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Christlicher Humanismus?

BeneAus gegebenem Anlass – da die Diskussion nicht abreißen will – stelle ich diesen Artikel vom 1. Januar 2012 noch einmal ein. Manche Passage würde ich zwar heute etwas differenzierter formulieren, doch im Kernpunkt sehe ich keinen Anlass zu grossen Veränderungen.

Vorangestellt sei ein kurzes Exzerpt aus Wikipedia, in dem eine wohl gültige Definition des Humanismus als Weltanschauung gegeben wird:

Humanismus ist eineWeltanschauung, die auf die abendländische Philosophie der Antike zurückgreift und sich an den Interessen, denWerten und der Würde des einzelnen Menschen orientiert. Toleranz, Gewaltfreiheit und Gewissensfreiheit gelten als wichtige humanistische Prinzipien menschlichen Zusammenlebens. Die eigentlichen Fragen des Humanismus sind aber: „Was ist der Mensch? Was ist sein wahres Wesen? Wie kann der Mensch dem Menschen ein Mensch sein?“ Humanismus bezeichnet die Gesamtheit der Ideen von Menschlichkeit und des Strebens danach, das menschliche Dasein zu verbessern. Der Begriff leitet sich ab von den lateinischen Begriffen humanus (menschlich) und humanitas (Menschlichkeit). Der Humanismus beruht auf folgenden Grundüberzeugungen:

  1. Das Glück und Wohlergehen des einzelnen Menschen und der Gesellschaft bilden den höchsten Wert, an dem sich jedes Handeln orientieren soll.
  2. DieWürde des Menschen, seine Persönlichkeit und sein Leben müssen respektiert werden.
  3. Der Mensch hat die Fähigkeit, sich zu bilden und weiterzuentwickeln.
  4. Die schöpferischen Kräfte des Menschen sollen sich entfalten können.
  5. Die menschliche Gesellschaft soll in einer fortschreitenden Höherentwicklung die Würde undFreiheit des einzelnen Menschen gewährleisten.

Die Humanität ist die praktische Umsetzung der Ideen des Humanismus. Dazu gehören die Güte, die Freundlichkeit und das Mitgefühl für die Schwächen der Menschen, seiner selbst inne und mächtig zu werden und sich im Mitmenschen selbst wiederzufinden.

Diese Definition ist durchaus tauglich, wenn es darum geht, den Idealzustand menschlichen und zwischenmenschlichen Verhaltens gewisser Maßen statisch zu skizzieren. Diese Definition ist untauglich, da sie es versäumt, Aussagen darüber zu machen, woher diese Verhaltensweisen kommen (generiert oder oktroyiert) und in welche Richtung sie sich entwickeln sollten. „Fortschreitende Höherentwicklung“ ist zu schwammig, um in irgendeiner Weise dienlich zu sein.

Eine solch unvollkommene und geradezu schwammige Beschreibung des Wesens des Humanismus birgt die Gefahr, dass sich praktische jede beliebige andersgeartete Weltanschauung seiner bedienen kann. So wird dieser schöne, doch richtig „menschlich“ klingende Begriff recht bald Opfer von Religionen und Ideologien. Schon der antike Ausgangspunkt bei Platon war nicht sonderlich pragmatisch angelegt. In der politeia lehnt Platon Privateigentum ab (später in den nomoi leicht revidiert), was fast Anklänge an urkommunistische Vorstellungen erlaubt. Doch mit einem wesentlichen Grundrecht, dem auf freie Selbstbestimmung, hapert es bei Platon. Die Demokratie verdammt er als „Vorstufe zur Tyrannei“. Dies wird Jahrhunderte später vom großen „Aufklärer“ der andalusisch-islamischen Welt, Ibn Rushd (Averroës), aufgegriffen in seiner Interpretation der politeia. Damit desavouiert selbst der Vater der duplex veritas auch einen islamischen Humanismus, falls so etwas angesichts des „ewigen“ Koran überhaupt möglich ist, in den Bereich der Schimären.

Mit diesen beiden Beispielen möchte ich nur kurz andeuten, was folgerichtig in dem Augenblick offensichtlich mit Notwendigkeit passieren muss, wenn sich Ideologien oder Religionen des Begriffs bemächtigen. Jeder kann sich anhand des längeren Wikipedia-Eintrags selber ein Bild davon machen.

Im Zentrum des Humanismus steht eindeutig der Mensch in seinem Umfeld mit allen seinen zwischenmenschlichen Beziehungen. Das impliziert stringent seine Selbstbestimmung in allen das Leben betreffenden Fragen, die nur dort ihre Begrenzung findet, wo Rechte des Mitmenschen berührt sein könnten. Jedes Aufpropfen einer Fremdbestimmung des Menschen durch Ideologien oder Religionen zerstört bereits im Ansatz das Wesen des Humanismus. Der Mensch verliert dergestalt die Mitte, er wird an die Seite geschoben, um anderen Prinzipien den Vorrang einzuräumen.

Den Humanismus wie wir ihn heute verstehen gibt es erst seit der Aufklärung, also ab dem Augenblick, als man sich den Menschen als Individuum mit einklagbaren Rechten vorzustellen begann. Die Bill of Rights, die amerikanische Verfassung und die diversen Menschenrechtserklärungen sind die Eckpunkte, an denen sich unsere heutige Auffassung festmachen lässt. Betrachten wir also die Okkupanten des Humanismus, so müssen diese sich daran messen lassen, inwieweit sie den drei beispielhaft genannten Erklärungen zustimmen oder nicht. Weder die Organisation islamischer Staaten (OIC) noch der Vatikan erkennen die Menschenrechte an. Ihr Vorbehalt ist praktisch identisch formuliert, dass sie nämlich nicht menschliches Recht über das durch ihre Schamanen interpretiertes fiktives Recht eines Gottes stellen wollen. Fremdbestimmung pur – keine Spur einer Anerkennung des Humanismus. Bezeichnend ist auch, dass bei der UN-Abstimmung von 1948 die damaligen kommunistischen Staaten mit Nein gestimmt haben. Ihr Gott: eine ebenso menschenverachtende Ideologie wie sie von den Religionen Islam und Christentum repräsentiert werden. Wäre das nationalsozialistische Deutschland Mitglied der UN gewesen, kann man wohl von einer ebensolchen Ablehnung ausgehen.

Bevor ich mich der im Titel genannten contradictio in adiecto zuwende sei mir ein kurzer Blick auf die „moderne“ islamische Philosophie erlaubt, zumal ich darauf bereits in meinem Aufsatz  الديمقراطية والا الاسلام (http://www.wissenbloggt.de/?p=375) eingegangen bin.

Der tunesisch-französische Autor Abdelwahab Meddeb hält den islamischen Humanismus, der mit bedeutenden Ärzten, Gelehrten und Philosophen auf eine lange Tradition zurückblicken kann, durch den «Islamismus» für bedroht:

„Die Keime des Islamismus […] sind bereits im koranischen Text vorhanden. Die Dinge wären sehr viel einfacher, wenn es nicht diese islamistische Lektüre des Korans gäbe. Die Islamisten wollen aus ihrer Lesart die einzig richtige machen, dabei ist es ja gerade die Eigenart von Texten, unendlich viele Interpretationen zu ermöglichen […] Das enorme Problem des Islam besteht gerade darin, dass der Islamismus versucht, seine Botschaft in alle Richtungen zu verbreiten. Der offizielle Islam, der eine Art letzter Metamorphose des traditionellen Islam ist, wird heute zunehmend von islamistischem Gedankengut durchsetzt und vergiftet.“

Auch dieser Ansatz führt in die Irre, und zwar aus zwei einleuchtenden Gründen. Auch Meddeb bezweifelt nicht die Stellung eines Gottes als oberster Legislator und des weiteren folgt er der auch in Europa stark verbreiteten Meinung, es gäbe einen Unterschied zwischen Islam und Islamismus (oder auch: politischer Islam). Das sind problematische Ansätze. Solange wir keinen fest etablierten Euro-Islam im Sinne eines Bassam Tibi konstatieren können oder ausreichende Anhängerschaften eines liberalen Islam im Sinne einer Seyran Ates, bleibt jedes philosophische Bemühen eines Herrn Meddeb Makulatur. Die Schmähung des Humanismus durch Einverleibung in eine menschenfeindliche Religion kann dabei mit höchstem Wohlwollen nur als „window dressing“ unter Ausnutzung eines offenbar beliebten, aber missverstandenen Begriffs interpretiert werden.

Dass auch die Christen nicht faul bei der Okkupation religionsfremder Begriffe sind beweist einmal mehr Herr Ratzinger  (nach einem Artikel des Hamburger Abendblatts): Papst Benedikt XVI. hat zum Jahresende zu einem neuen christlichen Humanismus aufgerufen. Ein solcher Humanismus müsse in der Lage sein, Kultur und soziales Engagement aus christlichem Geist hervorzubringen, sagte er am Sonnabend in einem Silvestergottesdienst im Petersdom. Das setze eine Neubelebung christlichen Lebens und einen vertieften Dialog mit der modernen Kultur voraus. Es gelte, die „Schönheit und Aktualität des Glaubens“ wiederzuentdecken, betonte Benedikt XVI vor mehreren tausend Zuhörern. Der Glaube dürfe kein „isolierter Akt“ bleiben, der nur „einige Momente“ des Lebens betreffe. Er müsse den gesamten Alltag prägen und eine „beständige Orientierung“ darstellen, die den Menschen „gerecht, wirksam, wohlwollend und gut macht“.

Zwei Gesichtspunkte sind dabei bemerkenswert. In seiner Verblendung und seiner Machtgier kann sich Herr Ratzinger überhaupt nicht vorstellen, dass Menschen auch ohne göttliche „Orientierung“ gerecht, wohlwollend und gut sein können. Empathie als evolutionär entwickelte Eigenschaft widerspricht trotz der vorliegenden Tatsachen eindeutig seinem Universalanspruch auf „Nächstenliebe“.

Der zweite wichtige Punkt findet sich in der Formulierung „neuer christlicher Humanismus“. Er möchte also anknüpfen an etwas, was mit der Aufklärung „verloren“ wurde, der „klassische“ christliche Humanismus. Dabei ist es so leicht – auch abgesehen von der generellen Unvereinbarkeit von Religion und Humanismus – auch diese Referenz ad absurdum zu führen. Als so genannte „christliche“ Humanisten werden immer wieder Francesco Petrarca und Erasmus von Rotterdam genannt. Man möchte dabei von christlicher Seite gern übersehen, wie sich diese beiden Herren zu den Grundüberzeugungen Herrn Ratzingers geäussert haben.

Erasmus von Rotterdam: „Um jedoch nicht weiter auf diese endlosen Einzelheiten' einzugehen, will ich euch in aller Kürze dartun, dass die ganze christliche Religion eine gewisse Verwandtschaft mit der Torheit hat und zu der Weisheit in gar keiner Beziehung steht." (Referenz : http://hpd.de/node/2349).

Francesco Petrarca: „Es ist üblich und alter Brauch, Erzählungen, die zum größten Teil erlogen und erdichtet sind, mit dem Mäntelchen der Religion und der Heiligkeit zu umkleiden, auf dass den menschlichen Betrug die Vorstellung von einer Gottheit decke." (Referenz: http://hpd.de/node/2410).

Sind den Apologeten eines «christlichen» Humanismus diese Zitate nicht bekannt, oder werden sie aus Böswilligkeit nicht berücksichtigt ?

Lug und Trug ziehen sich durch die Geschichte der Religionen, und es ist dringlich – heute offenbar mehr denn je –  an der Zeit, solchem Treiben Einhalt durch Aufklärung zu gebieten.

 

 

 

 




Monster al dente zum Piratendankfest

Wie in jeder Weltreligion ist es auch bei uns Brauch, das Jahr nach seinen Feiertagen einzuteilen.

Natürlich nicht so strittig, wie es beim Kirchenjahr der Fall ist. 

Für uns ist das Jahr ein Kreis der, egal wenn man beginnt ihn zu beschreiten, immer gleich lang und auch sonst immer gleich bleibt. 

Deshalb kann jeder das Pastafarijahr legen, wie er möchte. Ein klarer Vorteil für unsere Religion.

Allerdings haben wir auch einen klaren Nachteil. Wir haben für unsere Feiertage nicht so schöne Musik wie andere. Noch, denn das soll sich jetzt ändern. 

Auf facebook haben wir bereits dazu aufgerufen, Pastafarilieder zu komponieren, möglichst im Format 24bit/ 44,1-wav aufzunehmen und uns für eine geplante CD "Wir singen dem Monster ein Lied" gemafrei zur Verfügung zu stellen. Die soll, wenn ihr mitmacht und Lieder schickt, zum Kirchentag in Hamburg vorgestellt werden. Natürlich mit Nudelmesse und, wenn alles klappt, mit anschließender Party mit Liveband.

Die ersten drei Lieder sind schon im Kasten.  Einmal die "Acht Am Liebsten Wäre Mirs" als Sprechgesang, "Pastat, Pastat" als feierliches Orgelwerk und
"Jubelt, Jubelt" als a Capella. Genau so bunt wie wir angefangen haben, soll es weiter gehen. Von Rock bis Klassisch, von Big Band bis Liedermacher, alles ist möglich und Vielfalt nur gut.

Texte stellen wir gern zu Verfügung, auch nach eurer thematischen Vorgabe. Im Moment ist gerade für eine Band ein Kinderlied in Arbeit. Auch das ist möglich, obwohl natürlich das Hauptaugenmerk auf den Feiertagen liegt. Aber unter unserem Dauerfeiertag, dem Freitag, lässt sich ja allerhand unterbringen. 😉

Bereits zugesagt hat auch ein ausgebildeter Komponist. Der hat allerdings nicht die Möglichkeit, sein Werk einzuspielen. Wenn sich eine Band also das Komponieren sparen möchte, wir führen euch gern zusammen. Vorgenommen hat er sich "Ein bissfest Burg ist unser Gott". Ich bin schon sehr gespannt, wie das verarbeitet wird. Ist nicht so leicht. Einerseits soll die alte Kirchenmeldodie noch erkennbar sein, anderseits aber auch für Piraten singbar gemacht werden.

Auch wenn es uns in erster Linie um Aufnahmen für die CD geht, wissen wir doch, nicht jeder der gern singt und spielt, hat auch Aufnahmemöglichkeiten, die eine gute CD Qualität gewährleisten.

Lasst euch nicht davon abhalten, trotzdem etwas zu machen. Es geht ja nicht in erster Linie um die CD, sondern darum zu zeigen, wie Pastafari ihre Feste besingen und so Deutschland kulturell bereichern. Nehmt euch auf, ladet eure Videos auf youtube oder sonst wo hin, schickt uns die Links, wir helfen, sie hier zu verbreiten.

Wer mitmachen möchte, Fragen oder gar schon was im Kasten hat, der Kontakt läuft wie immer auf facebook über Bruder Spaghettus oder per Mail über spaghettus{et}freenet(punkt)de.

Wenn es um musikalische Fragen oder Aufnahmetechnik geht, könnt ich euch auch gleich an Bruder Senza Salsa wenden, der das Mastering der CD übernommen hat. 

Hier eine Übersicht über die Feiertage:

Passtahfest (Ostern)

Piratendankfest (Pfingsten)

Ramendan (Ramadan) 

Halloween 

Talk like a pirate day (19.September)

Pastat 

Lichterfest, Feiertage, Weinachten

Jeder Freitag

Wem das alles nichts ist, der kann auch gern was für Zwischen den Jahren machen. 

Wir sind schon sehr gespannt, was ihr uns schickt und freuen uns drauf.

Geld für die Pressung haben wir schon zusammen. Mit finanziellem Erfolg rechnen wir nicht, aber mit kulturellem:).

Sollte es doch einen geringen geben, kommt der dem KdFSM Deutschland e.V. zu Gute. 

Ansonsten bleiben natürlich, vielleicht nicht unwichtig noch zu erwähnen, alle Rechte für eure Songs bei euch. 

Möge das Projekt gelingen.

Quelle: http://fsm-uckermark.blogspot.com/

 

Die Meinung des Gastautors muss nicht der Redaktionsmeinung entsprechen.

 

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Männertagsgedanken

Wie weise unser Fliegendes Spaghettimonster die Welt geordnet hat, zeigt sich an diesem Feiertag, den Es für uns schuf. Da hat es  zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen. 

Erstens zeigt es so, wie wichtig Ihm Gleichberechtigung ist. Nicht nur uns Frauen gebührt ein Tag der besonderen Ehre, sondern auch den Männern. Die ziehen, mit frischem Grün am feinen Outfit, in Gruppen durch die Landschaft und haben ihre Verpflegung direkt am Mann. Ein Verhalten, das schon zur Tradition geworden ist. Wenn diese Tradtition sich immer mehr dahin ändert, dass nicht nur Männer, sondern ganze Familien an diesem Tag unterwegs sind, zeigt das nur, wie sehr Sein Wunsch nach Gleichberechtigung von den Menschen akzeptiert wird. 

Weiterhin hat Es es mit diesem Tag auf´s Vortrefflichste verstanden, Theorie und Praxis zusammen zu führen. Ist doch dieser Tag für uns Pastafari ein willkommener Anlass,  mal wieder eine größere Wartung am Biervulkan vorzunehmen und die Stripperfabrik auf Vordermann zu bringen.

Ich bin sicher, euch fällt noch mehr ein, warum  dieser Feiertag gewürdigt werden muss. 

Regelrecht entsetzt war ich hingegen, als ich gerade aus der Presse erfahren musste, wie eine verirrte Truppe Abergläubiger versucht, diesen Tag zu nutzen, um ihre, zwar lustigen, aber doch so an den Haaren herbeigezogenen Lehren unter das Volk zu bringen. 

Christen, so nennen sie sich, tun so, als wäre heute ihr Feiertag. Deshalb haben sie sich eine irre Geschichte ausgedacht und behaupten, ihr Namensgeber, der Göttersohn Jesus Christus, ist zurückgekehrt zu seinem Vater in den Himmel. Genau 39 Tage nach dem Passtahfest. Das fällt immer auf den Sonntag nach dem ersten Frühjahrsvollmond,  also frühestens auf den 22. März und spätestens auf den 25. April. Nach dem Neuen Testament der Christen (das alte hatte ihr Gott wohl geändert, weil sein Sohn nicht ganz so wollte wie der Vater) hat Jesus da den Tod überwunden. Muss ihn viel Überwindung gekostet haben, wieder ins Vaterhaus zurück zu kehren. Über einen Monat hat er mit sich gerungen. Auch das zeigt klar das gestörte Verhältnis zwischen Vater und Sohn. Dann, an einem Donnerstag, zwischen dem 30. April und 3 Juni, soll er sich ins Hotel "Papa" aufgemacht haben. Wohl auch, weil er inzwischen von dem geänderten Testament erfahren hatte und nun die Angst da war, völlig enterbt zu werden.

So richtig toll muss der Empfang dann auch nicht gewesen sein. Noch ganze 40 Tage, nachdem er wieder bei Papi eingezogen war, hat es ihn sehr zu seinen alten Kumpels, altmodisch Jünger genannt, gezogen. Immer wieder hat er sich mal bei ihnen blicken lassen. Hat wohl mehr Spaß gemacht, mit denen um die Häuser zu ziehen als Harfe spielen zu lernen. Dann hat er aber doch klein bei gegeben. Zur Belohnung soll er im Himmel auf den Platz zur Rechten Gottes erhoben worden sein, nahm dann also, wie in der Antike üblich, den Platz des Thronfolgers bzw. Ehrengastes ein. Ich vermute ja eher, der Alte wollte so seinen Sprößling ein bisschen unter Kontrolle halten und vom schädlichen Einfluss der Peers, vor allem der lockeren Maria Magdalena, fernhalten. Jahwe wollte ja die schwer erkämpfte Position als Sologott nicht wieder durch ne Unmasse von Enkeln abgeben.

Klar, die Christens behaupten da etwas anderes: "Ihn, der sich selbst erniedrigt hat und gehorsam geworden ist bis zum Tode am Kreuz, hat Gott über alle erhöht und ihm einen Namen gegeben, der größer ist als alle Namen Das läuft also eher darauf, dass Papa Sohni für seinen Gehorsam belohnt hat. Recht verworren sind auch die Vorstellungen, wie der Sohnemann wieder zurück ins Elternhaus geholt wurde.

