Gibt es Gott? – Warum sollte es?

GottWie an anderer Stelle  gezeigt wurde, enthält der christlich-monotheistische Gottesbegriff innere logische Widersprüche, die zur Folge haben, daß es einen so beschaffenen Gott nicht geben kann. Ein in geeigneter Weise veränderter Gott, bei dem diese Widersprüche nicht mehr auftreten, könnte zwar theoretisch existieren, ist aber, wie der vorliegende Aufsatz darlegen wird, alles andere als wahrscheinlich.

Im Folgenden werden in zwangloser Reihenfolge Betrachtungen angestellt, die auf die erwähnten Widersprüche nicht Bezug nehmen, dennoch aber Gottes Plausibilität untergraben. Außerdem werden einige Argumente entkräftet, die häufig zugunsten Gottes ins Treffen geführt werden.

Zur Unwiderlegbarkeit Gottes

Wenn Theisten mit Atheisten diskutieren, hört man von ersteren immer wieder das Argument, daß man Gott nicht widerlegen kann. Wenn man die erwähnten Widersprüche – die sich ja durch entsprechende Änderungen in seinen Eigenschaften auch vermeiden lassen – außer Acht läßt, dann stimmt das auch, denn ein solcherart bereinigter Gott ist tatsächlich nicht streng widerlegbar. Es könnte ihn also auch geben.

Denen, die so argumentieren, fällt üblicherweise jedoch selbst nicht auf, wie erbärmlich schwach ihr Argument ist. Nicht widerlegbar zu sein, ist nämlich überhaupt nichts Besonderes.

Zeus und Poseidon, Rübezahl und Schneewittchen, der Osterhase und der Weihnachtsmann sowie das Spaghetti-Monster sind alle nicht streng widerlegbar, was ihre Existenz aber nicht viel plausibler macht. Unwiderlegbare Phantasie-Objekte kann sich jeder mühelos in beliebiger Anzahl ausdenken.

Aus diesem Grund gilt die Regel, daß die Beweislast bei Existenz-Behauptungen grundsätzlich bei denjenigen liegt, die diese Behauptung aufstellen, und nicht bei jenen, die keinen Grund sehen, sie für wahr zu halten. Somit kann man die Gottes-Behauptung so lange ignorieren, bis plausible Gründe vorgebracht werden, warum es Gott geben sollte.

Damit ist der Atheismus aber kein "Glaube, daß es Gott nicht gibt", wie oft fälschlich behauptet wird, sondern die standardmäßige Null-Hypothese. Bis sich an der Argumentationslage zugunsten Gottes etwas ändert, gibt es also keinen Grund, seine Existenz zu vermuten oder in irgendeinem Zusammenhang zu berücksichtigen.

Gott ist aber nicht nur nicht widerlegbar, was, wie gesagt, eine banale Eigenschaft ist, sondern er ist auch nicht widerlegungsfähig – und das ist ein gravierender Fehler der Gottes-Idee.

Die ist nämlich so beschaffen, daß kein Ereignis oder Sachverhalt denkbar wäre, aus dem man, falls es Gott wirklich nicht gibt, seine Nichtexistenz folgern könnte.

Was auch immer wir beobachten, was auch immer die Wissenschaft an neuen Erkenntnissen gewinnt – immer kann man sagen: "Das ist so, weil Gott das so geschaffen hat". Alles kann man auf diese Weise mit Gott in Einklang bringen oder wie manche Menschen sagen würden "erklären". Doch was alles "erklärt", erklärt nichts. Die Erklärungskraft Gottes für die Welt ist genau null.

Gott ist eben eine nicht-falsifizierbare Annahme. Eine solche darf in der Wissenschaft nicht gemacht werden, weshalb dort auch der so genannte "methodische Atheismus" gilt: Egal wie gläubig ein Wissenschaftler auch privat als Mensch sein mag, er dürfte dennoch niemals eine Theorie aufstellen, in der Gott vorkommt, denn die stünde damit automatisch außerhalb dessen, was man Wissenschaft nennt.

Für Philosophie und Alltag gilt dieser methodische Atheismus zwar nicht, aber auch hier ist nicht einzusehen, welchen Sinn eine solche Gottes-Annahme haben könnte. Es lassen sich aus ihr ja keinerlei brauchbaren Informationen ableiten. Sie wäre nur eine mutwillige Komplikation des Weltbildes aus irrationalen Gründen – und somit verzichtbar.

Das Ergebnis eines Denkfehlers: Der Schöpfer-Gott

Für viele naive Menschen ist der Gedanke naheliegend, ja zwingend, daß alles, was existiert und was ihnen schön oder zweckgerichtet erscheint, von irgendeinem lebenden Wesen geschaffen wurde.

Von selbst entsteht so etwas ja nicht. Man kann die Atome, aus denen eine Uhr besteht, noch so lange in einer Box schütteln, es wird nie eine Uhr daraus. Die kann es nur geben, wenn ein Uhrmacher sie mit Verstand und Geschick herstellt. Philosophisch formuliert: Alles Komplexe braucht einen noch komplexeren Urheber, der es geschaffen hat.

Für die Uhr trifft das natürlich auch zu, nur ist die eben ein sehr schlechter Vergleich für das, was wir in der Natur vorfinden: Sonne, Mond und Sterne, die Erde mit Gebirgen und Meeren, Tiere, Pflanzen und schließlich den Menschen.

Auch diese Dinge entstehen natürlich nicht aus Zufall, wohl aber durch das kombinierte Wirken des Zufalls und der Naturgesetze. Wie das im einzelnen vonstatten geht, das zu erforschen ist Aufgabe der Wissenschaft, die dabei bisher schon sehr große Erfolge erzielt hat. Vieles ist freilich auch heute noch nicht oder nicht genau geklärt, aber es besteht keinerlei Anlaß daran zu zweifeln, daß Zufall und Gesetzmäßigkeit auch die Erklärung für alles das sind, was wir erst in Zukunft verstehen werden.

Demgegenüber ist der Schluß auf einen Schöpfer-Gott, der das alles gemacht hat, nicht nur unnötig, sondern auch mit einem Denkfehler behaftet. Wäre es nämlich wahr, daß alles Komplexe eines noch komplexeren Schöpfers bedarf (so wie der Uhrmacher ja viel komplexer ist als die von ihm gefertigte Uhr), dann müßte das ja für Gott auch gelten. Wenn schon die uns vertrauten Dinge nicht von selbst entstehen können, weil sie dafür zu großartig sind, so wäre das von dem noch viel großartigeren Gott erst recht nicht anzunehmen. Welcher Über-Schöpfer hat also Gott geschaffen?

