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Wirtschaft und Soziales

Happy_HumanDie Humanisten sehen in der Marktwirtschaft die einzige Form vernünftigen Wirtschaftens. Die Marktwirtschaft ist die einzige Wirtschaftsordnung, die mit individueller Freiheit vereinbar ist. Gleichzeitig hat die Marktwirtschaft immer wieder deutlich gemacht, dass nur sie allgemeinen Wohlstand begründen kann.

Eine konsequente Ausrichtung an der Marktwirtschaft bedeutet nicht, den Interessen der Mächtigen der Wirtschaft zu Diensten zu sein. Vielmehr ist die Marktorientierung das Eintreten für den Wettbewerb und das Zurückdrängen von Monopolisierung und Kartellbildung. Es gilt heute mehr denn je die Aussage von Walter Eucken: „Die Wirtschaftspolitik der Wettbewerbsordnung unterscheidet sich  von einer Politik der Freien Wirtschaft mehr, als sich die Wirtschaftspolitik der Freien Wirtschaft von der Zentralverwaltungswirtschaft in den letzten Jahrzehnten unterschied“.  Ziel marktwirtschaftlicher Politik ist nicht die Pflege der oligopolistischen Marktordnung, sondern der Einsatz für eine Marktwirtschaft, die sowohl von staatlicher Willkür wie von privater Wirtschaftsmacht frei ist.   

Die Marktwirtschaft ist die Wirtschaftsordnung, die ein Maximum an Wohlstand generieren kann. Zweifelsfrei hat die Entwicklung der Wirtschaft in den letzten zweihundert Jahren auch soziale Verhältnisse hervorgebracht, die zu Recht Kritik und den Wunsch nach Verbesserung laut werden ließen. Die Notlage der Arbeiter, die Marx eindringlich und richtig schilderte, ist von ihm unrichtig erklärt worden. Der große Irrtum in der Analyse von Marx ist die Tatsache, dass er die Marktformen ignorierte. Nicht die Trennung der Menschen in Eigentümer von Produktionsmittel und arbeitsuchenden Menschen ist die Ursache, sondern dass die Arbeitgeber, denen die Maschinen gehörten, in monopolistischen Marktformen nachfragten.

Häufig wird die ungleiche Einkommensentwicklung der letzten Jahre beklagt. Es ist deshalb zu beachten, dass zwischen Leistungsentgelt und der wirtschaftlichen Aktivität eine positive Korrelation besteht. Bei einer sehr gleichmäßigen Einkommensverteilung würde das Volkseinkommen geringer sein als bei einer ungleichmäßigeren, sofern sich die Ungleichmäßigkeit in jenen Grenzen hält, die von der Leistungsmotivation gedeckt sind. Eine hohe Wachstumsrate ist nur um den Preis einer ungleichmäßigeren Einkommensverteilung zu haben, eine gleichmäßigere kostet Wachstum. Ökonomische Ungleichheit ist unter einer Bedingung zu akzeptieren: Sie muss sich zum größtmöglichen Vorteil für die am wenigsten begünstigten Gesellschaftsmitglieder auswirken. Die Förderung der sozial Benachteiligten muss absolut gesehen werden und nicht relativ.

Das Eintreten für eine marktwirtschaftliche Ordnung bedeutet keineswegs die Schleifung des Sozialstaats. Eine vitale und dynamische Wirtschaft ist Voraussetzung für soziale Wohlfahrt. Der Sozialstaat kann nicht finanziert werden, indem man die innovativen Unternehmen, Leistungswilligen und Unternehmensgründer übermäßig mit Abgaben belastet und den wirtschaftlichen Standort belastet und damit in der Konsequenz die gesamte Wirtschaftskultur lähmt. Sozialleistungen sind nur dann dauerhaft gesichert, wenn Dynamik und Wachstum die Wirtschaft stärken.

Die Wirtschaft hat einen Anspruch auf faire Rahmenbedingungen. Das heißt, dass sie von unnötigen Belastungen befreit wird. Unsinnige Steuervorschriften, wie z. B. die Hinzurechnungen bei der Gewerbesteuer,  sind zu beenden und die Steuertarife sind so zu gestalten, dass sie nicht das Wachstum behindern. Gleichzeitig muss der Wirtschaft klar werden, dass sie ein Teil der Gesamtgesellschaft ist und nicht gegen sie handeln kann. In einer älter werdenden Gesellschaft hat die Wirtschaft Maßnahmen zu ergreifen, die Verbesserungen für ältere Arbeitnehmer zur Folge haben. Die Wirtschaft muss für Arbeitsbedingungen sorgen, in welchen junge Menschen mehr Mut zur Familiengründung entwickeln können.

Ein Mindestlohn ist anzustreben. Dies ist keine Aushöhlung des marktwirtschaftlichen Prinzips. Es wird damit nur ein Zustand korrigiert, in welchem der Staat durch Aufstockungsleistungen an Geringverdiener die Unternehmen indirekt subventioniert.

Menschen, die in Not geraten sind, verdienen die Unterstützung der Gesellschaft. Es ist nur eine Minderheit, die den Sozialstaat ausnutzt, deshalb muss der Grundsatz „Fördern und Fordern“ auch zukünftig gelten.         

Im Sinne der sozialen Gerechtigkeit  ist eine Steuerprogression zu begrüßen. Sie soll den Verteilungsprozess im Rahmen der Wettbewerbsorientierung korrigieren. Um die Wettbewerbsordnung zu erhalten, ist es nötig, die Progression zu begrenzen. So notwendig die Progression unter sozialem Gesichtspunkt ist, so notwendig ist es zugleich, durch die Progression nicht die Leistungsbereitschaft zu gefährden.

Für die Humanisten sind Vollbeschäftigung und solide Staatsfinanzen grundlegende Ziele. Deshalb ist mittelfristig eine deutliche Senkung der Staatsverschuldung anzustreben. Die Schuldenbremse ist hierzu ein bedeutsamer Anfang. Dass kurzfristige mit Schulden finanzierte Konjunkturprogramme keineswegs für eine nachhaltige Verbesserung der Vollbeschäftigung sorgen, sondern vielmehr langfristig zu einer Strangulation des Staates führen, hat die Schuldenkrise in der EU überdeutlich gezeigt. Die Humanisten versprechen sich durch eine vitale Marktwirtschaft eine bessere Wirkung für die Erwerbsquote.

Die Humanisten begrüßen im Grundsatz Arbeitnehmerschutzrechte. Es ist aber im Einzelfall zu überprüfen, inwieweit diese Beschäftigung hemmenden Effekt erzielen. (in Spanien hat das Schutzrecht für junge Arbeitnehmer dafür gesorgt, dass Spanien die höchste Jugendarbeitslosigkeit in der EU hat)

Die Humanisten fordern ein klares und vereinfachtes Steuerrecht. Das gegenwärtige Steuerrecht ist wegen der Kompliziertheit nicht mehr zumutbar. Diese Kompliziertheit führt dazu, dass für gleiche Steuertatbestände von den Steuerberatern und den Finanzämtern verschiedene Lösungen ermittelt werden. Steuerberater dürfen nicht mehr Steuerrater sein. Es ist auch auf dem Gebiet des Steuerrechts Rechtssicherheit zu gewährleisten.

Es sind Vorkehrungen zu treffen, dass inflationsbedingte Einkommenserhöhungen nicht mehr zu automatisch von höheren Tarifen erfasst werden. Die sogenannte „kalte Progression“ ist eine stille und automatische Steuererhöhung. Sie ist wirksam zu begrenzen.

Voraussetzung der Marktwirtschaft ist der Wettbewerb. Es sind Maßnahmen zu ergreifen, die den Wettbewerb sicherstellen bzw. für mehr Wettbewerb sorgen. Einer „vermachteten Wirtschaftsstruktur“ (Walter Eucken) ist entgegenzuwirken. Hierzu gehört auch die Förderung von Existenzgründungen.

In der Marktwirtschaft sind Insolvenzen ein natürlicher Sachverhalt. Es ist durch ein entsprechendes Insolvenzrecht sicherzustellen, dass auch Großbanken in der Insolvenzverwaltung ihren systemnotwendigen Verpflichtungen nachkommen können.

Aufgrund der demografischen Situation ist eine längere Lebensarbeitszeit nicht zu vermeiden. Es sind deshalb Anstrengungen zu unternehmen, um Arbeitnehmer länger in der Erwerbstätigkeit zu halten. Ein späterer Renteneintritt bei einem gleichzeitigen Verdrängen der älteren Arbeitnehmer durch ihre Arbeitgeber ist nicht länger hinzunehmen.

Die Humanisten sind im Grundsatz gegen staatliche Beteiligungen an Großunternehmen. Aber im Gegensatz zur FDP ist dies kein unerschütterliches Dogma. Ein staatliches Engagement an einem Unternehmen kann im Sinne der Marktwirtschaft sein, wenn dieses Unternehmen nach einer Übernahme mit dem übernehmenden Unternehmen zu einem Monopol wird. Die Verhinderung von Monopolstrukturen ist im Interesse des marktwirtschaftlichen Systems wichtiger als die Herkunft des Eigenkapitals. Solange staatliche Unternehmen sich in Wettbewerbsmärkte einordnen und die Preisbildung auf den Märkten nicht durch staatliche Subventionen gestört ist, sind sie in der Wettbewerbsordnung erträglich. 

Das Patentrecht ist zu reformieren. Es war Absicht, mit Patentrecht die technische Entwicklung zu fördern und den Erfinder zu schützen. Die Geschichte hat gezeigt, dass das Patentrecht eine starke Tendenz zur Monopolbildung und zur Konzentration ausgelöst hat. Patentinhaber sollten verpflichtet sein, die Benutzung einer Erfindung gegen eine angemessene Lizenzgebühr jedem ernsthaften Interessenten zu gestatten. In Bezug auf lebenswichtige Medikamente in ärmeren Ländern hat sich eine internationale Debatte über den Patentschutz entwickelt. So kämpft die „Treatment Action Campaign“ (TAC) in Südafrika für mehr Wettbewerb auf dem Pharmamarkt. Sie fordert, dass die Märkte durch die Abschaffung des Patentschutzes für Anti-Aids-Medikamente für kleinere Pharmahersteller geöffnet werden. Tausende von Menschen sind in den letzten Jahren an Krankheiten wie Aids oder Malaria gestorben, weil die Oligopolgewinne die lebenswichtigen Medikamente unbezahlbar gemacht haben. Die Versorgung der Kranken würde besser aussehen, wenn auf dem Pharmamarkt ein echter Wettbewerb herrschen würde.

Tausende von unabhängigen Saatgutunternehmen sind in den letzten Jahrzehnten verschwunden. Millionen von Landwirten wird das Recht genommen, ihr eigenes Saatgut weiter zu vermehren und damit Vielfalt zu sichern. Immer weniger Oligopole entscheiden über Ernährungsgrundlagen, von denen die Menschheit abhängt. Es ist zu prüfen, ob hier eine Reform des Sortenschutzrechtes Abhilfe schaffen könnte.

 

Weitere Arbeiten zum Thema zum Thema der geplanten Partei "Die Humanisten" siehe hier.

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Islam trifft Moderne

Je geringer die Bildung desto größer die Gewissheit, im Besitz der Wahrheit zu sein. Das ist eine Binsenweisheit, die sich an den verschiedensten Objekten eindeutig belegen lässt. Der Intelligente fragt sich, warum denn wohl der Apfel vom Baum gefallen ist, der Tölpel freut sich, ihn nicht erst pflücken zu müssen, und frisst ihn auf. Weitergehende Gedanken sind Zeitverschwendung.

Die richtigen Fragen zu stellen hängt dabei allerdings nicht nur von der persönlichen Intelligenz eines Individuums ab, sondern vor allem auch davon, wie viele Fragen eine Gesellschaft überhaupt zulässt. Repressive Strukturen begünstigen weder das Fragenstellen noch die Kreativität. Das beginnt in den Familien mit stark patriarchalischer Ausrichtung, setzt sich in Schulen fort, in denen die Autorität des Lehrers davon lebt, dass seine Meinung sakrosankt ist, endet beim Militär in einem starren System von Befehl und Gehorsam. Wer all dies durchlaufen hat – nie angereizt, eigene Fragen zu stellen – hat schließlich auch an der Universität das Fragen verlernt. Dergleichen geschlossene Gesellschaften können es sich sparen, Geld für Forschung und Wissenschaft zu investieren. Es wird nicht viel dabei herauskommen.

Wer an dieser Stelle vorankommen will, tut sich keinen Gefallen, wenn er diese Strukturen unangetastet lässt. Nur wer die Fesseln einer solchen Gesellschaft zu sprengen in der Lage ist kann eine gewaltige Welle an Kreativität freisetzen. Vollständig wird aber auch dies nur gelingen, wenn parallel zur Sprengung dieser allgemeinen Fesseln auch und vor allem die von der Gesellschaft den Frauen auferlegten Fesseln fallen. Ohne Gleichberechtigung der Geschlechter keine wahre Freiheit.

Mit der Auferlegung fesselnder Denkverbote haben vor allem die monotheistischen Religionen den Menschen über Jahrhunderte hin Schreckliches angetan. Dabei denke ich weniger an die physische Verfolgung von Häretikern oder Apostaten (so schlimm diese Verbrechen auch sein mögen), sondern an die allgemeine Lähmung, die sich aus solchen Denkverboten notwendigerweise ergibt. Eine attraktive Betrachtung der Wissenschaftsgeschichte ohne Einfluss solcher hemmenden Faktoren kam ja (vielleicht scherzhaft, aber durchaus überzeugend) zu dem Schluss, dass die ersten Züge im 11. Jahrhundert verkehrt hätten und im 15. Jahrhundert der Flug zum Mond geglückt wäre. Die Fantasie reicht wohl nicht so weit sich vorzustellen, wo wir heute stünden.

Der Befreiungskampf begann mit einem ersten kleinen Schritt vor nunmehr knapp 500 Jahren und manifestierte sich (der Sage nach) in einem ketzerischen Pamphlet eines kleinen Mönchs an einer Kirchentür in Wittenberg. Das mag gering klingen, doch immerhin ermöglichte diese daraufhin einsetzende „Reform“ zumindest das Gefühl, anders sein zu dürfen, dem Einheitsbrei entronnen zu sein. Das Entweichen aus der Uniformität ist immer ein erster Schritt zur individuellen Befreiung und damit sehr häufig zur geistigen Entfaltung. Die Geschichte von Aufklärung, technischen Revolutionen, Industrialisierung und Entwicklung in eine Forschungsgesellschaft muss ich hier wohl nicht nachzeichnen. Sie ist bekannt. Sie hat Gewaltiges erreicht, birgt in ihrer postmodernen Version allerdings auch erhebliche Risiken, die aber hier nicht unser Thema sind.

Unglücklicherweise hat sich die Menschheit in diesen Fragen nicht symmetrisch entwickelt. Was lange Zeit zunächst durch Kolonialismus, später den Ost-West-Konflikt fast völlig verdeckt wurde, tritt nun zunehmend als „Clash of Civilisations“ in den Vordergrund und führt vor allem an den Nahtstellen zu erheblichen Verwerfungen und teilweise auch großen Ängsten. Auf diese außerhalb Europas stattfindenden Konflikte, bei denen sehr viel Blut fließt, mag ich hier nicht eingehen.

Vielleicht ist es etwas überspitzt, aber man kann cum grano salis sagen, dass auch in Deutschland, oder allgemein in Westeuropa, eine fortschrittliche, menschenrechtsorientierte Zivilisation auf archaische Kulturen trifft, die so gar nicht ins Weltbild passen wollen. Entsprechend hilflos wirken viele Reaktionen auf diese neue gesellschaftliche Herausforderung. Und nun ist es wieder ähnlich wie mit dem fallenden Apfel. Der Intelligente analysiert die Situation und entwickelt Lösungsmöglichkeiten, der Tölpel will das Problem dadurch umgehen, dass er den störenden Faktor aus dem Lande wirft, was aber ohne Missachtung unserer zivilisatorischen Errungenschaften kaum möglich ist. Da es auch müßig ist, sich darüber Gedanken zu machen, wie es zu dieser Situation gekommen ist, bleibt zunächst einmal festzuhalten: in Europa leben Moslems – für manche noch immer eine geradezu entsetzliche Vorstellung! Doch: „der“ Islam ist hier angekommen, er wird nicht wieder weichen. Das sei allen Träumern ins Gebetbuch geschrieben, die da immer noch glauben, nur eine neue Reconquista führe zur Rettung des untergehenden „jüdisch-christlichen“ Abendlandes. Wer davon träumt, ohne aktiv etwas zur Lösung der zweifellos anstehenden Probleme beizutragen, wird eines unguten Morgens aufwachen und einsehen müssen, dass sein Kampf verloren ist.

Der erste große Fehler einer falschen Betrachtungsweise liegt ja bereits darin, von dem Islam und den Moslems zu sprechen, wenn das Problem angegangen wird. Diese Pauschalierung führt dann schnell zu einigen unguten Unterstellungen. Ich will es einmal versuchen anders deutlich zu machen worum es geht. Wenn ich hier in Tunesien Leute befrage, was sie denn so vom Christentum wissen (und ich tue das seit nunmehr 14 Jahren), so kommt unter dem Strich immer wieder dasselbe heraus: Christen haben den Propheten Isa Ben Mariam zum Gott erhoben, sind also Polytheisten, und repräsentieren eine archaische Urform von Glauben, die sie möglichst bald gegen den viel weiter entwickelten Islam eintauschen sollten. Der letzte Gesandte Gottes war ja schließlich Mohammed – also muss der die Wahrheit wissen und nicht die fehlgeleiteten Christen. Auf weitergehende Fragen nach der Aufspaltung des Christentums in Hunderte von konkurrierenden Konfessionen, Sekten und Grüppchen kommt in aller Regel nur ein unwissendes Kopfschütteln.

Ganz Vergleichbares, Pauschalierendes findet sich in Europa, wenn man Christen nach dem Islam befragt. Zum Beispiel ist auch hier wenig bekannt, in welche Gruppen und Grüppchen sich all das aufgespalten hat, was gemeinhin unter „Islam“ subsummiert wird. Es ist nicht unser Thema, doch der Interessierte lese es hier in Kurzform nach: Welche Strömungen gibt es im Islam?. Der größte Fehler der so genannten christlichen Islamkritiker liegt aber in einer viel weitergehenden Unterstellung: Ein Moslem ist nur dann ein Moslem, wenn er buchstäblich nach den überkommenen Rezeptbüchern (Koran und Ahadith) lebt. Für alle diejenigen, auf die das nicht zutrifft (und das ist die übergroße Mehrheit) gilt dann eben: „Da ist der Chip drin“. Sie werden also denunziert als Schläfertruppe oder fünfte Kolonne, die im Fall der Fälle sofort bereit ist, für Ihre Religion einzuspringen und alle Ungläubigen abzumurksen. Das ist erkennbar aus Angst geborener Unsinn.

Betrachtet man „moderne“ islamische Gesellschaften (auf die Gefahr hin, eine contradictio in adiecto zu produzieren), so stellt man schnell fest, dass dem durchaus nicht so ist. Das Stichwort heißt auch dort Frauen und Bildung. Vom stark westlich geprägten Libanon einmal abgesehen, hat zweifellos Tunesien unter den arabischen Ländern den höchsten Bildungsstandard und die am besten entwickelten Freiheitsrechte für Frauen. Allein diesem Umstand ist es zuzuschreiben, dass im Gefolge der Revolution vom 14. Januar 2011 (der neue Nationalfeiertag, es wird bereits fleißig geschmückt) die Extremisten zwar einen relativen Erfolg verbuchen konnten, aber weit davon entfernt sind, die Geschicke dieses Landes in Richtung der Shari’âh zu verändern. Selbst bei ihnen setzt sich die Erkenntnis durch, dass eine moderne Wirtschaft ohne bürgerliche Freiheiten nicht zu realisieren ist. Das bringt zwar den Salafisten Zulauf (teilweise auch den Terroristen von Al-Qaida du Maghreb Arabe), doch sind das überschaubare Größen, die mit sicherheitstechnischen Mitteln weitgehend unter Kontrolle gebracht werden können.

Welche Erkenntnisse ermöglicht das für die Situation in Europa, speziell in Deutschland? Da nach unserem Selbstverständnis restriktive und undemokratische Methoden ausscheiden, kann es auch hier nur ein Motto geben: Bildung und Frauenbefreiung. Wenn man mir an dieser Stelle entgegenhält, dass auch ein Mohammed Atta „gebildet“ war, dann sei gesagt, dass Bildung nicht vor Torheiten schützt, doch die Chancen dazu im statistischen Mittel erheblich reduziert. Beide Ansätze zu diesen Problemlösungen sind kürzlich auf Wissenbloggt zu Gehör gekommen. Am besten bringen sich ohne Zweifel an dieser Stelle nicht irgendwelche gebildeten deutschen Oberlehrer ein, sondern diejenigen, die ganz nahe am Sachstand sind wie Ali Utlu mit Ali Utlus Appell oder die Damen von FreeMinds mit Waiting for your rescue. Ihnen sollte unsere vollste Sympathie, Unterstützung und Ermutigung gelten. Ich gehe davon aus, dass sich solche Initiativen in zunehmenden Umfang bilden werden. Wo immer möglich, sollten gerade Humanisten an ihrer Seite stehen. Auch eine ganz und gar nicht untypische Erfolgsgeschichte durften wir auf WB bereits lesen: Zwischen Moschee und Moderne

Einen ganz schwierigen Punkt in unserem Zusammenhang stellen dabei die islamischen Organisationen dar, die ganz offiziell vorgeben, „die“ Moslems in Deutschland zu vertreten, obwohl dies nur für einen ganz geringen Teil gilt. Sie greifen dennoch nach dem Vorbild der Staatskirchen nach politischer Macht mit Einfluss auf Medien und Gesellschaft. Die humanistische Antwort dürfte auch an dieser Stelle klar sein, obwohl das unseren christlichen Freunden überhaupt nicht schmeckt.

Ich hoffe, mit diesem Aufsatz ein wenig zur Versachlichung der Diskussion beizutragen und würde mich freuen, wenn er bei der Formulierung unseres Programms zur Integrationspolitik von DIE HUMANISTEN Berücksichtigung fände.

Der Artikel stammt vom Januar 2013.

Weitere Arbeiten desselben Autors siehe hier.

 




Was humanistisch ist

Was humanistisch ist, ist weltlich, ergreifbar, und faktenbezogener Humanismus ist die Antwort auf der langen Suche nach einer Begründung der Moral und des menschlichen Handelns.

Es ist eine Antwort auf die von den Menschen gestellten Fragen, von dem Menschen, dem denkenden Tier dieses Planeten.

Er ist grundlegend existenziell und gleichzeitig diesseitig. Säkularer Humanismus ist die praktische Umsetzung all der Werte der grenzüberschreitenden humanistischen Aufklärung.

Er ist evolutionär und zugleich revolutionär. Humanismus ist also der Ausgang des Menschen aus seinem selbstverursachten und selbstverschuldeten Nicht-Denken.

Er ist zugleich ein gerechtes Nein zu der aus seit Jahrhunderten bestehenden Irrationalität und dem (Aber)Glauben. Säkularer Humanismus ist den alten Hirten der Religionen und der massenpopulistischen Politik ein neues Gespenst, das  diesmal nicht nur über dem europäischen Kontinent, sondern über den gesamten Globus fliegt und die von den Irrationalitäten besessenen Menschen nicht nur erschreckt, sondern ihnen durch das wahre Erschrecken ihre Augen öffnet und aus dem tausendjährigen religiösen, inhumanen und wie Pest seelenfressenden Wahnschlaf aufweckt.

Säkularer Humanismus ist dem postmodernen Menschen der Schlüssel zu seinen Freiheiten. Der Schlüssel zur Bekämpfung all der neuartigen, aber auch seit unweiten Ewigkeiten schon vorhandenen Gesellschaft-zerstörenden und menschenrechtsverletzenden Gedanken der an ihrem Profitdenkenden, der Unfreien.

Der säkulare Humanismus ist das Gegenmittel jeglicher islamischen Fatwa. Er ist das Anti-Blasphemie-Gesetz an sich.

Der Inbegriff der Umwertung aller scheinheiligen Werte in einem Begriff wie eine Salbe gegen die von den Irrationalitäten, Engstirnigkeit, Dogmen, Aberglauben, Diktatoren und im Allgemeinen den Menschenrechtsverletzungen den Menschen zugefügten Leiden.

Er ist des Menschen Selbstverwirklichung als ein Individuum in der Kollektivität seiner Mitmenschen zugrundeliegend und der kollektiven Einheit einer Gesellschaft, bestehend aus endlich vielen Individuen, dem Pluralismus verbunden und der Demokratie treubleibend.

Der Humanismus sei als ein menschliches Universum der menschlichen Subjektivität zu erfassen, erklärte Jean Paul Sartre schon einige Male.

Die Nicht-Erforderlichkeit im Sinne der Nicht-Notwendigkeit des auf unbewiesenen Annahmen basierten Glaubens in der heutigen Welt ist mit der Verflechtung der eigenen menschlichen Unmündigkeit, dem Nicht-Vorhanden-Sein eigenen Mutes zum selbstständigen Denken durch existent basierten Fakten verbunden.

Nichtsdestotrotz wird das Recht auf Glauben in keinem Wege von säkularen Humanisten bestritten. Jeder wird seinem Glauben überlassen! Die Auswirkung der Religion auf die Gesellschaft und die Machtansprüche und angenommenen Wahrheitsansprüche jeglicher Glaubensrichtungen sind aber die unbestrittenen Fakten in unserer globalen Gemeinschaft. Darauf kann man sich nicht mehr in subjektiver Weise einlassen, die religiösen Wahrheitsansprüche beinhalten objektiv keine Wahrheit, keine wirkliche Begebenheit, und deren Moral-Askese ist einem fesselnden Gurt ähnlicher als befreiende Flügel für einen Gefangenen, gespannt und gestrickt um das Hirn des denkenden Tiers, es bietet keine Lösungen, sondern es verleugnet gerade das, was besteht. Religionen wirken als Barriere zuerst gegen menschliches Denken.
Die Ausübung der Religionskritik und im allgemeinen der Kritik an bestehender Irrationalität sind der erste Schritt zur Erweiterung der Grenzen eines beschränkten Gebietes der menschlichen Freiheiten. Der Rand dieses Gebietes besteht aus unbewiesenen Annahmen, die nur in dem Gehirn der Menschen existieren und wofür weder explizite noch implizite Belege vorhanden sind, dass sie in der Wirklichkeit auch gelten könnten. Aus dieser Sicht zeigt der Grad der Religiosität eines Menschen gerade den Grad seiner Unwissenheit über das, was er für sich als eine wahre Aussage annimmt, ohne dass die Wahrheit solcher Annahmen überhaupt bewiesen werden kann. In diesem Sinne ist dann der Mensch unfrei gegenüber seiner eigenen möglichen Denkentfaltungen.