Bis heute wird debattiert über das Verhältnis von Auferstehung und Himmelfahrt Christi. Sicher gibt es wichtigere Themen, aber man kann ja mal. Die Traditionalisten sind nicht der Meinung, dass die Auferstehung Jesu Christi am Passtahsonntag erfolgte. Er soll nach seinem Kreuzestod am Garfreitag  in ein Jenseits hinabgestiegen sein, das Reich der Toten. Die Höllenfahrt Jesu soll nicht all zu lange gedauert haben, denn am dritten Tage soll er bereits wieder zu den Lebenden auferstanden sein. Als Himmelfahrt zählt der Aufstieg in ein in der Höhe befindliches Jenseits 40 Tage nach der Auferstehung, ohne zu sterben. 

Damit es aber nach wie vor spannend bleibt, verkünden die modernen Theologen die Gemeinsamkeit von Auferstehung und Himmelfahrt. 

Lirum larum Löffelstiel … wie herum auch immer … es wird als Sieg angesehen, dass olle Jehova seinen Sohn erfolgreich von den Peers getrennt hat, als Triumph über alle Jugendgruppen dieser Welt. Ein krasses Beispiel, wie Aberglauben eine ganz normale, wenn auch gestörte, Vater – Sohn – Beziehung ins esotherische abgleiten lässt.

Was können wir glücklich sein, hier im Besitz der unverfälschten, reinen Wahrheit zu sein und so über diesen Unsinn herzlich lachen zu können.

RAmen

Eure Elli S.

 

Die Meinung des Gastautors muss nicht der Redaktionsmeinung entsprechen.

 

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Zuerst erschienen bei http://fsm-uckermark.blogspot.de/2012/05/das-wort-zum-freitag_17.html

 




Wenn es IHN nicht gäbe…

– Gott zum Gruße, Merkwürden. Was spricht dafür, dass es ihn gibt?
– Alles, mein Sohn.
– Gewiss bin ich zweier Menschen Sohn, nichts spricht indes dafür, dass Ihr einer davon seid. Aber zur Sache: Eure Antwort scheint mir ein wenig allgemein. Ich könnte entgegnen: Wenn alles für seine Existenz spricht, spricht letztlich nichts dafür. Ich fürchte, so kommen wir nicht weiter.
– Du armseliger Wicht in deiner religiösen Unmusikalität verlangst nach Beispielen? Bitte sehr: Ohne Gott gäbe es keine Moral. Wir wüssten nicht, was Gut und Böse ist.
– Wissen wir das denn?
– Was für eine Zukunft hätte unsere Seele ohne Gott? Ohne die verheißene Unsterblichkeit verschwände sie mit dem Dahinscheiden unseres Körpers.
– Himmel oder Hölle – welch Alternative!
– Wo wäre unsere eigene Schöpferkraft ohne die Inspiration des Schöpfers? Woher käme die Kreativität eines Botticelli, eines Michelangelo, eines Beethoven, Mozart …
– … John Lennon …
– … meinetwegen auch dessen. Wir können sie nur als göttlichen Ursprungs erklären.
– Fehlt es mir deshalb an Talent?
– Ohne Gott hätte unser Leben doch gar keinen Sinn.
– Welchen hat es denn?
– Das Wahre und Gute, letztlich Gott selbst zu erkennen, diese Fähigkeit macht doch die wahre Natur des Menschen aus, wie es unser Heiliger Vater so trefflich formulierte.
– Der Mensch braucht Gott, um Gott zu erkennen? Sowas nenn ich Tautologie. Sagen wir’s einfacher: Der Mensch ist, dank seines fabelhaften Gehirns, als einziges Tier in der Lage, sich Götter auszudenken.
– Pfui Deibel. Dich sollte man …
– … auf den Scheiterhaufen?
– Geht ja leider nicht mehr. Aber du bist ein treffendes Beispiel: Wie sollte man die Menschen überhaupt lenken und leiten ohne den gemeinschafts- und sinnstiftenden Glauben an Gott!
– Bis zur Selbstaufgabe?
– Wenn jeder selber anfängt zu denken, wo kommen wir denn hin?!
– In die Selbstbestimmung?
– Verstehst du denn nicht, wir brauchen IHN einfach! Gäbe es IHN nicht …
… müsste man ihn glatt erfinden! Keine weiteren Fragen, Euer Merkwürden.

 

Original: http://dubiator.wordpress.com/2013/01/09/wenn-es-ihn-nicht-gabe/#more-1106

 

 

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Denk-Schrift III: Deutsche Politiker

Ausreden und Entschuldigungen:

Natürlich wird dieser knappen Darstellung der feindlichen Haltung der christlichen Kirche zur überlieferten Kultur als erstes Einseitigkeit vorgeworfen. Auch die Killerphrase "Rundumschlag“ ist beliebt. Das ist die übliche Antwort, wenn man sich einer näheren Beschäftigung mit den aufgeworfenen Fragen entziehen möchte. Nun, Einseitigkeit kann der Analyse nur dann vorgeworfen werden, wenn man den Untaten eine vergleichbare Liste guter Taten entgegen stellen könnte, die den angerichteten Schäden qualitativ und quantitativ entspräche. Aber wie sollte das gelingen? Wie sollte fast zweitausend Jahre Verfolgung Andersdenkender kompensiert werden? Wie sollte die Vernichtung ganzer Kulturen vom antiken Rom bis zum enthaupteten Aztekenkult gegen die Suppenküchen der Caritas und Diakonie aufgewogen werden? Wie sollten tausend Jahre physische und verbale Gewalt, Kreuzzüge, Inquisition, Hexenverbrennung und Indices verbotener Bücher gegen irgend etwas verrechnet werden? Es gibt Vergleiche, die verbieten sich, weil alle  Vergleichsmaßstäbe gesprengt, alle Zeitdimensionen unvorstellbar werden. 1700 Jahre staatlich verordneter, kirchlich geforderter Glaubenstotalitarismus ist ein solcher Vergleich.

1700 Jahre! Wissen wir eigentlich noch, wovon wir sprechen? Dennoch werden bis heute die massenhaft betriebenen Verstöße gegen die Menschlichkeit mit überheblicher Geste fortgewischt, letztlich, im Jahre 2011, durch den katholichen Kirchenhistoriker Klueting: „Man komme mir nicht mit Religionskriegen, Schwertmission, Judenmassaker, Ketzerverfolgung oder Hexenverbrennung. Das alles ist mir als Historiker bestens vertraut. Aber das sind antichristliche Verunstaltungen des Christlichen". So einfach entledigt sich ein Theologe, Professor dazu, der Vergangenheit: Eine im Wesen „reine“ Kirche muß bedauerlicherweise eine Unmenge antichristlicher Elemente in ihren Reihen beherbergen. Dann wäre noch als Entschuldigung das „finstere Mittelalter“ zu erwähnen, das der mildtätigen Kirche seinen grausamen Stempel aufgedrückt habe. Aber das Mittelalter ist nicht „finster“ geworden, weil die Menschen die Düsternis lieben, sondern weil eine übermächtige Kirche die Jahrhunderte mit finsteren Kirchenedikten überflutet und alle Werte neu definiert. Es sind Jahrhunderte, in denen die Frage „Was sagt Gott dazu?“ die einzige Frage aller Stände wird. In denen die Pracht, die Größe und die Überzahl der Kirchen den bescheidenen Hütten der Menschen das Sonnenlicht rauben wird. In denen in kollektiver, sonntäglich vertiefter Furcht vor Gottes Strafen gelebt und wie kaum eine andere Zeit das Grausame, Vulgäre und Rohe gepflegt wird. In denen unvorstellbare Obszönitäten, das Vierteilen, Blenden, Hände-, Brüste- und Hodenabhacken, das Zunge-, Lider- und Fingernägelausreissen, das Zerpflügen eingegrabener Menschen empfohlen werden. In denen Priester dumpfe Seelenqualen schüren, verstörte Geister in der Magie Halt suchen und kosmische Zeichen, Vorhersagen vom "Jüngsten Gericht", apokalyptische Verzerrungen und Visionen grotesker Tiere die Menschen verängstigen.

Da gibt es nichts „aus der Zeit heraus“ zu entschuldigen. Das „finstere“ Mittelalter ist kein Schicksal und die Verbrechen sind keine bedauerlichen „Verfehlungen“ einer ansonsten geheiligten Kirche. Ebenso wenig wie die bis in die 90er Jahre des 20. Jahrhunderts erfolgte Entwürdigung junger Frauen in den Wäschereien katholisch-irischer Magdalenenstiften [3] oder der tausendfache Mißbrauch junger Knaben in den Händen zölibatärer Priester. Das „finstere Mittelalter“ ist kein unabwendbares Ereignis gewesen, sondern zwangsläufige Folge einer unmenschlichen Kirchenlehre.

Epilog: „Das Christentum hat unsere Kultur geprägt“

Das Christentum hat unsere Kultur geprägt, das ist wahr, wenngleich seine kulturelle und menschliche Gesamtbilanz verheerend ausfällt und die neue Weltsicht keinen Vergleich mit der bekämpften antiken, arabischen oder maurisch-spanischen Kultur aushalten kann.

Diesen „Sieg“ des erstickenden Dogmas über freie, intellektuelle Hochspannung, diesen Triumph der unheiligen Allianz aus Kreuz und Schwert über eine beispiellose Hochkultur, deren gigantischer geistiger Fundus noch heute Philosophie, Kunst, Wissenschaft, Architektur und Poesie beflügelt, diesen Pyrrhus-Sieg der Staatskirche mit nachfolgender Analphabetisierung eines halben Kontinentes und wirtschaftlicher Verödung Europas als Ausgangspunkt einer neuen, angeblich der Antike überlegenen christlich-abendländischen Kultur feiern zu wollen, gar in Verkennung der philosophischer Werke und Ideen antiker Denker und unter Verleugnung unangenehmer biblisch-testamentarischer Texte und der historischen Tatsachen „die ursprünglichen Besitzverhältnisse“ der Kirche (H. Bielefeldt, 2011) über Würde und Menschenrechte glauben anmahnen zu müssen, kommt einer Satire auf unsere geschichtliche Kenntnis gleich und offenbart einen beschämenden Mangel an Bildung der classe politique.

Die Wahrheit ist, dass die katholische Kirchenführung mit den Menschenrechten wenig anzufangen weiß. Menschenrechte stellen sich aus kirchlicher Sicht vor allem als eine Kombination protestantischer und revolutionärer Auffassungen dar. So verwarf Leo XIII. im Jahre 1888 in der Enzyklika Libertas praestantissimum donum die Idee der Menschenrechte mit den Worten: „Die uneingeschränkte Freiheit des Denkens und die öffentliche Bekanntmachung der Gedanken eines Menschen gehören nicht zu den Rechten der Bürger“, es sei völlig ungerechtfertigt, die unbegrenzte Freiheit des Denkens, der Rede, des Schreibens oder des Gottesdienstes zu fordern.

Rund 120 Jahre später behauptet Papst Benedikt XVI. anläßlich seines Deutschlandbesuches im September 2011 in einer nebulösen, erkenntnistheoretisch wie rechtsphilosopisch [4] angreifbaren, sprachlich verschwurbelten Rede vor dem Deutschen Bundestag, die Idee der Menschenwürde und -rechte sei von der Überzeugung eines Schöpfergottes, von der „Gottesebenbildlichkeit“, abzuleiten und ordnet damit die auch von Buddhisten und Muslimen getragene UN-Menschenrechtserklärung auf die katholische Linie ein. Dieser christlich-kirchliche Gottesbezug der Menschenrechte, weder durch empirische oder wissenschaftliche Erkenntnisse nachweisbar, noch durch politische oder logische Argumente belegbar, eine Behauptung also aus dem luftleeren Raum, animierte die Konrad-Adenauer-Stiftung zum öffentlichen Nachdenken unter Leitung des CDU-Politikers Bernhard Vogel: Der Gottesbezug trage „dazu bei, dass der Mensch unreduziert wahrgenommen“ werde. Andere Menschenbilder seien „defizitär“, die „mit Sicherheit auch defizitäre ethische und politische Entscheidungen nach sich“ zögen („Menschenwürde“, 2006).

Dieser von der Bundesregierung finanzierte, zopfige Text gegen den Weltbürger, der alle bisherigen feindlichen Menschenbilder der Kirche, insbesondere die antijüdischen, antihäretischen, antireformatorischen und antimodernistischen, schlicht negiert, wurde als Handreichung für den Bundestag von einer Handvoll deutscher Theologen ausgetüftelt, die „Menschenwürde“ unter sich auszumachen versuchten. Philosophen und Kulturwissenschaftler waren unerwünscht.

Nur am Rande sei noch erwähnt, dass die ominöse Gottesebenbildlichkeits-Debatte durch die Evolutionsforschung (Darwin) als hoffnungslos antiquiert ausgewiesen ist. Denn falls die Gottesebenbildlichkeit zuträfe, hätte sich Gottes Wesen mit dem Wandel des Menschen vom lustarmen Einzeller zum erotisch-raffinierten homo sapiens ständig verändert, hätte Gott vor 100.000 Jahren körperlich wie wesenshaft dem homo erectus geglichen. Da Gott aber ewig ist, kann eine solche Veränderung ausgeschlossen werden. Im übrigen handelt es sich um eine auch theologisch unsinnige Gespensterdebatte. Denn sie unterstellt, dass Gott erkennbar ist (Spiegelbild des Menschen), was seine Göttlichkeit erneut grundsätzlich in Frage stellt. Die Ebenbildlichkeits-Debatte ist also Phraseologie in Reinstform, die wichtige Zukunftsthemen wie Praeimplantationsdiagnostik und Gen-Technologie zum Schaden der Menschen mit irrationalen Luftargumenten belastet und lediglich geeignet ist, eine ernsthafte, tiefer gehende Werte- und Würdediskussion zu umgehen und diese stattdessen in kirchlich-archaische Denkweisen einzumauern.

Gleichermaßen geheimnisvoll bleibt, was Papst Benedikt XVI. überhaupt unter „Menschenrechten“ versteht. Um die Freiheit des Denkens oder um Bürgerrechte jedenfalls kann es sich kaum handeln, da Libertas praestantissimum donum diese ausdrücklich ablehnt. Und dass die katholische Kirche Frauen den Zugang zu allen mit der Weihe verbundenen Ämtern und Funktionen verweigert und damit gegen das europäische Diskriminierungsverbot verstößt, ist ebenfalls bekannt.

Was Europa im innersten zusammenhält

Die gebetsmühlenartig wiederholte Behauptung, die christliche Idee von der Gottebenbildlichkeit des Menschen habe die Menschenrechte begründet und es sei ein Verdienst des Christentums, die Formel von der Menschenwürde gefördert zu haben, ist also nachweisbar falsch. Und angesichts dessen, was die Kirche in diesem Namen getrieben hat, bemerkenswert dreist. In Wahrheit ist die Redensart von einer durch die christliche Lehre generierten „Menschenwürde“ voll bitterer Ironie. Denn was die Lehre von der Erbsünde anthropologisch bedeutet, liegt auf der Hand: Sie ist menschenverachtend. Der Mensch ist verderbt, ein Wurm und Opfer seiner Sinne. Gott macht mit ihm, was er will. Der Mensch solle zu Staube kriechen und sich blind in sein jenseitiges Schicksal ergeben. Selbst der Gottessohn wird entwürdigt. Gegeißelt und mit Dornen gekrönt wird er seit Jahrhunderten den Menschen zur Schau gestellt. Keine Mutter würde nach dem Tode ihres Sohnes derart Schauerliches und Pietätloses zulassen.

Was Europa im innersten zusammenhält, was Europa ausmacht, ist also nicht der billige Rekurs auf die Bergpredigt, ist nicht ein angeblich „liebender Gott“, der die Menschen nach Belieben tötet und foltert. Was Europa zusammenhält, ihm ein unverwechselbares Gesicht gibt, ist das griechisch-römische Erbe, die mühevoll gegen die Staatskirche errungenen Bürgerrechte, die der klerikalen und weltlichen Willkür ein Ende setzen, die Freiheit des Denkens, die Gleichberechtigung und all das, was im Grundgesetz, in den Artikeln 2-18 steht. Europas Basis ist nicht die Bibel, sondern die Petition of Rights (1628), die Habeas-Corpus-Akte (1679), die Bill of Rights (1689) und die Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte (1789). Diese Texte ergänzen die philosophischen Schriften von David Hume bis Kant, die als Texte der Befreiung zu verstehen sind. „Liberté, Égalité, Fraternité“, das ist es, was Europa ausmacht. Die monotheistische Theologie dagegen hebt die Freiheit auf. Sie lebt vom Zwang „Du sollst“ und von der Züchtigungsrute im Falle des Ungehorsams.

Es geht nicht um Gott

Zu guter Schluß und um nicht mißverstanden zu werden: Es geht nicht um Religion oder Glauben, sondern um einen hierarchischbürokratischen Komplex namens Amtskirche mit Bischöfen, die wie Fürsten behandelt und wie Generale besoldet werden. Es geht um Priester, die in heilloser Überforderung eine verquere gottferne Dogmatik an erste Stelle setzen, Gott die Unendlichkeit rauben, mit jedem neuen Attribut die Authentizitätsprobleme steigern und die chronischen Inkompatibilitäten ins Uferlose vermehren. Es geht um eine Kirche, die ihre 1700-jährige, unerbittlich grausame Geschichte als Staatskirche hintertreibt und stattdessen von der „Religion der Liebe“ schwadroniert. Die in völliger Verkehrung der Lehre und ihrer eigenen Historizität einen „liebenden Gott“ als Kronzeugen anführt, der die Erde verwüstet, die Menschheit vernichtet, brutale Fressketten einrichtet, die abscheulichsten Strafen androht und Auschwitz und Hiroshima zuläßt. Die, kurz gesagt, Gott zur Marionette eines unsäglichen Religionsschauspieles macht.

Und: Es geht um einen Staat, der dies alles nach Kräften fördert, gar in Verfassungen zur Furcht vor dieser Religion auffordert und Juden, Muslime und Nicht-Konfessionelle zwingt, mit ihren Steuern die satten Gehälter christlich-kirchlicher Würdenträger zu bezahlen. Es geht um eine Gesellschaft, in der der Bürger sich dagegen verwahrt, bei der Gestaltung des Politischen von nicht gewählten Meistern der Wahrheit bevormundet zu werden, die nach Wahrheitsregeln, die schon vor 2000 Jahren nicht mehr auf der Höhe der Zeit waren, an Problemen wie Praeimplantationsdiagnostik und Kernenergieausstieg herumdoktern. Es geht um selbsternannte Werte-Gurus, die weder die erforderliche Expertise in existenziellen Sachfragen nachweisen können, noch demokratisch legitimiert sind, die wenig mehr als Schlagworte zum Begriff „Ethik“ beisteuern und dennoch unangemessenen Einfluß auf die Gestaltung gesellschaftlicher Prozesse besitzen. Das hat es in Deutschland noch nicht gegeben: Bischöfe befinden darüber, ob Kernenergie und erhöhter CO2-Ausstoß aus konventionellen Kraftwerken gesellschaftlich vertretbar sind. Ihre Entscheidungsgrundlage ist ein Buch aus der Zeit der babylonischen Gefangenschaft der Juden.