Nimmt man einen solchen an, dann müßte auch der wiederum das Geschöpf eines Über-Über-Schöpfers sein und so weiter ad infinitum. Da diese Kette nicht abreißt und es somit keinen höchsten gibt, ist auch derjenige nicht darunter, den die christliche Theologie Gott nennt.

Auf den käme man nur, wenn man diese Kette abreißen läßt und sagt: "Alles muß geschaffen worden sein und wurde auch geschaffen und zwar von Gott. Gott aber wurde nicht geschaffen, der ist eine Ausnahme von der Regel und war immer schon da." Damit aber wird zugegeben, daß die Regel nicht streng gilt und somit auch keine sicheren Schlußfolgerungen erlaubt. Statt Gott könnte ja beispielsweise auch die Welt schon immer ungeschaffen vorhanden gewesen sein. Wo man die Kette abreißen läßt, ist ja beliebig.

Die Regel, wonach alles von einem Schöpfer stammen muß, führt also zu einer unendlichen Kette von Personen, die alle nicht Gott sind. Um den postulieren zu können, muß man diese Regel im Verlauf der Argumentation wieder zurücknehmen, wodurch sie aber hinfällig wird. Als Argument für Gott ist sie somit völlig ungeeignet.

Der überflüssige Jenseits-Gott

Die Frage, ob der Mensch eine unsterbliche Seele hat, die seinen körperlichen Tod überlebt, oder nicht, wird nicht nur seit Jahrtausenden von Philosophen erörtert, sondern wohl auch von jedem Menschen im Laufe seines Lebens bisweilen nachdenklich erwogen. Es ist eine Frage, die viele beschäftigt und die kaum jemand unerheblich findet, egal welche Antwort darauf er für die richtige hält. Hinge die Antwort vom Willen des Menschen ab, so würden sicherlich die meisten zugunsten des Weiterlebens optieren. Aus diesem Grund werden Religionen, die genau das versprechen, von ihren Anhängern durchwegs als tröstlich empfunden.

Welche der beiden logisch möglichen Antworten die richtige ist, soll hier keiner Klärung nähergebracht werden. Das ist ein anderes Thema. Hier geht es allein um die Rolle, die Gott dabei spielt.

Streng genommen gibt es allerdings keinen Grund, warum er dabei überhaupt irgendeine Rolle spielen sollte, denn die Jenseits-Frage ist von der Gottes-Frage logisch völlig unabhängig. Alle vier Kombinationen sind denkbar: Gott und Jenseits, weder Gott noch Jenseits, Gott aber kein Jenseits und Jenseits aber kein Gott.

Damit ist das Thema aber noch nicht abgehakt, denn Menschen, die an Gott glauben, weil sie an ein Jenseits glauben wollen, das sie sich ohne Gott nicht vorstellen können, sind alles andere als selten. Was bringt sie zu dieser Einstellung?

Ein wichtiger Punkt ist sicherlich, daß etliche bedeutende Religionen (wie etwa die christliche) beides lehren. Wer keinen Grund sieht oder außerstande ist, da zu differenzieren, nimmt einfach die im Kombi-Pack angebotene weltanschauliche Ware aus dem religiösen Supermarkt-Regal und konsumiert sie ohne sich viele Gedanken zu machen. Bei echten Gläubigen macht das auch keinen Unterschied, denn die würden auch beides separat kaufen zusammen mit allem anderen, was auf dem für ihre Konfession bestimmten Regal steht.

Zum Problem wird das erst, wenn atheistische Argumente beginnen, Einfluß auf einen Theisten zu nehmen. Nach und nach wird ihm immer klarer, daß Gott überaus unwahrscheinlich ist und es keinen vernünftigen Grund gibt, an seiner Existenz festzuhalten. Aber die Angst, damit auch das Jenseits zu verlieren und beim Tod einfach ausgelöscht zu werden, führt zu einer Denk-Blockade.

Solche Menschen sagen dann beispielsweise am Ende einer Diskussion, wohl wissend, daß sie keine Argumente mehr haben: "Laß mir meinen Glauben an Gott, mir graut vor der Alternative". Dabei geht es in Wirklichkeit fast immer um das Jenseits und nicht um Gott, dessen Verlust man viel leichter verschmerzen könnte, weil er, mag es ihn nun geben oder nicht, ganz offensichtlich ohnedies nicht in Erscheinung tritt.

Würde den Menschen allen klar, daß der Atheismus über die Jenseits-Frage überhaupt keine Aussage macht, dann gäbe es wohl viel mehr Atheisten.

 Die "Gottlosigkeit"

Das Wort "gottlos" ist von seiner Denotation her eigentlich ein ganz neutraler Ausdruck. Es besagt soviel wie "nicht mit Gott im Zusammenhang stehend". Jede Formel aus Mathematik, Physik oder Chemie beispielsweise ist gottlos, denn Gott kommt in ihr nicht vor.

Allerdings hat dieses Wort "gottlos" auch eine Konnotation. Für viele Menschen (auch solche, die gar nicht an Gott glauben) ist es gleichbedeutend mit bösartig, unmoralisch, verwerflich oder ähnlichem. Um das zu bewerkstelligen, haben die Religionen lange und erfolgreich Propaganda und Verleumdung betrieben.

Sachlich ist diese Konnotation nämlich überhaupt nicht berechtigt. Auch wenn bezüglich mancher Details keine Einigkeit darüber besteht, was genau alles gut oder böse ist, gibt es doch im großen und ganzen einen sehr weitgehenden Konsens zwischen den meisten Menschen. Und dabei zeigt sich, daß das Wissen, ob jemand Theist oder Atheist ist, keinerlei Vorhersage darüber erlaubt, in welchem Ausmaß sein Handeln von seinen Mitmenschen als gut oder böse einzustufen wäre.

Das kann auch nicht verwundern. Die menschliche Moral ist – wenn man von zufallsbedingter statistischer Streuung absieht – primär biologisch und kulturell bedingt. Viele religiöse Verhaltens-Gebote sind deshalb gar keine zusätzlichen, sondern bloß solche, die es auch ohne diese Religion gäbe. Zusätzlich ist nur ihre religiöse Begründung.