 

 

Die Meinung des Gastautors muss nicht der Redaktionsmeinung entsprechen.

 

Weitere Arbeiten desselben Autors siehe hier.

 




Direkte Demokratie

DirektIm Folgenden handelt es sich noch nicht um einen konkreten Programmpunkt von DIE HUMANISTEN, sondern um grundsätzliche Überlegungen von unserem Schweizer Freund Andreas Zaugg, die wir bei der Formulierung von Einzelvorschlägen zu diesem Thema bedenken sollten.

Lang und Intensiv habe ich mir Gedanken über die deutsche „Demokratie“ gemacht. In meinen Augen ist Deutschland sehr weit davon entfernt eine Demokratie zu sein. Ich würde es eher selbstgewählte Unmündigkeit nennen. Sicher ist hier in der Schweiz auch nicht alles perfekt. Aber nur weil Ihr in Deutschland eure Metzger selber wählen dürft reicht das noch lange nicht, um Deutschland als Demokratie zu bezeichnen. Auch kann ich mich nicht für die Idee begeistern, die direkte Demokratie nur für belanglose Nebensächlichkeiten einzuführen. Das Volk oder die Opposition müssen die Möglichkeit haben, Regierungsentscheide per Referendum anzufechten, oder eine Initiative durchzuführen, wenn die Regierung eine Problematik ignoriert und zwar Verbindlich. Nur wie führt man in Deutschland Demokratie ein bevor man selbst Regierung ist? Auf diese Frage habe ich bis heute noch keine Antwort. Klar müssen Internationales Recht und vor allem die Menschenrechte eingehalten werden (siehe Schweizer Minarett-Abstimmung). Am deutschen Koalitionssystem kann ich auch nichts demokratisches sehen, denn damit wird Demokratie ausgehebelt, temporäre Koalitionen zu Sachfragen gehen in Ordnung, aber als festinstallierter Regierungspakt macht das keinen Sinn, denn so werden die kleinen Parteien zu „Nutten“ der Großen degradiert. Was mich aber am meisten erstaunt ist, dass viele Deutsche gar keine direkte Demokratie wollen und lieber über die Regierung fluchen als selber mitzuentscheiden. Zum Beispiel ich persönlich habe noch nie einen Politiker oder eine Partei gewählt, da es weder Parteien noch Politiker gibt, die meine Interessen vertreten, aber zu Sachfragen, die mich interessieren, gehe ich regelmäßig zum Abstimmen. Wenn ich Deutscher wäre, würde mich Politik in etwa soviel interessieren wie Sockenstricken, nämlich gar nicht. Zum Schluss möchte ich noch den wenigen danken die in meiner Arbeitsgruppe aktiv mitgewirkt haben.




Der Gott der Atheisten

Gott AtheistenMir wurde gerade die Frage offenbart, warum sich Humanisten eigentlich so sehr mit der Gottesfrage und mit Religion befassen, anstatt sich um ihren eigenen Kram zu kümmern? Man bekommt ja fast den Eindruck, ihnen wäre Gott viel wichtiger als er es den meisten Gläubigen ist.

Während der Atheismus für religiöse Menschen und ihre Institutionen nur eine marginale Rolle spielt, so nimmt die Beschäftigung mit Gott und Religion für engagierte Atheisten und Humanisten einen wichtigen, wenn nicht zentralen Platz ein. Ebenso lässt sich mit diesem Thema überproportional viel Aufmerksamkeit erzeugen. Auch meine eigenen Texte und Videos zum Thema Atheismus haben ein größeres Publikum angelockt als die anderen. Warum? Dabei ist es eigentlich nur – wie selbst der “Amazing Atheist” einräumte – ein Randthema.

Es ist mir ebenso ein Rätsel, wie man sich jahrzehntelang vornehmlich mit diesem Thema beschäftigen kann, wie das bei vielen führenden Humanisten der Fall ist. Mir wurde es nach ein paar Jahren langweilig – und das aus gutem Grund. Wie der Philosoph Raymond Tallis in seinem neuen Buch (siehe die Besprechung vom Spiked-Magazin) In Defense of Wonder schreibt, ist Atheismus nicht das Ende der Philosophie, sondern ihr Anfang.

Es genügt nicht, nur gegen Religion zu sein. Atheisten haben viel anspruchsvolle Arbeit zu leisten, wenn sie auf dem “Markt der Weltanschauungen” ernstgenommen werden möchten. Mindestens sollte man als Religionskritiker in der Lage sein, eine echte Alternative aufzuzeigen. Also eine Philosophie. Ja, man sollte seine eigene Philosophie ohne Bezug auf Religion darstellen können. Ansonsten wären atheistische Weltanschauungen am Ende nur Parasiten der Religionen, die sich dadurch auszeichnen, lediglich die Gebote und Behauptungen der Religionen abzulehnen oder deren Gegenteil zu fordern.

Greift man nur den Glauben an, wirkt man destruktiv. Damit trifft man die schlechten Seiten der Religion ebenso wie das, worauf Menschen in der ein oder anderen Form nicht verzichten können. Eigentlich sollte man nur Elemente der Religion kritisieren, auf die man ganz verzichten kann oder für die man eine Alternative im Angebot hat. Die Religion rundherum zu verdammen und an ihre Stelle irgendwelche unverdauten Ideen zu setzen, die man in der Jugend aufgesogen hat (z.B. freie Liebe, Sozialismus), ist nicht konstruktiv.

Das bloße Draufhauen auf die Religion ist kindisch. Man hat sich mit einem bestimmten Thema genauer befasst und weiß es daher besser als die anderen. Und daraus folgert man unzulässigerweise, dass man nun alles besser weiß als die anderen und sie nur Religioten sein müssen.

Man sollte hier also unterscheiden zwischen legitimer Kritik und kontraproduktiven Kindereien. Legitim ist es, konkrete Institutionen, Personen, Elemente von Religionen zu kritisieren, wenn sie individuelle Rechte nicht achten. Da ist grundsätzlich alles und jeder in Punkto Kritik vogelfrei, der sich so verhält (Atheisten natürlich ebenso). Hier wäre dann die mangelnde Trennung von Kirche und Staat ein Thema, über das man sich berechtigterweise aufregen kann.

Eine Kinderei ist es, gläubige “Dümmerchen” zu verspotten, wenn man selber keine Ahnung hat, was man an die Stelle falscher Glaubensannahmen setzen würde. Wer eine rationale Metaphysik, Epistemologie, Ethik, Politik, Ästhetik im Angebot hat, der kann die Konkurrenz kritisieren und zugleich seine Alternative erläutern. Wer das nicht hat, der sollte sich auf die Kritik von individuellen Rechten beschränken und anderweitig die Klappe halten, bis er es besser weiß. Ansonsten nimmt er gläubigen Menschen nicht nur die negativen Aspekte ihrer Ansichten weg, sondern alles – auch das, was ihrem Leben einen Sinn oder wenigstens einen größeren Sinn verleiht. Und an dessen Stelle setzt er nur pseudointellektuelles Gelaber oder Nihilismus.

Religionskritik kann also legitim sein und auch mit Sátire und allem Möglichen arbeiten. Aber sie ist nicht notwendig legitim und es gibt keinen Freischein für rein destruktives Verhalten.

Original bei Feuerbringer

Literatur: Defence of Wonder

 

Die Meinung des Gastautors muss nicht der Redaktionsmeinung entsprechen.

 

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Weltanschauliche Wörterkunde

WörterEin Beitrag von Jan M. Kurz (Initiative Humanismus, Partei der Humanisten).

Als Freund von sprachlicher Präzision pflegen ich und eine Vielzahl weiterer Menschen in Diskussionen und Erörterungen, egal ob auf schriftliche oder sprachliche Weise, auch in weltanschaulichen oder philosophischen Themengebieten gerne eindeutige Fachformulierungen zu verwenden. Da die allermeisten dezidierten Humanisten mit diesem Vokabular vertraut sind, stellt das auch in aller Regel kein Problem dar und ist allgemein für die inhaltliche Klarheit von Vorteil. Hin und wieder kommt es jedoch vor, dass diese semantische Vorgehensweise als zu theoretisch wahrgenommen wird und einige Diskussionspartner, die mit religionskritischer und philosophischer Literatur nicht so eng vertraut sind, darin gar eine Art der Verwirrungstaktik ausmachen wollen. Das ist auch alles andere als unverständlich, denn die Vielfalt charakterisierender Begrifflichkeiten und weltanschaulicher Definitionen ist groß und nicht immer leicht zu durchschauen. Zudem klingen die Wörter recht ähnlich und unterscheiden sich sowohl inhaltlich, als auch schriftlich nur in Nuancen. Ein kompakter Überblick über weltanschauliche Definitionen und Charakteristika ist daher gewiss hilfreich.

Spektrum der Glaubensintensität

In seinem berühmten Werk „Der Gotteswahn“, herausgegeben im Jahre 2006, liefert der international bekannte Biologieprofessor, Religionskritiker und Aufklärer Clinton Richard Dawkins die Formulierung einer theistischen Glaubensskala in 7 absteigend angeordneten Punkten. Sie reichen vom fundamentalistischen Glauben an übernatürliche Wesen oder Welten bis zum solide begründeten Atheismus. Besondere Begrifflichkeiten werden dort für die einzelnen Abstufungen nicht verwendet, stattdessen erklärt ein einzelner Satz die jeweilige Stufe der Intensität genauer. Im Sprachgebrauch bietet es sich aber besser an genaue Begriffe an Stelle von Zahlen zu verwenden, die außerdem ausgiebiger definiert sind. Abgestuft von stark gläubig nach in keiner Weise gläubig sind das die folgenden:

1.) Theismus/Der Theist: Unter Theismus (Götterverehrung) versteht man den Glauben an eindeutig und fest definierte übernatürliche, man kann auch sagen „magische“ Kreaturen, Wesenheiten oder jenseitige Welten. Ihre Definition erhalten diese übernatürlichen Dinge bei organisierten Religionen in der Regel in „heiligen“ Büchern oder besonderen Regelwerken (Evangelien, Katechismen), oder im Falle anderer Phantasievorstellungen durch einfache Niederschrift oder kulturelle/rituelle Übereinkunft. Der Begriff leitet sich vom griechischen Theos (dt.: Gott) ab und bezeichnet ursprünglich nur die Verehrung von einer oder mehrerer Gottheiten. Man spricht entsprechender Weise dann von Polytheismus oder Monotheismus. Die abrahamitischen Religionen Islam, Christentum und Judentum sind monotheistisch, der Glaube der antiken Ägypter, Griechen und Römer, sowie der Hinduismus sind polytheistisch. Von einem wissenschaftsphilosophischen Gesichtspunkt aus fällt in die Kategorie des Theismus aber auch der Glaube an andere definierte und unbewiesene „Dinge“, wie Einhörner, Feen, Elfen, Trolle, Kobolde, Orks, Zwerge und Russels schwebende Teekanne, sowie der Weihnachtsmann und das fliegende Spaghettimonster. Sogar der Glaube an eine Seele, einen metaphysischen freien Willen, das Leben nach dem Tod, Himmel und Hölle oder ähnliches ist auch für sich allein genommen ohne die zusätzliche Annahme eines oder mehrerer in die Naturgesetze und das Leben der Menschen eingreifender Götter ein Teil des Theismus.

2.) Deismus/Der Deist: Dem gegenüber ist der Deismus (Gottgläubigkeit) bereits ein großer Fortschritt an Rationalität. Ein Deist geht keineswegs davon aus, dass Götter oder andere Zauberwesen in die Naturgesetze eingreifen würden oder sich in irgendeiner Art und Weise für die Menschheit oder gar einzelne Individuen dieser interessierten. Bekannte Vorstellungen der Offenbarungsreligionen hegt er überhaupt nicht. Im Deismus gibt es keine Charaktergötter oder andere übernatürliche „Spezies“ wie eierversteckende Osterhasen oder die Zahnfee. Dennoch spielt der inflationär gebrauchte Begriff „Gott“ eine wichtige Rolle im nicht vollständig wissenschaftlichen Weltbild des einfach Gottgläubigen, nämlich beim so gedachten Schöpfungsprozess. Gott ist an dieser Stelle also eine handelnde Entität, die das Universum erzeugt hat und danach keine weitere Rolle mehr spielt. Ein Deist glaubt folglich auch an eine Form von Metawelt, innerhalb oder außerhalb des Universums, wo dieses Wesen seither heimisch (und arbeitslos oder tot?) ist.

3.) Panentheismus/Der Panentheist: Eine noch stärker abgespeckte Form des Glaubens ist der Panentheismus (alles in Gott). Dieser Begriff wird wegen seiner eng umgrenzten Zwischenrolle im Gegensatz zu den anderen hier genannten so gut wie nie benutzt. Der Panentheist glaubt schlicht und einfach an irgendetwas völlig undefiniertes „Höheres“ im Kosmos, das sich angeblich dem menschlichen Verstand auf alle Ewigkeit entziehe und über das mittels der wissenschaftlichen Methode prinzipiell niemals Gewissheit erlangt werden könne. In Anlehnung an ein geflügeltes Wort des deutschen Mediziners Emil Du Bois-Reymond aus dem 19. Jahrhundert kann man den Panentheismus daher auch als Ignorabimus-Glaube („Wir werden nicht wissen!“) bezeichnen. Ein historisches Beispiel für eine panentheistische Vorstellung wären die Annahmen sogenannter Vitalisten von einer unergründlichen Lebenskraft (Vis vitalis) oder der Glaube an eine freie Energie der Anhänger von Nikola Tesla. Auch viele moderne esoterische Gespinste und allgemein pseudowissenschaftliche Annahmen könnte man als panentheistisch (oft aber auch deistisch) einordnen.

Widerlegbar oder nicht?

Bekannt ist sicher, dass viele Religionskritiker und Naturwissenschaftler freimütig zugeben, dass man religiöse Vorstellungen beziehungsweise die physikalische Existenz von Gottheiten nicht widerlegen könne. Das ist aber ein wenig missverständlich formuliert. Was stimmt, ist der Sachverhalt, dass sich theistische, deistische und panentheistische Vorstellungen nicht durch empirischen Erkenntniserwerb widerlegen lassen, was – wie an dieser Stelle stets umgehend hinzugefügt wird – gemäß der Regeln des Wissenserwerbs auch nicht notwendig ist. Denn derjenige, der eine Behauptung (eine Hypothese) formuliert, ist in der Pflicht sie zu beweisen, nicht umgekehrt. Was ohne Beweise behauptet werden kann, kann auch ohne Beweise verworfen werden (Hitchens Razor Prinzip). Der unkompliziertesten Erklärung eines Sachverhalts ist stets Vorzug zu geben (Occam´s Razor Prinzip).

Innerhalb der Erkenntnistheorie ist der Wissenserwerb über ein Subjekt gemäß dem Fallibilismus allerdings erst der zweite Schritt der Untersuchung. Wenn ein Untersuchungsobjekt bereits an logischer Konsistenz scheitert, braucht man sich um empirische Untersuchungen keine Gedanken mehr zu machen. Denn während nur ein Bruchteil der logisch konsistenten Dinge auch real existent ist, ist die Existenz eines logisch unmöglichen Dings real unmittelbar ausgeschlossen. Gegen die präzise definierten Konzepte des Theismus und Deismus lassen sich mit Leichtigkeit Widerspruchsbeweise durch Logik führen (Reductio ad absurdum), was alle weiteren Überlegungen überflüssig macht. Bei Panentheismus funktioniert das allerdings aufgrund zu schwammiger und absichtlich diffuser Vorstellungen häufig nicht. „Irgendwas Höheres“ ist kein Begriff, mit dem man vernünftig arbeiten könnte. Widerlegen lässt sich dieser Minimalglaube (und nur dieser!) daher nicht.

4.) Pantheismus/Der Pantheist: Ein Pantheist wiederum ist etwas gänzlich anderes als ein „Irgendwas-Gläubiger“. Oft bezeichnet man diese bereits vollständig naturalistische Auffassung der Welt auch nach ihrem berühmtesten Vertreter als Einstein-Glaube, oder kosmische Spiritualität. Einen transzendenten Gott gibt es in dieser Weltsicht nicht, weder als Erlöser, oder einfache Schöpferfigur, noch als geisterhafte Unergründlichkeit. Auch alle anderen übernatürlichen Erfindungen fallen damit weg. Pantheismus ist eine vollständig atheistische und damit naturalistische Weltanschauung, innerhalb derer der Begriff „Gott“ hin und wieder als bloße Metapher für die Gesamtheit der Naturgesetze, das Universum oder die Welt beziehungsweise die belebte Natur gebraucht wird. Richard Dawkins beschreibt den Pantheismus daher auch als aufgepeppten Atheismus. Viele Naturwissenschaftler und Philosophen bemühen sich besonders intensiv um eine poetische und ästhetisch ausgeschmückte Artikulationsform wissenschaftlicher Erkenntnisse, die dadurch für die Allgemeinheit manchmal leichter verständlich wird und nennen sich nicht zuletzt im Zuge dessen Pantheist.

5.) Atheismus/Der Atheist: Eine Person die sich stattdessen lieber als Atheist bezeichnet wird auf solch für viele gläubige Menschen sehr missverständliche Formulierungen lieber ganz verzichten und sich schlicht Atheist (ohne Gott) nennen. Insbesondere Theisten haben nämlich die Angewohnheit Pantheisten unredlicherweise als religiöse Personen zu deklarieren. Atheismus bezeichnet die Nichtannahme, respektive Verwerfung jeder logikwidrigen oder empirisch mutwilligen Hypothese über die physikalische Existenz einer supernaturalistischen Entität oder Metawelt. Eine Person die zwar nicht an einen Offenbarungsgott glaubt, dafür aber an die Existenz der Zahnfee, ein Leben nach dem Tod oder die Wirksamkeit von Zauberwasser lässt sich kaum als Atheist bezeichnen.

Bright oder Super?

Nach einer Nomenklatur des britischen Philosophen Daniel Dennet lassen sich die ersten drei Definitionen dem Supernaturalismus zurechnen, da in Theismus, Deismus und Panentheismus Elemente des Übernatürlichen in verschieden starker Ausprägung zu Geltung kommen. Menschen die in ihrer Weltsicht auf logikwidrige oder gänzlich unbelegte Vorstellungen zurückgreifen müssen, werden demnach oft unter der Bezeichnung Supernaturalisten zusammengefasst. Pantheisten und Atheisten, deren Weltbild hingegen einzig und allein auf der wissenschaftlichen Erkenntnismethode und rationalen Überlegungen fußt gelten im Gegensatz dazu als Naturalisten. Mit Ökologie oder Umweltschutz hat dieser Begriff nichts zu tun und um Verwirrungen vorzubeugen schlug Dennet darum die Alternativbeschreibung Bright (hell, klar, schlau) vor, die sich allerdings bislang nicht wirklich durchgesetzt hat (vermutlich weil sie als zu selbstgefällig wahrgenommen wird). Da Wissen niemals Endgültigkeit beanspruchen kann und stets im Zuwachs begriffen ist, ändern sich mit der Zeit die Kriterien und Anforderungen, nach denen sich ein Mensch als Naturalist bezeichnen lässt. Ein weit verbreiteter Kenntnisstand kann beispielsweise ohne weiteres vor 10 Jahren hochaktuell und wissenschaftlich bestens abgesichert gewesen sein, in der Gegenwart jedoch vollendet als Widerlegt und daher falsch gelten. Ein weiteres Festhalten daran wider besseres Wissen würde je nach der weltanschaulichen Relevanz des Themas eine Definition als Naturalist erschweren. Bei einer solch engen Begriffsverwendung wären jedoch weltweit immer nur wenige führende Naturwissenschaftler und Universalgelehrte überhaupt in der Lage sich dieser Kategorie zuzuordnen, was die Einteilung wenig sinnvoll machen würde. Man muss an dieser Stelle schlicht akzeptieren, dass eine Person die sich als Pantheist oder Atheist bezeichnet auch dann noch als Naturalist gilt, wenn sie stellenweise veraltete Elemente in ihrer Weltanschauung führt, solange diese nur eine Nebenrolle spielen und (ganz wichtig!) Korrektur- und Fortbildungsbereitschaft besteht.

Humanismus/Der Humanist

Atheismus und Pantheismus als Gattungsformen des Naturalismus sind beide naturphilosophisch isolierten Positionen. Wie die Vorsilbe A- (weg, ab, ohne) bereits verdeutlicht handelt es sich insbesondere beim Atheismus um eine reine Verneinungsform, aus der im Gegensatz zu institutionellen Glaubenssystemen keinerlei weitere Ansprüche oder Ansichten außer der Ablehnung des Supernaturalismus erkenntlich werden, auch nicht in ethischer Hinsicht. Das macht diese Personengruppe ausgesprochen heterogen in ihrer Beurteilung aller nicht-metaphysischen Themen und sonstigen philosophischen und politischen Positionen. Ein Humanist ist daher in Abgrenzung dazu ein Atheist oder Pantheist mit einer spezifischen ethischen Agenda, welcher die historisch von der Antike über die Renaissance hin zur Neuzeit entwickelten und mühsam gegen den Supernaturalismus erkämpften Werte der Aufklärung vertritt. Dazu zählen unter anderem Demokratie (Bürgerrechte und Beteiligung an der politischen Willensfindung), Rechtsstaatlichkeit (Gleichheit vor dem Gesetz) und Individualrechte (Menschenrechte und Meinungsfreiheit), sowie eine utilitaristische Ethikkonzeption ohne metaphysische Bezugspunkte (Gut und Böse) und der allgemeine Einsatz der wissenschaftlichen Erkenntnismethode in Technologie und Gesellschaft. Der moderne Humanismus des 21. Jahrhunderts basiert dabei mittlerweile nur noch in Minderheitsanteilen auf den Ideen und Konzepten der Antike und Renaissance und hat sich derer stellenweise veralteten Ansichten entledigt. In seiner heutigen Form ist der moderne Humanismus ein evolutionärer Humanismus, der gemeinsam mit dem später entwickelten Transhumanismus auf die Agenda des Biologieprofessors Julian S. Huxley, dem ersten Generaldirektor der UNESCO zurückgeht und insbesondere in Deutschland durch den HVD, die Giordano-Bruno-Stiftung und die Partei der Humanisten vertreten wird.

 

J.M.K.,   22.12.14

 




Wissenschaft und Technik

Happy_HumanGrundlage unseres Wohlstands

Die Arbeitsgruppe um Eckhard Behrend und Lothar Bendig legt hiermit eine überarbeitete Fassung vor, die die bisherigen Anmerkungen berücksichtigt. Der Text wurde aufgrund der Diskussion noch einmal geändert, ohne dass ich die Numerierung angepasst hätte:

Die Wissenschaften, insbesondere Natur- und Ingenieurwissenschaften, bilden die Lebensgrundlage des heutigen Menschen. Innovationen erhöhen die Lebensqualität.  So haben z.B. die rasanten Fortschritte in der Medizin dazu beigetragen, viele Krankheiten zu heilen und menschliches Leben zu verlängern. Auch Sozial- und Geisteswissenschaften leisten einen wichtigen Beitrag zur Weiterentwicklung der menschlichen Gesellschaft. Die Nutzung  der Erkenntnisse aus der Wissenschaft, der Wissens- und  Technologietransfer in die Praxis und die Schaffung von innovativen Produkten und Dienstleistungen sind die Quelle von Wohlstand. Aber es sind nicht allein die Produkte der Technik, die Wissenschaft wertvoll machen, es ist auch der Prozess des wissenschaftlichen Erkenntnisgewinns.

Freiheit der Wissenschaft

Die  Freiheit der Wissenschaft ist ein fundamentales Gut europäischer Zivilisation. Wissenschaft muss, um ihrer Aufgabe gerecht zu werden, sowohl frei von staatlicher Instrumentalisierung als auch von übermäßigen ökonomischen Zwängen sein. Auch Grundlagenforschung, die zunächst keinen direkten, kurzfristigen ökonomischen Nutzen verspricht, muss gefördert werden. 

Das wissenschaftliche Weltbild

Das wissenschaftliche Weltbild beruht auf einigen fundamentalen Annahmen. Dazu gehört die Erkenntnis, dass alle Aspekte der Welt grundsätzlich verstehbar und einer wissenschaftlichen Untersuchung zugänglich sind. Gleichzeit aber auch die Tatsache, dass wissenschaftliche Erkenntnisse immer nur bedingt als gültig angesehen, durch neues Wissen ersetzt werden können Erkenntnis niemals vollständig ist. Jede Entdeckung wirft potentiell neue Fragen auf. Wissenschaftliche Erkenntnis stützt sich auf falsifizierbare Fakten. Auch ethisch-moralische Werte befinden sich in einem evolutionären Prozess, der sich neuen Erkenntnissen öffnet und sich veränderten gesellschaftlichen Begebenheiten anpasst. 

Die Wissenschaft kann nicht alles erklären, aber die Religionen erklären gar nichts.

