Grenzen des Beschreibbaren formulatorisch zu überwinden. Es mutet an, als wollten sie ein altes Buch mit unsichtbarer Schrift (siehe Abb.) in eine moderne Sprache übersetzen. Sie werden dadurch nicht wie erhofft glaubwürdiger. Einstein hat dies gut erkannt, aber er gibt dem Unbeschreibbaren einen Namen: „Gott“. Und setzt also alles, was wir nicht wissen, vielleicht niemals wissen können, dem gleich, was auch die Religionen so bezeichnen. Das ist klug und gefährlich zugleich. Klug ist es, weil es kennzeichnet, dass wir gewisse Erfahrungen wie das eigentliche Wesen der Singularität des Urknalls wahrscheinlich niemals werden beschreiben können, ja, in diesem speziellen Fall nicht einmal in mathematische Formeln kleiden können (zu viele „Unendlich“).

Wir wissen nicht einmal, ob es wirklich der Urknall war, auf den Johannes-Paul II. 1992 so gerne aufgesprungen ist, oder ob es statt des Big Bang nicht eher einen sich wieder und wieder erneuernden Big Bounce gegeben hat, wie es etwa Bojowald mit seiner Schleifen-Quantengravitation (gequanteltes Raum-Zeit-Kontinuum) anspricht. Gefährlich ist es, weil diese Kennzeichnung, wie die Geschichte zeigt, eine Vereinnahmung durch die Offenbarungsreligionen mit ihrer dogmatischen und affirmativen Interpretationen des Wesens Gottes nicht hinreichend ausschließt.

Negative Theologie eines Augustinus und eines Andreas Benk könnte sich dagegen gut mit den Ansichten der Physiker treffen, dass bestimmte Dinge sich niemals werden formulieren oder mathematisch umschreiben lassen. Hier liegt ein wesentlicher Wert der „kosmischen Religiosität“ eines Einstein, dem sich auch der hartgesottenste Atheist nicht verschließen könnte, wenn er nicht in ein quasi-religiöses Dogmenschema verfallen möchte: er würde angesichts dieses „Scio nescio“ zu den letzten Fragen unweigerlich zum Agnostiker.




Die Nobelpreise 2019

Alfred-Nobel-Wide_resize_mdHier ein kurzer Überblick, mit ein paar persönlichen Anmerkungen.

Als Alfred Nobel, von seinem Gewissen getrieben (Waffenhändler hatten damals noch sowas) sein Vermögen der Menschheit widmete, verlangte er für die jährliche Verleihung des nach ihm benannten Preises, er solle "denen zugeteilt werden, die im verflossenen Jahr der Menschheit den größten Nutzen geleistet haben." Haben sie das?

Für Chemie und Medizin gilt dies zweifellos, für die Physik schon lange nicht mehr. Für Literatur und Frieden gelten andere Kriterien. Für die Wirtschaftswissenschaften gibt es einen eigenen Preis, für Mathematik keinen – angeblich, weil Nobel schlecht in Mathe war. Oder weil er meinte, die Mathematiker trügen nichts zum Fortschritt der Menschheit bei.

Die Chemiker John B. Goodenough (USA, aber geboren in Jena), M. Stanley Whittingham (Großbritannien, USA), und Akira Yoshino (Japan) bekamen ihn „für die Entwicklung von Lithium-Ionen-Batterien“. Über die Wichtigkeit dieser Forschungen brauchen wir nicht viel sagen. Ohne Lithium-Batterien gäbe es keine Handys und keine Elektro-Autos. Also praktisch keine technische Zukunft der Menschheit.

Ähnlich wichtig sind die mit dem Preis ausgezeichneten Forschungen auf dem Gebiet der Medizin. William G. Kaelin (USA), Gregg Semenza (USA) und Peter J. Ratcliffe (Großbritannien) bekamen ihn „für die Entdeckung molekularer Mechanismen der Sauerstoffaufnahme von Zellen“. Bereits 1931 erhielt der deutsche Forscher Otto Heinrich Warburg den Preis für „die Entdeckung der Natur und der Funktion des Atmungsferments“. Wie wichtig diese Forschungen sind, hat Warburg schon damals erkannt: Eine gestörte Zellatmung könnte Ursache für Krebs sein. Diese Forschungen wurden nach Ende des Zweiten Weltkriegs aufgegeben, zugunsten einer Total-Ausrottung der bösen Krebszellen mit "Stahl und Strahl". Vielleicht ändert sich die Bewusstseinslage jetzt. Zu wünschen wäre das allen, die an Krebs erkrankten oder erkranken, allen, denen diese Gefahr droht.

Der Nobelpreis für Physik solle demjenigen zuerkannt werden, „der auf dem Gebiete der Physik die wichtigste Entdeckung oder Erfindung gemacht hat“. Das waren 2019 James Peebles „für theoretische Entdeckungen in der physikalischen Kosmologie“, sowie Michel Mayor und Didier Queloz (beide Schweiz) „für die Entdeckung eines Exoplaneten, der einen sonnenähnlichen Stern umkreist“. Meine Meinung zu den letzten Physik-Nobelpreisen habe ich schon öfter dargelegt, z.B. hier: Wie man Fake-News schafft Oder hier: Wer findet das Higgs-Boson? Diese Nobelpreise entsprechen der Tradition in Schweden, den renommierten Preis Physikern zuzusprechen, die moderne Mythen ohne vernünftigen Hintergrund geschaffen zu haben. Peebles kaut die alten Argumente für die biblische Schöpfungsgeschichte im Gewand pseudowissenschaftlicher Sprache wieder ("Urknall = Schöpfung aus dem Nichts. Das konnte nicht mal Gott, der hat nämlich nur das Licht von der Finsternis getrennt.) Welchen Wert die Verwässerung der Astronomie durch uralte Mythen haben soll, leuchtet mir nicht ein. Und die Entdeckung eines außersolaren Planeten hat sicherlich einen großen Nutzen für die Menschheit; welchen, das wüsste ich gerne.

Ganz andere Kapitel sind die Nobelpreise für Literatur und Frieden. Der Literaturpreis soll vergeben werden für den, der „das Beste in idealistischer Richtung geschaffen“ hat. Während alle Wissenschaftler sich über die Auszeichnung (und das damit verbundene Geld) freuten, war das bei den eigensinnigen Literaten nicht immer der Fall. Und es waren auch nicht immer Literaten, die ihn bekamen. Russell (1950) war Mathematiker und Anti-Atomwaffengegner, Churchill (1953) Historiker und Politiker. Pasternak (1958) durfte den Preis nicht abholen, sein Roman war zu freiheitlich. Sartre (1964) lehnte ihn ab, wollte aber zehn Jahre später das Geld. Jelinek (2004) wollte nicht persönlich zur Preisverleihung kommen, man möge ihr doch das Geld auf ihr Konto überweisen. Dylan (2016)  ignorierte ihn erst zwei Wochen lang und gab in dieser Zeit auch keine Interviews. Er kam weder zur Nobelpreisrede noch zur Auszeichnungs-Verleihung.

Und jetzt Peter Handke. In meiner Jugend habe ich zufällig (oder vielleicht auch aus Interesse) zwei Werke von ihm auf kleinen Bühnen gesehen – und war begeistert. Die "Publikumsbeschimpfung" – eine originelle Idee voll Sprachwitz und kuriosen Konstruktionen. "Kaspar" – eine eindringliche Studie der Menschwerdung eines unentwickelten, vernachlässigten Individuums, das sich zum wahren Menschsein emporarbeitet. Er hat den Preis verdient!

Schließlich der Friedens-Nobelpreis, eine oftmals politisch begründete Auszeichnung, was von vornherein nicht schlecht sein muss. Nach Maßgabe des Stifters soll er an denjenigen vergeben werden, „der am meisten oder am besten auf die Verbrüderung der Völker und die Abschaffung oder Verminderung stehender Heere sowie das Abhalten oder die Förderung von Friedenskongressen hingewirkt“ und damit „im vergangenen Jahr der Menschheit den größten Nutzen erbracht“ hat. Auf Nobelpreisträger gibt's immer Wetten, und diesmal wetteten fast alle auf Greta Thunberg. Dabei hätte die junge Dame den Preis sowohl aus formalen und auch aus inhaltlichen Gründen gar nicht bekommen können. Formal: Der Preis wird jeweils für Errungenschaften aus dem Vorjahr vergeben, und da gab es noch keine "Fridays for Futures"-Bewegung. Inhaltlich: Gretas Taten tragen bisher nichts zur Völkerverständigung oder der Reduktion von Armeen bei. Aber das kann ja noch kommen. Jedenfalls hat ihn der äthiopische Staatsmann und Reformer Abiy Ahmed voll verdient!

 

Entnommen bei www.atheisten-info.at ( Erwin Peterseil).




Clevere Vettern

Spätestens seit dem Erscheinen von „Gorillas im Nebel. Die Leidenschaft der Dian Fossey“ (siehe Kaufhinweis am Ende des Artikels) ist das Verhalten unserer nächsten Verwandten ins Blickfeld einer größeren Öffentlichkeit geraten. Die festgestellten Ähnlichkeiten in Verhalten und Gefühlsleben sind so auffällig, dass sie nicht mehr ignoriert werden können. Unsere Vettern stehen uns ganz offensichtlich näher als manchem, der die „Ebenbildlichkeit“ von Gottes „Krone der Schöpfung“ propagiert, lieb sein kann. Es scheint also an der Zeit, sich ernsthafte Gedanken über eine Neuordnung unseres Verhältnisses zu den nichtmenschlichen Primaten zu machen.

In „Menschenrechte für die Großen Menschenaffen – Das Great Ape Projekt“ von 1993, angestoßen von Jane Godall und Peter Singer (Näheres bei Wikipedia) findet sich zu Beginn die „Deklaration über die Großen Menschenaffen“, die das Ziel des Great Ape Project festlegt:

"Wir fordern, daß die Gemeinschaft der Gleichen so erweitert wird, daß sie alle Großen Menschenaffen miteinschließt: Menschen, Schimpansen, Gorillas und Orang-Utans.

Die „Gemeinschaft der Gleichen“ ist die moralische Gemeinschaft, innerhalb derer wir bestimmte moralische Grundsätze oder Rechte anerkennen, die unsere Beziehungen untereinander regeln und gerichtlich einklagbar sind."

Diese Rechte und Grundsätze umfassen das Recht auf Leben, den Schutz der individuellen Freiheit und das Verbot der Folter. Innerhalb des Buches wird von den verschiedenen Verfassern erklärt, was die „Gleichheit“ von Menschen und anderen Großen Menschenaffen ausmacht. So stimmt ihr Erbgut zu fast siebenundneunzig Prozent überein; zwischen Menschen und den Großen Menschenaffen sind Bluttransfusionen möglich. Das Projekt betont jedoch, dass die genetische Verwandtschaft nicht allein ausschlaggebend ist; vielmehr sind es das durch die genetische Ähnlichkeit ermöglichte ähnliche Gefühls- und Denkvermögen sowie Verhalten und Ich-Bewusstsein der Großen Menschenaffen. Diese lassen sich schon seit Charles Darwins Forschungen ausgezeichnet beobachten, zum Beispiel in den verschiedenen Gefühlsregungen, die sich bei Menschenaffen in ähnlichen Gesichtsausdrücken wie beim Menschen zeigen. Auch eine Konversation mit ihnen über Zeichensprache ist möglich. Die Ähnlichkeit der Menschen und Großen Menschenaffen ist also nicht zu leugnen, was die moralischen Ungleichheiten in ihrer Behandlung in Frage stellt.

Doch auch an technischen Fertigkeiten, ja regelrechter Kultur, stehen uns Die Menschenaffen viel näher als bisher bekannt. So berichtet die Welt in einem höchst lesenswerten Artikel über die Arbeit und die Ergebnisse einer japanischen Forschergruppe:

Im afrikanischen Guinea ist ein sensationeller Affenstamm aufgetaucht – und das nur einen Steinwurf von menschlichen Siedlungen entfernt. So schlau war bisher kein Clan.

Diese Schimpansen lassen wirklich alle staunen, selbst erfahrenste Wissenschaftler. Japanische Zoologen haben nämlich im Urwald von Guinea in Afrika einen Affenstamm entdeckt, dessen Mitglieder eine Erfindungskraft und Intelligenz besitzen, wie sie bisher bei keinem Tier beobachtet wurde. Sie bauen sich Werkzeuge, und zwar sehr unterschiedliche, je nach Funktion. So clever sind keine ihre Artgenossen.

(Die Welt bietet in diesem Zusammenhang übrigens einen kostenlosen Intelligenztest an, den Neugierige dazu nutzen könne, etwas mehr über sich zu erfahren).

Diese Schimpansen angeln, wischen, säubern, schlagen, löffeln, loten, schöpfen, extrahieren, stampfen, hämmern. Sie tricksen Menschen aus und vertreiben Angreifer mit gezielten Steinwürfen oder grob gezimmerten technischen Hilfsmitteln. Sie basteln sich Schwämme aus zerkauten Pflanzen und falten Palmblätter zu Trinkbechern und Sitzkissen.

Insgesamt kommt Matsuzawa auf ein Repertoire von 24 verschiedenen Tätigkeiten, die sich seine Schimpansen im Laufe der Jahre mithilfe ihrer Werkzeuge angeeignet haben. Dabei stellen sich die Weibchen grundsätzlich geschickter an als die Männchen. Mit einer Ausnahme – wenn es ums Algen-Angeln in den nahe gelegenen Teichen geht. […]

Schon die Jungtiere spielen auf sehr eigene Art und sind anspruchsvoll: So geben sich die Affenkinder von Bossou nicht mit Stöcken als Spielzeug zufrieden, sondern suchen sich lebende Kuscheltiere – vorzugsweise Klippschliefer, die afrikanischen Verwandten des Murmeltiers. "Die jungen Schimpansen schleudern sie gegen Bäume, um sie zu betäuben oder zu lähmen, tragen sie mit sich herum, streicheln ihr Fell und spielen auch mit toten Klippschliefern wie mit Puppen", berichtet Matsuzawa.

Wie kam es zu dieser Kreativ-Enklave im Urwald? Warum gibt es noch Affen, die wie zu Urzeiten mit den Fingern nach Larven pulen, während ihre Artgenossen im Nachbarwald längst Essbesteck und Jagdwaffen erfunden haben? Auf diese Frage hat der Verhaltensforscher Carel van Schaik im Urwald von Sumatra eine Antwort gefunden: "An Orten, an denen die Mitglieder eines Clans mehr Zeit miteinander verbringen, beobachten wir ein größeres Repertoire an Innovationen." Die Menschenaffen lernen voneinander – und während sie lernen, fördern sie ihre Intelligenz: "Kultur macht schlau", sagt van Schaik.

Bei Matsuzawas Vorzeige-Schimpansen führt diese Kombination aus Wissbegierde und Kreativwerkstatt sogar so weit, dass die Tiere ihre menschlichen Nachbarn austricksen. Sie entschärfen die Fallen der Dorfbewohner. In weiten Teilen Afrikas ist es üblich, Drahtschlingen auszulegen, um Rohrratten oder Antilopen zu erlegen. Primatenforscher kritisieren das, da so auch Affen zu Tode kommen können.

Die smarte Gruppe in Guinea verletzt sich im Vergleich zu anderen Affen jedoch nur erstaunlich selten an den Fallen. Und die Forscher beobachteten denn auch einige ihrer Mitglieder, die ganz behutsam die Fallen unbrauchbar machten. Die Affen lockerten dazu die Drahtschlinge und die biegsamen Baumtriebe. Dabei vermieden sie es geschickt, die Schlinge selbst zu berühren.

Meister im Nachäffen

Eine entscheidende Sache, die "uns" von "denen" aber immer noch unterscheidet, glaubt der Leipziger Max-Planck-Zoologe Michael Tomasello gefunden zu haben. Er nennt es den "Ratschen-Effekt". Demnach gelingt es nur dem Menschen, kulturell auf dem aufzubauen, was die Generation vor ihm gelernt hat – wie eine Ratsche, die sich immer einen Zacken weiter drehen lässt, aber nie zurück.

Diese Evolution von Kultur gebe es nur beim Menschen, behauptet Tomasello. "Affen äffen zwar auch nach", sagt er, "aber die wahren Meister im Nachäffen sind Menschenkinder."

Und doch: Affenkinder können ihren menschlichen Cousins ziemlich nahekommen. Das hat sich bei den Schimpansen von Bossou gezeigt. So knacken Affen in Westafrika seit Jahrhunderten ihre Nüsse auf einem Amboss. Auch in Bossou macht man das so, aber hier ist die Evolution schon einen Schritt weiter gekommen: Die Schimpansen setzen sogar Steine unter den Amboss, um ihn in abschüssigem Gelände zu stabilisieren.

 

Gorillas im Nebel – Die Leidenschaft der Dian Fossey

 

Weitere Arbeiten desselben Autors siehe hier.

 




Gibt es die reine Wissenschaft?

PhilosophyÜberlegungen von Andreas Müller.

“Die Idee der Wertneutralität wird in den Wissenschaften häufig zumindest implizit in Anspruch genommen, da unterstellt wird, dass für die Akzeptanz oder Ablehnung einer Theorie alleine die Fakten und nicht Werte der Wissenschaftler ausschlaggebend sind. Historisch entscheidend für diese Annahme ist der britische Empirismus und insbesondere David Humes Formulierung des Sein-Sollen-Fehlschlusses.[1] Hume argumentierte, dass es prinzipiell nicht möglich sei, von Faktenbeschreibungen auf Werturteile zu schließen. Auch heute noch wird diese These häufig mit dem Verweis auf die prinzipielle Verschiedenheit von Fakten- und Werturteilen vertreten. Allerdings ermöglicht eine solche Unterscheidung auch den umgekehrten Schluss, dass man nie von einem Wert- auf ein Faktenurteil schließen könne.

Die bekannteste Formulierung einer derartigen These findet sich bei Max Weber, der auch die potentielle Wertfreiheit der Sozialwissenschaften verteidigte.[2] Wissenschaftliche Theorien hätten das Ziel, Fakten in der Welt zu beschreiben und für dieses Ziel seien Werturteile unerheblich. Anders formuliert: Für die Beantwortung der Frage „Was ist in der Welt der Fall?“ sei eine Beantwortung der Frage „Was sollte in der Welt der Fall sein?“ irrelevant.”

(Wikipedia, Wertfreiheit)

Da Ayn Rands objektivistische Philosophie die Sein-Sollen-Dichotomie leugnet, kann man sich fragen, was sie zur Wertneutralität der Wissenschaft zu sagen hat. Es gibt verschiedene Interpretationen, was die Wertfreiheit der Wissenschaften eigentlich bedeuten soll. Eine Idee lautet, dass reine Empirie wertneutral sei. Fakten sind Fakten. Egal, wie man sie bewertet. Und die Empirie befasst sich jeweils mit der reinen Erhebung von Fakten in einer Spezialwissenschaft.

Da sich aber auch Philosophie mit Fakten befasst (bzw. befassen sollte) und somit die Tatsachen der Alltagsbeobachtung und daraus abgeleitete Schlüsse die Grundlage der Spezialwissenschaften bilden, ebenso wie die Epistemologie die wissenschaftliche Methode bestimmt, ist eine philosophiefreie, reine “Zahlenwissenschaft” undenkbar. Wer Steine erforscht, muss zunächst wissen, was Steine sind, also welche Natur sie haben (unbelebte Natur, keine Initiierung eigener Aktivität, Umwelteinflüssen ausgeliefert) und auch, was seine Forschung bedeutet. Beschreibt sie die Realität oder nur unsere Vorstellung von Steinen? Wer Menschen erforscht, muss ebenso zunächst eine allgemeine Vorstellung davon haben, was ein Mensch ist. Diese Vorstellung ist ebenfalls von Fakten abgeleitet, aber von den eigenen Sinnesdaten und nicht von den isolierten Beobachtungen einer Spezialwissenschaft.

Was bringt es, den Menschen zu beschreiben, wenn man kein Menschenbild (= Metaphysik) voraussetzt? Welchen Nutzen hat es, wenn man feststellt, dass immer mehr Menschen in die Städte ziehen, wenn man nicht weiß, was Menschen sind und demnach nicht die blasseste Vorstellung haben kann, warum diese Entitäten nur in die Städte ziehen könnten? Werden sie vom Wind dorthin geweht? Nein, denn Menschen erzeugen selbst Handlungen durch eine freie Willensentscheidung. Doch halt! Das ist bereits Metaphysik, also Philosophie. Ohne Kenntnis der menschlichen Natur könnte ein Soziologe ebenso der Meinung sein, Menschen würden in die Städte geweht werden. Er kennt aus der Einzeluntersuchung seiner Spezialwissenschaft schließlich nur die Fakten: Mehr Menschen in Städten.

In den Wirtschaftswissenschaften wird das Problem besonders deutlich. Rein empirisch kann ich feststellen, dass die Staatsverschuldung Deutschlands im Jahre 2012 81,9 Prozent des Bruttoinlandsproduktes (Wert aller Güter und Dienstleistungen, die in einem Jahr innerhalb der Landesgrenzen einer Volkswirtschaft erwirtschaftet werden) betrug. Unsere Verschuldung ist also fast so hoch wie unsere Produktivität. Wir müssen fast so viele Werte zurückgeben, wie wir hervorbringen. Während Objektivisten und Austrians (Vertreter der Österreichischen Schule) dies für ein gravierendes Problem halten, weil Steuern steigen, das Geld immer weniger wert ist und sich Sparen und Investieren kaum noch lohnen, die für das Wirtschaftswachstum grundlegend sind, so sagen die Keynesianer: “Na und? Auf lange Sicht sind wir alle tot. Schulden (deficit spending) sind gut, weil man damit die Nachfrage fördern kann und Schulden sind kein Problem, denn die kann man durch Inflation bezahlen. Es ist schlecht, wenn die Leute sparen, denn das führt zu weniger Konsum und somit zu einer Rezession. Also ist es ganz recht, dass wir so viele Schulden angehäuft haben und am besten, wir häufen noch ein bisschen mehr an. Staaten können sowieso nicht Pleite gehen.”

Die Fakten sind dieselben. Ein reiner Empiriker kann überhaupt nichts mit diesen Fakten anfangen, weil er nicht in der Lage ist, sie richtig einzuordnen und zu bewerten.

Ein anderes Beispiel: Es gibt zunehmend viele Menschen, die nicht mehr der Meinung sind, dass Wirtschaftswachstum etwas Gutes ist. Angeblich zerstört Wirtschaftswachstum die Erde. Bekommen sie ihren Willen, würden unsere Schulden über das BIP hinaus anwachsen. Wir müssten dann mehr zurückgeben, als wir hervorbringen, bis wir nichts mehr haben. Was Objektivisten für eine schreckliche Vorstellung halten, gefällt den Ökologen ausgenommen gut. Denn wenn wir eine Weile lang mehr zurückgegeben haben, als wir hervorbringen, dann ist am Ende keine Zivilisation mehr übrig. Und was bleibt, ist der Urmensch im Urwald. Und schon sind wir zurück zur Natur gereist. Aus demselben Faktum werden unterschiedliche Schlüsse gezogen, je nach der Philosophie.

Eine theoriefreie Ökonomik könnte nichts anderes, als mit Zahlen um sich werfen. Sie könnte die Frage nach Kausalität oder Korrelation nicht länger beantworten, denn die Methode, diese zu beantworten, ist eine philosophische. Mit anderen Worten könnte eine theoriefreie Ökonomik feststellen, dass an einem bestimmten Ort zu einer bestimmten Zeit unter der Bedingung der Einführung eines Mindestlohns weniger Jobs vorhanden sind als vor der Einführung des Mindestlohns. Sie könnte überhaupt nichts daraus schlussfolgern, sie könnte auch nicht aufzeigen, ob der Mindestlohn irgendetwas mit dem Jobverlust zu tun hat, denn keine Wissenschaft der Welt hat die Myriaden Faktoren im Auge, die eine Rolle spielen könnten, wenn man nichts weiß über den Menschen. Außerdem: Vielleicht ist der Mensch das Lebewesen, das von der Luft lebt und das Arbeit für unnötige Anstrengung hält. Dann ist ein Mindestlohn eine großartige Idee, weil dann weniger Menschen arbeiten müssen.

Es gibt keine Wissenschaft ohne Philosophie.

Quelle: http://www.feuerbringer-magazin.de/2013/06/06/gibt-es-die-reine-wissenschaft/#more-4710

 

Die Meinung des Gastautors muss nicht der Redaktionsmeinung entsprechen.

 

Weitere Arbeiten desselben Autors siehe hier.

 




Evolutionäre Erklärungen des Geistigen II

II. Bad Science

Unter Geistigem wollen wir hier Charakterisierungen von Lebewesen als Personen verstehen und damit dasjenige, was wir bereitstellen wollen, wenn wir das intentionale Handeln des Lebewesens aus Gründen sprachlich zu erklären beanspruchen. Psychisches, Psychologisches und Mentales sind damit die Hauptanwendungsfälle von Geistigem und offenbar hat Geistiges die wesentliche Eigenschaft, nicht an raumzeitlichen Koordinaten lokalisiert und in diesem Sinne abstrakt zu sein. Die These, die wir hier widerlegen wollen, lautet, daß

(T) der Bestand oder die Abfolge oder die Änderung einiger geistigen Zustände eine evolutionäre Erklärung hat.

Solche Widerlegungen sind auf verschiedenen Wegen möglich. Der hier beschrittene Weg will zum einen das Ergebnis liefern, daß eine Übertragung der oben gefundenen Bedingungen (A1)-(A9) und (G1)-(G3) Unsinn liefert und zum anderen, daß die ganze Idee evolutionärer Erklärungen des Geistigen auf einen irreführenden Bild von Evolution beruht und letztlich einfach schlechte Wissenschaft ist. Letzteres wird uns zugleich ein Beispiel für die in der Literatur [z.B. Philosophical Foundations of Neuroscience von James R. Davis, Max R. Bennett und P. M. S. Hacker, 2003] im wesentlichen akzeptierte These an die Hand geben, daß die Schnittstelle zwischen Gehirn und Geist uns im Moment noch massive Rätsel aufgibt.

Wie kann man die  These (T) widerlegen?

Was kann bei der Übertragung des Konzeptes der Evolution von Biologischem auf Geistiges passieren? Da Geistiges verschiedener Spezies mangels raumzeitlicher Lokalisierung nicht direkt in einer Konkurrenz um überlebenswichtige Resourcen stehen kann, kann man nur die Körper der den Geist erzeugen Gehirne dafür heranziehen und wer immer eine Variante von evolutionärer Psychologie oder Soziobiologie – oder wie immer solche Richtungen heißen mögen – vertritt, muß daher angeben, wie Geistiges von Physischem abhängt. Meistens wird ein modulares Modell des Geistes vertreten [1], nach dem die  mentalen Fähigkeit sich auffassen lassen als eine Menge evolutionär entwickelter und interagierender Informationsverarbeitungssubsysteme, die Lösungen von historisch eingebetteten Optimierungsaufgaben beim Überleben in Konkurrenz zu anderen Spezies repräsentieren.

a). Ein möglicher Weg jeder Art EE von Geistigem das Wasser abzugraben, besteht darin, zu zeigen, daß selbst dann, wenn der Zusammenhang zwischen Physischem und Geistigen so schwach und lose wie möglich in der Theorie ausgelegt wird, er immer noch zu straff ist mit der Folge, daß sich Widersprüche innerhalb der Theorie konstruieren lassen. Hier ist das ausgeführt worden und obwohl meine Argumentation dort zweifellos verbesserungsbedürftig ist, halte ich die grundsätzliche Strategie nach wie vor für richtig.

b) Eine anderer Weg besteht darin, zu zeigen, daß evolutionäre Erklärungen von Geistigem es nicht vermeiden können, gegen (A9) zu verstoßen, weil die Kenntnis von Geistigem sich nicht auf die Kenntnis von zerebralen Zuständen reduzieren läßt. Diesen Weg habe ich ebenfalls hier beschritten und mir scheint diese Idee auch weiterhin einleuchtend zu sein.

c). Ein weiterer Weg, den wir in diesem post benutzen wollen, liegt in dem Nachweis, daß in evolutionionären Erklärungen von Geistigem (EEG) das in  (A1)-(A9) und (G1)-(G3) skizzierte Verständnis gar nicht benutzt wird. Wenn also in EEG ein Begriff der Evolution vorkommt, dann ist er sui generis und ich werde die These stark zu machen versuchen, daß dieses neue Evolutionskonzept höchstens jämmerlich zusammengeklempnert und letztlich unbrauchbar ist. Wenn das nachgewiesen werden kann, dann sind EEG ganz einfach ein Fall schlechter Wissenschaft, weil die Apologeten von EEG einfach das Konzept von Evolution nicht verstehen.

Probleme mit Repräsentationen

Um die letzte Strategie zu verfolgen, betrachten wir:

(P1) Wir können uns zum einen historische Umstände G ausmalen und aus ihnen künftige psychische Zustände M voraussagen.

(P2) Wir können uns interessierende psychischen Zustände auswählen und fragen, ob sie evolutionäre Quellen haben.

