Vom Islamisten zum Atheisten II

Ahmad O. ist Psychologe in Alexandria, er unterstützt aktiv den politischen Widerstand in Ägypten und berät Aussteiger aus der Islamistenszene.

Im Folgenden Teil 2 des Interviews

Präsident Mursi wirkt wie eine Marionette. Wer sind die wirklich mächtigen Männer in der Muslimbruderschaft? Wieviel Einfluss hat das Militär?

Die wahre Macht bei den Muslimbrüdern haben die Manager des Parteibüros, darüber besteht kein Zweifel. Der mächtigste von ihnen, der Multimillionär Khairat El-Shater, gilt als Hauptfinancier und Chefstratege. Mursi wird von vielen „El-Shaters Reservereifen„ genannt, Mursi ist nur deren Werkzeug, denn er ist inmitten der Moslembrüder aufgewachsen und hat es verinnerlicht, gehorsam und unterwürfig zu sein. Seine einzige Mission ist es, alle Ziele der MB durchzusetzen und ihre Gier nach Macht zu befriedigen. Auch in den ägyptischen Medien reden und versprechen die Führer der MB mehr als Mursi, man muss nur in die Medien sehen um zu entdecken, wer die wahren Führer sind.

Ich glaube nicht, dass das Militär noch Einfluss auf das politische Leben in Ägypten hat. Alles, was die Militärs interessiert, sind finanzielle Vorteile und die haben sie durch den Deal mit Mursi schon bekommen, abgesichert durch die "islamistische" Verfassung. Natürlich gibt es immer noch Theorien, die besagen, dass die SCAF (Supreme Council of the Armed Forces), also der oberste Rat der Streitkräfte, nur auf den richtigen Moment wartet, um zu putschen und wieder an die Macht zu kommen, ich denke das aber nicht, mittlerweile kann ich sogar sagen, dass ich auch nicht denke, dass das Militär jemals die Intention hatte, an der Macht zu sein, es war nur ein Spiel mit der MB, das ist alles, sie haben ihre Schäfchen jetzt im Trockenen.

Der IWF will Ägypten mit einigen Mrd. Dollar unterstützen. Alle bisherigen Finanzspritzen sind ja durch Korruption in den Taschen weniger gelandet (das zumindest unterscheidet sich nur unerheblich von Europa, Anm. der Interviewerin). Hinterfragen die Ägypter diese Finanzhilfen kritisch?

Es gibt keine Möglichkeit, diese Gelder so zu steuern, dass sie der ägyptischen Bevölkerung zugute kommen. Auch deshalb sind viele Menschen hier gegen diese internationale Hilfen, denn Sie wissen sehr wohl, dass das nur weitere Ketten an ihren Beinen bedeutet. Damit ist der Preisanstieg gemeint, der bald kommen wird, solche Finanzhilfen verschieben ihn nur auf einen wahltaktisch geeigneteren Moment. Die Geldgeber haben natürlich Bedingungen, die für die Bevölkerung eine zusätzliche Belastung wären und die das Leben nur weiter erschweren würden, daher sind viele Parteien und Bewegungen gegen diese Hilfen, von denen das Volk außer weiterem Leid nichts hätte!

Wer zahlt, schafft an“ gilt aber auch für die Golfstaaten, deren Einfluss seit den 90er Jahren schon anhand der jährlich steigenden Zahl von verschleierten Frauen auf den Straßen sehr deutlich zu erkennen ist, immer mehr saudische Männer reisen nach Ägypten, um mit jungen Frauen Orfi Ehen einzugehen (Anm: Orfi Ehen sind die sunnitische Form der Zeitehe,also eine Möglichkeit, das Verbot des außerehelichen Geschlechtsverkehrs zu umgehen) usw. Gibt es dafür auch eine kritische Öffentlichkeit?

Ich denke, diese Ölstaaten haben niemals aufgehört, in Ägypten mit zu regieren, nicht erst seit den 90ern. Es hat schon damit begonnen, dass viele Mitglieder und Sympathisanten der MB und anderer Islamisten in diesen Ländern Arbeit gefunden haben und nach ihrer Rückkehr auch die Kultur der Arbeitgeberländer mitgebracht haben und das hat den islamistischen Einfluss noch verstärkt. Natürlich hat das Geld aus den Ölstaaten viele Auswirkungen und so erleben wir jetzt, dass diese Länder versuchen, die ägyptische Wirtschaft zu dominieren durch Projekte, die in der Politik darauf Einfluss nehmen, dass sowohl der Machterhalt der MB als auch die Loyalität der Salafisten gesichert ist, das soll heißen, die Golfstaaten regieren immer mit!