Religionen und ihre Institutionen liefern weder nützliche Beiträge zur Erkenntnis der Welt noch hilfreiche zu ihrer ethischen Bewertung. Im Gegensatz zum wissenschaftlichen Ansatz berufen sich Religionen auf vermeintlich ewige und letzte Wahrheiten, die für unantastbar erklärt werden. Religiöse Vorgaben und religiöses Denken sind jedoch starr und erlauben keine den Problemen angemessenen Anpassungen an veränderte Lebensbedingungen. Auch die kritische Reflexion von Glaubenssätzen wird nicht geduldet. Obwohl ihnen jede begründbare Legitimation fehlt, beanspruchen Religionen und ihre Institutionen als vorgeblich ethisch-moralische Instanz die Mitsprache bei der Bewertung wissenschaftlicher Erkenntnisse und Ergebnisse. Mythen wie die direkte göttliche Erschaffung von Pflanzen, Tieren und Menschen stehen im Widerspruch zur beobachtbaren Welt und ignorieren jahrhundertelange wissenschaftliche Erkenntnis. Die notwendige Trennung zwischen Staat und Religion umfasst daher auch die Trennung  zwischen Wissenschaft und Religion. Beide Bereiche lassen sich nicht  auf einen Nenner bringen. In der Religion geht es um Glauben, innere Überzeugungen, persönliche Visionen, basierend meist auf alten, historisch nicht abgesicherten Überlieferungen. Wissenschaft dagegen arbeitet nach standardisierten, erprobten Methoden, mit deren Hilfe plausible, nachvollziehbare Theorien aufgestellt und durch wiederholbare Experimente bestätigt werden können.  Die wissenschaftliche Methode schließt die Forderung ein, Theorien jederzeit zu widerrufen, wenn sie aufgrund neuer Erkenntnisse als falsch angesehen werden müssen. Diese Anpassungsbereitschaft kennen religiöse Dogmen nicht.

Bildung und Wissenschaft

Im  Bildungsbereich muss sichergestellt werden, dass ein wissenschaftlich-kritisches und demokratischen Prinzipien genügendes Weltbild vermittelt wird und keine religiösen Lehren, die insbesondere naturwissenschaftliche Erkenntnisse leugnen. Gesicherte wissenschaftliche  Erkenntnisse über unsere Welt müssen deshalb die religiösen Legenden ablösen, die leider immer noch in den Lehrplänen  unserer Kindergärten und Schulen zu finden sind. Insbesondere ist allen Versuchen entgegenzutreten, Glaubenselemente als wissenschaftliches Wissen darzustellen.

Technik und Verantwortung

Wir sind uns aber auch bewusst, dass die Technisierung unseres Planeten nicht nur  geistige Folgen, sondern auch handfeste physische Beeinträchtigungen der Umwelt des Menschen zur Folge haben. Dazu zählen die Ausrottung von  Tier- und Pflanzenarten, die Auswirkungen der industrialisierten Intensiv-Landwirtschaft, die Beeinträchtigung und teilweise Zerstörung  der natürlichen Lebensräume und die Vergiftung von Boden, Wasser und  Luft bis hin zur globalen Veränderung des Klimas und der Zerstörung der  die Erde schützenden Ozonschicht. Diese Probleme verursacht nicht die Wissenschaft, sondern deren Anwendung. Deshalb ist die Technikfolgenabschätzung sehr wichtig. Die Probleme, die eine z.T. verantwortungslose Anwendung der Technik verursacht hat, können jedoch wiederum nur mithilfe der Wissenschaft gelöst werden. Die ethischen Fragen, die durch neue Technologien aufgeworfen werden, exemplarisch seien hier Methoden der Molekularbiologie und ihre Anwendung auf den Menschen (künstliche Befruchtung  (IVF), die Präimplantationsdiagnostik (PID) und die  Klonierungstechniken) genannt, müssen verantwortungsvoll und undogmatisch diskutiert werden.

Wir treten deshalb ein für: 

1.  Die Trennung von Wissenschaft und Religion

Glaubensgemeinschaften dürfen keinen Einfluss auf Lehre und Forschung haben. Die wissenschaftliche Methode  schließt die  Forderung ein, Hypothesen jederzeit zu widerrufen, wenn sie durch neue Erkenntnisse widerlegt werden. Das gilt für religiöse Dogmen in keiner Weise. 

2. Die Abschaffung von Religion als Lehr- und Theologie als Studienfach

Beide sind konsequenterweise an staatlichen Schulen und wissenschaftlichen Einrichtungen zu streichen und durch ein weltanschaulich neutrales Fach Ethik-Unterricht an Schulen und Religionswissenschaft an wissenschaftlichen Einrichtungen zu ersetzen,  

3. Die Vermittlung eines naturalistisch-wissenschaftlichen Weltbildes 

An allen Schulen der Bundesrepublik Deutschland wird in den naturwissenschaftlichen Fächern ausschließlich wissenschaftlich begründeter Lehrstoff vermittelt. Über die in Religionen enthaltenen Mythen, wie z.B. die Schöpfungslehre, wird entsprechend wissenschaftlicher Erkenntnisse aufgeklärt..

4.  Die Freiheit von Wissenschaft und Forschung 

Die Freiheit der Wissenschaft darf niemals eingeschränkt werden.

Dies beinhaltet die Förderung des verantwortungsvollen und effektiven Einsatzes wissenschaftlicher Erkenntnisse durch eine säkulare und religionsneutrale Politik, die objektiven Wissenszuwachs und Nutzen für die Menschheit als Ziel  hat. 

5. Innovationen zum Wohle der Gesellschaft

Diese müssen allen Menschen unabhängig von deren Geschlecht, Herkunft oder anderer Merkmale zugutekommen. Das menschliche Wohl ist nach diesseitigen Kriterien zu verstehen, nicht nach jenseitigen, religiösen Heilsversprechen. 

6.  Technik-Folgen-Abschätzung

In jeder Phase des Innovationsprozesses (von der Idee bis zum Markt) sind mögliche Konsequenzen für Natur und Gesellschaft zu bewerten, um Nachhaltigkeit und den Schutz der Umwelt zu gewährleisten. 

7.  Bessere Kommunikation zwischen Wissenschaft, Technik und Bevölkerung

Wissenschaftliche Erkenntnisse und ihre erkennbaren und potenziellen Einflüsse auf die Gesellschaft müssen durch eine allgemeinverständliche und sachliche Darstellung und Diskussion in den Medien und der Öffentlichkeit möglichst breiten Bevölkerungsschichten zugänglich gemacht werden. 

8. Transparenz von Wissenschaft und Forschung 

Die wissenschaftliche Methode macht es notwendig, dass wissenschaftliche Ergebnisse so veröffentlicht werden, dass eine unabhängige Überprüfung möglich ist. In der Finanzierung der Wissenschaft ist Transparenz nötig, um potentielle  Interessenskonflikte und Einflussnahmen erkennen zu können. Wissenschaftliche Studien, die als Grundlage für politische Entscheidungen dienen, müssen öffentlich unter Angabe von Auftrags- und Finanzgeber zugänglich sein.

Fortschritte in Wissenschaft und Technik sind nur auf der Basis des stetigen Austausches  von Erkenntnissen möglich. Alle rechtlichen Hürden dieses freien wissenschaftlichen Austausches sind so weit wie möglich unter Wahrung der geistigen Eigentumsrechte der Urheber abzubauen. Forschungsergebnisse, die durch öffentliche Institutionen finanziert wurden, müssen für die Öffentlichkeit frei zugänglich sein. 

Weitere Arbeiten zum Thema zum Thema der geplanten Partei "Die Humanisten" siehe hier.

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Bildungspolitik

Happy_HumanGrundgedanken zusammengestellt vom Leiter der Arbeitsgruppe Dieter Fischbach.

Bildung und Ausbildung sind die Grundlage für das Zusammenleben in einer modernen, zukunftsorientierten, humanistischen Gesellschaft.

Dabei formt die humanistische Grundbildung die Basis, ohne die eine erfolgreiche Ausbildung, egal, ob akademisch oder eine Ausbildung oder jedem anderen Berufsfeld, nicht erfolgreich möglich sein kann.

Beide Prozesse, Bildung ebenso wie Ausbildung, haben zum Ziel, junge Menschen in die Lage zu versetzen, sich einen Platz in der Mitte der Gesellschaft zu sichern, damit sie im Rahmen ihrer intellektuellen und produktiven Fähigkeiten im Widerstreit der Argumente ihren Beitrag zur Evolution der Gesellschaft zu leisten vermögen.

Dies sind im Besonderen die Achtung der Menschenwürde, sowie die Einhaltung der Prinzipien von Rechtsstaatlichkeit und Demokratie

Da der Bereich Ausbildung stark an den ökonomischen Anforderungen des jeweiligen künftigen Arbeitsplatzes orientiert ist, führt dies dazu, den Blick auf die Basis, also die humanistische Grundbildung, zu fokussieren.

Es erhebt sich sogleich mit Recht die Frage, was diese humanistische Basis ausmacht, die jedem Individuum einen erfolgreichen Start in die Gesellschaft ermöglichen soll.

Aus humanistischer Sicht ergeben sich drei Bereiche, in denen ein junger Mensch grundlegendes Wissen und Fertigkeiten erwerben muss, damit er sich möglichst frei von ideologischen Zwängen und Dogmen entwickeln kann, um zu einer innovativen Persönlichkeit zu reifen, die im besten Sinne eine Bereicherung für die Gesellschaft sein kann.

Bereich 1:

Dieser Bereich lässt sich durch die Fähigkeit charakterisieren, sich logisch-rational und kritisch mit seiner Umwelt auseinander zu setzen.

Um diesen kritischen Diskurs führen zu können, sind fundierte Kenntnisse und Fertigkeiten in den Bereichen Naturwissenschaften, Mathematik und Philosophie unerlässlich, da sie, wie sonst keine Disziplinen dem Individuum die logisch-rationale Auseinandersetzung mit seiner Umwelt ermöglichen.

Bereich 2:

Dieser Bereich kann mit „fundierter Sprachkompetenz“ beschrieben werden.

Sprache stellt ohne Zweifel das zentrale und Kultur tragende Medium der Kommunikation in der Gesellschaft dar.

Um einen fruchtbaren Diskurs in allen Bereichen des gesellschaftlichen Zusammenlebens zu gewährleisten, ist daher eine solide Ausbildung im Gebrauch der Landessprache, in unserem Fall der Deutschen Sprache, unerlässlich und zwingend erforderlich.

Zusätzlich muss aber auch den Anforderungen einer globalisierten Welt Rechnung getragen werden. Nach dem Erwerb der Grundlagen der Landessprache ist daher der Spracherwerb in mindestens einer international bedeutenden Fremdsprache (i.d.R. der Englische Sprache) vorzusehen.

Entwickelt sich der junge Mensch in Richtung auf eine akademische Ausbildung, so ist für die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit allen Bereichen wie auch den Wurzeln unserer abendländischen Kultur, zusätzlich das Studium alter Sprachen (zumindest der Lateinischen Sprache) von Nöten.

Die Wurzeln von Philosophie und Naturwissenschaft reichen tief in die antiken abendländischen Kulturen und eine umfassende Auseinandersetzung mit diesen kann ohne Kenntnisse der zugehörigen Sprachen nur eingeschränkt gelingen.

Bereich 3:

Neben umfassenden sprachlichen Fertigkeiten und der Fähigkeit zum kritisch-logischen Diskurs benötigt das Individuum ausreichende Kenntnisse über die Struktur gesellschaftlicher Interaktion.

Dieser dritte Bereich rundet die humanistische Grundbildung ab.

Die benötigten Kenntnisse werden über die Disziplinen, Geschichte, Politik, Geographie ebenso wie durch einen signifikanten Einblick in die kulturellen Bereiche von Musik, Kunst und Literatur erworben. Wer sich nicht aktiv mit der Kultur der Gesellschaft in der er lebt auseinandersetzt, kann schwerlich einen positiven Beitrag zu ihrer Evolution liefern.

Kenntnisse und Erfahrungen aus anderen Kulturkreisen können dabei zusätzlich von Vorteil sein. Eine humanistische Gesellschaft ist stets offen gegenüber Einflüssen, die ihre Entwicklung zum Positiven begünstigen.

Säkularität des Bildungssystems:

Aus der Forderung, dass sich ein junger Mensch zu einem selbstbestimmten, kritischen und kreativen Mitglied der Gesellschaft entwickeln soll (Teil 1),  ergibt sich unmittelbar, bereits für die schulische Ausbildung, die Forderung nach Säkularität , die das Lehren von Religion als staatlichen Auftrag gleichsam ausschließt, da die doktrinären Sichtweisen einer Religion im Allgemeinen der Entwicklung zu einem selbständigen Individuum entgegenstehen.

Gleichwohl ist das Wissen über Religion im Rahmen der Bildung einer kulturellen Identität erforderlich, da Religionen in der Evolution unserer Gesellschaft eine gewichtige Rolle gespielt haben und zum Teil auch noch spielen.

Das Bildungssystem im Überblick:

Werfen wir abschließend einen Blick auf ein humanistisch geprägtes Bildungssystem.

Für alle jungen Menschen in unserer Gesellschaft muss, vor dem Eintritt in die Berufsausbildung die Möglichkeit zum Erwerb einer umfassenden humanistischen Grundbildung gegeben sein.

Der Primarbereich:

Dies ist zunächst die Aufgabe des primären Bildungssystems (bis zum Alter von etwa 10 Jahren). Der vorhandenen vierjährigen Grundschule fällt diese Aufgabe mit den Fächern Deutsch, Mathematik, Sachkunde, Musik, Kunst und Sport zu.

Durch die Präferenz einer soliden Grundbildung in diesen Bereichen, insbesondere im Gebrauch der Landessprache, stellt der Unterricht in einer Fremdsprache eine unnötige zusätzliche Belastung für die Schüler dar.

Religiöse Aspekte des gesellschaftlichen Zusammenlebens sollen integrativer Bestandteil in allen Fächern sein. Ein separater Religionsunterricht ist, wie bereits dargestellt, entbehrlich.

Der Sekundarbereich:

Ein sechsjähriger Unterricht in einer weiterführenden Schule (Sekundarstufe I) erweitert und vertieft das in der Primarstufe erarbeitete Fundament in den Fächern Deutsch, Mathematik, Geschichte, Philosophie, Physik, Chemie, Politik, Geographie, Biologie, Musik, Kunst und Sport. Zusätzlich erfolgt eine grundlegende Ausbildung in (mindestens) einer international bedeutenden Fremdsprache (i.d.R. Englisch).

Religiöse Aspekte des gesellschaftlichen Zusammenlebens sollen auch hier integrativer Bestandteil in allen Fächern sein. Dies gilt besonders für die Fächer Philosophie, Geschichte, Politik und Geographie. Ein separater Religionsunterricht ist hier ebenfalls entbehrlich.

Eine, wie heute vielfach verbreitet, gezielte Vorausbildung im Hinblick auf eine spätere Berufswahl unterbleibt, da es ein zentrales Ziel humanistischer Bildung ist, junge Menschen dazu zu befähigen, sich im Rahmen einer Berufsausbildung, in möglichst viele Bereiche entwickeln zu können. Bildungseinrichtungen sollen über Praktika Impulse für die Berufswahl vermitteln. Die wesentliche Beratungs- und Führungsrolle fällt in diesem Bereich dem Elternhaus zu.

Das Gymnasium:

Für eine leistungsorientierte Wissenschafts- und Industriegesellschaft ist es essentiell, Begabungen möglichst früh zu erkennen, zu fördern und zu entwickeln.

Diese jungen Menschen müssen, im Sinne einer positiven gesellschaftlichen Evolution, die Möglichkeit erhalten, sich so früh wie möglich in Richtung einer akademischen Ausbildung entwickeln zu können.

Das bewährte Instrument zur optimalen Entwicklung dieser jungen Menschen und ihrer Potentiale ist das Gymnasium.

Hier wird diesen jungen Menschen eine vertiefte humanistische Bildung zuteil.

Da diese Schulform auf das Einschlagen einer akademischen Laufbahn abzielt, ist die Ausbildung in (mindestens) einer Basissprache der abendländischen Kultur (i.d.R. Latein) vorzusehen.

Fazit:

Ich bin überzeugt davon, dass der zur Zeit vorherrschende, ökonomisch ausgerichtete, Bildungsprozess, an deren Ende Abschlusszeugnisse gleichsam als Statussymbole vergeben werden, den falschen Weg darstellt.

Er engt den Entwicklungsprozess des jungen Menschen unnötig ein und behindert diesen in der Möglichkeit zur optimalen Entfaltung seiner Potentiale.

Am Ende dieses „permanenten Beratungsprozesses“ kann schwerlich ein selbstständiges, kritisches und kreatives Individuum stehen.

Auch die aktuellen Übergangsquoten eines Grundschuljahrgangs an die Gymnasien von bis zu 60 lassen nicht den Schluss zu, dass dort noch „intellektueller Leistungssport“ betrieben werden kann.

Der stete Rückgang der Leistungsfähigkeit unserer jungen Erwachsenen wird zusehends von den Universitäten, wie auch von den Arbeitgebern im Allgemeinen, beklagt.

Er ist der sukzessiven Aushöhlung des humanistischen Bildungsideals in den letzten 40 Jahren geschuldet.

Die politische Unfähigkeit zur Erkenntnis und das Nicht-Eingestehen bildungspolitischer Fehler führt unser Bildungssystem aktuell geraden Weges in die Einheitsschule mit Individualbetreuung.

Dem gilt es, sich entschlossen entgegen zu stellen, da dieser Weg unweigerlich zum Verlust der gerade noch vorhandenen internationalen Leistungsfähigkeit führen wird und man damit gleichzeitig die Axt an die Wurzel unserer Gesellschaft legt.

12. März 2013, Dieter Fischbach

 

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Wirtschaft und Soziales

Happy_HumanDas Folgende wurde unter der Leitung von Bernd Scherf  erarbeitet:

1.) Die Humanisten sehen in der Marktwirtschaft die einzige Form vernünftigen Wirtschaftens. Die Marktwirtschaft ist die einzige Wirtschaftsordnung, die mit individueller Freiheit vereinbar ist. Gleichzeitig hat die Marktwirtschaft immer wieder deutlich gemacht, dass nur sie allgemeinen Wohlstand begründen kann.

2.) Eine konsequente Ausrichtung an der Marktwirtschaft bedeutet nicht, den Interessen der Mächtigen der Wirtschaft zu Diensten zu sein. Vielmehr ist die Marktorientierung das Eintreten für den Wettbewerb und das Zurückdrängen von Monopolisierung und Kartellbildung. Es gilt heute mehr denn je die Aussage von Walter Eucken: „Die Wirtschaftspolitik der Wettbewerbsordnung unterscheidet sich  von einer Politik der Freien Wirtschaft mehr, als sich die Wirtschaftspolitik der Freien Wirtschaft von der Zentralverwaltungswirtschaft in den letzten Jahrzehnten unterschied“.  Ziel marktwirtschaftlicher Politik ist nicht die Pflege der oligopolistischen Marktordnung, sondern der Einsatz für eine Marktwirtschaft, die sowohl von staatlicher Willkür wie von privater Wirtschaftsmacht frei ist.    

3.) Die Marktwirtschaft ist die Wirtschaftsordnung, die ein Maximum an Wohlstand generieren kann. Zweifelsfrei hat die Entwicklung der Wirtschaft in den letzten zweihundert Jahren auch soziale Verhältnisse hervorgebracht, die zu Recht Kritik und den Wunsch nach Verbesserung laut werden ließen. Die Notlage der Arbeiter, die Marx eindringlich und richtig schilderte, ist von ihm unrichtig erklärt worden. Der große Irrtum in der Analyse von Marx ist die Tatsache, dass er die Marktformen ignorierte. Nicht die Trennung der Menschen in Eigentümer von Produktionsmittel und arbeitsuchenden Menschen ist die Ursache, sondern dass die Arbeitgeber, denen die Maschinen gehörten, in monopolistischen Marktformen nachfragten.

4.) Häufig wird die ungleiche Einkommensentwicklung der letzten Jahre beklagt. Es ist deshalb zu beachten, dass zwischen Leistungsentgelt und der wirtschaftlichen Aktivität eine positive Korrelation besteht. Bei einer sehr gleichmäßigen Einkommensverteilung würde das Volkseinkommen geringer sein als bei einer ungleichmäßigeren, sofern sich die Ungleichmäßigkeit in jenen Grenzen hält, die von der Leistungsmotivation gedeckt sind. Eine hohe Wachstumsrate ist nur um den Preis einer ungleichmäßigeren Einkommensverteilung zu haben, eine gleichmäßigere kostet Wachstum (Soziale Gleichheit gibt es nur im Elend!.) Ökonomische Ungleichheit ist unter einer Bedingung zu akzeptieren: Sie muss sich zum größtmöglichen Vorteil für die am wenigsten begünstigten Gesellschaftsmitglieder auswirken. (Vgl. John Rawls, Differenzprinzip).   Die Förderung der sozial Benachteiligten muss absolut gesehen werden und nicht relativ.

5.) Im Sinne der sozialen Gerechtigkeit  ist eine Steuerprogression zu begrüßen. Sie soll den Verteilungsprozess im Rahmen der Wettbewerbsorientierung korrigieren. Um die Wettbewerbsordnung zu erhalten, ist es nötig, die Progression zu begrenzen. So notwendig die Progression unter sozialem Gesichtspunkt ist, so notwendig ist es zugleich, durch die Progression nicht die Leistungsbereitschaft zu gefährden.

6.) Für die Humanisten sind Vollbeschäftigung und solide Staatsfinanzen grundlegende Ziele. Deshalb ist mittelfristig eine deutliche Senkung der Staatsverschuldung anzustreben. Die Schuldenbremse ist hierzu ein bedeutsamer Anfang. Dass kurzfristige mit Schulden finanzierte Konjunkturprogramme keineswegs für eine nachhaltige Verbesserung der Vollbeschäftigung sorgen, sondern vielmehr langfristig zu einer Strangulation des Staates führen, hat die Schuldenkrise in der EU überdeutlich gezeigt. Die Humanisten versprechen sich durch eine vitale Marktwirtschaft eine bessere Wirkung für die Erwerbsquote.

7.) Die Humanisten begrüßen im Grundsatz Arbeitnehmerschutzrechte. Es ist aber im Einzelfall zu überprüfen, inwieweit diese einen Beschäftigung hemmenden Effekt erzielen. (in Spanien hat das Schutzrecht für junge Arbeitnehmer dafür gesorgt, dass Spanien die höchste Jugendarbeitslosigkeit in der EU hat)

8.) Die Humanisten fordern ein klares und vereinfachtes Steuerrecht. Das gegenwärtige Steuerrecht ist wegen der Kompliziertheit nicht mehr zumutbar. Diese Kompliziertheit führt dazu, dass für gleiche Steuertatbestände von den Steuerberatern und den Finanzämtern verschiedene Lösungen ermittelt werden. Steuerberater dürfen nicht mehr Steuerrater sein. Es ist auch auf dem Gebiet des Steuerrechts Rechtssicherheit zu gewährleisten.

9.) Die Bilanzierung hat sich wieder verstärkt dem alten Grundsatz der Vorsicht zuzuwenden. Diese konservative Bilanzierung schafft stille Reserven und bietet einen gewissen Schutz gegen zu hohe Entnahmen. Sie schafft  Reserven in den Unternehmen und dient somit der wirtschaftlichen Nachhaltigkeit.

10.) Es sind Vorkehrungen zu treffen, dass inflationsbedingte Einkommenserhöhungen nicht mehr zu automatisch von höheren Tarifen erfasst werden. Die sogenannte „kalte Progression“ ist eine stille und automatische Steuererhöhung. Sie ist wirksam zu begrenzen.

11.) Voraussetzung der Marktwirtschaft ist der Wettbewerb. Es sind Maßnahmen zu ergreifen, die den Wettbewerb sicherstellen bzw. für mehr Wettbewerb sorgen. Einer „vermachteten Wirtschaftsstruktur“ (Walter Eucken) ist entgegenzuwirken. Hierzu gehört auch die Förderung von Existenzgründungen.

12.) In der Marktwirtschaft sind Insolvenzen ein natürlicher Sachverhalt. Es ist durch ein entsprechendes Insolvenzrecht sicherzustellen, dass auch Großbanken in der Insolvenzverwaltung ihren systemnotwendigen Verpflichtungen nachkommen können.

13.) Aufgrund der demografischen Situation ist eine längere Lebensarbeitszeit nicht zu vermeiden. Es sind deshalb Anstrengungen zu unternehmen, um Arbeitnehmer länger in der Erwerbstätigkeit zu halten. Ein späterer Renteneintritt bei einem gleichzeitigen Verdrängen der älteren Arbeitnehmer durch ihre Arbeitgeber ist nicht länger hinzunehmen.

14.) Die Humanisten sind im Grundsatz gegen staatliche Beteiligungen an Großunternehmen. Aber im Gegensatz zur FDP ist dies kein unerschütterliches Dogma. Ein staatliches Engagement an einem Unternehmen kann im Sinne der Marktwirtschaft sein, wenn dieses Unternehmen nach einer Übernahme mit dem übernehmenden Unternehmen zu einem Monopol wird. Die Verhinderung von Monopolstrukturen ist im Interesse des marktwirtschaftlichen Systems wichtiger als die Herkunft des Eigenkapitals. Solange staatliche Unternehmen sich in Wettbewerbsmärkte einordnen und die Preisbildung auf den Märkten nicht durch staatliche Subventionen gestört ist, sind sie in der Wettbewerbsordnung erträglich.  

15.) Das Patentrecht ist zu reformieren. Es war Absicht, mit Patentrecht die technische Entwicklung zu fördern und den Erfinder zu schützen. Die Geschichte hat gezeigt, dass das Patentrecht eine starke Tendenz zur Monopolbildung und zur Konzentration ausgelöst hat. Patentinhaber sollten verpflichtet sein, die Benutzung einer Erfindung gegen eine angemessene Lizenzgebühr jedem ernsthaften Interessenten zu gestatten. In Bezug auf lebenswichtige Medikamente in ärmeren Ländern hat sich eine internationale Debatte über den Patentschutz entwickelt. So kämpft die „Treatment Action Campaign“ (TAC) in Südafrika für mehr Wettbewerb auf dem Pharmamarkt. Sie fordert, dass die Märkte durch die Abschaffung des Patentschutzes für Anti-Aids-Medikamente für kleinere Pharmahersteller geöffnet werden. Tausende von Menschen sind in den letzten Jahren an Krankheiten wie Aids oder Malaria gestorben, weil die Oligopolgewinne die lebenswichtigen Medikamente unbezahlbar gemacht haben. Die Versorgung der Kranken würde besser aussehen, wenn auf dem Pharmamarkt ein echter Wettbewerb herrschte.

16.) Tausende von unabhängigen Saatgutunternehmen sind in den letzten Jahrzehnten verschwunden. Millionen von Landwirten wird das Recht genommen, ihr eigenes Saatgut weiter zu vermehren und damit Vielfalt zu sichern. Immer weniger Oligopole entscheiden über Ernährungsgrundlagen, von denen die Menschheit abhängt. Es ist zu prüfen, ob hier eine Reform des Sortenschutzrechtes Abhilfe schaffen könnte.