Daß Gott im alten Testament beispielsweise das Stehlen verboten hat, kümmerte alle jene Kulturen, die davon gar nichts wußten, nicht im Mindesten. Trotzdem galt das Stehlen auch in diesen durchwegs als unmoralisch.

All die Greuel, die im Laufe der Geschichte im Namen irgendeines Gottes begangen wurden, brauchen hier gar nicht erwähnt zu werden. Auch wenn es die nie gegeben hätte, wäre die Behauptung, daß der Mensch einen Gott braucht um sich moralisch zu verhalten, eine pure Anmaßung.

Der beste Job – leider schon vergeben

Menschen und Tiere haben ein mühsames und oft unerfreuliches Dasein. Sie müssen immer wieder leiden und schließlich sogar sterben.

Für Gott trifft das nicht zu. Ihn kann weder Leid noch Tod treffen und zudem hat er noch Eigenschaften, die so großartig sind, daß wir Menschen sie uns kaum vorstellen können. Er weiß und kann so viel, daß Theologen gerne die Wörter "Allmacht" und "Allwissenheit" verwenden. Auch sein moralischer Leumund ist makellos und alle Wesen auf der Welt sind von ihm geschaffen worden und müssen ihm dafür dankbar sein.

Wahrlich, Gott zu sein ist ein höchst erstrebenswerter Umstand, der aber keinem außer diesem einen zuteil wird. Dazu kommt noch, daß Gott diese grandiose Position schon seit Ewigkeit innehat. Niemand hat ihm dazu verholfen, deshalb schuldet er auch keinem Dank dafür. Er braucht sie auch mit niemandem zu teilen. Er allein ist der absolut Höchste und unvergleichlich großartig.

Wenn man das alles bedenkt, so drängt sich allerdings die Frage auf, was Gott denn geleistet hat, um sich all das zu verdienen. Die Antwort ist klar: Er hat nichts dafür geleistet und konnte auch nichts dafür leisten, da er ja immer schon Gott war.

Andere Wesen hingegen können sich noch so sehr mühen und plagen, sie haben dennoch nicht die mindeste Chance, an Stelle des gegenwärtigen Inhabers diese Gottes-Position zu übernehmen oder auch nur eine gleichwertige Funktion neben ihm zu erhalten. Das ist für alle Ewigkeit ausgeschlossen.

Zwar deutet nichts darauf hin, daß es Gott tatsächlich gibt, aber eines ist klar: Gäbe es ihn, dann wäre das die größte nur vorstellbare Ungerechtigkeit. 

 

 

 

 

 




Seele ohne Gott?

Mit permanenter Boshaftigkeit werden Atheisten vom katholischen Hetzblatt kath.net als „Gottesleugner“ bezeichnet. Nach allgemeinem Sprachverständnis kann man nur Tatsachen leugnen. Wenn jemand nachweislich ein Verbrechen begangen hat, es aber vor Gericht nicht zugeben möchte, kann man mit Fug und Recht sagen, dass er seine Tat leugnet. Pikanterweise finden sich besonders hartnäckige Leugner von Tatsachen vor allem in den Kreisen der Herren mit den lustigen Kleidern: die Holocaust-Leugner der Pius-Bruderschaft und in ihrem Gefolge noch schlimmere Web-Seiten wie kreuz.net, eines ihrer Sprachrohre.

Den Begriff „Gottesleugner“ kann es schon deshalb nicht geben, weil Gott keine Tatsache vergleichbar dem Holocaust ist. Wer eine Hypothese (hier also irgendeinen Gott) ablehnt, kann schlicht nicht als Leugner bezeichnet werden. Das wäre in etwa so, als wenn alle diejenigen, die die Kugelgestalt der Erde als Tatsache anerkennen, als „Platterdenleugner“ beschimpft würden. Doch vor Absurditäten hat die Kirche ja in ihrer Historie nie zurückgeschreckt.

Man könnte mit einem Schmunzeln darüber hinweg gehen, wenn nicht schon wieder handfeste Interessen diese Diffamierung befeuerten. Zu verteidigen gilt es die fest in christlicher Hand befindliche Militärseelsorge. Eine große Pfründe, die in Deutschland – angeblich ein säkularer und neutraler Staat – vollständig aus allgemeinen Steuermitteln finanziert wird. So leicht wird es den Kirchen in fast allen Bereichen gemacht. Statt sich die Bezahlung durch finanzierungswillige Schäfchen zu erarbeiten werden sie großzügig alimentiert.

Anlass für den erneuten süffisanten Diffamierungsversuch  an Freidenkern ist ein Vorstoß von Atheisten und Humanisten in der US-amerikanischen Armee, dem unerträglichen Druck der christlichen, jüdischen und Buddhistischen  Militärseelsorge ein atheistisches Pendant entgegen zu setzen. Welcher möglicherweise traumatisierte Soldat möchte in seinen Nöten schon gern mit süßlichen Geschichten vom lieben Jesulein berieselt werden, wenn es darum geht, ihm ganz praktische Lebenshilfe an die Hand zu geben? Es sei denn, er möchte dies unbedingt. Dann wird ihm kein Atheist widersprechen.

Man sollte sich den Artikel in voller Länge genießerisch antun. Auch die Kommentare sind ausgesprochen lesenswert und häufig ungewollt komisch.

 http://www.kath.net/detail.php?id=31201

  




Der Gott der Atheisten

Gott AtheistenMir wurde gerade die Frage offenbart, warum sich Humanisten eigentlich so sehr mit der Gottesfrage und mit Religion befassen, anstatt sich um ihren eigenen Kram zu kümmern? Man bekommt ja fast den Eindruck, ihnen wäre Gott viel wichtiger als er es den meisten Gläubigen ist.

Während der Atheismus für religiöse Menschen und ihre Institutionen nur eine marginale Rolle spielt, so nimmt die Beschäftigung mit Gott und Religion für engagierte Atheisten und Humanisten einen wichtigen, wenn nicht zentralen Platz ein. Ebenso lässt sich mit diesem Thema überproportional viel Aufmerksamkeit erzeugen. Auch meine eigenen Texte und Videos zum Thema Atheismus haben ein größeres Publikum angelockt als die anderen. Warum? Dabei ist es eigentlich nur – wie selbst der “Amazing Atheist” einräumte – ein Randthema.