Was die Orfi Heirat mit Ägypterinnen betrifft: das stimmt leider, es wird allerdings hauptsächlich praktiziert, um billig an minderjährige Mädchen zu kommen, was die Sache in meinen Augen noch widerlicher macht.

Die Gesellschaft hat erst begonnen, sich über all das Sorgen zu machen, als die Moslembrüder an die Macht kamen, es braucht aber noch viel Aufklärungsarbeit aller Aktivisten, um die Menschen vor dieser Gefahr zu warnen. Die politischen Parteien müssten sich dieses Themas auch verstärkt annehmen, denn es geht dabei besonders darum, dass Freiheit und Menschenrechte aus dieser Einflussnahme nicht erwachsen werden können. Ich hoffe, dass die neuen säkularen Kräfte in Ägypten das stoppen können und ich bin sicher, dass wir es schaffen werden, Fundamentalismus und Wüstenkultur früher oder später in die historische Bedeutungslosigkeit zurück zu werfen!'

Es ist so evident, dass das Land sehr viele Investitionen bräuchte von der Infrastruktur über Bildung bis hin zum Gesundheitswesen. Glauben die Menschen wirklich, dass man alles nur mit der Sharia erreichen kann?

Vor der Machtübernahme durch die MB glaubten das in der Tat sehr viele und auch, dass die Sharia alle ihre Problem lösen würde. Das ist ja auch der Slogan der MB: „Islam ist die Lösung", und das propagieren sie nach wie vor. Sie haben immer von der mangelnden Bildung der Leute profitiert in den armen Gegenden des Landes, die nicht nur unter schlechter Bildung und Hunger leiden, sondern auch unter Überbevölkerung, die ja auf mangelnde Bildung zurückzuführen ist. Und dabei wurde und wird diesen Menschen auch noch eingeredet: Du bist ein Opfer, also handle auch so, nimm meine Almosen und ansonsten schweige! Das war schon unter Mubarak so, aber die Moslembrüder haben es perfektioniert und mit ihren Essenslieferungen an die Armen auch ihr falsches Bild über den „Allesproblemlöser“ Sharia mit transportiert.

Aber nachdem Morsi und seine Parteifreunde jetzt an der Macht sind sehen die Menschen nun die Fakten und sie beginnen zu erkennen, dass die Sharia kein einziges ihrer Probleme löst – Gesundheitswesen? Bildung? Sicherheit? – da haben die Islamisten überhaupt nichts getan und nun wissen gar nicht so wenige, dass sie an der Nase herumgeführt wurden von Worthülsen und Slogans, die mit unseren wirklichen Problemen überhaupt nichts zu tun haben.

Deshalb denke ich, dass die Popularität der Islamisten im Moment sehr stark nachgelassen hat und deshalb sagen wir den Menschen immer und immer wieder: Wacht auf, die Sharia ist und war eine Utopie!

Haben die ägyptischen Arbeiter eine starke Stimme und wie schwer ist es, Gewerkschaften zu gründen? Wie sieht die Linke generell das Erstarken der Islamisten?

Die ägyptischen Arbeiter haben eine starke Stimme, zumal die Revolution von den Arbeitervororten ausgegangen ist. Sie sind stark, aber nicht gut organisiert, was sich hoffentlich ändern wird.

Die Bildung von Gewerkschaften war schon immer schwer bis unmöglich, mit der neuen Verfassung dürfen solche Vereinigungen nur von der Regierung gebildet werden, weil sie denken, dass sie damit die Arbeiterbewegung kontrollieren können, was aber zeigt, dass sie vor dem Druck der Straße sehr wohl Angst haben!

Seit die Islamisten an der Macht sind, ist auch ein verstärkter Zulauf zu den Linken zu bemerken und diese sind jetzt auch viel aktiver als vorher. Es gibt jetzt viele sozialistische und kommunistische Bewegungen, die gegen das System und gegen einen Gottesstaat kämpfen, so dass ich befürchte, dass bald wieder Blut von linken Aktivisten und Anführern fließen wird.