17.) Keine Zwangsmitgliedschaft in der IHK

18.). Keine Verschwendungen in den öffentlichen Verwaltungen. (PCs müssen nicht jedes Jahr ausgetauscht  werden)

 

Das möchte ich noch anmerken, passt aber nicht genau in den Wirtschaftsteil.

1.) Die Humanisten stehen zu Europa. Für sie ist Europa ein Projekt zur Sicherung des Friedens, zum kulturellen Austausch und zur gemeinsamen Sicherung von Freiheit, Demokratie und Wohlstand. Sie sehen mit Besorgnis, dass die Bürokratie alle Lebensbereiche überwuchert. Hier ist Europa auf jene Position zurückzuführen, die es sich einst selbst verordnete. Die rhetorische Forderung nach Subsidiarität muss endlich ernst genommen werden. Es ist darauf zu dringen, dass nur jene Verordnungen umgesetzt werden, die nur überstaatlich geregelt werden können. Und die demokratische Selbstverständlichkeit, dass jede Bürokratie demokratisch zu legitimieren ist, muss auch für Europa gelten. Das europäische Parlament muss befähigt sein, eine gesamteuropäische Verwaltung oder Exekutive zu entlassen.

 




Zeuge Jonathan

Vor einigen Tagen erhielt ich per Email einen Artikel (Abschied vom Wachtturm), in dem 3 Frauen ihre Geschichte bei der Religionsgemeinschaft der Zeugen Jehovas erzählten. Als ich dann kurz darauf den gleichen Artikel verlinkt in der Facebookgruppe „Initiative Humanismus“ las, ergab sich ein recht langes Gespräch, in dem ich mehr oder weniger ausführlich diverse Fragen zu den Zeugen Jehovas und meiner Zeit dort beantwortete.

Als mich Frank Berghaus daraufhin fragte, ob ich nicht Lust hätte, die ganzen Infos zusammenzuschreiben und in einen zusammenhängenden Text umzuformulieren, sagte ich zu und sitze also nun am Samstag Abend vor meinem PC und versuche, dieser Bitte nachzukommen.

Vorab wäre mir jedoch etwas besonders wichtig: Alles, was ich aufschreibe, schreibe ich mit bestem Wissen und Gewissen. Mir ist absolut bewusst, dass die Erfahrungen bei den Zeugen Jehovas extrem unterschiedlich sind. Falls ich Dinge anders erlebte als andere, heißt das somit nicht, der eine lügt oder habe keine Ahnung – es ist einfach oftmals so, dass die vorgegebenen Richtlinien unterschiedlich angenommen und umgesetzt wurden. Falls dennoch Lust zur Kritik besteht – dafür bin ich immer offen, solange sie vernünftig und belegt ist.

Eine weitere Anmerkung ist, dass es schwer ist, von „den Zeugen Jehovas“ zu reden. Wenn ich also diese Formulierung benutze, möchte ich damit nicht jeden einzelnen Zeugen Jehovas meinen, sondern eher die Allgemeinheit, wie ich sie erlebte und wie sie sich durch die Richtilinien zu verhalten hat.

Zu guter letzt noch ein Wort an all jene, die eine wissenschaftliche Abhandlung zum Thema Zeugen Jehovas erhoffen – ich muss leider enttäuschen. Weder ist mein Aufsatz wissenschaftlich, noch ist er eine sachliche Abarbeitung der Fakten. Es ist eine Aufarbeitung meiner Erfahrungen, gespickt mit Informationen. Sicherlich sagt das nicht jedem zu, und ganz bestimmt ist so ein Aufsatz für nicht wenige gähnend langweilig. Aber zum Glück sind die Geschmäcker unterschiedlich.

Tja, meine Gedanken zu Zeugen Jehovas… Wo soll ich anfangen? Vielleicht ganz am Anfang.

Vor einigen Jahren, 1987, erblickte ich das Licht der Welt. Und dieses Licht wurde immer heller, denn ich wurde in die Religionsgemeinschaft der Zeugen Jehovas hineingeboren. Eine christliche Ausrichtung, man mag sie fundamentalistisch nennen. Von den Großkirchen unterscheiden sie sich besonders durch einige Lehren. Zum Beispiel hat ihrer Ansicht nach Jesus nicht am Kreuz gelitten, sondern an einem Stamm. Aber wenn ich ehrlich bin, diese Unterschiede in den Lehren sind mir schnuppe. Ich halte allgemein wenig von monotheistischen Lehren, da sie im Kern immer wieder anti-ethisch, irrational und inhuman sind. Darum werde ich diese Unterschiede weitgehend außen vor lassen.

Wie dem auch sei, ich wuchs also bei den Zeugen Jehovas auf. Ich hatte eine sehr glückliche Kindheit. Die regelmäßigen Gottesdienste, 3x pro Woche und anfangs 1x, später 2x pro Woche den ‚Haus zu Haus Dienst‘ durchführen, Großveranstaltungen in Fußballstadien, sogenannte ‚Kongresse‘ (ich kann behaupten, in fast allen großen deutschen Fußballstadien gewesen zu sein, ohne auch nur ein einziges Spiel gesehen zu haben). Oh, da wäre ich ja schon an der den Zeugen eigenen Sprache angelangt, aber dazu später mehr. 

Die Tätigkeiten machten mir als Kind Spaß. Schließlich freuten sich die anderen Mitglieder darüber, wenn Kinder sich ‚engagierten‘, Lob und Anerkennung ist nunmal ein großer Ansporn. Jedoch wurde ich älter, die Pubertät schlug mit ihrer ganzen Härte zu, und um mir meinen Freiraum zu erkämpfen (naja, ich gebe zu, pubertäre Rebellion gegen die Eltern war mir auch sehr wichtig mit meinen damals 14 Jahren), gab ich bei den ‚Ältesten‘, geistliche Führer einer jeweiligen Gemeinde, an, dass ich nicht mehr dabei sein wolle. Nachdem diese versuchten, mit mir ein ernstes Gespräch über die Sachlage zu führen, wurde mir resigniert mitgeteilt, ich sei nun ‚von der Liste gestrichen‘. Diese Formulierung werde ich nie vergessen, weil sie für mich einen der wichtigsten Schritte meines Lebens einleitete. Großartige Folgen hatte dieses von der Liste gestrichen sein‘ für mich nicht. Immerhin hatte ich nur den Rang eines sogenannten ungetauften Verkündigers, das heißt, ich war kein vollwertiges Mitglied. Im Falle der Taufe wären die Konsequenzen extremer gewesen. Laut den Richtlinien soll der Kontakt zu ‚Abtrünnigen‘, wie die ‚Ausgeschlossenen‘ auch genannt werden, nämlich so weit wie möglich reduziert werden. Für Betroffene bedeutet das, unter Umständen ihr gesamtes (und ich meine es!) soziales Umfeld zu verlieren. Denn tiefe, freundschaftliche Kontakte sollen bitte möglichst innerhalb der Gemeinschaft geschlossen werden. Verliert man diese, ist man verlassen. Zweierlei wird dadurch erreicht:

Erstens, die Person bereut eventuell. Sie spürt den Schmerz und kehrt zurück und die Wärme des Gemeinschaftsnestes (die perverse Logik, Heuchelei und Unmenschlichkeit, Liebesentzug so zu begründen, ist mehr als eindeutig… Hinzu kommt die arrogante Anmaßung, ein jeder Aussteiger habe keine vernünftigen Gründe, denn diese Handhabe setzt sich nicht mit den Gründen auseinander, sondern soll jeden Fall gleich aburteilen. Demnach setzt das „Bereuen“ voraus, man habe „gesündigt“. Das schließt vernünftige Gründe direkt aus, denn das ist nichts, was man zu bereuen habe. Solche psychologischen bzw. psychopathischen Gedankenspiele sind in dieser Gemeinschaft leider keine Seltenheit.). Zweitens wird ein Dorn entfernt. Ein Ausgeschlossener verließ vielleicht aus gutem Grund diese Gemeinschaft. Und SOWAS gehört entfernt. Jegliche Kritik muss im Keim erstickt werden. Mehr noch, man muss davor fliehen. Und nein, diese Formulierung ist keine Übertreibung meinerseits, sondern ein geistiger Erguss der Zeugen Jehovas. Ich erinnere mich noch gut daran, als ich vor einigen Jahren einen Zeugen fragte, wie Gottes Liebe mit den Qualen auf der Erde in Einklang zu bringen sei. Der kritikwitternde Zeuge verzog sein Gesicht zu einer wirklich hasserfüllten Visage und machte mir deutlich, dass er darüber nicht mit mir zu reden habe. Ich machte in Bezug auf dieses Thema zwar auch sehr, sehr viele positive Erfahrungen, jedoch war die Reaktion des erwähnten Zeugen alles in allem vorbildlich.

Aber gut, zurück zu meinem Ausstieg… Ich war jung, wollte Dinge erleben. Nichts Großes, eigentlich eher Stinknormales. Das erste Bier genießen (lustigerweise machte ich meine ersten Erfahrungen mit Alkohol Jahre vorher bei Feiern der Zeugen Jehovas. Die ‚Coolen‘ tranken um die Wette, wer bei denen sitzen wollte, musste trinkfest sein – ich war es mit 13 nicht, auch nicht, nachdem sie mich sanft zwangen.), Mädchen, vielleicht mal an einem Joint ziehen? Erfahrungen sammeln. ‚Weltlich‘ sein. Mein enger Zeitplan, den ich am Ende meiner Mitgliedschaft erfüllte, lies mir das nicht zu.

Montags – Buchstudium, Besprechung eines bibelerklärenden Buches der Zeugen Jehovas. Dienstags – Buchstudium mit einem ‚Interessierten‘, Mittwochs – Vorbereitung auf Donnerstag, an welchem ein Gottesdienst mit diversen kleinen Vorträgen stattfand (mit 9 oder 10 stand ich das erste Mal selbst vor der Gemeinde und las aus der Bibel), Freitags sowie Samstags stand dann der Haus zu Haus Dienst an und schließlich gab es am Sonntag nochmal einen Gottesdienst, d. h. einen langen Vortrag plus ‚Wachtturmstudium‘.

Aber da ist sie schon wieder, die Zeugensprache. Vielleicht sollte ich kurz einen Abstecher machen: Zeugen Jehovas besitzen eine eigene Terminologie. Meiner Ansicht nach ist das einfach ein Mittel, um sich abzugrenzen, sich elitär zu zeigen (und so wie ich das sehe, ist auch das mit ein Grund für viele Lehren, die vom allgemeinen christlichen Verständnis der Bibel abweichen, so z. B. das Thema um das Kreuz/den Stamm).

Worte wie „Wahrheit“ (= Die Lehre der Zeugen Jehovas), die „Welt“ (= alle Nichtzeugen), das „System der Dinge“ (= Die momentane Weltordnung unter der angeblichen Herrschaft des Satan). Aber auch „Haus zu Haus Dienst“ (= Das regelmäßige Missionieren), das „Bibelstudium“ (= Lesen und verstehen der Bibel unter alleiniger (!) Anleitung der Publikationen, welche für diesen Zweck von den Zeugen Jehovas herausgegeben wurden), „Feinde der Wahrheit“ (=Aufklärer, Kritiker) und so weiter, und so fort, all das ist sind in der ‚Zeugenwelt‘ normale Begrifflichkeiten. So wie man bei Scientology vom Thetan und Auditing redet und es normal ist, gibt es ebenso eigene Begriffe bei den Zeugen Jehovas. Gern Begriffe aus dem Alltag, die dann komplett umgedeutet werden, wie das Beispiel von der „Wahrheit“ zeigt. Natürlich könnte man nun noch auf die psychologie Wirkung dessen eingehen, aber ich muss ehrlich sagen, dass mir das nun doch zu weit führen würde.

Also das war nun mein Wechsel von der „Wahrheit“ in die „Welt“, welche mir als schlechter Ort ohne Freundschaft, ohne Liebe, ohne wahre Mitmenschen vermittelt wurde. Aber mein Wechsel war nur rein körperlich. Mein Verstand, mein Denken hing noch weiterhin dort, wo er die letzten eineinhalb Jahrzehnte verbrachte – im Gedankengut der Zeugen Jehovas. Ich teilte die Menschen weiterhin auf in die, die gerettet werden und die, die in Harmagedon, Gottes Strafgericht an der Menschheit, sterben würden.  Eben ganz so, wie ich es nun einmal lernte. In meiner Kindheit erlebte ich den ‚lustigen‘ Brauch noch, den einige wenige, vor allem alte, Zeugen aufrechterhielten: Verhielt sich jemand im Haus zu Haus Dienst ablehnend gegenüber den Zeugen, notierte man ihn sich als „Bock“. Als jemand, der in Harmagedon keine guten Karten hat. Aber das war nichts Offizielles, ein kleiner, unverbindlicher ‚Spaß‘.

Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie ich mit 17, knapp 18 in der Wohnung meines Bruders (der zu dem Zeitpunkt zu den „Untätigen“ zählte (= Zeugen Jehovas, die nicht ausgeschlossen sind, jedoch kaum mehr die Gottesdienste besuchen)) stand und wir beide uns sicher waren, dass WENN jemand richtig liegt, DANN seien es die Zeugen Jehovas.

Jedoch schlug mein Verstand meinem Willen ein Schnippchen, dachte sich seinen Weg durch die Hirnverrenkungen um 144000 Auserwählte für den Himmel (ja, auch das ist eine Zeugenlehre), landete im Garten Eden während des Sündenfalls, wich kurz der zupackenden Hand eines Jehovas aus, machte Halt vor dem Sündenbock Satan, tanzte eine Weile um das goldene Kalb und landete schließlich, nach jahrelangem Hin und Her, Diskutieren, Streiten, Verletzen und verletzt werden da, wo er heute ist – im Humanismus.

Wenn ich mit Menschen, die nie vorher von dieser Gemeinschaft hörten über die Zeugen rede, denken sie sofort an die Senioren mit mürrischem Blick in der Fußgängerpassage, die Zeitschriften mit den doofen Namen „Wachtturm“ und „Erwachet“ in der Hand halten. Die lieben Alten, die man belächelt. Nun ja, das ist die eine Seite. Die andere ist die interne.

Manipulation, Indoktrination, seelische Folter, genaue Kontrolle der Mitglieder, in früheren Jahren systematische Kindesmisshandlung, das sind Dinge, die leider Realität sind.

Vor kurzem las ich Hamed Abdel-Samads Prognose über die islamische Welt, in welcher er ein islamisches Kinderlehrbuch zitierte, das einbläuen sollte, Ungläubige kämen in die Hölle.

Nun, ich wuchs mit der Lehre auf, dass alle meine weltlichen Freunde in Harmagedon sicherlich verenden werden. Durch nette Illustrationen von schreienden Menschen, brennenden Häusern und zermalmten Tieren in den Publikationen wurde dieser Eindruck verstärkt.  Wo ist der Unterschied? In meinem Bücherregal steht ein Kinderbuch der Zeugen Jehovas (ein Mahnmal), welches Kindern nahelegt, Dämonen würden sich freuen, spielten sich die Kleinen an Penis und Scheide (Nur ums klarzustellen – wir reden hier von sogenannten Doktorspielen und dem vollkommen normalen Entdecken des eigenen Körpers).  Dieses Kinderbuch ist aktuell, es hat den Titel „Lerne von dem großen Lehrer“.

Beispiele dieser Art finden sich zuhauf in der zeugeneigenen Literatur. Ich persönlich wuchs noch mit der Lehre auf, dass das Schlagen von Kindern notwendig sei, um sie auf dem „Pfad der Rechtschaffenheit wandeln zu lassen“.  Wo ist der Unterschied zu einer Gesellschaft, die ihre Kinder vor „Ungläubigen“ warnt und diese verdammt? Natürlich gibt es inhaltliche Unterschiede, aber die geistige Vergewaltigung, die gesellschaftsfeindlichen Inhalte und die Indoktrination sind vom gleichen Kaliber.

Ich werde nie vergessen, wie ein „Kreisaufseher“ (ein von Gemeinde zu Gemeinde reisender Zeuge mit besonderem Ansehen) in einem seiner Vorträge glücklich jauchzend davon schwärmte, wie Kinder zu schlagen seien, sogar Witze darüber machte. Er lachte damit Kinder aus, die weinend verprügelt wurden. Es gibt eine „Sage“, eine Story, die bei Aussteigern und Mitgliedern gleichermaßen die Runde macht. Die kleine Geschichte vom Jungen, der während des Gottesdienstes nicht still sitzen will. Also nimmt ihn sein Vater an die Hand und führt ihn in den hinteren Bereich, um ihm den Hintern zu versohlen, wortwörtlich. Die Gemeinde weiß, was dem Jungen droht, der Junge ebenso. Er weint: „Jehova, hilf mir!“.

In der Gemeinde löste diese Story früher Gelächter aus, wie naiv der Junge sei.

Mir kommen beim Schreiben fast die Tränen, wenn ich darüber nachdenke.

Als ich vor kurzem 2 Zeugen Jehovas die mich besuchten eben darauf ansprach, gaben sie sich sehr überrascht, als hörten sie zum ersten Mal davon. Nachdem ich ihnen eindeutige Stellen in ihrer eigenen Publikation zeigte, welche glasklar aussagten, dass das Versäumen der Prügelstrafe ein Mangel an Glauben, ein Fehlverhalten sei, für das man sich vor Gott zu rechtfertigen habe, fühlten sie sich sichtlich unwohl. Natürlich ist es richtig, dass vor gar nicht allzu langer Zeit die Prügelstrafe allgemein einfach ganz normal war. Mein Vater wuchs mit seinen 5 Geschwistern mit dem Gehstock zu Hause und dem Rohrstock in der Schule auf. Jedoch war es sicherlich nicht normal, Kindesmisshandlung als göttliches „Edikt“ anzusehen, es anzupreisen, zu fördern und zu fordern. Aber das Licht wurde heller (die offizielle Bezeichnung für das Eingeständnis, sich in der Vergangenheit getäuscht zu haben und nun eine Änderung der Lehre vorzunehmen), diese Lehre verschwand aus ihren Schriften und seit dem Jahr 2000 wird man Schwierigkeiten haben, das Anpreisen der Kindesmisshandlung in seiner alten Härte zu finden, eher im Gegenteil.

Besonders auffällig ist das ‚heller werdende Licht‘ auch im Punkt Bluttransfusionen, die dem Leser, der bis hierhin durchhielt, sicherlich schon durch den Kopf gingen, schließlich gibt es kaum ein Thema, für das Zeugen Jehovas so sehr bekannt sind. Waren in der Vergangenheit Bluttransfusionen absolut verboten (basierend auf dem biblischen Gebot, sich des Blutes zu enthalten), sind sie mittlerweile eine Gewissensentscheidung. Oh, wieder ein Zeugenbegriff. Eine Gewissensentscheidung beschreibt eine Sachlage, die zwar nicht offiziell verboten ist, jedoch auch nicht direkt gewünscht ist. Ob Eltern ihre Kinder mit auf weltliche Klassenfahrten gehen lassen, ob Zeugen einen Job annehmen, der ihnen weniger Zeit zum Missionieren lässt, oder ob man eine Bluttransfusion annimmt, das alles sind Gewissensentscheidungen.

Während meines Studiums schrieb ich in der Lerneinheit „Journalistisches Schreiben“ einen Artikel über eine junge Zeugin Jehovas, die aufgrund ihrer Verweigerung der Transfusion starb.  Natürlich wird hier in antrainierter Zeugenmanier erwidert, dass sie ja vielleicht trotzdem gestorben sei. Das ist sogar richtig. Aber unerhört heuchlerisch. Denn die Überlebenschance steht hierbei nicht im Mittelpunkt. Weniger noch, die zählt nicht die Bohne. Sondern einzig und allein das als göttlicher Wille betrachtete Gebot. Selbst wenn Transfusionen den Krebs oder Aids heilen könnten, Zeugen Jehovas müßten darauf verzichten, denn es ist ein biblisches Gebot, zumindest ihrer Auffassung nach. Der Versuch, die angeblichen Risiken von Bluttransfusionen als Grund vorzuschieben, diese zu verweigern, ist entweder Unwissenheit um den eigentlichen Sinn des Verbotes oder aber ganz direkt pure Heuchelei. Jedoch würde im Fall der Bluttransfusionen als 100%iges Heilungsmittel für diverse Krankheiten sicherlich das Licht schlagartig heller werden. So funktioniert nun einmal göttliche Inspiration. Halte so lange an der wirren Lehre fest, bis überhaupt rein gar nichts mehr geht und sage dann, Gott erleuchte dich mit neuem Licht. Er wird schon richtig liegen…

Wobei diese Sachlage mir half, mich zu lösen, mich zu befreien von diesem Glauben. Nie werde ich vergessen, wie ich als junger Teenager weinend im Bett saß, fest zu meinem Gott betend, er möge mir sagen, zeigen was richtig ist. Gar nicht so lange später kam erst der körperliche, später der geistige Ausstieg.

Für mich war später glasklar, ich brauche den klaren Cut. Ich muss mich deutlich von dieser Sache distanzieren. Blame my Rechtsempfinden. Meine Erfahrung war jedoch, dass viele diesen Cut nicht brauchen. Sie können den Spagat wagen und entweder auf die Schnauze fliegen oder aber es hinkriegen. Miterlebt habe ich beides. Wer damit glücklich wird, der soll es ruhig tun.

Vor einigen Jahren las ich ein Interview mit einem Lokalpolitiker, der mehrere Jahrzehnte in der Gemeinschaft der Zeugen Jehovas verbrachte. Er sagte etwas, das ich sehr interessant finde. Er als Mensch sei mit diesem Glauben einfach nicht kompatibel. Diese Worte sind die kurze Beschreibung, mehr noch, die Erklärung für etwas, dass ich sehr lange fühlte und bei anderen Menschen der Szene nie verstand.

Ich bin mit diesem Glauben einfach nicht kompatibel. Meine ethischen Grundlagen und mein Verstand können so nicht funktionieren.  Für andere Menschen klappt es wunderbar, sie passen in diese Form. Oder werden geformt.

Ich bin froh, dass es bei mir anders kam. Jedoch bin ich auch froh, meine Kindheit so verbracht zu haben, wie ich sie verbrachte.

Mehr als froh bin ich jedoch dankbar dafür, die Erfahrungen gemacht haben zu dürfen(und ich schließe all die unschönen Erfahrungen mit ein…), die mich schließlich zu dem Menschen machten, der ich heute bin. Kein anderer will ich sein außer ich selbst.

 

Ich bin mir sicher, viele sehr wichtige Dinge fehlen in meinem bisherigen Aufsatz. Und ich weiß auch, dass es sehr viele Dinge gibt, die bestimmt viel eingehender bearbeitet werden müßten und könnten, auch von mir. Eine Aufarbeitung in dieser Form fand bei mir jedoch schon seit einiger Zeit nicht mehr statt, darum bin ich wahrscheinlich ein wenig ungeübt im Abwägen dessen, was wichtig ist und was nicht. Gesetzt den Fall, dass es positive Rückmeldung geben sollte und falls es gewünscht wird, kann ich sehr gerne noch auf weitere Inhalte oder Fragen eingehen. Gespannt bin ich aber erst einmal, ob jemand bis hierher durchhält.

Die Uhr sagt 21.00 Uhr, seit mehreren Stunden sitze ich hier schon und schreibe, lösche, schreibe, lösche. Grad springt mein Winamp auf die Nummer 5323 meiner Playlist, Michael Jackson – Beat it. Die perfekt Musik für einen Abschluß.

 

Die Meinung des Gastautors muss nicht der Redaktionsmeinung entsprechen.

 

Weitere Arbeiten desselben Autors siehe hier.

 




Am 28. März ist in Thüringen Jugendweihe-Auftakt für 2015

topMit freundlicher Genehmigung vom Freigeist Sigfried R.Krebs:

WEIMAR. (fgw) Der Frühling ist gekommen und mit ihm beginnen landesweit auch in Thüringen wieder die diversen sogenannten Passageriten für Jugendliche, also Feste an der Schwelle zum Erwachsenwerden. Dabei bleibt die Jugendweihe nach wie vor das beliebteste Fest dieser Art, der diesjährige Auftakt wird am 28. März in Königsee im Landkreis Saalfeld-Rudolstadt gegeben.

Wie es von der Interessenvereinigung Jugendweihe heißt, haben sich rund 7.500 der knapp 18.000 thüringischen Achtklässler zu dieser Form des Passageritus angemeldet. Im Jahr davor zählten die Jugendweihen der Interessenvereinigung 7.150 Teilnehmer. Neben der Interessenvereinigung gibt es noch einige weitere kleinere örtliche Träger von Jugendweihen und -feiern; Teilnehmerzahlen sind leider nicht bekannt.

Nach Angaben der Evangelischen Kirche Mitteldeutschland werden in Thüringen in diesem Jahr 2.800 Jungen und Mädchen konfirmiert, 2014 waren es rund 3.000. Und wie es vom katholischen Bistum Erfurt heißt, werden sich im Jahre 2015 etwa 1.000 Jugendliche firmen lassen. Damit ist die Zahl der Jugendweiheteilnehmer mehr als doppelt so groß als die von Konfirmation und Firmelung zusammen.

Kirchliche Gegenstrategien bis jetzt nicht aufgegangen

Um diesem Übergewicht säkularer Feiern zu begegnen, haben sich die beiden christlichen Großkirchen um die Jahrtausendwende etwas besonderes einfallen lassen. Sie bieten seither – unter verschiedenen Namen – Feiern für Nichtgetaufte zur Lebenswende an. Nach wie vor halten sich aber die Teilnehmerzahlen in sehr überschaubaren Grenzen; in Thüringen ebenso wie in Sachsen-Anhalt oder in Sachsen landesweit im unteren dreistelligen Bereich.

Teilnehmer an solchen Feiern, die zwar vorgeben, säkular zu sein, aber dennoch primär "christliche Werte" propagieren, sind zumeist nur einige wenige Mädchen und Jungen, die Schulen in kirchlicher Trägerschaft besuchen. Es ist daher zu vermuten, daß diese Teilnahmen wohl eher aus opportunistischen Gründen erfolgen, als aus weltanschaulich-religiösen…

Da die seit nunmehr anhaltenden christlichen Missionierungsversuche bei den Menschen nichts fruchten – ganz im Gegensatz zu Politik und Medien, lassen die Theologen nichts unversucht, Schulen und Jugendfreizeit in ihre Hände zu bekommen. Besonders aggressiv sind hier bis dato die Theologen der Friedrich-Schiller-Universität vorgegangen.