Es ist mir ebenso ein Rätsel, wie man sich jahrzehntelang vornehmlich mit diesem Thema beschäftigen kann, wie das bei vielen führenden Humanisten der Fall ist. Mir wurde es nach ein paar Jahren langweilig – und das aus gutem Grund. Wie der Philosoph Raymond Tallis in seinem neuen Buch (siehe die Besprechung vom Spiked-Magazin) In Defense of Wonder schreibt, ist Atheismus nicht das Ende der Philosophie, sondern ihr Anfang.

Es genügt nicht, nur gegen Religion zu sein. Atheisten haben viel anspruchsvolle Arbeit zu leisten, wenn sie auf dem “Markt der Weltanschauungen” ernstgenommen werden möchten. Mindestens sollte man als Religionskritiker in der Lage sein, eine echte Alternative aufzuzeigen. Also eine Philosophie. Ja, man sollte seine eigene Philosophie ohne Bezug auf Religion darstellen können. Ansonsten wären atheistische Weltanschauungen am Ende nur Parasiten der Religionen, die sich dadurch auszeichnen, lediglich die Gebote und Behauptungen der Religionen abzulehnen oder deren Gegenteil zu fordern.

Greift man nur den Glauben an, wirkt man destruktiv. Damit trifft man die schlechten Seiten der Religion ebenso wie das, worauf Menschen in der ein oder anderen Form nicht verzichten können. Eigentlich sollte man nur Elemente der Religion kritisieren, auf die man ganz verzichten kann oder für die man eine Alternative im Angebot hat. Die Religion rundherum zu verdammen und an ihre Stelle irgendwelche unverdauten Ideen zu setzen, die man in der Jugend aufgesogen hat (z.B. freie Liebe, Sozialismus), ist nicht konstruktiv.

Das bloße Draufhauen auf die Religion ist kindisch. Man hat sich mit einem bestimmten Thema genauer befasst und weiß es daher besser als die anderen. Und daraus folgert man unzulässigerweise, dass man nun alles besser weiß als die anderen und sie nur Religioten sein müssen.

Man sollte hier also unterscheiden zwischen legitimer Kritik und kontraproduktiven Kindereien. Legitim ist es, konkrete Institutionen, Personen, Elemente von Religionen zu kritisieren, wenn sie individuelle Rechte nicht achten. Da ist grundsätzlich alles und jeder in Punkto Kritik vogelfrei, der sich so verhält (Atheisten natürlich ebenso). Hier wäre dann die mangelnde Trennung von Kirche und Staat ein Thema, über das man sich berechtigterweise aufregen kann.

Eine Kinderei ist es, gläubige “Dümmerchen” zu verspotten, wenn man selber keine Ahnung hat, was man an die Stelle falscher Glaubensannahmen setzen würde. Wer eine rationale Metaphysik, Epistemologie, Ethik, Politik, Ästhetik im Angebot hat, der kann die Konkurrenz kritisieren und zugleich seine Alternative erläutern. Wer das nicht hat, der sollte sich auf die Kritik von individuellen Rechten beschränken und anderweitig die Klappe halten, bis er es besser weiß. Ansonsten nimmt er gläubigen Menschen nicht nur die negativen Aspekte ihrer Ansichten weg, sondern alles – auch das, was ihrem Leben einen Sinn oder wenigstens einen größeren Sinn verleiht. Und an dessen Stelle setzt er nur pseudointellektuelles Gelaber oder Nihilismus.

Religionskritik kann also legitim sein und auch mit Sátire und allem Möglichen arbeiten. Aber sie ist nicht notwendig legitim und es gibt keinen Freischein für rein destruktives Verhalten.

Original bei Feuerbringer

Literatur: Defence of Wonder

 

Die Meinung des Gastautors muss nicht der Redaktionsmeinung entsprechen.

 

Weitere Arbeiten desselben Autors siehe hier.

 




Die Gottes-Antinomien

 LogikDie "Reductio ad absurdum" 

In der Logik gibt es ein sehr mächtiges Hilfsmittel um von Dingen, über die man sonst nur wenig zu wissen braucht, dennoch eines mit absoluter Sicherheit sagen zu können: daß es sie nämlich nicht gibt. Man nennt das die Reductio ad absurdum (also die Zurückführung auf das Unsinnige). Dabei werden aus der Existenz-Behauptung eines Objekts Schlüsse gezogen, die aufzeigen, daß die Eigenschaften dieses Objekts entweder miteinander oder aber mit anerkannten Fakten in unauflösbarem Widerspruch stehen. Die Nicht-Existenz des besagten Objekts ist dann gesichert und steht deshalb fortan außer Frage.

In der Mathematik macht man davon reichlichen Gebrauch. Das berühmteste Beispiel dafür ist die Erkenntnis, daß es unendlich viele Primzahlen gibt. Dabei ist eine Primzahl eine natürliche Zahl (1, 2, 3 …) mit folgenden Eigenschaften: Sie muß größer sein als 1 und sie darf durch keine natürliche Zahl ohne Rest teilbar sein ausgenommen durch 1 und durch sich selbst. Die Reihe der Primahlen beginnt also mit 2, 3, 5, 7, 11, 13, 17, 19 etc. Es gibt unendlich viele davon (das besagt der Satz von Euklid). Aber wieso weiß man das?

Dazu bedient man sich eben dieser Reductio ad absurdum, die in der Mathematik "indirekter Beweis" genannt wird. Zu diesem Zweck nimmt man einmal an, es gäbe nicht unendlich sondern nur endlich viele Primzahlen. Ausgehend von diesen endlichen Anzahl von Primzahlen läßt sich aber auf wenigstens eine weitere schließen, von der man beweisen kann, daß sie sowohl größer als die "größte Primzahl" als auch ebenfalls eine Primzahl ist.

Somit ergibt sich: Aus der Annahme, daß es eine größte Primzahl gibt, folgt logisch, daß es eine noch größere gibt. Das ist ein Widerspruch und deshalb ist klar: es gibt keine größte Primzahl. Man könnte auch sagen, daß der Begriff "größte Primzahl" einen inneren Widerspruch enthält, der zwar bei flüchtiger Betrachtung nicht auffällt, aber dennoch besteht, und das damit Gemeinte unmöglich macht.

Ebenso berühmt aber unter Nicht-Mathematikern viel weniger bekannt ist die Russellsche Antinomie. Bertrand Russell entdeckte zu Beginn des 20. Jahrhunderts, daß die Basis der damaligen naiven Mengenlehre falsch sein mußte. Das ergab sich zwingend daraus, daß es in ihr möglich war, eine Menge mit widersprüchlichen Eigenschaften zu konstruieren, weshalb eine völlige Revision dieses Zweigs der Mathematik nötig wurde.

