Die Betonung des Andersseins

Trabajando_pieza_de_metal_72dpiKulturgeschichtliche
Variationen von
„Rassismus“

In der Folge des gewaltsamen Todes von George Floyd in den USA am 25. Mai 2020, der in den Medien weltweit diskutiert und debattiert wurde und dem die Wikipedia einen Artikel gewidmet hat, wurde u.a. auch der „Rassismus“-Begriff vielfältig thematisiert. Im Verlauf der Berichterstattungen und Debatten wurden Themen und Sachverhalte miteinander vermengt, die mit dem eigentlichen Ereignis, der, wie ich es nenne, Ermordung des George Floyd im Rahmen einer in den USA nicht ungewöhnlichen polizeilichen Überreaktion miserabel ausgebildeter und entsprechend in der Situation überforderter Polizisten, nichts zu tun hatten.

So wurden Statuen gestürzt, was in der Geschichte der Menschheit eine lange Tradition hat, Statuen, die für mein Empfinden allzu häufig ohnehin nur der Verklärung, manchmal gar der Verkitschung dienen;
der Philosoph Immanuel Kant wurde wegen seiner frühen Schriften kritisiert, was aus der Perspektive und mit dem Wissen des 21. Jahrhunderts wohlfeil erscheint, Schriften, in denen er sich — seiner Zeit entsprechend — über menschliche „Rassen“ geäußert hatte, Äußerungen, die später revidiert worden sind, obwohl Charles Darwin mit seinen Beiträgen zur Evolutionstheorie und Gregor Mendel mit der Vererbungslehre noch nicht auf der Bühne erschienen waren.

In Debattenbeiträgen wurde vereinzelt festgestellt, dass es gar keine menschlichen Rassen gibt — was den „Rassismus“-Begriff, der im Laufe der Jahrzehnte zu so abenteuerlichen Wortschöpfungen wie „Altersrassismus“ geführt hat, unsinnig macht. Dennoch wird er immer noch und immer wieder verwendet statt von „Diskriminierung“ zu sprechen.

Der Begriff „Rassismus“ wird in manchen Zusammenhängen mglw. verwendet, weil er effekthaschender, aufsehenerregender ist als das Wort „Diskriminierung“. Obendrein gibt es bei der Diskriminierung (Ausgrenzung; „trennen, absondern, abgrenzen, unterscheiden“) zwei Möglichkeiten, die negative, die mit Herabsetzung oder Herabwürdigung verbunden sein kann, sowie die positive mit Aufwertung, Erhöhung oder sogar Überhöhung gegenüber anderen. Insbesondere die Möglichkeit der positiven Diskriminierung mag manchen aus ideologischen Gründen ein Dorn im Auge sein, da sie für die Einordnung von Menschen in eine (institutionalisierte und positiv besetzte) Opferrolle ungeeignet ist und keine (negativ besetzte) Täterrolle aufzeigbar macht. Hinzu kommt die Möglichkeit der Selbstdiskriminierung, Selbstausgrenzung, die den „Rassismus“-Begriff vollends ad absurdum führt.

In einem Beitrag des britischen Guardian vom 25. Juni 2020 wurde immerhin festgehalten, dass Atheisten und Humanisten in acht Ländern Diskriminierung widerfährt und sie dort wegen ihrer Weltanschauung, und nicht etwa „rassistisch“ verfolgt und unterdrückt werden.

Es wurde vorgeschlagen, den Begriff „Rasse“ im Artikel 3 (3) der Verfassung der Bundesrepublik Deutschland, dem Grundgesetz, durch ein anderes Wort zu ersetzen. Kosmetik, durch die weder Ursachen noch Folgen irgendeiner Diskriminierung aus der Welt geschafft würden. Man könnte dieses Ansinnen auch Selbstbetrug nennen. Dass in dem Satz 3 aus Artikel 3 GG nicht nur von Benachteiligung, sondern auch von Bevorzugung die Rede ist, wurde in diesen Diskussionen geflissentlich übersehen.

Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden.