Obwohl die diversen kirchlichen Feiern für Ungetaufte zur Lebenswende bislang nur bescheidene Resonanz haben, gibt man sich übertrieben optimistisch und auch großsprecherisch. Neuestes Beispiel bieten hierfür die Theologen der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, ebenfalls im Einzugsbereich der Evangelischen Kirche Mitteldeutschlands. Ihre Fakultät lädt für den 8. April zu einer Tagung über Alternativen zu Jugendweihe und Konfirmation („Religiöse Jugendfeiern zwischen Jugendweihe und Konfirmation") ein.

In der Einladung heißt es: "Die 3. Tagung der Forschungsstelle Religiöse Kommunikations- und Lernprozesse der Theologischen Fakultät der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg widmet sich einem wissenschaftlich bisher kaum erforschten Phänomen: kirchlichen Jugendfeiern für konfessionslose Jugendliche.

Seit dem Jahr 1998 sind – angeregt durch die erste Feier der Lebenswende von Reinhard Hauke in Erfurt – verschiedene schulische und überschulische katholische wie evangelische Initiativen zu religiösen Jugendfeiern für konfessionslose Jugendliche in Ostdeutschland entstanden, welche der Jugendweihe Konkurrenz machen wollen. Diese Projekte haben v.a. im Umkreis von Schulen in konfessioneller Trägerschaft großen Erfolg, sind aber insbesondere in der Evangelischen Kirche aufgrund ihrer Nähe zur Konfirmation bisher umstritten."

Vor allem ist davon auszugehen, daß solche Projekte trotz allen politisch-medialen Protegierens keinen durchschlagenden Erfolg haben, sondern lediglich Ausdruck von Anpassungsdruck sind und bei einigen den Opportunismus auf dem Weg zu Karrieren befördern…

Siegfried R. Krebs

 

 




® Moral ohne 10 Gebote?

christian-1316187_1280Wenn Moses , was wahrscheinlich ist, niemals mit Gott persönlich gesprochen hätte, sondern in Zwiesprache mit seinem eigenen Gehirn war (Bild: Prawny, pixabay),

-wenn Jesus kein jüdischer Revoluzzer gewesen wäre,

-wenn Mohammed Kaufmann geblieben wäre und weiterhin ohne Schwert und seine angeworbenen Söldner gelebt hätte,

so würde unsere Welt zwar anders aussehen, aber in punkto Moral würden wir Menschen nicht anders handeln, als wir das jetzt tun.

Die sozialen, einem Zusammenleben zuträglichen Verhaltensweisen unter Menschen gibt es schon sehr viel länger, als davon – über einen vorgestellten Gott Jahwe bei einem kleinen fünftausend Mann starken Königreich David – die Rede war.

Lassen Sie uns einmal aufzählen, wie wichtig Ihnen die zehn Gebote überhaupt sind, ganz abgesehen von den übrigen 999 Seiten der Bibel. Nur zehn, zehn Gebote, zählen Sie sie bitte auf!

Machen Sie den Test, bevor Sie weiterlesen.

Die Probleme mit Diebstahl, Ehebruch, Mord und Lüsternheit auf Andere , etwa auf Knechte, Esel, Mägde, Rinder und Weiber hatten die Menschen schon in vor-biblischen Zeiten sanktioniert.

Einige der zehn Gebote befassen sich mit Unwichtigem, wie Bildchen malen von Gott und fluchen und keinen anderen Gott anbeten, das ist mit heutigen Augen betrachtet geschenkt!

Dass man Vater und Mutter ehren soll, dazu brauchte es keinen Jesus.

Falschaussage wurde schon in der Primaten-Urhorde mit Missachtung des Betreffenden bestraft!

Sonntags frei, gut , das mag ja neu sein! Im 1.Buch Mose nicht erwähnt, wird im 2.Buch Mose plötzlich das Volk mit einem freien Sabbat beschenkt; das passt irgendwie auch nicht zusammen.

Dafür gibt die Bibel aber einen Freibrief für Landraub, Vergewaltigung, Menschenhandel, selbst der Verkauf der Töchter ist geregelt. Zwischendurch kommt der lockere Hinweis, dass man Zauberinnen nicht am Leben lassen soll, was jahrhundertelang ein Freibrief zum Foltern und Verbrennen unangepasster Frauen war, derer sich die chauvinistische Männerwelt entledigen wollte.

Sklaverei und ethnische Säuberungen werden fein säuberlich geregelt, Zwangsehe und willkürliche Massaker an allen Lebewesen wurden legalisiert, Frauen massakriert, Jungfrauen vergewaltigt – von diesem brutalen Gott legalisiert – nur weil es die primitiven Vorgänger der heutigen Juden damals so hinter ihrer Stirn hatten, ließen sie Gott die Befehle aussprechen, die das Volk zusammenhalten und ihm neues Land erschliessen sollten.

Mit "Gott" hat das alles nichts zu tun. Es ist Menschenwerk! Auf diese Weise konnten auch Knaben erst geschändet, dann abgeschlachtet werden. Von alledem berichtet die Bibel. Seien Sie ehrlich, wenn sie das jemals von ihrem Pfarrer gehört haben sollten, was bezweifelt werden darf, haben Sie das sowieso nicht ernstgenommen. Aber warum steht es dann noch drin?

Warum muss heute noch beschnitten werden?

Sicher, das ist weniger Religion, mehr Tradition, die sich die religiösen Machthaber nicht wegnehmen lassen wollen, weil sie ihren Einfluss schwinden sehen. Und es ist kein Antisemitismus, wenn man dazu sagt: Es wird aber auch Zeit und es gilt für alle Religionen, die sich auf Annahmen stützen.

Die Konfessionslosen sind da fein raus. Ihnen genügt für ein körperlich unverletztes, fröhlich freies Leben das, was sie oder andere Autoritätspersonen wissen. Das bedeutet nicht, dass sie ein ungezügeltes Leben führen, keineswegs.

Sie unterliegen aber auch nicht dem puritanisch-unangenehmen Gefühl, dass irgendjemand irgendwo auf der Welt Vergnügen hat! Dem einzigen Leben hier im Diesseits einen, – unseren eigenen – Sinn zu geben, das ist unser Recht und eine unserer vielen Möglichkeiten, die wir nutzen können. Es ist aber gewiss nicht das Recht unserer Bundeskanzlerin, in wohltönender Übereinstimmung mit Bischöfen, Mullahs und Rabbis diese Möglichkeiten von vornherein zu reduzieren, zu beschneiden.

Wie es zu dem ganzen Unsinn kam kann man hier betrachten: http://www.youtube.com/watch?v=Um8AjhVTy7Y

 

Die Meinung des Gastautors muss nicht der Redaktionsmeinung entsprechen.

 

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Ohne Lizenz zum Denken: Manfred Lütz zur aktuellen Sterbehilfedebatte

Gedanken von Dr. Edgar Dahl (Initiative Humanismus):

Spätestens seit seiner grotesken Apologie „Gott: Eine kleine Geschichte des Größten“ dürfte es hinlänglich bekannt sein, dass sich Manfred Lütz eher auf das Suggerieren, Insinuieren und Diffamieren als auf das Argumentieren versteht. In seinem jüngst erschienenen Artikel „Es gibt keine Lizenz zum Töten“1 bietet er uns eine erneute Kostprobe seiner perfiden Kunst. Gleich zu Beginn seiner kruden Polemik gegen die Sterbehilfe greift er zu der alt bewährten Nazikeule, indem er seine Leser eindringlich an das „Euthanasie-Programm“ des Dritten Reiches gemahnt. Doch was hat die perniziöse „Aktion T4“, mit der sich der nationalsozialistische Staat seiner „unnützen Esser“ und „sozialen Ballastexistenzen“ zu entledigen suchte, mit der aktuellen Debatte um die Hilfe bei der Selbsttötung zu tun? Da Lütz genau weiß, dass es in der gegenwärtigen Diskussion nicht um die „aktive Euthanasie“, sondern ausschließlich um den „assistierten Suizid“ geht, kann man sich nur schwer des Eindrucks erwehren, dass Lütz hier mal wieder tief in seine sophistische Trickkiste zu greifen versucht hat: Es ist der leider wenig subtile Versuch, seine Opponenten von vornherein moralisch zu diskreditieren.  

In dem Verdacht, dass Lütz aus Mangel an Argumenten mal wieder zu Denunziationen greift, wird man noch bestärkt, wenn man sieht, dass er jeden, der sich gegen die geplante Kriminalisierung des assistierten Suizids ausspricht, kurzerhand als „Tötungsbefürworter“ diffamiert. Doch wer bitteschön spricht von „töten“? Es geht doch allein um die Frage, ob man es Ärzten in Ausnahmefällen weiter gestatten sollte, unheilbar erkrankten Menschen auf deren ausdrückliches Verlangen hin ein Medikament auszuhändigen, mit dessen Hilfe sie ihrem Leben und Leiden selbst ein Ende setzen können. Und zwischen dem Ausstellen eines Rezepts und der Tötung eines Patienten liegen doch wohl Welten! 

Da sich ihm die juristische Unterscheidung zwischen der strafbaren „Tötung auf Verlangen“ und der straffreien „Beihilfe zur Selbsttötung“ offenbar nicht erschließen will, kann es auch nicht weiter verwundern, dass uns Lütz vor „holländischen Zuständen“ zu warnen sucht. Aber noch einmal: Es geht in der gegenwärtigen Bundestagsdebatte nicht um die aktive Euthanasie, sondern um den assistierten Suizid.   

Wie gewohnt, scheut Lütz auch vor faustdicken Lügen nicht zurück. So behauptet er etwa: „In den Niederlanden tötet man inzwischen aus ‚Mitleid’ auch Menschen, die gar nicht zugestimmt haben.“ Wenn er damit meint, dass in Holland tatsächlich Patienten entgegen ihrem ausdrücklichen Willen getötet werden, ist diese Behauptung frei erfunden. In den Niederlanden sind keine Fälle von unfreiwilliger Euthanasie, sondern nur von nicht-freiwilliger Euthanasie dokumentiert worden.

Womöglich ist Lütz mit der folgenden Differenzierung heillos überfordert. Dennoch: In der medizinethischen Diskussion unterscheidet man zu Recht zwischen der „freiwilligen Euthanasie“, der „unfreiwilligen Euthanasie“ und der „nicht-freiwilligen Euthanasie“. Die freiwillige Euthanasie besteht in der Tötung eines Patienten auf dessen ausdrücklichen Wunsch. Die unfreiwillige Euthanasie besteht in der Tötung eines Patienten entgegen dessen ausdrücklichen Wunsch. Und die nicht-freiwillige Euthanasie besteht in der Tötung eines Patienten ohne dessen ausdrücklichen Wunsch.

Die Unterscheidung zwischen freiwilliger und unfreiwilliger Euthanasie dürfte klar sein. Im ersten Fall tötet der Arzt einen Patienten mit dessen Willen, im zweiten Fall gegen dessen Willen. Doch was bedeutet „ohne“ dessen Willen? Mit der nicht-freiwilligen Euthanasie werden Fälle bezeichnet, in denen der Patient nicht mehr ansprechbar ist. Wenn er etwa in ein irreversibles Koma gefallen ist, kann er sich nicht mehr für oder gegen eine Euthanasie aussprechen. In solchen Situationen entscheiden dann für gewöhnlich die Angehörigen des Patienten oder die Ärzte selbst, ob eine Euthanasie durchgeführt werden sollte oder nicht. Wenn sich die Ärzte auf Grund der hoffnungslosen Prognose des Patienten dazu entschließen, ihn mit Hilfe einer Injektion zu töten, ist dies ein Fall von nicht-freiwilliger Euthanasie, weil sie ohne dessen Zustimmung erfolgt. 

Ärztliches Handeln ohne eine ausdrückliche Einwilligung des Patienten ist immer problematisch. Doch sie ist keineswegs auf die Niederlande beschränkt. Auch hierzulande schalten Ärzte beispielsweise regelmäßig den Respirator eines Patienten ab, ohne zuvor dessen ausdrückliche Zustimmung eingeholt zu haben. Tatsächlich ist die Zahl nicht-freiwilliger medizinischer Maßnahmen am Lebensende in Deutschland sogar weit höher als in Holland. Nach einer Umfrage halten es denn beispielsweise auch 63 Prozent der von Lütz gepriesenen deutschen Palliativmediziner für moralisch zulässig, lebenserhaltende medizinische Maßnahmen ohne den ausdrücklichen Wunsch ihrer Patienten zu beenden! Lützens moralischer Zeigefinger ist also vollkommen deplatziert: In Deutschland wie in Holland sterben Patienten mit infauster Prognose zuweilen ungefragt eines vorzeitigen Todes.

Wenn er den ethischen und rechtlichen Unterschied zwischen aktiver Euthanasie und assistiertem Suizid begreifen würde, hätte Lütz seinen Blick nicht auf die Niederlande, sondern auf die Schweiz gerichtet. Denn dort finden wir jene Praxis der Sterbehilfe vor, nach der sich eine überwältigende Mehrheit der deutschen Bevölkerung sehnt.

In der Schweiz gibt es fünf Sterbehilfeorganisationen. Und niemand fühlt sich durch die Suizidhilfe, die sie leisten, bedroht. Als im Jahre 2011 im Kanton Zürich ein Volksentscheid stattfand, sprachen sich 84,5 Prozent der Bürger gegen ein Verbot der so genannten „Freitodhilfe“ aus. Die überwiegende Mehrheit nimmt die bestehenden Sterbehilfeorganisationen nicht in Anspruch. Tatsächlich sterben jedes Jahr nur 7 von 1.000 Menschen durch eine Freitodhilfe. Doch die Schweizer sind liberal: Auch wenn sie selber nicht daran denken, vom assistierten Suizid Gebrauch zu machen, fragen sie sich doch, welches Recht sie haben, ihn anderen vorzuenthalten.   

Mit 60.000 Mitgliedern ist „Exit“ die größte Sterbehilfeorganisation in der Schweiz. Die Mitgliedschaft kostet 45 Franken jährlich. Jedes Jahr erhält Exit etwa 2.000 Anfragen zu einer Freitodbegleitung. Davon werden im Durchschnitt 500 angenommen. Von den 500 Menschen, denen eine Freitodhilfe zugesichert wird, machen letztlich aber nur 300 Gebrauch. 200 Menschen genügt also das bloße Wissen, dass sie ihrem Leben jederzeit ein Ende setzen können, falls ihr Leiden unerträglich werden sollte. 

Exit hilft nicht nur Menschen mit Krebserkrankungen oder degenerativen Erkrankungen, wie etwa der Amyotrophen Lateralsklerose (ALS), sondern bisweilen auch Patienten, die unter einer chronischen Depression, beginnender Demenz oder der Alzheimerschen Erkrankung leiden. Voraussetzung dabei ist immer, dass die Betroffenen noch urteilsfähig sind. Über die Freitodbegleitung hinaus bietet Exit zudem noch eine Palliativpflege und eine Suizidprophylaxe an.

Anders als Lütz zu suggerieren sucht, führt die Zulassung einer Praxis des assistierten Suizids also keineswegs zum Untergang des Abendlandes.

Wie so viele Gegner einer Liberalisierung der Sterbehilfe versucht auch Lütz den Wert der Selbstbestimmung zu unterminieren. „Selbstbestimmung“, schreibt er, „ist in unserer Gesellschaft zu Recht ein hoher Wert.“ „Philosophisch“, fügt er hinzu, sei es jedoch „eher fraglich, ob man die Entscheidung, sich selbst zu töten oder töten zu lassen, überhaupt als einen Ausdruck von Selbstbestimmung verstehen kann.“ Denn (und jetzt wird es abenteuerlich!): „Die Voraussetzung für Selbstbestimmung ist, dass dieses Selbst existiert. Bestimmt man sich selbst, wenn man das Selbst, das da bestimmt, vernichtet?“ Die Antwort auf diese geradezu hegelianisch anmutende Phrasendrescherei lautet natürlich: Ja! Jeder Mensch kann beschließen, seinem Leben ein Ende zu setzen. In diesem Fall beschließt er selbst die Auslöschung seines Selbst. Was ist daran so kompliziert oder gar „selbstwidersprüchlich“?

Was all die Kritiker der Selbstbestimmung – angefangen von Müntefering über Gröhe bis zu Lütz – übersehen, ist, dass sie sich mit ihrer Argumentation letztlich ins eigene Fleisch schneiden. Sie sind beispielsweise alle der Ansicht, dass die passive Sterbehilfe eine gute Sache ist: Jeder Patient hat ihrer Meinung nach das Recht, auf eine lebensverlängernde medizinische Maßnahme zu verzichten. Doch womit wollen sie die Entscheidung eines Patienten, auf eine Chemotherapie zu verzichten, rechtfertigen, wenn nicht mit dessen Selbstbestimmung? Allein das Recht auf Selbstbestimmung gestattet es jedem Menschen, sich gegen einen ungewollten medizinischen Eingriff zu verwahren! Ja, allein das Recht auf Selbstbestimmung erlaubt es einem Patienten sogar, seinen Arzt bei Zuwiderhandlung wegen Körperverletzung anzuzeigen.

Offenbar von seinen eigenen Einwänden selbst noch nicht ganz überzeugt, fährt Lütz schließlich das schwerste aller Geschütze überhaupt auf – die viel und gern beschworene „Menschenwürde“. Wie ich an anderer Stelle schon einmal eingehend ausgeführt habe2, ist der Appell an die vermeintlich unantastbare Würde des Menschen jedoch nicht sonderlich hilfreich. Der Begriff der Menschenwürde ist viel zu unbestimmt, um aus ihm irgendwelche konkreten Normen ableiten zu können. Nirgends zeigt sich dies so deutlich wie in der zur Rede stehenden Debatte: Denn sowohl die Verfechter als auch die Verächter der Sterbehilfe berufen sich hier gleichermaßen auf die Menschenwürde. 

Die ursprünglich vorgesehene Formulierung des Paragraphen 1 unseres Grundgesetzes lautete nicht „Die Würde des Menschen ist unantastbar!“, sondern „Der Staat ist für den Menschen da, nicht der Mensch für den Staat!“ Auch diese Formulierung ist reichlich vage. Doch sie verdeutlicht die Intention der Verfassungsväter dennoch weit deutlicher: Der Staat darf mit seinen Bürgern nicht nach Belieben verfahren. Jeder Bürger hat durch die Verfassung geschützte Rechte, die selbst vom Staat nicht verletzt werden dürfen. Zu diesen Rechten zählt zuallererst das Recht auf Leben. Wie das Recht auf Freiheit oder das Recht auf Eigentum ist das Recht auf Leben jedoch ein bloßes Abwehrrecht. Dies bedeutet: Ein Bürger darf weder durch seine Mitmenschen noch durch seine Regierung getötet werden. Er darf sich dagegen aber durchaus selbst töten. Das Recht auf Leben soll uns vor unseren Mitbürgern und vor unserem Staatsapparat, nicht aber vor uns selbst schützen. Das Recht auf Leben beinhaltet daher auch keine Pflicht zum Leben!  

Sobald man diese Intention der Verfassungsväter kennt, wird sofort klar, dass sich Lütz mal wieder eines bloßen rhetorischen Tricks bedient, wenn er aus der so genannten „Unantastbarkeit“ der Menschenwürde abzuleiten versucht, dass sich auch niemand an seinem eigenen Leben vergreifen dürfe. Noch einmal: Wenn überhaupt, dann begründet die Würde des Menschen ein Recht auf Leben, nicht aber eine Pflicht zu leben!

Den Gipfel mongoloiden Denkens erreicht Lütz wohl spätestens mit der Behauptung, dass ein selbstbestimmtes Sterben nur in einem Hospiz möglich sei. „Tatsächlich wollen sich die Menschen“, wie er zugibt, weder vom Staat noch vom Arzt „vorschreiben lassen, wie sie zu sterben haben. Das ist im Hospiz aber sichergestellt.“ Der Theologe Lütz vergisst an dieser Stelle offenbar, dass sich die Menschen auch nicht von der Kirche oder von einem Pfarrer vorschreiben lassen wollen, wie sie zu sterben haben.

In Deutschland haben Jochen Taupitz und Peter Hintze jeweils einen Gesetzentwurf vorgelegt, der sich am so genannten „Death With Dignity Act“ im US-Bundesstaat Oregon anlehnt. In Oregon ist der ärztlich-assistierte Suizid bereits seit 1997 legal. Im Jahr 2013 haben sich dort beispielsweise 71 terminal erkrankte Menschen mit Hilfe des Barbiturats Natriumpentobarbital selbst das Leben genommen. 60 der 71 Patienten waren zunächst in einem Hospiz. Vielleicht sollte sich Lütz mal fragen, was also 85 Prozent dieser sterbewilligen Patienten dazu bewogen haben mag, das Hospiz zu verlassen und lieber zu Hause von eigener Hand zu sterben.

Schließlich und endlich kommt auch Lütz nicht ohne den inzwischen geradezu obligatorisch gewordenen Hinweis auf die Palliativmedizin aus: „Die Palliativmedizin kann heute einem Sterbenden alle Schmerzen nehmen.“ Natürlich ist auch diese Behauptung frei erfunden. Selbst führende Palliativmediziner wie Michael de Ridder oder Gian Domenico Borasio würden es nicht wagen, zu behaupten, dass ihre Zunft wirklich alle Schmerzen zu behandeln vermag. Vorsichtigen Schätzungen zufolge versagt zumindest in vier bis zehn Prozent der Fälle auch die beste palliativmedizinische Behandlung.

Die einzige palliativmedizinische Maßnahme, mit der sich buchstäblich alle Schmerzen bekämpfen lassen, ist die terminale Sedierung. Hierbei gibt der Arzt einem sterbenden und von Schmerzen gequälten Patienten kontinuierlich so starke Betäubungsmittel, dass er das Bewusstsein verliert. Ein auf diese Weise narkotisierter Patient wird tatsächlich keine Schmerzen mehr leiden und kann – vorausgesetzt man stellt jedwede Zufuhr von Nahrung und Flüssigkeit ein! – in etwa ein bis zwei Wochen sanft entschlafen.

Doch hier stellen sich sogleich zwei Fragen. Erstens, was ist, wenn ein Patient nicht auf diese Art und Weise versterben möchte? Sicher, er mag die Möglichkeit, schmerzfrei zu entschlafen, durchaus begrüßen. Doch vielleicht graut ihm vor der Vorstellung, dass ihn seine Anverwandten dann noch über Tage hinweg langsam verenden sehen müssen. Mit welchem Recht wollte Lütz ihm den Wunsch verwehren, sich von seinem Arzt lieber gleich eine tödliche Dosis eines Barbiturates aushändigen zu lassen, mit der er seinem eigenen Leben sofort ein Ende setzen kann? 

Und zweitens, worin genau besteht eigentlich der moralisch relevante Unterschied zwischen einem Arzt, der seinem Patienten regelmäßig ein Narkotikum verabreicht, und einem Arzt, der seinem Patienten einmalig ein Barbiturat aushändigt? Lütz wird vermutlich sagen, dass der Unterschied in der Intention des Arztes liege. Ersterer beabsichtige lediglich die Bekämpfung des Schmerzes, letzterer hingegen die Beendigung des Lebens. Doch dies ist mehr als fraglich. Viel wahrscheinlicher ist, dass beide Ärzte aus demselben Grund heraus handeln: Beide achten das Selbstbestimmungsrecht ihres Patienten und wollen ihm zu einem friedlichen Tod verhelfen. 

Statt zu versuchen, die Palliativmedizin und die Sterbehilfe gegeneinander auszuspielen, sollte Lütz daher einfach anerkennen, dass die terminale Sedierung und der assistierte Suizid gleichermaßen legitime Optionen am Lebensende sind.

 

Anmerkungen:

1Manfred Lütz Es gibt keine Lizenz zum Töten. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 12. Dezember 2014:  http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/sterbehilfe-es-gibt-keine-lizenz-zum-toeten-13314113.html

2 Edgar Dahl Die Würde des Menschen ist antastbar. In: Spiegel Online vom 17. April 2010: http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/ethik-debatte-die-wuerde-des-menschen-ist-antastbar-a-685376.html

 

Dr. Edgar Dahl hat sich nach seinem Studium der Philosophie und Biologie auf Bioethik spezialisiert. Im vergangenen Dezember erschien sein eBook „Dem Tod zur Hand gehen. Ein Plädoyer für den ärztlich-assistierten Suizid.“

Link zum Buch:

https://itunes.apple.com/de/book/dem-tod-zur-hand-gehen/id948903543?mt=11

 

 




Mein Ende gehört mir

Letzte HilfeRezension von Dr. Edgar Dahl (Initiative Humanismus).

Seit Oktober dieses Jahres (2014) läuft eine bundesweite Kampagne mit dem Titel „Mein Ende gehört mir!“ Grundlage dieser Kampagne ist das von Uwe-Christian Arnold veröffentlichte Buch „Letzte Hilfe: Ein Plädoyer für das selbstbestimmte Sterben.“

Mit dem Urologen Arnold meldet sich nicht irgendein weiterer selbsternannter Experte zu Wort. Mit Arnold meldet sich vielmehr ein Arzt zu Wort, der mehr als zweihundert Menschen persönlich Sterbehilfe geleistet hat. Wenn Patienten, die von einer unheilbaren Erkrankung betroffen waren und unter unsäglichen Qualen litten, nicht mehr wussten, an wen sie sich wenden sollten, leistete er ihnen „Letzte Hilfe“: Er gab ihnen ein Medikament, mit dem sie ihrem Leben und Leiden selbst ein Ende setzen konnten.

Nachdem er in Dutzenden von Talk-Shows gefragt wurde, wie er eigentlich zur Sterbehilfe gekommen ist, hat sich Arnold jetzt dazu entschlossen, seine Beweggründe zu Papier zu bringen. Herausgekommen ist ein ebenso geistreiches wie erschütterndes Buch. Auf 240 höchst einfühlsam geschriebenen Seiten berichtet er von der Selbsttötung seiner Mutter, seinem ersten Fall von Suizidhilfe und seinem Rechtsstreit gegen die Berliner Ärztekammer. 