Für jene, die es interessiert, sei diese sogenannte Russellsche Menge kurz vorgestellt: Sie ist definiert als die Menge aller jener Mengen, die sich selbst nicht als Element enthalten. (Manche Mengen tun das, beispielsweise ist die Menge aller Begriffe selbst ein Begriff etc.) Es läßt sich nun ohne Mathematik bloß mit den Mitteln der Logik zeigen, daß die Russellsche Menge genau dann sich selbst als Element enthält, wenn sie es nicht tut, und umgekehrt.

In der Mathematik können selbstverständlich nur innere Widersprüche in indirekten Beweisen auftreten, aber in den empirischen Wissenschaften sind Widersprüche zu gesicherten Fakten ebenfalls zu berücksichtigen. Auch hier gibt es ein berühmtes und sehr einfaches Beispiel: das Olbers-Paradoxon in der Astronomie.

Der deutsche Arzt und Amateur-Astronom Heinrich Wilhelm Olbers führte 1826 den Nachweis, daß ein Universum von der Art, wie man es sich damals vielfach vorstellte (nämlich unendlich groß, unendlich alt, durchsichtig und gleichmäßig mit Sternen angefüllt) nicht existieren kann. In diesem Fall dürfte es nämlich keine nächtliche Finsternis geben, sondern der Himmel wäre Tag und Nacht an jeder Stelle so hell wie die Sonnenscheibe. Da das ganz offensichtlich nicht zutrifft, war ein solcherart beschaffenes Universum somit abgehakt und man mußte nach anderen Modellen suchen.

Die Reductio ad absurdum, deren Nutzen für die Mathematik und die Naturwissenschaft ich nun kurz skizziert habe, ist aber universell gültig und somit auch auf Philosophie und Theologie anwendbar.

Der Widerspruch von Gottes Allmacht und Allwissenheit

Unter "Gott" soll im Folgenden das verstanden werden, was die christliche Theologie mit diesem Begriff bezeichnet. Dabei handelt es sich um eine Person (also ein Wesen mit Bewußtsein und Willen), das seit Ewigkeit besteht und alles Existierende erschaffen hat. Gott ist die höchste Form des Seins und hat die Eigenschaften der Allmacht und der Allwissenheit. Außerdem ist er im moralischen Sinn unendlich gut.

Unter dem Begriff der "Allwissenheit" versteht man, daß es keinen Sachverhalt gibt (sei er vergangen, gegenwärtig oder zukünftig), der dem Allwissenden nicht mit vollkommener Genauigkeit bekannt ist. Das hat eine wichtige Konsequenz, die zwar noch keinen Widerspruch enthält, aber viele Menschen doch befremden dürfte: die totale Determiniertheit der gesamten Zukunft.

Ein zukünftiges Faktum, das gewußt werden kann (egal ob von Gott oder von sonst jemandem) muß sicher sein. Hätte es nämlich einen freien Spielraum, dann wäre kein Wissen möglich, sondern bloß eine Wahrscheinlichkeits-Abschätzung. Weiß Gott beispielsweise, daß es am 6. Juni des Jahres 2500 in Rom regnen wird, dann muß es an diesem Tag dort auch tatsächlich regnen, denn sonst hätte er entweder etwas Falsches "gewußt" oder gar nichts, sondern bloß etwas vermutet. Mit einem allwissenden Gott wäre die Welt also von vornherein bis ins kleinste Detail festgelegt. Unsicherheit könnte nur subjektiv eintreten, wenn man die Fakten nicht kennt. Der allwissende Gott aber müßte sie kennen.

Allerdings – und hier setzt der Widerspruch ein – könnte er daran nichts mehr ändern. Nicht nur Allmacht wäre unmöglich, sondern jedwede Macht. Wenn es einen allwissenden Gott gäbe, dann wäre dieser Gott (und jede andere Person ebenso) vollkommen unfähig, irgendetwas willentlich zu beeinflussen. Der Lauf der Welt würde sich abspulen wie ein Film, an dem nichts mehr zu ändern ist.

Fazit: Einen Gott, der sowohl allmächtig als auch allwissend ist, kann es nicht geben.

Die Widersprüchlichkeit des bloßen Allmachts-Begriffs

Jeder kennt wohl die alte Scherzfrage: "Kann Gott einen Stein erschaffen, der so schwer ist, daß er ihn selbst nicht heben kann?". Bei näherer Betrachtung steckt darin eine Menge philosophischer Sprengstoff.

Es kann darauf nur zwei Antworten geben – ja oder nein. Ich habe mit Menschen diskutiert, die entschieden die erste Alternative vertraten: Ja, Gott kann diesen Stein schaffen, weil Gott allmächtig ist. Und anschließend kann er ihn aus dem gleichen Grund auch heben. Der darin enthaltene logische Widerspruch kümmert Gott nicht, denn er steht über der Logik.

Diese Argumentation ist aber nichts weiter als ein sprachlich camoufliertes Eingeständnis der Unmöglichkeit. Was "über der Logik" steht, ist eben unlogisch und deshalb mit den Mitteln der Reductio ad absurdum widerlegbar. Einen in diesem Sinne allmächtigen Gott kann es somit nicht geben.

Das wissen mittlerweile auch die Theologen, weshalb sie die obige Frage verneinen. Ein Stein, den Gott nicht heben könnte, wäre ein Widerspruch zu seiner Allmacht und somit eine Unmöglichkeit. Etwas Unmögliches aber, so sagen sie, kann Gott auch nicht tun.

Das ist eine in zweierlei Hinsicht interessante Position. Erstens macht sie definitiv Abstriche vom semantischen Inhalt des Wortes "allmächtig". Darunter versteht man eine durch nichts eingeschränkte Macht. Wird sie aber durch Logik eingeschränkt, dann ist sie eben keine "All"-Macht im eigentlichen Sinn des Wortes mehr. Das hat übrigens auch nichts mit der Übersetzung zu tun. Was für das deutsche Adjektiv "allmächtig" gilt, trifft gleichermaßen auch auf das lateinische "omnipotens" und das griechische "pankrates" zu. Die Beschneidung der Allmacht zur Vermeidung des logischen Widerspruchs ist somit ein echter Rückzieher.