Es geht auch um Würde

Und es geht auch um Würde. Als Republikaner schämt man sich, dass die Bundeskanzlerin als Gastgeberin an den Berliner Sitz der Deutschen Bischofskonferenz eilt, um dort vom Gast, einem umstrittenen Kirchenführer, empfangen zu werden. Betreten schaut man zu, dass Bundesverfassungsrichter, zu strikter religionspolitischer Neutralität verpflichtet, in ein Freiburger Priesterseminar pilgern, um einem Religionsführer ihre Aufwartung zu machen. Das soll uns mal einer nachmachen! Bundeskanzlerin, Bundestagspräsidium und oberstes Verfassungsgericht werfen sich im eigenen Land dem Repräsentanten einer Organisation zu Füßen, die im Laufe ihrer 2000jährigen Geschichte mehr Phantasie aufgewendet hat, Andersdenkende mit Streckbänken und Daumenschrauben zum Gehorsam zu zwingen, als jede andere Diktatur. Ungläubig beobachtet man, dass die Mehrheit der Volksvertreter einem Bundestagspräsidenten folgt, der auf Kosten der katholischbischöflichen Cusanus-Gesellschaft studiert und kürzlich eine Vater-Unser-Interpretation publiziert hat, der vom Papst in Privataudienz empfangen worden ist und im Gegenzug die Volksvertretung für die eigene religiöse Überzeugung strapaziert, indem er initiativ den Papst zu einer Rede vor dem Parlament, der Volkskammer aller Deutschen, einlädt. Nicht als Staatsmann hat Benedikt gesprochen, wie beschönigend behauptet wurde, sondern als Kirchenführer. Denn diesen Zahn zog der Papst den Politikern bei seiner Antrittsrede höchstpersönlich: Er sei als Papst und nicht als Staatenlenker gekommen.

Diese provokante Einladung Norbert Lammerts (samt der Fraktionsführer), die die Verfilzung von Staat und Kirche, von Politik und Religion öffentlich dokumentierte, die zum Auszug von einhundert Parlamentariern führte, deren vakanten Sitze horribile dictu mit Claqueuren gefüllt wurden, die Zehntausende auf die Berliner Straßen trieb, dieses instinktlose Unterfangen, das die 2000-jährige offene Feindschaft der Päpste gegen die Juden tatsächlich ebenso entschuldete wie die erbitterte Verfolgung von Häretikern und Ketzern durch die katholische Kirche, dieser staatskirchenpolitische Winkelzug, überflüssig wie ein Kropf, der dem innenpolitischen Frieden dauerhaft geschadet, die Diskussion um die Trennung von Staat und Kirche erst richtig angeheizt, alte Gräben vertieft und neue aufgerissen hat, ist ein böser Schlag ins Gesicht all derer gewesen, die meinen, Staatsreligionen hätten schon genug Unheil angerichtet, nun sei es genug mit heiligen Kriegen und Bush-Kreuzzügen, mit Salafisten, Pius-Brüdern und Scientologen, mit Bekehrten und Offenbarten, mit Verfluchen und Verstoßen, mit tönernen Friedensbekundungen und realer Unfriedensstiftung.

Also, wehret den Anfängen. Zum Beispiel bei der Frage, ob noch mehr Religionsunterricht an die ohnehin schon polyethnisch und multireligös überfrachteten öffentlichen Schulen gebracht werden soll. Diesmal geht es darum, dass Politiker die Schulen für islamischen Religionsunterricht öffnen wollen. Vorgeblich um fundamentalistische Auswüchse zu begrenzen. Als wäre es jemals möglich gewesen, Religionsradikalinskis durch freiwilligen, wöchentlichen Unterricht an staatlichen Einrichtungen zu bändigen. Mit solchen Maßnahmen erfährt lediglich der Zwist zwischen Konfessionsfreien, Protestanten, Katholiken, Freikirchlern und Muslimen eine neue Dimension. Statt Religion konsequent in die private Sphäre zu verschieben („Sonntagsschulen“), statt sie von den Hochschulen zu verbannen, werden die öffentlichen Schulen verstärkt in das grausame Geschacher um Glaubenswahrheiten hineingezogen.

Dabei deuten alle Daten deuten darauf hin, dass das Großkirchen-Christentum in der modernen Welt sein tatsächliches Ende bereits hinter sich hat. Denn die Welt rückt zusammen und die Kirchen sind nicht zufällig leer. Sie leeren sich, weil die Priester die Fragen des 21. Jahrhunderts unter Heranziehung 2000 Jahre alter Folianten dechiffrieren wollen, weil sie Urknall, Evolution, Apparatemedizin und Ausschwitz theologisch nicht mehr beherrschen. Wer angesichts des anthropozentrischen Größenwahns, des ungebremsten, katastrophalen Bevölkerungswachstums und in Gegenwart perverser Tier- und Ressourcenausbeutung weiterhin von „gottgewollter Herrrschaft des Menschen über die Natur“, von „Krone der Schöpfung“ und „macht Euch die Erde untertan“ meditiert, wer im Zeitalter der Globalisierung der Weltanschauungen immer noch behauptet, die ewige Wahrheit zu vertreten, der sollte von der öffentlichen Bühne abtreten. Der sollte dem grenzüberschreitendem Humanismus den Vortritt lassen.

[3] Im Irland der 60er und 70er Jahre verschwinden junge Frauen, oft mit dem Segen ihrer Familien, hinter den Mauern der Magdalenenstifte, die gefallenen Mädchen Zucht und Ordnung beibringen sollen. Vgl. dazu den preisgekrönten Film „Die unbarmherzigen Schwestern“ von Peter Mullan, 2002.

[4] Vgl. „Hier irrte der Papst“, FAZ v. 03.11.2011.

Rolf Bergmeier, M.A.

Althistoriker und Philosoph; Forschung mit Schwerpunkt im Grenzbereich von Spätantike, frühes Mittelalter und Kirchengeschichte.

Veröffentlichungen seit 2010 (Monographien):

· Kaiser Konstantin und die wilden Jahre des Christentums. Die Legende vom ersten christlichen Kaiser, 2010.

· Schatten über Europa. Der Untergang der antiken Kultur, Dezember 2011

 

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Denk-Schrift II: Deutsche Politiker

Gottgegeben: Die katholische Kirche als Lehrmeister:

Natürlich wird in den Werken Augustins auch der Vorrang der katholischen Kirche begründet. Diese, so vertraut er uns an, vertritt als „Tempel Gottes“ den dreifachen Gott. Und zwar seit Anbeginn des Universums, wie wir aus dem von Papst Benedikt zu verantwortenden katholischen Katechismus des Jahres 1993 erfahren dürfen: Gott, so sagt uns der damalige Kardinal Ratzinger durch den Mund des Katechismus, Gott habe die heilige katholische Kirche „schon seit dem Ursprung der Welt vorausgestaltet“. Das ist stark! Katholische Kirche seit dem Ursprung der Welt! Diese „Vorausgestaltung“ ist nicht in tastender, unschlüssiger göttlicher Planung erfolgt, „mal schauen, was aus dem Andromeda-Nebel wird“, nein fix und fertig ist sie gewesen, die katholische Kirche, „vorausgestaltet“ eben, vor Milliarden Jahren, mit Papst Benedikt, Bischöfen und Frauen in dienenden Berufen.

Die Protestanten spielen im vorkosmischen Plan Gottes übrigens keine richtige Rolle. Sie können leider „nicht gerettet werden“, so der heutige Papst Benedikt in seiner Heilsbotschaft Dominus Jesus aus dem Jahre 2000, da sie „um die katholische Kirche wissen, in sie aber nicht eintreten“. Warum sich die Protestanten bei einer solchen Diffamierung nicht zu Worte melden, wenn Benedikt als bisher einziger Religionsführer zu einer Rede vor dem Bundestag eingeladen wird, warum sie sich wie provinzielle Bittsteller nach Erfurt zur Audienz beim Papst bemühen, um dort noch die Stiefel zu küssen, die sie Jahrhunderte lang getreten haben, bleibt einigermaßen schleierhaft. Es sei denn, sie würden, o sancta simplicitas, tatsächlich immer noch daran glauben, dass es eine Ökumene gibt, die nicht katholisch ist.

Damit Papst und Bischöfe bei diesem kräftezehrenden Bekehrungsritual nicht verunsichert werden, wird ihnen der Besitz der Wahrheit ausdrücklich bestätigt: Die Wahrheit würde ihnen in der Erleuchtung des Geistes durch Gott zuteil. Der göttliche Geist strahle diese Ideen und Regeln direkt in den menschlichen Geist ein. Natürlich nicht in jeden Menschen, also nicht in den Geist von Philosophen, Agnostikern, Atheisten, Kommunisten, Häretikern, Kritikastern und seit dem Jahre 1 leider auch nicht mehr in die Köpfe der Juden. Letztere tragen ohnehin ein unentschuldbares Übermaß an Schuld mit sich herum, so dass der „heilige“ Augustinus sie in seiner Kampfschrift „Gegen die Juden“ als Mörder, aufgerührter Schmutz, triefäugige Schar, Wahnsinnige, Wölfe zu denunzieren gezwungen ist. Und auch hier gilt, dass die Juden wahrhaftig Grund gehabt hätten, sich gegen die Papstrede zu verwahren.

„Religion der Liebe“ als Begründung des moralischen Führungsanspruchs

Mit dem Begriff der „Nächstenliebe“ läuft die theologische Wortdrescherei zu großer Form auf. Zwar hat man noch nie davon gehört, dass die steinreiche Kirche Grundstücke oder bischöfliche Barockresidenzen verkauft hat, um der vorweihnachtlichen Aufforderung, „den Armen zu spenden“ beispielhaftes Gewicht zu geben. Zwar wissen die Gewerkschaften zu berichten, dass Arbeitnehmer in den kirchlichen Großeinrichtungen Diakonie und Caritas in niedrige Lohngruppen abgedrängt und nahezu mit Hungerlöhnen abgespeist werden. Zwar werden Geschiedene ausgegrenzt, des Arbeitsplatzes beraubt und Homosexuelle gedemütigt. Auch pfeifen alle Spatzen die in der Menschheitsgeschichte einzigartigen Verbrechen bei der Verfolgung Andersdenkender von den Zinnen der Kathedralen, aber nichts, auch rein gar nichts hält die kirchliche Klientel, die beileibe nicht nur aus Pastören besteht, davon ab, das Christentum als „Religion der Liebe“ in Positur zu bringen.

Ausgangspunkt ist natürlich der „himmlische Vater“. Dieser liebe alle Menschen, behauptet die Kirche. Ein Unsinnsspruch, denn Gottes Zorn ist stadtbekannt. Er ist so schlecht auf die Menschen zu sprechen, dass er sie mehrfach aufs böseste bestraft: Erstens mit dem Tod und zweitens mit der Erbsünde. Kurz danach räumt der „liebe Gott“ in einer Sintflut alles Leben beiseite, auch das der Fische, die sich doch eigentlich in dem vielen Wasser pudelwohl fühlen müßten, weil er sich immer noch über die Sünder ärgert. Dann, nachdem sich das Leben auf Erden wieder erholt hat, verlangt er, dass sein eigener Sohn ans Kreuz genagelt wird, als „Sühne für die verdorbene Menschheit“. Aber von den angedrohten wüsten Höllenstrafen nimmt Gott dennoch keine einzige zurück. Trotz Kreuzigung. Stattdessen gestattet er "Stellvertretern" tausend Jahre lang die Menschen zu drangsalieren und greift trotz „Allmächtigkeit“ nicht mit Blitz und Donner ein, um Hiroshima oder Auschwitz zu verhindern. Zu guter Letzt schickt dieser Kirchengott seine ungehorsamen Kinder auf ewig in das Feuer der Hölle, wenn sie nicht die katholischen Bedingungen für das ,,Seelenheil" erfüllen.

Dieses rigide Strafszenario, vor 2000 Jahren von untergangsgläubigen Jenseitsbeseelten im pathologischen Deutungswahn entworfen und seither zum Nutzen und Frommen der Kirche angewendet, diese furchtbare Höllensage, meilenweit von den religiösen Vorstellungen der Antike entfernt, [1] führte dazu, dass die meisten christfrommen Menschen mehr als 1500 Jahre in einer pseudoheilsamen Angststarre verharrten, weil sie fürchteten, direkt in den Kochtöpfen des schwarzen Hinkefußes zu landen. Und noch heute diktiert Angst vor dem „richtenden“ Gott das kirchliche Gottesszenario. Dennoch haben Priester die Stirn und Gläubige die Biederkeit, vom „liebenden Gott“ zu sprechen.

Dieser Gott hat einen Sohn. 400 Jahre lang sind beide innerhalb der christlichen Gemeinden heftig umstritten. Der römische Kaiser Konstantin ist es schließlich, der auf dem Konzil von Nicäa (325) den jüdischen Alleingott zum „wesensgleichen“ Zweifach-Gott transformiert. Der „Vater“ erhält einen göttlichen Sohn, der aber kein Sohn sein darf, da er ja „von Anbeginn“ schon existiert. Er ist also eher ein Bruder, aber auch wieder nicht, da er – zwar wesensgleich mit Gottvater – vom göttlichen Vater gezeugt sein soll, (Kath. Katech. 254). Er scheint also eher ein Klon zu sein, gezeugt und wesensgleich. Aber so ganz genau weiß das niemand, zumal nicht Gottvater, sondern der „Heilige Geist“ Maria geschwängert haben soll, irgendwie metaphysisch, wie sich versteht.

Josef spielt übrigens keine Rolle. Er akzeptiert achselzuckend die Fremdschwangerschaft seiner Frau und hütet Ochs und Schaf. Jesus, ein tiefgläubiger Jude, verkündet menschenfreundliche, altjüdische Botschaften. Seine Jünger und Apostel, rund 50 Männer und Frauen, und die römischen und jüdischen Zeitgenossen wissen allerdings rein gar nichts von ihm zu berichten. Was in einer Zeit, in der die Bibliotheken mit Hunderttausenden von Büchern zu bersten drohen, völlig lebensfremd ist und zwei Schlußfolgerungen zuläßt: Entweder ist Jesus eine rein literarische Figur, die erst mit den Paulusbriefen zu leben begann. Oder Jesus war weder aufsehenerregend noch konnte er über Wasser gehen. Er war ein Prophet. Und von denen gab es damals viele. Dieser „Gottessohn“ also, bis tief in das 4. Jahrhundert innerhalb der christlichen Gemeinden hoch umstritten, logisch und theologisch das Widersinnigste, was Religionen je erfunden haben, diesen Gottessohn also expedieren die Priester auf die Erde. Dort, im Leib einer Irdischen, habe er gewartet, neun lange Monate, bevor er das Licht der Erde erblickt, ohne Geburt. Die „Gottesmutter“ Maria ist daher unberührt, unbefleckt, himmlisch schön und so heilig, dass sie per Dekret von Papst Pius XII. aus dem Jahre 1950 körperlich in den Himmel auffährt. Wie man sich das vorzustellen hat, ist nicht bekannt. Aber Benedikt XVI. ist der Auffassung, dass dieser nicht nur wegen Marias Himmelfahrt hoch umstrittene Papst in den Pantheon der Heiligen aufgenommen werden sollte.

30 Jahre also lebt dieser Gottessohn auf Erden und stirbt in den Fängen jüdischer Häscher und römischer Söldner. Nicht in edler Haltung, sondern in erniedrigenster Pose, Mitleid heischend und den Menschen zur Besichtigung am Kreuz freigegeben, ohne dass der Allmächtige mit Donnerschlägen dazwischen fährt. Das habe ER so gewollt!, ruft die Kirche. Sein Wille sei gewesen, seinen Sohn stellvertretend für die Menschen büßen zu lassen. Man bedenke: ER läßt seinen Sohn ans Kreuz nageln, weil ER seine eigene Strafe nicht aufheben will! Wer denkt sich eine solche Vater-Sohn-Beziehung aus?

So also stellt sich die christliche Kirche den liebenden Gott vor. Daraus also leiten die Priester das Nächstenliebe-Gebot ab, ohne dessen Wirken wir angeblich unsere Werte und Würde, kurz unseren Halt, verlieren. Aber historisch betrachtet ist das Nächstenliebe-Gebot jüdisch: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“ (3 Moses 19,18). Im übrigen dürften vermutlich alle Kulturen den Wert der "Nächstenliebe", wenn auch unter verschiedenen Namen, hervorheben, ohne sich deshalb ständig an die Brust zu klopfen. Bereits die Philosophie Zarathustras (vor 500 v.u.Z.) basiert auf den drei Grundsätzen "Gut Denken, gut Reden und gut Handeln" und auf seinem Credo "Ich bin Zarathustra, wahrhaftiger Gegner der Lügner, und ich werde sie bis zu meiner letzten Kraft bekämpfen. Aber mit meiner ganzen Kraft werde ich den Aufrechten und Rechtschaffenen beistehen" (43/8). Wenig später läßt Sophokles um 450 v.u.Z. seine Antigone rezitieren: „Nicht mitzuhassen, mitzulieben bin ich geschaffen“. Und Aristoteles erkennt um 330 v.u.Z. in seiner „Nikomachischen Ethik“, das Wesen der Freundschaft sei, mehr Liebe zu geben als zu nehmen. Der römische Philosoph Seneca schreibt ein ganzes Buch über die Wohltaten, „De beneficiis“, und erkennt in seinem Werk „Vom glückseligen Leben", das höchste Gut sei „ein ruhiges Handeln, reich an Menschenliebe und Rücksicht für die, mit denen man lebt". Cicero, ebenfalls ein „Heide“ des 1. vorchristlichen Jahrhunderts, wird diesen altruistischen Gedanken aufgreifen und von einer natürlichen „Wohlgeneigtheit zwischen allen Menschen“ sprechen. Keiner ist bisher auf den Gedanken gekommen, die Lehren Zarathustras, Sophokles` oder Senecas mit dem Epitheton „Philosophie der Liebe" zu versehen, obwohl ihnen dieses Markenzeichen wahrlich zustände. Im übrigen ist dieses überstrapazierte Liebesgebot als „Altruismus“, als Teil des natürlichen Verhaltens des Menschen, bekannt. Die Soziobiologie weist bereits Mitte des 20. Jahrhunderts die genetischen Grundlagen des Altruismus nach.

Neu scheint lediglich das Gebot der „Feindesliebe“ zu sein (Mt 5,43-48), das eine Radikalisierung des Nächstenliebe-Gebotes darstellt und vermutlich nur in Zusammenhang mit der damaligen unmittelbaren Erwartung einer neuen (himmlischen) Welt zu verstehen ist. In der kirchlichen Praxis ist das Feindesliebe-Gebot bis heute ohne Bedeutung. Die Kirche segnete Waffen und die Soldaten haben bis in die jüngste Zeit „für Gott und Vaterland“ die Gegner massakriert. „Feindesliebe“ bleibt damit als realitätsferne, unerfüllbare Forderung eine Wort-Tapete, genauso sinnvoll wie die Forderung „Reichtum für alle“. So bleibt es also völlig nebulös, welche spezifisch christlichen Werte die Kirchenführung eigentlich anzubieten hat.

So schlecht hat es noch keine Epoche mit dem Menschen gemeint

Man wird zugeben müssen, dass dieser „liebende Gott“, der in Wahrheit ein ziemlicher Wüterich zu sein scheint, unmöglich den wahren Gott repräsentieren kann. Ritterlichkeit, Fairness und Gerechtigkeit sind keine Vokabeln, die im Sprachschatz dieses Kirchengottes auftauchen. „Fürchte Gott“ mahnt daher sein Apologet Johannes (Offenbarung 14,7) und folgerichtig fordert die Landesverfassung Rheinland-Pfalz auch nicht, die Jugend in Gottesliebe zu erziehen, sondern in blanker Furcht: „Die Schule hat die Jugend zur Gottesfurcht […] zu erziehen” (Art. 33). Ein Spruch, der angesichts der heterogenen Religionslandschaft und des sehr realen Anteils von rund 30 Millionen Konfessionsfreien wie eine Botschaft aus dem 18. Jahrhundert anmutet. 2

Diese misanthropische Lehre mit ihren dominanten Eckpunkten, Erbsünde und göttliches Strafgericht, ist eine deprimierende Kriegserklärung an den Menschen. Von der Zeugung an mit einer übergroßen Schuld beladen, ist die Menschheit eine sündhafte Elendsmasse, mit der Gott machen kann, was er will. So schlecht hat es noch niemand mit den Menschen gemeint. So finster wurde noch niemals die Zukunft ausgemalt. Nie in der Menschheitsgeschichte wurde das Denken mit derart sinnlosen und wahnwitzigen Sünden- und Höllenapokalypsen kontaminiert, nie hat es einen radikaleren Wandel des Menschenbildes gegeben, nie eine bedrohlichere Lehre, nie eine größere Entmutigung, nie eine dreistere Tarnung mit Sprüchen vom „liebenden Gott“ und von der „Religion der Liebe“. Eine „chinesische“ Kulturrevolution, umfassender, grausamer, länger dauernd als jemals eine Kulturrevolution in der Menschheitsgeschichte, wird sie die Zeit verändern. Jenseitsorientierung, Diesseitsabgewandtheit, Schuldvorwürfe, Selbsterniedrigung und Angst vor Hölle und Vorhölle werden endgültig die entscheidenden und bestimmenden Faktoren im Leben der Menschen. Wir ahnen, dass die Wolfszeit anbricht. Das alles ist weder rational noch theologisch zu begreifen. Erst der Blick in die Religionsgeschichte öffnet den Zugang zum Verständnis. Eingeklemmt zwischen einer turmhoch überlegenen römisch-griechischen Kultur mit weit fortgeschrittener Wertediskussion auf der einen Seite und der noch älteren, ehrwürdigen jüdischen Bibel auf der anderen, steht die christliche Lehre als Klassen-Neuling von Beginn an unter Zugzwang. Diese neue Religion muß überhaupt erst noch ihren Platz finden, muß extravaganter und radikaler als alle anderen Religionen sein, muß die Mystifikation ins Unendliche steigern, muß die Juden enteignen, ihnen die Vergangenheit entwenden, muß die uralte Lehre zur Ankündigungsplattform ihrer neuen Religion degradieren, muß alle Andersdenkenden bekämpfen, um überhaupt Platz zwischen jüdischem Monotheismus, polytheistischer Duldsamkeit, senecaischen „Tue Gutes“-Gedanken und neuplatonischer Religionsphilosophie finden zu können.