Arnolds Buch stellt jedoch weit mehr dar als nur die „Bekenntnisse eines Sterbehelfers“. Es liefert eine Kulturgeschichte der Selbsttötung, eine Auseinandersetzung mit den Dogmen der Kirche, eine Untersuchung des Hippokratischen Eids, eine Darstellung der gegenwärtigen Rechtslage und eine Übersicht zur Philosophie des Freitods, die von Epikur über Voltaire bis zu Schopenhauer reicht.

Für die gegenwärtige Bundestagsdebatte zum ärztlich-assistierten Suizid ist vor allem das Kapitel wichtig, in dem Arnold einen Blick über die Ländergrenzen wirft und die Praxis der Freitodhilfe in der Schweiz beschreibt. Es zeigt, dass all die von den Politikern beschworenen Befürchtungen jeder Grundlage entbehren. In der Schweiz gibt es beispielsweise fünf Sterbehilfeorganisationen. Und niemand fühlt sich durch die Freitodhilfe, die sie leisten, bedroht. Als im Jahre 2011 im Kanton Zürich ein Volksentscheid stattfand, sprachen sich 84,5 Prozent der Bürger gegen ein Verbot der Freitodhilfe aus. Die überwiegende Mehrheit nimmt die bestehenden Sterbehilfeorganisationen nicht in Anspruch. Tatsächlich sterben jedes Jahr nur 7 von 1.000 Menschen durch eine Freitodhilfe. Doch die Schweizer sind liberal: Auch wenn sie selber nicht daran denken, von der Sterbehilfe Gebrauch zu machen, fragen sie sich doch, welches Recht sie haben, sie anderen vorzuenthalten.

Mit 60.000 Mitgliedern ist „Exit“ die größte Sterbehilfeorganisation in der Schweiz. Die Mitgliedschaft kostet 45 Franken jährlich. Jedes Jahr erhält Exit etwa 2.000 Anfragen zu einer Freitodbegleitung. Davon werden im Durchschnitt 500 angenommen. Von den 500 Menschen, denen eine Freitodhilfe bewilligt wird, machen letzlich aber nur 300 Gebrauch. 200 Menschen genügt also das bloße Wissen, dass sie ihrem Leben jederzeit ein Ende setzen können, falls ihr Leiden unerträglich werden sollte. „Sterbehilfe“, sagt Arnold daher zu Recht, „ist immer auch Lebenshilfe!“

In der sogenannten „Orientierungsdebatte“, die kürzlich im Bundestag stattfand, hat sich lediglich eine Gruppe um Renate Künast gegen eine Änderung unseres Strafgesetzes und gegen ein Verbot von Sterbehilfeorganisationen ausgesprochen. Weitaus zahlreicher sind jedoch die Politiker, die den Vorschlag von Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe unterstützen, der jede Form von Suizidhilfe verboten sehen will.

In diesem Zusammenhang ist vor allem das Kapitel interessant, in dem Arnold seinen Prozess vor dem Berliner Verwaltungsgericht beschreibt. Am 30. November 2007 stellte ihm die Ärztekammer Berlin eine Unterlassungsverfügung zu, mit der ihm jede weitere Hilfe bei einer Selbsttötung verboten wurde. Bei Zuwiderhandlung drohte ihm ein Zwangsgeld in Höhe von 50.000 Euro. Am 30. März 2012 erklärte das Berliner Verwaltungsgericht die Unterlassungsverfügung für unzulässig. Die Ärztekammer Berlin, hieß es im Urteil, habe kein Recht, Arnold jede Beihilfe zur Selbsttötung zu verweigern. Ein ausnahmsloses Verbot der Suizidhilfe verstoße gegen die im Grundgesetz garantierte Freiheit der Berufsausübung und die Gewissensfreiheit des Arztes. Zumindest in den Fällen, „in denen der Arzt einer Person, zu der er in einer lang andauernden, engen Beziehung steht“, müsse es ihm erlaubt sein, ein todbringendes Mittel zu verschreiben.“

Es ist daher schwer zu sehen, wie Gröhe ein uneingeschränktes Verbot der Suizidhilfe durch das Parlament boxen will, ohne dass es sogleich vom Bundesverfassungsgericht angefochten wird.

Der einzige Schönheitsfehler des Buches besteht darin, dass Arnold seine Kollegen der „unterlassenen Hilfeleistung“ bezichtigt, wenn sie sich weigern, ihren vom Tod gezeichneten Patienten bei einer Selbsttötung zu helfen. Er kann das Urteil des Berliner Verwaltungsgericht nicht dafür rühmen, dass es ihm eine Gewissensfreiheit einräumte, nur um sie seinen Kollegen sogleich wieder zu versagen. Wie bei der Abtreibung, so muss es auch bei der Sterbehilfe der Gewissensentscheidung eines jeden Arztes überlassen bleiben, ob er zu einer Hilfe bei der Selbsttötung bereit ist oder nicht.

Dennoch: Das Buch „Letzte Hilfe. Ein Plädoyer für das selbstbestimmte Sterben“ bietet sowohl Laien als auch Medizinern, Juristen, Theologen und Philosophen eine höchst anregende Lektüre. 

Uwe-Christian Arnold Letzte Hilfe. Ein Plädoyer für das selbstbestimmte Sterben. Rowohlt, Reinbek 2014, 240 Seiten, 18,95 Euro. 

 

 




Partei der Humanisten zu Gast bei “Religionsfrei im Revier”

pdh-bei-religionsfreiimrevierAm Freitag den 28. November besuchte unser Vorstandsmitglied Yan Ugodnikov und das Beiratsmitglied Jeanny Passauer die “Religionsfrei im Revier”-Gruppe in Bochum.

Es haben sich mehr als 20 Personen am Nachmittag im Bochumer Osten zusammengefunden, um über die aktuellen religionskritischen Ereignisse zu diskutieren und die allgemeine religiöse Weltanschauung zu hinterfragen.

Der Initiator der „Religionsfrei im Revier“-Gruppe und Vorstandsbeisitzer der IBKA e.V. Jörg Schnückel begrüßte das Vorhaben der Verbreitung von humanistischen und säkularen Werten im politischen Rahmen. Ferner gab es Akzeptanz seitens der meisten Teilnehmer, so dass mehrere Personen konkretes Interesse zeigten, bei der Partei der Humanisten mitzuwirken.

Ferner findet am Samstag den 3. Januar das 2. Abendessen mit dem Vorstand der Partei der Humanisten, ebenfalls in Bochum, statt. In der Mittagszeit trifft sich der Vorstand zur zweiten Vorstandssitzung in Wattenscheid. Um 18:00 trifft sich der gesamte Vorstand mit dem Parteibeirat in der “Three Sixty” – Bar in der Bochumer Innenstadt. Es sind alle Mitglieder und Interessenten für ein gemeinsames Abendessen herzlich eingeladen. Besonders interessant ist das Treffen für die Mitglieder aus der Region, für die Gründung des Landesverbands Nordrhein-Westfalen.

Facebook-Veranstaltung “2. Abendessen mit dem Vorstand”: https://www.facebook.com/events/1510919119182484

Religionsfrei im Revier: http://religionsfrei-im-revier.de




MANIFESTO OF THE INITIATIVE HUMANISM

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Die Übersetzung unseres Manifests der Initiative Humanismus verdanken wir dem "native speaker" und Übersetzer Ringo Caderousse, seit langer Zeit Mitglied der Initiative Humanismus.

FOR PEOPLE – AGAINST DOGMAS

Preliminary Remarks:

This manifesto is in no case to be understood as a manual in the sense of a to do list, because this may be felt as being coercion.  A Humanist would never submit to authoritative commandments, because he, as an individual, decides what is important and right for him.    Therefore, this manifesto is a short description and display of what the humanistic view of life contains, so that outsiders who, more often than not, have wrong impressions of  humanism, are able to inform themselves and, if need be, can wholly or partly adapt these basic perceptions for their own lives.

1.  Being human for mankind

Humanists are constantly in search of answers to the question 'How can a human being be human to mankind?'  They thereby put their trust in the natural, through evolution developed ethic, which is to be found in all cultures in a more or less large extent, and reject referring to dogmatic religious directives or political ideologies.  Their guideposts are more so reason and science.

2.  Human rights apply without exception to all people.

Humanists respect their opposite as an equally sentient and rights-demanding human being, independent of their ideological conviction.  They assume that dissenters show the same tolerance and do not try, with missionary zeal, or even by violence, to dissuade them from their stance.  There can, however, be no tolerance for intolerance.  Humanists respect all their fellow men, regardless of their biological features or sexual orientation. 

3.  Animals are sensitive fellow creatures

Humanists also accept the non-human creatures of surrounding nature that are equipped just the same with sensitivity for pain and joy in well-being, so that humanists feel obliged to treat them as gently as possible.  The human being is neither the "Image of God", nor "The Crown of Creation", but rather one evolutionarily originated species amongst many.  Because of its intelligence, it has more power than the other types of animal.  Wherefrom, however, it does not follow that their well-being and suffering should account for less, because physical and mental weaknesses are no reason for debasement.

4. Social skills make us human

Humanists know that the basic social skills of mankind – like helpfulness, sense of responsibility, ability to co-operate and altruism – have as much a genetic, as well as beyond that, a hormonal basis.   They are therefore scientifically researchable in their material foundation, justifiable and culturally further developable.  This goes also for those least social attributes of mankind, like the ability to lie, to defraud, commit malice and felonies.

5. „Good“ and „Bad“ have no metaphysical reference points

Humanists reject the claim by religions of a monopoly on morals.  Humanists represent a secular, meaning ethics based on reason.  The assumption "Without God everything is permitted" is just as much a fallacy as the assumption "With God, everything is moral".  The former is refuted the  by science and  the everyday life of millions of people, the latter is so obviously  belied through the history of religion and recent past that examples can be dispensed with here.  Remarkable is:  Predominantly non-religious societies like for instance Sweden are conspicuously often considerably more philanthropic in their social systems than more religious societies like for instance the USA. 

6.  Mankind is the measure of all things

For Humanists, mankind is a self-determined and at the same time social being, which frees itself of metaphysical representations of moral values of a merely alleged authority above it and which orientates itself in its moral-ethical decisions directly on the interests and needs of their fellow human beings.  Conflicts of interest between people are solved under the criteria "fair" and "unfair", in the evaluation of scientific and technical developments, the only relevant question is, whether they serve the long-term improvement in the quality of life of people and not, however, whether a religious law is violated therewith.

7.  Religion and ideology are a private matter

Humanists essentially base their ideologies upon a scientific image of the world and therefore consequently reject the following of self-proclaimed priest or shaman castes with their metaphysical orientations.  This kind of attitude demands a religiously neutral state that largely sees the ideological views of its citizens as a private matter and which does not prefer, nor even financially support any religious community.    

8.  No religious indoctrination in schools

Humanists live their humanistic world image as model, but without missionary zeal.  For this reason, they also reject indoctrinating lessons in schools, as is presently offered as religious instruction at childhood age and partly as biology lessons interpreted as religious, because such lessons divide, rather than unite.  By this method, aversion, and in the worst case, hate towards people of a different faith is caused, where actually a peaceful co-existence in a culturally increasingly varied world would be called for.  Some humanists therefore advocate the widespread establishment of a teaching subject, in which values and norms should be conveyed.  Others reject this form of conveyance and prefer the use of expanding history and philosophy lessons, for comparison of different ideological positions.  

9.  Science-oriented thinking is open-ended

Humanists feel committed to reason and science, which they see as pillars of their ideology.  New facts based on scientific perception continually change our understanding of the world and of human beings and therefore our image of the world.  Because humanists do not represent any absolute truths, adjustments to the continually changing circumstances are to be made.  Outdated religious and rigid ideological theorems and doctrines have no place in this view of the world.

10.  The human being determines the meaning of life

Humanists assume that they are more than likely given only this one life in which they can realise their visions and desires.  Characteristic of humanistic way of life is therefore a strict here and now orientation for the realisation of their own visions and desires.  Humanists aim to lead a fulfilled and possibly happy life and to campaign so that as many fellow human beings as possible succeed in this.  It is a matter for the individual to give his life a personally chosen meaning.  Prefabricated religious or worldly ideological interpretations are rejected.

11.  Self-determination is the central principle of life

Humanists accept limitations of freedom of the individual only insofar as they serve the upholding of a peaceful co-existence in society.  They emphatically reject societal or political currents that counteract this target.  The idea of the liberal and religion-neutral constitutional state comes closest to the humanistic perception.   This means granting each human being as much opportunity for personal development as is possible without limitations on their fellow man.

 12. Without freedom of opinion, human rights wither

In the framework of general human rights, humanists rate the right to freedom of expression as a high value (socially viewed, even as the highest).  Is the freedom of free expression of opinion damaged, all other human rights soon suffer under emaciation or distortion.  They therefore broadly reject limits to the freedom of opinion.   Statements detrimental to human co-existance beyond the aim of informance or expressions of opinion – like for instance calls to violence – are, however, not affected.

 Epilogue:

Humanists do not immunize themselves against criticism.  On the contrary:  honest and constructive criticism is seen as a gift, which quite generally may serve to improve the life situation of mankind.  Therefore, we are thankful for suggestions that could, at a later stage, serve to further specify and, if need be, supplement our concept. 

Approved by the Facebook-Group Initiative Humanismus on 15. March 2012.

This manifesto (in German) as Pdf-File for downloading: Humanismus-Manifest-01.pdf

Note: This manifesto may also be distributed without express permission, but quoting the source. This is in our interest and supports a better knowledge of humanistic principles in society.

Discussions about this manifesto (in whatever language) can be held here.  

We owe the English Translation of the original „Manifest der Initiative Humanismus“ to Ringo Caderousse, member of he Initiative. Many thanks for the excellent work.

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Carsten Frerk: Die Kirchen schaffen Werte – Beiseite

FrerkVeranstaltung am 13.11.14 in Düsseldorf, Zakk.

Bericht unserer Sympathie-Botschafterin Janine Passauer, Beirätin der Partei der Humanisten:

Der Düsseldorfer Aufklärungsdienst und die Rosa Luxemburg Stiftung haben am Donnerstagabend zu einer Lesung und Diskussion mit Carsten Frerk ins Zakk geladen. Nicht ganz so viele Gäste wie am Vortag bei Mina Ahadi folgten dieser Einladung und wurden Zeuge einer perfekt durchorganisierten Veranstaltung.
Carsten Frerk schilderte auf seine bekannte, humoristische Art die finanzielle Situation der Kirchen in Deutschland. Mit anschaulichen Folien stellte er die Dreistigkeit ua der Katholiken des Erzbistums Köln dar, wie sie die Massen täuschen und wo sich die Milliarden und aber Milliarden Euros aus Steuergeldern wieder finden. Die von ihm angeführten Zahlen führten bei den Anwesenden zu einer Mischung aus Empörung und Belustigung. Auch war einigen der Interessierten anscheinend nicht bewusst mit welchen Mitteln in Deutschland frühkindliche Indoktrination betrieben wird. Eine Veranstaltung die mE nicht von Menschen besucht werden sollte die bereits an Hypertonie leiden, die kalten Fakten sind nur schwer zu begreifen und verursachten bei mir eine regelrechte Wut auf die aktuelle Gesetzeslage.

Bei der anschließenden Fragerunde entstand eine interessante Diskussion in der Carsten Frerk Hoffnung äußerte, dass die Kirche „implodiere“ und auch wenn Religionen vermutlich nicht in naher Zukunft aussterben werden, ist die Prognose positiv.
Der Abend endete natürlich nicht mit der Veranstaltung sondern wurde in einer nahe gelegenen Kneipe in gemütlicher Runde fortgesetzt.

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Mina Ahadi: Islamkritik zwischen Aufklärung und Rassismus

Mittwoch, 12.11.2014 in Düsseldorf, V6.

Red.: Ohne Pause setzt sich unsere Jeanny Passauer dafür ein, die Gründung der Partei der Humanisten im humanistischen Umfeld bekannt zu machen. Nach der Präsentation beim gbs-Jubiläum am Freitag war sie am Mittwoch bereits wieder „auf Achse“. Sympathiewerbung vom Feinsten. Hier ihr Bericht:

10805423_854139747950341_91075173_nNachdem die Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf am Vortag den Veranstaltungsort, ohne nachvollziehbare Begründung, gecancelt hat, traf sich das interessierte Publikum im V6 um dem Beitrag von Mina Ahadi zu lauschen. Trotz Improvisation und einem daraus resultierenden Platzmangel, haben es die Veranstalter Düsseldorfer Aufklärungsdienst DA! und Der Zentralrat der Exmuslime geschafft einen informativen Abend auszurichten. Leider verlief der Abend mit einer lautstarken Störung durch einen ungebetenen Gast aus der rechten Szene, dieser konnte aber, ohne größeren Schaden anzurichten, der Örtlichkeit verwiesen werden.

Frau Ahadi begann Ihren Vortrag mit einer kurzen Zusammenfassung ihrer Lebensgeschichte, ergreifend berichtete sie über das Todesurteil, das über sie verhängt wurde und machte deutlich dass sie auch hier in Deutschland nicht die Sicherheit genießt die jedem Menschen zusteht. Sie thematisierte die Menschenrechtsverletzung der islamisch geprägten Länder und führte an, dass ein Dialog mit fundamentalistischen Muslimen schier unmöglich ist, diese aber im Grunde nur eine Minderheit stellen. Um genauere Zahlen festzustellen forderte Mina Ahadi ein Referendum zum Thema.

Im Verlauf der Veranstaltung wiederholte sie mehrfach dass Islamkritik, sowie Kritik an allen Religionen nicht nur berechtigt, sondern notwendig ist. Die Angst als Rassist dargestellt zu werden ist leider allgegenwärtig, aber völlig unbegründet. Sie verwies auf die Tatsache dass der Islam keine Rasse, sondern eine Ideologie ist und demnach keine Rechte besitzt. Mit „Nicht Muslime sondern Menschen besitzen Rechte“ verdeutlichte sie ihren Standpunkt. „Wenn es heißt Gott will dass ich dich töte oder dich vergewaltige, dann brauche ich keinen Gott!“ so ihre Aussage bei der man all die Enttäuschung über diese absurde Rechtfertigungshaltung förmlich spüren konnte. Eine bewundernswerte Frau die alle Anwesenden mit ihrer Erzählung über junge Frauen in Todeszellen tief berührte, mit ihrer Ratio überzeugte und mit ihrem Kampfgeist beeindruckte.

Die anschließende Fragerunde brachte eine spannende Diskussion zu aktuellen Geschehnissen rund um das Thema Islam in Gang, wobei auch die politischen Aspekte in Deutschland thematisiert wurden. Auch nach Ende der Veranstaltung ergaben sich einige interessante Gespräche in denen ich feststellen durfte, dass viele der Anwesenden von der Parteigründung wussten, sich aber noch nicht die Zeit genommen hatten sich näher zu informieren. Ich habe ein paar Fragen zur Partei und unseren Standpunkten beantwortet und konnte neben ausschließlich positiver Resonanz auch einige Visitenkarten und Einladungen mit nach Hause nehmen.

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Partei der Humanisten zeigt Flagge!

GBSIn der Nationalbibliothek in Frankfurt a.M. feierte die Giordano-Bruno-Stiftung am 7. November ihr 10-jähriges Bestehen (siehe hier: http://hpd.de/artikel/10486). Zu den geladenen Gästen und Gratulanten gehörten für die kürzlich gegründete Partei der Humanisten der Vorstandsvorsitzende Dieter Fischbach und das Beiratsmitglied Janine Passauer.

Beide waren von dem inhaltlich und organisatorisch hervorragend durchgeführten Festakt mehr als begeistert.

Während des Rahmenprogramms ergaben sich für die Vertreter der jungen Partei zahlreiche Gesprächsgelegenheiten mit den Mitgliedern verschiedener humanistischer Gruppierungen. Die Resonanz war für beide erstaunlich positiv.

„Ich war überrascht, auf so viel Interesse und Zustimmung zu stoßen“, äußerte sich Janine Passauer im Anschluss an die Veranstaltung.

Dieter2In kurzen Gesprächen mit den beiden humanistischen Politikern, zeigten auch die humanistischen Schwergewichte, Michael Schmidt-Salomon und Carsten Frerk, Interesse an der Entwicklung der jungen Partei.

„Vergleicht man unser bislang erarbeitetes Parteiprogramm mit Schmidt-Salomons Streitschrift „Keine Macht den Doofen“, so stellen wir eine erstaunlich hohe Übereinstimmung mit den dort abgeleiteten politischen Forderungen fest“, äußerte sich der Vorstandsvorsitzende Dieter Fischbach.

Im Zuge der Gespräche ergaben sich auch konkrete Einladungen, die junge Partei mit ihren Zielen und Forderungen in der humanistischen Szene in Köln und Mannheim bald möglichst vorzustellen.

„Diese Angebote werden wir gerne annehmen und wir hoffen, dass wir die Basis für eine Partei der Humanisten in der humanistischen Gemeinschaft so zügig weiter verbreitern können“, versicherte Dieter Fischbach.

Auf die weitere Entwicklung dieser neuen politischen Kraft, die es sich zum Ziel gesetzt hat, humanistisch denkenden und religiös ungebundenen Menschen eine politische Stimme zu geben, dürfen wir wohl alle gespannt sein.

Janine mit Philipp Möller

Bericht: Dieter Fischbach

Fotos: Janine Passauer

 

 

 

 

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„Dem Tod zur Hand gehen“

Edgar"Nichts ist demütigender, als von anderen vorgeschrieben zu bekommen, wie man zu sterben habe." Ronald Dworkin

Im Herbst 2015 wird der Bundestag über verschiedene Gesetzentwürfe zur Regelung der Sterbehilfe entscheiden. In dieser kurzen Streitschrift plädiert der Bioethiker Dr. Edgar Dahl für eine liberale Lösung: Unheilbar kranken Patienten sollte es ermöglicht werden, sich von ihrem Arzt eine tödliche Dosis eines Schlafmittels geben zu lassen, mit dessen Hilfe sie ihrem Leben – falls ihr Zustand unerträglich werden sollte – selbst ein Ende bereiten können.

Edgar Dahls Buch erscheint im November. Bitte in die Liste der Desiderata aufnehmen.

 




Weshalb ich Sterbewilligen beim Suizid helfe

Alois GeigerDer Arzt Dr. Alois Geiger (Mitglied der INITIATIVE HUMANISMUS) verschreibt für Dignitas das tödliche Schlafmittel Natriumpentobarbital. Hier erzählt er, warum er das tut.

Dignitas ist eine gute Sache! (Exit natürlich auch) Wie denken Sie darüber? Ich weiss, wovon ich spreche, denn ich bin einer der Ärzte, die für Mitglieder von Dignitas auf Verlangen ein Rezept ausstellen. Ein Rezept wozu? Ein Rezept für ein Medikament, welches es dem betreffenden Menschen erlaubt, sein Leben auf eine schmerzfreie und nicht brutale Art und Weise zu beenden, und zwar nicht einsam, sondern begleitet von Menschen, die ihm dabei liebevoll zur Seite stehen.

Ich weiss, dass meine Tätigkeit von vielen Menschen gar nicht gerne gesehen wird. Diese Leute sind sich sicher, dass der Mensch kein Recht darauf haben darf, sein Leben selber zu beenden. Es ist denen auch klar, dass ein Arzt nie und nimmer ein Mittel zum Tode hin verschreiben darf, weil er doch dazu da sei, Leben zu retten. Da geistert noch immer der hippokratische Eid dem einen oder andern durch den Kopf.

Der Eid aufs Leben ist überholt

Wir heutigen Ärzte haben allesamt diesen Eid nie geleistet, und das hat seinen Grund: Der Eid ist schlichtweg zum grössten Teil überholt. So verbietet er zum Beispiel, einem Kranken einen Blasenstein chirurgisch zu entfernen, damals eine sehr heikle Sache. Heute macht dies jeder Chirurg problemlos. Der Eid verbietet auch, einer Schwangeren ein Mittel für eine Abtreibung zu geben; damals eine risikoreiche Sache für die Mutter, denn bis man eine Schwangerschaft sicher erkennen konnte, war sie schon weit fortgeschritten. Ein wirksames und für die Mutter ungefährliches Medikament ermöglicht heute eine Beendigung der Schwangerschaft in den ersten Wochen problemlos. Das Schneiden von Blasensteinen an sich ist nicht unmoralisch, und das Gleiche gilt für die heute gesellschaftlich anerkannte Abtreibung durch den Arzt.

Für das hippokratische Verbot, einem Patienten ein Mittel zum Sterben zu geben, sehe ich dies ähnlich: mit Natriumpentobarbital (NaP) haben wir ein Medikament zur Hand, welches ein rasches und sanftes Einschlafen ermöglicht wie wohl noch nie zuvor in der Geschichte.

Das Christentum prägt

Unsere gesellschaftliche Abneigung gegenüber dem Suizid kommt aber kaum aus hippokratischen Quellen, wohl eher aus christlichen. Suizid wird von allen monotheistischen Religionen gebrandmarkt. Die christliche Religion, in deren Tradition die meisten von uns aufgewachsen sind, vertraut in allen schwierigen Situationen des Lebens auf die göttliche Vorsehung. Ihr verdankt der Mensch sein Leben, und somit ist nur Gott berechtigt, es uns auch zu nehmen. Suizid ist dann Sünde.

Aber was, wenn es diesen Gott gar nicht gibt? Das wissenschaftlich ausgerichtete Heute kennt je länger, je weniger gute Argumente für Gottes Existenz. Für diejenigen, die nicht (mehr) an ihn glauben, darf es daher Gründe geben, dem eigenen Leben ein selbstbestimmtes Ende setzen zu dürfen: arges Leiden am Leben vielleicht, oder nur schon zunehmende Isolation oder pflegerische Abhängigkeit?

Suizid kann auch unsinnig sein

Gewiss kann ein Suizid auch unsinnig sein. Und der Freitod in Eigenregie ist immer eine unsichere und meist auch recht brutale Art, sich ums Leben zu bringen. Unvernünftig ist der Suizid dann, wenn fehlende Lebenserfahrung dazu verführen, zum Beispiel Liebeskummer, finanzielle Schwierigkeiten oder andere, oft vom jeweiligen Ego aufgebauschte Lebensbagatellen.