Allerdings ist das nur der kleinere der beiden Nachteile, die mit der negativen Antwort verbunden sind. Es stellt sich nämlich die Frage, wo die Logik herkommt, an die sich Gott halten muß, und die er nicht verletzen kann. Seine Schöpfung kann sie nicht sein, denn sonst würde sie ja seinem Willen unterliegen und hätte für ihn keine Zwingkraft. Er muß sie also schon vorgefunden haben (und das vor aller Ewigkeit!), denn sie steckt den Rahmen ab, innerhalb dessen er sich auswirken kann. Das absolut Höchste ist ein Gott dieser Art also nicht. Wird er dennoch so definiert, dann liegt ein Widerspruch vor. Einen eingeschränkt "allmächtigen" Gott, der dennoch die höchste Form des Seins ist, kann es somit nicht geben.

Das Theodizee-Problem

Von Gott heißt es, daß er unendlich gut ist, und obwohl dieses Adjektiv "gut" nicht mit gleicher inhaltlicher Strenge gefaßt werden kann wie andere ihm zuerkannte Eigenschaften, treten dennoch gerade hier so massive Widersprüche zur Realität auf, daß darüber in Philosophie und Theologie seit Jahrtausenden gerätselt wird.

Trivialerweise gibt es auf der Welt Dinge, die nicht gut sind, weil sie dazu führen, daß unschuldige Menschen leiden. Warum verhindert das Gott nicht? Will er nicht? Nein, das widerspräche seiner (noch dazu unendlichen) Güte. Oder kann er nicht? Nein, das stünde ja im Widerspruch zu seiner Allmacht. Warum also läßt er so etwas zu?

Die übliche theologische Antwort darauf lautet, daß das eine Folge der menschlichen Willensfreiheit ist. Das ist aber nicht schlüssig, denn viel Leid entsteht aus Ursachen, auf die der Mensch willentlich gar nicht Einfluß nehmen kann (wie beispielsweise ein Erdbeben).

Außerdem ist eine freie Willensentscheidung des Menschen nicht logisch zwingend mit deren kausalen Folgen verbunden. Auch wenn Gott beispielsweise einem bösen Menschen die Freiheit läßt, auf einen Unschuldigen zu schießen, könnte er immer noch die Kugel in ihrem Lauf ablenken, um trotz dieser Freiheit das Opfer vor Schaden zu bewahren. Das tut er aber nicht.

Eine weitere Antwort lautet, daß die Welt eben so beschaffen ist, daß die Freiheit der einen zum Leid der anderen führen kann. Nun, das ist sie offensichtlich, aber wenn Gott diese Welt geschaffen hat, dann ist er auch für ihre Eigenschaften verantwortlich. Er hätte ja auch eine bessere erschaffen können.

Im Gegensatz dazu nahm Leibnitz an, daß unsere Welt bereits die beste alle möglichen ist. Dem ist aber entgegenzuhalten, daß Menschen kein Problem damit haben, sich eine bessere Welt vorzustellen. Eine solche ist somit keineswegs denkunmöglich. Ein allmächtiger Gott könnte also mit Leichtigkeit eine bessere geschaffen haben, auch wenn er den Gesetzen der Logik unterworfen ist.

Eine weitere Antwort auf das Theodizee-Problem ist die Behauptung, daß alles Schlechte doch letztlich zu etwas Gutem führen wird. Aber abgesehen davon, daß das unschwer als Ausflucht zu erkennen ist, hat es auch keine argumentative Kraft. Einem allmächtigen Gott müßte es sicherlich möglich sein, Gutes auch ohne den Umweg über entsetzliches Leid zu erreichen, wenn er das nur wollte.

Das letzte Verzweiflungs-Argument der Theologie ist der Hinweis, daß das Wort "gut" für Gott eine ganz andere Bedeutung haben kann als für uns. Folgt man dieser Argumentation, dann würde es aber sinnlos, den Menschen zu sagen, daß Gott gut ist, weil der semantische Inhalt dieses Adjektivs für uns Menschen verloren ginge. Da könnte man ebensogut ein anderes nichtssagendes Wort verwenden und beispielsweise behaupten "Gott ist unendlich babig". Das wäre sogar noch besser, weil dann keine durch Synonymie hervorgerufene Irreführung mehr einträte.

Die Antwort der Theologie

Werden Gläubige mit den in diesem Artikel vorgebrachten logischen Einwänden so lange konfrontiert, bis ihnen klar wird, daß sie keine Chance mehr haben, sie zu zerstreuen, dann tritt üblicherweise eine charakteristische Reaktion ein: Sie versuchen, der ihnen lästig gewordenen Diskussion auf eine nicht-argumentative (und somit irrationale) Weise zu entfliehen. Kinder und einfache Menschen, die so reagieren, verwenden dabei gerne den Ausdruck "aber trotzdem!".

Theologen käme das wohl zu ungebildet vor, weshalb sie ein lateinisches Äquivalent vorziehen: "Est mysterium fidei" – das ist ein Geheimnis des Glaubens. Will man das auf die Spitze treiben, dann kann man sich noch eines weiteren berühmten lateinischen Satzes bedienen: "Credo, quia absurdum est" – gerade, weil es absurd ist, glaube ich. Na ja, dem ist dann wohl nichts mehr hinzuzufügen.

Resümee

Der monotheistische Gott der christlichen Theologie hat dogmatisch festgelegte Eigenschaften, die zu logischen und faktischen Widersprüchen führen. Es ist somit sicher, daß es einen so beschaffenen Gott nicht geben kann. Zwar ist es möglich, den Gottesbegriff so abzuwandeln, daß alle hier beschriebenen Antinomien nicht mehr eintreten, aber das wäre dann eben ein anderer Gott und nicht mehr der hier besprochene christlich-monotheistische. Im Hinblick auf diesen jedenfalls ist die Gültigkeit des Atheismus beweisbar. 

 

An dieser Stelle sei verwiesen auf den Folgebeitrag des Autors:
Gibt es Gott – Warum sollte es?

 

 




Das Opium des Volkes

Brauchen wir eine Kriminalgeschichte des Atheismus?

(von Dr. Edgar Dahl, Initiative Humanismus).

John Adams, einer der Gründerväter der Vereinigten Staaten von Amerika, sagte einmal: „Dies könnte die beste aller möglichen Welten sein, wenn es nur keine Religion in ihr gäbe.“

Mit dieser Aussage stand John Adams nicht allein. Auch Thomas Jefferson, Benjamin Franklin und Thomas Paine hatten für das Christentum nur wenig übrig. Angewidert von den Religionskriegen, die unnötiges Leid und Elend über ganz Europa brachten, sprachen sie sich für eine in der Verfassung verbriefte Religionsfreiheit und eine strikte Trennung von Staat und Kirche aus.