Und so verrennen sich die christlichen Priester in immer abenteuerlichere Konstruktionen, die mit Augustinus` Sündenlehre und der Zwei-Naturen-Lehre des Jahres 451 ihre widergöttlichen Referenzpunkte finden. Gott, so erkennen wir, wird von den Priestern in schlimmster Weise geschmäht. Man müßte die Erfinder und Apologeten dieser Lehre wegen „Gotteslästerung“ (§166 StGB) vor Gericht stellen, ihnen wenigstens die Berechtigung absprechen, über Gott zu sprechen. Unabhängig davon, dass sie wegen der Paradoxie, über Unendliches sprechen zu wollen, aus dem Kreis der Gebildeten ausgeschlossen werden müßten. Die Kirche aber wird es nie verwinden, dass ihr Religionsgründer Jude war, der nicht im Traum daran dachte, eine bürokratischhierarchische Kirche mit einem Stellvertreter Gottes an der Spitze zu gründen. Sie wird Jesus vereinnahmen und die lästige jüdische Konkurrenz auf das bitterste verfolgen.

1 "Winter und Sommer sänftigen sie [die Götter] mit dem Eintreten eines milderen Hauches, das Irren strauchelnder Seelen ertragen sie sanftmütig und gnädig" (Seneca, De beneficiis).

2 Im „Vorspruch“ heißt es gar: „Im Bewusstsein der Verantwortung vor Gott, dem Urgrund des Rechts und Schöpfer aller menschlichen Gemeinschaft …“. Baden-Württemberg fordert in der Landesverfassung Art. 12 Eltern und Lehrer auf: „Die Jugend ist in Ehrfurcht vor Gott, im Geiste der christlichen Nächstenliebe …“ zu erziehen. Bayerische Landesverfassung, Art. 131, Abs. 2: “Oberste Bildungsziele sind Ehrfurcht vor Gott …“. Von 16 Bundesländern haben acht den Gottesbezug in der Präambel und fünf christliche Erziehungsziele in der Landesverfassung erwähnt.

 

 

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Denk-Schrift I: Deutsche Politiker

Redaktion: Ich freue mich ganz besonders, dass mir Rolf Bergmeier die Genehmigung zum Abdruck seiner Denkschrift erteilt hat. Dies geschieht fast zeitgleich mit der Vorstellung seines neuen Buches „Schatten über Europa“, das am 12. Dezember 2011 im Humanistischen Pressedienst begleitet von einem Interview vorgestellt wurde.

Vor und während des Besuches Papst Benedikts XVI. ist viel über „christliche Werte“, „Leitkultur“ und vom Christentum als „Fundament europäischer Kultur“ gesprochen worden. Was führende Politiker zu diesen grundlegenden und die herausgehobene Stellung der christlichen Kirche im deutschen Staatswesen begründenden Thesen bisher haben verlauten lassen, ist mehr von religiösem Engagement als von Kenntnis über historische und kirchengeschichtliche Zusammenhänge geprägt. Die folgende Denk-Schrift will der vorherrschenden weltanschaulichen Betrachtung einen lesbaren, wissenschaftlich orientierten Text an die Seite stellen. Dem Wesen einer Denk-Schrift entsprechend ist der Umfang des Textes knapp bemessen. Interessierte Leser werden gebeten, sich mit Hilfe der auf der letzten Seite zitierten Literaturwerke zu informieren.

„Wer unser christliches Weltbild nicht akzeptiert, ist fehl am Platze“

Für die meisten Politiker scheint die Sache klar zu sein: Deutschlands  „Werte“ sind christlich und weil sie göttlich sind, sind sie auch ewig. Ohne diese christlichen Werte werde der Gesellschaft der Boden unter den Füßen weggezogen. 47 Seiten hat die CDU-Wertekommission unter Leitung des damaligen rheinlandpfälzischen CDU-Chefs Christoph Böhr im Dezember 2001 zusammengeschrieben. Das Programm unter dem Titel „Die neue Aktualität des christlichen Menschenbildes“ wurde vom damaligen Generalsekretär der CDU, Laurenz Meyer, mit den Worten vorgestellt: „Unsere Werte, die Fundamente, auf denen unsere Gesellschaft gebaut ist, sind heute und in Zukunft […] dieselben wie zuvor“.

Die CDU-Vorsitzende, Angelika Merkel, erklärte im Oktober 2010 auf einer Regionalkonferenz in Berlin-Brandenburg die spezifischen CDU-Werte: “Wir fühlen uns dem christlichen Menschenbild verbunden, das ist das, was uns ausmacht.” Wer das nicht akzeptiere, so meinte sie, der sei „bei uns fehl am Platz“ (Tagesspiegel, 15.10.2010). Damit setzt die CDU-Vorsitzende, die gerade Thilo Sarrazin wegen angeblich integrationsfeindlicher Tendenzen gerügt hatte, nicht auf kulturelle und politische Versöhnung, sondern auf religiöse Konfrontation. Wer nicht Christ ist, fliegt raus.

Ob das der CDU angesichts wachsender Kirchenaustritte und der hohen Zahl von Immigranten aus unterschiedlichsten Kulturkreisen bekommt, mag dahingestellt bleiben. Dem innenpolitischen Frieden dient dieses Programm sicherlich nicht. Und der Freiheit des Denkens noch weniger, das ohnehin unter dem Bombardement von Schlagworten („alternativlos“, „scheitert der Euro, dann scheitert Europa“) und dem überfallartigen Wechsel politischer Positionen bedenklich gelitten zu haben scheint.

Gerne vereinnahmen christliche Politiker auch die jüdische Kultur. Im Bemühen, eine gemeinsame Abwehrfront gegen den angeblich zerstörerischen Islam aufzubauen, wird die „christlich-jüdische“ Kultur zitiert, die es zu verteidigen gelte. Ein etwas eigenartiges Kulturkonglomerat, das da aus dem Hut gezaubert wird. Denn die Christen haben sich zweitausend Jahre lang eifrig bemüht, der jüdischen Religion und Kultur den Garaus zu machen. Und so wird dieser Versuch einer Vereinnahmung von den Juden auch strikt abgelehnt.

Die wenigen Beispiele zeigen bereits auf den ersten Blick einen religionstypischen Mangel an Nachdenklichkeit, eine bemerkenswerte Naivität der Argumentation und eine fahrlässige Verkürzung der Belegführung. Sehen wir uns also die Erklärungen an und beginnen mit der Prüfung der Behauptung, das Christentum sei der eigentliche Kulturträger des Abendlandes, sei „Europas Leitkultur“, bevor wir uns mit den „christlichen Werten“ beschäftigen.

Vom Fundament europäischer Kultur

"Das Christentum hat nahezu alles, was uns heute umgibt, geprägt" erinnert Bundeskanzlerin Merkel die Parteigenossen auf der besagten Regionalkonferenz. Sie spricht damit aus, was viele denken, aber das sagt wenig. Denn es gibt auch eine negative Prägung.

Hitler und der Nationalsozialismus haben Deutschland auch geprägt, ohne dass wir uns dieser Zeit gerne erinnern. Es versteht sich, dass Frau Merkel in ihrem Bemühen, allem Christlichem eine positive Wirkung abzugewinnen, nicht die Leidensgeschichte Hunderttausender und die unverkennbar negative Wirkung des Christentums auf Wissenschaft und Forschung diagnostizieren mag. Noch weniger scheint die Physikerin die Bedeutung nicht-christlicher Kulturkreise für das „Abendland“ und deren wertebildenden Traditionen zu kennen.

Da wäre an erster Stelle die griechisch-römische Kultur zu erwähnen, der Europa fast alles verdankt, was tief und schön ist. Gleich ob die Antigone im Theater, der Codex Justinianum im Rechtswesen, der Lehrsatz des Pythagoras oder die Säulenarchitektur in der Baukunst, wir benutzen ein Erbe, das vor mehr als 2000 Jahren geschaffen und bis in das 4. nachchristliche Jahrhundert von „heidnischen“ Künstlern, Technikern und Wissenschaftlern fortentwickelt worden ist. Überall gab es damals beheizte Bäder, Brunnen, Fischteiche, Kanäle und Gärten. Aquädukte und Tunnel führten das Wasser über elf Fernleitungen in die Stadt Rom und alleine diese Stadt hatte damals 28 öffentliche Bibliotheken und Dutzende von Musikhallen. Nahezu jedes Städtchen verfügte über Schulen, der gebildete Römer sprach zwei Sprachen und etwa die Hälfte der Bevölkerung konnte lesen und schreiben.

Dann aber versandet ab dem 5. Jahrhundert dieser Strom des Wissens und der Kultur. Innerhalb von wenig mehr als einem Jahrhundert verwahrlosen fast alle Erbstücke, die Griechen und Römer in Italien und Gallien, Spanien und Syrien, Schottland und Nordafrika hinterlassen haben. Verfügten die antiken Bibliotheken in Rom, Marseille, Alexandria oder Konstantinopel noch über jeweils mehrere hunderttausend Bücher, so quälen sich wenig später Reste von einigen hundert Büchern in das Mittelalter der Klosterbibliotheken hinein. Die Wasserleitungen verfallen, die öffentlichen Schulen bleiben leer, Medizin und Naturwissenschaften veröden, die Theater sind geschlossen, die Menschen verlernen das Schreiben und brauchen Übersetzer, wenn sie kommunale Verordnungen lesen wollen. Über das Abendland senkt sich das "finstere Mittelalter" herab.

Die Kirche zerstört die antike Kultur

Schuld an diesem Desaster sind nicht die Germanen, ist nicht die Dekadenz der Römer, wie man immer wieder hört. Sie tragen lediglich zur Heimsuchung bei, sind aber nicht die Hauptverantwortlichen. Die Trostlosigkeit hat einen anderen Namen: Christentum. Die tausendjährige antike Kultur ist untergegangen, weil christliches Alleingott-Denken die heidnische Toleranz gegenüber allen Göttern ablöst, weil die christliche Kirche mit den griechisch-römischen Göttern zugleich auch die antike Kultur des Imperium Romanum bekämpft, weil eine rational nicht nachvollziehbare Diktatur der Wahrheit jedes alternative Denken zerstört, weil das jenseitszentrierte Himmel-Hölle-Bild diesseitiges Bemühen zum Tand erklärt und weil religiöse Fanatiker jegliches Denken außerhalb der Bibel als verwerflich denunzieren.

Das Unheil beginnt im Jahre 380 mit Kaiser Theodosius. Dieses Jahr ist ein Schicksalsjahr für Europa: Staat und Kirche verbünden sich in einer unheiligen Allianz zur Staatskirche, die die Macht erhält, ihre radikalen, diesseits- und menschenfeindlichen Vorstellungen in Politik umzusetzen. Die bisher heillos zerstrittenen Christen werden mit Hilfe von sechzig kaiserlichen Erlassen zu einer katholischen „Einheitspartei“ geordnet und bekommen damit die Möglichkeit, den Lehrsatz religiöser und geistiger Intoleranz zum Staatsziel zu erklären: Du mußt an den christlichen Gott glauben.

Diesem Missionierungsgedanken fallen fortan alle Kulturen von der antiken über die maurisch-spanische bis zu den Indio-Kulturen in Nord-, Mittel- und Südamerika zum Opfer. Wo immer das Christentum auftritt, es tauscht die bestehenden Kulturen gegen eine schmale, rein religiös orientierte Kirchenkultur aus. Während das römische Imperium die griechische Kultur aufsaugt und zur weltberühmten griechisch-römischen Kultur erweitert, während das islamische Bagdad und das maurische Spanien alle erreichbaren Kulturen von Indien bis zur jüdischen zu einer traumhaften Höchstkultur vereinen, gefällt sich das benachbarte Christentum zur gleichen Zeit in der Zerstörung aller nichtchristlichen Kulturen.

Dass die zerstörten Kulturen häufig, insbesondere im Falle der griechisch-römischen, der arabischen und der maurisch-spanischen der neuen christlichen Ideologie künstlerisch und wissenschaftlich weit überlegen sind, wird im frommen Trommelwirbel gerne überhört. Und es ist die überragende muslimische Kultur in Toledo, Sevilla und Cordoba, die zwischen 800 und 1200 als Parallelkultur auf die bedrückenden Defizite der christlich-mittelalterlichen Kultur hinweist. Sie wird in den Stürmen der christlichen Reconquista 1492 untergehen. Die verstoßenen Wissenschaftler und Künstler aber wandern aus und werden in Mitteleuropa das „finstere“ Mittelalter beleben. Ihr Wissen und ihre Bücher werden die Wiedererweckung der Antike einleiten, die Renaissance. Aber die Freiheit bleibt kanalisiert, das Verbot, frei zu denken und ungebunden zu forschen, bleibt bei Todesdrohung weiterhin bestehen.

An Belegen für die kulturfeindliche Haltung der christlichen Kirche fehlt es nicht. Der bekannte christliche Schriftsteller Tertullian meint, „es sei besser, unwissend zu sein, um nicht kennen zu lernen, was man nicht soll“. Tertullians Zeitgenosse, Tatian, lehnt in einer zügellosen Rede „An die Hellenen“ die gesamte griechische Bildung als unnütz und unmoralisch ab. Die antiken Philosophen seien Lärmer, Geschwätz und Rabengekrächze kennzeichne ihre Reden. Die Akademien seien "Schwalbenzwitscherschulen" und die Arzneikunde käme aus einer „Schwindlerwerkstatt“.

Es folgen weitere Kirchenführer, die gegen das „Philosophenvieh“ wettern. Trächtige Säue“ seien sie, „Hunde, die zu ihren Auswürfen zurückkehren“, Dummköpfe, Fälscher, Giftspeier, Betrüger, Verrückte und Strauchdiebe. Einen schlechten Ruf bei Christen haben auch Mathematiker. Augustinus wendet in seinem „Gottesstaat“ ein ganzes Kapitel auf, um den Nachweis zu führen, dass die Mathematiker eine gegenstandslose Wissenschaft betreiben. Die systematische Erforschung naturwissenschaftlicher Phänomene wird als überflüssig betrachtet, da alle Naturereignisse, vom Erdbeben bis zum Blitzschlag, Gottes Wirken zugeschrieben werden. Naturereignisse seien Folgen seiner Pflicht, die Menschen zu strafen oder zu loben. Mit Geschichte brauche sich der Christ nicht zu beschäftigen, da das ganze Geschichts-Schriftentum durch die Heiligen Schriften widerlegt sei, die einen Zeitraum von 6000 Jahren Menschheitsgeschichte berechnet hätten. Selbst die Medizin wird abgelehnt, da die Kraft der Heiligen besser helfe. Von Baukunst, Staatslehre und Landwirtschaft brauche der Christ nichts zu wissen, es sei denn, um die betreffenden Stellen der Heiligen Schrift besser zu verstehen.

Parallel zur Vernichtung der Wissenschaften geht es der Kunst und den Schauspielen an den Kragen. Letztere seien Teil der weltlichen Irrtümer, verkündet Tertullian. Der „heilige“ Augustinus wettert gegen die Theater: „Schaustellungen von Schändlichkeiten und Freistätten der Nichtswürdigkeit“ seien sie, „Fäulnis und Pest der Seelen“, „Unzucht“, „wollüstiger Aberwitz“. So schafft es die christliche Kirche, die großen Tragödien von Aischylos, Sophokles und Euripides und alle Komödien von den Bühnen verschwinden zu lassen. Statt „Ödipus“ und „Antigone“ sind nunmehr Jesus und Maria Magdalena Gipfelpunkte der Dramatik.

Am verheerendsten aber wirkt sich die Austrocknung und Schließung der öffentlichen Schulen aus. Im 6. Jahrhundert sind alle öffentlichen Schulen geschlossen. Eine ganze Region von den Pyrenäen bis zum Bosporus, von Friesland bis Sizilien verlernt das Lesen und Schreiben. Während im Imperium Romanum mehr als die Hälfte der Bevölkerung lesen und schreiben kann, wartet das Mittelalter mit neunzig Prozent Analphabeten auf.

Erst ab dem 13. Jahrhundert wird sich das „finstere“ Mittelalter langsam wandeln, vorsichtig, weil es sich niemand erlauben kann, mit der Kirche zu verderben. Die Gründe für die vorsichtige Neuorientierung liegen außerhalb des Christentums (Byzanz, Spanien, Sizilien), auch wird der Wandel durch eine dramatisch verschärfte Gehirnwäsche (Inquisition) begleitet. Aber das ist ein anderes Thema.

Das neue christliche Welt- und Menschenbild

Drei radikale Lehrmeinungen bewirken das Desaster, das „finsteres Mittelalter“ genannt wird:  Neben dem Missionsbefehl „Geht hinaus in alle Welt“, der, meist von wenig Gebildeten umgesetzt, selten auf Dialog als vielmehr auf die geistige Bevormundung „Verstockter“ (Exodus 7,13) bis hin zur Zwangstaufe setzt, sind das Dogma vom Menschen als einem „verlorenen Sünder“ und die Theorie vom Gericht Gottes, dessen unbarmherzige Strafen in düstersten Farben ausgemalt werden, Basis eines völlig neuen Weltbildes, das zum eigentlichen Ausgangspunkt des Kultureinbruchs wird.

Geburtshelfer sind zwei Männer: Paulus und Augustinus. Der erste aus dem ersten Jahrhundert, der zweite aus dem vierten/fünften Jahrhundert. Ihre teils grotesken Lehren beherrschen bis heute das Christentum.

Paulus, kurz nach dem Tode Jesu von göttlich-greller Erleuchtung getroffen, „ein Licht warf mich auf den Boden“, wird über Nacht vom christenverfolgenden Saulus zum bekennenden Paulus. Diese paulinische „Erleuchtung“ ist in der Medizin nicht unbekannt. Eine solche sprunghafte Reaktion wird als Symptom einer Übersteigerungen normalen Erlebens diagnostiziert, verbunden mit Wahnbildung und optischen oder akustischen Halluzinationen. Gelegentlich kommt der Betroffene zu dem Schluss, von Außerirdischen oder Geistern aus dem Jenseits beobachtet zu werden. Im Falle eines krankhaften Verlaufes besteht für den Betroffenen eine unerschütterliche Gewissheit, dass das wahnhaft Erlebte tatsächlich geschehen ist. Diese Symptome faßt die moderne Medizin unter dem Begriff der Schizophrenie zusammen. Paulus also hört Stimmen aus dem Universum „warum verfolgst Du mich?“, geht in die Wüste, erkennt das Jenseits und gilt bei Nietzsche daher als Erfinder des Christentums. Dieser Paulus klagt die Menschheit an: Der Glaube an sich selbst sei böse, ebenso das Freiheitsgefühl. Stolz sei die größte Sünde. Im übrigen sei den Armen im Geiste das Himmelreich.