Die These (P1) leidet daran, schon seit längerem empirisch widerlegt zu sein: Ein Trend in den Neurowissenschaften geht dahin, bestimmten mentalen Fähigkeiten lokale Gebiete im Gehirn zuzuweisen. Wenn man nun z.B mittels PET die Gehirne von Personen beobachtet, die alle dieselben Aufgaben lösen, dann sieht man zwar, daß in lokal nahe beieinander liegenden Arealen ähnliche Aktivitätsmuster vorhanden sind, aber es sind nicht dieselben Muster an denselben Stellen. Zweitens ist bekannt, daß aufgrund der Plastizität des Gehirns nach Hirnläsionen andere Areale dieselben mentalen Fähigkeiten nach einer gewissen Zeit des Lernens übernehmen können. Auf der Mikroebene ist die Entkopplung mentaler von zerabralen Gehirnzuständen sogar essentiell, weil täglich Neuronen zugrunde gehen, ohne daß wir den Effekt auch täglich bemerken würden, weil andere Neuronengruppen die Aufgabe der ausgefallenen Neuronen übernehmen. Soziobiologen können der Beweiskraft dieser Befunde nur ausweichen, indem sie behaupten, nicht die physiologische Gehirnarchitektur, sondern die Funktionen dieser Architektur seien vererbt. Damit verabschieden sie sich aber von explizit von (A1), (A2), (A6), (A9), (G1), (G2), (G3) und lassen offen, wie sie (A3), (A4) und (A5) erfüllen wollen. Die Strategie aus (P1) dennoch zu verfolgen, bedeutet daher implizit den Begriff der Evolution zu redefinieren, ohne daß der Sinn und Nutzen der neuen Definition transparent diskutiert werden würde. Außerdem gehört zu diesen Funktionen auch die Abfolge mentaler Zustände und es ist einfach falsch, daß für alle eineiigen Zwillinge gilt, daß sie unter denselben Bedingungen immer dieselben Meinungen haben, daß sie von einer Stimmung S1 immer in S2 übergehen und aus denselben Überzeugungen auch dieselben Folgerungen ziehen – das alles stimmt einfach nicht: die Psychen von genetisch identischen Personen sind variabel und nicht Kopien voneinander.

Da Tote zweifellos keine mentalen Zustände mehr haben können, scheint die Behauptung von (P2), daß mentale Zustände auf zerebrale Zustände irgendwie zurückgeführt werden können, prima facie vernünftig zu sein. Man kann nun, wie hier geschehen, darüber nachdenken, ob sich mentale Zustände auch wirklich auf zerebrale reduzieren lassen. In diesem post werden wir uns dagegen fragen, ob man von einem mentalen Zustand wissen kann, daß er auf einen zerebralen reduziert werden kann. Denn das Vorgehen in (P2) verlangt klarerweise, daß, wenn wir uns in einem mentalen Zustand M befinden, wir auf eine nicht näher angegebene Weise mit Hilfe des nicht notwendigerweise sprachlich ausdrückbaren, aber M identifizierenden Inhalts p wissen, daß wir uns in einem zerebralen Zustand Z befinden, von dem wir hier einmal annehmen wollen, daß seine evolutionäre Entstehung in geeigneter Weise nachgewiesen wurde.Um den Zusammenhang von M und Z zu untersuchen, wollen wir nun folgendes definieren:

(D) Wir sagen, daß ein mentaler Zustand M irgendein x repräsentiert genau dann, wenn es entweder die Funktion von M ist, normalerweise Informationen von x zu übertragen bzw. von x verursacht zu werden, oder wenn M die Funktion hat, Informationen von x zu tragen, indem M von y verursacht wird. y ist dabei selbst kein mentaler Zustand.

(D) ist ein knifflige Sache, die sich aber gut an einem technischen Beispiel illustrieren läßt:

So wie der Zeigerstand eines Thermometers K die Außentemperatur T i.S.v. (D) repräsentiert, repräsentiert der vom Gehirn erzeugte mentale Zustand M den zerebralen Zustand Z. Daher entspricht der Zeigerstand von K dem Inhalt p von M und T dem Zustand Z.

Bei Thermometern leuchtet es uns unmittelbar sein, daß kein Zeigerstand von K den Repräsentationszustand R von K repräsentiert, nämlich z.B. die Tatsache, daß ein Zeigerstand von K eine Außentemperatur T repräsentiert. Denn nehmen wir einmal zusätzlich an, K sei mit einem Alarmsystem für niedrige Außentemperaturen gekoppelt. Dann ist klar, daß der Alarmzustand von K einen Inhalt über den Zustand von K, nichts aber über den Repräsentationszustand R von K beinhaltet, denn es wird mit dem Alarm ja nichts über T induziert: Das Thermometer könnte auch kaputt gewesen sein. Übertragen wir diese Struktur nun auf Personen und mentale Zustände, dann folgt: Eine Person kann wissen, daß sie sich in M befindet, ohne deshalb auch ihrem Repräsentationszustand R kennen zu müssen.

Gehen wir jetzt zurück zu K und nehmen wir an, das Thermometer hätte ein Bewußtsein, dann gilt weiter, daß K nicht selbst entscheiden kann, ob sein Zeigerstand auf eine äußere Ursache, z.B. Z zurückzuführen ist oder nicht. K kann die Wirklichkeitreue seines eigenen Zustandes nicht mit Hilfe seines eigenen Zeigerstandes allein verifizieren, denn K kann nicht ohne weitere äußere Anhaltspunkte entscheiden, ob es kaputt ist oder nicht. Daher  kann K so wenig die Wirklichkeitreue seines eigenen Zustandes überprüfen, wie eine Person die Wahrheit der Behauptungen einer Zeitung dadurch herausfinden kann, indem sie ihre Artikel zweimal ließt.

Übertragen wir diese Struktur von Repräsentation nun auf Personen und mentale Zustände, dann folgt insgesamt: In M zu sein, impliziert weder R zu kennen, noch erzählt R durch den Inhalt p von M, wie M via Z oder Z selbst zustandegekommen ist. Und daher kann (P2) niemals zu einer belastbaren evolutionären Erklärung führen. Selbst wenn wir demnach zugeben, daß es evolutionäre Einflüsse auf die Psyche des Menschen gibt – so unplausibel ist das ja gar nicht, wie Zwillingsstudien nahelegen – können wir nicht herausfinden, wo sie genau liegen: Die Intransparenz des Geistes für sich selbst als eine der tieferen Quellen für all die Schwierigkeiten an der Schnittstelle von Gehirn und Geist wird von Soziobiologen, evolutionären Psychologen und anderen einfach unterschätzt.

Natürlich können Soziobiologen diesem Argument ausweichen und behaupten, daß es die mentalen Zustände als Quellen unserer Handlungen seien, welche uns z.B. im Pleistozän das Überleben sicherten, und die daher als einzige einer impliziten Selektion unterlagen. Aber dann verabschiedet man sich erneut vom obigen Evolutionsbegriff, in dem man wieder (A1), (A2), (A6), (A9), (G1), (G2), (G3) fallen und offen läßt, wie (A3), (A4) und (A5) erfüllt werden sollen.

Fazit

Mein Fazit aus dieser Analyse lautet daher: Obwohl es vernünftige und sicher auch wahre evolutionäre Erklärungen z.B. für Anatomisches gibt, sind evolutionäre Erklärungen von Geistigem irreparabel unbrauchbar. Und wer dennoch ihre Richtigkeit beansprucht, demonstriert, daß er gar nicht merkt, von demjenigen dramatisch abzuweichen, was er vorgibt, angeblich so gut zu verstehen: der Evolutionstheorie.

[1] z.B. J. Barkow/ J.Tooby/ L. Cosmides: The Adapted Mind, Oxford 1992 ; J. Tooby / L. Cosmides: Evolutionary Psychology and the Generation of Culture, Part I, in: Ethology and Sociobiology, vol. 10, pp. 29-49 ; J. Tooby / L. Cosmides: Evolutionary Psychology and the Generation of Culture, Part II. Case Study: A Computational Theory of Social Exchange, in: Ethology and Sociobiology, vol. 10, pp. 51-97
 

Die Meinung des Gastautors muss nicht der Redaktionsmeinung entsprechen.

 

Weitere Arbeiten desselben Autors siehe hier.

 




Evolutionäre Erklärungen des Geistigen I

Gibt es eine evolutionär entstandene, psychische Natur der menschlichen Spezies? Ist es wahr, daß es Konsequenzen der evolutionären Entwicklung der Spezies Mensch gibt, die es nicht nur erlaubt, sondern vielleicht sogar von uns fordert, die semantischen Steinbrüche, aus denen sich diejenigen Konzeptualisierungen speisen, mit denen wir die sozialen Kooperationen unseres Lebens abstützen, mit bisher ungetesteten Spektralfarben auszuleuchten? Sind wir vielleicht sogar zu neuen normativen Standards für unsere Gesellschaft genötigt, die die evolutionäre Natur unserer Spezies respektiert und müssen wir daraus eventuell sogar politische Konsequenzen ziehen? Für die Human- und Sozialwissenschaften sind solche mit dem Aufschwung der Biowissenschaften in den letzten Jahrzehnten verbundenen Erklärungs- und Deutungsansprüche meist eine Bedrohung, vor der sie nicht selten hilflos zurückweichen. Ich werde in diesem post jedoch dafür argumentieren, daß alle o.g. Fragen endgültig verneint werden können.

                    
I. Gibt es gute evolutionäre Erklärungen?

Um zu verstehen, was evolutionäre Erklärungen akzeptabel macht, sehen wir uns am besten dafür ein Beispiel (E) an in einem Bereich, für den wir halbwegs zuverlässige Verfahren entwickelt haben, um gute von schlechten evolutionären Erklärungen zu unterscheiden: die Entwicklung eines biologischen Phänomens, des aufrechten Gangs beim Menschen. Was wir hier lernen können, werden wir dann auf den Fall der evolutionären Erklärung geistiger Phänomene zu übertragen versuchen.

Eine Beispiel für eine evolutionäre Erklärung

Nehmen wir nun einmal an, es wäre gesichert, daß unsere Vorfahren V in grauer Vorzeit einmal auf vier Beinen gelaufen sind. Dann können wir uns fragen, durch welche Umstände sich die – zweifellos genetisch determinierte – menschliche Anatonmie so veränderte, daß die Nachfolger N unserer Vorfahren zur Fortbewegung auf zwei Beinen übergingen und wir betrachten für die evolutionäre Entwicklung folgende Erklärung:

(E1) Nehmen wir dafür an, daß V zum Zeitpunkt t in einer Umgebung U lebt, für die seine genetische bedingten Merkmale Fähigkeiten und Eigenschaften bereitstellen derart, daß nur die Existenz seiner Freßfeinde für die Art von V einen ernstzunehmenden Überlebenskampf nach sich zieht und daß seine Reproduktionsrate die Ausfälle durch Unfälle, Krankheiten oder Freßfeinde etc. übersteigt.
                            
(E2) Nehmen wir weiter an, daß innerhalb der Art von V infolge der zufälligen Genomverklebung während der Meiose die Fähigkeit auf zwei Beinen zu gehen, zu einer Zeit vor t unterschiedlich stark ausgeprägt ist. Sie folgt in U vor t irgendeiner Verteilung, ohne daß die Fähigkeit, auf zwei Beinen gehen zu können, zu t evolutionär ins Gewicht fallen würde, da die Reproduktionsrate der Spezies von V die typischen Ausfälle ja bereits übersteigt.

(E3) Stellen wir uns nun vor, daß es fossile Funde darauf hindeuten, daß es durch Schwankungen der Sonnenaktivität in einem Zeitintervall um t herum zu einem Klimawechsel in U gekommen ist, dessen Geschwindigkeit groß, aber ansonsten unwichtig ist. Als Folge davon wird in U für V zu t die Nahrung knapp und alle V müssen immer weitere Strecken zurücklegen, um genug Nahrung für sich und ihren Nachwuchs zu finden, wenn alle überleben wollen. Weiter nehmen wir an, daß andere fossile Funde darauf hindeuten, daß alle V nach t auf zwei Beinen gelaufen sind.

(E4) Weiter können wir festhalten, daß es bis heute eine in Expermenten nachweisbare Tatsache ist, daß, auf zwei Beinen zu gehen, im Vergleich zum vierbeinigen Gang für Primaten enorm energiesparend ist.

(E5) Die Folge dieser Energiesparmöglichkeit ist, daß auf vier Beinen gehende V bei Wanderungen schneller erschöpft sind, täglich mehr Nahrung brauchen und nur kleinere Gebiete nach Nahrung absuchen können. Sie können daher weniger Nachkommen versorgen, die zudem kleiner und schwächer sind und daher eine leichtere Beute für ihre Freßfeinde werden.Die Konsequenz aus (E1)-(E5) ist:

(E6) Dauert die Klimaveränderung in U nur lang genug an und ist U groß genug, damit V dem Klimawandel in U nicht entfliehen kann, dann hat nach ausreichend vielen Generationen der Klimawandel die auf 4 Beinen laufenden V verschwinden lassen, da ihre Reproduktionsrate nicht mehr größer war, als der Verlust an Artgenossen durch Unfälle, Krankheit, Freßfeinde, Verbrechen, Altersschwäche etc…

Ich bin nicht sicher, ob diese Erklärung für die Spezies Mensch auf der Erde wirklich wahr ist, aber wir wollen  für diesen post einmal annehmen, daß es sich um eine gute und wahre Erklärung handekt. Wir fragen uns jetzt, warum diese Erklärung eine gute Erklärung ist. Zugleich erinnere ich daran, daß ich hier bereits darüber berichtet hatte, daß nach dem gegenwärtigen Stand der Wissenschaftstheorie eine allgemeine Theorie der Erklärung im Moment nicht zur Verfügung steht. Dennoch wird sich zeigen, daß man konkret begründen kann, was (E1)-(E6) zu einer guten und was sie zu einer adäquaten evolutionären Erklärung (kurz: EE) macht.

Adäquatheitsbedingungen für evolutionäre Erklärungen

Wie gewohnt muß man – um Zirkularität zu vermeiden – für Adäquatheitsbedingungen von (E) verschiedene Beispiele beibringen, die diese Bedingungen motivieren, erläutern und deren Nützlichkeit demonstrieren. Ferner sollte (E) alle diese Bedingungen erfüllen bzw. nicht gegen sie verstoßen.

(A1) Offenbar sollte keine evolutionäre Erklärung in dem Sinne ex post ablaufen, daß sie eine Geschichte erzählt, nach der die Lebewesen, auf eine Änderung ihrer Lebensumstände explizit reagieren. Denn natürlich stellt keine Spezies generationenübergreifende Überlegungen und Untersuchungen an, um eine quantitative Abschätzung ihrer Überlebenschance zu entwickeln mit dem Ziel, den eigenen Gendatensatz willentlich so zu verändern, daß die dadurch neu erworbenen Fähigkeiten ein Optimalsteuerungsproblem für eine Gruppe von Lebenwesen unter Sterberisiken verschiedener Provenienz für eine Folge künftiger Lebensumstände verbessern. Das ist schlicht unmöglich.In (E) ist die Erklärung richtigerweise aus der ex ante Perspektive vorgenommen worden.

Wenn man (A1) falsch macht, dann kann man z.B. die Geschichte erzählen, daß Menschen ihre Körperbehaarung verloren haben, weil sie in der heißen Savanne laufend sich schwitzend kühlen zu können und auf diese Weise leistungsfähiger wurden. Das ist jedoch insofern ein schlechte evolutionäre Erklärung, als dies zwar ex post einen Vorteil im Überlebenskampf darstellt mag, aber jeder Hinweis auf den zeitlichen und damit den kausalen Zusammenhang mit dem Schwitzens fehlt: Es gibt eben keinen Nachweis darüber, daß V deshalb seine Körperhaare verlor, gerade weil er in der Savanne lief. Denn andere Tiere tun das auch und haben dennoch ein Fell, so daß dem Umstand, in der heißen Savanne zu laufen, nicht das kausale Potential zugesprochen werden kann, zu Haarverlust zu führen. Eine ex ante erfolgende evolutionäre Erlärkung würde aber die kausalen Zusammenhänge und ihre Rolle innerhalb der zeitlichen Entwicklung der Evolution nachzeichnen. Daraus folgt direkt:

(A2) Nicht alles, was ex post einen Vorteil für V darstellt, ist auch das Produkt einer evolutionären Entwicklung zu t in U und damit evolutionär relevant, allein weil es ex post einen Vorteil für V darstellt. Das reicht einfach nicht aus.In (E) ist das beachtet worden.

(A2) ist gerade zu trivial: Es wäre ein Vorteil für den Menschen, wenn er z.B: am Hinterkopf Augen hätte. Aber offenbar reicht das für eine anatomische Anpassung nicht aus, denn wir würden Augen am Hinterkopf als Mißbildung betrachten.

(A3) Nicht alle mit einer Spezies zusammenhängenden Phänomene dürfen offenbar durch eine evolutionäre Erklärung erklärt werden: Blaue Augen z.B. – die ja auch einen erblichen Gendefekt zurückzuführen sind – haben sich gerade deshalb verbreitet, weil es sich um einen Freiheitsgrad innerhalb der Evolution handelt, dessen Ausprägung nichts mit irgendeinem Vor- oder Nachteil beim Überleben von V oder N zu tun hat. Die Augenfarbe hat keine kausalen Wechselwirkungen mit den physiologischen Fähigkeiten, zu überleben: Sehen kann man mit Augen jeder Pigmentierung gleich gut. In (E) gibt es hierfür den Punkt (E5).

Das führt uns direkt zu:

(A4) Nicht jedes biologische Phänomen wurzelt auch in einer biologischen Funktion, was bedeutet, daß nicht jedes biologische Phänomen zulässig ist für eine evolutionäre Erklärung. In (E) schützt uns davor (E6).        

Und das Beispiel der blauen Augen demonstriert noch eine weitere Adäquatheitsbedingung für evolutionäre Erklärungen: Die Augenfarbe ist kein erbliches Merkmal, denn die Augenfarbe der Kinder und Enkel hängt von den jeweiligen Partnern ab und ist selbst dann nicht sicher vorhersagbar, wenn die Augenfarbe der Partner der Kinder und Enkel bekannt ist. Daher gibt es viele Merkmale, wie z.B. nicht Einparken zu können oder sexuell untreu zu sein, die grundsätzlich keiner evolutionären Erklärung zugänglich sind. Wir fassen dies zusammen in

(A5) Was in der Geschichte einer Spezies über Generationen präsent ist, muß nicht das Ergebnis einer Anpassung sein, sondern kann auch das Ergebnis evolutionärer Irrelevanz sein unabhängig davon, ob das biologische Phänomen erblich ist oder nicht. In (E) wird die Anpassung mit dem zeitlichen Zusammenfallen von Klimawechsel und Umstelllung auf den aufrechten Gang begründet.

Obwohl damit genetische Einflüsse alles andere als offensichtlich und damit auch im mentalen Bereich nicht auf der Hand liegen müssen wie man am Beispiel der  Intersexualität sieht, kann man das beobachtete und zu erklärende Phänomen anthropozentristisch auswählen. Ein Beispiel dafür wäre Promiskuität beim Menschen:

Gelegentlich wird in der Popkultur behauptet, daß Promiskuität seine Quelle in dem unbewußten Wunsch habe, die eigenen Gene zu verbreiten. Denn genau das geschehe ja mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit schließlich dabei und deshalb sei es evolutionär relevant. Tatsächlich prägen aber über einhundert vom Menschen verschiedene Spezies Homosexualität aus. Das zeigt nicht nur, daß die Verachtung von Homosexualität unnatürlich ist, sondern auch daß sie evolutionär offenbar nicht wirklich ins Gewicht fällt: Denn wenn die Nichtverbreitung der eigenen Genen durch Zeugung von Nachwuchs nicht evolutionär relevant ist, dann ist es die Verbreitung der eigenen Gene auch nicht – vom sog. Gründereffekt einmal abgesehen. Zusammen mit (A5) kann man das zuspitzen zu

(A6) Wenn es biologische Phänomene gibt, die evolutionär irrelevant sind, dann kann man dessen evolutionäre Funktion nicht an seiner biologischen Funktion ablesen – wenn wir denn einmal annehmen wollen, daß es eine solche gibt. Also ist nicht jedes biologische Phänomen, daß eine biologische Funktion ausübt, auch evolutionär relevant und damit zulässig für eine evolutionäre Erklärung. In (E) wird die evolutionäre Relevanz des aufrechten Ganges explizit in (E4) dargelegt.

Was hingegen im letzten Beispiel der Popkultur evolutionär relevant ist, ist die Zeugung von Nachkommen. Daß es hingegen auch die eigenen Nachkommen sind, ist offenbar evolutionär irrelevant. Diese Tatsache exemplifiziert die Adäquatheitsbedingung

(A7) Höchstens biologische Massenphänemene sind evolutionär erklärbar.

Zwar kann man nicht abstreiten, daß uns z.B. die Epigenetik Gründe an die Hand gibt, zu glauben, daß auch einzelne Gene evolutionären Prozessen unterworfen sind. Aber ich persönlich kenne keine populationsgenetischen Rechnungen, die zeigen, ob und wie sich das auf eine ganze Spezies auswirkt. Bleiben wir also vorerst bei (A7).

Die Tatsache, daß einige Gene z.B. meine Gene sind, ist trivialerweise kein Massenphänomen. Aber in (E) geht es gerade um ein Massenphänomen. Im übrigen weiß jeder Mensch sehr gut, daß er es auch dann tun will, wenn er genau weiß, daß er sich dabei nicht vermehren kann: Es gibt folglich eben nur einen für den Fortbestand der Spezies völlig ausreichenden Geschlechtstrieb, einen Vermehrungstrieb gibt es hingegen nicht: Begeisterte Samenspender, die offen für ihr Hobby Werbung machen, sind schlicht die Ausnahme. Mit anderen Worten:

(A8) Nicht immer ist es das erfolgreiche Resultat eines Verhaltens, das das Resultat einer evolutionären Entwicklung ist.

Betrachten wir jetzt die letzte, ebenfalls auf der Hand liegende Adäquatheitsbedingung:

(A9) Adäquate evolutionäre Erklärungen betreffen nur die Wechselwirkungen natürlicher Abläufe mit den erblichen Merkmalen jedes Lebewesens einzeln in einer lokalen Umgebung U in gleicher Weise und sie sind unabhängig davon, daß für das Erbringen der Erklärungsleistung von einen Kollektiv intentional erbrachte Kulturleistungen derselben oder anderer Spezies in der evolutionären Erklärung erwähnt werden. In (E) wird das klarerweise eingehalten.

Diese Bedingung schränkt die Menge der erklärbaren Phänomene auf andere Art und Weise ein, als (A2) das tut.Macht man sie falsch, dann kann man das z.B. dadurch machen, daß man den Begriff der Evolution von der Intuition einer Sterbewahrscheinlichkeit entkoppelt, deren Quelle das die eigenen erblichen Fähigkeiten und das Verhalten anderer Arten in einer gemeinsam geteilten Umgebung U sind und betrachtet statt der o.g. bedingten die nicht auf diese Weise bedingte Sterbewahrscheinlichkeit, indem man lebensverlängernde Maßnahmen wie z.B. die Gesundheitsvorsorge oder moralische Einstellungen wie z.B. möglichst viele Nachkommen zu zeugen, einer Spezies auf die nicht-bedingte Sterbewahrscheinlichkeit derselben Spezies anrechnet. Ein Beispiel, wo das systematisch falsch gemacht wird, ist der SciLogs-blog Natur des Glaubens von Michael Blume.

Qualitätskriterien für evolutionäre Erklärungen

Neben solchen Adäquatheitsbedingungen können wir noch Qualitätskriterien für EE aufschreiben:

EE sind die ultima ratio bei der Erklärung biologischer Phänomene: Der Gund dafür ist der, daß EE in mindestens einem Punkt immer spektulativ bleiben. Machen wir uns das an (E) klar: Selbst wenn wir wissen, daß Klimawandel und Entwicklung des aufrechten Ganges zeitlich zusammenfallen, so können wir doch nicht sicher sein, daß es keinen weiteren, bisher unbekannten Grund x für die Umstellung der Fortbewegungsart von V gab, der einen alternativen Kausalverlauf zum betrachteten oder einem späteren Zeitpunkt initiierte. Gäbe es diesen tatsächlich dominanten alternativen Kausalverlauf und wüßten wir von ihm, dann würden wir sagen: “Auch der simultane Klimawandel zu t in U hätte den aufrechten Gang sich in der Evolution durchsetzen lassen. Tatsächlich aber war es x.”. Hypothetisch, weil in der Vergangenheit liegend, wird in EE immer die Aussage sein, daß es kein solches x gab. Wir formulieren also als Bedingung einer guten EE:

(G1) Eine EE ist gut höchstens dann, wenn jede alternative Erklärung des biologischen Phänomens unabhängig von EE einen Mangel hat, der sie inakzeptabel macht und EE keine dieser Mängel aufweist.

Diese Bedingung für die Güte einer EE ist natürlich denkbar schwach. Ob sie (E) erfüllt, kann ich leider nicht angeben, da ich die Menge aller konkurrierenden Erklärungen nicht kenne. Zum Glück finden wir noch stärkere, weil spezifischere Anforderungen:

Man kann nicht abstreiten, daß viele Merkmale z.B. der menschlichen Physiologie wie etwa Stoffwechselparameter oder Körperlänge einer Verteilung genügen. Andere, wie etwa die Anzahl der Finger, tun es nicht. Damit stellen sich klarerweise zwei Probleme: Wenn man evolutionäre Erklärungen für verteilte Merkmale in Anschlag bringt, muß die (Nicht-) Existenz der Verteilung selbst Gegenstand der Erklärung sind. Und deterministische wie Zufallsphänomene als Produkt derselben Evolution auszuweisen, ist natürlich schon nicht so leicht. Zugleich muß bei verteilten Phänomenen ein Unterschied gemacht werden können zwischen einer falschen und einer richtigen EE. Mit anderen Worten:

(G2) Wenn eine EE eine gute EE eines biologischen Phänomens mit biologischer Funktion sein will, dann muß die Variation selbst Teil der biologischen Funktion sein, deren Entstehung durch einen evolutionären Prozeß behauptet wird. Zweitens muß wegen (A5) die Art der Abweichung in der biologischen Funktion unterschieden werden können von der Falschheit der Erklärung selbst in einem der Ausprägungsfälle des biologischen Phänomens. (E) erfüllt dies dadurch, daß der aufrechte Gang in so gut wie jeder Variation dem Gang auf 4 Beinen in Punkto Enegiesparen wenigstens ein wenig überlegen ist.

Evolution stellen wir uns manchmal so vor, als würde ein in einer black box verborgener Prozeß an einem Lebewesen über längere Zeiträume hinweg ein Merkmal hervorbringen. Abgesehen davon, daß die Epigenetik massive Zweifel an der Langfristigkeit dieses Bildes erzeugt, ist es grundfalsch: Richtig ist allein, daß der Einfluß der Kombination aller Merkmale auf das Verhältnis von Aussterbewahrscheinlichkeit zu Geburtenrate relevant ist und selbst das reicht nicht aus: So kann ein Lebewesen, daß in seinem biologischen Eigenschaften z.B. seinen Nahrungskonkurrenten im Pleistozän in so gut wie jeder Hinsicht unterlegen ist, doch seine biologischen Merkmale konservieren, wenn ein Merkmal z.B. die Intelligenz, die Nachteile der anderen Merkmale im Vergleich zu den Eigenschaften der konkurrierenden Spezies kompensiert: Evolutionäre Rechtfertigungen von Merkmalen gibt es im Grunde nicht, da ihre Konsequenzen auf das Verhältnis von Aussterbewahrscheinlichkeit zu Geburtenrate immer von den Eigenschaften der konkurrierenden Lebewesen abhängt.Daher kann man auch niemals davon reden, daß durch Evolution so etwas wie Konvergenz einer Spezies in Bezug auf eines ihrer Merkmale auf ein Optimum hin stattfindet: Evolution verbessert nichts auf lange Sicht, sie gleicht höchstens aus relativ zu einem zeitabhängigen setting. Und was zu t optimiert wurde kann zu T>t schon evlutionär irrelevant sein. Das kann man auch so formulieren:
    
(G3) Eine EE ist gut höchstens dann, wenn sie den resultierenden Einfluß einer Kombination erblicher Faktoren auf das Verhältnis von Aussterbewahrscheinlichkeit zu Geburtenrate in U zu t unter Einbeziehung des Einflußes der zu t konkurrierenden Spezies betrachtet. Diese Struktur bildet (E) offenbar isomorph nach. Auch (G3) wird im SciLogs-blog  Natur des Glaubens von Michael Blume in den meisten posts nicht erfüllt.

Evolutionäre Anpassung sind daher statistische, d.h. höchstens im Mittel dominante, relative, graduelle und immer kollektive Effekte und es ist ausgenommen schwer, ein einzelnes Merkmals als Produkt einer evolutionären Optimierung auszuweisen. Keinesfalls darf eine EE darauf bestehen, daß das evolutionäre Resultat die Verbesserung einer biologischen Eigenschaft einer Spezies ist.
                    