In manchen Debattenbeiträgen wurde versucht, die Religionszugehörigkeit von Menschen als ein unveränderliches Merkmal ähnlich Herkunft oder Abstammung hinzustellen. Dabei wurden mehrfach klischeehafte Bilder verwendet, und es konnte der Eindruck entstehen, dass vermittelt werden solle, Angehörige einer bestimmten Religion seien gegenüber anderen exponiert und bedürften einer besonderen Beachtung, ihnen müssten eine höhere Wertigkeit und damit verbunden mehr Rechte als anderen zuerkannt werden, wie dies in manchen „heiligen“ Büchern vorformuliert ist, in denen Angehörige bestimmter Religionen als „auserwähltes Volk“ irgendeines Gottes oder als „die beste Gemeinde, die für die Menschen entstand“ ([3:110]) bezeichnet werden. In Fällen von Selbsterhöhung oder Selbstüberhöhung spricht man dann von Chauvinismus, oder auch von Arroganz, Anmaßung, Überheblichkeit und Hochmut.
Doch die Aufwertung der einen ist die Abwertung anderer, und umgekehrt, was gesellschaftliche Spannungen erzeugt sowie Ressentiments und Gegenreaktionen heraufbeschwört.

In einem kurzen Meinungsaustausch mit einer WerteInitiative via Facebook am 3. Juni 2020 hatte ich u.a. angemerkt, dass das Zufügen einer irreversiblen Körperverletzung m.E. eine Straftat ist, und zwar auch dann, wenn dies im Rahmen der Religionsausübung geschieht, was damit beantwortet wurde, dass es sich in einem solchen Fall „natürlich NICHT um eine Straftat“ handle. Auf meine weitere Nachfrage, was es denn dann sei, habe ich (bislang) keine Antwort erhalten. Ob das Verweigern einer Antwort Ausdruck von Selbstgerechtigkeit, von der Unfähigkeit zur Selbstreflexion oder von etwas anderem ist, sei dahingestellt. Herkunft, religiöses Bekenntnis oder Weltanschauung sind zwar kein Fehlverhalten, Kindern aus religiösen Gründen eine irreversible Körperverletzung zuzufügen ist es nach meinem Verständnis jedoch sehr wohl (vgl. Kritik und Angst — Wider die Selbstgerechtigkeit).
Siehe auch den Beitrag The Unanswered Question / Umkehrschluss auf dieser Website:

Wenn es […] was-auch-immer-feindlich wäre, Menschenrechtsverletzungen und Despotismus sowie anderes Unrecht zu kritisieren: Was bedeutete dies dann im Umkehrschluss ?

Jemandem mit einem Hinweis auf dessen Religion das sanktionsfreie Begehen von Straftaten zu ermöglichen und zu erlauben, verstößt in Deutschland jedoch mglw. gegen den Artikel 3 Satz 3 GG.

Menschen mit dunkler oder einer anderen Hautfarbe, als sie bei Europäern weit verbreitet ist, werden in Medienberichten etc. oft als „People of Color“ bezeichnet, ein Begriff, der auf Anderssein und damit auf Abgrezung gegenüber „Weißen“ und auf Ausgrenzung (Diskriminierung) zielt und allen Bestrebungen, „Rassismus“ zu überwinden, zuwider läuft. Abgesehen davon sind auch „Weiße“ nicht weiß, sondern haben meist wohl eine schweinchenrosa Hautfarbe. Weiß sind die Wände in meiner Wohnung.

In dem Buch Identitätslinke Läuterungsagenda zeigen insbesondere die Herausgeberin Sandra Kostner sowie die beiden Autorinnen Maria-Sibylla Lotter und Elham Manea auf, wie vermeintliche Antirassisten den „Rassismus“ und die Segregation der Gesellschaft dadurch fördern, dass sie u.a. darauf hingewirkt haben, dass Menschen z.B. allein wegen ihrer Herkunft bei der Stellenvergabe in manchen Berufen bevorzugt werden (müssen), ohne dass ihre sonstige Qualifikation berücksichtigt würde, was von der Mehrheitsgesellschaft als Ungerechtigkeit empfunden und entsprechend beantwortet wird, und dass vermeintliche Antirassisten dabei selber wie „Rassisten“ argumentieren und agieren.

In einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung vom 29. Juni 2020 unter der Überschrift „Es wird schmerzhaft“ sagt Saraya Gomis unter anderem:

Rassismus als Struktur ermöglicht, dass Ungleichheit legitimiert und damit „normalisiert“ wird.

Genau dies, „Rassismus“ als Struktur ermöglichen und Ungleichheit legitimieren ist es, was Sandra Kostner et al. in dem Buch Identitätslinke Läuterungsagenda beschreiben.

Ein Artikel in der SZ vom 26. Juni 2020 beklagt unter der Überschrift „Rassismus ist da, er ist alltäglich“ unter anderem:

„In Freising haben etwa 20 Prozent der Menschen Migrationshintergrund, aber ich kenne keine einzige Lehrkraft, die farbig oder andersgläubig ist.“
[…]
„Die Mehrheit der Kinder mit Migrationsgeschichte bleibt der Weg zum Abitur aus diversen Gründen verwehrt“

Welche „diversen Gründe“ es sind, wird in dem Artikel nicht thematisiert, Gründe werden nicht benannt.

In Brief an die Heuchler geht Stéphane Charbonnier (CHARB) argumentativ teils in eine ähnliche Richtung wie Sandra Kostner et al. Das Buch von CHARB, der sich ausdrücklich gegen „Rassismus“ und Intoleranz ausspricht, habe ich seit Erscheinen der deutschsprachigen Ausgabe im Juli 2015 vielen Leuten empfohlen, darunter auch solchen, die von sich selbst sagen, dass sie Antirassisten und Kämpfer gegen Intoleranz seien. Etliche dieser vermeintlichen Antirassisten und Kämpfer gegen die Intoleranz reden deshalb nicht mehr mit mir — nur, weil ich ihnen das Buch von CHARB empfohlen habe. Seltsam.

In einem Text, den Leonid Luks am 4. Juni 2020 auf der Website Die Kolumnisten veröffentlicht hat, schreibt er:

Zum Wesen des totalitären Denkens gehört die Diskursverweigerung mit Andersdenkenden.

Einige der in diesem Beitrag von mir angerissenen oder thematisierten Aspekte sind manch einem möglicherweise ein zu heißes Eisen — auch wenn ich längst nicht alle Aspekte zum Thema „Rassismus“ respektive Diskriminierung aufgegriffen habe.

Den „Rassismus“ damit zu kontern, dass man die Opfer des „Rassismus“ heraushebt, ihnen eine gesellschaftliche Sonderstellung zuschreibt, konterkariert die Bemühungen gegen „Rassismus“. Mit der Betonung des Andersseins wird der „Rassismus“ nicht bekämpft, sondern aktiv gefördert.

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Beitragsbilder (von oben nach unten):

  • Trabajando_una_pieza_de_metal_al_rojo_sobre_un_yunque.jpg, Wikimedia.org, Author: kurtsik
  • Sturz_des_Idstedter_Löwen.jpg, Wikimedia.org, Flugblatt – unbekannt; Scan – James Steakley
  • Screenshot von der Website des britischen Guardian, eigenes Werk
  • Cover des Grundgesetzes für die Bundesrepublik Deutschland, arabischsprachige Ausgabe
  • Screenshot aus einem Beitrag der Facebook-Seite von „Gesicht zeigen – für ein weltoffenes Deutschland“, eigenes Werk
  • Akan_MHNT.ETH.2010.25.009.jpg, Wikimedia.org, Photographer: Roger Culos
  • Screenshot aus einem Beitrag der Facebook-Seite von „Werteinitiative“, eigenes Werk
  • Buchcover zu „Identitätslinke Läuterungsagenda“
  • Buchcover zu „Brief an die Heuchler“
  • Bildliche Darstellung eines Zitats von Leonid Luks, Die Kolumnisten, eigenes Werk

  • Eckhardt Kiwitt
    Pfalzgrafstr. 5
    D-85356 FREISING
    QS72@gmx.net




    Bibbern um Privilegien

    Als der große Augustinus sich auf dem Höhepunkt seiner Karriere als PR-Chef des Römischen Kaisers aus Frust mit seinem Freund in eine gleichgeschlechtliche (Gem)Einsamkeit in seine Heimat zurückzog, setzten die hilflosen Christen dort alles daran, den beredten Mann in höchste Kirchenwürden als ihren Bischof in Hippo zu hieven. Im heutigen Bayern muss die Catholica um grundgesetzwidrige Privilegien bibbern, weil sie eine in gleichgeschlechtlicher Gemeinsamkeit lebende Erzieherin feuern will.