Jahrhunderte später macht Augustinus, der nach einer gleichermaßen geheimnisvollen „Bekehrung“ zunächst Frau und Kind in die Wüste schickt, sich dann eine Konkubine zulegt, dem Menschen endgültig seine antike Würde streitig. Der nordafrikanische Bischof legt mit seinen Schriften ein spekulatives, teils anspruchsvolles, teils kindliches Palaver über Glaube, Liebe, Hoffnung, Schuld und Sühne vor. Seine philisterhaften Streitschriften gegen den freien, schöpferischen Menschen sind in ihrer nihilistischen Abwertung allen menschlichen Bemühens und in der entwürdigenden Selbsterniedrigung des Menschen in der Weltliteratur einzigartig. Unter Umgehung sämtlicher Einwände hinsichtlich der Erkennbarkeit des Unendlichen torkelt Augustinus trunken durch eine rabenschwarze, selbst inszenierte Scheinwelt und berichtet Seltsames über die Architektur des Himmels, über Fegefeuer und Hölle, Auferstehung und Qualen.

Sein wohl berühmtestes Werk, der Gottesstaat, ein Brocken von 22 Bänden, entwirft ein zutiefst pessimistisches Bild vom Leben, das mehr einem Sterben gleicht als dem Leben. Thematisch und chronologisch wild hin- und herspringend zwischen römischer Geschichte, schändlichen Schauspielen, Sittenverderbnis, Beschimpfung antiker Philosophen und Zitaten aus dem Alten Testament, verblüfft Augustinus den Leser mit einem Bacchanal fabelhafter Einsichten in das Jenseits. Von dieser Himmelsschau haben sicherlich seine Betrachtungen über Adam und Eva, deren Ursünde, der daraus abzuleitenden Sündhaftigkeit der Menschen und der Übertragung der Erbsünde durch die Sexualität den größten Unterhaltungswert, aber auch die weitreichendste Bedeutung. Denn Sexualität ist selbstredend abzulehnen. Sie ist offensichtlich dem Tierischen zuzuordnen. Dies äußere sich darin, daß die Zeugung nicht ohne ein gewisses Maß an tierischer Bewegung erfolge. Da die Sünde Adams durch die Libido übertragen werde, sei diese der Grund für die Übertragung der Ursünde. Folglich sei Sex mit Lust verwerflich. Lediglich unter drei Voraussetzungen toleriere Gott die Geschlechtlichkeit als fahrlässige Sünde: Der Geschlechtsakt müsse erstens innerhalb der Ehe, zweitens ohne Lust und drittens mit der Absicht der Kinderzeugung erfolgen. Am nahesten bei Gott seien jedoch die Männer und Frauen, die sich dem anderen Geschlecht verweigerten.

Augustinus weiß auch zu berichten, wie es nach dem Tode zugeht: Es gebe zwei Auferstehungen, eine der Seelen und eine der Körper. Frauen behielten nach der Auferstehung zwar ihre Geschlechtlichkeit bei, das sei aber kein Problem, denn die weibliche Geschlechtlichkeit“ sei fortan „über Beilager und Geburt“ erhaben. Geschnittenen Haare und Nägel würden dem Auferstehenden nicht verloren gehen, es sei denn, sie wirkten entstellend. Nebenher sichtet er die menschlichen Laster, ordnet sie in einer Stufenfolge, analysiert die Bedeutung des siebten Tages für Gott und widmet sich den „aetherischen und durchsichtigen“ Engeln, die Gott von Angesicht zu Angesicht schauen können. Von Elfen und Trollen weiß Augustinus allerdings nichts zu berichten.

Warum Augustinus den Ehrentitel „größter Philosoph“ erhalten hat, warum die zentrale Würzburger Augustinforschung in den Rang eines universitären „An“-Institutes erhoben worden ist, bleibt völlig undurchsichtig. Augustins Lehrsatz „Der Glaube geht der Erkenntnis voraus“ öffnet den irrsinnigsten Spekulationen alle Scheunentore. Mit Philosophie hat das ebenso wenig zu tun, wie der wolkige Unsinn von Papst Gregor I., der die augustinische Sicht in das ferne himmlische Geschehen damit erklärt, dass es einigen Seelen zuweilen gestattet sei, den Körper zu verlassen und unter Führung eines Engels das Jenseits zu besuchen, um anschließend wieder in den irdischen Körper zurückzukehren und den übrigen Erdenbewohnern von der anderen Welt zu erzählen.

Fortsetzung folgt…

 

Die Meinung des Gastautors muss nicht der Redaktionsmeinung entsprechen.

 

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Imago dei

Dieser Aufsatz erschien zunächst auf No heaven – only sky:

– Nichts für ungut, Merkwürden, aber wenn ich mir Euch so anschaue, Eure wohl(an)ständige Körperfülle, die vom durchblutungsfördernden Rheinwein gerötete Nase, Euer mildes Dauergrinsen zwischen den Pausbäckchen – da erscheint mir der Alte Herr direkt ein bisschen sympathisch.
– Ich versteh nicht recht.
– Na, es heißt doch, wir alle seien Ebenbilder Gottes. Da Ihr Ihm wesentlich näher steht als zum Beispiel ich, nehme ich doch an, dass Ihr Ihm auch wesentlich ähnlicher seht als ich mit meiner eher mickrigen Figur.
– Was für ein Schmarrn! Unsere Gottebenbildlichkeit bezieht sich doch nicht auf die äußere Erscheinung.
– Nicht?
– Nein. Sie besagt, dass Gott den Menschen nach seinem Bild geschaffen hat – weniger äußerlich als vielmehr in seinem Wesen. Schon Augustinus lehrt: Der Mensch ist Ebenbild Gottes in der mens rationalis, also im vernunftbegabten Geist, und nicht in der Form des Leibes.
– Aha, daher also die erbärmliche Eifersucht, die Missgunst, die kleinliche Intoleranz, die Aggressivität und Rachsucht.
– Wie bitte?!
– Na, seht Euch den Schöpfergott Jahwe im Alten Testament doch einmal an!
– So ein Unsinn! Gott ist Liebe!
– Ich hab schon lange den Eindruck, dass eine Menge Unsinn in der Bibel steht. Aber wenn Ihr das selbst sagt, Merkwürden…
– Liebe, jawohl! Aus Liebe schuf Gott die Menschen Adam und Eva…
– …als Mann und Frau, wegen der Liebe. Das versteh ich. Merkwürden, Ihr wisst indes ebenso gut wie ich, dass Gott keineswegs einen Adam aus Lehm zurecht knetete. Vielmehr setzte Er auf die außerordentlich langwierige Prozedur der Evolution, ein für mein Dafürhalten denkbar ungeeignetes Verfahren zur Erzeugung einer ebenbildlichen Art. Spätestens bei den Dinosauriern muss Ihm die Sache dermaßen aus dem Ruder gelaufen sein, dass Er sich nicht anders zu helfen wusste als einen Riesenbrocken auf die Erde zu schmeißen, um den kleinen Säugetieren die Chance zu geben, in Richtung Primaten voranzukommen. Also auf die Art eine Ebenbildlichkeit zu erreichen…
– Nun, die Auffassungen über den konkreten Hergang des Schöpfungsaktes mögen verschieden sein. Unumstößlich bleibt die Gottesebenbildlichkeit des Menschen, die imago dei, punctum! Durch sie sind wir überhaupt nur in der Lage, Gott zu erfahren. Auf sie gründet die Liebe Gottes.
– So wie wir unseren Nachwuchs umso mehr ins Herz schließen, je ähnlicher er uns ist. Ja, dafür gibt es handfeste evolutionäre Gründe.
– Evolution, Evolution, wenn ich das schon höre! Diese fürchterliche Theorie…
– …die inzwischen sogar der Heilige Vater anerkennen musste…
– …hat nichts weiter zum Ziel als uns immer mehr von Gott zu entfernen. Besinnen wir uns auf Seine Liebe!
– Aber war es nicht gerade die Liebe, neben der Neugier freilich, – die nebenbei gesagt kaum eine göttliche Eigenschaft sein kann, denn worauf sollte ein allwissender Gott neugierig sein? -, war es nicht die Liebe, die Euren Worten gemäß zum Sündenfall führte? Wie kann der grundsätzlich sündhafte Mensch, von dem Ihr ja ausgeht, in seinem Wesen Gottes Ebenbild sein?
– Durch Jesus Christus, mein Sohn. Durch sein Opfer wurde die Gottebenbildlichkeit wiederhergestellt.
– Hm. Erst Ebenbild, dann nicht mehr, dann doch wieder; mal von Geburt an, oder doch erst ab der Taufe, oder überhaupt erst durch gottgefälliges Verhalten oder wie? Ziemlich verworren, findet Ihr nicht?
– Seine Gottebenbildlichkeit macht, um noch einmal Augustinus zu zitieren, obwohl sie zwar durch den Sündenfall entstellt ist, den Menschen aufnahmefähig für Gott, sie befähigt ihn erst zur Erfüllung des Liebesgebotes. Allein aus ihr folgt des Menschen unveräußerliche Würde. Das ist überhaupt erst die Grundlage für die Entstehung der Menschenrechte, auf die du gewöhnlich so pochst, mein Sohn.
– Ach? Und weshalb mussten dann die Menschenrechte so erbittert gegen den Widerstand der alleinseligmachenden Kirche erstritten werden, und warum hat dann der Vatikan bis heute die Europäische Menschenrechtskonvention nicht unterzeichnet?
– Das mag mit Politik zu tun haben, mein Sohn, nicht mit dem Glauben.
– Aber der Glaube mischt sich doch sonst so gern ein in die Politik, Merkwürden.
– Das gehört jetzt nicht hierher, das ist ein anderes Thema.
– Na gut. Aber sind Eure gelehrten Drahtseilakte bei Lichte besehen nicht doch nur theologische Luftnummern? Ich denke, die Sache ist viel einfacher: Irgendwann begannen die Menschen nach Erklärungen zu suchen, wie die Welt um sie her wohl entstanden sei und wo sie selbst wohl herkommen mochten. Sie verfügten ja noch nicht über unser heutiges Wissen, daher dachten sie sich einen Gott aus, der das alles angefertigt hat, einschließlich sie selbst als Krone seiner Schöpfung, bescheiden wie sie nun mal waren. Mangels weiter reichender Phantasie stellten sie sich diesen Gott ungefähr so vor wie sie selbst, nur größer natürlich und mächtiger. Damit sind sie ihrem Gott nun also ähnlich, und sie halten sich folgerichtig für Seine Ebenbilder. Als solche kommt ihnen selbstredend eine besondere Würde zu, die sie über alle anderen Arten erhebt. Mächtig einge(eben)bildet, findet Ihr nicht? Ganz abgesehen davon, dass sich Eure Argumentation immer im Kreise dreht, nein, Merkwürden, die Würde des Menschen entsteht allein im Umgang der Menschen miteinander – oder eben auch nicht. Und die Menschenrechte sind viel zu fundamental als dass sie durch einen solchen Kokolores hergeleitet werden müssten.
– Ich muss eilen, mein Sohn. Die Messe, die Messe…
– Grüßt Euer Spiegel- äh Ebenbild.

Wem das alles noch nicht verworren genug ist, dem seien die Quellen von Merkwürdens Spiegelfechterei empfohlen:
http://de.wikipedia.org/wiki/Gottesebenbildlichkeit

 

Die Meinung des Gastautors muss nicht der Redaktionsmeinung entsprechen.

 

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Theologie ist keine Wissenschaft

Von Ralf Michalowsky:

Sie hat an öffent­li­chen Universitäten eben­so­we­nig zu suchen, wie Gebetsräume jed­we­der Glaubensrichtung.

Bis die gesetz­lich ver­an­kerte Trennung von Kirche und Staat Realität wird, ist es noch einen lan­ger Kampf. Es kann nicht sein, dass bei sin­ken­der Zahl von Mitgliedern in den Glaubensgemeinschaften, bei immer mehr Kirchenaustritten, bei mehr als einem Drittel kon­fes­si­ons­freier Menschen in Deutschland, sich die Kirchen zuneh­mend in öffent­li­che Räume drän­gen, um ihren Einfluss aus­zu­deh­nen.

Das geht nicht zuletzt auf Kosten aller Steuerzahler, auch der­je­ni­gen, die bewusst aus einer der Kirchen aus­ge­tre­ten sind. Sie wer­den über die all­ge­mei­nen Steuereinnahmen auch zur Bezuschussung der Glaubensgemeinschaften her­an­ge­zo­gen. Rund 40 Mrd. Euro kas­sie­ren Kirchen und ihnen nahe­ste­hende Sozialwerke jähr­lich vom Staat und ihr eige­ner Beitrag aus Kirchensteuern ist nicht mehr als ein Tropfen auf dem hei­ßen Stein. Nach eige­nen Angaben geben sie weni­ger als 10 % ihrer 9 Mrd. Euro Kirchensteuereinnahmen für soziale Zwecke aus. Vielleicht legen sie ihr Geld aber auch gewinnbringend an: hier klicken.

Nehmen wir ein Beispiel: das Hilfswerk Misereor e.V. Es hat 2009 ca. 50 Mio. Euro an Spenden ein­ge­sam­melt. Das sind etwa 33 % des Gesamtetats. 62 % gibt Vater Staat und nur 5 % rücken die Kirchen raus. Dabei über­stei­gen Verwaltung (mit 2,6 %) und Werbung (mit 3,3 %) den Kirchenanteil schon um 0,9 %. Die Mär von der Unersetzlichkeit kirch­li­chen Engagements bestä­tigt sich auch hier wie­der.

Doch zurück zur Universität. In Münster soll jetzt auf uni­ver­si­tä­rem Grund eine Moschee gebaut wer­den. „Wir haben eine katho­li­sche und eine evan­ge­li­sche Universitätskirche“, sagt Universitäts-Rektorin Prof. Ursula Nelles. Da sei es nur kon­se­quent, wenn die isla­mi­sche Theologie eine Moschee erhalte. Die Baukosten in Höhe von vier Millionen Euro sol­len durch Spenden finan­ziert wer­den. Die Pläne für das neue isla­mi­sche Zentrum mit der Moschee sind sehr kon­kret, sagt des­sen Leiter Prof. Mouhanad Khorchide. Mit einem Flyer wirbt die Universität um Spender. Khorchide: „Wir sind im Gespräch mit gro­ßen isla­mi­schen Stiftungen in Indonesien, Marokko und Katar.“ Voraussetzung für die Annahme von Spenden sei, dass daran keine Bedingungen geknüpft wür­den, dass das Zentrum unab­hän­gig bleibe, so Khorchide. Er ist opti­mis­tisch, „dass die erfor­der­li­che Summe in einem Jahr zur Verfügung steht“.

Nachdem es in NRW seit Februar 2012 in einem Modellprojekt ale­vi­ti­schen Religionsunterricht in staat­li­chen Schulen gibt, will die Landesregierung an der UNI Duisburg-Essen nun einen Lehrstuhl für ale­vi­ti­sche Religionskunde ein­rich­ten.

Dabei sollte doch jedem auf­ge­klär­ten Menschen klar sein: Theologie ist keine Wissenschaft, auch wenn es Thomas von Aquin war, der die­sen Unsinn hof­fä­hig gemacht hat! Alle Religionen sind Produkte mensch­li­cher Phantasie. Meist basie­ren sie auf kon­stru­ier­ten Schöpfungsgeschichten, sind mit Dogmen ver­knüpft und haben alle einen ent­schei­den­den Mangel: sie sind rea­li­täts­fern und nicht über­prüf­bar.

Deshalb kann es sich bei der Theologie nicht um eine Wissenschaft han­deln. Die reli­giö­sen Systeme die­nen viel­mehr dem Machterhalt selbst­er­nann­ter Cliquen, die ihren Nachwuchs mit Steuergeldern in einer Pseudowissenschaft aus­bil­den dür­fen.

Die pseu­do­wis­sen­schaft­li­che Theologie als Lehrfach an den Universitäten muss abge­schafft wer­den!

Der Trend geht aber lei­der in eine andere Richtung. Religiöse Cliquen ver­ste­hen es aus­ge­zeich­net, sich mit poli­ti­schen Herrschaftsstrukturen zu ver­net­zen. Sie haben Lobbyisten im Bundestag und in allen Länderparlamenten. Um die Akzeptanz ihrer eige­nen Existenz abzu­si­chern und zu stär­ken, sind sie sogar bereit, öku­me­ni­sche Unterstützung zu leis­ten. Das geht über die Zusammenarbeit der christ­li­chen und jüdi­schen Glaubensgemeinschaften hin­aus und erstreckt sich zuneh­mend auch auf die Interessen der reli­giö­sen Cliquen aus dem islamisch-religiösen Milieu. Wenn es um die Expansion und die Mehrung des eige­nen Reichtums und Einflusses geht, spie­len reli­giöse Alleinvertretungsansprüche plötz­lich eine unter­ge­ord­nete Rolle.

Wenn es in Münster katho­li­sche und evan­ge­li­sche Universitätskirchen gibt, dann ist das schon schlimm und nicht akzep­ta­bel. Das als Argument für den Bau einer Moschee auf staat­li­chem Terrain her­an­zu­zie­hen, passt zwar in die Argumentationskette der Religioten, ist aber falsch. Gebetsräume jed­we­der Couleur müs­sen pri­vat betrie­ben wer­den und haben unter dem Dach einer staat­li­chen Universität nichts zu suchen.

Aufgeklärte Menschen müs­sen sich end­lich stär­ker orga­ni­sie­ren, zusam­men­schlie­ßen und durch Schaffung von Transparenz und Verbreiten von Informationen die­sen Trend umkeh­ren.

Unsere Ziele sind:

  • Theologie weg von den öffent­li­chen Universitäten
  • keine staat­li­che Förderung von theo­lo­gi­schen Studiengängen
  • keine staat­li­che Förderung der Ausbildung von Religionslehrern
  • Religion als Schulfach abschaf­fen und durch Ethik und Kunde der ver­schie­de­nen Glaubensrichtungen erset­zen
  • keine Erziehungseinrichtungen (KITA, Schulen, Universitäten) in kirch­li­cher Trägerschaft
  • keine Bezahlung des kirch­li­chen Führungspersonals durch den Staat

Stoppt den reli­giö­sen Expansionsdrang – über­all!

Ralf Michalowsky ist Sprecher der Landesarbeitsgemeinschaft Laizismus in der LINKEN. NRW und war bis zum Mai 2012 als MdL reli­gi­ons­po­li­ti­scher Sprecher der LINKEN Landtagfraktion.

[Über­nahme von: Die Freiheitsliebe]

 

 




Klassenunterschiede fördern Religion

Pyramid_of_Capitalist_SystemWas auf dieser Homepage (atheisten-info) ziemlich regelmäßig festgestellt wird, kann nun auch in der Nr. 1/2013 der Zeitschrift "Bild der Wissenschaft" nachgelesen werden. Je größer die Klassenunterschiede in den Gesellschaften sind, desto höher ist die Bedeutung der Religion. Und umgekehrt: je mehr Bedeutung Gleichheit in einer Gesellschaft hat, desto säkularer und religionsfreier ist sie.

Die Religion als "Opium des Volkes" erfährt eben genau dann Nachfrage, wenn die entsprechende Definition von Karl Marx zutrifft: "Das religiöse Elend ist in einem der Ausdruck des wirklichen Elendes und in einem die Protestation gegen das wirkliche Elend. Die Religion ist der Seufzer der bedrängten Kreatur, das Gemüt einer herzlosen Welt, wie sie der Geist geistloser Zustände ist. Sie ist das Opium des Volkes."

Das Ausmaß des Leidens der bedrängten Kreatur in einer herzlosen Welt, verbunden mit geistlosen Zuständen ist und bleibt die wesentliche Voraussetzung für die Bedeutung von Religion.