Zusammenfassung

Wenn wir die gefundenen Unterscheidungen einmal zusammenfassen wollen, dann erhalten wir die folgende Liste:

1. Evolutionäre Erklärungen biologischer Phänomene sind höchstens dann adäquat, wenn sie ex ante den historischen Vorgang der kausalen Selektion eines erblichen, biologischen Phänomens mit biologischer Funktion empirisch belegen, dessen Effekt für die Bilanz von Aussterbewahrscheinlichkeit und Geburtenrate in einer statistischen, zeit- und ortsabhängigen und kulturunabhängigen Erklärung belegen.

2. Evolutionäre Erklärungen biologischer Phänomene sind höchstens dann gut, wenn sie die Mängel konkurriereder Theorien vermeiden und nicht nur die evolutionäre Rolle der biologischen Funktion betrachteten biologischen Phänomens, sondern auch dessen Verteilung aus seiner biologischen Funktion erklären auf eine Weise, daß das Auftreten der Verteilung die ganze Erklärung nicht trivialerweise wahr macht. Zusätzlich sollte sie die zeitabhängigen Wechselwirkungen der Merkmalskombination der betrachteten Spezies mit der Umgebung und dem historischen Verhalten konkurrierender Spezies betrachten und benutzen, um das Resultat der genetischen Veränderung der Spezies verständlich zu machen.

Wir wollen all diese Resultate für evolutionäre Erklärungen biologischer Phänomene im Kopf behalten, wenn wir uns nun überlegen, ob es evolutionäre Erklärungen geistiger Phänomene geben kann. Denn (A1)-(A9) und (G1)-(G3) liefern natürlich die Skizze eines bewährten Verständnisses des Begriffs der Evolution, dessen Übertragbarkeit auf geistige Phänomene hier gerade geprüft werden soll.

 

Informationen zum Autor finden sich hier. Der zweite Teil “Bad Science” folgt demnächst.

 

Die Meinung des Gastautors muss nicht der Redaktionsmeinung entsprechen.

 

Weitere Arbeiten desselben Autors siehe hier.

 




Grundzüge einer naturalistischen Philosophie und Ethik

Die Natur ist auf der fundamentalen ontologischen Ebene aus den Elementen Teilchen, Feldern und Raumzeit aufgebaut, wobei alle strukturell verflochten sind. Des Weiteren besitzt die Natur eine im Prinzip erforschbare Gesetzes- und Kausalstruktur, wobei die Kausalität deterministischer oder statistischer Art sein kann (Bsp.e: Himmelsmechanik, radioaktiver Zerfall). Die Materieelemente (Teilchen bzw. Felder) können beliebig komplexe Strukturen tragen. Elementargebilde können Hierarchien von strukturaler und funktionaler Komplexität aufbauen. Ontologischer Monismus ist also durchaus mit strukturalem Pluralismus vereinbar, unser Universum ist kein homogener statischer Block, sondern eine heterogene, dynamische Struktur. Die Vielfalt der Welt hat sich im Laufe der kosmischen Evolution gebildet, sie ist eine Leistung der Selbstorganisation der Materie.

Schwacher und starker Naturalismus

Die These, dass das materielle Substrat aus seiner eigenen Gesetzlichkeit heraus letztendlich alle Gebilde hervorbringt, hat man mit dem Namen „schwacher Naturalismus" (David Armstrong 1983) belegt. Dieser innerweltliche Naturalismus behauptet die keineswegs besonders gewagte Aussage, dass das Universum in seinem empirisch, aber auch theoretisch fassbaren Bereich ohne Rekurs auf autonome spirituelle Entitäten, besondere Lebenskraft oder teleologische und transzendente Wirk-Faktoren erkannt werden kann. Der schwache Naturalismus schließt einen transzendenten Seinsbereich nicht aus, sondern behauptet nur, dass für das Verständnis des Kosmos auch in den höheren Entwicklungsstufen (Leben, Bewusstsein, Erkennen) supernaturale Faktoren nicht gebraucht werden (ontologische Sparsamkeit). D. Armstrong hat darüber hinaus auch einen „starken Naturalismus" verteidigt, wonach ein Transzendenzbereich ausgeschlossen wird und somit das Universum, so wie es heute von der Wissenschaft erforscht wird, alles ist, was es gibt. Er benützt dabei das Argument der Begründungslast: Derjenige, der für die Existenz eines Seins-Bereiches plädiert, trägt die argumentative Stützungslast.

Der Transzendenz-Skeptiker nimmt dabei eine abwartende Haltung ein: er wartet, bis der Verteidiger einer außerweltlichen Ontologie seine guten Gründe vorbringt. Der Skeptiker ist dabei nicht gezwungen, Gründe für die Nichtexistenz der in Frage stehenden Seinsbereiche zu bringen. Solange es dem Verteidiger einer supernaturalen Einbettung des Kosmos nicht gelingt, einsichtige Gründe für diese ontologische Erweiterung zu bringen, wird sich der Skeptiker nicht überzeugen lassen. Dies ist wichtig für die immer wieder beschworene Situation eines Argumentations-Patts: Derjenige, der behauptet, dass auf Neutronen-Sternen kleine grüne Männchen wohnen, muss dies zeigen. Nicht der Skeptiker muss beweisen, dass auf Neutronensternen kleine grüne Männchen unmöglich sind. Man kann den „schwachen Naturalismus" auch als Geschlossenheitsthese formulieren. Die Prozesse der Welt sind kausal geschlossen, sie hängen stark vernetzt voneinander ab, aber es gibt keine transmundanen Einflüsse, die das Ursachen-Netz durchbrechen. Die Kenntnis der notwendigen und hinreichenden Bedingungen innerhalb des Universums reicht hin, um Aufbau und Funktion lebendiger Systeme zu verstehen. Die kausale Geschlossenheit manifestiert sich u. a. in den Erhaltungssätzen, die überdies über tiefliegende Theoreme der Gruppentheorie mit der Struktur der Raumzeit verknüpft sind (E. Noether).

Jeder externe Eingriff in das Universum bedeutet eine Durchbrechung mindestens eines Erhaltungssatzes. Auch in der Mikrowelt gelten die klassischen Erhaltungssätze. Deshalb ist es sinnvoll, die Welt auch als epistemisch geschlossen zu betrachten. Im Sinne des stratonischen Immanenz-Prinzips wird die Welt aus sich heraus erklärt. Alle sinnvollen Probleme werden mit immanenten Mitteln gelöst. Der Naturalismus besagt auch, dass die innerweltlichen Entitäten nicht von beliebiger Sorte sein können. Abstrakte, spirituelle, platonische Agenzien wie Ideen, Gedanken, Einfälle sind danach durchaus reale Strukturen, die in der Welt wirken, aber sie bleiben immer Muster einer neuronalen Aktivität in dem Gehirn eines lebendigen Organismus. Wird eine Idee nicht von einem Gehirn gedacht, existiert sie nicht. Ontologisch abkoppeln lassen sich Ideen nicht. Dies ist keineswegs ein extremer philosophischer Standpunkt: Aristoteles hat gegen Platon verteidigt, dass gedankliche Strukturen nur in den Dingen vorkommen. Auch in seiner Psychologie denkt Aristoteles durchaus in Einklang mit dem modernen Naturalismus. So heißt es in De anima II, 413 a: „… dass nun die Seele nicht abtrennbar ist vom Körper … das ist offensichtlich". Nach Aristoteles gibt die Seele als Struktur dem organischen Material temporär eine bestimmte Form, die mentalen Funktionen sind aber an die stabile Existenz des organischen Trägersubstrates gebunden.

Algorithmisierbarkeit des Seelischen

Moderne Psychologen haben in Einklang mit Aristoteles' naturalistischer Psychologie darauf hingewiesen, dass die Seele nur dann verstehbar, erforschbar ist, wenn sie gesetzesartigen Regularitäten sowie der Naturkausalität unterworfen ist. D. Dörner hat klar gezeigt, dass eine wissenschaftliche Psychologie voraussetzt, dass Seelisches algorithmisierbar sei. Ohne diese Annahme könnte man für psychologische Phänomene gar kein kausales Modell mit Erklärungsanspruch erstellen. Wenn Seelisches aus der Naturkausalität herausfiele – wie Kant noch annahm – würde sich das Wechselwirkungsproblem nicht verstehen lassen, jene Offensichtlichkeit, dass Vorstellungen und Phantasien körperliche Effekte hervorrufen können. Wenn Seelisches nicht eine Struktur organischer Materie wäre, ließe sich Bewusstsein auch niemals in einem anderen Träger-Medium realisieren. Die Idee einer künstlichen Intelligenz, wobei mentale Funktionen auf mechanischen, elektronischen oder anderen nicht-organischen Trägerbasen aktiviert werden, wäre von vornherein ausgeschlossen. Es erscheint aber als eine arrogante Voreingenommenheit gegenüber allen informationsverarbeitenden Maschinen zu behaupten, dass eine solche Rekonstruktion unmöglich sei. Deshalb wäre es voreilig, die algorithmische Kompressibilität (Naturgesetzlichkeit) des Mentalen a priori auszugrenzen. Methodisch gesehen ist es immer sinnvoller, die Erkennbarkeit eines Bereiches anzunehmen als dessen Analyse-Resistenz dogmatisch zu behaupten. Weiterführend ist es hingegen zu versuchen, ob man zentrale Züge des menschlichen Seelenvermögens – wie die Autonomie – auf Maschinen eines bestimmten Komplexitätsniveaus rekonstruieren kann. D. Dörner hat dies vor kurzem in eindrucksvoller Weise durchgeführt, indem er die Seele als ein Steuerungssystem rekonstruiert hat, das ein organisches System zur Selbstbestimmung befähigt. Autonomie tritt danach als stammesgeschichtliche Errungenschaft auf, weil es den Individuen bestimmte Überlebensvorteile verschafft.

Zuweilen wird der Naturalismus als pragmatische Vorgabe gesehen, die es erlaubt, ungestört Wissenschaft zu betreiben. Ich plädiere dafür, den Naturalismus als philosophische Hypothese über die Welt anzusehen: Sie ist nicht direkt falsifizierbar, ist aber indirekt fallibel, weil kritisierbar. Nach Popper reicht die Kritisierbarkeit aus, um eine Hypothese als wissenschaftlich zu qualifizieren. Popper anders als Wittgenstein hielt an der Existenz genuiner philosophischer Probleme und Hypothesen über die Welt fest. Eine Widerlegung des Naturalismus erfolgt damit nicht durch Beobachtung oder Experimente, sondern durch Bezug auf die heute bewährten Theorien der Wissenschaft.

Naturalismus vs. Theismus

Der schwache Naturalismus ist nichts anderes als die sparsamste philosophische Hypothese über die Beschaffenheit der Welt. Auch der starke Naturalismus ist natürlich kritisierbar. Vor allem im Bereich der Kosmologie: Der Theologe W. L. Craig hat vor kurzem versucht zu zeigen, dass das Standard-Urknall-Modell der Kosmologie nicht ohne Rekurs auf einen transzendenten Schöpfungsvorgang verstanden werden kann. Adolf Grünbaum hat diesen Argumentationsgang heftig kritisiert und auch Quentin Smith hat die theistische Deutung der Anfangssingularität als non sequitur erkannt. Jedenfalls wird um den Naturalismus auf hohem intellektuellen Niveau in der analytischen Philosophie eine intensive Diskussion geführt.

Die Wechselwirkung spiritueller Entitäten mit materiellen (chemischen, biologischen, neuronalen) Systemen ist völlig ungeklärt: Was passiert im Detail, wenn zeitlose, unräumliche, masselose Entitäten mit materiellen Systemen in der Raumzeit wechselwirken. Kausalität wird durchweg reziprok begriffen (3. Newtonsches Gesetz). Was soll man sich aber bei der drastischen kategorialen ontologischen Differenz unter Reziprozität vorstellen? Es ist ungenügend, die kausale Interaktion nur zu behaupten, man muss sie – so wie im materialen Bereich – spezifizieren. Ein Austausch von Objekten, die Träger von Energie, Impuls oder Drehimpuls sind, lässt sich nicht auf eine psycho-physische Wechselwirkung übertragen, wenn die psychologische Seite keinen materiellen Träger besitzt.

Wie ist nun aber die Situation zu beurteilen, wenn keine Wechselwirkung zwischen außerweltlichem und innerweltlichem Bereich stattfindet? Dieser Fall liegt ja gerade bei schwachem Naturalismus vor. Methodisch gesehen, also von der Verfahrensseite her, ist dann alles noch viel seltsamer. Eine transzendente spirituelle Entität, die nicht die geringsten Spuren in einem völlig ontologisch und nomologisch autonomen Universum hinterlässt, ist de facto funktionslos. Es ist nicht logisch widersprüchlich anzunehmen, dass die naturale Welt eine übernatürliche Einbettung besitzt. Wenn von dort her keine Spuren in der Welt hinterlassen werden, bleibt es bei der logischen Möglichkeit der Existenz des einbettenden Bereiches, aber es fehlen jegliche gute Gründe, dass diese Einbettung tatsächlich existiert. Kognitiv zumindest ist eine solche Annahme ad hoc; vielleicht kann man ihr eine emotive Funktion zuordnen, eine palliative Rolle, um die Härte des Naturalismus abzumildern, aber systematisch gesehen ist eine derartige Hypothese willkürlich.

Auch der schwache Naturalismus ist mit dem traditionellen Theismus unvereinbar. Allenfalls könnte man den Pantheismus, wie ihn etwa Spinoza vertreten hat, einen naturalisierten Theismus nennen. Die Identifizierung der Natur mit einem göttlichen Wesen kann als Spiritualisierung der Natur oder als Materialisierung der Transzendenz gedeutet werden. Eine Reihe von Naturwissenschaftlern standen dem Pantheismus nahe, unter ihnen auch Einstein. Seine Bewunderung für den hohen Ordnungsgrad der Natur hat ihn immer wieder zu emphatischen Äußerungen verleitet. Vermutlich haben solche Bekenntnisse eine ästhetische Wurzel, der „gestirnte Himmel" erzeugte eben nicht nur bei Kant, sondern auch bei modernen Wissenschaftlern erhabene kosmische Gefühle. Systematisch ist aber vermutlich der Analyse Schopenhauers nichts hinzuzufügen: „Gegen den Pantheismus habe ich hauptsächlich nur Dieses, dass er nichts besagt. Die Welt Gott nennen, heißt sie nicht erklären, sondern nur die Sprache mit einem überflüssigen Synonym des Wortes Welt bereichern".

Finale oder kausale Deutung der Evolution

Ähnlich steht es auch mit der Teleologie: Zwecke, Ziele, globale Intentionen in die Natur hineinzutragen, wird heute in der Naturwissenschaft als eine Überschreitung der kausal-mechanistischen Erklärungsstrategie gesehen. Innerhalb des heutigen evolutionären Naturalismus wird die scheinbare Zweckmäßigkeit der Lebewesen als Anpassung erklärt und somit kausal gedeutet. Der evolutionäre Naturalismus ist deshalb antiteleologisch und kausalistisch, was aber das Moment des Zufalls einschließt. Wenn man durchgehend mit

kausalen Prozessen in der Naturerklärung auskommt, wird man nicht ohne Not teleologische Mechanismen einbauen. Sparsamkeit in Bezug auf Entitäten, Kräfte und Mechanismen heißt Naturerkenntnis mit Minimalontologie zu betreiben. So wenig Erklärungselemente wie möglich, aber so viel wie notwendig. Der methodische Grund dieser Beschränkung liegt darin, dass die einfachere von zwei Hypothesen, die also weniger Entitäten enthält, leichter prüfbar ist. Eine Hypothese mit mehr Größen, mehr Kombinationsmöglichkeiten kann weniger leicht an der Erfahrung scheitern. Mit ausreichend vielen Konstruktionselementen kann ein Theoriengebäude fast unwiderlegbar gemacht werden, wie man an der Ptolemäischen Astronomie gesehen hat. Selbstredend ist der Naturalismus kompatibel mit der Entdeckung neuer materieller Systeme, in dem Sinne ist er klarerweise ontologisch offen. Auf der anderen Seite muss der Naturalismus kategoriale Abgrenzungen vornehmen, um überhaupt Aussagekraft zu besitzen.

Der Naturalismus hat heute evolutionären Charakter. Das evolutive Paradigma hat nach und nach alle Ebenen der Komplexität erfasst. Zuletzt sogar das Universum. Darwins Theorie war eigentlich nur der Wegbereiter für den Entwicklungsgedanken auf allen Schichten der Natur. Eine abstrakte Form davon mit verallgemeinerter Dynamik bildet die Idee der Selbstorganisation (SO).

SO ist die Anwendung des Entwicklungsgedankens auf beliebige Strukturen: So spricht man z. B. von der chemischen Evolution einer Galaxis, wenn sie selber ihren Anteil an Metallen erhöht. Die Idee der SO brachte Formen der Naturalisierung mit sich, die, als sie die höheren Leistungen des Menschen erreichte, Proteste und Abwehrreaktionen hervorrief. Sprache, Erkenntnis, Moral, ästhetisches Vermögen als neurobiologische Produkte, als spontane Organisationsleistungen des Hirns zu entschlüsseln, erschien vielen als eine Entwertung und Herabsetzung des spezifischen „Humanums". Max Scheler hat in seinem Buch: „Die Stellung des Menschen im Kosmos" dieser Abwehrhaltung Ausdruck gegeben. Er meinte noch, dass über allen neurobiologischen Funktionen der noàj als der genuine Exponent des Geistes walte. Heute wird in der Philosophie des Geistes nirgendwo mehr von einem noàj Gebrauch gemacht. Die Naturalisierung des Geistes wird bis heute von vielen als „Entzauberung" (Max Weber) empfunden, als etwas, das uns den letzten Rest von Mittelpunktsbestimmung im Universum nimmt. Bei Jean Paul war es noch ein Alptraum, bei Nietzsche eine bestürzende Erfahrung und bei Steven Weinberg eine trockene Konstatierung, dass der menschliche Geist keine Sinnkonstitution im Universum leisten kann. Auch Entrüstung hat somit eine Dämpfungskurve.

Eine wichtige Funktion bei der Naturalisierung des Geistes haben die jüngst etablierten Brückendisziplinen ausgeübt, die die Verankerung der mentalen Funktionen in der Physis verstärkten. Soziobiologie, Psychobiologie, Neurobiologie, Biolinguistik, haben den von Scheler so betonten Hiatus von Geist und Materie stark verringert. Auch Kognitionsforschung und Computer-Wissenschaft greifen in das früher rein von der Philosophie beherrschte Gebiet von Anthropologie, Epistemologie und Ethik ein. Jüngst wurde die Ästhetik von der Evolutionstheorie erfasst. Einer meiner Gießener Kollegen ist dabei, eine evolutionäre Ästhetik auszuarbeiten.

Naturalisierung der Philosophie

Der vorstehende Prozess lässt sich durchaus als Naturalisierung der Philosophie beschreiben. Diese Entwicklung ist kaum rückgängig zu machen. Eine glaubwürdige Philosophie muss sich heute im Verein mit den Einzelwissenschaften bemühen, den Menschen, die Welt und deren kognitive Wechselwirkung zu begreifen. Nicht nur die Philosophie, die Geisteswissenschaften schlechthin können sich ohne Substanzverlust nicht von den Neuro-, den Informations- und den Kognitionswissenschaften isolieren. Die Geisteswissenschaften sind nicht mehr allein die genuinen Verwalter von Vernunft, Subjektivität und Emotion. In den naturwissenschaftlich orientierten Spezialdisziplinen, wie z. B. Psychopharmakologie wird religiöses Bewusststein analysiert; Psycho-Robotik rekonstruiert die Autonomie des menschlichen Subjektes, Verhaltensgenetik die Koevolution von Natur und Kultur. Eine naturalistische Anthropologie ist dabei, Kernbegriffe der Hermeneutik und Geisteswissenschaften wie Person, Selbst, Subjekt in eine objektivierende wissenschaftliche Sprache zu übertragen. Dass dabei auch emotionales Pathos verloren geht, mag manchen stören, ist aber de facto kein kognitiver Verlust.

Es ist zu erwarten, dass bei einer objektiven Rekonstruktion des Bewusstseins manche Vorurteile der Folklore-Psychologie des Alltagsverstandes verloren gehen. Zum festen Bestand der Alltags-Psychologie gehört die Überzeugung, dass die Perspektive der ersten Person, in der wir über die eigenen psychischen Erlebnisse sprechen, von der objektiven neurophysiologischen Beschreibung nicht eingeholt werden kann, was Thomas Nagel in das berühmte Fledermaus-Gleichnis gekleidet hat. Das Argument hält jedoch nicht Stand, wie Paul Churchland gezeigt hat: Der privilegierte Zugang, den die Fledermaus und wir alle zu unseren inneren mentalen Zuständen besitzen, bedingt mitnichten, dass diese Zustände unphysikalisch sein müssen. Jeder Mensch hat auch einen privilegierten Zugang zu den Zuständen seiner Eingeweide, dennoch zweifelt er nicht, dass diese nach physiologischen Gesetzen funktionieren. Spezielle Informationskanäle zu bestimmten physiologischen Prozessen unseres Körpers bedingen keine immateriellen Zustände.

Die Freiheit des Willens

Eine ähnliche Rolle wie das Gefühl von der Besonderheit des Sprechens in der ersten Person spielt in der Naturalismus-Debatte die Freiheit des Willens. Dies ist ein Lieblingsthema der idealistischen Philosophie. Angeblich ist aus dieser evidenten Fähigkeit des Menschen antinaturalistisches Kapital zu schlagen. Schon Spinoza und Voltaire haben diese Begriffszusammenstellung als inkohärente Kombination kritisiert. Die analytische Philosophie ist fast durchweg dieser Kritik gefolgt. Schlick, Carnap, Russell beziehen den Freiheitsbegriff ausschließlich auf den Handlungsbereich und explizieren die Freiheit des Handelns als Abwesenheit von Zwang. Handlungsfreiheit lässt sich kohärent mit Naturkausalität zusammenbringen. Hobart hat darüber hinaus schon 1934 in einer vielbeachteten Arbeit gezeigt, dass für einen sinnvollen Begriff moralischer Verantwortlichkeit die Kausalstruktur der Welt sogar unabdingbar ist. Die sich uns anscheinend als unhinterfragbar aufdrängende Intuition von der Ursachlosigkeit unserer Entscheidungen ist eine der vielen Illusionen unserer Alltags-Psychologie. Die moderne Neurophilosophie hat die Überzeugung von der Infallibilität der Introspektion längst fallengelassen. Es ist viel glaubwürdiger, dass wir selber unsere internen mentalen Prozesse falsch einschätzen, als dass wir ausgerechnet in dieser fluktuierenden Welt sicheres Wissen besitzen.

Normativer Naturalismus

Die Übertragung der naturalistischen Denkweise auf den normativen Bereich hat von jeher Zweifel geweckt. Aufgrund der weithin akzeptierten Barriere zwischen dem Reich des Faktischen und der Welt der Normen und Werte schien sich hier ein unüberwindlicher Hiatus aufzutun, den der Naturalismus keineswegs überbrücken könne. Bis in die Gegenwart verteidigen u. a. die Vertreter einer theonomen Moral die Irrelevanz deskriptiven Wissens für die Welt der Normen. So der evangelische Theologe Georg Hunteman: „Biblisches Ethos kann sich nicht an der Natur orientieren". Man muss den früheren Rationalisten und Aprioristen zu Gute halten, dass lange Zeit nichts über die stammesgeschichtlichen Engramme im Gehirn bekannt war. Mit der Kenntnis spezifischer Orientierungen, Neigungen, Tendenzen unserer emotiven biologischen Basis ließ sich die Existenz absoluter extrasomatischer Werte schlecht verbinden. Daraus resultierte das Unternehmen der Bioethiker wie E. Wilson und M. Ruse, Moralphilosophie als angewandte Wissenschaft zu begreifen. Damit hat die Naturalisierungsstrategie auch die Ethik erreicht: Je besser man die materielle Basis des wertenden Systems versteht, um so eher werden die Quellen der moralischen Haltungen und Einstellungen plausibel. Wenn man erkannt hat, dass viele Werte stammesgeschichtliche Adaptionen darstellen, damit Optimierungen für den Existenzkampf bilden, dann ist eine platonische Existenzform der Werte höchst unglaubwürdig. Naturalisierung in der Ethik heißt nicht einfach, naturwüchsige Tendenzen gut zu heißen, sondern unser Gefühl von moralisch Richtig und Falsch, das als Basis für unseren ethischen Kanon dient, als Optimierung der Evolution des Gehirns zu erkennen. Man will also aus der materialen Basis des moralischen Fühlens die heute akzeptierten Verhaltensregeln gewinnen. Soweit befinden wir uns auf der Erklärungsebene.

Die Naturalisten wie E. O. Wilson sind aber auch überzeugt, dass selbst für die Rechtfertigungsebene die emotive Basis unserer Wertungen von Belang ist. Um nicht bei der Restriktion, die jede Ethik darstellt, an den moralischen Subjekten vorbeizunormieren, müssen Brückenprinzipien (H. Albert) eingesetzt werden. Ein klassisches Brückenprinzip ist aus dem Römischen Rechtssystem bekannt: „Ultra posse nemo obligatur". Die Verpflichtung des moralischen Subjektes muss auf die empirischen Möglichkeiten Rücksicht nehmen. Die empirischen Möglichkeiten sind aber gerade die schon erwähnten stammesgeschichtlichen Programmierungen. In Unkenntnis der faktischen Natur des Menschen wurden diese durch aprioristische Normierungen in unsinnige Konflikte hineinmanövriert.

Der Paradefall eines solchen Konfliktes war die über Jahrhunderte verteidigte Sexualethik, in der an die Menschen den biologischen Programmen extrem zuwiderlaufende Forderungen gestellt wurden, die auf der anderen Seite für ein glückliches Zusammenleben der Geschlechter gar nicht erforderlich war. Die normative Prinzipien-Ethik entartete in diesem Fall zu einem Zwangssystem, weil keine Brücken zur faktisch im Menschen verankerten Triebsituation vorhanden wa-ren. In Kants „Metaphysik der Sitten" findet man viele Beispiele dafür, wie idealistische Leitvorstellungen ohne Rücksicht auf empirische Gegebenheiten der biologischen Natur des Menschen zu absurden ethischen Forderungen geführt haben. Hingegen gehen moderne Vertreter einer evolutiven Ethik wie Michael Ruse dazu über, die Dispositionen des Individuums aus der Stammesgeschichte in Rechnung zu stellen, wenn es sich um die Gewichtung von Mustern des Sexualverhaltens handelt. Naturalismus in der Ethik bedeutet also – dies ist zu beto-nen – kein blindes Übernehmen von natürlichen Verhaltensmustern, sondern die Berücksichtigung der faktischen Strebungen bei der Aufstellung von Handlungsnor-men, um die Spannung zwischen Sollen und Wollen zu minimieren. Eine naturalisti-sche Ethik wird also sicher sparsam mit Restriktionen umgehen. Nur so viele Forde-rungen werden aufgestellt, dass das Wohlbefinden aller Individuen der Gemeinschaft garantiert ist. Ziel einer solchen Ethik ist, dass Menschen nicht aus Selbstzweck irgendwelche Prinzipien erfüllen müssen, sondern dass alle – soweit von den materi-alen Randbedingungen her möglich – ein aus ihrer eigenen Sicht gelungenes Leben führen können. So steht die naturalistische Ethik im Dienste der Idee eines glück-lichen Lebens, dem Zentrum eines modernen säkularen Humanismus

 

 

Die Meinung des Gastautors muss nicht der Redaktionsmeinung entsprechen.

 

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Weitere Arbeiten zum Thema Initiative Humanismus siehe hier.

 




Homöopathie – Wunderglaube? Von Udo Endruscheit

laboratory-860478_1920Die Homöopathieanhänger finden nichts dabei, einer Methode das Wort zu reden, die sich in ihrem eigenen Alltag ständig selbst widerlegt. Eine erstaunliche Form von Glaubensfestigkeit.

Häufig weisen Kritiker darauf hin, dass Homöopathie als Methode vor allem deshalb schon a priori obsolet sei, weil ihre Grundlagen gegen naturgesetzliche Gegebenheiten, gegen wissenschaftlich erstklassig abgesicherte Erkenntnisse verstoßen, die sich täglich, stündlich, sekündlich in unser aller Alltag manifestieren – nur für die Homöopathie jedoch suspendiert sein sollen. Häufig kommt die Frage nach genauerer Erläuterung dieser Position. Wir wollen es im Folgenden versuchen.

Hat Tante Jutta mal wieder den Kaffee zu stark für Oma Hilde gekocht, holt man heißes Wasser und gibt es für die Oma zum Kaffee dazu. Oma ist gerettet!

Nimmt ein 90 kg-Mann eine Ibuprofen-Tablette mit 400 mg Wirkstoff, weil er unangenehme Kopfschmerzen hat, wird er keine Wirkung feststellen, weil die Wirkstoffmenge einfach nicht ausreicht. Also nimmt er sinnvollerweise noch eine.