    Die betroffene Dame hatte ihrem Arbeitgeber die Geburt ihres Kindes gemeldet und Mutterschaftsurlaub beansprucht. Gleichzeitig hatte sie ihm mitgeteilt, dass sie mit einer anderen Dame in Lebensgemeinschaft lebt. Daraus friemelte der Arbeitgeber eine gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaft scheinbar unmoralischer Art und kündigt der jungen Mutter fristlos. Leben In der Catholica nicht auch (zwar immer weniger) Männer und Frauen in gleichgeschlechtlichen Lebensgemeinschaften (Klöstern) zusammen, besonders in besonders strengen. Warum muss die Gemeinschaft zwischen der jungen Mutter und ihrer Freundin schlecht sein?

    Penetrant pocht der Arbeitgeber, eine kirchliche Einrichtung, auf einem Selbstbestimmungsrecht, das ihm laut GG nicht zusteht. Dort ist nämlich eindeutig geregelt, dass die Kirchen ihre Angelegenheiten zwar eigenverantwortlich aber eben nur im Rahmen der für alle geltenden Gesetze verwalten. Von Selbstbestimmung keine Spur! Was die Catholica hier treibt ist eher Anmassung und Missachtung der in unserer Demokratie für alle geltenden Rechte und Gesetze.

    Während in unserer Demokratie niemand wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden darf und jeder das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit hat, setzt sich die Catholica dreist über unser GG hinweg und will sich ihr eigenes Recht basteln.

    Nun hat ihr aber die Gewerbeaufsicht in die Suppe gespuckt und die Kündigung der jungen Mutter abgelehnt. Seltsam zwar, dass hier die Gewerbeaufsicht und nicht das Arbeitsgericht eingeschritten ist, gleichwohl aber erfreulich, dass eine Aufsichtsbehörde gegen den offensichtlichen Machtmissbrauch einer mit Steuergeldern finanzierten kirchlichen Einrichtung einschreitet. Endlich erinnert sich jemand daran, dass vor dem Gesetz alle Menschen gleich sind und dass die Würde des Menschen unantastbar ist. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt. Besonders die Würde einer jungen Mutter, die ehrlich mit sich und der Welt umgeht.

    Aber Ehrlichkeit und Recht scheinen der Catholica ein Begriffspaar, das ihr gerade in Sachen Moral nicht schmeckt, besonders, wenn es sich um geschlechtsbezogene Moral handelt. Was Nonnen und Mönche, also Kleriker, dürfen, soll Laien verwehrt sein? Ach ja, schon wieder vergessen. Kleriker sind ja Eunuchen für das Himmelreich (Mt 19, 12) und geniessen irgendwie die Freiheit der Narren. Aber bitte nicht in unserer Demokratie!

     

     

    Die Meinung des Gastautors muss nicht der Redaktionsmeinung entsprechen.

     

    Weitere Arbeiten desselben Autors siehe hier.

     




    Die Sprache der Hetzer

    In Hammamet in Tunesien gibt es eine kleine, aber durchaus aktive katholische Gemeinde mit einem schön gelegenen ruhigen Zentrum nur 2 Gehminuten vom Mittelmeer entfernt. Im Garten vor der Kirche finden meist gut besuchte Zusammenkünfte und Wohltätigkeits-Basare statt. Die Priester sind zumeist Franzosen, die wohl von der «Weltkirche» jeweils für gewisse Zeit hierher abkommandiert werden. Während der Feriensaison liegen die Texte in vielen Sprachen aus, und je nachdem aus welchen Ländern die Besucher der Messen stammen, wird die Predigt von vorher gebetenen Laien in der jeweiligen Landessprache verlesen. Ich selbst habe eine derartige Bitte des Priesters allerdings dankend abgelehnt.