Auch wenn es unter der Regierung von George W. Bush nahezu in Vergessenheit geraten wäre, sind die Vereinigten Staaten von Amerika doch ein säkularer Staat. So heißt es beispielsweise in dem unter George Washington ausgehandelten „Treaty of Tripoli“ von 1797 ganz unmissverständlich: „The Government of the United States of America is not, in any sense, founded on the Christian religion.“

In Erwiderung auf den “Kreuzzug der neuen Atheisten”, wie ihn „Der Spiegel“ auf einem Titelblatt kürzlich bezeichnete, ist der Säkularismus neuerdings wieder in die Kritik geraten. Einige, allen voran Joseph Ratzinger, machen ihn für eine „Diktatur des Relativismus“ verantwortlich. Andere, wie etwa Manfred Lütz, gehen sogar noch einen Schritt weiter und bezichtigen ihn, Gewalt zu säen und zwangsläufig zu KZs und Gulags zu führen.

Wenn sich ein Theologe wie Lütz dazu hinreißen lässt, den Faschismus und den Kommunismus als „atheistische Freilandversuche“ zu bezeichnen, muss man ihn eigentlich keiner Antwort würdigen. Wenn jetzt jedoch sogar säkulare Philosophen in dieselbe Kerbe schlagen, scheint ein Wort der Kritik angebracht.

In seinem Aufsatz „Sind AtheistInnen die besseren Menschen?“ hat Michael Schmidt-Salomon behauptet, dass es an der Zeit sei, neben einer „Kriminalgeschichte des Christentums“ endlich auch eine „Kriminalgeschichte des Atheismus“ zu schreiben.1

Mir scheint, dass Schmidt-Salomon mit dieser Forderung denselben Fehler begeht wie Joseph Ratzinger und Manfred Lütz, die die Diktaturen von Stalin, Mao und Pol Pot als die logische Folge des Atheismus betrachten.

In meinen Augen ist eine „Kriminalgeschichte des Atheismus“ genauso absurd wie eine „Kriminalgeschichte des Monismus“. Sowohl der Atheismus als auch der Monismus sind lediglich philosophische Positionen, keine politischen Ideologien. Beide, der Atheismus und der Monismus, stellen lediglich eine Nichtexistenzbehauptung auf. Der Atheismus behauptet, dass es keinen Gott gebe. Und der Monismus behauptet, dass es keine von unserem Gehirn unabhängige Seele gebe.

Keine dieser Behauptungen hat irgendwelche normativen Implikationen. So wie aus dem Monismus keinerlei politische Konsequenzen folgen, so folgen auch aus dem Atheismus keinerlei politische Konsequenzen. Dass ein Mensch die Existenz Gottes leugnet, verpflichtet ihn daher auch zu keiner politischen Philosophie. Wie ein Monist, so kann auch ein Atheist ebenso sehr ein Anarchist, ein Absolutist, ein Royalist, ein Kommunist, ein Sozialdemokrat oder ein Liberaler sein.

Da philosophische Positionen wie der Atheismus und der Monismus keinerlei politische Konsequenzen haben, erscheint es mir auch vollkommen verfehlt, ihnen eine Kriminalgeschichte anzudichten. Mir jedenfalls ist niemand bekannt, der jemals einen Menschen „im Namen des Monismus“ getötet hätte.

Was vom Atheismus gilt, gilt freilich auch vom Theismus. Wie der Atheismus, so ist auch der Theismus keine politische Ideologie, sondern eine philosophische Position. Während der Atheist eine Nichtexistenzbehauptung aufstellt, stellt der Theist eine Existenzbehauptung auf. Während ersterer davon überzeugt ist, dass es keinen Gott gebe, ist letzterer davon überzeugt, dass es einen Gott gebe.

Der bloße Glaube an die Existenz eines Gottes ist jedoch genauso wertneutral wie der Glaube an die Nichtexistenz eines Gottes. Dies wird gerade auch durch die eingangs erwähnten Gründerväter der USA verdeutlicht. Wie Voltaire und so viele andere Aufklärer des 18. Jahrhunderts, so waren auch Washington, Jefferson und Franklin „Deisten“. Das heißt, sie glaubten an einen „Schöpfer“, der diese Welt geschaffen habe. Doch sie hielten dieses „höhere Wesen“ für einen unpersönlichen Gott – einen  Gott, der sich nicht um die Belange der Menschen kümmere und keinerlei Anteil an ihrem Schicksal nehme.

Der Deismus ist nur eine Variante des Theismus. Was vom Deismus gilt, gilt aber auch vom Theismus: Er ist vollkommen wertneutral. Moralische, rechtliche und politische Relevanz gewinnt der Theismus erst, wenn er von einer philosophischen Position zu einer theologischen Offenbarungsreligion übergeht. Hierzu bedarf es aber mindestens dreier zusätzlicher Annahmen. Erstens, dass der Schöpfer nicht ein unpersönlicher, sondern persönlicher Gott ist. Zweitens, dass er seinen Willen offenbart hat. Und drittens, dass er Gehorsam gegenüber seinem Willen verlangt.

Welche moralischen, rechtlichen und politischen Konsequenzen sich aus einem solchen Glauben ergeben, hängt freilich allein vom vermeintlichen Willen dieses Gottes ab. Im Prinzip kann dieser Gott die unterschiedlichsten Forderungen erheben. So mag er verlangen, dass man sich ausschließlich seinem Willen unterwirft. Er mag aber auch Gehorsam gegenüber dem Propheten, dem Papst, dem Kaiser, dem Führer oder dem Vorsitzenden einfordern.

Doch ganz unabhängig davon, wessen Willen sich die Menschen unterwerfen sollen, sobald sie es tun, tun sie es nicht mehr nur im Namen eines bloßen Theismus, sondern bereits im Namen einer Religion – eines theistischen Glaubenssystems mit einer eigenen Moral,  einem eigenen Recht und einer eigenen Politik.    

Wer etwa dazu aufruft, Frauen, die Opfer einer Vergewaltigung geworden sind, zu steinigen (5. Mose, 22, 23 – 24), oder Männer, die einen anderen Gott angebetet haben, zu erwürgen (5. Mose, 13, 7 – 12), tut dies nicht im Namen des Theismus, sondern im Namen einer der Buchreligionen – sei es des Judentums, des Christentums oder des Islams.