Was sollen nun diese Trivia in unserem Zusammenhang, wird man fragen. Eben – Trivia! Offenbar sind einem solche Selbstverständlichkeiten gar nicht recht präsent, wenn man geneigt ist, den Lehren der Homöopathie ein offenes Ohr zu schenken. Denn: Nach der Lehre der Homöopathie entsteht beim Verdünnen und Verschütteln eines Ausgangsstoffes ein „Mehr“, das nicht exakt definiert ist, von Hahnemann als „geistige Arzneikraft“ benannt, von seinen heutigen Exegeten meist als „Energie“ oder „Information“, allerdings keineswegs in der wissenschaftlichen Bedeutung dieser Begriffe (eine bekannte pseudomedizinische Spezialität, die Differenz zwischen Sagen und Meinen). Aber ein „Mehr“ soll entstehen – und an „Stärke“ sogar noch mit jedem Verdünnungs- und Verschüttelungsschritt zunehmen – siehe Omas Kaffee. Zugleich soll eine Niederpotenz, die noch „viel“ vom (angeblichen) Wirkstoff enthalten kann, „zu schwach“ sein. Siehe unseren 90 kg-Mann.

Dies führt dazu, dass der klassische Homöopath eine tiefe Ehrfurcht vor homöopathischen Hochpotenzen hat, denen nach der Lehre eine gewaltige Kraft innewohnen müsste, geeignet, Kranke nachhaltig zu kurieren, aber gleichzeitig Gesunde mit eben den Symptomen zu versehen, die beim Kranken geheilt werden sollen. Dies zu widerlegen, als blanken Unsinn zu entlarven, ist Sinn und Ziel der bekannten 10^23-Aktionen der Homöopathiekritiker (nach der Verdünnung in der 23. Zehnerpotenz fällt der Wahrscheinlichkeitswert für die Anwesenheit eines Moleküls der Ursubstanz statistisch unter Null). Homöopathen bezeichnen diese „Selbstversuche“ als blanken Unsinn, begründet mit unterschiedlichen homöopathischen Spitzfindigkeiten, es bleibt jedoch der Umstand, dass diese Mittel erhebliche Wirkungen auf die Probanden haben müssten.

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Aber zurück zu den Grundlagen.

Weniger wird zu irgendeinem „Mehr“ – dieses faktisch Wenige soll wiederum „stärker“ beim Kranken wirken als um etliche Zehner- oder gar Hunderterpotenzen geringer verdünnte Vorstufen des Mittels? Offensichtlich unvereinbar mit dem Fall unseres Kopfschmerzpatienten und dem von Oma Hildes Kaffeetasse. Fragen wir doch mal ganz naiv nach bei den Homöopathen, was sie dazu zu sagen haben.

Nun, dann wird – wenn überhaupt – in aller Regel damit geantwortet, dass all dies ja „nur für die Homöopathie“ gelte. Nun möge man einmal erklären, bitte, wieso ausgerechnet für die Homöopathie andere Naturgesetze gelten sollen als am Kaffeetisch, in der Spülmaschine, in industriell-chemischen Prozessen, bei der Einnahme von pharmazeutischen Arzneimitteln oder gar Toxinen? Das ist gelebte Irrationalität, das partielle Außerkraftsetzen der naturgesetzlichen Grundlagen unzähliger Alltagsvorgänge durch höhere Mächte. Gesetzlich geschützt und beglaubigt durch Paragraf 38 des deutschen Arzneimittelgesetzes, der den Wunderglauben in der Tat als solchen bekräftigt, indem er Homöopathika von wissenschaftlichen Beweisführungen zu ihrer Wirksamkeit suspendiert und sie gleichwohl als Arzneimittel in den Markt gelangen lässt.

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Und im Detail weitergeführt: Jedes Lösungsmittel zur Herstellung homöopathischer Mittel (Laborwasser, Reinzucker zum Verreiben, Laboralkohol) enthält Verunreinigungen mit allen möglichen Stoffen, die homöopathischen Potenzierungen zwischen D4 und D8 entsprechen. Nach dem amtlichen „Homöopathischen Arzneibuch“ darf der Verdunstungsrückstand an Feststoffen bei Laborwasser 1 mg auf 100 ml betragen, was D5 entspricht. Schlichtes Leitungswasser entspricht zB vom Gehalt an Arsen ziemlich exakt dem homöopathischen Mittel Arsenicum album in der Potenz D8, ohne dass dies physiologische Wirkungen auslöst – auch dauerhaft nicht.

Woher „weiß“ denn nun das Mittel, das der Homöopath als Ausgangsstoff ausersehen hat, dass es, und NUR es, sich in den Verdünnungsschritten „weiterpotenzieren“, „stärker“ werden soll? Und das soll nun auch noch gegenüber den Stoffen gelten wie dem genannten Arsen, die sich in gewisser Menge bereits im Lösungsmittel befanden? Diese Anteile sollen nun, obwohl chemisch identisch mit den vom Homöopathien „eingebrachten“ Molekülen, nicht an der wundersamen Metamorphose des Arsens zu einer starken „geistigen Arzneikraft“ teilhaben? Wobei beim Alkohol als Lösungsmittel noch eine Rolle spielen müsste, ob er seine Herstellung der Destillation aus Kartoffeln, Rüben, Trauben, Mais oder Zuckerrohr verdankt, was jeweils andere Reststoffe hinterlässt? Beim Laboralkohol beträgt der zulässige Verdampfungsrückstand 2,5 mg auf 100 ml, dazu kommen noch die flüchtigen Fremdstoffe – das zusammen entspricht einer homöopathischen Potenz von noch unter D4, also einer ausgesprochenen homöopathischen Niederpotenz. Und damit will man abermillionenfach größere Verdünnungen herstellen?

Dies ist – unmöglich. Spätestens hier zerschellt der ständige Einwand der Homöopathen, „die Wissenschaft“ sei „noch nicht so weit“, Homöopathie zu verstehen. O nein! Die Wissenschaft weiß sehr gut und mit hinreichender Gewissheit, dass die Homöopathie nicht bewiesen werden wird. Denn entweder wäre sie im buchstäblichen Sinne ein Wunder, eine selektive Außerkraftsetzung naturgesetzlicher Gegebenheiten (ist sie nicht, weil sie schon an allen Beweisversuchen für eine Wirksamkeit gescheitert ist, es gibt also gar kein zu erklärendes Phänomen) oder unser biologisches, physikalisches, chemisches Wissen wäre in vielfacher Hinsicht krass falsch oder mindestens massiv unvollständig.

Letzteres würde dann aber nicht nur einfach eine Integration der Homöopathie in den Wissenschaftskanon bedeuten, so einfach ist das nicht. Es würde gleichzeitig erfordern, alle die Bereiche, die bislang als widersprüchlich ausgemacht wurden, in Biologie, Physik, Chemie durch andere, ebenso logisch konsistente neue Erklärungsmodelle zu ersetzen, die mit der Homöopathie und mit unseren Alltagserfahrungen gleichzeitig vereinbar wären. Ich erlaube mir an dieser Stelle nochmals das Statement, auch und gerade aus der Sicht von jemandem, der im Popperschen Sinne die Unmöglichkeit anerkennt, aus menschlicher Sicht zu vollständigen naturwissenschaftlichen Wahrheiten zu gelangen: Dies ist unmöglich.

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Von der Wissenschaftslogik noch einmal zu einige Die Homöopathen können nicht erklären, WAS denn nun dasjenige sein soll, was als „verstärktes“ Agens am Ende bei der homöopathischen Potenzierung (aka Verdünnung) herauskommen soll. Hahnemann bezeichnete dies als „geistige Arzneikraft“ und wollte dies durchaus immateriell verstanden wissen. Übrigens glaubte er den ultimativen Beweis für die Immaterialität seiner Arzneikraft gefunden zu haben, als er auch noch dem „Magnetstab“ homöopathische Heilkraft zusprach. Er war sehr beeindruckt von Franz Anton Mesmer, dem Suggestivheiler par excellence, dem die Psychosomatik-Forschung noch heute einiges verdankt. Hahnemann nun dachte den „Magnetismus“ Mesmers (der natürlich auch bei diesem keine Rolle bei seinen Heilerfolgen spielte) in seine homöopathischen Kategorien um und glaubte damit, gegen die schon damals zahlreich gegen ihn auftretenden „Atomisten“ (im heutigen Duktus der Verteidiger der Homöopathie sind das die „reduktionistischen Materialisten“) triumphieren zu können: 

Atomist! dich für weise in deiner Beschränktheit dünkender Atomist! sage an, welcher wägbare Magnettheil drang da in den Körper, um jene, oft ungeheuern Veränderungen in seinem Befinden zu veranstalten? Ist ein Centilliontel eines Grans (ein Gran-Bruch, welcher 600 Ziffern zum Nenner hat) nicht noch unendlich zu schwer für den ganz unwägbaren Theil, für die Art Geist, der aus dem Magnetstabe in diesen lebenden Körper einfloss? … (Hahnemann, Reine Arzneimittellehre, 2. Auflage, II. Teil, S. 212).

Dies nur zur Illustration der damaligen Gedankengänge, die durch unser heute weit differenzierteres Wissen obsolet geworden sind. Homöopathen ist Hahnemanns Gleichsetzung des „Geistes aus dem Magnetstabe“ mit der arzneilichen Wirkung konkreter Stoffe allerdings recht peinlich – man hört so gut wie nie davon in ihren Kreisen und in ihren Fortbildungen, es ist ja in der Tat ein Punkt, der Zweifel an der Arzneimittellehre Homöopathie wecken könnte. Steht ja auch weit hinten in Hahnemanns „Organon der Heilkunst“, so weit liest ja eh keiner, ganz zu schweigen von der „Reinen Arzneimittellehre“ … außer den Kritikern. Obwohl – es gibt ja heute auch Mittel auf der Grundlage von Mondschein, Erdstrahlung etc. pp. …

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Wir erwähnten eben schon die berühmte 23. Zehnerpotenz als Grenze für einen letzten Gehalt an Wirkstoffmolekülen. Dieser Wert bestimmt sich nach der Avogadro-Konstante, die die Teilchenzahl in einem Mol einer Substanz angibt (welche Masse ein Mol bei gleich definierter Teilchenzahl hat, bestimmt sich nach dem Atomgewicht der jeweiligen Substanz). Das ist eine Konstante von n = 6,022 x 10 hoch 23. Bei homöopathischer „Potenzierung“ in Zehnerschritten (D-Potenzen) fällt nach der 23. Verdünnungsstufe die Wahrscheinlichkeit der Anwesenheit eines Ursubstanz-Moleküls in der erreichten Lösung unter einen Wert von 1 (Avogadro-Grenze) und weiter asymptotisch gegen null. Dies sind statistisch zu verstehende Werte, eine faktische Freiheit von Restmolekülen der Ursubstanz kann in der Praxis aufgrund verschiedener Umstände bereits viel eher gegeben sein.

Es sei hier schon angemerkt, dass dies nicht mit der Grenze einer denkbaren pharmakologischen Wirksamkeit einer homöopathischen Potenz identisch ist; diese wird weit früher erreicht (wir kommen unten darauf zurück). Was die Homöopathen denn nun genau im Potenzierungsvorgang sehen, bleibt stets schwammig. Mal ist es doch etwas Materielles, mal Energie, mal Information, mal soll der Träger ein (vielfach widerlegtes) „Wassergedächtnis“ sein, mal müssen die „Erkenntnisse der Quantenphysik“ herhalten. Definiert oder gar nachvollziehbar erklärt wird – nichts.

Jedenfalls erwarten die Homöopathen ein Spezifikum aus ihrer Verdünnung und Verschüttelung, das eine Wirkung auf die Physis des Patienten hat.

Jedoch: Wo nichts ist, da kann nichts wirken. Und in Verdünnungen ab C12 / D24 ist nichts. Wer das bestreitet, schlägt sich auf die Seite des Wunderglaubens. Gerade die von der Homöopathie immer wieder bemühte Quantenphysik beweist, dass in der uns umgebenden Realität ohne energetische, das heißt materielle und somit prinzipiell messbare „Vermittlung“ keine Interaktion möglich ist. Ob Teilchen oder Welle, ob Verschränkung oder Superposition – ohne reale, mithin direkt oder indirekt messbare Vorgänge „läuft nichts“. Diese quantenphysikalischen Effekte sind völlig real, beobachtbar bzw. darstellbar, und sei es über ihre Auswirkungen. Wie sollten wir sonst etwas erfahren haben über die Phänomene der Quantenmechanik, ganz zu schweigen von ihren nicht mehr wegzudenkenden Nutzanwendungen? Für die behaupteten homöopathischen „Effekte“ gilt dies nicht. Irgendein Zusammenhang mit einem „noch nicht entdeckten homöopathischen Wirkprinzip“ sind Fantastereien und werden von Quantenphysikern „vom Fach“ klar zurückgewiesen.

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Ein „Herausreiben“ oder „Herausschütteln“ von „Energie“, auch noch einer anderen „Qualität“ und/oder „Stärke“, durch den bei der Homöopathie praktizierten „Potenzierungsprozess“ widerspricht den Gesetzen der Thermodynamik. Die wenige kinetische Energie, die der Lösung durch Verschüttelung zugeführt und in Wärme (Zunahme der Molekularbewegung) umgewandelt wird, reicht niemals aus, den energetischen Gesamtzustand der Lösung dauerhaft zu verändern. Die Lösung geht in kürzester Zeit wieder in einen energetischen Gleichgewichtszustand mit ihrer Umgebung über. Die Durchmischung mag den Entropiezustand der Lösung verändern, allerdings in Richtung höherer Entropie – und damit weniger und nicht mehr „Information“. Zur Verdeutlichung: Solange der Zucker am Tassenboden liegt, befindet sich das Gesamtsystem „Tee“ in einem Zustand hoher Ordnung („Information“) und niedriger Entropie, denn der Zucker ist in Ort, Menge und Verteilung gut lokalisierbar. Rühre ich um und bringe damit den Zucker in Lösung, ist die Information über Ort, Menge und Verteilung um Zehner-, wenn nicht Hunderterpotenzen uneindeutiger; damit wird ein Zustand hoher Entropie und niedriger Ordnung (geringerem Informationsgehalt) erreicht.

Wir konstatieren an dieser Stelle: Die Annahme der Homöopathie, es werde so ein mehr an „Information“ oder „Energie“ bei immer mehr Verdünnungsstufen – mittels schlichter Verschüttelung – erreicht, postuliert das genaue Gegenteil dieser naturwissenschaftlich bestens belegten Fakten und verstößt damit gegen Naturgesetze. Also bleibt die Frage unbeantwortet, was in aller Welt mit dem Prozess von Verschütteln und Verrühren immer geringer konzentriert werdender Lösungen erreicht werden soll? Im Grunde wird in der Homöopathie erwartet, dass die uns aus dem Alltag geläufigen Verdünnungsprozesse irgendwie physikalisch „andersrum“ ablaufen sollen – auch die Unmöglichkeit dessen folgt aus den thermodynamischen Gesetzen. Entropie nimmt immer nur zu, nicht ab.

Als Fazit können wir festhalten: Hochpotenzen werden nicht „hergestellt“, indem durch ein Verdünnungs- und Verschüttelungsritual eine „Energie“, „Information“ oder meinetwegen eine „geistige Arzneikraft“ in das Lösungsmittel hineinpraktiziert wird. Sie werden „hergestellt“, indem in einem zeitaufwendigen Prozess in kleinsten Schritten die Ursubstanz in den Ausguss geschüttet wird. Gut – ab der 24. Zehnerpotenz schließt sich für jeden nächsten Schritt noch die „Verdünnung“ von reinem Lösungsmittel mit reinem Lösungsmittel an.

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Betrachten wir zum Schluss noch die Niederpotenzen, die noch Reste der Ursubstanz beinhalten. Dass die Eignung durch Ähnlichkeitsprinzip und Arzneimittelprüfung „gefundener“ homöopathischer Mittel als Arzneimittel ohnehin in Frage steht, wollen wir dabei außer Acht lassen. Interessieren soll an dieser Stelle nur die Frage der Interaktion homöopathischer Mittel mit der menschlichen Physis (vor kurzem las ich gar, dass unterschiedliche Wirkungen von Tief-, Hoch- und Höchstpotenzen mit der „unterschiedlichen Metabolisierung“, also Verstoffwechselung, im Körper zusammenhängen sollen).

Die Wirkungsschwellen von Mitteln im menschlichen Körper sind ein komplexes Thema der pharmazeutischen Wissenschaft. Als belegt gilt der Satz des Paracelsus, wonach die Dosis das Gift macht. Das heißt aber auch, dass die Wirkung zugeführter Substanzen einer elementaren Dosis-Wirkungs-Beziehung unterliegt, die – auch durch ihre Rückführung auf das Massenwirkungsgesetz – axiomatische Gültigkeit im naturwissenschaftlichen Sinne beanspruchen kann. Das Potenzierungsprinzip spricht dem Hohn.

Was die quantitative Grenze der direkten Wirksamkeit von Stoffen angeht, so legt die Pharmazie in grober Näherung eine Menge von 1.000 Atomen bzw. Molekülen Wirkstoff je Körperzelle (!) fest. Man muss sich klar machen, dass das komplexe System „Mensch“ in seiner Homöostase, den in einem Regelkreis von relativ engen Grenzwerten ablaufenden Lebensfunktionen in einem energetischen Gesamtzustand, eines ziemlich großen energetischen „Anstoßes“ bedarf, damit zelluläre Vorgänge mit globaler Auswirkung angestoßen und in Gang kommen können. 1.000 Atome / Moleküle pro Körperzelle, in grober Näherung, abhängig vom Stoff, davon, ob Rezeptoren (Auslösen einer Wirkungskaskade) oder Acceptoren (Blockade von zellulären Funktionen) angesprochen werden oder ob eine unspezifische Wirkung angestrebt wird (zB Lähmung aller Umgebungsnervenenden bei lokaler Anästhesie).

Homöopathie kann uns nicht sagen, welche Art von Aufnahme im Körper sie überhaupt annimmt, weil sie sich mit der pharmazeutischen Physiologie schlicht nicht beschäftigt. (Homöopathen berufen sich manchmal auch auf andere Randphänomene wie z.B. die Wirkungsbereiche von Hormonen – die aber nur Botenstoffe, nicht selbst Wirkstoffe sind – oder die Geruchsempfindlichkeit für extreme Stoffverdünnungen, was aber von hochspezialisierten lokalen Rezeptoren erledigt wird und nicht den Zellstoffwechsel des Körpers verändert, gelegentlich auch die sogenannte Hormesis, die Arndt-Schulzsche Regel, mehr dazu hier.)

Da der menschliche Körper aus etwa 10^14 Zellen besteht, ergibt sich spätestens (!) ab einer Potenz von D8 bis – je nach Substanz – D10 die physikalisch-chemische Unmöglichkeit einer Wirkung. Tatsächlich muss man den Potenzgrad sogar noch niedriger ansetzen, in der Praxis wohl um D4 herum, aus zwei Gründen. Zum einen muss der Verlust durch die Aufnahme über den Verdauungstrakt und das metabolische System berücksichtigt werden, ein Faktor, der auch bei normalen pharmazeutischen Mitteln schon zu beachten ist. Zum anderen ergibt sich durch das Aufsprühen und Verdunsten der endgültigen Lösung in der gewünschten Potenz auf Zuckerkugeln (Globuli) bzw. das Einbringen in die für den Vertrieb bestimmte Lösung noch einmal eine Verringerung der Konzentration von etwa 1 : 100.

Es ist also eine schwere Irreführung, wenn die Homöopathen sagen, wir wüssten leider, leider nur „noch“ nicht, „wie“ Homöopathie wirkt. Wir wissen recht gut, warum sie nicht wirken kann. Ganz abgesehen davon, dass bislang niemand belastbar (evident) belegt hat, dass sie überhaupt wirkt.

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Bildnachweis: Phe Schlay auf Pixabay

 

Quelle: https://keineahnungvongarnix.de/?p=7185&fbclid=IwAR0CdxljhI895CwCBLYclE2BGQcXbizx40sxiSNFAV5qHCF9fV8WozYgfKc

 

 




Mayday – Save Our Souls

IAFLDie persönliche Vorgeschichte:

Wie könnte man einen solchen Tag jemals vergessen? Wir befanden uns auf einem Flug von Leeds in Nordengland nach Nizza in Südfrankreich. Außer meinem Kopiloten und mir war nur ein einziger Passagier an Bord, der Rallye-Pilot A.S., der in Frankreich noch schnell vor dem Beginn der Rallye verschiedene Reifen testen sollte. In Flugfläche 200, also auf 20 000 Fuß Höhe, zogen wir ruhig unsere Bahn in pechschwarzer Nacht. Routine, keine besonderen Vorkommnisse. (Foto: Privatbesitz). Dass wir soeben die englische Küste in Richtung Kanal überquerten, wussten wir nur von unseren Instrumentenanzeigen, zu sehen war nichts. Kurz bevor die englische Bodenkontrolle uns an die französischen Kollegen übergeben würde geschah, was für jeden Piloten ein Albtraum erster Güte ist: Beide Triebwerke begannen unruhig zu arbeiten, der Treibstoffdruck ließ nach, die „engines“ verloren Leistung. Es war nur noch eine Frage der Zeit, bis sie endgültig ihren Dienst quittieren würden. Ich gab die nun erforderliche Mayday-Meldung nach London ab. Man darf wissen: in der Luftfahrt gibt es das seemännische SOS nicht. „Mayday“ ist eine Verballhornung des französischen „M’aidez“ – “Helft mir!”

Die Reaktion war professionell. „Next suitable airport“, der nächste geeignete Flughafen für die angepeilte Notlandung war London Gatwick, wenn wir es denn erreichen sollten. Mein Kopilot, ein noch unerfahrener junger Mann, war völlig verstört. Nicht etwa weil er Angst gehabt hätte, dazu war sein Vertrauen in mich als seinen Ausbilder zu groß. Nein, er fand die Anflugkarten von Gatwick, um die ich ihn gebeten hatte, nicht. Trotz des unvermeidlichen Stress musste ich feixen: er hatte unter „G“ gesucht, nicht aber unter „L“ wie London-Gatwick. Mein Lachen verging mir von einer Sekunde auf die andere, als mir der Fluglotse die Frage stellte, die mir auch heute noch, 30 Jahre nach den Geschehnissen, in der Erinnerung einen Schauer über den Rücken fahren lässt: „How many souls on board?“ Er musste schließlich seine Infos sammeln, bevor wir uns möglicherweise in einen Haufen rauchender Trümmer verwandelten. Nein, wirklich, er sagte nicht etwa: „how many persons“ oder „how many people“, er wollte die Anzahl der an Bord befindlichen „Seelen“ wissen. Wir schafften es mit Ach und Krach bis Gatwick, der gesamte Luftraum um uns herum wurde freigemacht, sehr zum Ärger der aus Übersee kommenden Piloten, die nun für fast eine Stunde in die Warteschleifen rund um Gatwick geschickt wurden. Meine Landung in Gatwick war wohl nicht ganz so butterweich wie man es als Pilot so gerne hätte. Jedenfalls wachte unser Passagier, der „selig“ geschlafen hatte, auf und sagte in seinem unnachahmlichen Fränkisch: „Was, sind wir schon in Nizza? Nein? Aber was machen wir denn in London?“ Er hatte nicht mitbekommen, dass soeben seine Seele davor bewahrt wurde, seinen Körper verlassen zu müssen.

Die Erschaffung der Seele

Die Frage nach dem Wesen der menschlichen Seele wurde Jahrtausende lang ausschließlich von Theologie und Philosophie beantwortet. Erst in neuerer Zeit haben sich die Naturwissenschaften als Antwortende eingereiht. Der normale Sterbliche weiß von seiner Seele in aller Regel nur das, was ihm von Kindesbeinen an von „Seelsorgern“ eingetrichtert wurde: irgendetwas Quasi-Göttliches, das in einem wohnt, und in dem sich alle gottgegebenen Regeln bündeln, die einen auf den rechten Pfad führen. Das „Seelenheil“ ist dabei so wichtig, dass der Gläubige gelegentlich mit einem „Seelenhirten“ Rücksprache halten muss (Beichte), damit sein „Seelenfrieden“ nicht durch Verunreinigung Schaden nimmt. Und wenn er einst gestorben ist, so wird man für ihn ein „Seelenamt“ abhalten und eine „Seelenmesse“ lesen, denn auch als Toter ist seine Seele schließlich noch vorhanden, zwar in einer anderen Welt, aber durch die Worte des Priesters durchaus noch erreichbar. Das erste Wesen mit schriftlich attestierter „Seele“ war laut Genesis Adam, dem Gott, nachdem er ihn aus einem Lehmklumpen geformt hatte, den Lebensodem einhauchte. Nach diesem schwerwiegenden Akt war Gott übrigens dermaßen erschöpft, dass er erst einmal einen Tag Pause einlegen musste – eine sehr menschlich naive Vorstellung von einem Allmächtigen, die vielen christlichen Kulturen allerdings einen Feiertag bescherte.

Der Dualismus Körper und einer von ihm unabhängigen Seele entspricht dabei durchaus nicht der urchristlichen monistischen Auffassung von der Einheit von Körper und Seele. Hatten nicht die Jünger den Auferstandenen als leiblich-seelische Einheit nach einigen Anfangsschwierigkeiten der Identifikation eindeutig erkannt? Sie nahmen ihn eben nicht als Geist oder Engel wahr, sondern als leibhaftigen Menschen, den sie anfassen konnten. Da lag es nahe, an eine leibliche Auferstehung zu glauben. Doch in den Gräbern verwesten weiterhin die Leichen, das leere Grab des Jesus aus Nazareth blieb die einzige Ausnahme. Das Aufkommen dualistischer Vorstellungen von Leib und Seele war eine zwingende Folge dieses nicht zu leugnenden Tatbestandes. Die folgenden Diskussionen bezogen sich deshalb eher darauf, wann denn nun eigentlich die Seele in den Menschen gelange. Gab es seit Beginn dieser Welt einen quasi unendlichen Vorrat an Seelen, von denen jeweils eine bei Bedarf einem Neugeborenen Wesen implantiert wurde? Und wird diese Seele nach dem Ableben ihres Trägers dem globalen Seelenpool wieder zugeführt? Das wäre keine schöne Vorstellung für die meisten gewesen, grenzte möglicherweise auch zu sehr an Vorstellungen von Seelenwanderung wie sie anderen Religionen eignet. Man entschied sich schließlich für die erheblich attraktivere Idee eines Jenseits voll mit Individuen. Das ließ sich erheblich besser an diejenigen verkaufen, die Angst vor einem endlosen Nichts nach dem Tode hatten. So wurde die Vorstellung genährt, dass man letztendlich alle seine bereits verstorbenen Verwandten im Jenseits in die Arme schließen werde und mit jedermann, einschließlich der Schwiegermutter, in perfekter, ewiger Eintracht dahinleben werde.

Auch Vorgang und Zeitpunkt, zu dem die Seele dem Körper beigegeben wird, wurden eindeutig festgelegt: Weder nahm Gott eine bereits geschaffene Seele aus dem großen Pool, noch wurde die Seele mit dem väterlichen Samen an die Nachkommen weitergegeben (das Ovulum war noch nicht entdeckt) – obwohl dies so elegant die Weitergabe der Erbsünde erklärt hätte. Nein, bei jedem Befruchtungsakt erschafft Gott eine ganz neue, spezifisch auf dieses entstehende Wesen abgestimmte Seele und gibt sie dem werdenden Zellhaufen bei. Da behaupte nun einer, Gott sei heutzutage nur noch überwachend und nicht mehr schöpferisch tätig. Dieser großen Mühe, der sich Gott für jedes Einzelwesen unterzieht, trägt vor allem die katholische Kirche bis auf den heutigen Tag Rechnung, wenn sie so vehement und manchmal auch militant gegen Masturbation, Abtreibung oder Verhütung ankämpft. Eine zunehmend geringer werdende Anzahl Menschen folgt ihr allerdings in dieser rigiden Interpretation. In die Welt gesetzt wurde die Idee einer beim Befruchtungsvorgang von Gott geschaffenen Seele (Kreatianismus, nicht mit dem Kreationismus zu verwechseln) von Laktanz, einem wohl 325 verstorbenen Kirchenlehrer. Sie hat sich gegen zahlreiche Anfeindungen in der römisch-katholischen Kirche vollständig durchgesetzt und bis auf den heutigen Tag praktisch unverändert erhalten.

Die vielen Seelen in unserer Brust – oder wo auch immer

Viel interessanter in der Historie blieb die Frage, an welcher Stelle sich die beigegebene Seele denn nun im Körper einnistet. Bis auf die Extremitäten und die Geschlechtsteile sind alle möglichen Orte im Körper in Erwägung gezogen worden. Die „Seele in meiner Brust“ reflektiert noch deutlich eine der althergebrachten Vorstellungen. Neue Impulse bekam die Debatte in der Neuzeit insbesondere durch René Descartes’ Naturphilosophie und Metaphysik. Nach Descartes (1596–1650) hat man streng zwischen einer ausgedehnten Materie (res extensa) und einer denkenden Seele (res cogitans) zu unterscheiden. Der Körper, zu dessen Bereich Descartes die irrationalen Lebensakte zählt, ist ein Teil der Materie und lässt sich vollständig im Rahmen der Mechanik erklären, während sich die denkende Seele als immaterielle Entität der empirischen Forschung entzieht.