    Die tunesischen Gemeindemitglieder leben und arbeiten in dem islamischen Umfeld, doch eines Tages gehen auch sie den Weg, den wir alle noch vor uns haben, und sterben. Der christliche Friedhof liegt an sehr prominenter Stelle an der massigen Mauer der Medina. Er ist bestens gepflegt und lädt zum Verweilen ein. Hier befindet sich auch das Grab Bettino Craxis, dessen Witwe nach wie vor die Fondazione Bettino Craxi leitet und sehr viel Gutes für Kinder stiftet – unabhängig von deren Religionszugehörigkeit.

    Ich habe noch nie gehört, dass irgendjemand in Tunesien mit Ausnahme der Salafisten  Anstand genommen hätte an den Friedhöfen anderer Glaubensrichtungen. So gibt es auch etliche jüdische Friedhöfe, ein recht grosser sogar in der Nachbargemeinde von Hammamet, der Gouvernoratsstadt Nabeul. Und natürlich gibt es im Land verstreut noch etliche mehr – chistlich und jüdisch.

    Niemand hier – nicht einmal die Salafisten – käme auf die absurde Idee, unter Hinweis auf die Existenz solcher Friedhöfe nun eine schleichende Christianisierung oder Judaisierung Tunesiens herbei zu fabulieren.

    Doch schauen wir uns einmal den umgekehrten Fall an. Da berichtet die WAZ am 29. Juni:

    Muslimische Vereine sollen ab 2013 eigene Friedhöfe in Nordrhein-Westfalen betreiben dürfen. Kommunen sollen muslimischen Vereinen einen Friedhof genehmigen können, wenn die Religionsgemeinschaft den dauerhaften Betrieb sicherstellen kann.

    Das sieht ein Gesetzentwurf der rot-grünen Landesregierung vor, der in Kürze in die Verbändeanhörung geht. Anschließend wird der Landtag beraten. Bis zum Frühjahr 2013 soll es dann in NRW ein neues Bestattungsgesetz geben.

    Ministerin Barbara Steffens (Grüne) will den Muslimen eine nach dem Brauchtum ausgerichtete Bestattung aus einer Hand erleichtern und sich für eine bessere Qualität der Leichenschau einsetzen. Viele Muslime lassen sich heute in ihren Herkunftsländern bestatten. Künftig könnten sich mehr muslimische Bürger in NRW in Grabstätten in der Nähe ihrer Kinder und Enkelkinder bestatten lassen, sagte Steffens. Bisher gibt es in NRW keine Friedhöfe in muslimischer Trägerschaft.

    Man möchte meinen, dass es langsam an der Zeit ist, dass Moslems auch in NRW endlich ihre eigenen Begräbnisstätten bekommen, ebenso wie die Juden (um nur diese zu nennen) ganz selbstverständlich ihre eigenen Friedhöfe betreiben. Den ca. 200.000 Juden in Deutschland stehen mittlerweile geschätzt 4-5 Millionen Moslems gegenüber (zu den Zahlen der Religionen in D siehe Religionen in Deutschland: wikipedia. Zu den jüdischen Friedhöfen vergleiche Jüdische Friedhöfe in Deutschland: hier). Es ist auch durchaus nicht so, dass die Regierung von NRW mit ihrem Erlass Neuland beschritte. Den ersten moslemischen Friedhof in Deutschland kann man (als Sehenswürdigkeit in den Stadtführer aufgenommen) seit 1866 in Berlin am Columbiadamm in Augenschein nehmen (Berlin-Sehenswuerdigkeiten). In der Zwischenzeit sind etliche hinzugekommen.

    Auch der WAZ (siehe auch deren Titelbild des jüdischen Grabfelds in Kiel) war dieser Erlass keinen grossen Aufmacher wert. Zu selbstverständlich ist die Botschaft.