Sehen Sie im Ansteigen der Lebensmittelpreise, den fast täglich teurer werden Grundnahrungsmitteln wie Brot und Reis, der immer größer werden sozialen Kluft die Gefahr einer sozialen Revolte bis hin zum Bürgerkrieg?

Nun, ich denke, dass die hohe Inflation sicher zu einer vermehrten Unzufriedenheit mit Mursi führen wird und dass das die Revolution gegen das System noch mehr anheizen wird, aber das wäre sicher nicht der einzige Grund.
Unsere Revolution sollte nicht nur Reaktion auf etwas sein, sondern die Ideen dahinter sollten der Motor sein, Prinzipien ausgesprochen von Menschen müssen die Triebfeder sein ,so können wir zu Recht sagen, es gibt eine Revolution, nicht nur eine Reaktion auf Alltagsprobleme, nur so können wir eine nachhaltige Änderung der ägyptischen Gesellschaft erreichen, einen nachhaltigen Paradigmenwechsel, der uns endlich würdevoll leben lässt!

© Edith Bettinger / freidenker.at

Original: http://www.freidenker.at/index.php/blog/2252-vom-islamisten-zum-atheisten-teil-2.html

 

 

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Vom Islamisten zum Atheisten I

Ahmad O. ist Psychologe in Alexandria, er unterstützt aktiv den politischen Widerstand in Ägypten und berät Aussteiger aus der Islamistenszene.

Im Folgenden Teil 1 des Interviews:

Sie wurden in einer muslimischen Familie geboren, nach islamischen Standards erzogen und waren als junger Mann Islamist. Gibt es einen bestimmten Auslöser in Ihrer persönlichen Geschichte, der Sie dazu brachte, diese Ideologie zu überdenken und der Sie zum Atheisten werden ließ?

Nun, ich denke, da gab es keinen bestimmten Punkt, der mich verändert hat, das passierte schrittweise. Ich war mit den Büchern der Muslimbrüderschaft aufgewachsen, mit ihren Geschichten und Führern, aber ich war nie Mitglied. Auf meiner Suche fand ich die salafiyya, (arab: السلفية ,salaf: Vorfahren; ultrakonservative Strömung innerhalb des Islam, die eine geistige Rückbesinnung auf die Vorfahren anstrebt), die für mich damals als erstrebenswert nahe bei den ersten Moslems war. Ich besuchte dann eine weitere islamische Schule, die mir vernünftiger erschien, da ich immer noch keine Antworten erhalten hatte. Das Hinterfragen von angeblich unumstößlichen Fakten wie alte Quellen und der Koran selbst brachte mich dazu, Beweise zu suchen, auch für die Existenz eines Gottes und alles, was damit zusammenhängt. Schließlich wurde mir klar, wenn man akzeptiert, dass alles Denken relativ ist, dann ist auch jeder Wechsel möglich, nicht nur im Denken. Also für mich waren das zwei Jahre Zweifel, Nachdenken und die Suche nach Antworten.

Worin liegt das Ziel Ihrer täglichen Arbeit und wie schaffen Sie es, gegen den voranschreitenden islamistischen Einfluss Mitstreiter zu gewinnen?

Das Ziel ist Freiheit. Das Ziel ist Säkularismus, Wahlfreiheit und Gleichberechtigung. Nicht jeder hier in Ägypten hat ein klares Bild davon, aber ich denke, sie werden bald dazu bereit sein und dafür arbeiten wir. Um Mitbürger dafür begeistern zu können müssen diese zuerst unsere Realität begreifen: Islamisten verwenden ihren Hauptslogan (i.e. Sharia) dazu, Menschen für sich zu gewinnen, daher müssen wir ein Gegenmodell transportieren, das ihr Leben und ihre Bedürfnisse berührt und dieses Gegenmodell ist Säkularismus, denn die Menschen auf den Straßen müssen erfahren, dass es keine Rechte und keine Freiheit gibt ohne eine Trennung von Politik und Religion. Die Slogans für Laizität und Aufklärung müssen auf die Straßen getragen werden, denn das war bisher nie der Fall in Ägypten.

Das erfordert von uns allen eine noch besser organisierte Zusammenarbeit, noch mehr Mut und noch mehr Arbeit auf der Straße, um allen Ägyptern immer und immer wieder zu erklären, dass Säkularismus keine Ideologie oder Religion ist, sondern dass es die einzige Lösung ist, die es einem selbst und allen anderen ermöglicht ein wirklich freies Leben führen zu können, unabhängig von Religion und Lebensplanung.