Einige markante Sätze aus dem BdW-Artikel
von Rüdiger Vaas, GÖTTLICHE GESELLSCHAFTEN:

• "Je ungerechter es in einer Gesellschaft zugeht und je weiter die Schere zwischen den Einkommen geöffnet ist, desto höher ist der Stellenwert der Religion (..). Und: In Ländern mit größeren Einkommensunterschieden sind sowohl ärmere als auch reichere Menschen eher religiös als in Ländern mit geringeren Unterschieden – Reiche sogar überproportional stark. In wirtschaftlich ausgeglichenen Ländern sind sie dagegen weniger religiös als die Armen."
• "Atheistischere Länder sind friedlicher. Das zeigte der britische Religionswissenschaftler und Biologe Tom Rees mit einer Auswertung des Global Peace Index 2009. Dieser bewertet den Friedensgrad anhand von 23 Kriterien – darunter Kriege, Bürgerkriege, das Ausmaß von Menschenrechtsverletzungen und Waffenhandel, die Zahl der Morde und der Gefängnisinsassen sowie der Grad der Demokratisierung. Wie friedlich ein Land ist, korreliert positiv mit dem Prozentsatz der Atheisten und negativ mit dem Prozentsatz derjenigen religiösen Menschen, die (..) mindestens einmal im Monat einen Gottesdienst besuchen."
• "Viele Studien haben auch einen engen Zusammenhang zwischen Ängstlichkeit und Religiosität nachgewiesen. Einerseits sind religiöse Menschen ängstlicher, andererseits kann Religion die Angst auch mindern. Dies ist eine weitere Erklärung, warum in kritischen Situationen und instabilen Ländern mehr Menschen gläubig sind."
• "Wenn es um das Ausmaß des Glaubens geht, ist das Einkommen des Einzelnen weniger wichtig als die Qualität der Gesellschaft: In Ländern mit größeren Problemen sind mehr Menschen religiös – unter den Armen genauso wie unter den Reichen. In stark religiösen Ländern sind Nichtreligiöse im Schnitt unglücklicher als Religiöse. In weniger religiösen Ländern haben sie hingegen weniger negative Emotionen als ihre religiösen Mitbürger. Das Fazit (..) lautet: In besser gestellten Gesellschaften leben mehr Nichtreligiöse, und sie fühlen sich tendenziell gleich gut oder besser als Religiöse – in Ländern mit ungünstigeren Lebensbedingungen dagegen haben Religionen mehr Anhänger, und religiöse Menschen fühlen sich besser als nichtreligiöse."
• "Höhere Steuern verringern in demokratischen Gesellschaften das Auseinanderklaffen der Einkommensschere und die 'Ausbeutung' öffentlicher Mittel. In Ländern mit mehr religiösen Menschen sind die Einkommensunterschiede in der Regel größer, die Steuersätze niedriger und die staatlichen Sozialausgaben geringer. Aber warum geben Länder mit einer religiöseren Bevölkerung weniger für die soziale Wohlfahrt aus? Die Antwort klingt überraschend: Weil es eine Mehrheit der Gläubigen so will. Denn nichtreligiöse Menschen befürworten staatliche Wohlfahrt meist stärker als religiöse."
• "Länder, in denen der Glaube eine relativ geringe Rolle spielt, schneiden im Hinblick auf den Zustand ihrer Demokratie besser ab – Spitzenreiter sind nordeuropäische Nationen."
• Und Religion war und ist deshalb ein Herrschaftsmittel: "Religion lässt das Interesse an materiellem Wohlbefinden sinken und verspricht Belohnung im Jenseits. Dadurch bleiben die Privilegien der Reichen bestehen, genau wie die Bedingungen sozialer Ungleichheit."

Der neue Papst Franz kommt aus Südamerika, wo die Religion genau aus den hier angeführten Gründen weitaus mehr Bedeutung hat als in Europa. Die soziologischen Hintergründe für diesen Sachverhalt sprechen somit ganz klar gegen die gesellschaftliche Bedeutung von Religion und für säkulare Gemeinschaften. Die Religionen müssten daher darauf setzen, dass der zurzeit herrschende Neoliberalismus weiterhin die Lebens- und Arbeitsbedingungen für die Masse der Menschen verschlechtert. Der Papst machte des öfteren Äußerungen zugunsten der Armen. Womit er dabei aber kaum das Herangehen der Befreiungstheologen meinte, nämlich die Verhältnisse zu ändern, sondern sozusagen ein Mehr an Almosen forderte. Klostersuppensozialismus bringt den Menschen kaum was, hält aber die Klassenverhältnisse stabil: wenn die Klassenunterschiede groß sind, dann ist auch die Religion groß, weil der bedrängten Kreatur in einer herzlosen Welt die Religion als – vielleicht einzige – Hoffnung bleibt.

Für eine bessere, eine gerechtere Welt zu sein, gegen die ständig steigende Ausbeutung, gegen Banken und Konzerne und raffgierige Manager aufzutreten, verbessert auch die geistigen gesellschaftlichen Verhältnisse, weil das "Opium des Volkes" weniger Suchtgefahr verbreitet, wenn die Verhältnisse besser werden. Seit dem Konkurs des Realsozialismus und dem daraus folgenden politischen Niederbruch der Sozialdemokratie und der Spezifizierung der heutigen Linken auf eine Art Almosensozialismus für Randgruppen sind allerdings die Verhältnisse so, dass "Reformen" grundsätzlich nur noch Verschlechterungen für den Großteil der Bevölkerung bedeuten und speziell die Christenparteien ihre menschenfeindlichen Ideen wieder wie ehedem umsetzen können. In den aufgeklärten europäischen Staaten wird es trotzdem nicht möglich sein, die alten Voraussetzungen für Religiosität der breiten Masse der Bevölkerung wieder zu steigern.

Denn das "Kommunistische Manifest" schloss mit dem Satz "Die Proletarier dieser Welt haben nichts zu verlieren als ihre Ketten. Sie haben eine Welt zu gewinnen. Proletarier aller Länder, vereinigt euch!" In den letzten 150 Jahren haben durch die Arbeiterbewegung die arbeitenden Menschen zwar ihre Ketten nicht verloren, aber in wahrnehmbarem Ausmaß eine neue Welt mit besseren Lebens- und Arbeitsbedingungen gewonnen. Und diese gewonnene Welt noch mehr zu verlieren, dagegen werden sich die Menschen zur Wehr setzen, der Neoliberalismus kann nicht endlos so weiter machen wie bisher, es kommt nicht die Situation, dass die Menschen in ihrer Bedrängung wieder religiös werden, sondern dass die Laternen zu wenig sein werden, um die für die Bedrängung und Ausbeutung Verantwortlichen daran aufzuhängen.

Ca Ira! Das geht ran!

http://www.youtube.com/watch?v=-0rgnqj2dBk&feature=player_embedded

Das war historisch schon mal. In der französischen Revolution ging es um die Aristokraten. Für diese gibt es im Neoliberalismus die passenden Äquivalente für den schon langsam anschwellenden Volkszorn. Wenn allerdings die politische Linke weiterhin nur Trostpflaster verteilt für die Löcher, die der Neoliberalismus in die Menschenköpfe schlägt, dann kann der Volkszorn auch von der falschen Seite kommen. Das hatten wir auch schon einmal. Die Linke wird daher wieder sozialistische Politik machen müssen und keine almosensoziale, mit Karl Marx für die arbeitenden Menschen und eine gerechte Gesellschaft!

Quelle: www.atheisten-info.at

 

Die Meinung des Gastautors muss nicht der Redaktionsmeinung entsprechen.

 

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Meine Höllenfahrt

ibiza-strand-cala-d-hortNun ging es also ans Sterben. Das wurde mir in dem Augenblick klar, als die beiden Ärzte am Fußende des Klinikbettes den Kopf schüttelten. Sie bemerkten nichts von meiner Beobachtung, da ich die Lider nur ein ganz klein wenig angehoben hatte. Eine Krankenschwester schwebte herbei mit einer dieser winzigen, segenbringenden Spritzen auf einem Tablett. Ein kleiner Pieks und fast umgehend ergriff den schmerzenden Körper ein wohliges Gefühl von Schwerelosigkeit. Morphine machen süchtig, aber das schien in diesem  Augenblick eher nebensächlich zu sein (Bild: Berghaus).

Meine Gedanken kreisten nur noch kurz. Ich schlief ein.

Und dann auf einmal dieses Licht! Oh nein, muss das nun wirklich sein? Doch es war da und ganz ohne Zweifel kam es auf mich zu. Jetzt bitte nicht auch noch dieser Engel mit seinen Wallerflügeln! Er blieb mir erspart. Aber plötzlich stand ich auf meinen Beinen – ja, ich konnte gehen – und bewegte mich auf dieses magische Licht zu, ganz leichtfüßig und ohne jeden Schmerz. Ich achtete nicht auf den Untergrund, war angezogen von dem Gleißen vor meinen Augen.

Und dann geschah es: ein Spalt tat sich vor mir auf und ich fiel, nein, ich rutschte eine glatte Felswand hinab, rundum in ein tiefes dunkles Rot getaucht. Die rasende Rutschpartie entschleunigte sich als die Neigung der Felswand geringer wurde, und das Licht wechselte vom aggressiven Rot über Lila, Blau hin zu einem wärmenden Grün, das immer heller wurde. Endstation! Ich plumpste sanft auf weichen, warmen Sand, der mich fast ganz umschloss. Ich prüfte, ob alles an mir noch heile war und kam zu einem befriedigenden Ergebnis. Mir war nicht klar, dass man mich schon eine Weile beobachtet hatte, bis ich zwei ausgesprochen hübsche und freundliche Damen hinter etwas entdeckte, was wohl eine Rezeption sein sollte. Mit einladenden Handbewegungen forderten sie mich zu sich. Auf dem kurzen Weg dorthin wurde mir zwar klar, dass ich nackt war, aber es machte mir nichts aus – und auch die beiden schien es nicht zu stören.

Sie begleiteten mich in eine Art Hotelzimmer, in dem mich bereits ein Begrüßungsstrauß mit meinen Lieblingsblumen erwartete. Nach der Dusche trockneten die Damen, oder soll ich sagen, Hostessen, mich gründlich ab und halfen mir beim Anziehen lockerer und bequemer Kleidung. Zurück in „meinem“ Zimmer fand ich endlich meine Sprache wieder, bisher war alles lautlos abgegangen. Wir setzten uns, sie reichten mir eine Weinschorle und ich fragte: „Wo bin ich denn hier?“ Knapp aber klar kam: „Hölle, Abteilung gehobener IQ“. Wir traten ans Fenster und sie zeigten mir die große Bar, an der eine Menge Leute  in eifrige Gespräche vertieft waren, dahinter ein Gebäude, das wie ein Restaurant aussah und wohl auch war. Der feine Sandstrand schien sich endlos zu dehnen, im Hintergrund klares, blaues Meer, in dem einige Kinder herumtollten. „Und das soll ‚Hölle‘ sein?“. Die beiden kicherten: „Dort unten erfährst du alles weitere, aber vielleicht willst du dich auch erst ein wenig ausruhen“. Sie verließen mich.

Ich war viel zu neugierig, um mich jetzt etwa ausruhen zu wollen. Ich ging zur Strandbar.

Der Barkeeper hatte einen roten Kopf und links und rechts daran zwei Buckel, die man wohl Hörner nennen könnte. Ohne mich zu fragen servierte er mir einen Martini Bianco Tonic. Wie konnte er wissen, was ich am Strand gern trinke?

„In die anderen Teile der Hölle gehe ich nicht so gerne“, begann er seine Antwort auf meine Frage, wieso es hier so angenehm sei. „Dort sieht es längst nicht so gut aus wie hier, sondern in manchen Partien sogar genauso, wie es euch die Pfaffen auf der Erde in den wüstesten Farben schildern. Das liegt einfach daran, dass wir hier in diesem Teil die besten Köpfe der Weltgeschichte versammelt haben, die schon seit Jahrhunderten daran arbeiten, es hier lebenswert zu gestalten. Ich habe sie natürlich machen lassen, denn die mir ‚von oben‘ zugeteilte Aufgabe hat mir von Beginn an nicht gefallen.“ – „Und da oben“, fragte ich, „wie geht es denn da zu? Der Rotbackige kicherte: „Gelegentlich muss ich ja zum Rapport hin. Der Alte weiß nicht, wie wir hier unten leben, und ich werde den Teufel tun ihn aufzuklären. Gelegentlich meint er zwar, unser Kohleverbrauch sei zu hoch, aber er akzeptiert es, obwohl er nicht weiß, dass wir damit den Strom für unsere Klimaanlagen und all die anderen Annehmlichkeiten erzeugen, die nun einmal für ein vernünftiges Leben nötig sind.“ – „Und er kommt selbst nie hierher?“ Nun lachte er wirklich lauthals: „Nein, er hat immer noch Angst, er könne sich seinen weißen Rauschebart verbrennen. So singt er weiterhin mit seinen Paradieslingen ‚Halleluja‘ und verputzt jede Menge Manna. Irgendwie scheint ihm das in dieser ewigen Langeweile dort oben zu genügen. Nun ja, sonderlich intelligent war er ja nie.“

„Gibt es denn keine Möglichkeit, die Menschen auf der Erde über die Wahrheit zu informieren? Kann man nicht einfach jemanden – zum Beispiel mich, kokettierte ich – zurückschicken, damit ich es ihnen erzähle und damit den Pfaffen das Wasser abgrabe?“ Sein Gesicht wurde traurig und die Stirn runzelte sich: „Erstens habe ich nicht die Autorität, das eigenständig zu bewirken – die Rutsche kommt niemand mehr hoch – und zweitens wäre in demselben Augenblick Schluss mit unserem Wohlleben hier. Das könnte ich den vielen guten Freunden einfach nicht antun. Nein, die Menschen müssen schon selber herausfinden, dass das so nicht stimmen kann, was ihnen die frommen Herren erzählen. Macht stetig weiter mit der Aufklärung bis eines fernen Tages niemand mehr auf den Unsinn hereinfällt.“

Er wandte sich anderen Gästen zu, viele Gesichter kamen mir bekannt vor, doch ich war zu sehr in Gedanken versunken, um jetzt noch mit jemandem zu reden. Nach einer Weile ging ich zurück auf mein Zimmer, trank noch eine Weinschorle und fiel schließlich auf meinem Bett in einen tiefen Schlaf.

Als ich erwachte war ich in Schweiß gebadet, aber glücklich. Mein Fieber war wohl abgeklungen, der Kopf dachte klar und frei. Der Kaffee, den meine Frau mir ans Bett brachte, duftete köstlich und alle Lebensgeister kehrten zurück. „Geht es dir besser, mein Schatz?“ – „Oh ja, das kann man wirklich sagen“. Ich erzählte ihr nichts.




® Moral ohne 10 Gebote?

christian-1316187_1280Wenn Moses , was wahrscheinlich ist, niemals mit Gott persönlich gesprochen hätte, sondern in Zwiesprache mit seinem eigenen Gehirn war (Bild: Prawny, pixabay),

-wenn Jesus kein jüdischer Revoluzzer gewesen wäre,

-wenn Mohammed Kaufmann geblieben wäre und weiterhin ohne Schwert und seine angeworbenen Söldner gelebt hätte,

so würde unsere Welt zwar anders aussehen, aber in punkto Moral würden wir Menschen nicht anders handeln, als wir das jetzt tun.

Die sozialen, einem Zusammenleben zuträglichen Verhaltensweisen unter Menschen gibt es schon sehr viel länger, als davon – über einen vorgestellten Gott Jahwe bei einem kleinen fünftausend Mann starken Königreich David – die Rede war.

Lassen Sie uns einmal aufzählen, wie wichtig Ihnen die zehn Gebote überhaupt sind, ganz abgesehen von den übrigen 999 Seiten der Bibel. Nur zehn, zehn Gebote, zählen Sie sie bitte auf!

Machen Sie den Test, bevor Sie weiterlesen.

Die Probleme mit Diebstahl, Ehebruch, Mord und Lüsternheit auf Andere , etwa auf Knechte, Esel, Mägde, Rinder und Weiber hatten die Menschen schon in vor-biblischen Zeiten sanktioniert.

Einige der zehn Gebote befassen sich mit Unwichtigem, wie Bildchen malen von Gott und fluchen und keinen anderen Gott anbeten, das ist mit heutigen Augen betrachtet geschenkt!

Dass man Vater und Mutter ehren soll, dazu brauchte es keinen Jesus.

Falschaussage wurde schon in der Primaten-Urhorde mit Missachtung des Betreffenden bestraft!

Sonntags frei, gut , das mag ja neu sein! Im 1.Buch Mose nicht erwähnt, wird im 2.Buch Mose plötzlich das Volk mit einem freien Sabbat beschenkt; das passt irgendwie auch nicht zusammen.

Dafür gibt die Bibel aber einen Freibrief für Landraub, Vergewaltigung, Menschenhandel, selbst der Verkauf der Töchter ist geregelt. Zwischendurch kommt der lockere Hinweis, dass man Zauberinnen nicht am Leben lassen soll, was jahrhundertelang ein Freibrief zum Foltern und Verbrennen unangepasster Frauen war, derer sich die chauvinistische Männerwelt entledigen wollte.

Sklaverei und ethnische Säuberungen werden fein säuberlich geregelt, Zwangsehe und willkürliche Massaker an allen Lebewesen wurden legalisiert, Frauen massakriert, Jungfrauen vergewaltigt – von diesem brutalen Gott legalisiert – nur weil es die primitiven Vorgänger der heutigen Juden damals so hinter ihrer Stirn hatten, ließen sie Gott die Befehle aussprechen, die das Volk zusammenhalten und ihm neues Land erschliessen sollten.

Mit "Gott" hat das alles nichts zu tun. Es ist Menschenwerk! Auf diese Weise konnten auch Knaben erst geschändet, dann abgeschlachtet werden. Von alledem berichtet die Bibel. Seien Sie ehrlich, wenn sie das jemals von ihrem Pfarrer gehört haben sollten, was bezweifelt werden darf, haben Sie das sowieso nicht ernstgenommen. Aber warum steht es dann noch drin?

Warum muss heute noch beschnitten werden?

Sicher, das ist weniger Religion, mehr Tradition, die sich die religiösen Machthaber nicht wegnehmen lassen wollen, weil sie ihren Einfluss schwinden sehen. Und es ist kein Antisemitismus, wenn man dazu sagt: Es wird aber auch Zeit und es gilt für alle Religionen, die sich auf Annahmen stützen.

Die Konfessionslosen sind da fein raus. Ihnen genügt für ein körperlich unverletztes, fröhlich freies Leben das, was sie oder andere Autoritätspersonen wissen. Das bedeutet nicht, dass sie ein ungezügeltes Leben führen, keineswegs.

Sie unterliegen aber auch nicht dem puritanisch-unangenehmen Gefühl, dass irgendjemand irgendwo auf der Welt Vergnügen hat! Dem einzigen Leben hier im Diesseits einen, – unseren eigenen – Sinn zu geben, das ist unser Recht und eine unserer vielen Möglichkeiten, die wir nutzen können. Es ist aber gewiss nicht das Recht unserer Bundeskanzlerin, in wohltönender Übereinstimmung mit Bischöfen, Mullahs und Rabbis diese Möglichkeiten von vornherein zu reduzieren, zu beschneiden.

Wie es zu dem ganzen Unsinn kam kann man hier betrachten: http://www.youtube.com/watch?v=Um8AjhVTy7Y

 

Die Meinung des Gastautors muss nicht der Redaktionsmeinung entsprechen.

 

Weitere Arbeiten desselben Autors siehe hier.

 




Kirchenvater-Kritik: O du lieber Augustin, (fast) alles ist hin!

DeteringEine Rezension von Siegfried R. Krebs (Freigeist Weimar).

WEIMAR. (fgw) Die Überschrift zu dieser Rezension nimmt mit Bedacht Bezug auf ein seit etwa 1800 in Wien nachgewiesenes volkstümliches, galgenhumoriges Spottlied. Denn hiermit kann durchaus das Fazit des jüngsten kirchenkritischen Buches des promovierten Theologen Hermann Detering ("O du lieber Augustin") in der Kürze, in der die Würze liegt, auf den Punkt gebracht werden.