    Doch betrachten wir, was auf rechtsgewirkten Islamhetzerseiten aus dieser Story gemacht wird. Ich wähle ganz bewusst nicht das Flaggschiff der Islamophoben, Politically Incorrect, sondern einen der vielfältigen Ableger dieser Art von Hinterhofblogs, Quotenqueen, im November 2010 von drei bei PI geschassten Redakteuren und Autoren gegründet. (Anmerkung: Unter einem Hinterhofblog verstehe ich ein lichtscheues Gebilde, das es nicht einmal wagt, die presserechtliche Verantwortung für das eigene Geschreibsel zu übernehmen, sondern sich mit anonymen Betreibern möglichst auf für die Justiz schwer zugänglichen ausländischen Servern herumtreibt).

    Sie sind sich nicht zu schade, auch noch die Toten für ihre wirre Argumentation heranzuziehen, um unter ihren Lesern die Angst vor der Islamisierung Deutschlands zu schüren. Dass dabei auch noch – so  ganz nebenbei – einige Seitenhiebe auf die verhassten Sozialdemokraten und Grünen abfallen, versteht sich so zu sagen am Rande. Es gibt mit Sicherheit an den verschiedensten Ausformungen des Islam in Deutschland und den potenziellen Gefahren, die durch diese Religion für die Gesellschaft ausgehen, etliches zu kritisieren, doch wenn man auch noch den Toten ihre Ruhe nimmt, so ist das in einer geradezu unbeschreiblichen Weise schäbig und verantwortunngslos. Doch lesen Sie selbst auf quotenqueen :

    Damit die dringend benötigten Fachkräfte uns auch über den Tod hinaus erhalten bleiben und nicht posthum noch dahin zurückkehren, wo mancher besser geblieben wäre, führt die neu gewählte Pleiteregierung von Hannelore Kraft jetzt neue Friedhöfe nur für Mohammedaner ein. Schließlich kann man den Rechtgläubigen nicht zumuten, neben Ungläubigen zu ruhen. Im Gespräch sind auch weitere Rücknahmen zivilisatorischer Errungenschaften im Bestattungsgesetz. Mohammedaner müssen ihren Glauben entsprechend sofort beigesetzt werden, also ohne die in der Zivilisation übliche Wartezeit. Und Särge sind auch nicht üblich, da es in der Wüste kein Holz gibt. Da ist noch einiges kultursensibles Entgegenkommen drin.

    […]

    Was wird wohl passieren, wenn der muslimische Verein nach einiger zeit erklärt, dass ihm der Friedhof doch zu teuer wird?

    Jeden weiteren Kommentar hierzu erachte ich von meiner Seite aus als überflüssig.

    Nur ein kleiner Nachsatz: Ohne es zu merken stellen sich solche Schreiberlinge auf ein und dieselbe Stufe mit den Salafisten – nur mit umgekehrtem Vorzeichen.

    Erstveröffentlichung im Juli 2012.

    Weitere Arbeiten desselben Autors siehe hier.

     




    Herkunft, Abstammung, Religionszugehörigkeit und Fehlverhalten – von Eckhardt Kiwitt

    Kiwitt

    Es ist in der Geschichte keine Seltenheit, dass Menschen allein wegen ihrer Herkunft, ihrer Abstammung oder ihrer Religionszugehörigkeit bzw. wegen ihrer Weltanschauung, manchmal auch wegen körperlicher Merkmale kritisiert, ausgegrenzt oder gar angegriffen werden. Dazu ist es gar nicht notwendig, dass sie ein Fehlverhalten an den Tag gelegt hätten — Herkunft, Abstammung, Religionszugehörigkeit oder Weltanschauung, oder auch körperliche Merkmale, können bereits als vermeintliches Fehlverhalten oder Makel und damit als Begründung für Kritik oder Ausgrenzung herhalten. Bis zur Sündenbockprojektion, manchmal auch zur Sippenhaftung, ist es von dort bisweilen nur ein kleiner Schritt. In Diktaturen, Despotien und Tyranneien werden derlei Feindbilder regelmäßig konstruiert, manchmal werden Angehörige eines Beschuldigten oder eines mutmaßlichen Täters ebenfalls in Haft genommen, obwohl sie sich nichts haben zuschulden kommen lassen (zu unterscheiden ist dies von der bloßen Zeugenbefragung oder einem polizeilichen Verhör).