Wie gefährlich ist es im täglichen Leben für Sie und Ihre Mitstreiter, so offen gegen Moslembruderschaft und Salafisten zu opponieren?

Es ist natürlich gefährlich und viele meiner Freunde haben Probleme in ihren Familien deswegen. Meine Familie weiß nichts über meine Aktivitäten und ich hatte bisher Glück, noch nicht verwundet worden zu sein, was vielen meiner Freunde leider schon passiert ist. Drohungen per Internet, aber auch auf offener Straße sind Normalität für mich, weil die meisten mit purer Gewalt reagieren, wenn sie etwas Ungewohntes und völlig Neues hören.

Können Freidenker und Humanisten in Europa Sie irgendwie unterstützen? „tell the world“ wird wohl nicht ausreichen?

Aufrichtigen Dank für dieses Hilfsangebot, es hilft schon sehr, wenn aus den Medien nicht verschwindet, dass wir hier für unsere Freiheit kämpfen und dass dieser Kampf auch Auswirkungen auf andere Regionen haben wird, wir sind sicher, den Fundamentalismus hier besiegen zu können und dass dieser Kampf gegen Islamisierung auch in anderen Ländern stattfinden wird.

Gibt es etwas, was Sie unseren Politikern sagen möchten, die uns immer glauben lassen möchten, man könne mit Extremisten Argumente austauschen und alles wird gut?

Ich würde ihnen gerne sagen: seid realistisch! Lernt aus der Vergangenheit und der Gegenwart! Seht einfach, was die Islamisten ihrem eigenen Volk antun, dann wisst ihr, mit wem ihr es zu tun habt!
Wer die Rechte der anderen in seinem eigenen Land nicht respektiert, wird diese Rechte schon gar nicht in einem anderen Land respektieren.

Die Geschichte lehrt uns sehr klar, dass Revolutionen nur erfolgreich sein können, wenn Frauen dabei eine prominente Rolle spielen. Was kann getan werden, um die ägyptische Frau zu „entschleiern“ und ihr ihre Stimme in der Konterrevolution zurück zu geben?

Trotz aller Widrigkeiten ist die Revolution noch im Gang. Ich weiß (das Wort glauben verwende ich nicht), dass es keine Revolution ohne Frauen gibt, genauer gesagt ohne die Freiheit der Frau. Es gibt nicht einmal eine freie Gesellschaft ohne freie Frauen, dabei ist es sehr wichtig zu bedenken, dass Frauen nur frei sein können, wenn sie es auch im Denken sind, erst dann ist ein freies Leben auch für sie möglich. Noch immer sind viele Aktivistinnen in alten Denkmustern gefangen. Sie können sich ein Leben außerhalb der alten Normen gar nicht vorstellen und akzeptieren ohne Widerspruch die Grenzen, die ihnen die Gesellschaft und die Traditionen gesetzt haben. Diesen Frauen sage ich immer wieder: befreie dich selbst zuerst, erst dann kannst du auch andere befreien und der erste Schritt dahin ist, sich im Denken frei zu machen!

Fortsetzung folgt …

© by Edith Bettinger / freidenker.at

Bild 1: Ahmad als Muslimbruder

Bild 2: Ahmad als Atheist

 

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Mustafa

438px-Mumienmaske_2_Slg_EbnötherVon Edith Bettinger, Freidenkerbund Österreich (Bild: Helvetiker, Wikimedia Commons).

Bericht I:

M. ist 21 Jahre alt, studiert Englisch und Musik und ist bekennender Atheist. Was ist daran so erwähnenswert?, werden Sie fragen. Nun, M. ist Ägypter und zahlt einen hohen Preis für seine Gesinnung.

Mustafa, so heißt mein Freund, hasst seinen Namen, denn wenn er ihn nennt, denkt sein Gegenüber sofort, dass er Moslem ist. Er möchte nicht als solcher wahrgenommen werden, er ist Atheist und Humanist, darauf legt er großen Wert. In Ägypten kann das mitunter lebensgefährlich sein, zumal wenn man wie Mustafa mit seiner Meinung nicht hinter dem Berg hält.

Zusammengeschlagen wurde er schon einmal, weil er in einem Gespräch mit Muslimen geäußert hat, dass der Koran ein lächerliches Buch ist. Bedroht wird er fast täglich.