Wie sieht es jedoch aus, wenn eine Krankheit im Leben immer mehr Raum einnimmt oder wenn das Leben überhaupt bald zu Ende geht? Wenn Lebensqualität und pflegerische Abhängigkeit zunehmend in Konkurrenz zueinander stehen? Wenn der Lebensverdruss so gross ist, dass auch psychiatrische Hilfe auf Dauer eben keine wirkliche Hilfe mehr ist? Soll dann nicht von dieser Medizin Gebrauch gemacht werden dürfen, die eine Erlösung vom Leiden bedeutet? Der Wunsch nach Freitod wird besonders dann verständlich, wenn er nicht von heute auf morgen, sondern stetig gewachsen ist.

Für die Verschreibung des starken Schlafmittels braucht es aber einen Arzt mit einer Praxisbewilligung. Für mich ist es fraglos, dass ich mit meinem Rezept einem Menschen in einer tragischen Situation helfen kann, nicht in Bezug auf seine Krankheit, aber in Bezug auf den Wunsch zum selbstbestimmten Suizid.

Das Rezept bringt Erleichterung

In meiner Tätigkeit mit Freitodwilligen erlebe ich praktisch immer, dass die Zusage zur Rezeptabgabe als Erstes eine grosse Erleichterung auslöst: «Endlich scheint mich jemand zu verstehen und ist auch bereit, mir in meinem Sinn zu helfen. Andere wollen mich immer davon überzeugen, dass mein Leben auf jeden Fall lebenswert sei. Ich allein weiss es doch besser!» Viel lieber würde ich der betreffenden Person natürlich in herkömmlicher medizinischer Weise helfen. Dies gelingt leider nur ganz selten, denn ich bin nicht der Super-Arzt, der mehr weiss und kann als alle medizinischen Koryphäen, welche der Patient schon aufgesucht hat. Ich erlebe aber immer die herzliche Dankbarkeit der kranken Menschen, wenn ich ihnen das Rezept ausstelle. Nun können sie endlich das einfordern, was fast nirgends auf der Welt sonst möglich ist: den straffreien Suizid in Begleitung von Menschen, zumeist auch ihren Angehörigen.

Vorgestern kam ein Patient zu mir, der an einer verbreiteten Nervenerkrankung leidet, die zunehmend alle Muskeln des Körpers lähmt. Er lebt allein, hat auch keine Verpflichtungen gegenüber einer Familie. Ich habe als Arzt schon viele Leute gesehen, welche in schlechterem Zustand waren, als ich es aus den Berichten über diesen Mann erfahre, und die trotzdem ihr Leben und ihr Leiden weiter auf sich nehmen, wohl weil sie dies so wollen. Ist es mein Recht oder gar meine Pflicht, diesem Menschen das Beenden seines Lebens durch das Verweigern des Rezeptes für NaP ungeheuer zu erschweren, nur weil ein anderer in der gleichen Situation vielleicht noch lange weiterleben möchte? Steht die Meinung anderer Menschen über den Wert seines Lebens denn über der seinen?

Heute kommt er zum zweiten Gespräch. Er ist noch nicht an den Rollstuhl gebunden. Er kann mit Hilfe eines Stockes und des Treppengeländers sogar noch ein paar Stufen erklimmen. Er vermisst in seinem jetzigen Leben vor allem jene Betätigungen, die er durch seine Krankheit verloren hat: seinen Beruf ausüben, wandern, bergsteigen, Auto fahren. Er wird bestimmt seinen Haushalt nicht mehr lange selber besorgen können, schon jetzt braucht er fremde Hilfe für vieles. Hier liegt sein kritischer Punkt: Er will nicht noch mehr von andern Menschen abhängig werden.

Nicht wie ein Kind bevormunden

Gewiss ist es meine Pflicht, ihm mitzuteilen, dass Abhängigkeit von andern Menschen keine Schande ist, dass er eher die guten Seiten seines Lebens sehen soll, die ihm jetzt noch zur Verfügung stehen. Ich muss ihm zeigen, dass ein Glas im gleichen Augenblick halb leer oder halb voll sein kann und dass sich alles ändern würde, wenn er das Glas als halb voll sehen könnte. Aber ist es auch meine Pflicht, ihn wie ein Kind zu bevormunden, indem ich ihm das Rezept verweigere? Für dieses Rezept ist er auf mich angewiesen. Ist es da richtig, besserwisserisch das eindeutig humanste Mittel für den selbstbestimmten Freitod vorzuenthalten? Spiele ich da nicht nur Halbgott, sondern Ganzgott in Weiss, wenn ich ihm durch meine Verweigerung die Möglichkeit des von ihm gewünschten, sanften und in seinen Augen jetzt schon sinnvollen Todes nehme?

Ein Mensch, der nicht mehr weiterleben will, wird medizinisch als krank angesehen. Er bekommt die Etikette «Depression» und wird dem Psychiater überantwortet. Oft kann ihm der Psychiater auch tatsächlich helfen. Am andern Ende des Spektrums wird jedoch als gesund angesehen, wer auch mehrfache, risikoreiche Interventionen über sich ergehen lässt, weil er unbedingt weiter leben will, dies im Nachhinein oft um den Preis von weiteren aufwändigen Behandlungen und Dauertherapien. Ist diese Unterteilung in «einerseits krank» und «andererseits gesund» nicht willkürlich? Hat denn jeder Mensch, der in der Krankheit und im hohen Alters einfach keine Lebenslust mehr hat, gleich eine behandlungswürdige Depression? Und wenn die mit Antidepressiva erzielte Aufmunterung eines Tages nicht mehr genügend aufmunternd wirkt? Muss man ihn dann echt vor sich selber schützen?

Früher Frauenarzt und Geburtshelfer

Ich bin Frauenarzt und war somit auch Geburtshelfer. Ich habe vielen Kindern geholfen, gesund in dieser Welt zu landen. Ich habe dies gerne gemacht. Es war immer auch eine Begleitung über die Grenzen des Lebens hinweg, hier beim Schritt eines Menschen in diese Welt hinein. Im Rahmen meines Fachgebietes hat man von mir verlangt, entstehendes, gesundes Leben mittels Abtreibung zu vernichten. Ich habe dies weniger gern gemacht, denn die Entscheidung zum Tod lag nie beim Leben, das beendet wurde.

Etwas älter geworden stelle ich mich bewusst in den Dienst der zweiten Grenze, dem Schritt aus dieser Welt hinaus. Natürlich meine ich nicht, dass der begleitete Freitod für jedes Sterben die ideale Verwirklichung sei. Aber der Freitod ist genauso legitim wie das Ausharren im Erwarten des natürlichen Lebensendes. Beide Möglichkeiten sollten zur Verfügung stehen – keine ist besser oder schlechter als die andere. Und nur der direkt Betroffene kann die bessere der beiden schlechten Varianten für sich selber richtig wählen.

Wenn ein Mensch selbstbestimmt sterben will, braucht er deswegen nicht psychisch krank zu sein; vielleicht glaubt er nur nicht an ein Jenseits und zieht daraus konkrete Schlüsse für sein (Ab)Leben. Der Freitod ist ein Menschenrecht. Wichtig ist es aber nicht nur, dieses Recht zu haben; ebenso wichtig ist es, dieses Recht in Würde und ohne Anwendung von Brutalität in Anspruch nehmen zu können. Dies lässt sich nur mit der ärztlichen Verordnung von Natriumpentobarbital und mit einer mitmenschlichen Begleitung beim Freitod verwirklichen. Suizidhilfeorganisationen ermöglichen dies. Darum mache ich dort mit. Darum schreibe ich dann ein Rezept, wenn ein Mensch dies wohlerwogen und dauerhaft will.

Erstveröffentlichung in bernerzeitung.ch

 




Stirb zur rechten Zeit

Historische Betrachtungen zum Suizid (von Dr. Edgar Dahl, Initiative Humanismus).

In seinem Buch „Menschliches, Allzumenschliches“ schrieb der deutsche Philosoph Friedrich Nietzsche: „Warum sollte es für einen alt gewordenen Mann, welcher die Abnahme seiner Kräfte spürt, rühmlicher sein, seine langsame Erschöpfung und Auflösung abzuwarten, als sich mit vollem Bewusstsein ein Ziel zu setzen? Die Selbsttödtung ist in diesem Falle eine ganz natürliche naheliegende Handlung, welche als ein Sieg der Vernunft billigerweise Ehrfurcht erwecken sollte: und auch erweckt hat, in jenen Zeiten als die Häupter der griechischen Philosophie und die wackersten römischen Patrioten durch Selbsttödtung zu sterben pflegten.“ [1]

Wie weithin bekannt, haben die Griechen und Römer den Suizid tatsächlich mit ganz anderen Augen betrachtet. Heute ist es kaum noch vorstellbar, doch im antiken Athen konnte ein Mann, der auf Grund unerträglicher Leiden seinem Leben ein Ende setzen wollte, geradewegs zum „Rat der 600“ gehen und sich dort den berühmten „Schierlingsbecher“ aushändigen lassen. Der Staat hielt jederzeit einen genügend großen Vorrat an Gift bereit, mit dessen Hilfe sich seine Bürger einem als unerträglich oder auch nur als unwürdig empfundenen Leben entziehen konnten. [2]

In der Antike waren es vor allem zwei philosophische Schulen, die sich für ein Recht auf den selbstbestimmten Tod einsetzten: der Epikureismus und der Stoizismus. Zu den Epikureern zählten neben seinem Namensgeber Epikur vor allem Horaz und Lukrez. Zu den Stoikern zählten dagegen Zenon, Seneca und Marc Aurel.

Beide Schulen sind nicht nur zur selben Zeit und am selben Ort entstanden, nämlich im Athen des 3. vorchristlichen Jahrhunderts, sondern hatten auch ein und dasselbe Ziel: Sie wollten den Menschen die „Eudaimonia“, das irdische Lebensglück, lehren. Ohne die Menschen auf ein zweifelhaftes Jenseits zu vertrösten, versuchten sie, ihnen ein Rezept dafür zu geben, wie man auch im Diesseits ein sinnvolles und erfülltes Leben führen kann. Das Rezept der Epikureer lauete „Ataraxia“, das der Stoiker „Logos“.

Mit der Ataraxia ist die Seelenruhe gemeint. Nach den Epikureern sollen die Menschen ein möglichst bescheidenes und zurückgezogenes Leben führen, indem sie sich dem Lärm der Welt entziehen, ihre Gelüste nach Ehre, Ruhm und Reichtum bezähmen und sich mit einfachen Genüssen wie intellektuell anregenden Gesprächen mit guten Freunden begnügen. Wenn jedoch, wie es insbesondere durch körperliches Leid und seelische Pein geschehen kann, die Seelenruhe unwiderruflich gestört wird und die Ataraxia für immer unerreichbar bleibt, darf der Mensch durchaus Hand an sich legen. Neben dem „Carpe diem“ oder „Genieße den Tag“ des Horaz gehört daher das Diktum „Es gibt keinen Zwang zu leben!“ wohl zu den berühmtesten Sentenzen der Epikureer.

Mit dem Logos ist die Vernunft gemeint. Nach den Stoikern sollen die Menschen ein von Vernunft, Freiheit und Würde geprägtes Leben führen. Ein solches Leben setzt etwas Ähnliches wie die Ataraxia, nämlich die Apatheia, voraus, die man am besten mit der sprichwörlich gewordenen „stoischen Ruhe“ oder der „stoischen Gelassenheit“ übersetzen kann.

Anders als die Epikureer, die der Selbstgenügsamkeit das Wort redeten und der Devise „Lebe im Verborgenen!“ folgten, setzten die Stoiker ihre Kraft oft in den Dienst des Staates. Mark Aurel, der in den Jahren von 161 bis 180 Kaiser des Römischen Reiches war und sich selbst als den „ersten Diener des Staates“ bezeichnete, beteuerte wieder und wieder: „Die Menschen sind füreinander da.“ [3]

Doch wie die Epikureer, so waren auch die Stoiker der Ansicht, dass sich das Leben nur lohnt, solange man in der Lage ist, seiner Bestimmung zu folgen. Wenn ein Mensch unter so großen körperlichen Schmerzen oder so starken seelischen Qualen leidet, dass er kein vernunftgemäßes Leben mehr zu führen vermag, durfte er seine Existenz jederzeit beenden. So schrieb etwa Seneca:

„Wenn der Körper den Dienst versagt, was sollte dann den Leidenden davon abhalten, der Seele ihre Freiheit zu geben? Unter Umständen müsste man sich noch eher dazu entschließen als es sein muss, um nicht, wenn es sein muss, unfähig dazu zu sein. Ich werde auf das Greisenalter nicht verzichten, wenn es mich mir ganz bewahrt. Aber wenn es Miene macht, an meinem Geiste zu rütteln, wenn es mir nicht das Leben, sondern nur das leibliche Dasein übrig lässt, dann werde ich den Sprung nicht scheuen, um herauszukommen aus dieser morschen und zusammensinkenden Behausung.“ [4]

Wie im alten deutschen Sprichwort „Wer sich ertränken will, findet überall Wasser“, weist auch Seneca auf die Vielzahl der Wege hin, um einem nur noch zur Last gewordenen Dasein jederzeit entfliehen zu können: „Der Ausgang aus dem Leben ist dir leichter gemacht als der Eingang. Sieh dich nur um, überall kannst du dein Elend endigen. Siehst du jene steile Stelle? Dort hinab geht’s in die Freiheit! Siehst du jenes Meer, jenen Fluss, jenen Brunnen? Auf ihrem Grund wohnt die Freiheit! Dein Hals, deine Kehle, dein Herz: lauter Wege, der Sklaverei zu entrinnen. Sind dir diese Auswege zu qualvoll, fordern sie zu viel Mut und Kraft, fragst du nach dem leichtesten Weg zur Freiheit: Jede Ader deines Körpers ist ein solcher Weg!“ [5]

Ein oft übersehener, aber doch sehr bedeutsamer Unterschied zwischen dem Epikureismus und dem Stoizismus war der, dass es bei ersterem nur ein „Recht zu sterben“, bei letzterem aber geradezu eine „Pflicht zu sterben“ gab. Dadurch dass die Stoiker neben der Vernunft auch der Freiheit und der Würde einen so außerordentlich hohen Wert beimaßen, sahen sie eine Vielzahl von Umständen, die es den Menschen regelrecht gebieten konnten, aus dem Leben zu scheiden. Schon ein Leben in Armut oder ein Leben in Unfreiheit waren nach Ansicht des Stoizismus nicht mehr lebenswert.

Die Geschichte der Antike ist denn auch voll von Beispielen, in denen Menschen in stoischer Manier ihr Leben ein Ende setzten. Lief eine griechische Polis in kriegerischen Auseinandersetzungen Gefahr, von einem übermächtigen Gegner erobert zu werden, stürzten sich die Männer und Frauen lieber in den Tod als ihrer Freiheit und Würde verlustig zu gehen und ein Leben in Schimpf und Schande zu leben. Denn nach dem Stoizismus war selbst „der schmutzigste Tod der saubersten Knechtschaft vorzuziehen.“ [6]

Zum stoischen Ethos gehörte aber nicht nur die Pflicht zu sterben, sondern auch die Pflicht, auf die würdevollste Art zu sterben. Vor einem Freitod durch Gift hatte man beispielsweise weit weniger Respekt als vor einem Freitod durch den Venenschnitt. Für den Tod durch Erhängen hatte man nur Verachtung übrig. Wirkliche Bewunderung fand dagegen der Tod durch freiwilliges Verhungern.

Anders als Nietzsche in seiner zu Beginn dieses Kapitels zitierten Bemerkung suggeriert, herrschte in der Antike aber nie wirkliche Einigkeit über die Ethik der Selbsttötung. Denn neben dem Epikureismus und dem Stoizismus gab es zeitgleich noch den Platonismus und den Aristotelismus, die den Menschen das Recht auf einen selbstbestimmten Tod in geradezu rigoroser Weise absprachen. Wie nicht weiter verwunderlich, fanden die Argumente von Platon und Aristoteles in dem unter Kaiser Konstantin erstarkten Christentum große Resonanz. [7]

Kaum zur Macht gekommen, berief die katholische Kirche ein Konzil nach dem anderen ein, um den nun als „Selbstmörder“ gebrandmarkten Suizidenten in Acht und Bann zu tun. Das Konzil von Arles erklärte im Jahre 452, dass Menschen, die ihrem Leben ein Ende setzen, vom Teufel besessen seien. Auf dem Konzil von Braga im Jahre 563 wurde beschlossen, dass Selbstmördern das kirchliche Begräbnis zu verweigern sei. In Toledo wurden 693 die Fürbittgebete für Selbstmörder im Gottesdienst verboten. Und Menschen, die sich eines Selbstmordversuchs schuldig gemacht hatten, wurden fortan für zwei Monate aus der Gemeinschaft der Gläubigen ausgeschlossen und das Sakrament der Kommunion verwehrt. [8]

Nach und nach übernahmen auch die weltlichen Gesetzgeber die kanonischen Strafen der katholischen Kirche. So wurden im Mittelalter Selbstmörder sogar nachträglich „hingerichtet“. In vielen Ortschaften Europas wurde der Leichnam an einem Baum aufgehängt oder vor die Tore der Stadt geschleift, um ihn den Hunden und Vögeln zum Fraß zu überlassen. In München wurde der Körper eines Selbstmörders in einem Fass in die Isar geworfen. In Paris zerrte man den Leichnam mit dem Gesicht nach unten über das Kopfsteinpflaster und hängte ihn am Richtplatz an den Füßen auf. Am weitesten verbreitet war jedoch das Begraben an einer Weggabelung, wobei man dem Leichnam einen Holzpfahl in die Brust schlug, um sicher zu stellen, dass der Tote die Lebenden nicht als Geist heimsucht. [9]

In seiner „Constitutio Criminalis Carolina“ oder „Peinlichen Halsgerichtsordnung“ von 1532 verfügte Kaiser Karl V. in Paragraph 135 die Konfiskation aller Güter eines Selbstmörders. Nur für den Fall, dass der „Täter“ nachweislich unzurechnungsfähig gewesen war, konnte der Besitz in die Hände der rechtmäßigen Erben fallen. [10]

Mit der Renaissance erlebte auch die Philosophie der Antike eine Wiedergeburt. Obgleich man nicht davon sprechen kann, dass auch die Lehren des Epikureismus und des Stoizismus sogleich eine Wiederauferstehung erlangten, machte sich nun doch zumindest wieder ein gewisses Verständnis für die Menschen breit, die unter dem „taedium vitae“, also dem Lebensüberdruss, litten. So schrieb etwa der Humanist Erasmus von Rotterdam in seinem 1509 geschriebenem „Lob der Torheit“:

„Schmerzvoll und schmutzig ist der Sterblichen Geburt, nur mit vieler Mühe werden sie großgezogen, Unbilden haben sie in der Kindheit zu überstehen, die Jugend bringt ihnen große Mühen, das Alter ist eine stete Quelle von Beschwerden – und eine Härte ist der Tod. Und während des ganzen Lebens, welche Fülle von Krankheiten, welche Unzahl von Zufälligkeiten und Unannehmlichkeiten! Keine Freude, die nicht durch Kummer und Sorge geprägt wäre! Wer aber waren vornehmlich diejenigen, die sich aus Lebensüberdruss selbst den Tod gaben? Waren es nicht die Freunde der Weisheit?“ [11]

Der Humanist Thomus Morus ging sogar noch einen entschiedenen Schritt weiter, als er in seinem 1516 erschienenen Buch „Utopia“ das Bild einer gerechten und auf den Leitsätzen der Vernunft beruhenden Republik beschrieb, die sich auch der Sterbenden annahm: „Indessen wenn die Krankheit nicht nur unheilbar ist, sondern auch noch den Kranken beständig quält und martert, dann reden die Priester ihm zu, er möge bedenken, dass er allen Berufspflichten seines Lebens nicht mehr gewachsen, anderen zur Last fallen und sich selber schwer erträglich sei und somit seinen eigenen Tod bereits überlebe; deshalb möge er nicht darauf bestehen, die Seuche und Ansteckung noch weiter zu nähren und nicht zaudern, in den Tod zu gehen, da ihm das Leben doch nur eine Qual sei; somit möge er getrost und guter Hoffnung sich selbst aus diesem schmerzensreichen Leben wie aus einem Kerker oder einer Folter befreien oder willig gestatten, dass andere ihn der Qual entrissen. Daran werde er weise handeln, da er durch den Tod ja nicht die Freuden, sondern nur die Marter des Lebens abkürze; zugleich aber werde es eine rechtschaffene und fromme Tat sein, da er damit nur dem Rat der Priester gehorche, die Gottes Willen auslegen. Wen sie mit diesen Gründen überzeugen, der endet sein Leben freiwillig durch Fasten oder findet in der Betäubung ohne eine Todesempfindung seine Erlösung. Gegen seinen Willen aber schaffen sie niemanden beiseite, vernachlässigen auch um der Weigerung willen in keiner Weise die Pflege des Kranken.“ [12]

Etwa zur selben Zeit warf auch der französische Humanist und Essayist Michel de Montaigne die Frage auf, ob „unerträglicher Schmerz und die Befürchtung eines schlimmen Todes nicht die verzeihlichsten Beweggründe für eine Selbstentleibung“ seien: „Den Tod, die Armut und den Schmerz halten wir für unsere Hauptfeinde. Doch wer wüsste nicht, dass dieser Tod, den die einen den schrecklichsten aller Schrecken nennen, von anderen der einzige Hafen genannt wird, der ihnen vor den Stürmen des Lebens Zuflucht gewährt? Das höchste Gut der Natur? Der einzige Hort unserer Freiheit? Das allen zugängliche und prompte Heilmittel gegen alle Übel?“ [13]

Dank Montaignes Zeitgenossen Shakespeare wurde jetzt sogar offen auf der Theaterbühne darüber sinniert, ob der Tod dem Leben nicht zuweilen vorzuziehen sei. So heißt es bekanntlich im „Hamlet“:

 

Sein oder Nichtsein; das ist hier die Frage:

Ob’s edler im Gemüt, die Pfeil und Schleudern

Des wütenden Geschicks erdulden oder,

Sich waffnend gegen eine See von Plagen,

Durch Widerstand sie enden. Sterben – schlafen –   

 

Nichts weiter! Und zu wissen, daß ein Schlaf

Das Herzweh und die tausend Stöße endet,

Die unser’s Fleisches Erbteil, ’s ist ein Ziel

Auf innigste zu wünschen. Sterben – schlafen –

Schlafen! Vielleicht auch Träumen. Ja, da liegt’s:

 

Was in dem Schlaf für Träume kommen mögen,

Wenn wir den Drang des Ird’schen abgeschüttelt,

Das zwingt uns stillzustehn. Das ist die Rücksicht,

Die Elend läßt zu hohen Jahren kommen.

Denn wer ertrüg der Zeiten Spott und Geißel,

 

Des Mächtgen Druck, des Stolzen Mißhandlungen,

Verschmähter Liebe Pein, des Rechtes Aufschub,

Den Übermut der Ämter und die Schmach,

Die Unwert schweigendem Verdienst erweist,

Wenn er sich selbst in Ruhstand setzen könnte

 

Mit einer Nadel bloß? Wer trüge Lasten

Und stöhnt’ und schwitzte unter Lebensmüh?

Nur daß die Furch vor etwas nach dem Tod,

Das unentdeckte Land, von des Bezirk

kein Wandrer wiederkehrt, den Willen irrt,

 

Daß wir die Übel, die wir haben, lieber

Ertragen als zu anderen fliehn. [14]

 

Zu einer wahren Auflehnung gegen das Verbot der Selbsttötung kam es aber erst durch die Aufklärung. Montesquieu gehörte zu den ersten, die die Behandlung der „Selbstmörder“ durch die geistlichen und weltlichen Gerichte anprangerten: „Die europäischen Gesetze“, schrieb er, „sind erbarmungslos gegen die Selbstmörder. Man schlägt sie sozusagen noch einmal tot, man schleift sie durch den Schmutz der Straßen, man behaftet sie mit dem Makel der Ehrlosigkeit, man zieht ihre Güter ein. Es scheint mir, dass diese Gesetze ungerecht sind. Wenn ich von Schmerz, Elend und Verachtung erdrückt werde, warum will man mich hindern, meinen Leiden ein Ende zu setzen, und warum beraubt man mich eines Heilmittels, das in meinen Händen ist?“ [15]

In seinem 1764 erschienenen Buch „Von den Verbrechen und von den Strafen“ bezeichnete der italienische Rechtsgelehrte Cesare Beccaria die Bestrafung des Leichnams von Selbstmördern als lächerlich. „Die Richter“, meinte er, „sollten wohl wissen, dass der Tote dabei eben so viel empfindet, als wenn man eine Säule peitschen wollte.“ [16] Zudem erklärte er die Schändung der Leiche für barbarisch und die Konfiskation der Güter als geradezu rechtswidrig. Überhaupt sollte der Staat nicht vermeintliche „Sünden gegen sich selbst“, sondern nur wirkliche „Verbrechen gegen andere“ bestrafen.

Auch Voltaire setzte sich dafür ein, dass eine aufgeklärte Gesellschaft es seinen Bürgern gestatten sollte, ihrem eigenen Leben ein Ende zu setzen, wenn sie es als unerträglich empfinden. Als philosophischem Unterweiser Friedrich des Großen gelang es Voltaire sogar, den Preußenkönig 1752 dazu zu bewegen, die Selbsttötung als Straftat aus dem Gesetzbuch zu streichen. Unter dem Einfluss von Jean-Jacques Rousseau, Denis Diderot und Henry Thiry d’Holbach verschwand 1791 auch in Frankreich der Paragraph, der den Suizid bisher unter Strafe stellte. [17]   

Mit der Aufklärung begann nicht nur der Kampf um die Anerkennung allgemeiner Menschenrechte, sondern auch um die Trennung von Staat und Kirche. Moralische und rechtliche Fragen sollten nicht länger durch die vermeintliche Offenbarung der Bibel, sondern durch das allgegenwärtige Licht der Vernunft gelöst werden.

Insbesondere David Hume ist es zu verdanken, dass die antiken Lehren des Epikureismus und des Stoizismus neue Aufmerksamkeit fanden. Bei Arthur Schopenhauer, der es nicht nur für verständlich, sondern auch für durchaus vernünftig hielt, seinem Dasein ein Ende zu bereiten, „wenn die Bedrängnisse des Lebens die Bedrängnisse des Todes überwiegen“ [18], klingen deutlich epikureische Gedanken an. Bei Friedrich Nietzsche, klingen dagegen sogar stoische Gedanken an, wenn er den „Tod zur rechten Zeit“ preist: „Den freien Tod, der zu mir kommt, wenn ich will!“ [19] 

Anmerkungen

[1] Nietzsche, Friedrich Menschliches, Allzumenschliches. In: Kritische Studienausgabe. Herausgegeben von Giorgio Colli und Mazzino Montinari. Band 2. München 1988, S. 85.