Man war damals davon überzeugt, dass die Fähigkeit zu sprechen und intelligent zu handeln sich durch die Interaktion physischer Komponenten nach Naturgesetzen nicht erklären lasse, sondern vielmehr etwas Nichtphysisches voraussetze, das man berechtigterweise Seele nennen könne. Nach Descartes’ dualistischer Konzeption kann man die Seele nicht im Körper oder an irgendeinem Ort der materiellen Welt lokalisieren. Allerdings gebe es eine Kommunikation zwischen Seele und Körper, deren Ort auffindbar sei. Descartes vermutete, die Epiphyse (zu deutsch Zirbeldrüse) sei der zentrale Ort des Austauschs zwischen Seele und Körper. Diese Hypothese wurde allerdings durch die empirische Forschung bald widerlegt. Die Kritik an Descartes’ Epiphysentheorie führte jedoch zu zahlreichen neuen Hypothesen über den Ort des Seelenorgans. Heute gilt es auch bei den Anhängern des dualistischen Seelenkonzepts wie beispielsweise Richard Swinburne als mehr oder weniger unbestritten, dass die Seele mit Denken (res cogitans) und Bewusstsein ihren Ort im Gehirn habe. In diesem Zusammenhang ist es vielleicht nicht ganz unwichtig, dass die in der lateinischen Bibel als „anima“ bezeichnete Seele in der Septuaginta noch mit „psyche“ wiedergegeben wird.

Das ist insofern von Bedeutung, als die moderne Naturwissenschaft eindeutig das Gehirn als Ort des Denkens und des Bewusstseins, also auch der Psyche, lokalisieren kann. Wenn aber die Gleichung “Seele gleich Bewusstsein” Gültigkeit haben soll, stellt sich eine völlig neue Frage: Wenn Denken offensichtlich an messbare Gehirnströme, chemo-elektrische Prozesse, gebunden ist, also materiell bedingt – wozu dann noch eine Seele? Die, weil immateriell, unnachweisbar eine andere, bisher unbekannte Energieform aufweisen müsste. Paraphysiker und Klerikale glauben fest daran: wie sollte es denn sonst möglich sein, mit Verstorbenen zu kommunizieren? Denken und Bewusstsein sind mit dem Tod unweigerlich zu Ende, weshalb es nach materialistischer (monistischer) Auffassung auch kein wie immer geartetes Weiterleben nach dem Tod geben kann. Mit der Materie stirbt auch das Bewusstsein. Die Kirche ist sich offensichtlich zum Zeitpunkt, als sie Descartes’ Definition von Seele als res cogitans übernahm, nicht klar darüber gewesen, welche Konsequenzen mit dieser Adaptation verbunden sind. Deshalb beharrt sie heute zwar auf dem dualistischen Prinzip, löst sich aber gleichzeitig von der Gleichung “Seele gleich Bewusstsein”.

Seele darf nicht sterben

Was beinhaltet denn nun eine von Denken und Bewusstsein befreite Seele? Letztlich bleiben nur die göttlichen Moral- und Ethikvorstellungen, oder besser: die vom Bodenpersonal verordneten Ideen. Für die von ihnen zusammengestellte Liste von Gut und Böse mussten sie allerdings gehörig sortieren, denn ganz so einfach ergibt sich das aus ihren Schriften nicht. Oder ist es zum Beispiel ein Zeichen höherer Moral, wenn ein Vater bereit ist, den eigenen Sohn zu ermorden, bis er buchstäblich in letzter Sekunde von Gott, der es ihm befahl, daran gehindert wird: „Lass mal bleiben, ich hab ja nur Spaß gemacht“? Oder wenn eine ganze Ortschaft wie Sodom und Gomorrha inklusive aller unschuldigen Kinder dem Erdboden gleichgemacht wird, nur weil einige wenige der „Sünde“ verfallen waren? Welche Moral kann man denn aus solchen Geschehnissen ableiten? Das ficht die Herren natürlich nicht an. Sie nennen ihre hausgemachte Moral weiterhin „gottgegeben“. Der zornige Miesepeter Jahwe wird einfach ausgeklammert.

Es lässt sich nun zeigen, dass unterschiedliche Kulturen im Laufe der Geschichte durchaus im Detail unterschiedliche Moralvorstellungen entwickelt haben. Doch eine erhebliche Anzahl wie zum Beispiel die Ächtung von Mord und Diebstahl teilen alle. Das legt die Vermutung nahe, dass hier evolutionäre Prozesse im Spiel sind, die in ihrem Grund mit religiösen Vorschriften nichts zu tun haben. Es ist für Kleriker völlig unvorstellbar, dass Ethik und Moral sich auch evolutionär entwickelt haben könnten. Ob solche Vorstellungen indirekte oder direkte Produkte der Evolution sind befindet sich in heftiger wissenschaftlicher Diskussion.

Es sei nicht verschwiegen, dass es durchaus „naturwissenschaftliche“ Ansätze zur Rettung der Seele und damit für ein Leben nach dem Tode gibt. Kirchen sind schließlich nicht zuletzt auch eine finanzielle Großmacht. Sie sind vor allem daran interessiert, dass der von ihnen verwendete Seelenbegriff nicht sang- und klanglos mit modernen Erkenntnissen untergeht. Sie würden ihr letztes Repressionsmittel verlieren. Der von ihnen postulierte „Sinn des Lebens“ hätte jede Gültigkeit verloren. Bleibt noch die Angst vor dem Tod, die durch die Einhaltung religiöser Normen genommen werden soll: „Wenn du brav bist, kommst du ins Paradies.“ Zu bedenken bleibt allerdings, dass die Möglichkeit eines wie auch immer gearteten Weiterlebens nach dem Tode theoretisch denkbar ist – und zwär völlig ohne Koppelung an religiöse Vorstellungen. Allerdings verkauft Kirche gerne den Glauben gleich im Doppelpack mit dem Jenseits, obwohl das rein logisch nicht haltbar zu sein scheint. Unabhängig von dieser Frage: Halten wir es doch einfach mit Epikurs’ vergnüglicher Botschaft:  „Genieße das Leben, Du hast nur eines! Angst vor dem Tod? Denke daran, solange Du bist, ist er nicht! Und wenn er ist, bist Du nicht mehr! Was also ängstigst Du Dich?“

Das kann und darf nicht heißen, dass diejenigen, die den starren Regeln der Religionen nicht folgen mögen, nun keinerlei ethische Normen zu einem vernünftig und verantwortungsbewusst geführten Leben benötigten. In einem lesenswerten Beitrag behandelt Prof. Bernulf Kanitscheider, Mitglied im wissenschaftlichen Beirat der Giordano Bruno Stiftung und des Wissenschaftsrates der GWUP, die „Grundzüge einer naturalistischen Philosophie und Ethik“: „Eine naturalistische Ethik wird also sicher sparsam mit Restriktionen umgehen. Nur so viele Forderungen werden aufgestellt, dass das Wohlbefinden aller Individuen der Gemeinschaft garantiert ist. Ziel einer solchen Ethik ist, dass Menschen nicht aus Selbstzweck irgendwelche Prinzipien erfüllen müssen, sondern dass alle – soweit von den materialen Randbedingungen her möglich – ein aus ihrer eigenen Sicht gelungenes Leben führen können. So steht die naturalistische Ethik im Dienste der Idee eines glücklichen Lebens, dem Zentrum eines modernen säkularen Humanismus.“




Kreation vs. Evolution

land-iguana-894478_1280Video von Prof. Dr. Walter Veith – eine Kritik von Klaus Steiner:


Walter Veith, geb. 1949, ist ein südafrikanischer Zoologe. Nach seinem Beitritt zur Kirche der Siebenten-Tags-Adventisten verwarf er die Evolutionstheorie zu Gunsten eines Kreationismus und musste den Lehrstuhl für Zoologie an der Universität Kapstadt aufgeben. In Vorträgen, Videos und Büchern stellt er weltweit kreationistische und adventistische Überzeugungen sowie Verschwörungstheorien dar.

Video: Prof. Dr. Walter Veith – Kreation vs. Evolution

Zitate aus dem Video sind teilweise im Wortlaut verändert oder gekürzt, da Herrn Veiths Deutsch etwas unbeholfen ist, was er zu Anfang des Videos selbst anmerkt. Nachstehend sind Herrn Veiths Behauptungen durch Kursivstellung mit Minutenangaben in Klammern kenntlich gemacht.

Es gäbe heute angeblich viele Wissenschaftler, die an eine „höhere Hand“ glaubten, sie würden es nicht Gott nennen wollen (1:55).

Diese Aussage ist verzerrt, denn 2009 kam eine Studie des „Pew Research Center for the People and the Press“ zu dem Ergebnis, dass lediglich 18% der Wissenschaftler an einen „universalen Geist“ oder an eine „höhere Macht“ glauben, 33% glauben an Gott. Nun kommt der springende Punkt: 41% glauben weder an eine höhere Macht oder an einen Gott. Und was Herr Veith unterschlägt: Nur ein verschwindend kleiner Teil der Naturwissenschaftler vertritt kreationistische Ideen, glaubt also an einzelne Schöpfungsakte (Quelle 1).

Lamarck hätte behauptet, wenn man Giraffen betrachte, wäre da ein Streben um „höher und höher“ in den Bäumen gewesen, womit der Hals länger geworden wäre (5:56).

Hier verwechselt Herr Veith jedoch den Lamarckismus mit der Standard-Evolutionstheorie – deren Erklärung ist recht simpel: Giraffen mit einem längeren Hals hatten einen Überlebensvorteil und somit bessere Fortpflanzungschancen (7:06).

Dies ist zwar zutreffend, tatsächlich sind die Verhältnisse jedoch komplizierter: Giraffen fressen die Akazienblätter der Kronen nur während der Regenzeit (wenn die Blätter proteinreich und in großen Mengen vorhanden sind); hier trifft die „klassische Erklärung“ also zu. Während der Trockenzeit, wenn die Konkurrenz um die Nahrung mit verschiedenen Antilopen am härtesten ist, weiden die Giraffen jedoch üblicherweise die Sträucher unterhalb einer Höhe von zwei Metern ab, in der Reichweite auch einiger anderer Tiere. Die Giraffe verbringt mehr als 50 Prozent der Zeit damit, Nahrung in ihrer Schulterhöhe oder noch niedriger abzuweiden. Genauer gesagt: So machen es die Giraffenweibchen und die rangniedrigen Männchen, während die dominanten Giraffenbullen aus den afrikanischen Savannen herausragen. Weibchen fressen am häufigsten in 1,5-2,5 Metern Höhe, Männchen in Männchengruppen in der Höhe von etwa drei Metern, Männchen in Männchengruppen in der Höhe von etwa drei Metern, Männchen in Weibchengruppen in der Höhe von fünf Metern.

Neben der ökologischen Komponente symbolisiert der lange Giraffenhals Dominanz, ist also das Produkt der sexuellen Selektion. Tatsächlich nutzen Giraffenbullen ihre Hälse für eine Form des Dominanzkampfes, der unter Säugetieren ganz einzigartig ist. Weil die Energie des Halsschlags mit der Kopfmasse und der Länge und Stärke des Halses wächst, kann man erwarten, dass Männchen mit langen, massiven Hälsen siegen werden. Kein Wunder also, dass die Hälse der Männchen im Verhältnis länger und mächtiger sind als die der Weibchen. Und es ist ebenso kein Wunder, dass die dominanten Männchen gerade die mit den längsten und dicksten Hälsen sind. Dass es sich um ein sexuell selektiertes, dem Pfauenrad nicht unähnliches Merkmal handelt, zeigt auch die Tatsache, dass ein gut entwickelter Hals seinen Träger im Normalleben eher behindert. Obwohl die Giraffenbullen etwa um die Hälfte schwerer sind als die Weibchen, fallen sie fast zweimal häufiger Löwen zum Opfer. In Giraffenpopulationen überwiegen die Weibchen, was ebenfalls den Verdacht nährt, dass die Männchen eine höhere Sterblichkeit haben (Quelle 2, S. 294 f.).

Darwin wäre der Gedanke gekommen, dass die Vielfalt der verschiedenen Formen der Finkenschnäbel auf eine Entwicklung zurückgehe, womit die Evolutionslehre entstanden sei (9:13).

Lediglich ergänzend sei hier darüber aufklärt, dass die Evolution der verschiedenen Schnabelformen auf dem Gründereffekt in einer isolierten Population beruht, wodurch letztlich auch Arten entstehen können (Quelle 2, S. 59).

Dann fragt sich Herr Veith, wie die Moleküle, die die Bausteine des Lebens darstellen, entstanden seien, ohne Enzyme, um diese Moleküle zu zeugen (16:48). Das wäre noch nie in einem Labor zustande gekommen.

Herr Veith weiß offensichtlich nicht (oder verschweigt es), dass Carl Woese, Francis Crick und Leslie Orgel bereits in den 60er Jahren die Theorie einer primordialen RNA-Welt entwickelten, da RNA sowohl die Fähigkeit zur Informationsspeicherung als auch zur enzymatischen Aktivität (darunter Polymerase-Aktivität) hat. Da DNA und RNA in der Entstehung voneinander abhängig sind, wird mit der zuletzt genannten Theorie das Henne-Ei-Paradox gelöst (Quelle 3)!

Nicht alles in unserem Genotyp komme zum Ausdruck (in der äußerlichen Erscheinung), aber im Phänotypus (20:32).

Hier hätte Herr Veith – im Zuge einer umfassenden Aufklärung – auf Pseudogene verweisen können, die früher mal eine nützliche Funktion hatten, jetzt aber an den Rand gedrängt und somit nicht mehr transkribiert oder translatiert werden (Quelle 4).

Dann wird zwischen einem starken, langen Menschen und einem kleinen, dicken Menschen verglichen (Phänotypen) (21:37). Herr Veith stellt die Frage, welcher mit höherer Wahrscheinlichkeit dem Löwen, der beide jagte, zum Opfer fällt (22:03).

Dieses Beispiel mag zwar anschaulich erscheinen, ist aber völlig falsch. Die Anlage zur Fettleibigkeit gab es schon seit Jahrmillionen als Anpassung an Nahrungsmangel: Wer sich in guten Zeiten ein Reservepolster „anfuttern“ konnte, war im Vorteil. Fettleibigkeit gibt es jedoch erst in unserer Überflussgesellschaft! Und da die Evolution nicht vorausdenkt oder -plant, kann sich nicht „ahnen“, unter welchen späteren Umständen eine positive selektierte Eigenschaft negative Folgen zeitigen mag.

Die natürliche Auslese bevorzuge den starken, schlanken, der kleine dicke würde von ihr entfernt (22:41).

Später heißt es dann, durch das „survival of the fittest“ überlebe der Fittere. Hat die natürliche Auslese „mehr“ oder „weniger“ gezeugt? Herr Veith bringt ein mathematisches Beispiel, was offenbar das Aussterben verdeutlichen soll: 2-1=1. Laut Herrn Veit hätte die natürliche Auslese weniger „gemacht“ (47:07). Jährlich würden wir zigtausende Tierarten verlieren. Würde die natürliche Auslese so weiter machen, würde nichts mehr übrigbleiben (49:00).

In Bezug auf Aussterbeereignisse offenbart Herr Veith seine völlige ökologische und paläontologische Unkenntnis. In der Tat sterben regelmäßig Arten aus; der Fossilbericht dokumentiert sogar 5 große Aussterbe-Ereignisse. Demgegenüber steht eine stetige Artbildung und -differenzierung, die den Verlust durch Aussterben entgegenwirkt.

Zum Thema „survival of the fittest“ – was ist mit diesem Fachausdruck gemeint? Selektion (Auslese) beruht auf dem unterschiedlichen Fortpflanzungserfolg (Fitness) von selektierten Einheiten (Individuen bzw. Allelen). Üblicherweise vererben die Bestangepassten ihre Allele in höherer Rate an die Folgegeneration als schlechter Angepasste – und sind damit die Fittesten. Selektion bedeutet also eine ungleichmäßige Vererbungsrate der von verschiedenen Individuen stammenden Allele in den Genpool der nächsten Generation, und damit im Laufe der Zeit eine systematische, z. T. sogar vorhersagbare, nichtzufällige Änderung der Allelfrequenzen in der Population (Quelle 2, vgl. S. 12). Die Selektion ist einer der wesentlichen Motoren der Reproduktionsdynamik (Quelle 2, vgl. S. 51).

Welche Faktoren sind für das Aussterben von Arten verantwortlich? Hier sind v.a. zu nennen: Zu schnelle Änderungen der Umweltbedingungen, Dominoeffekt, (natürliche) Einwanderung/ (anthropogen) Einführung neuer Arten und die (natürliche und anthropogen) Zerstörung der natürlichen Lebensräume (Quelle 5, vgl. S. 448 f.).

Was ist mit dem „Dominoeffekt“ gemeint? Jede Art ist auf andere Arten angewiesen, als Nahrungsquelle oder zur Schaffung ihres Lebensraums. Somit stehen alle Arten in einem Beziehungsgeflecht, das man mit sich verzweigenden Ketten von Dominosteinen vergleichen kann. So, wie das Umkippen eines Dominosteins in einer Kette auch andere zu Fall bringt, kann die Ausrottung einer Art andere mit ins Verderben reißen, die wieder andere mitreißen und so weiter (Quelle 5, S. 447 f.).

Es ist also eine völlig falsche Sicht zu sagen: „Würde die natürliche Auslese so weiter machen, würde nichts mehr übrigbleiben“. Selektion und Aussterben sind die eine Seite der Medaille, Selektion und Artenentstehung sowie -differenzierung die andere.

Kurz darauf wird die Biogenetische Grundregel von E. Haeckel angesprochen, wonach Organismen (richtig müsste es „Wirbeltiere“ heißen) eine ähnliche Entwicklung durchliefen und damit einen gemeinsamen Ursprung hätten (37:53). Diese ganze Theorie würde heute nicht mehr gelehrt werden (38:06).

Mit „diese ganze Theorie“ ist offenbar das „biogenetische Grundgesetz“ gemeint – Haeckels Rekapitulationsprinzip wird heute nicht mehr als "Gesetz", wohl aber als biogenetische Regel bezeichnet, die Abweichungen und Ausnahmen vom Embryonengrundbauplan zulässt. Übrigens: Das „Gesetz der Embryonenähnlichkeit“ wurde 38 Jahre vor Haeckels „biogenetischem Grundgesetz“ von dem Kreationisten Karl Ernst von Baer formuliert – ein Faktum, das von Kreationisten allzu gerne verschwiegen wird. Haeckel hat diese Beobachtung lediglich in einem phylogenetischen Kontext gestellt. Beim genauen Hinsehen können bei der Entwicklung von z. B. Huhn, Maus oder Mensch durchaus Unterschiede auftreten, gleichwohl sind die frühen Stadien erstaunlich ähnlich. Dieses Stadium wird phylotypisches Stadium genannt. Evolutive Altertümlichkeiten sind von der Evolution nicht „aus purer Traditionsliebe“ konserviert worden, sondern haben immer noch wichtige Funktionen in der Frühentwicklung zu erfüllen – das ist der Grund, warum Haeckel Regel (immer noch!) gilt. Im Laufe der Evolution entstandene und bewährte Lösungen können nicht einfach durch andere ersetzt werden, man nennt diese „constraints“ (entwicklungsphysiologische Zwänge). So manches passt nicht in das Bild einer getreuen Rekapitulation, denn hierbei treten z. B. auch Heterochronien auf (relative zeitliche Verschiebungen in der Anlage von Organen, bei Vorgängen des Wachstums oder beim Eintreten der Sexualreife).

Das Ziel der neuen Disziplin der Evolutionären Entwicklungsbiologie (Evo-Devo) ist die Entschlüsselung von Entwicklungsprozessen und die Ergründung der Entstehung von Körper-Bauplänen. Hox-Gene legen die positionelle Identität der Zellen entlang der Körperachse fest. Die Homologie der Hox-Gen-Cluster bei Menschen, Mäusen und Fliegen belegt, dass der von Ernst Haeckel initiierte Ansatz Früchte getragen hat. Somit ist die (molekulare) Analyse der Ontogenese (Individualentwicklung) ein Schlüssel zum Verständnis der Phylogenese (Stammesentwicklung) geworden (Quelle 3).

Hat die Raupe die Gene für den Schmetterling (42:16)?

Eine mehr als merkwürdige Frage – selbstverständlich hat sie diese! Ein und dasselbe Genom kann eine Raupe, eine Puppe und einen Schmetterling herausbilden. Verschiedene Entwicklungsstadien sind Beispiele für einen altersabhängigen Polymorphismus (Vielgestaltigkeit) (Quelle 2, vgl. S. 227 f.).

Es mag Herrn Veiths Geheimnis bleiben, wieso dies nicht evolutionsbiologisch erklärbar sein soll.

Daraufhin geht es um Birkenspanner. Es würde behauptet, es gäbe helle und schwarze Variationen, während die hellen auf hellem und die schwarzen auf schwarzem Hintergrund einen Vorteil hätte. Dabei handle es sich „nur“ um ein Modell, man hätte die Varianten auf einen schwarzen Hintergrund gesteckt, um das zu erklären. In Wirklichkeit wäre es nie so passiert, diese Varianten würden einfach existieren (47:49).

Am Beispiel des Industriemelanismus – dieser Fachbegriff bleibt von Herrn Veith unerwähnt – wird der Selektionsdruck sehr schön deutlich. Herr Veith liegt richtig, es gab bereits eine Mutante, die dunkel gefärbt und deshalb für Vögel ein leichteres Opfer war (Quelle 6, S. 97).

Dass es sich bei den Experimenten von Kettlewell „nur um ein Modell“ handle, ist falsch. Es wurden diesbezüglich Freilandexperimente durchgeführt.

Evolutionsgegner wollen dieses Beispiel für Selektion insofern entkräften, indem sie einwenden, dass Birkenspanner sich für gewöhnlich nicht auf Baumstämmen aufhalten würden. Es ist richtig, dass Majerus und andere Forscher die freiliegenden Baumstämme nicht zur üblichen Ruheposition der Birkenspanner rechnen. Experten stellen fest, dass in luftverschmutzten Gegenden nicht nur die Baumstämme, sondern auch die abgeschatteten Äste und Blätter durch Ruß kontaminiert werden. Die Hypothese, dass Vögel auch in schattigen Bereichen nach den Faltern suchen und in umweltbelasteten Regionen bevorzugt die weiß gefärbten Birkenspanner herauspicken, gilt allgemein als empirisch hinreichend belegt.

Dass ein Zusammenhang zwischen Luftverschmutzung und der Häufigkeit dunkler Faltervarietäten besteht, deutet allein schon auf den Einfluss der Selektion hin. Insofern ist die Detailfrage, wo genau sich die Falter aufhalten, nicht von Bedeutung (Quelle 7).

Nun wird auf das Gezanke zwischen Taxonomen eingegangen. Warum zanken sie sich? Es gäbe zwei Gruppen von Taxonomen, die im Englischen „Lumper“ und „Splitter“ genannt würden (51:39). Ein Splitter würde sagen, er hätte eine neue Art entdeckt. Ein Lumper würde sagen, es wäre nur eine Variation. Und dann würden sie sich schon streiten (52:37).

In diesem „Streit“ sieht Herr Veith einen Beleg für die Willkürlichkeit und Unwissenschaftlichkeit „der Evolutionstheorie“. Herr Veith bleibt jedoch eine Erklärung schuldig, warum man sich „zankt“.

Die Evolutionssystematik (Systematik = Taxonomie) ist bestrebt, die verwandtschaftlichen Beziehungen zwischen den Organismen zu rekonstruieren. Bei der Systemerstellung berücksichtigt sie neben der Kladogenese (Arten-Aufspaltung) auch die Anagenese (Weiterentwicklung), d. h. die Diversifizierung der Merkmale. Wenn irgendeine phylogenetische Linie eine bedeutende Veränderung der phänotypischen Eigenschaften (Erscheinungsbild) aufweist (sich also eine wichtige Innovation evolvierte), halten es die Evolutionssystematiker für sinnvoll, diese Linie gegenüber anderen Linien in ein selbständidges Taxon auszugliedern. Der größte Nachteil dieser Methode beruht darin, dass die Auswahl der Kriterien, nach denen der erreichte Grad der Anagenese beurteilt wird, nicht objektivierbar und die Abgrenzung einzelner Taxa somit subjektiv ist (Quelle 2, S. 166)!

Anders gesagt: Der Evolututionsprozess ist kleinschrittig, und es gibt niemals einen „Knall“, bei dem eine neue Art entsteht. Ergo ist es kein Wunder, dass es für Taxonomen immer eine Herausforderung ist, graduelle Prozesse in starre Kategorien wie Art, Gattung etc. einzuteilen.

Im Anschluss bringt Herr Veith ein Beispiel von einem Maikäfer, den Wissenschaftler früher als unterschiedliche Art bezeichnet hätten. Man stellte fest, dass sie zu bestimmten Jahreszeiten (wenn sie entschlüpfen) einen schwarzen oder einen schwarz-roten Phänotyp haben, der durch Gene an- oder ausgeschalten wird (55:32).

Es handelt sich bei den abgebildeten Käfern nicht um Maikäfer, sondern um Asiatische Marienkäfer (Harmonia axyridis) (Quelle 8).

Herr Veith fragt sich, wie Männchen und Weibchen entstanden sind (57:59). Genetisch durch Zufall (58:17). Dann findet er folgende Antwort: Laut der Bibel hätte er (Gott) sie als Mann und Frau geschaffen. Die Wissenschaft müsse sagen, Mann und Frau kamen durch Zufall (59:53).

Es ist nicht klar, warum es überhaupt zur sexuellen Fortpflanzung kam (Quelle 9, S. 14). Vermutlich begann die sexuelle Fortpflanzung damit, dass zwei ähnlich große Einzeller miteinander verschmolzen und dann Tochterzellen bildeten (Quelle 9, S. 19).

Alternativ muss man fragen, worin der Vorteil von zwei Geschlechtern und von Sex liegt.

Der Vorteil der sexuellen Fortpflanzung ist die Erhöhung der genetischen Variabilität des Individuums. Beim Menschen mit seinen 23 Chromosomen in den Keimzellen sind 223 Kombinationen möglich, was theoretisch bedeutet, dass jeder Mensch mehr als acht Millionen genetisch unterschiedlich kombinierter Keimzellen bilden kann. Bei der Meiose kommt es außerdem zu einem Vorgang, der sich „Crossover“ nennt (intrachromosomale Rekombination). Dabei legen sich die jeweils homologen Chromosomen von Vater und Mutter kreuzweise übereinander und tauschen kleinere oder größere Abschnitte untereinander aus: Gene aus der mütterlichen und väterlichen Entwicklungslinie werden neu kombiniert und nach dem Zufallsprinzip auf die Chromosomen der Keimzellen verteilt.

Axel Meyer sagte einmal: „Durch sexuelle Fortpflanzung erzeugte genetische Variation hilft Organismen, unsichere Umweltbedingungen zu überstehen (Quelle 10).“

Nach einer anderen Vorstellung dient die Sexualität der Elimination von „schlechten“ rezessiven Genen (Quelle 2, S. 67).

Die Kosten der sexuellen Fortpflanzung sind die scheinbar „unökonomische“ Verteilung der Geschlechter, sowie die Kosten der Partnersuche (sie kostet Zeit, Energie und ist mit Gefahren der Ansteckung durch Krankheitserreger verbunden) (Quelle 2, vgl. S. 66). Die Rote-Königin-Hypothese betont die zeitlichen Veränderungen und betrachtet die Sexualität als eine adaptive Strategie im Kampf gegen Parasiten (Quelle 2, S. 67).

Im Gegensatz zur geschlechtlichen Fortpflanzung hat die ungeschlechtliche Fortpflanzung durchaus auch Vorteile:

Sie spart Energie, und ihr Ergebnis sind identische Nachkommen, die an die aktuellen, vorherrschenden Umweltbedingungen gleich gut angepasst sind. Wenn sich die Umwelt verändert, können Organismen, die sich ungeschlechtlich fortpflanzen und demzufolge nur eine geringe genetische Variabilität aufweisen, jedoch ins Hintertreffen geraten (Quelle 10).

Ein von Herrn Veith beschriebener Höhlenfisch habe keine Pigmente und keine Augen. Das sei ein Beweis der Evolution. Darauf fragt sich Herr Veith, ob hier etwas neues vorhanden sei, oder ob etwas abwesend sei. Herr Veith erklärt die fehlenden Pigmente und Augen nicht durch Evolution, sondern durch das Ausschalten von Genen (1:01:11).

Sicherlich handelt es sich bei diesem Beispiel um Evolution, speziell um „Mikroevolution“. Das An- bzw. Ausschalten der Gene wird durch die Epigenetik beschrieben. Epigenetik bezeichnet die Weitergabe bestimmter Eigenschaften an die Nachkommen, die nicht auf Abweichungen der DNA-Sequenz beruhen (wie es bei einer Mutation der Fall wäre), sonder auf einer vererbbaren Änderung der Genregulation und Genexpression. Welche Segmente der DNA in RNA transkribiert und welche RNA-Moleküle in Proteine übersetzt werden, entscheidet der gesamte Molekularapparat der Zelle (Quelle 2, S. 124).