    Ein frühes Beispiel für Sippenhaftung findet sich im Dekalog, den Zehn Geboten des Alten Testaments, wo es — ungeachtet, was man in die Worte hineininterpretieren mag das dort gar nicht geschrieben steht — u.a. heißt

    Bei denen, die mir feind sind, verfolge ich die Schuld der Väter an den Söhnen, an der dritten und vierten Generation; …

    In anderen „heiligen“ Büchern kann man Sätze lesen, die ebenfalls für Sippenhaftung ungeachtet persönlicher Schuld stehen:

    Wahrlich, jene, die ungläubig sind unter dem Volk der Schrift und die Götzendiener werden im Feuer der Dschahannam sein; ewig werden sie darin bleiben; diese sind die schlechtesten der Geschöpfe. (Koran, Sure 98:6).

    Andererseits kommt es vor, dass sich Menschen von sich aus allein wegen ihrer Herkunft, ihrer Abstammung oder ihrer Religionszugehörigkeit bzw. wegen ihrer Weltanschauung selbst ausgrenzen oder für sich eine Herausgehobenheit beanspruchen (was mit Arroganz einhergehen kann, aber nicht muss; ein Beispiel für Arroganz ist der Nationalismus, jene mit Verklärung (Stichwort „Stolz“) einhergehende Überhöhung der eigenen Nation über andere, obwohl kein Mensch dazu, dass er einem Staat oder einem Volk anghört in das er zufällig hineingeboren wurde, einen eigenen Beitrag geleistet hat):

    Ihr seid die beste Gemeinde, die für die Menschen entstand. Ihr gebietet das, was Rechtens ist, und ihr verbietet das Unrecht, und ihr glaubt an Allah. (Koran, Sure 3:110)

    Auf ein anderes Beispiel von Selbstausgrenzung bzw. Herausgehobenheit bin ich im Beitrag «„Göttlich“ — ungültig» eingegangen:

    … von irgendeinem Gott für was auch immer „auserwählt“; den zugehörigen Gott hat jemand vor mehr als zweitausend Jahren erfunden, um sich und sein Volk anschließend als ein von diesem von ihm selbst erfundenen Gott auserwählt zu erklären.

    Die Wikipedia schreibt dazu:

    […] Nach der Ankunft der aus Ägypten befreiten Israeliten am Berg Sinai beansprucht JHWH sie als sein erwähltes Bundesvolk, worauf sie Mose versprechen, alle Gebote Gottes zu erfüllen. […]

    Solche Texte gelten heutzutage als historisiert. Sie wurden nicht von heute lebenden Menschen verfasst, weshalb man diese dafür nicht zur Rechenschaft ziehen oder ihnen dafür irgendeine Verantwortung geben kann.

    Das Auserwähltsein kann positiv oder negativ gemeint sein oder gedeutet werden, es kann je nach Absicht des Erfinders als Selbsterhöhung / Selbstüberhöhung, aber auch als Selbsterniedrigung verstanden werden. In jedem Fall handelt es sich um eine Selbstdiskriminierung.

    Für ein heutiges Beispiel der Selbstausgrenzung halte ich es, wenn jemand während der Berufsausübung die in unserer Verfassung garantierte Freiheit des Glaubens und des religiösen und weltanschaulichen Bekenntnisses sowie des Rechts der ungestörten Religionsausübung (GG Artikel 4, Sätze 1 und 2) dahingehend überdehnt, dass, entgegen z.B. einer Anzugsordnung / Dienstbekleidung während der Berufsausübung oder der in einigen Berufen gebotenen weltanschaulichen Neutralität (als Repräsentant des Staates), auf das Zurschaustellen der eigenen Religion mittels Kleidungsstücken nicht verzichtet werden will (siehe den Beitrag «Missverstandene Religionsfreiheit»).