Augustinus (354 – 430) gilt auch heute noch als der bedeutendste Kirchenlehrer und wichtigster katholischer Philosoph in der römischen Spätantike. Ihm werden unzählige Schriften unterschiedlichster Genres zugeschrieben; diese gelten Theologen und klerusfreundlichen Wissenschaftlern als absolut sakrosankt. Eine der wichtigsten Schriften des Augustinus sind die "Confessiones" (Bekenntnisse), die als Autobiographie gelten und allgemein hochgeschätzt zur Weltliteratur gerechnet werden.

Und nun kommt Hermann Detering und stellt ausgerechnet die Echtheit der augustinischen Bekenntnisse, dessen Autobiographie in Frage. Unerhört, schreien da sicherlich Kleriker, Theologie- und Kirchengeschichtsprofessoren laut auf. Doch Deterings Zweifel sind keinesfalls jetzt wie aus heiterem Himmel über die Christenwelt gekommen, sie sind auch keine bloßen Behauptungen.

Nein, alles begann für ihn bereits Ende der 1970er Jahre, als der Theologiestudent Hermann Detering es in einem kirchengeschichtlichen Seminar an der Freien Universität (West-)Berlin unternahm, ein Referat zu Augustins "Confessiones" zu halten. Schon beim Quellenstudium und etlicher Sekundärliteratur kamen dem jungen Studenten angesichts von inhaltlichen und stilistischen Brüchen und logischen Ungereimtheiten einige Zweifel. Zweifel, die er auch seinem als Koryphäe geltenden Professor vortrug und die dieser (theologentypisch) vom Tische wischte. Das wirkte für einige Jahre, doch mit dem sich etablierenden Computerzeitalter konnte sich Detering alle dem Augustinus zugeschriebenen Werke auf die Festplatte und auf den Schirm holen. Und nun begannen erneut Vergleiche, die seine Zweifel erneuerten, ja sogar bestärkten. Und er begann wie ein Kriminalist mit der Spurensuche.

Und so wurde diese Schrift ein sehr persönliches Buch, in dem Detering konsequent in der Ich-Form schreibt, was den wissenschaftlichen Charakter (und Wert) keinesfalls mindert, sondern diese aus einer abstrakt-akademischen Ebene auf den Boden konkreter Realität stellt. Dazu lese man nur die Einleitung, überschrieben mit "Ein Denkmal…"; die mit dem 2. Kapitel "…wird inspiziert" eine adäquate Fortsetzung findet. Hier geht es um belegte biographische Angaben des kirchenväterlichen Bischofs aus dem nordafrikanischen Hippo, um vorliegende Quellen, aber auch erneut um Deterings eigenes frühes Unbehagen, wie er auf einen ungenannten Freund und Förderer Augustins stößt und einen "doppelten Augustin" erkennt.

Er schreibt hierzu: "In gewisser Weise ähnelten die Anfänge der historischen Augustin-Forschung denen der Leben-Jesu-Forschung, die damals, ungefähr zur selben Zeit, den Gegenstand unserer neutestamentlichen Vorlesungen bildeten. Wie die Leben-Jesu-Forschung einst im 18. Jahrhundert mit der Entdeckung der Diastase zwischen kirchlichem Christus und historischem Jesus begonnen hatte, so stand auch am Beginn der Augustin-Forschung die Entdeckung, daß das Augustin-Bild der 'Confessiones' nicht ohne weiteres mit dem der Frühschriften vereinbar sei." (S. 37)

Detering fing erneut an, sich Fragen zu stellen – siehe S. 42, und er begann mit einem "Nüsseknacken – Nuculae Augustinianae", wie er sein 3. Kapitel titelte. Hier schreibt er u.a. : "Der Blick richtete sich vom vierten auf die ersten beiden Jahrhunderte. Auf Paulus und seine 'Briefe' zumal, an deren Kritik sich Generationen von Neutestamentlern die Zähne ausgebissen hatten. Hier ließen sich die ausgebufftesten Methoden literarischer 'Echtheitskritik' lernen." (S. 43)

Detering läßt seine Leser detailliert an der eigenen Spurensuche, an den begründet stärker werdenden Zweifeln, an seinen eigenen Fragestellungen teilhaben. Eine der gewonnenen Erkenntnisse aus dem Studium diverser Augustin-Schriften faßt er so zusammen und diese Erkenntnis deutet auch bereits das schließlich gewonnene Ergebnis an:

"Wer, von der antiken Literatur kommend, zum ersten Mal die 'Confessiones' in die Hand nimmt, muß sich auf einen Kulturschock vorbereiten. Schon bei der Lektüre der einleitenden Abschnitte erhält er den Eindruck, als würde die Tür der Antike hinter ihm zufallen und als würde er hart und unvorbereitet in eine andere Welt gestoßen – in die des Mittelalters." (S. 57)

In den Kapiteln 4 bis 6 "Von Alkuin zu Augustin"; "Ein Beter vor dem Herrn – Johannes von Fécamp" und "Der Wiedergänger – Anselm von Aosta" geht Detering eingehend den Fragen nach, welcher mittelalterliche Autor denn nun als tatsächlicher Schreiber der "Confessiones" in Frage kommen könnte und warum wohl dieser ein eigenes Werk unter fremdem Namen herausgegeben habe. Die Details dieser Spurensuche möge aber jeder Leser selbst mitverfolgen. Es lohnt sich!

Hier stellt Detering u.a. Passagen aus den "Confessiones" denen aus Schriften mittelalterlicher Autoren (dankenswerterweise in deutscher Übersetzung) gegenüber. Also Autoren, die als tatsächliche Verfasser dieses "augustinischen" Werkes in Frage kommen könnten. Die Textvergleiche münden in Schlußfolgerungen und weiteren Fragestellungen. In diesem Zusammenhang stellt Detering seinen Lesern auch diese mittelalterlichen Kirchenschriftsteller vor und vermittelt damit zugleich ein sehr aussagekräftiges geistesgeschichtliches Bild dieser Zeit.

Dabei unterstellt er den klerikalen mittelalterlichen Literaten aber keinen vorsätzlichen Betrug, "denn auch das gehört zum Paradox mittelalterlicher Schrifstellerpraxis: Die Autoren waren zu bescheiden, um ihren eigenen Namen über die Werke zu setzen, aber selbstbewußt genug, um zu wissen, daß sie es (als vom heiligen Geist inspirierte Werke) verdienen, unter dem Namen berühmter Kirchenväter in Umlauf gebracht zu werden." (S. 142)

Diese Fälschungen hätten aber nichts mit den damals üblichen vorsätzlichen Fälschungen in päpstlichen, bischöflichen und klösterlichen Schreibstuben gemein, die nur den einen Zweck hatten: sich weltliche (territorialstaatliche) und wirtschaftliche (grundeigentümerliche) Macht anzueignen.

In Kapitel 7 "Making of Confessiones" schreibt Detering:

"Es wird Zeit für eine Synthese. Wir sind an einem Punkt angelangt, wo wir die Perspektive wechseln können. In den zurückliegenden Kapiteln entdeckten wir, daß die 'Confessiones' nicht sind, was sie zu sein vorgeben und was der gelehrte Mainstream seit jeher unwidersprochen behauptet…" (S. 185)

Die Deteringsche Synthese kann durchaus überzeugen, aber auch dies sollte ein jeder selbst mitnachvollziehen. Ergänzend zu Kapitel 7 widmet sich das achte ("Die Wolke der Zeugen") den vorgeblichen äußeren Zeugnissen für die Existenz der 'Confessiones'.

Und im abschließenden 9. Kapitel "Mittelalter – Zeit der Fälschungen?" wirft Hermann Detering dann einen umfassenderen Blick auf das Schrifttum und die Schreibstuben des Mittelalters, also auf ureigene katholische klerikale Praktiken, wie oben schon angedeutet. Er gibt einen Überblick über eine "Galerie mittelalterliche Fälschungskunst mit der 'Konstantinischen Schenkung' – eine im 8. Jahrhundert entstandene ebenso plumpe wie effektive Fälschung der päpstlichen Kanzlei, mit deren Hilfe die Weltherrschaft des Papstes begründet werden sollte." (S. 237)

Weiter heißt es auf S. 238: "Die vermeintlichen Briefe frühkirchlicher Päpste verdanken sich in Wahrheit der Redaktionskunst westfränkischer Kleriker, die sie aus circa zehntausend durchweg gefälschten Zitaten zusammenstellten. Auch dabei ging es um kirchenrechtliche Absicherung päpstlicher Macht."

Und das trifft den Kern auch der Fälschung des Augustinus: Neben der politischen und ökonomischen Macht ging es der katholischen Priesterkaste nicht zuletzt um die ideologische Macht, um die Herrschaft über die Köpfe der Menschen. "Kirchenväterliche" Schriften sollten Waffe im Kampf gegen Häretiker, gegen Ketzer und im Mittelalter erstarkende ketzerische Bewegungen (Katharer, Waldenser, Bogomilen etc.) sein!

Das führt aber auch zu zwei grundsätzlichen Fragen – eine moralische und eine intellektuelle, die Detering kurz und prägnant zu beantworten versucht: "Wie konnte das Mittelalter so viele Fälschungen hervorbringen?" sowie "Wie konnte es so viele Fälschungen hinnehmen?" (S. 238)

Hermann Detering schreibt zusammenfassend über das Fazit seiner Spurensuche, für den Leser möglicherweise doch etwas verblüffend:

"Als Autor der 'Confessiones' ist an die Stelle des bedeutenden Kirchenlehrers Augustin – wer immer dies gewesen sein mag – ein anderer bedeutender Kirchenlehrer, Anselm von Aosta – wer immer dies gewesen sein mag – , getreten. Na und? In literarischer und theologischer Hinsicht haben wir nichts verloren." (S. 250)

Dem ist nichts hinzuzufügen, außer: Detering beweist mit dieser Schrift, daß er kein Theologe (im negativen Wortsinne) ist, sondern ein exakt arbeitender Wissenschaftler (Historiker und Literaturkritiker).

Es folgen drei Anhänge, in denen Detering seine Textvergleiche im lateinischen Original präsentiert, so daß Altphilologen nicht auf deutsche Übersetzungen angewiesen sind. Neben einem Register schließen sich noch ein umfangreiches Literaturverzeichnis sowie ausführliche Anmerkungen an.

Zusammenfassend und teilweise wiederholend kann der Rezensent sagen, daß dies wirklich ein sehr persönliches Buch ist, das in der dezidierten Ich-Form sogar noch gewinnt. Es ist eine sehr lesbare und auch "Laien" ansprechende wissenschaftlich-argumentative Schrift, also keinesfalls eine trockene, abstrakt-theoretische Elfenbeinturm-Abhandlung.

Der Leser kann mitverfolgen und nachvollziehen – und das sogar auf sehr spannende Weise, wie sich der Autor seinem Gegenstand gewidmet hat, wie seine Zweifel wuchsen und wie er sich dann – wie ein Kriminalist – auf Spurensuche begab: In alle Richtungen offen ermittelnmd, das Für und Wider abwägend, die Beweiskraft der Quellen und "Zeugen" nachprüfend und hinterfragend. Beispielhaft kommt der wissenschaftlich-kriminalistische Spürsinn in der Gegenüberstellung Alkuin – Augustinus zum Vorschein: Verdachtsmoment – Indizien – Recherche und Belege – Analyse – Synthese zum Ausdruck.

So geschrieben, ist das Buch keinesfalls nur für "Insider" gedacht, sondern tatsächlich eine für jedermann gegeignete Lektüre: Humanistische Kirchenkritik auf hohem, höchstem Niveau, wie sie eben nur ein studierter Theologe üben kann. Damit ein echter Gewinn für jeden religionsfreien Menschen, nicht zuletzt für Laizisten.

Auch wenn fast alles hin ist, was die Priesterkaste um den Augustinus aufgebaut hat, auch wenn nicht jedes ihm zugeschriebene Buch von ihm auch verfaßt worden ist, so schmälert das dennoch nicht das Erbe dieses Menschen; er bleibt ein intellektuell hochstehender Mann seiner Zeit. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Das Wiener Spottlied kann hier also nur eingeschränkt zitiert werden, also nur mit einem eingeklammerten "fast". Auch dafür ist Detering Dank zu sagen.

Siegfried R. Krebs

Hermann Detering: O du lieber Augustin. Falsche "Bekenntnisse"?. 312 S. brosch. Alibri-Verlag. Aschaffenburg 2015. 22 Euro. ISBN 978-3-86569-181




Frank Sacco zur Homophobie von Koran und Bibel

wall-276741_960_720Frank Sacco, Doktor der Medizin, firmiert als Internist, Analytiker und Priester der Evangelischen Kirche Deutschlands. Saccos Erklärung dafür, ergänzt um die guten Wünsche für seine Anhänger (Bild: geralt, pixabay):

Auf Lebenszeit Priester seiner Kirche ist ein lutheranisch Getaufter. Luther: "Mit der Taufe hat man die Priesterweihe". Analytiker ist kein geschützter Begriff, wie auch Psychotherapeut nicht. Beides darf sich jeder nennen. Wer auf einen Teller kuckt und das Essen abcheckt, ob Kartoffeln oder Bohnen drauf sind, ist Analytiker. Wer seinem Nachbarn sagt, er soll sich nicht aufregen, ist Psychotherapeut. Geschützt ist Psychoanalytiker und Psychologischer Psychotherapeut.

Ich nenne mich gelegentlich Analytiker, um Psychoanalytiker (und die Kammer) zur Weißglut zu bringen, und Priester, um Pastoren (und die Kammer) zur Weißglut zu bringen. Ich bin allerdings ein sehr guter Analytiker von Seelenzuständen, sonst hätte ich nicht Freud und die Psychoanalytiker analysieren können. Der revolutionäre Gedanke ist der:

Nicht der Vater (wie Freud meinte), sondern „Gott“ mit seinen jenseitigen Strafen ist es, der die Psychiatrien füllt. Den Beweis habe ich erbracht, und darum werde ich so bekämpft. Die Psychiatrie meint, das Mittelalter sei vorbei. Sie hat selbst Gottangst. Das empfindet sie als peinlich, es ist aber wahr. So muss sie verdrängen, Gedanken nicht zulassen, wegsehen, richtige Ansichten bekämpfen, dem Arbeitgeber Kirche nach dem Mund reden.

Jede Revolution ist aber nur eine, wenn sie sich durchsetzt. Das wird in diesem Jahr besonders das Ziel sein. Jeder Aufgeklärte weiß um das fundamentalistische Gedankengut der Kirchen, beigebracht habe ich aber wohl einigen Atheisten, dass das auch krank macht – wie jeder Fundamentalismus, wenn der sich über Gewalt definiert.

Nebenbei: Ich habe eine gute Ausbildung. Internisten können 1 und 1 zusammenzählen, das können Psychiater nicht. Meine erste Stelle war in einer Psychiatrie, habe dort 2 Jahre verbracht. Eine komplette Psychoanalyse nach Freud durchgezogen. Ich lese am Wochenende 4 Bücher.

Und: Ich kenne 2 Atheisten (nicht mehr!), die meine Sachen lesen können, ohne ein Sacco-Phänomen (s. Internet und wb) zu entwickeln. Da bin ich sehr froh und hoffe weiterhin auf die Hilfe der Leser. Bleibt gesund und raucht nicht!

 

Der streitbare Frank Sacco hat anlässlich des Massakers in Orlando einen Brief an seinen Anwalt übergeben, den er der Ärztekammer zuschicken soll. Er geht auch an den Verfassungsschutz und die Staatsanwaltschaft, sowie an Minister und Sonstige. Sacco klärt auf und fordert Konsequenzen:

Betr.: Strafanzeige gegen den EKD-Vorstand und den Leiter Bedford-Strohm wegen Förderung des Hasses auf Homosexuelle. Somit besteht moralisch eine „Mittäterschaft“ an der Straftat von Orlando. Weiterhin betreibt Bedford Strohm Gotteslästerung und induziert über Ängste ekklesiogene Erkrankungen und Suizide. Erläuterungen im Text.

Sehr geehrter Herr Dr. Maaßen,
sehr geehrte Damen und Herren der Staatsanwaltschaft Hannover,

hiermit ergeht obige Anzeige. Angesichts der jetzigen Katastrophe in Orlando mit 50 Toten der Homosexuellenszene möchte ich Ihnen, da sich derartige Begebenheiten wiederholen werden, als Analytiker über die Hintergründe berichten. Die vordergründige Motivation der Tat ist die Durchsetzung des Willens eines „Gottes“. Dieser Wille ist im Koran festgeschrieben. Ungläubige und speziell Homosexuelle sind zu töten und kommen nach dem Dogma in eine verdiente Hölle. Der Koran über Homosexuelle: Doch ihr seid Leute, die Übertretungen begehen“ (Koran 26:165) und „Tötet den, der eine homosexuelle Handlung ausübt, und den, der sie an sich geschehen lässt!“ (siehe hierzu: Der Morgenstern – Nr. 10, S. 17).

Orlando war also sozusagen nur ein kleiner religiöser Vorgeschmack auf die ewige dunkle Zukunft unserer Homosexuellen. Es äußert sich der Vater des Attentäters nach der Tat: „Er war ein guter Sohn… Gott selbst wird diejenigen bestrafen, die sich homosexuellen Handlungen hingeben.“ Der Koran gilt unter Gläubigen als Glaubensgewissheit. In den Koranschulen wird diese „Gewissheit“ in Suggestion (Hypnose) vergleichbar einer Gehirnwäsche (unter Umgehung des kritischen Bewusstseins) vermittelt. Das läuft im kirchlichen Unterricht identisch ab.

Die eigentliche Motivation mag für den Täter O. M. in der Möglichkeit bestanden haben, mit seiner Aktion eine ewige Höllenstrafe für sich sicher zu vermeiden. Das war auch schon das eigentliche Motiv der Kreuzzügler nach einem Versprechen eines Papstes Innozenz II. Hier ist das die Tat bedingende Symptom also Angst, verdrängte Angst. Diese Angst ist hinter einer Verehrung und Verherrlichung Allahs soweit verborgen, dass sie dem Gläubigen nicht bewusst ist. Bei der Tötung wird nicht Angst, sondern das Hochgefühl ihrer Überwindung erlebt, das auch der norwegische „Kreuzritter“ B. während seines Kreuzzuges spürte. B. wollte als Märtyrer gesehen werden und nahm die dauerhafte irdische Strafe (religiös-masochistisch) gern an. Auch bei B. war unbewusste Gottangst der eigentliche Grund seiner für Psychiater „unfassbaren“ Tat.

Unzweifelhaft sind Koran und die im Fall der Aufforderung zum Töten Homosexueller identisch lautende Bibel (z. B. Levitikus 18,29) nicht verfassungskonform. Auch die Bibel verlangt also ausdrücklich die Ausmerzung  Homosexueller. So auch in Mose 3 20: 13: „Und wenn ein Mann bei einem Mann liegt, wie man bei einer Frau liegt, dann haben beide einen Gräuel verübt. Sie müssen getötet werden.“ Das trägt in unerträglicher Weise zur Diskriminierung dieser Minderheit bei und bewirkt fortlaufend ecclesiogene Suizide im Milieu. 300 der 800 österreichischen Suizide passieren dort. Streng Gläubige und vom Klerus paranoid Gemachte greifen auch einmal, und das sieht man dieser Tage, zum Schnellfeuergewehr. In den Koranschulen auch Deutschlands wird zweifelsfrei neben „Allahs Befehl“ zur Tötung Homosexueller auch die ebensolche homophobe Auffassung des Gottes der Bibel „ökumenisch“ gelehrt.

Seit 2008 verlange ich von der EKD Fußnoten unter gewisse Bibelstellen, die ausdrücken, dass die Bibel eben nicht das unbedingte Wort Gottes, sondern das des Klerus ist. Sie ist ein orientalisches Märchenbuch (Diktion Friedrich der Große) und das „gefährlichste Buch der Erde“, so Goethe zu Falk.  Die EKD weiß jedoch, dass die Grausamkeit ihres „Gottes“ über Induktion von Kinderängsten ihre bedeutendste Einnahmequelle darstellt.