Mustafa hat grosse Pläne für die Zukunft: er möchte in einem Land leben, wo er nicht 5mal am Tag den Muezzin hören muss, wo es erlaubt ist, philosophische Diskurse ohne den Koran führen zu können, ohne dabei jedesmal befürchten zu müssen, dass Schläger auf ihn angesetzt werden („Sittenpolizei“).

Er möchte mit seiner Freundin Hand in Hand auf der Straße spazieren können und sie küssen, wenn ihm danach ist und nicht, wenn es niemand sieht. Er möchte auch nicht, so wie es ihm sein Vater geraten hat, eine dumme Frau heiraten, „denn die sind leichter zu führen“! Mustafa will eine kluge Frau, eine Frau, die selbstbewusst und emanzipiert ist, denn nur so sieht er gewährleistet, dass er kluge Kinder hat, die so wie er alles sehr kritisch hinterfragen.

Es schmerzt ihn, wenn er verhüllte Frauen sieht, er möchte Aufklärung und Humanismus in die Köpfe seiner weiblichen Landsleute tragen, denn, wie er sagt, „die Frauen sind unsere Zukunft, nur wenn der Staat sie gut und umfassend ausbildet, ist gewährleistet, dass dieses Land eine Zukunft ohne religiöse Gehirnwäsche hat“!

Er ist zutiefst davon überzeugt, dass Frauen und Männer die gleichen Rechte haben müssen, dass es ein Verbrechen ist, Frauen nur auf Gebären und Gehorchen zu reduzieren.

Mustafa träumt von einem Ägypten, in dem es in Schulen keinen Koranunterricht gibt sondern Ethikunterricht (diese Debatte führen wir sogar in Österreich noch), in denen der Koran als eines von vielen Büchern vorgestellt wird und nicht als DAS Buch, in denen vom Menschen berichtet wird als Teil der Evolution und nicht als Gottes Geschöpf, von Schulen, in denen Sexualität und Verhütung den jungen Menschen nicht als Teufelszeug vorgelegt wird und in denen Mädchen und Jungen wie selbstverständlich nebeneinander unterrichtet werden.

Mustafa hat auch kreative Ideen zur Verwertung der Moscheen, die ja dann obsolet wären: Coffeeshops, Bars, Diskothequen, Bordelle…

Letztendlich will mein Freund aber nur eines: nämlich offen über alles reden dürfen, ein würdiges Leben in Freiheit ohne Religion!

Anmerkung : Mustafa ist keine Fiktion, es gibt ihn wirklich. Ein wunderbarer junger Mann mit erstaunlichen Ansichten in einem Land, das zu 90% muslimisch ist!

 

Bericht II:

Es ist schon schwierig, genug mit Katholiken zu debattieren, aber wer schon einmal versucht hat,

Moslems argumentativ zu überzeugen, dass sie ihr ganzes Leben einer Märchenfigur unterwerfen, weiß,was Kampf der Worte bedeuten kann.

Mustafa aus dem Norden Ägyptens macht das täglich und ich bewundere ihn dafür. Er hat verschiedene Ansätze, um seinen Verwandten und Bekannten die Unsinnigkeit ihrer „Unterwerfung unter Gott“ (die eigentliche Bedeutung des Wortes Islam) vor Augen zu führen.

Heute hat er mir eines dieser Gespräche übermittelt – ich erlaube mir, es Ihnen in deutscher Übersetzung nahe zu bringen.

Übersetzung! höre ich schon die Einwände, aber dieses Glaubwürdigkeitsproblem hat schon die Bibel, Sie müssen mir einfach vertrauen, schließlich habe ich ja nicht vor, eine Religion gründen zu wollen! 😉

In geselliger Runde, unter „I am proud to be a muslim“-Landsleuten, stellte er folgende Frage:

Stellt euch vor, ihr findet ein hilfloses Kind am Straßenrand. Niemand kümmert sich um ihn (es muss natürlich ein Junge sein) und er weint herzzerreißend. Ihr könnt das nicht ertragen und nehmt ihn mit nachhause. Ohne Probleme wird er in die Familie aufgenommen, eure Frau und die Kinder lieben ihn und so wächst er heran. Es gibt keinen Grund zur Sorge, ihr investiert natürlich auch Geld in ihn (was wichtig ist für den weiteren Verlauf der Geschichte) und alles scheint perfekt. Inshallah!.