    Ein anderes Beispiel der Selbstausgrenzung ist die Institutionalisierung einer Opferrolle, wie wir sie in Deutschland u.a. bei manchen in Vereinen organisierten Vertriebenen erlebt haben, die bis in die 1990er Jahre hinein darauf beharrt haben, dass ihre einstige Heimat, aus der sie nach dem von Deutschland angezettelten und verlorenen Zweiten Weltkrieg fliehen mussten, ihnen gehöre. In einem in den 1990er Jahren in einer Zeitung oder Zeitschrift veröffentlichten Leserbrief wurde dies mit den Worten persifliert „Der Landesverband der Ostgoten erklärt: Die Ukraine bleibt unser!“
    Ich halte jede Institutionalisierung einer Opferrolle für kontraproduktiv, weil man damit Ressentiments gegen sich hervorruft, über die man sich dann beklagt, was weitere Ressentiments hervorruft, über die man sich beklagt. Damit zieht man zwar eine stete Aufmerksamkeit auf sich, worin man einen vermeintlichen Vorteil für sich sehen kann, man verfestigt jedoch seine Opferrolle und schreibt diese fort. In einem Beitrag in der Wochenzeitung Die Zeit schreibt Heinrich Wefing u.a.

    Für den demokratischen Diskurs aber ist die Opferrolle ebenso fatal wie die Rebellenpose von Linken und Rechten.

    In einer leicht modifizierten Fassung des Rassismus-Begriffs des französisch-tunesischen Schriftstellers und Soziologen Albert Memmi heißt es:

    Der Rassismus ist die verallgemeinerte und verabsolutierte Wertung tatsächlicher oder fiktiver Unterschiede zum Nutzen des Anklägers und zum Schaden seines Opfers, mit der seine Privilegien oder seine Aggressionen gerechtfertigt werden sollen.

    Ein wenig anders formuliert, kann man zwischen positivem und negativem Rassismus unterscheiden, also der Zuschreibung bestimmter Eigenschaften aufgrund von Herkunft, Abstammung, Religionszugehörigkeit …, wenn diese Eigenschaften positiv oder negativ gedeutet werden. Beide Formen des Rassismus kann man in vielen Gesellschaften und politischen Lagern beobachten.

    Die Nationalsozialisten des Dritten Reichs haben unschuldige Menschen einst allein aufgrund ihrer Herkunft, Abstammung, Religionszugehörigkeit … in KZs eingesperrt und / oder ermordet. In anderen Diktaturen war und ist dies nicht wesentlich anders. Die historische Verantwortung für diese Verbrechen wird uns noch lange begleiten, auch wenn wir heute dafür keine persönliche Schuld mehr haben. Manche Verschwörungstheoretiker bezweifeln zwar, dass die deutschen Nationalsozialisten tatsächlich z.B. sechs Millionen Juden ermordet hätten. Doch selbst wenn sie nur einen einzigen Juden, einen Sinto, Roma, … wegen dessen Herkunft, Abstammung oder Religionszugehörigkeit ermordet hätten, wäre dies nicht entschuldbar — denn Herkunft, Abstammung, Religionszugehörigkeit, … sind kein Fehlverhalten. Jemanden wegen Herkunft, Abstammung, Religionszugehörigkeit … auch nur auszugrenzen, ihn positiv oder negativ zu diskriminieren, ist nicht hinnehmbar.
    Lediglich das Befolgen z.B. religiöser Vorschriften oder Gesetze kann in bestimmmten Fällen zu persönlichem Fehlverhalten führen, was man dann auch kritisieren darf. Ihn deshalb zu bestrafen, halte ich (in den meisten Fällen) für unangemessen. Sinnvoller finde ich es immer, ihm sein Fehlverhalten mit sachlichen, sachbezogenen Argumenten (z.B. Grundrechtekatalog unserer Verfassung, Allgemeine Erklärung der Menschenrechte) zu erläutern und ihm damit die Möglichkeit einzuräumen, das Fehlverhalten als solches zu erkennen. Einen Menschen deshalb zu ermorden oder ihn mit dem Tode zu „bestrafen“ kann jedoch nicht gerechtfertigt sein, zumal die Todesstrafe gar keine Strafe ist, sondern immer ein Racheakt.

    Der erste Schritt hin zur Integration ist nach meiner Erfahrung, sich nicht selbst auszugrenzen.

    Link zum Original:

    https://islamprinzip.wordpress.com/2019/01/12/herkunft-abstammung-religionszugehoerigkeit-fehlverhalten/