[2] Durkheim, Émile Der Selbstmord. Frankfurt am Main 1983, S. 386.

[3] Mischler, Gerd Von der Freiheit, das Leben zu lassen. Kulturgeschichte des Suizids. Wien 2000, S. 27ff.

[4] Seneca Briefe an Lucilius. Hamburg 1993, S. 211.

[5] Zitiert nach Gerd Mischler, a.a.O., S. 31.

[6] Seneca a.a.O., S. 213.

[7] Vgl. Wittwer, Héctor Selbsttötung als philosophisches Problem. Paderborn 2003.

[8] Vgl. Mischler, a.a.O., S. 48f.

[9]  Ebd., S. 61ff.

[10] Ebd., S. 66.

[11] Erasmus von Rotterdam Lob der Torheit. Leipzig 1985, S. 58f.

[12] Thomas Morus Utopia. Zitiert nach Andreas Kuhlmann Sterbehilfe. Reinbek 1995, S. 10

[13] Michel de Montaigne Essais. Erste moderne Gesamtübersetzung von Hans Stilett. 2. Buch. Frankfurt am Main 1998, S. 53.

[14] Shakespeare Hamlet. Sämtliche Werke. Herausgegeben von Anselm Schlösser. Band 4. Weimar 1975, S. 316. 

[15] Charles de Montesquieu Die Selbstmörder. Zit. n.n. Roger Willemsen (Hrsg.) Der Selbstmord. Briefe, Manifeste, Literarische Texte. Köln 2002, S. 151.

[16] Cesare Beccaria Von den Verbrechen und von den Strafen. Zit. n. Mischler, a. a. O., S. 78f.

[17] Vgl. Svenja Flaßpöhler Mein Wille geschehe. Sterben in Zeiten der Freitodhilfe. Berlin 2007, S. 39f.

[18] David Hume. Über den Freitod und andere Essays. München 2009.

[19] Nietzsche, Friedrich Also sprach Zarathustra.. In: Kritische Studienausgabe. Herausgegeben von Giorgio Colli und Mazzino Montinari. Band 4. München 1988, S. 203.

 




Eine Humanistische Ethik

Ein Beitrag von Jan Magnus Kurz (Initiative Humanismus):

“Morality is not just any old topic in psychology but close to our conception of the meaning of life. Moral goodness is what gives each of us the sense that we are worthy human beings.”

–Steven Pinker

Bei der Analyse vom Sinn und Nutzen der Wissenschaft wurde gegen Ende hin festgestellt, dass insbesondere der dritte Aspekt der Naturwissenschaft, nämlich praktische Relevanz und Technologie einen ambivalenten Charakter besitzt, welcher eine gewisse Sensibilität in deren Umgang erforderlich macht:

„Den […] Chancen und Gefahren liegt seitens des bloßen Wissens keine unmittelbare Weisung zugrunde, wie diese Technologien angewendet werden sollten. Die angewandten Wissenschaften verleihen uns eine große Macht die Welt zu verändern, zum Positiven, wie zum Negativen. Diese Macht ist eindeutig von unschätzbarem Wert, auch wenn sie durch das, was wir mit ihr anzustellen vermögen negiert werden kann. Dieser Umstand ist jedoch kein Makel der Wissenschaft an sich, sondern ein klar menschliches Problem.“

Nun stellt sich Humanisten an dieser Stelle die Frage, auf welche Weise der Umgang mit Technik und Wissen im Rahmen eines rationalen und naturalistischen Handlungskonzeptes zum Gesamtwohl einer Gesellschaft gestaltet werden kann. Dabei geht es schließlich nicht mehr nur alleine um die Bewertung und Nutzung neuer Erkenntnisse und Errungenschaften wie Beispielsweise von Kernenergie oder Gentechnik, sondern auch um andere Themen, wie die Gestaltung von gerechten Gesetzen, den Umgang mit Gewalt und Terrorismus, die Verhütung globaler anthropogener Risiken und Gefahren wie des Klimawandels, Rechte für nichtmenschliche Lebewesen und ein faires Sozial-, Finanz- und Wirtschaftssystem. All diese Angelegenheiten fallen bei ihrer Grundsatzerörterung in das Gebiet der praktischen Philosophie, der sogenannten Ethik. Ethikkonzeptionen gibt es jedoch in sehr unterschiedlicher Ausführung, die bei Anwendung auf konkrete Fälle teilweise zu sehr unterschiedlichen Ergebnissen führen. Und längst nicht alle davon eignen sich als Eckpfeiler für eine humanistische Ethik und viele stehen gar in starkem Kontrast zu dieser. Darum soll hier zunächst eine Ermittlung und Analyse der einzelnen Modelle stattfinden, gefolgt von einer abschließenden Empfehlung des am besten geeigneten Kandidaten.

Zunächst gibt es zwei grundsätzlich verschiedene Ethikauffassungen, die einander diametral gegenüberstehen. Auf der einen Seite die Deontologie (Pflichtethik), auf der anderen der Konsequentialismus (zweckorientierte Ethik).

Erstere beurteilt Handlungen nicht nach ihren positiven oder negativen Auswirkungenauf die betroffenen Individuen, sondern beachtet ausschließlich den Wert einer Handlung an sich, ganz egal wie positiv oder schlecht die echten Folgen davon auch sein mögen. Dazu wird einer Tat (und ihrer Unterlassung) der metaphysische Begriff des „Guten“ oder „Bösen“ zugrunde gelegt. Bestimmte Taten sind also unter allen Umständen verboten, andere dagegen erzwungene Pflicht. Grundlage für diese absolutistischen Begriffe ist entweder ein autoritäres Dekret, zum Beispiel die willkürliche Entscheidung eines diktatorischen Gesetzgebers oder die Behauptung eines göttlich inspirierten „freien Willens“, der angeblich nicht den Naturgesetzen des Kosmos unterliege, sondern einen Balanceakt zwischen dem absolut Guten und Schlechten jenseits von Ursache und Wirkung einer Handlung erlaube. Ersteres erleben wir häufig in Diktaturen wie Nationalsozialismus und Stalinismus, das zweite wird gerne von religiöser Herrschaftsseite zur Bevormundung und Vorteilsnahme verkündet. Die Unsinnigkeit dieser Ethik ist offensichtlich. Sie besitzt sowohl logische Schwächen und Widersprüche, als auch empirische Belege gegen ihre Grundannahmen.So ist das Postulat eines metaphysischen freien Willens naturwissenschaftlich unhaltbar (wenngleich nicht der psychologische Eindruck eines solchen), was sich im Rahmen der Logik automatisch aus dem Gödelschen Unvollständigkeitssatz und Turings Halteproblem ergibt und durch die empirischen Erkenntnisse aus Neurobiologie, Psychologie und Physik untermauert wird. Die willkürliche Festlegung von Gut und Böse durch einen Diktator oder eine Handvoll Autokraten, egal ob spiritueller oder rein politischer Natur widerspricht dem humanistischen Grundgedanken von Demokratie, Freiheit, Individualität, Rechtsstaat und Menschenrechten.Zur Darstellung der praktischen Untauglichkeit und ihrer Widersprüche seien zusätzlich folgende Beispiele angeführt:

Das Trolley-Problem: Ein außer Kontrolle geratener fahrender Zug wird fünf Personen, die sich zufällig auf dem Gleis aufhalten, töten, außer der Zug wird auf ein Seitengleis umgeleitet, wo er eine Person töten wird. An dieser Stelle versagt die Deontologie, weil Töten absolutes Unrecht darstellt und darum generell „böse“ und verboten ist. Es ist weder ethisch gerecht den Zug umzuleiten und eine einzige Person zu töten, noch ist das Nichteingreifen und der Tod von fünf Menschen legitim. Eine Differenzierung der Konsequenzen findet nicht statt, daher sind beide Ausgänge der Situation angeblich gleich falsch. Eine Handlungsanweisung besteht nicht. Ein ethisch fairer oder unfairer Ausgang obliegt darum dem Zufall.

Folter: Bei der Folterproblematik wird folgende Situation konstruiert: Einem Terroristen gelingt es die Waffe für einen Anschlag zu verstecken und scharf zu machen. Er wird jedoch wenig später dank Geheimdienstinformationen verhaftet. Er weigert sich den Ort der Bombe preiszugeben. Wenn ein Verhörexperte die deontologische Pflicht, einen Terroristen nicht zu foltern, nicht verletzt, dann werden hunderttausend oder eine Million unschuldige Personen aufgrund einer gut versteckten und von ihm per Zeitzünder aktivierten Nuklearbombe sterben. Obwohl die Qual einer einzigen Person das einzige realistische Mittel darstellt noch rechtzeitig die Information über den Ort der deponierten Waffe zu erhalten und sie zu entschärfen und innerhalb der kurzen Zeit keine Chance besteht die Stadt zu evakuieren, spielte dieser Umstand innerhalb der Deontologie keine Rolle. Diese Ethik hält dogmatisch und unabhängig von der Situation an ihren Grundsätzen und Regeln fest. Die Auswirkungen, egal wie verheerend, sind ihr nominell gleichgültig.

Deontologisches Paradoxon: Dies Paradoxon entsteht dadurch, dass deontologische Theorien Handlungen den Wert gut oder schlecht unabhängig von ihren konkreten Folgen zuschreiben. Es ist aber denkbar, dass die Ausführung einer verbotenen Handlung die Ausführung mehrerer, ebenfalls verbotener Handlungen verhindert. Auch hier kann nicht entschieden werden. Die Deontologie boykottiert sich damit selbst.

Es gibt darüber hinaus jedoch noch eine weitere Art der Pflichtethik, die nicht auf absoluten Geboten und Verboten aus der Hand einer unanfechtbaren Instanz basiert, sondern der demokratischen Willensbildung der Mehrheit unterliegt. In diesem Falle spricht man von kontraktualistischer Ethik (Vertragsethik). Der Unterschied zur oben geschilderten Situation liegt jedoch nur in der Form Willensbildung, ihre prinzipiellen Schwächen bleiben die gleichen.

Angesichts dieser Ausführungen und offenkundigen Schwächen und Fehler der Deontologie, scheidet dieses System als Kandidat für eine humanistische Ethik weitestgehend aus. Betrachten wir also den Gegenspieler, den Konsequentialismus.Zwar gibt es auch innerhalb der Pflichtethik einige unterschiedliche Systeme, die sich leicht voneinander unterscheiden, die Differenzen innerhalb der zweckorientierten Ethik fallen jedoch grundsätzlicher aus. Nicht jede Art des Konsequentialismus eignet sich darum gleich gut als humanistische Handlungsrichtlinie. Große Differenzen bestehen hier zwischen dem Utilitarismus und den Spielarten des Egoismus

Von letzterem stellt der sogenannte „Objektivismus“ der  russisch-amerikanischen Laissez-faire Philosophin Ayn Rand die am professionellsten ausgearbeitete Theorie dar, welche axiomatisch sehr konsequent durchdacht ist. Sofern die von ihr gesetzten Prämissen denn stimmten, so wären ihre Schlussfolgerungen folgerichtig. Allerdings weist diese Philosophie ganz ähnliche Schwächen auf wie die oben genannte Tugendethik. Zum ersten einen Mangel an praktischer Relevanz der erklärt, warum dieses Konzept außerhalb einiger halbintellektueller republikanischer und libertärer Kreise der USA keinerlei Beachtung findet und angesichts seiner intuitiv oft als unfair und antisozial wahrgenommenen Schlüsse von vielen Menschen, insbesondere der Bildungselite, abgelehnt wird. Zum anderen sind zwei der fünf Grundaxiome  des Systems – ein falsches davon auch hier wieder die metaphysische Willensfreiheit – und daneben zig kleinere Details erwiesenermaßen Inkorrekt und stehen nicht im Einklang mit den aktuellen naturwissenschaftlichen Erkenntnissen über die Beschaffenheit unserer Welt und deren Gesetzmäßigkeiten. Besonders ungünstig schlägt sich dort auch das Fehlen klarer Begriffsdefinitionen nieder. Der letztlich nur vermeintliche Objektivismus scheitert hauptsächlich an der mangelnden Vereinbarkeit seiner Prämissen mit dem derzeitigen Kenntnisstand über die Realität, basiert darum mehr auf Fantasie als Empirie. Insbesondere innerhalb des politischen Aspektes dieser angewandten Philosophie kommt zu diesen Makeln noch ein klassischer naturalistischer Fehlschluss hinzu (Rückschluss vom Sein auf Sollen). Aufgrund dieser unpassenden Mischung scheidet diese praktische Philosophie für Humanisten, deren Denken bekanntlich auf Fakten und empirisch gestützter Logik beruhen sollte trotz ihres konsequentialistischen Ansatzes aus.

Damit kämen wir zur letzten Ethikkonzeption, dem Utilitarismus. Im Gegensatz zur Tugendethik, deren Regeln und Gebote im Prinzip vollkommen realitätsfern und sinnwidrig sein können und dem Objektivismus, der nur innerhalb seines empirisch inkorrekten axiomatischen Systems logische Konsequenz entfaltet, muss eine utilitaristische Ethik gemäß ihrer Definition stets im Einklang mit (der in unserem Universum universellen) Logik und Empirie stehen.

Der Utilitarismus ist eine normative Theorie zur moralischen Bewertung von Handlungen. In einer einfachen Formulierung lautet das utilitaristische Grundprinzip: „Handle so, dass die Folgen deiner Handlung bzw. Handlungsregeln für das Wohlergehen aller Betroffenen optimal sind.“  Damit möchte der Utilitarismus ein Kriterium bereitstellen, mit dessen Hilfe Handlungen, Normen und Institutionen moralisch beurteilt werden können. Diese Beurteilung selbst muss als naturalistische Ethik in letzter Konsequenz auf wissenschaftlichen, also nicht-metaphysischen Grundlagen beruhen. In seiner modernsten Version in Form des Präferenzutilitarismus richtet sich der Fokus der Philosophie dabei auf die Wünsche, Interessen, Freude und Zukunftspläne der von einer Handlung betroffenen Individuen. Die Fähigkeit und der Freiraum über Interessen, Wünsche und Pläne für die Zukunft zu verfügen ergeben sich aus der Rechenleistung und Speicherkapazität der Zentralnervensysteme der Lebewesen und dem damit verbundenen Grad des Bewusstseins. Diese Zentralnervensysteme und der damit verbundene Grad an Informationsverarbeitung sind Produkte der natürlichen Evolution.Diese Quantität lässt sich neurobiologisch abschätzen und sogar durch Experimente oder Gehirnscans eindeutig messen. Die Priorität der Lebensbedürfnisse nimmt mit stärkerer Ausprägung eines biographischen Gedächtnisses und Extrapolationsvermögens zu. Aufbauend auf diesen Kenntnissen lassen sich Interessen und Präferenzen individuell je nach Handlungssituation, Spezieszugehörigkeit und geistigen Fähigkeiten gewichten. Die neuronale Rechenleistung und daraus resultierende Wahrnehmungsgabe und Bewusstseinsfähigkeit eines Lebewesens sind maßgeblich für seine ethischen Rechte und Pflichten.Damit ist der Utilitarismus auch eine evolutionäre Ethik. Des Weiteren lässt sich durch die Erkenntnisse der Psychologie festhalten, dass die Fähigkeiten zu einer utilitaristischen Abschätzung und Beurteilung von Recht und Unrecht einer Handlung betreffend eines bestimmten Individuums bei Menschen aller Kulturen zu einem erheblichen Teil auch ohne Training auf diesem Gebiet vorhanden sind und meist intuitiv ethisch gerecht getroffen werden.

Die Grundprinzipien lassen sich also wie folgt zusammenfassen:

Das Konsequenzprinzip: Im Utilitarismus als teleologische Ethik ergibt sich die Richtigkeit einer Handlung grundsätzlich nicht aus ihr selbst oder ihren Eigenschaften, sondern aus ihren Folgen. Sind die Folgen einer Handlung überwiegend positiv, wird auch die Handlung als positiv bewertet. Ist jedoch voraussehbar, dass die Folgen überwiegend negativ ausfallen, ist die Handlung zu unterlassen oder eine andere Handlungsalternative zu wählen. Andere Fragen, etwa ob eine Handlung aus gutem Willen erfolgt oder nicht, sind hierbei von untergeordnetem oder gar keinem Interesse. Das Konsequenzprinzip impliziert gleichzeitig eine empiristische Vorgehensweise. Damit entspricht der Utilitarismus zugleich auch dem Ideal der Wissenschaftlichkeit.

Das Nutzenprinzip: Möchte man nun die Folgen einer Handlung beurteilen, so wird ein Maßstab benötigt, mit dessen Hilfe festgelegt werden kann, welche Auswirkungen als positiv bzw. negativ zu bewerten sind. Der Utilitarismus schlägt hier den Nutzen einer Handlung vor. Daher leitet sich auch sein Name von dem lateinischen Wort utilitas (= der Nutzen) ab. Die Folgen einer Handlung sind also dann positiv, wenn sie einen möglichst hohen pro Kopf Nutzen für alle Beteiligten bringen.

Das universalistische Prinzip: Das universalistische Prinzip besagt, dass bei der Berechnung des Nutzens nicht nur die Interessen des einzelnen Akteurs berücksichtigt werden dürfen, sondern dass die Folgen einer Handlung daraufhin geprüft werden müssen, welche Auswirkungen sie für alle bewusstseinsfähigen Lebewesen haben, die von der Handlung betroffen sind. Dabei müssen die Einzelinteressen bei gleichen individuellen und situativen Voraussetzungen stets gleich gewichtet werden und es darf keine objektiv unbegründete Bevorzugung oder Benachteiligung einzelner Individuen auftreten. Anhand dieser vier Prinzipien lässt sich ein Nutzenkalkül durchführen, bei dem  die gewichteten Vor- bzw. Nachteile einer Handlung gegeneinander aufgewogen werden und letztendlich eine eindeutige Entscheidung getroffen werden kann, wie die Handlung moralisch zu bewerten ist.

Fazit: Betrachtet man utilitaristische Theorien unvoreingenommen, so zeigen sich vor allem drei Aspekte, die den Utilitarismus zu einer besonders attraktiven Position machen. Zunächst ist das utilitaristische Nutzenkalkül ein sehr rationales Verfahren, das unabhängig von metaphysischen Entitäten bestehen kann. Hier wird kein Gott, kein Gewissen oder eine sonstige transzendentale Instanz als Garant für Moralität gefordert. Vielmehr beruhen moralische Entscheidungen auf rationalen, logischen Erwägungen, die jeder Mensch nachvollziehen kann. Dies entspricht dem Anspruch einer modernen, aufgeklärten Gesellschaft. Ein anderer Vorteil besteht darin, dass die utilitaristischen Prinzipien unseren moralischen Intuitionen entsprechen. Dass bei der Beurteilung einer Handlung die Folgen eine Rolle spielen sollten und dass diese gut sind, wenn sie für alle Betroffenen nützlich sind, ist genauso konsensfähig wie die Annahme, dass Glücksempfinden, die Erfüllung von Wünschen und Interessen, sowie Zukunftshoffnungen erstrebenswert sind und dabei die Interessen eines jedes Lebewesens berücksichtigt werden sollten. Zudem lässt sich das Kernelement des Utilitarismus in Form der Präferenzen mittels Neurobiologie und Informationswissenschaft quantitativ und qualitativ ermitteln, analysieren, herleiten und evolutionär begründen. Damit erfüllt der Utilitarismus die Kriterien einer humanistischen Ethik und sollte darum konsequente Anwendung auf sämtliche Fragen und Entscheidungen innerhalb der verschiedenen Sachgebiete über Wissenschaft, Technologie, Justiz, Finanzen, Umweltschutz und Entwicklungshilfe – kurzum, der gesamten Politik finden.

 

J.M.K




Gedanken zum Steuerrecht

(von Uwe Schärf, Initiative Humanismus)

Humanisten erstreben ein Steuerrecht, welches einfach und leistungsfähig ist und nicht zu rechtfertigende Privilegien beendet. Das Steuerrecht muss einfach sein. Der Anspruch zu immer größerer Gerechtigkeit hat in den letzten 60 Jahren zu einer kaum durchschaubaren Regelungsdichte geführt. Durch diese sehr detaillierten Regelungen ist weder Gerechtigkeit noch Verständlichkeit entstanden. Dies ist nicht mit einem kühnen Entwurf schlagartig zu beseitigen, aber zukünftig muss verstärkter Wert darauf gelegt werden, Neuregelungen einfach zu gestalten und bei bestehenden Regelungen die Komplexität abzubauen. Nutznießer sind alle Bürger.

Es darf nicht sein, dass der Staat die Bürokratiekosten ausufern lässt und diese Belastungen auf die Bürger abwälzt. Die Staatseinnahmen sollen den Staat zu einer soliden Haushaltsführung befähigen. Sowohl hemmungslose Verschuldung als auch verschwenderische Ausgaben eigener Mittel müssen vermieden werden. Humanisten bekennen sich zu einer gerechten Besteuerung und gleichzeitig dazu, dass die Steuerbelastung den Fleiß der Bürger nicht behindert. D. h. dass die Steuerbelastung nach dem Tragfähigkeitsprinzip auf die Staatsbürger und Organisationen zu verteilen ist ohne deshalb die Leistungsfähigkeit zu belasten.

Eine wesentliche Forderung ist die Beseitigung der sogenannten kalten Progression. Dies ist entgegen anderslautender Behauptung keine Steuersenkung, sondern nur eine Maßnahme um inflationär verursachte, heimliche Steuererhöhungen zu verhindern.

Die Initiative Humanismus verurteilt nicht zu rechtfertigende Privilegien im Steuerrecht. Hierzu gehört der Einzug der Kirchensteuer durch den Staat. Den Kirchen ist es zuzumuten, ihre Beiträge, wie andere Vereine auch, selbst einzuziehen. Steuerbefreiungen und sonstige Vergünstigungen sind zu beseitigen.




Christlicher Humanismus

Am 14. Juni 2014 berichtete Wissenbloggt über die Anstrengungen des Kardinal Marx, einen neuen, „christlichen“ Humanismus zu kreieren (siehe „Christliche Vereinnahmung des Humanismus?“ http://www.wissenbloggt.de/?p=24542)

Daraufhin wurde unser Sprecher Manfred Silberberg aktiv und wollte den Dingen auf den Grund gehen. So schrieb er an die

„Pressestelle des Erzbistums München

Mit Freuden haben wir gelesen, dass Herr Kardinal Marx einen zeitgemäßen Humanismus befürwortet. Was am Humanismus speziell christlich sein muss erschließt sich uns zwar nicht, aber wir, die Sprecher der "Initiative Humanismus" würden uns freuen, wenn wir in einen Dialog zu diesem Thema mit Ihnen treten könnten.

Als Anhang fügen wir Ihnen unser Manifest, unsere Ausarbeitung zum Thema Humanismus, bei.

Mit freundlichen Grüßen

Manfred Silberberg

(Sprecher Menschenrechte/Trennung Staat-Religion)“

Obwohl wir wissen, dass Gottes Mühlen langsam mahlen, hatten wir nach der langen verstrichenen Zeit bereits die Hoffnung aufgegeben, jemals eine Antwort zu erhalten. Doch manchmal geschehen auch Zeichen und Wunder und gestern erhielten wir die Antwort, die ich unkommentiert hier wiedergebe:

„Sehr geehrter Herr Silberberg,

für Ihre Email vom 14. Juni 2014 an den Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, und das beigefügte Manifest danke ich Ihnen. Er hat mich gebeten, Ihnen zu antworten.

Sie sprechen in Ihrer Email die Äußerungen des Kardinals über einen „europäischen Humanismus für das 21. Jahrhundert“ an. In der Tat hat er bei einem Kolloquium im Collège des Bernardins in Paris am 10. Juni 2014 dafür plädiert, dass Christen den aktuellen globalen Herausforderungen wie Migration, Umweltzerstörung, Armut oder ungerechter Ressourcenverteilung mutig begegnen sollen. Das Engagement für ein globales Gemeinwohl muss ein wesentlicher Teil des christlichen Lebens sein.

Es ist zu begrüßen, dass sich auch die „Initiative Humanismus“ für die grundgesetzlich verankerten Menschenrechte, für Frieden, Freiheit und die Gleichberechtigung der Geschlechter einsetzt. Humanisten wie Christen verfolgen so das gemeinsame Grundanliegen, die Würde des Menschen zu schützen.

In der Konkretion dieser Desiderate sowie von ihren weltanschaulichen Voraussetzungen her treten jedoch auch erhebliche Differenzen zutage. Christen glauben an Gott als den Schöpfer allen Lebens und die Quelle des Guten, der der Ursprung von allem ist und alles erhält. So kommt dem Menschen zwar ein Recht auf Selbstbestimmung zu, jedoch erstreckt sich dieses nicht auf das Leben als solches. Das Leben darf als Gabe Gottes angenommen werden und ist an seinem Beginn und seinem Ende der Verfügung des Menschen entzogen.

Die katholische Kirche sucht immer wieder das Gespräch zwischen Glaubenden und Nichtglaubenden, so etwa bei der Veranstaltung „Vorhof der Völker“, die vom 26. bis 28. November 2013 in Berlin stattfand. Sie ist bestrebt, die gesellschaftliche Debatte über die Gottesfrage, die Würde des Menschen, die Globalisierung und die sich daraus ergebenden Konsequenzen hinsichtlich Fragen der Ethik und der Lebensführung weiterzuführen. Katholische Akademien und andere kirchliche Einrichtungen greifen diese Themen immer wieder auf und beteiligen hier regelmäßig Vertreter unterschiedlicher Konfessionen und Weltanschauungen.

Mit nochmaligem Dank für Ihr Schreiben verbleibe ich mit freundlichen Grüßen

Ihre Dr. Ilkamarina Kuhr

Deutsche Bischofskonferenz Bereich Glaube und Bildung

Kaiserstraße 161 53113 Bonn Tel.: 0228/103-275 Fax: 0228/103-201 email: g.etscheid@dbk.de