Lieber stellt sie daher (mit seinen Straftaten Sintflut, Sodom und Gomorrha und Hölle) ihren Gott als weitaus grausamer hin als Hitler, als von dieser Gotteslästerung abzulassen. Jeder Mensch, der Gewalttaten religiös dekliniere, sei ein solcher Gotteslästerer, so Margot Käßmann. Diese Art von Gotteslästerung ist übrigens in Deutschland strafbar, weil sie den Frieden stört: Die Insassen der Psychiatrien sind in der Hauptsache von der Kirche („ekklesiogen“) krank gemachte. Ich verweise auf das Buch: „Wenn Glaube krank macht“, BoD. Es ist der EKD verboten, Krankheiten zu erzeugen. Wo sie sie erzeugt, ist sie anzuzeigen und hat die Kosten der Therapie zu übernehmen. Wenn es schon Bischof Bedford-Strohm bei den Äußerungen seines seinem Gottes „fröstelt“, wie sehr müssen dann unsere Kinder diesen Gott der EKD fürchten, der vom Teufel für sie nicht zu unterscheiden ist.

In der Sache seiner „Mittäterschaft“  im Fall Orlando versucht Bedford-Strohm sich in der Die Welt vom 15.6. 2016 aus seiner Verantwortung zu reden: Seine Religion werde, was den Hass auf Homosexuelle angehe, „missbraucht“. Dieser Missbrauch habe in Orlando einen „fürchterlichen Ausdruck“ bekommen. Der EKD-Vorsitzende“ weiter: Die Stimmen, die den Schwulenhass „jetzt noch befeuern, lassen mich frösteln“ (Seite 4). Dabei ist sein ausgedachter Gott fürchterlich. Der lässt ihn frösteln. Der befeuert diesen Hass und gab die Tötungen von Orlando in Auftrag. Da die Bibel  von keinem Gott unterschrieben ist, zeichnet die EKD für deren Inhalt, den sie schamlos weiterhin als Gottes Wort zu deklarieren wagt, für direkt verantwortlich. Es ist die EKD, die missbräuchlich an Kindern und Schwulen  tätig wird.

Auf Seite 5 derselben Zeitung belehrt Justizminister Maas auch unsere Staatsanwälte: Man dürfe „religiösen Glauben“ nicht „über unsere Gesetze“ stellen. Das bedeutet: Rechtsbeugungen in Sachen Gewalt-Kirche sind den Anwälten nicht mehr gestattet.

Als Forderung an den Verfassungsschutz ergibt sich: Das Drucken und Vertreiben von Koran und Bibel ist umgehend  solange zu verbieten, als dass sie fundamentalistische, pathogene und rechtswidrige Inhalte aufweisen. Gleiches gilt für die Lehre im Kindergarten und im kirchlichen Unterricht.

Ihr Sacco

 

Weitere Artikel von Frank Sacco

 




Ein Juwel der Aufklärung

deschner_titelHAßFURT. (hpd/gbs) Karlheinz Deschner ist tot. Der “größte Kirchenkritiker aller Zeiten” (Dieter Birnbacher) starb am vergangenen Montag im Alter von 89 Jahren in seiner Heimatstadt Haßfurt. Ein Nachruf von Michael Schmidt-Salomon.

 Abgedruckt mit der Genehmigung des Büros von Michael Schmidt-Salomon.

“Aufklärung ist Ärgernis, wer die Welt erhellt, macht ihren Dreck deutlicher.” Mit diesem Aphorismus formulierte Karlheinz Deschner das eigene Lebensmotto. Denn Deschner war die Personifikation des aufklärerischen Ärgernisses, ein Stachel im Fleisch der Zeit, an dem sich die Diskussion immer wieder entzünden musste.

Schon sein erstes Werk, der 1956 veröffentlichte Roman “Die Nacht steht um mein Haus” war eine literarische Sensation, ein atemberaubend schonungsloses Buch, das den Leser wie eine Lawine überrollt. Helmut Uhlig versuchte die Besonderheit dieses “Romans” (eher ein Stück radikaler Autobiographie) so zu fassen: “Deschners Aufzeichnungen liegen jenseits des Selbstmords, so wie Gottfried Benns spätere Gedichte jenseits des Nihilismus liegen … Dieses Buch wird schockieren … Genau besehen, ist es nichts anderes als die Krankengeschichte unserer Zeit.”

Diese “Krankengeschichte unserer Zeit”, die von der Brutalität des Krieges, des verächtlichen Umgangs des Menschen mit seinen Artgenossen und der Natur erzählte, war zugleich eine Krankengeschichte des Autors, der, von der steten Gefahr des Nervenzusammenbruchs bedroht, sich schreibend selbst therapierte.

Die Schreibblockaden, die ihn gequält hatten, waren auf einen Schlag verschwunden. Bereits ein Jahr später erschien Deschners berühmte Streitschrift “Kitsch, Konvention und Kunst”, die einer ganzen Generation den Zugang zur Literatur eröffnete und unterschätzte Autoren wie Robert Musil erstmals einer breiten Leserschaft bekannt machte. Noch im selben Jahr gab er das Buch “Was halten Sie vom Christentum?” heraus, das Pro- und Contra-Meinungen verschiedener Autoren, aber keine Positionierung des Herausgebers, enthielt. Kritiker missdeuteten dies als Ausdruck fehlender Courage, was ein radikaler Denker wie Karlheinz Deschner natürlich nicht auf sich sitzen lassen konnte. Und so zog er sich nach der Veröffentlichung des zweiten Romans “Florenz ohne Sonne” mehrere Monate lang zurück, um ausführliche Studien zur Geschichte des Christentums zu betreiben.

Dies war, wie wir heute wissen, ein wahrer Glücksfall für die säkulare Emanzipationsbewegung, denn 1962 kam “Abermals krähte der Hahn”, das Grundlagenwerk der modernen Kirchenkritik, auf den Markt. Auch wenn Deschner in der Folgezeit keineswegs nur religionskritische Bücher veröffentlichte (beispielsweise erschien mit “Talente, Dichter, Dilettanten” eine weitere literarische Streitschrift, mit “Der Moloch” eine kritische Geschichte der USA und mit “Für einen Bissen Fleisch” ein Plädoyer für den Vegetarismus), so wurde der Autor nach dem sensationellen Erfolg des “Hahns” fortan hauptsächlich als Kirchenkritiker wahrgenommen.

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Welch befreiende Wirkung Deschners religions- und kulturkritische Schriften entfalteten, wird deutlich, wenn man einen Blick in die Abertausende von Leserbriefen wirft, die der Autor über die Jahre hinweg erhielt. Deschner hat – wie kaum ein anderer – ausgesprochen, was andere vielleicht ahnten, aber nicht zu formulieren wagten. Wer das mulmige, indifferente Gefühl hatte, dass da irgendetwas Grundlegendes nicht stimmt, an dieser Religion, diesem Staat, dieser Gesellschaft, dieser Kunst, der fand in Karlheinz Deschner einen, der es prägnant auf den Punkt brachte.

Als Deschner 1984 seinen 60. Geburtstag feierte, konnte er auf ein wahrhaft imposantes Werk zurückblicken – und doch sollte das Wesentliche erst noch kommen. 1986 brachte Rowohlt den ersten Band der “Kriminalgeschichte des Christentums” heraus. In einem Alter, in dem die meisten an den Ruhestand denken, begann Deschner mit der Niederschrift einer der größten Anklageschriften, die jemals verfasst wurden. Mehr als ein Vierteljahrhundert später war es dann tatsächlich vollbracht: In den 10 Bänden der “Kriminalgeschichte” mit ihren nahezu 6.000 Seiten und mehr als 100.000 Quellenbelegen hat Deschner eine Generalabrechnung mit der “Religion der Nächstenliebe” vorgelegt, die in der Weltliteratur ihresgleichen sucht.

Die Arbeit am letzten Band war jedoch eine Tortur, die ihm alles abverlangte. Seine Kraft reichte danach nicht mehr aus, um den inoffiziellen 11. Band, “Die Politik der Päpste”, der die Entwicklungen seit dem 19. Jahrhundert auf mehr als 1200 Seiten beschreibt, selbst zu aktualisieren, weshalb ich die Darstellung der zweiten Hälfte des Pontifikats von Johannes Paul II. und Benedikt XVI. übernahm.

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Als wir im März 2013 die Vollendung der “Kriminalgeschichte” in Oberwesel und wenige Wochen später am 23. Mai, seinem 89. Geburtstag, in Haßfurt feierten, war er schon deutlich geschwächt. Sein Zustand verschlechterte sich nochmals dramatisch, als er wegen eines Aneurysmas gleich zweimal operiert werden musste. Letztlich konnte der lebensbedrohliche Riss der Blutgefäße aber nicht verhindert werden. Am Dienstagmorgen um 8.00 Uhr starb Karlheinz Deschner in einer Haßfurter Klinik.

deschner02Karlheinz schrieb einmal: “Berühmte sind Leute, die man etwas später vergisst.” Wie so häufig traf er auch mit dieser Formulierung ins Schwarze. Unsterblich ist nicht einmal der Ruhm Ludwig van Beethovens. Selbst er – so ungeheuerlich es auch erscheint – wird irgendwann einmal vergessen sein, wie alles, was Homo sapiens je hervorgebracht hat. So sicher es also ist, dass auch das Werk Karlheinz Deschners irgendwann einmal in Vergessenheit geraten wird: Wenn es in der Kultur- und Geistesgeschichte auch nur halbwegs mit rechten Dingen zugeht, dürfte dies in absehbarer Zeit kaum geschehen.

Schon allein aufgrund seiner ungeheuren literarischen Qualität gehört Deschners Werk zu den kostbarsten Juwelen der Aufklärung, ein Juwel, das auch in Zukunft noch funkeln wird, um die Welt zu erhellen und jenen Dreck zu verdeutlichen, der ansonsten liebend gerne wieder unter den Teppich gekehrt würde.

Ich bin überzeugt: Der Aufklärer Deschner wird noch lange ein Ärgernis bleiben. Nicht nur, weil die Themen, die er behandelte, aktuell bleiben werden, sondern auch, weil Schriftsteller seines Formats seltene Ausnahmeerscheinungen sind in dem Meer der Mittelmäßigkeit, das uns umgibt. Mit seiner Sprachgewalt stellte Karlheinz Deschner selbst Nietzsche in den Schatten. Ich wüsste niemanden, der ihm als “Streitschriftsteller” oder Aphoristiker das Wasser reichen könnte. Es war ein unglaubliches Privileg, ihn kennenlernen zu dürfen. Ich habe ihn außerordentlich geschätzt – nicht nur als Schriftsteller, sondern auch als Mensch, als Freund. Umso schmerzlicher ist der Verlust.

Michael Schmidt-Salomon

Text und Bildquelle: http://hpd.de/node/18330




„Gott kann nix dafür, der Teufel ist an allem schuld!“

Jedes Mal, wenn irgendwo auf der Welt eine Katastrophe passiert, kommen die Christen ins Schwitzen: Da sie ihren Gott als allmächtigen, allgütigen Schöpfer des Universums feiern, lassen sich Naturkatastrophen, Flugzeugabstürze oder Epidemien ohne wüstes Verbiegen der Tatsachen nicht mit den Kernsätzen ihrer Religion in Einklang bringen. Denn wenn er alle Menschen unendlich liebt, warum verhindert der Gott dann die Erdbeben nicht einfach? Das sollte für ein allmächtiges Wesen doch ein Klacks sein. Und schließlich ist er als Schöpfer des Universums ja für die in ihm stattfindenden Katastrophen verantwortlich.

Viele Religionisten haben in dieser Sache nach der ersten Verteidigungslinie nichts mehr zu bieten: “Unser Gott hat den Menschen den freien Willen gegeben!!” – “Was hat ein Erdbeben mit freiem Willen zu tun?” – “Hm.”

“Ehebruch, Pornosucht? – Der Teufel ist schuld!”

Doch zum Glück haben einige Christen dolle nachgedacht und wissen Rat. So zum Beispiel der Hobbyapologet Nane Jürgensen, der uns auf einer seiner zahlreichen lukrativen Internetseiten informiert: “Ist Gott verantwortlich für Stürme, Erdbeben, Naturkatastrophen? Nein.” Der Prediger berät uns weiter: “Unser Problem ist nicht Gott. Unser Problem ist der Teufel”! – “Wenn Naturkatastrophen, Erdbeben oder Stürme von Gott kämen, dann hat Jesus, Gottes eigener Sohn, gegen seinen Vater gearbeitet, als er dem Sturm Einhalt gebot?” Nane hält diese Idee für völlig absurd und ist sich seiner Sache sicher: Der Teufel muss hinter diesen Katastrophen stecken. Und für den Fall, dass einzelne Ratsuchende noch nicht überzeugt sind, fügt er noch weitere Beispiele hinzu:

“Wenn ich Porno-WebSites aufrufe, kann ich nicht Gott Vorwürfe machen, daß er schuld sei, wenn meine Ehe wegen meiner Pornosucht kaputt geht. Wenn ich Ehebruch begehe, kann ich Gott nicht Vorwürfe machen; er hat nicht meine Klamotten ausgezogen und mich zu der Frau ins Bett gelegt. Das war ich immer selber.
Letztendlich ist der Teufel schuld. Aber Gott nicht.”

“Letzendlich” ist also “der Teufel schuld”. Sicher, das kann man so sehen. Ob Herr Jürgensen wohl jemals auf die Idee gekommen ist, dass sein Gott als Schöpfer des Universums natürlich auch für Existenz und Charakter des Teufels verantwortlich ist? So ganz letztendlich?

 

Quelle : http://manglaubtesnicht.wordpress.com/2014/04/05/gott-kann-nix-dafur-der-teufel-ist-an-allem-schuld/

 

 




Leere Kirchen: Ursache und Wirkung

Es ist immer wieder bewundernswert wie in Kreisen, die daran glauben, zuerst wäre das Wort gewesen und dann die Welt auch in ihrem sonstigen Verhalten Ursache und Wirkung verwechseln. Wie aktuell der deutsche Religionssoziologe Detlef Pollack in seinem Bericht zur Lage der evangelischen Kirche in Deutschland, die Ende März und Anfang April 2014 in verschiedenen Medien ihre Darstellung fand.

Die Hauptthese von Pollack lautet: "Ohne Kirchenbindung verkümmert Glaube an Gott". Und damit liegt er schon völlig neben der Wirklichkeit, weil genau das Gegenteil der Fall ist: "Ohne Glaube an Gott verkümmert die Kirchenbindung", diese Erkenntnis wäre die richtige gewesen.

Das ist so klar und so selbstverständlich, dass man nur verblüfft sein kann, wie ein Soziologe so neben der Wirklichkeit stehen kann Aber das wird religiöse Ursachen haben, sozusagen: zuerst war die Religion. Aber dabei sagte er selber aus: "Von den Mitgliedern der evangelischen Kirche, die nie einen Gottesdienst besuchen, glaubt weniger als die Hälfte an Gott. Von denen, die mindestens einmal im Monat zur Kirche gehen und sich auch in der Gemeinde engagieren, bekennen sich hingegen so gut wie alle zum Glauben an Gott".

Ist doch wohl völlig logisch: wer an Gott glaubt, geht in die Kirche, wer nicht an Gott glaubt, geht nicht in die Kirche.

Pollack weiter in seinen spiegelverkehrten Erkenntnissen: "Der Glaube verkümmert, wenn der Austausch mit dem Pfarrer und anderen Gleichgesinnte sowie gemeinsame Riten im Gottesdienst fehlen. Die Kirche fungiert für jene Protestanten, die regelmäßig den Gottesdienst besuchen, als Stütze des Glaubens". Wem die Religion eher oder völlig egal ist, dem sind auch Pfarrer und gläubige Protestanten egal.

Und: "Heute wird zwar häufig von einem Trend zur frei flottierenden Religiosität oder zu einer Religiosität ohne Kirche gesprochen, unter dem Stichwort ‚believing without belonging‘ (Glaube ohne Mitgliedschaft). Doch christliche Religiosität ist nach wie vor selten ein rein individueller Akt. Zwar glauben von denen, die nie den Gottesdienst besuchen, etwa ein Viertel an Gott oder ein Höheres Wesen, ganz gleich ob es sich dabei um Kirchenmitglieder oder Konfessionslose handelt. Doch die Bekundung eines Gottesglaubens ist weitaus wahrscheinlicher, wenn die Menschen wenigstens manchmal in die Kirche gehen, und sie ist für diejenigen, die eine intensive Mitgliedschaftspraxis aufweisen, nahezu selbstverständlich".

Die Bekundung eines Gottesglaubens ist wahrscheinlicher, wenn Leute in die Kirche gehen! Wer hätte das gedacht!

Worüber sich der Soziologe wundern hätte können und wo er Nachforschungen anstellen müsste: warum sind Menschen, die nicht an Gott glauben, Mitglieder der Kirche? Damit sich die Oma nicht kränkt? Damit die Kinder in der Schule keine Schwierigkeiten haben? Weil sonst im Dorf die Leute über einen reden? Weil die Kirchensteuer von der Steuer abgesetzt wird? Weil es die "Pascalsche Wette" doch noch gibt? Manche Menschen also leise Befürchtungen haben, es gäbe den bösen Christengott und die ewige Verdammnis vielleicht doch, und sich mittels Kirchensteuer dagegen absichern möchten? Das zu durchleuchten, wäre eine interessante religionssoziologische Aufgabe!

Zusammenfassend: Der verschwundene Glaube spiegelt sich im verschwundenen Kirchenbesuch wieder. In Deutschland gehen nach einer Meinungsumfrage von 2012 noch 5.4 Prozent der Protestanten sonntags in die Kirche, nach einer eigenen Erhebung der Evangelischen Kirche waren es 2011  nur 3.7 %. Auf der Tagung, auf der Detlef Pollack seine obigen Erkenntnisse vorlegte, war aber von einer Erhebung die Rede gewesen, dass 22.4 % der protestantischen Kirchenmitglieder zur Kirche gingen. Da ist wohl den Erhebern dieser schönen Zahl der Kommapunkt um eine Stelle nach rechts verrutscht. Man versucht es anscheinend wie die katholische Kirche und veröffentlicht über den Kirchenbesuch Traumzahlen aus dem Wunschtraumbüchel.

Die Wahrheit entwickelte sich wie es der Wiener Erzbischof und Kardinal Schönborn im September 2012 in einem Zeitungsinterview beschrieben hat: "Es ist ein tiefer gesellschaftlicher Umbruch, den ich in meiner eigenen Lebensspanne intensiv miterleben konnte. Von einer Kinderzeit im Dorf, wo am Sonntag mit ganz wenigen Ausnahmen alle in der Kirche waren, zu einer Situation, wo in demselben Dorf mit wenigen Ausnahmen am Sonntag alle nicht in der Kirche sind."

Und diese Entwicklung ist eben nicht die Ursache des Glaubensverlustes, sondern seine praktische Auswirkung. Herr Pollack sollte lieber die Erkenntnisse seiner Kollegen lesen, die von der "Welt" am 6.3.2014 verkündet worden waren:
"Weder Protestanten noch Katholiken werden Areligiöse in ihre Reihen holen. Die Folge daraus ist: Keiner muss den Menschen hinterherlaufen. (..) Zwar ist es für gläubige und religiös interessierte Menschen erst einmal deprimierend, was die neue Mitgliedschaftsuntersuchung der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) ergeben hat: Nicht an Gott zu glauben wird in Deutschland selbstverständlich. Areligiosität ist nicht mehr begründungspflichtig, hat nichts mit unerfüllter Gottsuche oder Zweifeln zu tun, sondern ist festes Bekenntnis, weltanschauliche Grundausstattung von mindestens einem Drittel der Bevölkerung. Tendenz steigend, Missionierung zwecklos. (..) Behauptet wird ja immer noch, es gäbe Ausgetretene und Konfessionslose nur deshalb, weil die evangelische Kirche zu weit links und die katholische zu weit rechts stehe. Dem ist nun zu entgegnen: Die Leute stehen fern, weil ihnen Religion egal ist. (..)"

Und eine Pollaksche Methode, Kirchenmitglieder zwecks Glaubensbewahrung regelmäßig in die Kirche zu treiben, wird sich heutzutage nicht einmal mehr theoretisch erörtern lassen.

Der Weg von der Ursache zur Wirkung lautet eben:
Glaube futsch = Gläubige futsch = Kirchen leer.

Und das ist gut und nicht schlecht.

 

Quelle: www.atheisten-info.at