Die Einteilung der Evolution in Mikro- und Makroevolution ist eine beliebte Taktik der Kreationisten, die dann zwar die Möglichkeit einer Mikroevolution einräumen, doch mit der Idee der Makroevolution polemisieren und hier die Rolle des Schöpfers ansiedeln. Mikroevolution fasst die Evolutionsprozesse zusammen, die über eine graduelle Akkumulation kleiner Mutationen ablaufen und sich auf der Populationsebene (also der intraspezifischen Ebene) abspielen. Mikroevolution kann man in der Natur auch in kleinen Zeiträumen beobachten und erforschen. Unter Makroevolution werden dann die Entstehung und Entwicklung von Taxa der Arten (Gattungen, Familien, Ordnungen, Stämmen) verstanden, d. h. die höhere Kladogenese. Makroevolutionsereignisse bedürfen langer Zeitperioden, gehören der Vergangenheit an, sind damit nicht wiederholbar und lassen sich auch nicht experimentell verfolgen. Hier spielt der Zufall eine stärkere Rolle (auf den Zufall wird in dem Vortrag mehrmals eingegangen, z. B. 17:58, 24:57). Makroevolution beruht vor allem auf Mutationen (z. B. in den Genen, die die Morphogenese steuern) in kleinen isolierten Populationen. Unter den Biologen gibt es keinen Konsens in der Frage, welchen Anteil die Mikro- und die Makroevolution jeweils an der Entstehung neuer Arten und Formen haben. Darwinisten und Neodarwinisten gehen davon aus, dass die Vorgänge der Makroevolution nach den gleichen Prinzipien wie die der Mikroevolution ablaufen. Die Unterscheidung zwischen Mikro- und Makroevolution ist somit eher methodisch-semantischer Natur (Quelle 2, S. 433).

Herr Veit hat nichts dagegen, wenn jemand sagen würde: „Ich glaube an die Naturwissenschaft“, aber es sei ein Glaube (1:15:01).

Herr Veith weiß nicht, wie Naturwissenschaft „funktioniert“. Theorien können zwar nicht „bewiesen“ werden, wohl aber nach wohldefinierten Kriterien beurteilt, bewertet und miteinander verglichen werden. Auch haben die Naturwissenschaften einen hohen Grad an Zuverlässigkeit erreicht, und die Verwendung wissenschaftlicher Theorien ist rational. Empirische Wissenschaft kann also auf keinen Fall dogmatisch sein, weil sie sonst die Mindestbedingung für Rationalität (Kritisierbarkeit) nicht erfüllen würde. Man kann die Lehre ziehen, dass es kein „sicheres Wissen“ (im Sinne mathematischer Beweisbarkeit) gibt. Das Ziel der Wissenschaft ist, sich durch die Elimination des Falschen der Wahrheit zu nähern, gleichsam empor zu irren. Die von religiösen Systemen angestrebte Wahrheit ist hingegen eine absolute. Der Fallibilismus (= Kritisierbarkeit, Widerlegbarkeit) wird in der Religion keine Rolle spielen: Ziel ist schließlich Glaubensgewissheit. Was immer Wissenschaftler privat glauben, sie müssen alle nichtnaturalistischen Ideen bei ihrer theoretischen wie praktischen Arbeit außen vorlassen, weil ihre Daten und Erklärungen bei Annahme supranaturalistischer Entitäten oder Manipulation wertlos wären (Quelle 11).

Quellen:

Quelle 1: Pew Research Center: Scientists and Belief
Quelle 2: Evolution Ein Lese- Lehrbuch, J. Zrzavy, D. Storch, S. Mihulka, 2009
Quelle 3: Kritische Studie zur Evolutionstheorie
Quelle 4: Amazon Rezension zu R. Dawkins: Die Schöpfungslüge
Quelle 5: Der dritte Schimpanse, Jared Diamond, 2012
Quelle 6: Evolution, Das große Buch vom Ursprung des Lebens bis zur modernen Gentechnologie, Rosemarie Benke-Bursian, 2009
Quelle 7: http://www.martin-neukamm.de/loennig_kritik2.html
Quelle 8: Researchgate – Der Asiatische Marienkäfer
Quelle 9: Alles begann mit Sex. Neue Fragestellungen zur Evolutionsbiologie des Menschen, Robert D. Martin, 2015
Quelle 10: Warum es zwei Geschlechter gibt, Michael Wink
Quelle 11: Gott im Fadenkreuz

Hier geht's zum Originalartikel…




Theologie ist keine Wissenschaft

Von Ralf Michalowsky:

Sie hat an öffent­li­chen Universitäten eben­so­we­nig zu suchen, wie Gebetsräume jed­we­der Glaubensrichtung.

Bis die gesetz­lich ver­an­kerte Trennung von Kirche und Staat Realität wird, ist es noch einen lan­ger Kampf. Es kann nicht sein, dass bei sin­ken­der Zahl von Mitgliedern in den Glaubensgemeinschaften, bei immer mehr Kirchenaustritten, bei mehr als einem Drittel kon­fes­si­ons­freier Menschen in Deutschland, sich die Kirchen zuneh­mend in öffent­li­che Räume drän­gen, um ihren Einfluss aus­zu­deh­nen.

Das geht nicht zuletzt auf Kosten aller Steuerzahler, auch der­je­ni­gen, die bewusst aus einer der Kirchen aus­ge­tre­ten sind. Sie wer­den über die all­ge­mei­nen Steuereinnahmen auch zur Bezuschussung der Glaubensgemeinschaften her­an­ge­zo­gen. Rund 40 Mrd. Euro kas­sie­ren Kirchen und ihnen nahe­ste­hende Sozialwerke jähr­lich vom Staat und ihr eige­ner Beitrag aus Kirchensteuern ist nicht mehr als ein Tropfen auf dem hei­ßen Stein. Nach eige­nen Angaben geben sie weni­ger als 10 % ihrer 9 Mrd. Euro Kirchensteuereinnahmen für soziale Zwecke aus. Vielleicht legen sie ihr Geld aber auch gewinnbringend an: hier klicken.

Nehmen wir ein Beispiel: das Hilfswerk Misereor e.V. Es hat 2009 ca. 50 Mio. Euro an Spenden ein­ge­sam­melt. Das sind etwa 33 % des Gesamtetats. 62 % gibt Vater Staat und nur 5 % rücken die Kirchen raus. Dabei über­stei­gen Verwaltung (mit 2,6 %) und Werbung (mit 3,3 %) den Kirchenanteil schon um 0,9 %. Die Mär von der Unersetzlichkeit kirch­li­chen Engagements bestä­tigt sich auch hier wie­der.

Doch zurück zur Universität. In Münster soll jetzt auf uni­ver­si­tä­rem Grund eine Moschee gebaut wer­den. „Wir haben eine katho­li­sche und eine evan­ge­li­sche Universitätskirche“, sagt Universitäts-Rektorin Prof. Ursula Nelles. Da sei es nur kon­se­quent, wenn die isla­mi­sche Theologie eine Moschee erhalte. Die Baukosten in Höhe von vier Millionen Euro sol­len durch Spenden finan­ziert wer­den. Die Pläne für das neue isla­mi­sche Zentrum mit der Moschee sind sehr kon­kret, sagt des­sen Leiter Prof. Mouhanad Khorchide. Mit einem Flyer wirbt die Universität um Spender. Khorchide: „Wir sind im Gespräch mit gro­ßen isla­mi­schen Stiftungen in Indonesien, Marokko und Katar.“ Voraussetzung für die Annahme von Spenden sei, dass daran keine Bedingungen geknüpft wür­den, dass das Zentrum unab­hän­gig bleibe, so Khorchide. Er ist opti­mis­tisch, „dass die erfor­der­li­che Summe in einem Jahr zur Verfügung steht“.

Nachdem es in NRW seit Februar 2012 in einem Modellprojekt ale­vi­ti­schen Religionsunterricht in staat­li­chen Schulen gibt, will die Landesregierung an der UNI Duisburg-Essen nun einen Lehrstuhl für ale­vi­ti­sche Religionskunde ein­rich­ten.

Dabei sollte doch jedem auf­ge­klär­ten Menschen klar sein: Theologie ist keine Wissenschaft, auch wenn es Thomas von Aquin war, der die­sen Unsinn hof­fä­hig gemacht hat! Alle Religionen sind Produkte mensch­li­cher Phantasie. Meist basie­ren sie auf kon­stru­ier­ten Schöpfungsgeschichten, sind mit Dogmen ver­knüpft und haben alle einen ent­schei­den­den Mangel: sie sind rea­li­täts­fern und nicht über­prüf­bar.

Deshalb kann es sich bei der Theologie nicht um eine Wissenschaft han­deln. Die reli­giö­sen Systeme die­nen viel­mehr dem Machterhalt selbst­er­nann­ter Cliquen, die ihren Nachwuchs mit Steuergeldern in einer Pseudowissenschaft aus­bil­den dür­fen.

Die pseu­do­wis­sen­schaft­li­che Theologie als Lehrfach an den Universitäten muss abge­schafft wer­den!

Der Trend geht aber lei­der in eine andere Richtung. Religiöse Cliquen ver­ste­hen es aus­ge­zeich­net, sich mit poli­ti­schen Herrschaftsstrukturen zu ver­net­zen. Sie haben Lobbyisten im Bundestag und in allen Länderparlamenten. Um die Akzeptanz ihrer eige­nen Existenz abzu­si­chern und zu stär­ken, sind sie sogar bereit, öku­me­ni­sche Unterstützung zu leis­ten. Das geht über die Zusammenarbeit der christ­li­chen und jüdi­schen Glaubensgemeinschaften hin­aus und erstreckt sich zuneh­mend auch auf die Interessen der reli­giö­sen Cliquen aus dem islamisch-religiösen Milieu. Wenn es um die Expansion und die Mehrung des eige­nen Reichtums und Einflusses geht, spie­len reli­giöse Alleinvertretungsansprüche plötz­lich eine unter­ge­ord­nete Rolle.

Wenn es in Münster katho­li­sche und evan­ge­li­sche Universitätskirchen gibt, dann ist das schon schlimm und nicht akzep­ta­bel. Das als Argument für den Bau einer Moschee auf staat­li­chem Terrain her­an­zu­zie­hen, passt zwar in die Argumentationskette der Religioten, ist aber falsch. Gebetsräume jed­we­der Couleur müs­sen pri­vat betrie­ben wer­den und haben unter dem Dach einer staat­li­chen Universität nichts zu suchen.

Aufgeklärte Menschen müs­sen sich end­lich stär­ker orga­ni­sie­ren, zusam­men­schlie­ßen und durch Schaffung von Transparenz und Verbreiten von Informationen die­sen Trend umkeh­ren.

Unsere Ziele sind:

  • Theologie weg von den öffent­li­chen Universitäten
  • keine staat­li­che Förderung von theo­lo­gi­schen Studiengängen
  • keine staat­li­che Förderung der Ausbildung von Religionslehrern
  • Religion als Schulfach abschaf­fen und durch Ethik und Kunde der ver­schie­de­nen Glaubensrichtungen erset­zen
  • keine Erziehungseinrichtungen (KITA, Schulen, Universitäten) in kirch­li­cher Trägerschaft
  • keine Bezahlung des kirch­li­chen Führungspersonals durch den Staat

Stoppt den reli­giö­sen Expansionsdrang – über­all!

Ralf Michalowsky ist Sprecher der Landesarbeitsgemeinschaft Laizismus in der LINKEN. NRW und war bis zum Mai 2012 als MdL reli­gi­ons­po­li­ti­scher Sprecher der LINKEN Landtagfraktion.

[Über­nahme von: Die Freiheitsliebe]

 

 




Plädoyer für Vernunft in unvernünftigen Zeiten

Dawkins

Richard Dawkins: „Forscher aus Leidenschaft“,© Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin, 2018, ISBN 978-3-550-05026-8, 524 Seiten. Rezension von Gerfried Pongratz

Es gibt in der Welt eine objektive Wahrheit, und unsere Aufgabe ist es, sie zu finden(S. 17) – mit diesen Worten beschreibt einer der wichtigsten Denker unserer Zeit die Ziele seines Lebens. Der 1941 geborene britische Evolutionsbiologe Richard Dawkins gehört zu den bekanntesten Verfechtern von Wissenschaft und Aufklärung; seine zahlreichen Bücher, Aufsätze, Vorträge etc. finden weltweit ein begeistertes Publikum, stoßen wegen ihrer z.T. atheistischen und religionskritischen Inhalte aber auch auf heftige Ablehnung. Das vorliegende Buch enthält 41 – davon 20 bislang unveröffentlichte – Beispiele aus Dawkins Essays, Vorträgen und journalistischen Schriften der letzten drei Jahrzehnte, die er zusammen mit der Herausgeberin Gillian Somerscales ausgewählt, thematisch gruppiert und mit hilfreichen Kommentaren und aktualisierenden Nachworten versehen, präsentiert.

 

Die Beiträge behandeln neben naturwissenschaftlichen Themen Überlegungen zum Wert von Wissenschaft, Ausführungen zur Geschichte und Rolle der Wissenschaft sowie übergreifende Themen der Philosophie, Religion und Politik; oftmals mit Humor und feiner Ironie, aber auch mit persönlicher Betroffenheit gewürzt. Alle Abschnitte beginnen mit informativen Einleitungen durch Gillian Somerscales, die die Hintergründe der Texte und Denkweisen des Autors offen legen:

„Richard Dawkins ist nicht nur ein Prophet der Vernunft, er ist auch ihr unermüdlicher Wächter, seine Prinzipien sind dabei durch und durch von Mitgefühl, Großzügigkeit und Freundlichkeit durchtränkt…. Er will komplexe Wissenschaft nicht nur zugänglich, sondern begreiflich machen, und das ohne „verdummende Vereinfachung“. Immer besteht er auf Klarheit und Richtigkeit, und dabei dient ihm die Sprache als Präzisionswerkzeug, als chirurgisches Instrument“ (S. 23ff).

Es würde den Umfang dieser Besprechung bei weitem sprengen, auf alle, oder auch nur auf viele der behandelten Themen einzugehen. Acht große Teilbereiche mit 41 Unterkapiteln, ergänzt durch einen umfangreichen Anmerkungsteil mit Quellen- und Literaturverzeichnis, vermitteln ein weit umfassendes Panorama an Wissen mit tiefgründigen weiterführenden Gedanken und Analysen; hervorzuheben ist dabei auch die (hervorragend übersetzte) klare und schöne Prosa der Texte (die laut Somerscales alle 13 Bücher und Schriften Dawkins auszeichnet).

Wie kann man das Buch lesen? In einem Zug, oder wie ein Nachschlagewerk, Kapitel für Kapitel, mal vorne, mal hinten: So hat es sich dem Rezensenten erschlossen, der noch oft und mit Begeisterung darin „schmökern“ wird. Aus der Vielzahl der ihm besonders bemerkenswert erscheinenden Themen sei – ohne inhaltliche Gewichtung – eine kleine Auswahl vorgestellt:

 

  • S. 78ff: Ein offener Brief (mit interessantem Nachwort) an Prinz Charles, in dem er dessen Wissenschaftsfeindlichkeit und Sammelsurium widersprüchlicher Alternativen beklagt: „Am meisten betrübt mich, Sir, dass Ihnen so Vieles entgeht, wenn Sie der Wissenschaft den Rücken kehren“.
  • S 231ff: Gedanken zu Seele-1 (der spirituelle Teil des Menschen, von dem man glaubt, dass er nach dem Tod weiterlebt), die von der Wissenschaft zerstört wird und zu Seele-2, als „Erschaudern vor dem Schönen, als intellektuelle oder spirituelle Kraft“, wie sie von Einstein, Carl Sagan und Dawkins selbst („Der entzauberte Regenbogen“) beschrieben wird.
  • Teil IV: „Denkverbote, dummes Zeug und Durcheinander“:
    Sieben Kapitel bieten u.a. eine brillante Widerlegung des Kreationismus und untersuchen nüchtern, umfassend, nachdenklich das Phänomen Religion sowie das „Warum“ von Glauben und Glaubenspraxis.

    Eine der Kernfragen dazu lautet: „Welchen Überlebenswert hatte in der Vergangenheit unserer wilden Vorfahren ein Gehirn, dessen Disposition sich in der kulturellen Gegenwart als Religion manifestiert?“ Eine von mehreren Antworten liegt in der natürlichen Selektion von Kindergehirnen zur Neigung, alles zu glauben, was Eltern und Stammesälteste sagen (S. 290/291).
    Ein Unterkapitel führt die Behauptung, „Glaube“ an die Naturwissenschaft sei selbst eine Form von Religion, ad absurdum: „Zwischen einem Glauben, den man verteidigen kann, indem man sich auf Belege und Logik beruft, und einem Glauben, der durch nichts anderes gestützt wird als durch Tradition, Autorität oder Offenbarung, liegen Welten“ (S. 305).

  • Teil V, „Leben in der Wirklichkeit“ widmet sich in mehreren Unterkapiteln dem Engagement und nüchternen Zutrauen zur Fähigkeit der objektiven Vernunft, „vielleicht nicht immer Lösungen, stets aber positive Wege in die Wirklichkeit aufzuzeigen“.
    In „Die tote Hand Platons“ beschreibt Dawkins die „Tyrannei des diskontinuierlichen Geistes“: Platons „Essentialismus“ ist „eine der heimtückischsten Ideen der gesamten Geistesgeschichte“ (S. 321).
    Eine Abrechnung mit dem Lamarckismus und Plädoyers gegen Gläubigkeit an Übernatürliches sowie für Engagement zu Vernunft, Logik, Wissenschaft und evidenzbasierter Wahrheit bilden weitere Ausführungen, denen auch ein leidenschaftlicher Aufruf gegen oft verdrängtes Tierleid beigeschlossen ist.
  • Teil VI, „Die heilige Wahrheit der Natur“ und Teil VII, „Lachen über lebende Drachen“ erläutern einerseits die „Arbeitsweise“ „natürlicher Evolutionswerkstätten“ (Galapagos Inseln) am Beispiel der komplexen Evolution von Riesenschildkröten und ironisieren, persiflieren andererseits religiöse Ansichten zur Abstammung des Menschen. Dawkins versteht sich dabei auf geistreiches Spotten und widerlegt damit einmal mehr die Behauptung, er sei ein humorloser Atheist.
  • Teil VIII, „Der Mensch ist keine Insel“, ist als letzter Teil Menschen gewidmet, die Dawkins besonders schätzt und verehrt. Neben Lies und Niko Tinbergen sowie seinem Vater John Dawkins und Onkel A.F. „Bill“ Dawkins ist es vor allem Christopher Hitchens, den er würdigend in eine Reihe mit Bertrand Russel, Robert Ingersoll, Thomas Paine und David Hume stellt: „Sein (Anm.: Hitchens) Charakter selbst ist zu einem herausragenden, unverkennbaren Symbol für die Ehrlichkeit und Würde des Atheismus geworden, aber auch für den Wert und die Würde des Menschen, der nicht durch das infantile Geplapper der Religion herabgewürdigt wird“ (S.459).

    Die Herausgeberin Gillian Somerscales vermerkt zu dieser Rede Dawkins anläßlich einer Preisverleihung an Hitchens: „Es ist eine eigenartige, aber durchaus passende Ironie des Schicksals, dass vieles von dem Lob, das er (Anm.: Dawkins) Hitchens zollt, mit ebenso großer Rechtfertigung auch ihm selbst gezollt werden könnte: „der führende Kopf und Gelehrte unserer atheistisch/säkularen Bewegung“, ein „sanft ermutigender Freund der Jungen, der Zaghaften“, gleichermaßen fähig zu „durchdringender Logik“, „schneidendem Witz“ und „Mutig-Unkonventionellem“. Kein Wunder, dass sie Seelenverwandte waren“ (S. 433/434).

Ein Buch, aus dem nicht nur Dawkins-Anhänger, sondern alle unvoreingenommen einschlägig Interessierten Gewinn ziehen werden. Es bietet reichen Erkenntnisgewinn bei hohem Lesegenuss und wird dem Anliegen, „das Absperrseil zwischen begründeter Phantasie und unbegründeter Spekulation aufzuspannen, das Undenkbare zu denken und es damit denkbar zu machen“ (S. 202), voll gerecht. Uneingeschränkte Leseempfehlung!

 

Gerfried Pongratz 1/2019




Ich bin der Ich-bin – Die Suche nach „Gott“

JahweDurch das Wort «Ich bin der Ich-Bin» (hebr. אֶֽהְיֶ֖ה אֲשֶׁ֣ר אֶֽהְיֶ֑ה eh'jeh asher eh'jeh) gab sich JahveElohim auf dem Berg Horeb im brennenden Dornbusch dem Moses kund als der Ich-Bin (griech. ἐγώ εἰμί ego eimi), der Ich-Seiende, der Bringer des Ichs, der in seinem wahren Wesen der Christus ist, das Welten-Ich, der aus der Sonnensphäre auf die Erde herabsteigt.

Zeuge: Moses, Aufschreibender: wer auch immer. Hat es jemand verstanden? Wir kommen darauf zurück.

Eine der ältesten Karten der Welt zeigt einen Erdenkreis mit einem himmelan strebenden Babylon in der Mitte, und je näher man sich der Peripherie nähert um so „unordentlicher“, chaotischer, ja anarchischer wird diese Welt. Dass man die Kapitale ins Zentrum setzt, ist dabei eher gewöhnlich in dieser Zeit. Ungewöhnlich, aber vielsagend, ist hierbei die indirekte Aussage: Nur in der Mitte akkumuliert sich alles Wissen dieser Welt, ein Wissen, das identisch ist mit dem Glauben an einen „Gott“, der irgendwo darüber thront. Jede Entfernung von dieser Zentralerkenntnis ist damit gleichsam gegen Wissen und Glauben gerichtet.

Dies war nicht immer so. Zu den Blütezeiten der Naturreligionen lebten die Dämonen, Geister und Götter im unmittelbaren Umfeld. Sie waren direkt verantwortlich für das konkrete Wohlergehen oder alle nur erdenklichen Schicksalsschläge, die die Menschen trafen. Also versuchte man, sie mit Opfergaben (meist Tiere) versöhnlich zu stimmen. Als man nun daranging, das nähere Umfeld abzusuchen, fand man die Geister nicht, allenfalls wilde Tiere, deren Gefährlichkeit aber nicht mit irgendwelchem „göttlichen“ Einfluss in Verbindung gebracht wurde. Also wurden die Götter auf Berge versetzt – der berühmteste wohl der Olymp. Als auch diese erforscht waren, mussten halt die inzwischen entdeckten Planeten („Wandelsterne“) als Sitz der Götter dienen – Venus, Mars und Jupiter zeugen noch heute davon. Schließlich kam man – übrigens an verschiedenen Orten unabhängig voneinander – auf die Idee, alle vorher sauber getrennten Eigenschaften einem einzigen „Gott“ zuzuschreiben, der damit zu einem Monsterwesen aufgebläht wurde mit den bekannten Zuschreibungen wie All-Macht, All-Wissen und anderen All-Bernheiten. Wir bewegen uns nunmehr im Bereich der Monotheismen, die derzeit weltweit dominant sind (Hinduismus und Buddhismus spielen dagegen eine nur untergeordnete Rolle).

Halt! werden nun Juden, Christen und Muslime gemeinsam rufen. Sooo einfach ist es ja nun nicht, schließlich handelt es sich bei der Basis unserer Religionen um Offenbarungen, also gleichsam von „Gott“ selbst vorgegebenen Fakten.

Doch kann nichts über die Tatsache hinwegtäuschen, dass alles, was man über „Gott“ zu wissen glaubt, Niederschriften vom Hörensagen sind. An keiner einzigen Stelle „spricht“ ein „Gott“ selbst zu seinen Fans. Alles über diesen „Gott“ Gesagte kann daher ebenso gut falsch wie richtig sein. Zu dieser Erkenntnis gelangten bereits die Kirchenväter, angefangen bei Augustinus (Si comprehendis non est deus = wenn du es verstehst, ist es nicht Gott) bis hin zu Thomas Cusanus – mithin den Begründern der klassischen negativen Theologie. Wenn also Papst Ratzinger sine erste Enzyklika “Gott ist Barmherzigkeit“ nennt, hätte er mit derselben Berechtigung behaupten können, dass „Gott“ unbarmherzig ist. Die moderne negative Theologie hätte ihm zugestimmt. Also wäre es wohl besser gewesen, sich jeder qualitativen Aussage zu enthalten. Er wäre es den Kirchenvätern schuldig gewesen. Dasselbe, was hier über das Christentum gesagt wird, trifft natürlich auf den Islam ebenso zu. Islamische Theologen wissen das und monieren es auch angesichts des optimistischen Werks von Mouhanad Khorchide „Islam ist Barmherzigkeit“. Bei beiden ist wohl eher der Wunsch der Vater des Gedankens als präzise theologische Überlegung. Ergänzend sei noch angemerkt, wie der große Philosoph der arabischen Hochzeit, Ibn Rushd, die Dinge sah. Er ging wohl im Gefolge von Aristoteles von einer „duplex veritas“ aus, also einem möglichen Auseinanderklaffen von Glaubenssatz und tatsächlichen weltbezogenen Anwendungen. Leider sind genau diese Werke nach Wiedererstarken des Islam, der Hochzeit ein abruptes Ende setzend, in einem frühen Autodafé verbrannt worden. Es lässt sich nur noch aus dem verbliebenen Rest erschließen.

Genau an dieser Stelle scheiden sich nun die Geister. Eine große Mehrheit der Religiösen ist eher geneigt, den orthodoxen Exegesen (im Arabischen entsprechend „tafsîr“) Folge zu leisten und keinerlei Zweifel aufkommen zu lassen. Man glaubt weitgehend kritiklos, was – im Laufe der Zeit angereichert um zahllose Dogmen oder fatwat – vorgesetzt wird. Durch die allen Religionen eigene frühkindliche Indoktrination wird der klare Blick auf Tatsachen empfindlich gestört. Ein solcher Glaube, da schwer von außen beeinflussbar – sollte deshalb auch nicht angefeindet werden. Man hat ihn als Tatsache hinzunehmen. Nur wenigen gelingt es, über Zweifel allmählich zu anderen Erkenntnissen zu gelangen, die wegen der relativen Starrheit der Religionen dann natürlich schnell im Atheismus landen. Man hat eben keine wirkliche Wahl zwischen orthodoxen und liberal-säkularen Näherungen an die Religion.

Der „gesunde“ Menschenverstand spielt hier eine entscheidende und gleichzeitig tragische Rolle. Abgesehen einmal davon, dass bereits die Etikettierung eine schlichte Unverschämtheit ist (was ist bitteschön ein „ungesunder“ Menschenverstand?), liegt hier im Grunde nichts anderes vor als eine Ansammlung von Vorurteilen, die sich bis zum 18. Lebensjahr verfestigen (das geht meines Wissens auf Dirac zurück, aber ich kann als „Nicht-Gott“ irren).

Wir sehen also, dass für manche ein „Gott“, extrahiert als alten Büchern, existiert, für andere wiederum nicht. Bei dieser Erkenntnis könnte man es belassen, aber ich möchte es noch einmal auf eine andere Art der Erklärung versuchen.

Das mit der damaligen Wissenschaft weitgehend kongruente Ideengebäude des Katholizismus wurde im 16. Jahrhundert gleich von zwei Seiten attackiert. Neben der Reformation Luthers war es die aufstrebende Wissenschaft, die alte Gedankengebäude zum Einsturz brachte. Das heliozentrische Weltbild mit auf Ellipsen (nicht einmal „göttlichen“ Zirkeln) um das Zentralgestirn kreisenden Planeten, die dazu auch noch rotierten, brachte die mittelalterliche christliche Vorstellung von „Oben“ und „Unten“ – mithin Himmel und Hölle – in ärgste Bedrängnis. Wir können uns das heute nur noch sehr schwer vorstellen, was damals an Umwälzungen tatsächlich passierte. Luther war gemessen daran sicher noch das kleinere Übel.

Seitdem haben sich die Wissenschaften mit zunehmender Geschwindigkeit von dem entfernt, was einmal fest begründeter Glaubenssatz war (siehe oben: Babylon). Die Diskrepanz wurde immer größer und bald schien es keinerlei Übereinstimmungen zwischen wissenschaftlichem und religiösem Weltbild mehr zu geben. „Gott“ trat nur noch als Lückenbüßer auf mit immer kleiner werdendem Einflussbereich. Doch stimmt das wirklich?

Betrachten wir einmal kurz die beiden „Außenbereiche“ heutiger Naturwissenschaft: Die Kosmologie einerseits und im Mikrokosmos die Quantenmechanik. Dem Laien sind beide Bereiche gleichermaßen verstandesmäßig unzugänglich. Sie enden in Formelwelten, die nur noch der Mathematik zugänglich sind. Und nicht einmal alle Mathematiker sind noch in der Lage, jeder Wendung in der Quantenmechanik zu folgen. Doch was passiert, wenn Physiker uns diese Welt zugänglich machen wollen?