Eines Tages steht der Junge vom Tisch auf, verabschiedet sich und macht sich auf den Weg.

Ihr werdet ihn nie mehr wiedersehen, es ist ein Abschied für immer.

Wie werdet ihr reagieren? Was würdet ihr denken und sagen?

Die Antworten waren unterschiedlich: „Ich werde weinen, er hat mein Herz gebrochen“,

„Ich werde ihn verfluchen auf Lebenszeit“, „Ich werde traurig sein, aber es ist seine Wahl“…

Jeder der Anwesenden hatte eine andere Antwort und dann sagte Mustafa: „Seht ihr, jeder von euch hat seine Art, mit dieser Enttäuschung umzugehen, aber keiner würde ihn verbrennen, wie es Allah für solche Abtrünnige in der Hölle vorgesehen hat! So einem rachsüchtigen Gott ordnet ihr euer Leben unter? Habt ihr darüber schon mal nachgedacht?“

Auf diese Fragen bekam Mustafa keine Antwort. Um die Lage nicht zum Kippen zu bringen, begann man wieder mit männlichem smalltalk und das Thema war vom Tisch. Al hamdullilah,

diesmal hat er seine „Provokationen“ ohne körperliche Gewalt überstanden .

Das ist nur eine von vielen Geschichten meines ägyptischen Freundes , und es werden täglich mehr, fast könnte man sagen ,alf leila we leila‘ (1001 Nacht) für Aufklärer und Hobbyphilosophen!

 

 

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Gespräch mit Kopten

MarsaAlam_FlughafenEin ganz normaler Abend in Ägypten mit meinen koptischen Freunden Kamal, Ibrahim, Hany et al – Von Edith Bettinger

Ich: Verdammt heiß ist es heute, aber kein Wunder, der Wind kommt aus der Wüste.

Nein, es ist einfach Sommer. Der Wind kommt vom Meer.

Stimmt, aber ihr seid die ersten, die das auch so sehen. Jedenfalls sind heute ungewöhnlich viele Leute unterwegs.

Es ist Ostern, weißt du, viele Ägypter machen jetzt Urlaub.

Ach ja, daran hab ich nicht gedacht, in Österreich war Ostern ja schon vor einem Monat. Jetzt kommt aber bald wieder so ein komischer katholischer Feiertag, hab aber vergessen, welcher, ich bringe die sowieso alle durcheinander.

Wie kannst du das durcheinander bringen, du bist doch katholisch!

Bin ich nicht, ich bin getauft worden, das war‘s dann aber auch schon und seit vielen Jahren bin ich Atheistin, das wisst ihr doch!

Ja, das hast du uns schon oft gesagt, aber um ehrlich zu sein, kennen wir diese Religion nicht.

Atheismus ist keine Religion, das bedeutet einfach, dass man nicht an Gott glaubt.

??? Das geht? Wie kann man da leben? Man braucht doch Gott!

Braucht man nicht, wie ihr an mir sehen könnt, aber ich diskutiere mit Freunden nicht gerne über Glauben und Religion, hab da so meine Erfahrungen.

Ist ok, ist ohnehin privat, wir feiern jetzt jedenfalls alle die Auferstehung von Jesus Christus.

Das ist mir klar, „unser“ Christus ist bereits auferstanden, der katholische halt und nicht der orthodoxe. Lustig, oder?

Lustig ist das nicht, aber wir freuen uns jedes Jahr darüber, dass Jesus für uns auferstanden ist.

Mit uns meint ihr die Kopten? Ich sehe auch viele Muslime hier „feiern“!

Feiertage sind Feiertage, viele Gäste kommen in der Zeit und das ist gut so. Obwohl..

Obwohl was?

Anstrengend sind sie schon, das muß man ehrlicherweise zugeben. Laut und anstrengend, da sind europäische Touristen anders.

Na ja, so eine Gruppe Europäer kann aber auch bisweilen ziemlich nervig sein, ägyptische Großfamilien sind eben mehr als 2 Personen 😉

Familie plus Freunde, das ist das Problem! Ist am Dienstag aber wieder vorbei, dann sind sie alle wieder in Kairo.

Dann herrscht wieder Flaute?

Ja, es sind wesentlich weniger Gäste aus Europa hier seit der Revolution, gut 40% weniger. Scheiß Revolution!