Da die Christen, wie wir alle wissen, Juden, Moslems, Hexen und Häretiker getötet haben, ist es vollkommen angemessen, von einer „Kriminalgeschichte des Christentums“ zu sprechen. All diese Verbrechen sind schließlich im Namen des christlichen Gottes verübt worden.

Doch worin soll eigentlich die „Kriminalgeschichte des Atheismus“ bestehen? Da der Atheismus lediglich behauptet, dass es keinen Gott gebe, ist es schwer, sich vorzustellen, wie jemand „im Namen“ dieser Überzeugung andere Menschen quälen, foltern oder gar töten könnte.

Genau an dieser Stelle erfolgt nun der sattsam bekannte Hinweis auf Stalin, Mao und Pol Pot. Sind in Russland, China und Kambodscha nicht Menschen wegen ihrer Religion verfolgt und getötet worden?

Sicher, doch nicht „im Namen des Atheismus“, sondern „im Namen des Kommunismus“! Wie Christen, so vertreten auch Kommunisten eine irrationale „Heilslehre“. Diese Heilslehre besteht bekanntlich in der Errichtung einer klassenlosen Gesellschaft. Um diese Gesellschaft, in der es keine „Ausbeutung des Menschen durch den Menschen“ mehr gibt, zu errichten, bedarf es zunächst einer „Diktatur des Proletariats“. Im Rahmen dieser Diktatur müssen die „Konterrevolutionäre“ ausgeschaltet und die „Klassenfeinde“ bekämpft werden. Erst dann kann mit der Entwicklung des „neuen Menschen“ begonnen werden.

Wenn Stalin in der Zeit des „Großen Terrors“ Tausende von Bischöfen und Priestern in Arbeitslager steckte, in denen viele ihr Leben verloren, tat er dies nicht, weil sie Theisten waren, sondern weil sie Mitglieder der russisch-orthodoxen Kirche waren, die über Jahrhunderte das Zarenregime unterstützt hat. Allein wegen dieser Unterstützung sind sie als „Klassenfeinde“ betrachtet und zum Erzfeind der „Arbeiterklasse“ erklärt worden. Wenn man jüngsten Schätzungen glauben darf, sind sie Teil der 62 Millionen Opfer des Stalinismus geworden. 

Gleiches gilt für China. Der Maoismus, die chinesische Variante des Kommunismus, hat schätzungsweise 72 Millionen Menschen das Leben gekostet. Im Namen der „Kulturrevolution“ haben Maos „Rote Garden“ jeden verfolgt, der im Rufe stand, „bourgeois“ zu sein. Hierzu gehörten neben Lehrern und Professoren auch Priester. Der „Gelbe Kaiser“ hat sich für seine Taten sogar selber auf die Schulter geklopft, als er in einem Interview sagte: „Qinshihuang hat 460 konfuzianische Gelehrte lebend begraben lassen. Wir haben einige Hundertausend Konterrevolutionäre unter die Erde gebracht. Mehr als 46.000 Intellektuelle waren darunter. Wer mich als Qinshihuang beschimpft, hat Recht. Nur – ich bin hundert Mal schlimmer.“

Und schließlich muss man auch von Kambodscha sagen, dass die 2 Millionen Menschen, die dem Terror der „Roten Khmer“ zum Opfer gefallen sind, im Namen des Kommunismus getötet wurden. Pol Pot betrachtete alle Kritiker seines Regimes als Volksverräter und Antikommunisten. Nicht nur Geistliche, sondern auch Ärzte, Anwälte, ja, nahezu alle „Intellektuellen“, wurden in so genannten „Säuberungsaktionen“ ermordet.2  

Michael Schmidt-Salomons Bemühungen um intellektuelle Redlichkeit in allen Ehren, aber es bleibt dabei: Es gibt eine „Kriminalgeschichte des Kommunismus“, aber keine „Kriminalgeschichte des Atheismus“. Dass Kommunisten zufällig auch Atheisten waren, ist genauso bedeutungslos wie die Tatsache, dass sie zudem auch Materialisten waren. Oder wollte irgend jemand allen Ernstes behaupten, dass wir jetzt auch noch eine „Kriminalgeschichte des Materialismus“ benötigten, in denen wir Philosophen von Demokrit und Epikur über Holbach und Laplace bis hin zu Dennett und Bunge für die Verbrechen der Leninisten, Stalinisten und Maoisten verantwortlich machen sollten?

Abschließend noch ein Wort zur Rolle der Religion im Kommunismus. Wenn man ihren Vertretern glaubt, war die Kirche ein beklagenswertes „Opfer des Kommunismus“. Doch dies ist typisch klerikale Schwarzweißmalerei. Greifen wir hierzu nur das Verhalten der russisch-orthodoxen Kirche zur Zeit des Stalinismus heraus.

Nach dem Überfall der Deutschen auf Russland am 22. Juni 1941 benötigte Stalin plötzlich jeden Mann. In seiner Not wandte er sich jetzt sogar an den Klerus. Um ihre Unterstützung im „Großen Vaterländischen Krieg“ zu erhalten, stellte er die Unterdrückung der Religion ein. Er empfing den Metropoliten von Moskau und setzte Geistliche für die Militärseelsorge ein.

Die Zahl der Kirchen, schreibt Karlheinz Deschner, „stieg allein in Moskau von 15 im Jahr 1939 auf über 50 im Jahr 1943. Stalin konzedierte der Kirche die Errichtung von zwei Geistlichen Akademien und acht Priesterseminaren und dem Patriarchen Sergej nach seinem Tod am 15. Mai 1944 ein Staatsbegräbnis.“3     

Die russisch-orthodoxe Kirche nutzte diese Gelegenheit zum Erhalt ihrer Macht ganz ungeniert aus. In einer von 46 Bischöfen unterzeichneten Botschaft an den roten Diktator hieß es: „Gott schenke unserem lieben Vaterland den baldigen Sieg und unserem vielgeliebten Chef Joseph Stalin noch zahlreiche Lebensjahre.“

Anmerkungen

Michael Schmidt-Salomon Sind AtheistInnen die besseren Menschen? In: Aufklärung und Kritik 2: 55-62, 2001.

Jonathan Glover Humanity: Moral History of the Twentieth Century. Yale University Press, New Haven 2000.

Karlheinz Deschner: Mit Gott und dem Führer. Kiepenheuer und Witsch, Köln 1988.