Gleichungen werden zu Gleichnissen: es wird uns eine untote Katze präsentiert (Schrödinger), die man nur versteht, wenn man zumindest eine kleine Ahnung von der zugrunde liegenden Mechanik des Unbestimmten hat. Kleinstteilchen werden mit Farben versehen, so als ob sie dadurch erklärbarer würden. Und dabei ist man immer auf der Suche nach der „Urkraft“ (GUT, Konsolidierung der Gravitation mit den anderen bekannten Kräften), die man vielleicht niemals finden wird, auch wenn Hawkings felsenfest davon überzeugt ist. Und im Großen? Auch da ist der Erfindungsreichtum der Physiker erstaunlich groß. Ein „Urknall“, den es vielleicht niemals gegeben hat (obwohl Johannes-Paul II enthusiastisch darauf einging) hatte sicherlich keine Klangkomponente und die „Schwarzen Löcher“ rufen im französischen Sprachbereich (trou noir) eher sexuelle Konnotationen hervor, als dass sie etwas zur Sacherklärung beitrügen. Man hätte ein schwarzes Loch auch durchaus als „Kollapsator“ oder ähnlich bezeichnen können.

Der Islam ist übrigens noch weit davon entfernt, ähnliche Aussagen wie die von Johannes Paul II zu akzeptieren. Man behauptet immer, der Islam habe die Aufklärung versäumt und komme deshalb nicht voran. Es ist viel simpler: der Islam ist weitestgehend wissenschaftsfeindlich eingestellt, befindet sich also noch auf der Stufe der mittelalterlichen Catholica.

Warum all dies?

Heute äußern sich zumeist Naturwissenschaftler zu philosophischen Fragen. Die klassische Philosophie stirbt aus. Sie gibt uns nichts mehr, wandert allenfalls ab in soziologische Überlegungen, manche sagen: Spielereien. Und Naturwissenschaftler sind immer nah bei „Gott“, wie immer fern er auch sein mag. Sie können ihn nicht erklären und sie wollen das auch gar nicht. Aber ihrer Materie liegt es eben nahe, bisher Unerklärtes in eine Ecke zu schieben, die irgendwo und irgendwie „Gott“ ist.

Es macht fast den Eindruck, als ob auch Naturwissenschaftler sich nicht vollständig vom Transzendenten lösen könnten. Das klassische – und später bereute – Beispiel ist die Einsteinsche Konstante, mit der er sich ein gravitätisches, also quasi göttliches statisches Universum erhalten wollte, obwohl alle seine Formeln dagegen sprachen.

Reste von Religiosität oder das krampfhafte Bemühen, Dinge erklärbar zu halten? Ich weiß es nicht. Doch genau an dieser Stelle endet Wissenschaft, wenn sie sich nicht mit den psychologischen Grundproblemen der Menschen befasst.

Betrachten wir Religion doch einmal wissenschaftlich. Da die Theologie keine Wissenschaft ist, können wir das natürlich nur von außen betrachten. Dazu sollten wir uns mit dem Phänomen der Meme vertraut machen. Jeder Mensch unterliegt der genetischen Evolution – das darf als Allgemeinwissen vorausgesetzt werden. Dies ist ein höchst langwieriger Prozess, der sich in den überschaubaren Generationen so gut wie nicht bemerkbar macht und daher auch von überzeugten Kreationisten, die in kürzeren Zeiträumen denken, nicht wahrgenommen werden will.

Anders sieht es mit den Memen aus, die man auch als kulturelle Imitationen bezeichnen kann. Sie evolutionieren in aller Regel schnell, sind nachvollziehbar und greifbar. Ein solches Mem kann zum Beispiel ein Musikstück sein, das sich als Ohrwurm für eine Weile festsetzt, bis es irgendwann durch anderes ersetzt wird und verschwindet. Es kann sich aber auch als ein begleitendes Mem in einem größeren Mem-Komplex dokumentieren, wie beispielsweise die ehrfurchtgebietenden Sakralbauten der Religionen, oder die Riten, die mit Religion verbunden sind wie Eucharistie oder dem Zwang zu fünf Gebeten pro Tag. Das hat zwar alles nicht direkt mit dem jeweiligen Mem-Komplex Religion zu tun, unterstützt es aber nach Kräften. Dieser Zusammenhang ist den meisten Religiösen völlig unbekannt.

Unabhängig von den Kern-Memen folgen sie allem, was sich sonst noch so darum im Laufe der Zeit geschart hat – weil sie es nie gelernt haben zwischen primär und sekundär zu unterscheiden. Es ist ja auch für die Protagonisten der Religionen, die schließlich ihr Geld damit verdienen, viel leichter und vorteilhafter, sie in diesem Unglauben zu belassen.

Ich bin der Ich-Bin, obwohl nie von einem der Götter geäußert, erhält damit eine neue Dimension, wenn man es genau betrachtet. Es ist letztlich die Aussage, dass sich ein „Gott“ wie auch immer er beschaffen sein mag, jeder Erkenntnis entziehen wird, so sehr auch seine jeweiligen Fans sich bemühen werden, das Gegenteil zu behaupten. Weder die Physik und schon gar nicht die Religion werden jemals in der Lage sein, begründete Anlässe für seine Existenz zu geben.

So sagt denn auch ein jüdisches Sprichwort so treffend: „Der Mensch denkt und G‘tt lacht.“




Philosophen auf dem Prüfstand

fashion-823512_640Der Philosoph Paul Hoyningen-Huenehe äußerte mal die Vermutung, dass von den etwa 3000 weltweit lehrenden Philosophen schätzungsweise 3000 unterschiedliche Philosophien vertreten werden. Damit ist die Philosophie die einzige Disziplin, in der so viele, meist widersprüchliche Meinungen vertreten werden (Bild der Denkerin: Gromovataya, pixabay).

Der Frage, in welchen Aspekten die heute lehrenden Philosophen evtl. übereinstimmen, gingen David Chalmers und David Bourget ab Dezember 2010 bis November 2013 nach (das sind die Publikationsdaten) und interviewten über 3000 (andere Zahl: 900) professionelle Philosophinnen und Philosophen aus dem englischsprachigen Raum. Die Studie wurde bei Common Sense Atheism publiziert unter The Largest-Ever Survey of Philosophers: What Do They Believe?

Die sehr differenzierten Antworten sind unter The PhilPapers Surveys veröffentlicht. Die wichtigsten Ergebnisse, jeweils mit Zustimmung (accept or lean toward yes) / Ablehnung (accept or lean toward no) / Sonstige (other) bzw. passend zu den Alternativen der Fragestellung:

  • A priori knowledge: yes or no? bezieht sich auf Immanuel Kants Metaphysik, nach der grundlegende Erkenntnisse a priori gelten sollen: (71,1% / 18,4% / 10,5%)
  • Abstract objects: Platonism (Abstrakta, Ideen existieren real) or nominalism (Abstrakta existieren nicht)? (39,3% / 37,7% / 23,0%)
  • Ethics: realism (objektive Realität) or anti-realism (keine objektive Realität)? (56.3% / 27.7% / 15.8%)
  • Ethics: realism or anti-realism?
  • 56.3% moral realism
  • 27.7% moral anti-realism
  • 15.8% other – See more at: http://commonsenseatheism.com/?p=13371#sthash.j1zEajCV.dpuf
  • External world: idealism (nur das Denken ist real), skepticism (Zweifel als Prinzip des Denkens), or non-skeptical realism? (4,3% / 4,8% / 81,6% / 9,2%) Alternative Zahlen von Philosophy Forums (23% / 19% / 42% / 16%)
  • Free will: Compatibilism (Freier Wille und Determinismus kompatibel), Libertarianism (kein Determinismus), or no free will? (59,1% / 13,7% / 12,2% / 14,9%)
  • God: theism or atheism? (14,6% / 72,8% / 12,6%)
  • Metaphilosophy: naturalism (alles geht mit rechten Dingen zu) or non-naturalism? (49,8% / 25,9% / 24,3%)
  • Science: scientific realism (Wissenschaft beschreibt die Welt) or scientific anti-realism? (75,1% / 11,6% / 13,3%)

Immerhin bekennt sich die Hälfte der Befragten zum Naturalismus, nur ein Viertel zum Nicht-Naturalismus und der Rest enthält sich. Beim wissenschaftlichen Realismus sind sogar drei Viertel pro und nur ein Zehntel dagegen. Klarerweise bleibt dann auch der Gottesglaube mit ähnlich hoher Quote auf der Strecke (fast 3/4). Irgendwie beruhigend, wenn mittlerweile die Hälfte oder drei Viertel unserer Vordenker "naturalistisch" angehaucht sind, auch wenn Meinungsmehrheiten kein überzeugendes Argument für die Richtigkeit von Annahmen sind.

Ganz ausführlich kann man das Paper als pdf hier sehen: What do philosophers believe? (David Chalmers und David Bourget 30.11.13)

Ein Link von wissenbloggt dazu: Versagen der Philosophie wo eben das Fehlen dieser Ausarbeitung samt Konsequenzen kritisiert wird




Zuerst kommt das Ziel

spades-297839_640Bei der GBS Schweiz geht man innovative Wege. Mit Poker die Welt verbessern, heißt es da z.B.: Raising for Effective Giving (REG) ist ein neues Projekt, das von der GBS Schweiz zusammen mit den sehr erfolgreichen Pokerspielern Philipp Gruissem, Liv Boeree und Igor Kurganov lanciert wurde. Im Englischen bezeichnet „raising“ sowohl das Erhöhen des Einsatzes (Poker), wie auch das Zusammentragen von Geld (z.B. für Wohltätigkeit). In der Pokersprache bezieht sich „reg“ (oder „regular“) auf jemanden, der regelmässig ein bestimmtes Pokerspiel spielt und vor dem man sich am Tisch deshalb eher in Acht nehmen sollte. Der das erklärt, ist Lukas Gloor, von dem auch der folgende Artikel stammt (Bild: ClkerFreeVectorImages, pixabay):

Zuerst kommt das Ziel

am 8. Oktober 2013

In Diskussionen zu ethischen Fragen wird zu wenig über Ziele gesprochen. Stattdessen läuft die Diskussion oft darauf hinaus, dass eine Partei empirisch etwas behauptet, was die andere Partei bestreitet. Dann geht es eine Weile vehement hin und her – und kaum jemand ändert die Meinung.

Dieser Artikel ist ein Plädoyer dafür, mehr über Ziele selbst zu diskutieren, bevor wir uns über deren Machbarkeit zu streiten beginnen.

Um die Problematik zu verdeutlichen, folgen nun als Beispiel vier Gegenargumente zu einer ethischen Fragestellung. Nur zwei der Gegenargumente kritisieren direkt das Ziel oder die vorgeschlagene Intervention an sich. Die anderen zwei Argumente kritisieren nur indirekte Nebeneffekte, die möglicherweise entstehen können. Welche Argumente sind bloss empirisch?

Fragestellung: Sollte es erlaubt sein oder gar gefördert werden, mittels Embryonenselektion die Chancen zu erhöhen, dass Babys in ihrem Leben tendenziell eher glücklich und weniger anfällig für Depressionen sein werden?

Gegenargument_1: Nein, im Leben geht es auch darum, aus eigener Kraft Hindernisse zu überwinden und so einen starken Charakter zu entwickeln. Wenn die Mühen im Leben künstlich abgebaut werden, dann verliert das Leben potenziell an Wert.

Gegenargument_2: Nein, wenn man so etwas erst einmal erlaubt, wird man es nicht verhindern können, dass mittelfristig auch die Augenfarbe oder das Körpergewicht von den Eltern oder gar dem Staat bestimmt wird!

Gegenargument_3: Nein, nur die Reichen könnten sich so etwas leisten, was die Ungerechtigkeit in der Welt noch mehr verstärken würde.

Gegenargument_4: Nein, Embryonen sind menschliche Wesen und man darf sie nicht einem Selektionskatalog nach “aussortieren” und dann zerstören.

Zur Terminologie: Wenn wir über Ziele an sich diskutieren, dann befinden wir uns auf der normativen Ebene. Wenn wir über die Erreichbarkeit von Zielen und über mögliche Nebeneffekte diskutieren, dann sind wir auf der empirischen Ebene. Für die Qualität von ethischen Diskussionen (und v.a. auch politischen Diskussionen, welche auch zur Ethik gehören) ist es wichtig, sich dieser zentralen Unterscheidung bewusst zu sein.

Die Argumente eins und vier im Beispiel oben betreffen die normative Ebene. Diese Argumente kritisieren die Intervention und das Ziel selbst.
Die Argumente zwei und drei beziehen sich auf die empirische Ebene. Die Punkte, die kritisiert werden, sind keine inhärenten Bestandteile des vorgeschlagenen Ziels (hier: glücklichere Menschen) oder der Intervention (hier: Biotechnologie). Man kann sich nämlich Wege vorstellen, das besagte Ziel zu erreichen, welche ohne die befürchteten Nebeneffekte auskommen! Zum Gegenargument_3 könnte man beispielsweise erwidern, dass man in diesem Fall warten müsste, bis die Technologie auch sehr billig erhältlich ist.

Es lässt sich spekulieren, dass die Häufigkeit von empirischen Einwänden zu ethischen Positionen dadurch verstärkt wird, dass gewisse Leute gerne Intelligenz signalisieren, indem sie darauf hinweisen, dass gut gemeinte Interventionen aus komplexen Gründen negative Konsequenzen haben könnten. Wenn jemand beispielsweise dafür argumentiert, dass wir mehr Geld an effektive Hilfsorganisationen spenden sollten, dann kommt oft der Vorwurf, dass Hilfsorganisationen kontraproduktiv sein können. Gewisse Hilfsorganisationen sind das sicher, aber trifft es wirklich auf alle zu? Und selbst wenn das der Fall wäre, würde daraus nicht folgen, dass wir Geld dafür investieren sollten, etwas daran zu ändern?

Natürlich gibt es auch den umgekehrten Fall: Manchmal sind Menschen so sehr von einer schön klingenden Idee begeistert, dass sie empirische Gegenargumente völlig unterschätzen. E.O. Wilson, der Begründer der Soziobiologie und einer der renommiertesten Experten über Ameisen, hat zum Kommunismus gesagt: „Great idea, wrong species.“
Empirische Argumente haben durchaus ihren Platz in der angewandten Ethik. Oft weisen sie auf wichtige Probleme hin, und manchmal sind sie sogar stark genug, um die Idee, die diskutiert wird, im Alleingang vom Tisch zu nehmen. Man sollte sich aber stets bewusst sein, dass es sich bei empirischen Einwänden um Probleme handelt, die prinzipiell lösbar sind.

Schon am Anfang sehr viel Gewicht auf empirische Einwände zu setzen oder allgemein in ethischen Diskussion die normative Ebene nicht strikt von der empirischen Ebene zu trennen, birgt drei primäre Gefahren:

1) Menschen neigen dazu, zu selbstsicher zu sein. Die wenigsten TeilnehmerInnen in ethischen/politischen Diskussionen haben genug Expertise, um die Signifikanz von empirischen Einwänden definitiv abzuschätzen.

Wenn die normativen Argumente für eine bestimmte Handlung sprechen, dann sollte man es, selbst wenn man bezüglich der praktischen Umsetzbarkeit sehr skeptisch ist, willkommen heissen, dass ein Team von ExpertInnen die empirischen Begebenheiten genauer untersucht. Zumindest dann, wenn der mögliche Ertrag der Handlung, d.h. die mögliche Realisation des Ziels, den Aufwand wert ist. Am Beispiel oben: Wenn wir die durchschnittliche Lebensqualität womöglich massiv erhöhen könnten, wäre es eventuell angebracht, viele Ressourcen in die Erforschung der indirekten sozialen Konsequenzen einer solchen Intervention zu stecken.

Das beste Argument gegen empirische Einwände ist oftmals, dass man die Einwände besser studieren sollte. Entweder könnte man eine Änderung mit ungewissen Konsequenzen vorerst nur graduell einführen, um sich einen besseren Überblick über die Folgen zu verschaffen. Oder man könnte aktiv nach Lösungen suchen, um die vorgebrachten Einwände präventiv zu umgehen.

2) Was heute empirisch unmöglich ist, muss nicht für immer unmöglich bleiben. 

Wir befinden uns im Zeitalter des exponentiellen Technologie-Wachstums. Was heute noch nach Science-Fiction klingt, könnte in einem Jahrzehnt schon Realität sein. Wer aus empirischen Gründen eine Intervention oder ein bestimmtes Ziel ablehnt, und sich dabei aber nicht explizit bewusst ist, dass das Ziel eigentlich normativ erstrebenswert ist, der könnte es verpassen, die nötigen Schritte in die Wege zu leiten, so dass das Ziel in der Zukunft einmal erreicht werden wird, sobald die Empirie dies zulässt.

Bei gewissen Fragen steht enorm viel auf dem Spiel, und da wäre es äusserst schade, wenn wir es wegen einem zu starken Fokus auf empirische Argumente versäumen, alles mögliche zu unternehmen, um ein schwierig umsetzbares Ziel dennoch zu erreichen.

3) Empirische Scheinargumente können verschleiern, dass wir eine bestimmte Handlung eigentlich nur aus einem Bauchgefühl heraus ablehnen, ohne dafür gut durchdachte Gründe zu haben.

Aus evolutionären und auch kulturellen Gründen haben Menschen zu bestimmten Themen starke moralische Intuitionen. Nicht alles, was zu den Zeiten unserer Vorfahren positiv für das Verbreiten der menschlichen Gene war, ist heutzutage ethisch sinnvoll. Es macht deshalb Sinn, moralische Bauchreaktionen kritisch zu hinterfragen.

In einem Experiment1 mussten Versuchspersonen einen Text lesen, in dem ein Fall von Inzest beschrieben wurde. Im Text wurde unmissverständlich festgehalten, dass niemand (ausser den Beteiligten) jemals davon erfährt, dass die zwei Beteiligten es nur einmal taten, dass doppelt verhütet wurde, und dass niemand dabei negative Gefühle hatte – weder im Moment selbst noch irgendwann in der Zukunft.

Die Versuchspersonen wurden gefragt, ob sie die Handlung für moralisch akzeptabel befanden.

Viele gaben als Antwort ein klares Nein. Als sie jedoch nach Gründen für ihre Antwort gefragt wurden, gaben einige zuerst empirische Einwände an, die im Text explizit ausgeschlossen wurden! Und als die Versuchspersonen darauf hingewiesen wurde, sagten sie schlussendlich Dinge wie „Ich kann es nicht erklären, aber ich weiss einfach, dass es falsch ist.“.
Der Psychologe Jonathan Haidt taufte dieses Phänomen moralische Sprachlosigkeit („moral dumbfounding“). Die Menschen haben starke Bauchreaktionen, aufgrund deren sie sich entscheiden, dass eine Handlung falsch ist. Nach dieser Entscheidung suchen sie (manchmal etwas verzweifelt) nach Gründen, um die Entscheidung zu rechtfertigen2.

Im Falle von Inzest sind die Konsequenzen dieses Phänomens wohl nicht besonders schlimm. Aber beispielsweise wenn es um die Frage geht, ob homosexuelle Paare Gleichberechtigung verdienen, könnte es einen starken Einfluss  auf die Meinung bestimmter Leute haben.

Wenn man zuerst nach normativen Einwänden sucht, vermeidet man, aus intuitiven Gründen Positionen zu verteidigen, die man rational nicht begründen kann. Gewisse Fragen sind zu wichtig dafür, als dass wir sie ohne genaueres Nachdenken kategorisch ablehnen.

Konklusion

Um ethische/politische Fragestellungen möglichst systematisch und überlegt anzugehen, lohnt es sich, die folgende Reihenfolge einzuhalten:

  1. Ist das vorgeschlagene Ziel prinzipiell erstrebenswert? (Hier helfen Gedankenexperimente.)
  2. Falls es prinzipiell erstrebenswert ist, lässt es sich auch ohne schlechte Nebeneffekte erreichen? Was müsste dafür getan werden? Wo müsste noch geforscht werden?

Wer keine normativen Gegenargumente zu einer Intervention findet, der sollte sich dies eingestehen und aktiv nach Möglichkeiten suchen, empirische Schwierigkeiten zu umgehen. Es ist nicht immer einfach oder offensichtlich, Wege zu finden, die zu einer besseren Welt führen.

Referenzen:

  1. Haidt, J., Koller, H. & Dias, M.G. 1993. Affect, culture, and morality, or Is it wrong to eat your dog? Journal of Personality and Social Psychology, 65, 613-628.
  2. Haidt, Jonathan. 2001. The emotional dog and ist rational tail: A social intuitionist approach to moral judgment. Psychological Review, 108. 813-834.



Ballaststoffreicher Geist, ballaststoffreicher Körper

diet-398612_640Dies ist kein TTIP-Artikel. Wer nicht weiß, worum es bei dem Handelsabkommen geht, der kann den ersten Teil überspringen. Wer sich wegen TTIP Sorgen um die Verwässerung von Reinheitsstandards macht, der kann sich trösten lassen: Es kommt auch so dicke genug (Bild: mojzagrebinfo, pixabay).

In Anbetracht des Folgenden muss man TTIP (bis auf die Schiedsgerichte) entspannter sehen: Wenn sie's nur richtig verkauft hätten, wäre die Durchsetzung von TTIP gar kein Problem gewesen. So in der Art: Jetzt gibt's US-Outlets superschnäppchenbillig …

Na schön, sammeln wir mal die hausgemachten Probleme ein, ehe wir uns über TTIP aufregen. Den Einstieg in unseren Gesundheits-Cocktail liefert Spektrum.de mit Lebensmittelunverträglichkeiten: Die Angst vor dem Teller (6.3.): Immer mehr Menschen kaufen gluten- oder laktosefreie Produkte, weil sie glauben, die konventionellen Pendants schlecht zu vertragen. Experten beobachten jedoch keinen Anstieg der Lebens­mittelintoleranzen. Die subjektiven Beschwerden sind aber trotzdem da.

Am Ende kommt's raus, dass der Trend Frei von (Gluten, Laktose, freien Radikalen bösem Cholesterin usw. usf.) nur den wenigsten was bringt. Ernährungssensible konsumieren das Frei-von-Zeug ohne nachweisbaren Nutzen. Anders als der Volksglaube wahrhaben will, sind Lebensmittel heute generell "gesunder" und weniger schadstoffbelastet sind als noch vor 20 Jahren. Gedankt ist's den EU-Lebensmittelgesetzen.

Je gesünder wir objektiv sind, desto kränker fühlen wir uns laut Spektrum, und der "Morbus Google" macht es Hypochondern leicht. Da können sie in Krankheitssymptomen schwelgen, und irgendeins wird schon zur werten Befindlichkeit passen.

Die Süddeutsche Zeitung beackert das Thema in Reform der Öko-Richtlinien – Nur Populismus, mehr nicht (29.3.): Die Verbraucher werden demnach nur in einem Irrtum bestärkt: dass das Bio-Siegel bessere Lebensmittel verspreche. Dabei sind Bio-Produkte nicht nachweislich gesünder als andere. Diese Tatsache löst zwar stets Entrüstung aus, wenn sie wieder einmal durch einen Test bestätigt wird, ist aber einfach eine erfreuliche Folge der strengen Lebensmittelgesetze in der EU.

Laut SZ sei es trotzdem sinnvoll, Bio-Produkte zu kaufen, denn Bio-Betriebe gehen, sofern sie nach den derzeit geltenden Regeln wirtschaften, rücksichtsvoller mit der Natur um. Und irgendwie umgeistert ein implizites Schlankheitsversprechen das Bio-Zeug, so nach der Logik biologisch = natürlich = schlank vs. unbiologisch = unnatürlich = krank (oder mindestens dick).

Bei DIE WELT läuft das Thema unter Gesundheit – Nährstoffmythos – Über die Sinnlosigkeit von Vitamintabletten (22.3.): Eine rote Pille für den Muskelaufbau, eine blaue mit Antioxidantien. Nicht nur unter Sportlern sind Vitaminpräparate beliebt.

Dabei seien die meisten sinnlos – und einige können sogar laut Welt sogar schaden. Wie es scheint, ist dies Jahr im März (aus dem Monat stammen alle 3 Artikel) die große Sinnlosigkeit beim Fressen ausgebrochen. Und das bei einer Sache, die vielfach in den Rang einer Religion erhoben wird (TTIP lässt grüßen). Das läuft quasi auf Ketzertum hinaus.

Daran beteiligt sich ZEIT ONLINE mit 3 Monaten Verzögerung. Ökologische Lebensmittel – Bio in der Sinnkrise heißt es am 17.6.: Nachhaltig produzierte Erzeugnisse sind in Deutschland gefragt wie nie. Doch ihr Erfolg schafft neue Probleme.

Essen sei zu einer Ersatzreligion geworden, assistiert die Zeit wissenbloggt. Bei der Einkaufsentscheidung gehe es jetzt, elitär zu sein und sich habituell abzugrenzen. Das Ganze mit Bezug auf die Revision der bestehenden EU-Öko-Verordnung – und flugs sind wir mit diesem Link wieder im gefährlichen März gelandet (25.3.).

Zum Trost hält die Zeit einen weiteren Artikel bereit, Quengelzone – Wo Gesundheit wohnt – Marcus Rohwetters wöchentliche Einkaufshilfe (18.6.). Der Autor mokiert sich über Sub-Gesundheiten. Da ist die Rede von darmgesunden Frühstücksflocken, mundgesunden zahnärztlichen Zusatzleistungen, fußgesunden Schuheinlagen, hautgesunden Mikronährstoffen.

Geht's noch? Kommen demnächst die augengesunden wissenbloggt-Artikel? Und die hirngesunde Politik – obwohl … wenn man mal so angekränkelt dran denkt … schlecht wäre das nicht, oder?
 

Siehe auch

 




Annelie knackt deutschen Rekord

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Wer redet schon übers Wetter? Wir doch nicht. Das überlassen wir anderen. Wenn natürlich ein Bild für sich selber spricht (Annelies Opfer, Urheber verschmurgelt), ist das was anderes.

Spektrum.de informiert uns übers Wetter: Der deutsche Temperaturrekord ist geknackt: Der Sonntag war deutschlandweit noch einmal sehr hitzig – doch heißer als in Kitzingen war es offiziell wohl nirgends. Das Hoch Annelie bescherte demnach einen neuen Hitzerekord von sauberen 40,3 Grad Celsius. So viel hat man in diesen unseren Landern seit Beginn moderner Wetteraufzeichnungen noch nie gemessen. 

Der Deutsche Wetterdienst hat laut Spektrum den neuen Höchstwert von seiner Station in Kitzingen offiziell bestätigt, er ist nun gültig – schön zu wissen, dass es gilt. Man stelle sich vor, da schwitzt man sich einen ab, und es gilt nicht. Also ausgesprochen nett vom Wetterdienst, dass er die Gültigkeit bestätigt.

Nur, wenn das schon Wetterdient heißt, warum dient er uns nicht mit ein paar kleinen Wärme-Sonderzuteilungen im Winter? Warum immer nur diese Hitze im Sommer? Das ist doch altmodisch.

Um uns von diesen drängenden Fragen abzulenken, wird von Tiefdruckstörungen und Saharaluft gesprochen, die extra den Umweg über Gibralter nahm, um die Hitze unbeschränkt bei uns abzuladen. Wir fallen nun nicht auf die Benamsung Annelie rein und suchen erhitzt nach verantwortlichen Annelies. Wir lassen uns auch nicht von der Verschnaufpause besänftigen, die es dieser Tage weniger schwitzig macht. Unerträgliche Schwüle ist angesagt, und dafür nimmt ein neues Tief den Umweg über Großbritannien und führt an seiner Ostseite erneut heiße Luft aus Südwesten nach Deutschland. Das bringt heftige Gewitter mit Sturmböen, Hagel und Platzregen.

Wer weiß, womöglich ist das die Rache von Griechenland? Haben die ihre Hitze über den Südwesten nach Deutschland verschoben, mit Hilfe Britanniens? Müsste das Hoch vielleicht Alexis heißen und nicht Annelie? Mit diesen Hochs ist das so eine Sache. Wer weiß, wie die richtig heißen heißen.

 




Gottesbeweise? Man glaubt es nicht!

liebecomestruthMGEN steht für Man glaubt es nicht! Der Anspruch der site in Twitter-Länge: Wir bei MGEN gehen fest davon aus, dass eine Welt ohne Religion, ohne stumpfe Gläubigkeit und ohne religiös motivierten Hass eine bessere Welt wäre. Dieser Blog ist unser winziger Beitrag dazu.

Diesmal besteht der Beitrag darin, die Anti-Gottesbeweise aus dem Raum MGEN zu sammeln und aufzulisten. Weil's so schön ist, gleich noch eine Sammlung von wissenbloggt hinterdrein. Vielleicht interessiert es, wie z.B. Gödel hier und da abgehandelt wird. Und ein bissel Humor darf bei wb auch mal sein. Zunächst aber die MGEN-Sammlung:

Zwischenstand bei den Gottesbeweisen: 0 – 20

Seit etwa zweieinhalb Jahren schauen wir uns im Rahmen dieses Blogs Argumente für die Existenz des jüdisch-christlich-islamischen Bibel-Gottes Jahwe an, wie sie von Theisten immer wieder vorgebracht werden. So ein Beweisgang besteht in der Regel aus einer Reihe von Annahmen und daraus hergeleiteten logischen Schlüssen. Am Ende steht dann meist ein “Und daraus folgt: Die Gottheit Jahwe existiert!”

Damit ein Beweis stimmt, müssen naheliegenderweise sowohl die Annahmen als auch die logischen Herleitungen korrekt sein. Sind die Annahmen unzutreffend oder die Schlüsse unlogisch, ist der Beweis falsch. Das bedeutet dann natürlich noch lange nicht, dass das Gegenteil gelten muss, also der jeweilige Gott ganz sicher nicht existiert – lediglich der Beweis für die Existenz ist im Einzelfall gescheitert.