Sagst du das jetzt wegen der Einbußen im Tourismus oder weil es euch Kopten jetzt allgemein schlechter geht als unter Mubarak?

Beides, ihr werdet es ja in Europa nicht mitbekommen, wie der Hass auf uns geschürt wird, Kirchen angezündet und Christen getötet werden.

Doch, das erfahren wir schon, es ist nicht täglich in den Nachrichten, aber durch Internet und nicht zensuriertes Satellitenfernsehen kann man alles erfahren, wenn man es nur möchte.

Das ist gut. Wir Kopten sind ja sehr friedfertig und lassen uns nicht aufhetzen, wir wollen einfach nur in Frieden leben. Wir sind gebildeter und die reichsten Ägypter sind Kopten. Deshalb zahlen wir einfach unseren Teil und haben unsere Ruhe. Das hat schon Papst Shenouda, dieser heilige Mann, so ausgehandelt. Auch der neue Papst lässt sich nicht zu etwas Unüberlegtem hinreißen. Israel hat zum Beispiel angeboten, ägyptische Kopten aufzunehmen, aber der Papst hat das abgelehnt, weil das hier nur Unruhe stiften würde.
Hany ganz aufgeregt: Amerika wäre doch viel besser! Das ist ein großes Land, aber gerade Israel? Amerika hat das nicht angeboten, nach Israel wollen wir nicht, das wäre eine zu große Provokation.

Das ist überraschend für mich, dass ihr Israel ansprecht. Das ist ein besonders delikates Thema in Ägypten. Meiner Erfahrung nach hat der Hass auf Israel seit der Revolution noch zugenommen.

Das stimmt leider. Die Ägypter lassen sich zu leicht beeinflussen. Nach außen hin sind die Juden das Übel, aber dass Palästinenser bei uns als ungebildet und kriminell gelten, sagt keiner dazu.
Warum nimmt denn Ägypten nicht mehr Palästinenser auf? Sie sind einfach Verbrecher!

Kamal beruhigend: Es ist verständlich, dass sich Israel verteidigt, wenn es angegriffen wird. Die heiligsten Stätten der Juden und Christen befinden sich in Israel, das steht schon im Alten Testament. Die Juden haben Anrecht auf dieses Land, sie sind schon länger dort. Sie kamen ja schließlich nicht vom Mars! Zwei Staaten, Mauer dazwischen und Schluss!

Das ist aber eine sehr moderne Meinung zu Israel, das höre ich in Ägypten zum ersten Mal.

Wenn du dich auch nur mit Moslems unterhältst, kein Wunder. Ich sagte doch, wir Christen sind gebildet.

Jetzt haben wir nur über Politik geredet. Wie geht es eigentlich Yousry bzw. seiner Frau? Hat sie schon geboren?

Nein, noch nicht. Sie ist schon 4 Tage über der Zeit, aber jetzt geht es nicht wegen Ostern.

Was hat denn Ostern damit zu tun? Wenn es soweit ist, ist es soweit!

Nein, der Arzt hat gesagt das geht schon und über die Feiertage ist ohnehin kein Arzt verfügbar.

Die arme Frau! Das ist ja fahrlässig!

Es macht ihr nichts aus, es ist Gottes Wille.
Ibrahim ganz aufgeregt: auch meine Frau hat die 2 Söhne am Dienstag nach Ostern geboren. Ist das nicht großartig? Gott schenkt uns unsere Kinder immer nach dem Osterfest!

Das ist aber nicht Gott, das sind die Ärzte, die zu den Feiertagen nicht arbeiten! Meint ihr das wirklich ernst? Gottes Wille?

Ja, das ist sein Geschenk an uns, dieses ganz besondere Geburtsdatum.

Ok, da steig ich aus. Hoffe, es geht alles gut bei der Geburt!

Wird sicher, Gott schützt uns!

Muss er auch, wenn alle koptischen Frauenärzte lieber die Auferstehung feiern als ihre Glaubensschwestern zu entbinden. Lasst uns über etwas Anderes reden. Es ist immer noch verdammt heiß heute Abend….

P.S.: Yousrys Frau hat am Mittwoch nach Ostern einen Sohn geboren, er wird Peter getauft werden.

© by Edith Bettinger, Mai 2013

http://www.freidenker.at/index.php/blog/2957-gespraech-mit-kopten.html

 

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