Bei den betrachteten Ansätzen zeigen sich immer wieder dieselben logischen Fehler (oder Fallen?) Oft wird die Existenz einer Gottheit trickreich formuliert in den Annahmen eingebracht – und dann am Ende triumphierend geschlussfolgert! Sehr schön klar wird das beim ontologischen Beweis. Etwas vereinfacht:

(A1) Der Gott ist das Wesen mit der perfekten Kombination von Eigenschaften.
(A2) Ein Wesen ohne die Eigenschaft “Existenz” ist nicht perfekt.
(S) Der Gott hat die Eigenschaft “Existenz”, existiert also.

Derart vom rhetorischen Gestrüpp befreit wird klar, dass (A1) die Existenz einer Gottheit bereits versteckt voraus setzt. Ein ehrliche Formulierung müsste lauten:

(A1) Der Gott existiert. Er ist das Wesen mit der perfekten Kombination von Eigenschaften.

Dass daraus dann “Der Gott existiert!” folgert, wird niemanden überraschen.

Ein zweiter üblicher Logikfehler ist der Sprung von “der Gott existiert” zu “darum ist meine Religion richtig!” Die bekannten Gottesbeweise versuchen lediglich die Existenz irgend eines göttlichen Wesens zu beweisen. Der logische Sprung zu “das ist Jahwe, der Gott des Christentums, das daher stimmt!” ist völlig willkürlich und erfolgt ohne jede Begründung. Mit genau der gleichen Berechtigung könnte man zu Krishna springen, zu Zeus oder Papa Schlumpf. Fragt man hier nach, hört man oft die eher unbefriedigende Antwort “Das steht in der Bibel, an deren Wahrheit glaube ich ganz fest.”

Von den bislang angeschauten Beweisen für die Existenz von Göttern war kein einziger korrekt. Hier sind sie im einzelnen:

Also haben wir (je nach Zählung, einiges wiederholt sich) 20 bis 25 der bekanntesten und meist verwendeten Gottesbeweise angeschaut – bislang war kein einziger schlüssig. Im Gegenteil: Wir haben einige durchaus solide Ansätze (hier und hier) gezeigt, die beweisen, dass zumindest die Gottheit Jahwe nicht wie behauptet existieren kann.

In der Sammlung fehlen noch eine Reihe von Argumenten, wie zum Beispiel das Transzendentale Argument für Gott (TAG) und das Kalam-Argument, eine etwas verschwurbelte Version des kosmologischen Beweises. Daneben verdienen auch noch die in den USA aktuell als chic geltenden Präsuppositionisten eine nähere Betrachtung. Es bleibt also spannend – wer weiß, vielleicht ist ja doch noch ein gültiger Beweis für die Existenz (zumindest irgend einer) Gottheit dabei …

Link zum Originalartikel bei Man glaubt es nicht!

Links zu den wissenbloggt-Anti-Gottesbeweisen




Inzest kein Tabu mehr

feet-684683_640Da hat der Deutschlandfunk was missverstanden: Die Gene von Mutter und Vater haben weniger Einfluss auf die Kinder als gedacht, unterschreibt man dort ein Füßchen-Bild wie dies (und die beiden unten) von Prinz-Peter, pixabay.

Huch? Mama und Papa spenden doch die ganzen Gene fürs Kind. Sie haben also Einfluss auf sämtliche genetisch bedingten Eigenschaften. Es geht aber nicht um die Abwägung, was ist Gen, was Erziehung, sondern um eine Studie über das heiße Thema Inzucht.

Inzest – Weniger risikoreich als gedacht, heißt der Deutschlandfunk-Artikel vom 4.7., und er bringt frohe Kunde für alle, die in der Richtung fühlen. Es sind mehr Menschen betroffen, als man gewöhnlich meint. Der Deutschlandfunk spricht etwas unklar von einer Milliarde Menschen, die in Ländern leben, wo Ehen zwischen nahen Verwandten üblich sind. Bei wiki findet man dazu den Verwandtschaftskoeffizienten als Maß für die Nähe der biologischen bzw. genetischen Verwandtschaft (mit dem verwandten Inzuchtkoeffizienten, der etwa halb so hoch ist, mithin quasi 50% Verwandtschaft zwischen den Koeffizienten).

100% genetische Gleichheit gibt's nur bei eineiigen Zwillingen (bzw. Mehrlingen) oder Klonen. Zwischen Eltern und Kindern oder unter Geschwistern bestehen 50% Gengleichheit. 25% gibt's bei Verwandten 2. Grades: Großeltern-Enkel, Onkel/Tante-Neffe/Nichte. Cousins 1. Grades sind mit 12,5% dabei, beim 2. Grad sind's noch 6,25%. Das ist kaum mehr als bei zwei zufällig ausgewählten Individuen, die sich mit 6% ähneln.

Das bezieht sich natürlich nicht auf die 99,9% Gene, die alle Menschen gemeinsam haben, sondern nur auf den Bereich, der sich unterscheidet. Das sind immerhin noch Millionen von Abweichungen. Wo es weniger sind, wie in den besagten Ländern, macht das auch nix aus. Der Deutschlandfunk gibt die Erkenntnisse Jim Wilsons von der Universität Edinburgh wieder, wonach der generelle Einfluss des Verwandtschaftsgrads von Vater und Mutter überraschend gering ist. Dies Ergebnis filterte Wilson aus Daten von mehr als 350.000 Menschen, und er publizierte es als Nature-Studie.

few-feet-684685_640Die modernen Mittel der Genomforschung erlauben es heute, den Einfluss der elterlichen Verwandtschaft genau abzuschätzen. Untersucht wurden gleiche DNS-Abschnitte von Vater und Mutter, mit besonderem Interesse für möglicherweise entstehende Krankheiten wie Herz-Kreislaufleiden, Zuckerkrankheit und Altersleiden.

Um den Verwandtschaftsgrad der Eltern zu bestimmen, wurde die DNS der 350.000 Teilnehmer von sehr vielen Gesundheitsstudien auf eine neue Art analysiert. In jeder Zelle ist ja eine Kopie der väterlichen und der mütterlichen DNS präsent. Die ca. 4 Millionen unterschiedlichen Stellen auf den Chromosomen wurden auf verschiedene Varianten hin untersucht ("Man geht die Chromosomen entlang und zählt: gleich, gleich, gleich, und dann kommt ein Stück, das von Papa und Mama in unterschiedlichen Versionen kam").

Das Grad der Gleichheit (Homozygotie) wurde mit den körperlichen Ausprägungen in Beziehung gesetzt. Negativen Einfluss von enger Verwandtschaft der Eltern stellte man bei Größe, Lungenvolumen, kognitiven Fähigkeiten wie geistiger Leistungsfähigkeit und beim Bildungsstand fest, aber die Unterschiede hielten sich in engen Grenzen. Ein Zusammenhang mit komplexen Krankheiten war gar nicht zu erkennen, bei den Stoffwechsel- und Herz-Kreislaufkrankheiten gab es gar keinen Effekt.

feet-684682_640Daraus zieht Wilson Folgerungen für den Einfluss der Evolution auf das menschliche Erbgut: Ein großer Körper und ein scharfer Verstand hätten demnach Vorteile im Kampf ums Überleben gehabt, die Volkskrankheiten dagegen nicht. Maßgeblich sei die Zahl der Nachkommen, und die seien längst flügge, ehe Herzinfarkt oder Zuckerkrankheit ihren Tribut fordern.

Der Einfluss der Verwandtenehe auf Größe und verschiedene Aspekte der geistigen Leistungsfähigkeit sei statistisch klar nachzuweisen. Inwieweit er auch relevant sei, wäre ein anderes Thema. Die Daten der Bevölkerung umgerechnet auf hypothetische Durchschnittskinder von Cousin und Cousine (also quasi normiert) zeigten wenig Relevanz. Die Effekte waren klein, bei der Größe geht es um 1,2 cm und bei der Schulbildung um 10 Monate. Das würde in einer deutschen Stadtbevölkerung gar nicht auffallen. Anders könnte es in Gegenden mit vielen Verwandtenehen aussehen.

feet-261750_640Gerade die Schulbildung hat viele Einflussfaktoren, außer  genetischen auch soziale (das bleibt aber der einzige Hinweis auf das Problem genbedingt-erziehungsbedingt, Bild: Bellezza87, pixabay).

Echte Probleme sieht die Studie nur bei den echten und eher seltenen Erbkrankheiten. Die scheinen sich dann stärker durchzusetzen. Was die allgemeine Gesundheit betreffe, gibt die Studie Entwarnung. Das Risiko für die Kinder in Verwandtenehen scheint nicht so groß zu sein, wie oft vermutet wird. Abschließendes Zitat: "Die Belege für ein so erzeugtes Übel sind widersprüchlich, aber sie deuten im Ganzen darauf hin, dass es sehr klein ist."

Schade dass dieser Punkt nicht weiter untersucht wurde. Was soll man von den Amish halten, die als abgeschlossene Gruppe Inzucht treiben und dafür schwere Schäden in Kauf nehmen? Bei ihnen gibt es gehäufte genetische Probleme inklusive Zwergenwuchs und organischen Krankheiten. Ähnliche Probleme werden sogar von der deutschen Jesiden-Bevölkerung gemeldet, einer ähnlich kleinen Gruppe, die in Clans mit entsprechender Inzucht lebt, im Vielweibersystem und mit Zwangsheirat strikt untereinander.

Vom Hochadel wurde ja auch nicht nur Unzüchtiges, sondern auch Inzüchtiges berichtet. Das wird in einer persönlichen Wissenschaftsseite allgemein relativiert, wenn auch auf Spezialfälle mit hohem Inzuchtkoeffizienten verwiesen wird (drstamp.de).

Als Fazit darf man die Sache wohl entspannt sehen, solange es nicht der Regelfall wird. Wo aber ganze Gruppen sich abschotten, ist nicht bloß Vorsicht geboten, da gibt es massive Probleme.

Link Kratzen an Tabus – Streit um Inzest  und Ehe für alle oder eher nicht?




Wie funktioniert die Naturwissenschaft? Teil 6

co-workers-294266_640Selbst die Allerklügsten können nicht immer richtig liegen. Auch Außenseiter können im Recht sein. Dr. Peter Hank beschreibt das wissenschaftliche Verfahren bei solchen Diskrepanzen: Am Ende passt sich die Lehrmeinung an das an, was tatsächlich stimmt. Absolut vorbildhaft für andere Bereiche, zum Beispiel die Religion. Als Thema vom nächsten Artikel schlägt Hank Experimente vor, um Widerlegungen zu begründen. Ob wohl das Fliegende Spaghettimonster als Gottes-Widerlegungs-Experiment gelten kann?

Widerlegungen

Wie funktioniert die Naturwissenschaft? Teil 6

In Teil 5 von „Wie funktioniert die Naturwissenschaft“ habe ich mich am Ende über Pseudowissenschaften wie Astrologie, Akupunktur und Homöopathie ausgelassen, die sich trotz Widerlegung nun schon über Jahrhunderte halten und immer noch Anhänger haben. Dadurch ist aber auch die Gegenfrage berechtigt, ob die Naturwissenschaft da ihrem Anspruch gerecht wird. Die Frage für heute ist damit:

Kann es tatsächlich vorkommen, dass eine als Lehrmeinung anerkannte naturwissenschaftliche Theorie widerlegt wird?

Kurze Antwort: Ja, das kann sogar den Besten passieren.

Einem der Heroen der Naturwissenschaft, dem Begründer der klassischen Mechanik und Entdecker des Gravitationsgesetzes, Isaac Newton ist das nicht nur einmal, sondern sogar mehrmals passiert.

Anfang des letzten Jahrhunderts stellte Albert Einstein die spezielle Relativitätstheorie auf. Diese besagt, dass für Körper, die sich annähernd mit Lichtgeschwindigkeit bewegen, die Regeln der klassischen Mechanik korrigiert werden müssen. Um noch eins draufzusetzen, hat Albert Einstein auch noch die allgemeine Relativitätstheorie erdacht, die für sehr schwere und dennoch kleine Körper auch noch das Gravitationsgesetz abändert.   
Nicht nur, dass Albert Einstein es damit gewagt hat, die Erkenntnisse von Newton anzuzweifeln – nein, die Experimente haben ihm auch noch Recht gegeben. Ein kleiner Angestellter im Patentamt stellt sich also gegen den Lehrmeister Newton und wissen Sie was passiert ist?        

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[1] Albert Einstein

Nicht etwa, dass die Sache unter den Tisch gekehrt und geheim gehalten wurde. Gut, es hat etwas Zeit und die Bestätigung durch experimentelle Messungen gebraucht, aber Einstein wurde geehrt und mit dem Nobelpreis ausgezeichnet und danach wurden die Lehrbücher umgeschrieben.

Das ist wirklich phantastisch in der Physik –
man spornt die Leute dazu an, Fehler in den bisherigen Theorien zu finden, indem man sie mit Ruhm und Nobelpreisen belohnt,
wenn sie die vorhandenen Lehrmeinungen umstoßen.

Stellen Sie sich doch im Gegensatz dazu vor, ein kleiner Landpfarrer kritisiert die Auslegung der Bibel durch den Papst. Meinen Sie, in irgendeinem Glaubenssystem würde es genauso wie in der Physik ablaufen, dass man feststellt: Ja, unsere Ansichten waren falsch, also werden sie geändert und der, der das festgestellt hat, wird belohnt. Wohl eher nicht?

Bei Newton war das auch noch nicht das Ende vom Lied – als man das Verhalten der kleinsten Teilchen beobachtete, führte das dazu, dass man auch hier die Newtonschen Gesetze abermals korrigieren musste. Für die Quantenmechanik kann man nicht einen einzelnen Wissenschaftler als Schöpfer angeben. Planck, Bohr, Schrödinger, Heisenberg, Einstein und viele andere haben dazu beigetragen – und ja, auch die wurden mit Nobelpreisen ausgezeichnet.

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[2] Teilnehmer an der Solvay Konferenz zum Thema Quantenmechanik

Man könnte jetzt einwenden, dass die Newtonsche Mechanik immer noch an den Schulen und Universitäten gelehrt wird – also doch an einer falschen Theorie festgehalten wird. Das ist aber so nicht richtig. Jedem Physiker – auch denen, die mit Newton rechnen – ist klar, dass Relativitätstheorie und Quantenmechanik die genauere Beschreibung der Natur ist. Nur, für Körper die sich nicht fast mit Lichtgeschwindigkeit bewegen und Körper, die deutlich größer als Atome sind, dafür ist die klassische Mechanik eine sehr, sehr gute Beschreibung. Selbst wenn Sie mit einem Flugzeug mit 1000 km/h um die ganze Erde fliegen, dann brauchen Sie schon eine Atomuhr, um den Fehler von weniger als einer Mikrosekunde zu messen, den die Vorhersage aus der klassischen Mechanik im Gegensatz zur Relativitätstheorie macht.

Kurz und gut, für das alltägliche Leben wie zum Beispiel zum Autofahren brauchen Sie keine Relativitätstheorie,
selbst wenn Sie einen getunten Porsche fahren, und auch keine Quantenmechanik, auch nicht mit einem Kleinwagen!

Können wir aber jetzt sicher sein, das mit Relativitätstheorie und Quantenmechanik die endgültige Beschreibung der physikalischen Gesetze gefunden wurden? Aller Wahrscheinlichkeit nein. Da die Quantenmechanik sehr kleine und die allgemeine Relativitätstheorie sehr schwere Körper beschreibt, gibt es einen Überschneidungsbereich für sehr kleine, sehr schwere Körper, bei denen beide Theorien wichtig werden und für diesen Überscheidungsbereich ergeben sich widersprechende Voraussagen. Ich wage es jetzt nicht vorauszusagen, ob die Relativitätstheorie oder die Quantenmechanik sich als richtiger erweisen wird oder ob beide abgeändert werden müssen, aber eines traue ich mich zu sagen: Wer auch immer dieses Problem löst, der wird für die Widerlegung von Quantenmechanik oder Relativitätstheorie oder beiden den Nobelpreis erhalten.

Wie wir also gesehen haben, ist es nicht nur möglich, sondern auch ausgesprochen lukrativ, anerkannte naturwissenschaftliche Theorien zu widerlegen – aber bevor Sie jetzt gleich loslaufen, um eine der Theorien zu widerlegen, eine Warnung: Ganz so einfach ist es auch nicht; damit man Ihnen glaubt, sollten Sie die Experimente auf Ihrer Seite haben und das heißt, in einem der nächsten Beiträge müssen wir uns darüber Gedanken machen, wie ein gutes Experiment aussieht.

 

Bildnachweis:

Weitere wissenbloggt-Artikel von Peter Hank unter Auswahl/Wissenschaft Kann ich meinem Hirn trauen 1…9 und Wie funktioniert die Naturwissenschaft?

 




Endlich Lösung für CO2-Problem!

631px-Main_symptoms_of_carbon_dioxide_toxicity_DE.svgWir haben zu viel Kohlenstoff im Klima, und das macht vielen Leuten Kopfschmerz (ab 5% Konzentration CO2 in der Luft kommt der von allein, siehe das Bild von Sponk (talk), Wikimedia Commons).

Das Verbaggern der Gase per CCS (engl. Carbon Dioxide Capture and Storage) bleibt uns wohl erspart, wir müssen also keine CO2-Leaks befürchten, die solche Konzentrationen schaffen könnten. Aber was dann?

Einen hilfreichen Hinweis gibt u.a. das Motherboard (so nennt man die Hauptplatine beim Computer): DARPA: We Are Engineering the Organisms That Will Terraform Mars (24.6.). Die DARPA ist eine regierungsnahe Militärforschungsfirma (Defense Advanced Research Projects Agency), und sie beglückt die Öffentlichkeit mit der Aussicht auf Organismen, mit denen man den Mars terraformieren kann.

Terrraformieren ist ein Begriff aus der Science Fiction, bei dem es darum geht, fremde Planeten für Menschen bewohnbar zu machen. Im Fall des Mars' sollen das Organismen richten, die den Planeten aufheizem, indem sie die Atmosphäre verdichten. Auf der öden Marsoberfläche sollen Bakterien, Algen und grüne Pflanzen wachsen.

Der euphorische Artikel berichtet, zum ersten Mal hätte man nun einen technologischen Werkzeugkasten, mit dessen Hilfe lebensfeindliche Gebiete auf der Erde in -freundliche umgewandelt werden können – und eben auch der Mars. Es geht um gentechnisch erzeugte Organismen aller Art (genetically engineered organisms of all types), nicht nur Colibakterien und Hefe, die bisherigen Testfavoriten.

Andere Artikel von vor einem Jahr feiern ähnliche Erfolge, wobei man sieht, dass sich der "Meilenstein" doch etwas hinzieht:

Das Versprechen ist, man kann Organismen mit denjenigen Eigenschaften herstellen, die gewünscht werden. Dazu gibt es eine genome annotation software mit den Bausteinen, die der Genbastler braucht, quasi eine “Google Maps of genomes” – ein Strom von genetischen Daten (siehe auch Biologische Zukunftsperspektiven). Das Ziel sei nun, die versammelten Informationen aus den Datenbanken im wahrsten Sinn des Wortes zum Leben zu erwecken. Das soll pro kreiertem Organismus einen Tag dauern.

Dazu werden die Bausteine aus den unterschiedlichsten Lebensformen hergenommen und für neue Zwecke angepasst, bis ein komplett neuer Organismus entsteht. Los geht's mit Bakterien und anderen Mikroorganismen, und wenn die Menschheit das ohne tolle neue Seuchen übersteht, geht es ans Basteln von Mehrzellern.

Die Idee, das zuerst auf dem Mars zu probieren, hat natürlich den Charme, dass die Risiken auch dorthin verlagert werden. Möglicherweise klappt's ja auch. Im Grunde spricht nix dagegen, dass speziell entworfene Organismen dort Erfolg haben könnten. Weniger schön ist die andere Perspektive, dass die Methode auch auch der Erde Erfolg haben könnte. Nämlich nach Natur- oder menschengemachten Katastrophen, wenn nur verbrannte Erde hinterbleibt.

Falls diese Katastrophe aus dem Genbaukasten kommt, ist es wirklich ein Rundum-Service. Dann könnte es sehr nützlich sein, wenn der Mars bewohnbar wird. Mit ein bisschen Übung in den lebensfeindlichen Erdarealen (die hoffentlich nicht genmanipuliert zustandekommen) wird's der Genbaukasten auf dem Mars schon richten.

Diese Aussichten haben dem Genbaukasten viel Aufmerksamkeit eingebracht, die jetzt mit der Mars-Idee nochmal angefacht wurde (obwohl es im Grunde nix Neues war). Die Marsmission lockt dafür einen wirklich neuen Gedanken hervor, der bloß nicht so ganz ernst zu nehmen ist.

Warum verlagern wir unser CO2 nicht zum Mars?

Hier stört es nur, und wenn man's per CCS verbaggert, wird's sogar gefährlich. Auf dem Mars wär's hochwillkommen, denn die Gen-Organismen brauchen CO2. Die Mars-Atmosphäre besteht zwar zum größten Teil aus Kohlendioxid, aber sie ist so dünn wie der irdische Luftdruck in 35 km Höhe. So hoch wächst ja nix.

Also Raumschiffe bauen, das CO2 reinpumpen, und ab damit zum Mars. Dass die Energiebilanz schrecklich ausfällt und millionenmal mehr CO2 erzeugt als wegschafft, stört nicht so sehr. Das macht die Sache zum selbstverstärkenden Kreislauf, also richtig erfolgreich. Wir setzen am besten die Euro-Politiker dran, die haben den passenden Durchhaltewillen für total vermurxte Projekte.

Wahrscheinlich glauben sie auch der Mars-Werbung, die da behauptete Mars bringt verbrauchte Energie sofort zurück (1966). Zuletzt wurde der Slogan gewandelt in Nimm Mars, gib Gas (2007). Das klingt irgendwie genau richtig, nicht wahr?

 

Links dazu: Energiewende mit Geschick und Ein Häuschen am See im Weltall

 




Hirnschrittmacher

rays-516326_640Dieser Artikel füllt eine Lücke bei wissenbloggt. Über Hirnschrittmacher wurde bisher nur als Witz geschrieben: Ehe der Hirnschrittmacher erfunden wird und unser Bewusstsein boostet …, hieß es noch im Mai in Schein oder Sein (Bild: geralt, pixabay).

Nun muss der Stand der Dinge nachgetragen werden: Die Hirnschrittmacher sind längst im Einsatz. Das sieht man bei wiki unter Tiefe Hirnstimulation (THS, engl. DBS Deep Brain Stimulation), die so beschrieben wird: Sie ist ein grundsätzlich reversibler, neurochirurgischer Eingriff in das Gehirn, der für die Behandlung von bestimmten neurologischen Erkrankungen wie z.B. der Parkinsonerkrankung weltweit zugelassen ist. Umgangssprachlich ist auch der Begriff Hirnschrittmacher geläufig, der erstmals Anfang der 70-Jahre von dem spanischen Wissenschaftler Jose Delgado geprägt worden ist und die technologische Verwandtschaft mit dem Herzschrittmacher betont.

Wiki spricht von weltweit 120.000 Patienten (Deutschland 6.000 mit 400-500 mehr pro Jahr). Einsatzgebiete sind Bewegungsstörungen wie essentieller Tremor, Tremor bei Multipler Sklerose, Parkinsonerkrankung, Dystonie, Zwangserkrankungen und Epilepsie. Die Wirkung seien beträchtliche Verbesserungen der Lebensqualität

Schon 2013 feierte DER SPIEGEL die Technik, mit Studie: Hirnschrittmacher bremst Parkinson früher: Hirnschrittmacher sind für manche Parkinson-Patienten die letzte Hoffnung. Sie kommen aber nur bei Älteren zum Einsatz, und wenn Medikamente nicht mehr helfen.

Das könnte sich ändern, besage die Studie. Auch jüngere Kandidaten unter 60 kämen für die heikle Operation am wachen Patienten in Frage. Typischerweise würde der Hirnstimulator erst bei schwersten Schädigungen eingesetzt werden, wem es besser geht, der bekommt Medikamente. Aber er könnte jetzt ein Kandidat für die Operation sein. Die komplizierte und gefährliche Implantation eines Hirnschrittmachers wirkt auch gut in Kombination mit Medikamenten.

Die Lebensqualität der Patienten mit Hirnschrittmacher habe sich im Vergleich zu Patienten, die nur medikamentös behandelt wurden, erheblich verbessert. Aber es ist natürlich nicht so leicht zu erzielen. Erstmal muss das Gelände mit Schichtaufnahmen von Gewebe und Gefäßen sondiert werden. Das übersteht der Patient schlafend, und dann wird er aufgeweckt.

Er muss nämlich selber sagen, ob die richtige Stelle vom Nucleus subthalamicus getroffen ist, oder zumindest entsprechende Reaktionen zeigen. Laut wiki ist die Funktionsweise der Tiefenhirnstimulation im Detail bisher ungeklärt. Das Regelwerk von aktivierenden und hemmenden Impulsen ist aus dem Lot geraten und wird durch Stromimpulse gedämpft, man spricht von synaptischer Inhibierung und Erschöpfung der Neurotransmitter durch fortgesetzte Erregung der Neuronen. 

Dann wird ihm eine Stimulator-Sonde eingepflanzt, mit einer Leitung hinten den Hals runter nach vorn auf die Brust. Dort sitzt das Kontrollgerät, ein kleiner batteriegetriebener und chipgesteuerter Impulsgeber. Wenn der Parkinson-Patient abschaltet, geht der Tremor wieder los. Das ist der Grund, warum sogar die Kassen bereit sind, die 30.000 Euro teure OP zu bezahlen.

Ob sie das auch für eine weitere Anwendung tun, erscheint fraglich. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung schrieb am 21.2.14 über Hirnschrittmacher – Stromstöße gegen die Sucht: Ärzte haben einem Heroinsüchtigen Drähte ins Gehirn gepflanzt, um ihn zu kurieren. Dem Patienten geht es gut.

Ob das ein Vorbild für andere Drogenabhängige sein kann? Es wirke zwar, so die FAZ, selbst nach 30 Jahren Drogenkonsum verliere das Heroin, die „Königin aller Drogen“, die Macht über den Süchtigen. Aber wenn der Suchtdruck weg ist und es gibt danach keinen Lebensinhalt, was dann? fragt die FAZ zurecht.

Bisher hat der Hirnschrittmacher offenkundig noch keine mentalen Fähigkeiten wie das Spenden von Gefühlen und damit Antriebskräften. Wer über die Forschungen von Oliver Sacks gelesen hat, wird das aber für eine Frage der Zeit halten. So schreibt wiki denn auch, die Anwendung der tiefen Hirnstimulation sei bei der Depression im experimentellen Stadium.

Ziel dabei ist, den Menschen wieder Gefühle zu machen, denn die Niedergeschlagenheit kommt weniger von schlechten Gefühlen als vom Mangel an solchen. Unbedarfterweise könnte man meinen, einmal mit dem Hammer auf den Daumen, und man hat jede Menge Gefühle … Aber diese Lösung gilt wohl als unmedizinisch.

In der Folge werden wir bestimmt bald die Hirnschrittmacher mit anschaltbarer Glücksstimulation haben. Es gibt genug Menschen, die body modification treiben, und denen noch ein paar Apparillios unter der Haut nix ausmachen. Im Gegenteil, siehe Tattoo for you, graffiti for the city. Die Gedankensteuerung für Gelähmte funktioniert ja schon, und am Chip im Hirn wird militärischerseits auch schon gearbeitet.

Ob es dabei nur um das Erinnerungsvermögen geht, wie der Artikel besagt, darf sich jeder selber ausmalen. Könnte ja sein, dass der Schrittmacher wirklich zum Schrittmachen eingesetzt werden soll, vorwärts, Marsch, Marsch! Überhaupt wird so ein Gerät wahrscheinlich irgendwann unverzichtbar, damit man sein Arbeitspensum rechtzeitig absolviert, ehe es die Roboter übernehmen.

Merkwürdig, dass man von Seiten der Religionen nix dazu hört. In der Bibel sind solche Möglichkeiten nicht erwähnt, dann müssten sie doch auf den Index kommen? Aber vielleicht träumt man da schon vom Reli-Chip, Glaube auf Knopfdruck …

Oder Liebe, oder Hoffnung. Nach Sacks sollte das kein Problem sein. Die Frage ist dann nur noch, wer darf den Knopf drücken? Google? Facebook? Die Bundesregierung? Die NSA? Der Papst? Widme ich dann den Knopf am Kopf meinem  Leblingsmanipulator? Wird das die Liebeserklärung der Zukunft, du darfst meinen Knopf drücken? Und statt Knast drückt der Gefängniswärter einen gegenteiligen Knopf? Ehestreit per gegenseitigem gegenteiligen Knopfdruck und Versöhnung mit den anderen Knöpfen?

Jetzt reichts aber mit dem Thema Knöppe an die Köppe. Das kommt wohl früh genug, am besten stirbt man vorher. Wenn nicht, dann gibt's garantiert die Sterbetaste, untermalt mit Himmelsgefühlen und Engelsgesang …